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Nick erwachte am Morgen nach der Rheinfahrt mit einem trüben Gefühl. Sie mochte die Frühlingssonne nicht sehen und den Schlag der Vögel nicht hören. Am liebsten hätte sie sich in eine dunkle Ecke verkrochen. Sie dachte an die Liebesnot Ulrichs, an ihre Weigerung, an sein tiefes Leid. Warum hatte sie ihn abgewiesen? Doch nur wegen John Wildholz und seiner blaudunkeln Augen! Vielleicht fand er aber gar keinen Gefallen an ihr?

Noch saß sie beim Morgenbrot und sann vor sich hin. Da trat die Mutter in die Stube. »Ich glaube, der Verweser ist verlobt,« sagte sie. »Auf seinem Schreibtisch steht das Bild eines jungen Mädchens, und er legt davor jeden Morgen eine frische Blume, gestern und heute.« Nick spürte, wie das Luftschloß in ihr zusammenstürzte. Die Mutter fuhr fort: »Nun aber erzähle du. Du hast mehr erlebt als ich. Wie war die Fahrt?«

»Oh, der Rhein!« begann Nick mit tapferer Selbstverleugnung. »Wunderschön!«

»Deinem Gesicht sieht man nichts davon an. Man könnte eher glauben, du seiest bei einer Beerdigung gewesen!«

Vor dem scharfen Mutterauge brach die künstliche Fassung der Tochter zusammen. »Mutter,« rief siebeklommen, »ich habe gestern die größte Torheit meines Lebens begangen! Ulrich Junghans hat mir seine Liebe gestanden – und ich habe ihn von mir gestoßen.« Sie neigte sich auf den Tisch hernieder und verbarg ihr Gesicht im Arm. Sie schluchzte.

Der Pfarrerin fiel es nicht ein, ihr Kind zu trösten. »Allerdings war's eine große Dummheit, Nick! Wie konntest du? – Schon für den Vater war Ulrich stets eine Herzfreude, und wie er dich einladen kam, habe ich selber gedacht, er sei ein ausnehmend gewinnender Junge. Dem sieht man ja von weitem das gute Vorwärtskommen an, und bei den Mädchen wird er nicht lange betteln müssen. Nein, wo der hingelangt, betteln sie ihn an. Bist du blind, Nick? – Du denkst nie daran, wie armselig eine Pfarrerstochter dasteht, wenn der Vater gestorben ist und die Besoldung ausbleibt. In Wahrheit bist du eine arme Maus, und wenn der neue Pfarrer sich selber hier einen Haushalt gründet, so hast du hier weniger Rechte als eine Maus.«

Da hob Nick den Kopf: »Willst du mich denn ganz zerschmettern, Mutter?«

Die Pfarrerin erwiderte etwas besänftigt: »Nein, Kind, aber wenn eine wie du das Glück mit Füßen tritt, darf man ihr schon die Augen öffnen. Mit dem einzigen Menschen, der dir helfen könnte, deinem Schwager, bist du überworfen, und die Verwandten in der Stadt, auf die du heimlich zählst, haben sich von uns zurückgezogen, seit die guten Weine im Keller ausgegangen sind.«

»Nun ist's genug, Mutter,« versetzte Nick. Sie erhob sich.

»Was willst du tun?« fragte die Pfarrerin.

»Ich will versuchen, Ulrich Junghans einen Brief zu schreiben, damit er weniger böse auf mich ist.« Sie empfand die scharfen Worte der Mutter wie eine wohlverdiente Züchtigung. Wie war sie gestern gegen den wohlmeinenden Uli verblendet gewesen! Sie begriff sich schon heute nicht mehr.

Zuerst trat sie in das Zimmer des Verwesers, der im Unterricht weilte, besah sich das Mädchenbild, das auf einer kleinen Staffelei stand, und war davon enttäuscht. Es zeigte ein landläufiges, ziemlich breites Gesicht, nicht hübsch, nicht häßlich, umrahmt von glattgestrichenem Haar. Sein Reiz lag in den großen, frommen Augen. Was man von ihrem Kleid, einer Art religiöser Tracht, sah, deutete auf eine Missionarin. Wie die Marke des Photographen sagte, war das Bild in Kalkutta aufgenommen worden, und als Nick es wendete, las sie: »Ihrem im Herrn innigstgeliebten John Wildholz seine treue Christine Eberhard.«

Sie war also die Tochter des Missionars, bei dem er einige Jahre zugebracht hatte.

Nick neigte ernüchtert den Kopf. Sie begriff den Geschmack des Verwesers nicht, er kam ihr selber weniger verehrungswürdig vor. Ihre Schwärmerei für ihn war dahin. Welche Grausamkeit des Lebens! Wenn sie das Bild vor der Fahrt gesehen hätte, dann –

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, sie stieg in ein Kämmerchen empor, in dem sie als Kind ihre Schulaufgaben gelöst hatte und das noch immer ihr Zufluchtsort war, wenn sie ungestört sein wollte. Schwalbenflogen durch das geöffnete Fenster aus und ein. Der geplante Brief aber geriet ihr nicht. Die erste Fassung fand sie zu zerknirscht, die folgende gequält, sie stolperte stets wieder darüber, daß sie Ulrich erklärt hatte, ihr Herz sei bereits vergeben, – und war zu stolz, sich selber der Lüge zu zeihen. Bogen um Bogen schrieb sie, doch gegen Abend gab sie es verwirrt und traurig auf.

»Dann geh doch selber zu Uli,« riet ihr die Mutter.

»Er ist in Zürich, und ich weiß nicht, wann er heimkommt,« versetzte Nick. »So tief demütige ich mich auch nicht.« –

Ein stiller Zwist lag nun zwischen der Pfarrerin und ihrer stolzen Tochter. Das Abendbrot, zu dem John Wildholz erschien, wurde Nick, die von der Fahrt erzählen sollte, zur Qual. Sie zog sich früh zurück. Im Tagesgrauen erwachte sie aus schweren Träumen durch ein Volkslied, das, von einem Dutzend Männerstimmen gesungen, aus der Brücke zu ihr heraufklang.

»Hier in weiter, weiter Ferne,Wie's mich nach der Heimat zieht;Lustig singen die Gesellen,Doch es ist ein falsches Lied,Doch es ist ein falsches Lied.«

»Hier in weiter, weiter Ferne,Wie's mich nach der Heimat zieht;Lustig singen die Gesellen,Doch es ist ein falsches Lied,Doch es ist ein falsches Lied.«

Jetzt geht er, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie sprang ans Fenster, durch den Laden rief sie: »Uli – Uli!«

Sie horchte umsonst! Die Schritte der Jungmannschaft, deren Gestalten sie in der Dämmerung eben zu erkennen vermochte, entfernten sich, Sang und Klang verging in den Worten:

»Andre Städtchen, andre MädchenKommen freilich zu Gesicht;Ach, wohl sind es andre Mädchen,Doch die eine ist es nicht,Doch die eine ist es nicht!«

»Andre Städtchen, andre MädchenKommen freilich zu Gesicht;Ach, wohl sind es andre Mädchen,Doch die eine ist es nicht,Doch die eine ist es nicht!«

Nick warf sich hin. Sie hätte gestern abend Ulrich doch noch aufsuchen sollen. Nun gaben ihm ihre Gedanken das Geleit. Sie sah ihn, wie er, einen halben Kopf größer als seine Freunde, frisch, stark, sehnig, am hohen, glänzenden Hut den Levkoien- und Rosmarinstrauß, aus der Heimat schritt. Im nächsten Dorf verabschiedeten sich wohl schon etliche seiner Begleiter, im übernächsten die meisten, und nur die letzten Getreuen gingen mit ihm bis nach Schaffhausen. Dort ein Imbiß, ein Klingen mit den Gläsern, ein Händeschütteln. Das war das Ausschenken. Nun wanderte er allein, nun warf er den letzten langen Blick über die Grenze ins Vaterland zurück. Und er gedachte noch einmal aller seiner Freunde, die ihn mit soviel Ehren aus der Heimat entlassen hatten. Sie aber hatte ihm den Abschied verbittert, ihrer gedachte er mit zornvoller Seele …

Leere Tage kamen in ihr Leben. Sie wären ihr noch schattenhafter dahingegangen ohne die Gegenwart des Verwesers. Seit sie wußte, daß er verlobt war, versuchte sie ihm knapp und kühl zu begegnen, er aber bewies ihr stets eine große, mit feiner Herzlichkeit gepaarte Achtung, der sie nicht zu widerstehen vermochte. Aus jedem seiner Worte spürte sie, wie ihm daran gelegen war, ihr seelisch näher zu kommen. Er lud sie zu seinem täglichen Spaziergang ein, und es schien ihm einen Genuß zu bereiten,mit ihr durch die stillen Felder und Wälder am Rhein zu gehen.

»Fräulein Tappoli, damit wir gegenseitig klar sehen,« begann er eines Tages, »will ich Ihnen bekennen, daß ich in Indien ein Mädchen zurückgelassen habe, mit dem ich still verlobt bin. Diese Liebe ist mir heilig. Sie ist mir aber kein Hemmnis, Ihnen in ehrlicher Freundschaft meine Teilnahme entgegenzubringen. Ich freue mich, Ihre frische Tätigkeit zu beobachten, und wie Ihnen stets ein Sonntag von Gedanken dabei mitläuft.« Leuchtende Güte stand in seinen Augen.

Das freimütige Wort gefiel Nick.

Er aber fuhr fort: »Der Zufall hat mir ein Blatt in die Hand gespielt, in dem der junge Lehrer Hans Weber die prächtige Rheinfahrt vom Sonntag schildert. Da las ich auch das Gedicht, das Sie dem scheidenden jungen Schmied Ulrich Junghans widmeten. Er muß ein tüchtiger Mensch sein!«

»Die Strophen sind ohne mein Vorwissen in die Zeitung gekommen,« erwiderte Nick mit verhaltener Heftigkeit. »Es tut mir sehr leid!«

»Nun, möge nichts Schlimmeres geschehen,« begütigte sie Wildholz. »Aus den Versen schaut ein helles, liebes Menschenkind. Das ist genug. Sie haben mich aber auf die Frage geführt, ob der junge Mann, dem sie gelten, Ihrem Herzen nahe steht?«

Das Blut stieg ihr ins Gesicht. »Herr Verweser, lassen Sie mir mit der Antwort Zeit,« – mehr vermochte sie nicht zu erwidern.

Er drang nicht weiter in sie. Sie aber lernte ihn von Tag zu Tag höher schätzen.

Der bald leis schwermütige, bald feurig schwungvolle Mann brachte sich sowohl als Prediger wie als Lehrer zu Ansehen. Sie selber spürte: ihr Vater hatte den vollwertigen Nachfolger gefunden, sogar einen, der ihn an hinreißender Kraft des Wortes übertraf. Doch war ein großer Unterschied zwischen den religiösen Auffassungen der beiden Männer. Der Vater hatte, von einem fast künstlerischen Humanismus durchdrungen, das Sonnige des Lebens so gut wie seine Schatten gesehen; Wildholz aber, der aus der Mission hervorgegangene strenggläubige Christ, legte den Nachdruck auf die Schwäche und Sünde der Menschheit und ihr tiefes Erlösungsbedürfnis. Dafür fand er aus mystischer Kraft heraus glühend düstere, für Nick fast unheimliche Töne, die aber die Leute mächtig ins Gotteshaus rissen.

Durch die Predigten wie durch die gemeinsamen Spaziergänge von seiner alles begreifenden Güte überzeugt, faßte Nick Zutrauen zu Wildholz, kam aus eigenem Drang einmal auf seine Frage zurück und gestand ihm die Aussprache mit Ulrich Junghans in den Ruinen von Weißwasserstelz. Dabei verschwieg sie ihm freilich, daß es gerade sein, des neuen Verwesers, Erscheinen im Städtchen gewesen sei, das einen Zwiespalt in ihre Seele getragen habe, und schob alle Schuld, daß sie die treue Hand des jungen Schmiedes ausgeschlagen, auf die Verwirrung des Augenblicks und einen ihr hinterher selbst nicht mehr verständlichen Mädchentrotz.

John Wildholz sah ihr mit warmer Freundschaft tiefin die Augen. »Ich merkte, daß Sie leiden, Fräulein Nick. Fehler aber, die man einsieht, soll man nicht alt werden lassen. Wenn Sie die herzliche Überzeugung haben, daß der junge Mann Ihrer wert ist, so schreiben Sie ihm einen aufrichtigen Brief, wie es um Sie steht. Um seinet- wie Ihretwillen! Was geschieht sonst? – Sie beide begraben die erste, heilige Liebe; mit hungerndem Herzen geht er, gehen Sie andere Lebensverpflichtungen ein und vermehren in der Welt nur die große Zahl der Unglücklichen, die am Tag mit leerer Seele lachen und in der Nacht um ein verlorenes Glück weinen.« Sein Blick ruhte teilnahmstief und doch mit schwerer Mahnung in ihrem Gesicht. »Sie dürfen nicht den Pakt mit dem staubigen Alltag schließen, Fräulein Nick, Sie sind dafür ein zu wertvolles Menschenkind.«

Seine Nachdrücklichkeit brachte sie in Verlegenheit. Sie wußte schon, daß sie den Brief nie schreiben werde, nicht sowohl wegen ihres eigensinnigen Stolzes, den sie manchmal selber beklagte, als aus dem Gefühl, sie habe sich durch ihre erregten Worte auf Wasserstelz jede gute Rückkehr zu Ulrich Junghans abgeschnitten.

Schweigend ließ der Verweser sie gewähren, er tat, als spüre er ihren inneren Kampf nicht. Sie wurden immer bessere Freunde. Im Städtchen liefen die Anspielungen, sie sei mit ihm verlobt, ja es gab Neugierige, die sie unmittelbar fragten: »Darf man bald Glück wünschen?« So war für sie viel Bittersüßes an dem schönen Verkehr mit Wildholz, und vielleicht litt auch er unter heimlichen Schmerzen.

Da kam die Wendung. Die Bewohner des Städtchensdrängten, daß der die Herzen ergreifende Redner als Geistlicher berufen werde, bevor eine andere Gemeinde ihn mit ihren Versprechungen hinweglockte, und die Kirchenpflege trug ihm schon gegen den Herbst das Amt des Pfarrers an. Er bat um ein paar Tage Bedenkzeit – und lehnte die Berufung ab. Niemand begriff es, am wenigsten Nick.

Die Weinlese jauchzte an den Ufern des Rheins. Da gingen sie miteinander durch den buntprangenden Wald und ruhten unter mächtigen, alten Buchen, durch deren Kronen der letzte Sonnenschein spielte. Nick merkte, wie es im Innern des Verwesers kämpfte. Plötzlich fragte er abgerissen: »Haben Sie eigentlich den Brief an Ulrich Junghans geschrieben?«

Sie erschrak und schüttelte stumm den Kopf. Er sagte: »Ich gehe nicht gern von Ihnen ohne den Gedanken, daß Ihnen eine schöne Zukunft winkt. Warum versäumen Sie Ihr Glück?« Er sah sie warm besorgt an. Seine Stimme zitterte leise. »Wie froh wäre ich, wenn ich Ihnen selber etwas sein könnte, aber unsere Wege trennen sich. Sie wissen, schweren Herzens habe ich den Antrag der Kirchenpflege abgelehnt. Ich habe mich entschlossen, eine Studienfahrt ins heilige Land zu unternehmen. In acht Tagen werde ich schon in Italien sein, und bin ich zurück, hoffentlich in meinem religiösen Glauben bestärkt, vertieft und gereift durch den Wandel auf den Spuren des Herrn, so kommt wohl auch meine Braut Christine Eberhard in die Heimat und wir finden die Pfarre, auf der wir unsern Hausstand gründen können.«

Nie vorher hatte Wildholz von dem Reiseplan gesprochen, Nick war davon völlig überrascht.

Und wieder begann er: »Ich wollte, ich wüßte um Ihren Weg, Fräulein Nick, und daß es Ihnen gut ginge. Ich sorge mich um so mehr um Sie, da Sie ja doch nicht mehr lange im alten, lieben Pfarrhaus bleiben können. Die Kirchenpflege hat nach meiner Ablehnung die Berufung eines Pfarrers beschlossen und bereits einen Kandidaten in Aussicht, der Weib und Kind besitzt.«

Nick schrak zusammen. Sie schritten beschwerten Gemütes aus dem abendgoldenen Wald. Da sagte sie plötzlich, wie aus einem Traume heraus: »Sie haben nach meinem Weg gefragt, Herr Wildholz. Er liegt für mich klar. In die Welt hinaus, das Brot verdienen, warten und sehen, ob nach zwei oder drei Jahren jener wieder kommt, dessen Hand ich verworfen habe, und ob er mich noch will. Es ist seltsam, schreiben kann ich ihm nicht.«

Schon hatte er eine Entgegnung auf den Lippen, aber sie waren an die Rheinhalde gekommen, an der die Winzer ihren Segen einbrachten. Im blauen Dunst des Abends führten die Bauern mit ihren Ochsengespannen die Kufen nach den Keltern, da und dort stand noch eine fleißige Schar an die Weinstöcke hingebückt, Volkslieder erklangen, Jauchzer gingen über den Strom, und freudige Hände streckten dem Paar die duftigen blauen und goldgelben Früchte entgegen. Wildholz und Nick nahmen dankend an. Sie aber spürte mehr die Wehmut als die Freude des Herbstabends, ihr Herz antwortetenicht auf die Gesänge, sie dachte nur an den Abschied von ihrem Freunde. –

Als er für die weite Reise ins Morgenland von ihr Abschied nahm, bebte seine Hand, mit brechender Stimme sagte er: »Behüt' Sie Gott, liebe Nick!« Ihr war im Augenblick, da er gehe, müsse sich etwas Besonderes ereignen; aber als sein Fuhrwerk hinein in die Brücke rollte, geschah nichts weiter, als daß eine wunderbare Klarheit in ihre Seele kam: Er hat dich geliebt! Darum drängte er so stark auf den Brief an Uli, darum schlug er die Berufung aus! Die Reise, von der er früher nie gesprochen hatte, tritt er an, um dich vergessen und jener Christine Eberhard treu bleiben zu können. Was ist er für ein starker Mann!

Mit gefalteten Händen ließ Nick die Tränen über das Gesicht hinunterlaufen, ihre Seele wurde wund um ihn. In ihre Wehmut und Zerknirschung mengte sich aber auch ein Gefühl des Stolzes, daß sie dem ernsten, tiefreligiösen Mann etwas hatte sein können, daß er sie geschätzt, ja im stillen geliebt hatte, der Arme, Unfreie, der sein Herz an die bescheidene Missionarin wohl nur hingegeben hatte, weil ihm auf der fernen Station eine andere Liebe nicht möglich gewesen war. Wildholz litt darunter, war jedoch zu vornehm, um untreu zu sein.

Unter Gewissensbissen aber dachte sie an Ulrich Junghans und sich selbst. Wie flatterhaft war ihr Herz! Erst wies es Uli schroff zurück, dann blutete es um ihn, darauf schwärmte es für Wildholz. Wenn es so um die Festigkeit ihrer Liebe stand, war es schon klüger, nicht an Uli zu schreiben. In aufdämmernder Selbsterkenntnissah sie in der Unsicherheit ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Charakterfehler, und sie ahnte, daß sie einen schweren Weg gehen werde.

Schon in den nächsten Tagen trat der neue Pfarrer mit Frau und halbwüchsiger Tochter ins Haus, und obgleich sie es nicht an Höflichkeit fehlen ließen, merkten Frau Tappoli und Nick, die sie durch die Räume und den Garten geleiteten, aus den behaglichen Gebärden und Gesprächen, wie stark sich die Neulinge schon als die Herrenleute des Besitzes fühlten. Welch trauriger Abend nachher! Und was nun? –

Die Mutter beschäftigte sich mit dem Gedanken, in der Stadt eine Pension für Studenten einzurichten, und der Plan gefiel auch Nick. Indessen gelangte er nicht zur Ausführung. Ferdinand Bürsteler, der seit einem Jahr den Rock des Pfarrers ausgezogen und in der Heimat eine Baumwollspinnerei gekauft hatte, kam eigens zu Besuch, um der Schwiegermutter und der Schwägerin den Plan auszureden. Der gutmütig-stolze Industrielle wollte die nächsten Verwandten seiner Frau nicht in erwerbender Stellung sehen. Als besten Gegengrund schob er die schwache Gesundheit der Mutter vor und war bereit, sie sowohl wie Nick in sein Haus aufzunehmen.

Nick mochte nun einmal die fleischige Gestalt Ferdinands nicht, und ehe sie sich's versah, hatten sie schon wieder Händel miteinander. Er gab den Versuch, sie zu versöhnen, nicht gleich auf, begleitete sie nach dem Einbruch der Nacht noch zu einer Besorgung ins Städtchen und versuchte dabei, seinen Arm in den ihren zu schieben. Sie aber lachte ihn spöttisch aus: »Ich werde schon fürden sorgen, der mich führt,« und machte sich frei. Bürsteler mußte es selber einsehen: es gab kein Auskommen zwischen ihnen. Die Mutter entschloß sich, in die Familie des Schwiegersohnes einzutreten, in der ihr bereits ein Enkelkind blühte; Nick aber wollte mit Verwandten in Zürich beraten, vor allem mit ihrem Vormund, dem Tierarzt Tappoli, einem jüngern Bruder ihres Vaters, der sich freilich bis jetzt wenig um sie gekümmert hatte.

Den Bewohnern des Städtchens tat es leid, die letzten Glieder der Pfarrersfamilie zu verlieren, die mit ihnen ein Vierteljahrhundert Freude und Sorge geteilt hatte. Manche der Bürgersleute kamen noch ins Pfarrhaus, um sich von Mutter und Tochter zu verabschieden, und sie kamen nicht mit leeren Händen. »Was fangen wir nur mit all den Geschenken an,« rief Nick, »den Töpfen voll Honig, den Säcken voll gedörrter Zwetschgen, Äpfel- und Birnschnitzen, den Würsten und Schweinskinnbacken?« Dabei standen ihr aber die Augen voll Tränen.

Sie verbrachte eine wehe Abendstunde am Grabe ihres Vaters. Nachbarn besorgten unter wehmütigen Betrachtungen das Ausräumen des Hausrates. Ein herzzerreißendes Bild, die trauten Möbel auf der Straße, die letzte Rast im verödeten alten Heim. In die Brücke hinein schwankten zwei Wagen, ein größerer und ein kleinerer. Jener führte die Witwenausstattung der Mutter ins Oberland, dieser die für Nick ausgeschiedenen Stücke nach Zürich. Als die Sonne durch den Nebel brach, folgten ihnen in einem Chaislein die beiden schwarzgekleideten Frauen. Aus vielen Fenstern und Türen winkten letzte Grüße, seine Abschiedsliederrauschte zwischen den hohen Borden herauf der Rhein, noch einmal grüßte das Städtchen mit den steilen Firsten und blumengeschmückten Lauben. Als es hinter der Uferhöhe den Blicken entschwand, hüllte sich Nick trotz der wärmenden Sonne tiefer in ihren dunkeln Schal.

Der Neunzehnjährigen war, die Jugend sei für sie abgetan.


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