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Mehr als ein Jahr war seit dem Tode Tappolis vergangen. Schon roch es in der Luft wieder nach Frühling. Der Rhein wälzte die mächtigen Fluten der Schneeschmelze daher, entwurzeltes Strauchwerk und gebrochene Bäume.
Da kam Marie wieder einmal ins Vaterhaus. Streng an ihre Stelle gebunden, war sie ein seltener Gast; aber jedesmal, wenn sie erschien, schaute ihr Lenzsonne aus den Augen, sah man ihr an, daß es ihr auf dem Zunfthause gut ging. Sie brachte dem Vater Erspartes: »Die paar Goldstücke stammen von Hochzeiten und anderen Gesellschaften.« Er nahm das Geld befriedigt hin, sagte aber: »Wenn du einmal heiratest, Marie, so gebe ich es dir wieder. Ich führe über jeden Franken Buch, und keines soll zu kurz kommen.« »Wie magst du vom Heiraten reden!« lachte sie auf. »Mir ist wohl genug!«
Ulrich weidete sich an dem frischen Bild der Schwester, und als sie wieder gegangen war, fehlte sie ihm an allen Ecken und Enden.
Nachdem er seine Spaziergänge durch die Welt lange nur auf der Landkarte gemacht hatte, rückte nun seine Wanderzeit heran. Da ergriff auch der Vater das Wort zu seinen Plänen. »Ich meine halt, zuerst solltest du dich nach Deutschland wenden. Als junger Guckindieweltbist du dort wenigstens unter einem ehrlichen Volk, und tüchtige Feinschmiede gibt es fast in jeder Stadt. Ich will dir nur einen nennen, Melchior Finkler in Nürnberg, neben dem ich auf meiner eigenen Wanderschaft in Köln über ein Jahr gearbeitet habe. Er ist ein goldlauterer Mann und sein Atelier, wie ich genügend weiß, berühmt. Wenn ich mich deinetwegen an ihn wendete?«
Dem Zwanzigjährigen wollte es nicht gefallen, daß ihn der Vater auch noch in der Fremde zu gängeln versuchte; doch war ja Nürnberg eine altschöne Stadt und kein Winkel, aus dem er, wenn er wollte, nicht rasch wieder in die Welt hinaus gelangte. Um dem Vater die gute Laune nicht zu verderben, ließ er ihn an Meister Finkler schreiben.
Die achtungsvolle Antwort des Nürnberger Schmiedes lautete, daß ihm der Sohn seines lieben früheren Freundes jederzeit willkommen sei, daß er ihm schöne Arbeit zuweisen und ihn nach Vermögen im Handwerk fördern werde. Damit war die Stadt an der Pegnitz sein nächstes Ziel geworden, und mit dem Vater kam er überein, daß der erste Mai der Aufbruchtag sein solle.
Als die jugendfrohe Gesellschaft des Rhein-Fahrvereins, der seine Übungen auf dem Strom schon wieder aufgenommen hatte, von dem bevorstehenden Auszug Ulrichs in die Fremde vernahm, wollte sie ihren Obmann und zweiten Oberfahrer nicht aus der Heimat wandern lassen, ohne ihm ein Abschiedsfest zu bereiten. Sie verabredeten zu seinen Ehren auf den letzten Sonntag im April eine Stromfahrt mit bekränzten Schiffen,die vom Rheinfall bis zum Städtchen Kaiserstuhl ging. Jeder sollte dazu seine Herzallerliebste einladen oder sonst ein Mädchen, das ihm wohlgefiel. Führte man die Kähne in der Nacht zum Rheinfall, so konnte man sie bald nach Sonnenaufgang in den Strom lassen, erreichte Kaiserstuhl gegen Mittag und hielt dort in der Krone gemeinsame Mahlzeit; nachher tanzte man ein paar Stunden mit den Mädchen, und die Bauernburschen kamen und holten Leute wie Boote, die wegen der starken Strömung nicht auf dem Fluß selber zurückgeschafft werden konnten, wieder nach Eglisau zurück.
Das war der Plan des ländlichen Festes. Ulrich tat es wohl, daß ihn sein lieber Verein mit einer so schönen Ehrung bedachte. Was aber das Mädchen betraf, das er einladen wollte, gab's keine Wahl. Nick Tappoli! Sie sah dann doch, wie geachtet er unter der Jungmannschaft war.
Sie hatten sich schon lange nicht mehr begegnet, und wenn er sich ihr Bild vorstellen wollte, so sah er sie stets in dunkelm, langem Trauerkleid, das Gesicht umwallt von einem schwarzen Schleier wie am Beerdigungstag ihres Vaters, blaß und versteinert im Schmerz, fremd und heilig. Die Erinnerung beklemmte ihn. Er hatte das Gefühl, es richte sich eine unsichtbare Schranke zwischen ihm und ihr empor. Er fühlte aber die Notwendigkeit, über die Wünsche seines Herzens mit ihr zu sprechen, bevor er auf die Wanderschaft ging. Doch erschien es ihm leichter, durch einen feurigen Ring zu laufen, als sie aufzusuchen und von der Leber weg mit ihr zu reden. Nun gab ihm die Fahrt den Vorwand, er besiegte daszaghafte Herz und warf sich am Abend in das neue, teure Kleid, das ihm in Nürnberg als Sonntagsstaat dienen sollte.
»Wohin, Gehasi?« fragte die Mutter mit einer biblischen Wendung. »Zu Nick Tappoli!« »Ei tausend, Uli, du nimmst aber das Ziel hoch!« Sie betrachtete ihren großen, stattlichen Jungen mit herzinnigem Wohlgefallen; es schien ihr kein schlechtes Zeichen für seine Zukunft zu sein, daß er als Gesponsin für die Fahrt gleich das angesehenste Mädchen begehrte. Über seine Keckheit verwundert, rief sie ihm unter der Türe nach: »Mit Glück, Uli!«
Vor dem im Dämmerlicht stehenden Pfarrhause fiel Ulrich aber der Mut doch fast in die Schuhe, seine feste Hand zitterte ein wenig, als er die Glocke zog. Aus dem Oberstock steckte Nick selber den Krauskopf heraus. »Sie sind es, Herr Junghans!« Er fühlte sich etwas befremdet von der Anrede. Warum hatte sie nicht gesprochen: »Du bist es, Uli?« Nun aber kam sie mit leuchtenden Augen die Treppe herunter und streckte ihm freimütig die Hand entgegen. »Sie bringen mir gewiß Neuigkeiten von Marie. Wie geht es ihr?« damit führte sie ihn in die gemütliche Stube hinauf, um deren Fenster sich eine Asklepia mit dunkelgrünen Blättern und großen, roten Blumenglocken rankte.
»Von Marie weiß ich nichts Neues,« stotterte er. »Ich komme in eigener Angelegenheit zu Ihnen, Fräulein Tappoli. Der Fahrverein …« »Ja, der soll zu Ihren Ehren eine schöne Frühlingsfahrt planen –« nahm sie ihm lebhaft das Wort aus dem Munde.
Da trat gerade die Pfarrerin herein, die wie die Tochter in einfachem Schwarz ging, und ihre Gegenwart kam Ulrich eben recht. Er brachte sein Anliegen vor.
Die überraschte Nick wechselte mit der Mutter einen Blick; der Wunsch, an der Fahrt teilzunehmen, stand ihr im Gesicht. Unbedenklich antwortete die Pfarrerin: »Wie bald müssen wir vielleicht das Städtchen verlassen, und es ist kaum zu denken, wie wir an einem Ort leben, an dem wir den Rhein nicht mehr sehen. Nimm also die freundliche Einladung des Herrn Junghans nur an, so wirst du eine schöne Erinnerung an den Strom deiner Jugend mehr haben.«
Da freuten sich Ulrich und Nick, die Frau Pfarrer aber ging und ließ sie allein.
»Ich habe eben das Zimmer für einen Verweser gerichtet,« plauderte Nick. »Was ist unser Haus für ein Taubenschlag geworden! Jetzt hat aber die Kirchenpflege beim Antistes Vorstellung erhoben, wie das religiöse Leben der Gemeinde gelitten habe. Der würdige Vorsteher der Landeskirche hat der Behörde nun schon auf nächsten Sonntag einen Geistlichen in Aussicht gestellt, von dem er des Lobes voll ist. Der Verweser heißt John Wildholz, es ist ein in Indien geborener Schweizer.«
»Wenn der unsere leere Kirche sieht!« versetzte Ulrich. »Und am nächsten Sonntag wird sie wegen unseres Ausfluges noch leerer sein als sonst.«
»Gott, wie freue ich mich auf die Fahrt!« jubelte Nick. Sie zerlegte ihm mit leichter Hand einen Lederapfel. »Nicht wahr, die Früchte haben sich wundervollerhalten?« Ihr Gespräch trug nun doch das Gepräge schöner Kameradschaftlichkeit. Auch von ihm war das Gefühl der Enge gewichen. Nach einer Weile kam ihm aber zu Sinn, sein Besuch habe lang genug gedauert, und er wollte aufbrechen. Sie jedoch hielt ihn zurück und fragte ihn mancherlei wegen seiner Wanderpläne. »Was hat es ein junger Mann so schön,« rief sie, »und ich Ärmste muß einen schrulligen Verweser nach dem andern hüten!« Als er ging, leuchtete sie ihm mit einer Kerze bis unter die Haustüre und drückte ihm mit einem lieblichen Lächeln die Hand. Da zuckte die seine in der ihren.
Er mochte noch nicht auf seine Kammer gehen. Glückselig stand er am Rhein. Leis sang der Strom sein Lied, und über den dunkeln Giebeln wandelten die Frühlingssterne. Er trat auf die Brücke und lehnte sich in ein Fenster der Holzverschalung. Was sein erregtes Blut wünschte, rauschten die Wellen: »Sie liebt dich! Sie wird dir kein Nein geben, wenn du sie um ihre Hand fragst. Und wenn sie ihr Ja spricht, so wirst du nicht drei Jahre in der Fremde bleiben. Nur zwei! Nein, auch das wäre noch zu lang. Nur eines!« – »Nick – Nick,« rauschten und sangen die Wellen. »Monika Tappoli – Monika Tappoli!« Er hatte diesen Abend mit ihr einen guten Anfang gemacht, und ein ebenso gutes Ende dazu würde sich finden. In seliger Spannung brachte er die Woche hin.
Auch Nick lebte in der Vorfreude der Fahrt und rüstete dafür ein weißes Wollkleid. Durch ihre Freude zuckte aber eine kleine Unruhe, die Frage, ob wohl Ulrich Junghanssie liebe. Seine suchenden Augen, das Zucken seiner Hand beim Abschiede ließen es vermuten. Wenn ja, – wie sich dann zu ihm stellen? In der Freundschaft mit der treuherzigen Marie war allerdings stets eine Neigung für den Bruder einhergelaufen, aber von einer Neigung zu einer Lebensliebe war doch noch ein weiter Schritt. Ihr hatte für die Zukunft stets etwas Studiertes vorgeschwebt, oder etwas Stadtzürcherisches wie der Sohn eines Seidenindustriellen, der ihr bei der schönen Hochzeit gegenübergesessen. Auch hatte sie ihrem Vater ja versprochen, daß sie den Namen Tappoli hoch in Ehren halten und nicht billig hingeben werde.
Sie wurde aus sich selber nicht klug, sie sagte sich: »Um mich ernstlich zu verlieben, bin ich noch zu jung; hoffentlich ist Uli auch nur aus Freundschaft zu mir gekommen und denkt selber nicht daran, sich über die Wanderjahre hinaus an eine Liebe in der Heimat zu binden.« Damit wollte sie ihre Sorge hinter sich werfen.
Da kam aber der junge Bauer Rudolf Heller, der zweite Obmann des Vereins, zu ihr ins Pfarrhaus und teilte ihr mit, die Gesellschaft habe beschlossen, dem um den Verein recht verdienten Ulrich Junghans zum Abschied einen Gedenkring zu stiften. »Wir freuen uns so sehr, Fräulein Tappoli,« fuhr Heller fort, »daß Sie bei der Fahrt sind. Wir möchten Sie bitten, Uli den Ring in unserm Namen zu überreichen. Es sieht vornehmer und feierlicher aus, wenn es statt unsereinem ein junges Fräulein tut; und ich bin kein Sprecher.«
Das Blut stieg ihr in die Wangen, der Anreiz desErlebens ging ihr durch die Seele, und nachdem Heller genug den Hut vor ihr gedreht und um den Dienst gebettelt hatte, übernahm sie das kleine Amt.
Nun mußte sie aber erst recht wieder an Ulrich denken. Noch nie hatte die Gesellschaft einem Mitgliede einen Ring oder sonst ein Andenken geschenkt. Es mußte doch etwas Besonderes an dem jungen Schmied sein. Nun ja! Seit der Verein bestand, war kein so guter Geist, so viel schöner Wille und Eintracht unter den Mitgliedern gewesen wie während des ganzen Jahres, in dem er die Obmannschaft geführt hatte. Darum die Fahrt, dafür der Ring! Wenn er doch nicht nur ein Schmied wäre! Dann wäre ihr gewiß keiner als Freier willkommener als er. –
Der Samstag vor der Fahrt war gekommen, ein herrlicher Frühlingstag. Weiche Lüfte hatten an den Halden des Rheins die Obstblüte geweckt, und die Natur bot bereits ein maienhaftes Bild. Die Mädchen suchten in Feld und Wald Blumen, flochten sie im Schulhaus zu Kränzen und waren eben im Begriff, sie um die drei langen Kähne zu winden, die ein Stück oberhalb der Brücke am Ufer lagen.
Da kam ein Fremder vom Städtchen her, eine hohe Gestalt in schwarzem Kleid, ließ die blaudunkeln Augen forschend durch die Gesellschaft gehen und trat auf Nick zu: »Ich irre mich wohl nicht, daß ich Fräulein Tappoli vor mir habe. Darf ich mich vorstellen? Ich bin John Wildholz, der neue Verweser, und habe von der Frau Pfarrer gehört, daß Sie hier mit den Vorbereitungen für ein Fest beschäftigt sind.« Dunkle Locken umgabendas wuchtige Haupt, sein Blicken und Lächeln hatte etwas ungemein Reines und Hohes.
In die Gestalt Monikas, die sich sonst nicht überraschen ließ, kam etwas Linkisches, und sie mußte die passende Antwort suchen.
Der Mann mit dem leisen skeptischen Zug im Gesicht und den glänzenden, geheimnisvoll tiefen Augen erschien ihr wie ein höheres Wesen. Den andern Mädchen ging es ebenso, die Arbeit stand ihnen zwischen den Fingern still, und von der einen zur nächsten flüsterte sich's: »Der neue Verweser! Was für eine vornehme Gestalt!«
Er bat Monika, ihm ihre Gespielen vorzustellen, die ja seine künftigen Pfarrkinder seien, und hatte für jede ein wohlabgewogenes Wort. »Nun aber lassen Sie sich von mir nicht weiter stören! Ich mache jetzt gern einen Spaziergang den Rhein entlang.«
»Wir sind fertig,« erklärte ihm Nick. »Wenn es Ihnen angenehm ist, begleite ich Sie.«
Dankbar nahm er an. »Der Oberrhein ist mir doch von den vielen Naturbildern, die ich kenne, eines der liebsten,« plauderte er. »Seine Klarheit und Durchsichtigkeit und der gewaltige Wogendrang haben mir schon, als ich noch ein Knabe war, einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Was wird Ihnen morgen für eine prachtvolle Fahrt beschieden sein!«
»Sie aber werden, fürchte ich, gerade wegen des Festes vor einer ziemlich leeren Kirche predigen müssen,« versetzte Nick.
»Ich bin nicht so ehrgeizig, daß ich gleich am ersten Sonntag ein volles Gotteshaus erwarte,« antworteteer schlicht. »Ich will zufrieden sein, wenn ich mir nach und nach das Vertrauen der Gemeinde erwerbe.«
Sie gab ihm einen bewundernden Seitenblick. »Also schon in Ihren Knabenjahren waren Sie an unserm Rhein? Ich vermutete, Sie seien erst vor kurzer Zeit aus Indien in die Schweiz zurückgekehrt.«
»Nein, doch nicht,« erwiderte er. »Ich habe in Zürich und Basel studiert. Und vorher war ich schon mit zwölf und mit siebzehn Jahren in der Heimat, beide Male etliche Monate, und kam schon damals mit der Mutter an den Oberrhein. Sie liebte ihn, wie ihr Geburtsland überhaupt. Auf der letzten Rückfahrt nach Indien sprachen meine Eltern davon, sich nach einiger Zeit endgültig in die Schweiz zurückzuziehen und uns Söhnen die Leitung des blühenden Kaufmannsgeschäftes in Kalkutta zu überlassen. Gott hat es anders gefügt. Zwei Tagreisen vor unserm Ziel geriet unser Dampfer in einen Wirbelsturm, bei rabenschwarzer Nacht ging er unter. Als am Morgen ein anderes Schiff die Unglücksstätte absuchte und die Überlebenden sammelte, waren die Eltern und ein sechsjähriges Schwesterchen Opfer des Unglücks geworden. Wir drei Brüder fanden uns an schwimmenden Schiffsteilen klebend wieder und erreichten Kalkutta. Meine seelische Erschütterung über den Verlust der Eltern aber war so groß, daß man mich gesundheitshalber bei einem Missionar, einem Schweizer namens Eberhard, unterbrachte. Im Verkehr mit ihm beschloß ich, selbst Geistlicher zu werden, und zwar im Dienst der armen, ungebildeten Hindus. Als blutjunger Prediger zog ich durch die weiten Landschaften,fiel aber in den Reisdörfern der Malaria anheim. Da gab es nur eine Rettung: die Schweiz! So bin ich im Vaterland Pfarrer geworden.«
Still ging Nick neben dem Erzähler und lauschte seiner warmen Rede. Dann und wann suchte ihr Blick seine von einer herrlichen Stirne überragten Augen, die, wenn er in sich versonnen ging, einen leis schwermütigen Ausdruck annahmen, sich aber, wenn er das Wort ergriff, in helles Feuer verwandelten. Nein, er war kein Fremder, nach Art und Seele stand er fest auf dem heimatlichen Boden; aber das ferne, fremde Land hatte ihm doch etwas Besonderes gegeben, einen geheimen Zauber des Wesens, der ihn hoch über all die bisherigen Verweser des Städtchens stellte.
Auf einem weiten Umweg durch Felder und Wälder erreichten sie das Pfarrhaus wieder.
Aus den Fenstern schaute schon Frau Tappoli nach ihnen aus. »Nick, nun rasch zu Nacht gegessen und zur Ruh gegangen!« ermahnte sie die Tochter. »Um zwei Uhr mußt du schon wieder aus den Federn sein, und es wäre zu töricht, wenn du dir den morgigen Tag im vorhinein durch zu wenig Schlaf verdürbest.«
Die Hand Nicks ruhte zum Gutenachtgruß in derjenigen des neuen Gastes, er wünschte ihr herzlich Glück zu der Fahrt, und ein Strahl seiner dunkeln Augen traf sie.
Schlafen! – Ja, die Mutter hatte schon Recht! Aber Nick sah stets das zwingende Leuchten in den Augen des neuen Verwesers, stets hörte sie seine weiche, biegsame Stimme. Bis an den Morgen hätte sie am liebsten seinerErzählung gelauscht, sogar die Rheinfahrt leicht dahingegeben, wenn sie dafür ihn hätte predigen hören, – als ob nicht noch genug Sonntage kämen, wo ihr dieser Genuß beschieden sein würde.
Stunde um Stunde hörte sie schlagen, sie dachte nur an ihn und nicht mehr an Junghans. Ihr war, sie sei erst am Einschlafen. Da kam die Mutter an die Türe und rief gedämpft: »Nick, aufstehen! Es ist höchste Zeit!«
Eine Weile später schlüpfte Nick aus dem Pfarrhause. Da stand draußen schon Ulrich, erwartete sie und erkundigte sich, ob sie einen genügend dicken Mantel und ein warmes Kopftuch für den kühlen Morgen bei sich habe.
Seine Stimme klang ausgeruht, frisch und unternehmungsfroh.