Den ganzen Wald mußt du niederschlagen!Den ganzen Wald des Bösen vernichten,Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch!Zerstöre die Eigenliebe in dir!Zerstöre das Böse und reiß es heraus,Wie die Lotosblume im Herbst!
Den ganzen Wald mußt du niederschlagen!Den ganzen Wald des Bösen vernichten,Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch!Zerstöre die Eigenliebe in dir!Zerstöre das Böse und reiß es heraus,Wie die Lotosblume im Herbst!
Den ganzen Wald mußt du niederschlagen!Den ganzen Wald des Bösen vernichten,Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch!Zerstöre die Eigenliebe in dir!Zerstöre das Böse und reiß es heraus,Wie die Lotosblume im Herbst!
Den ganzen Wald mußt du niederschlagen!
Den ganzen Wald des Bösen vernichten,
Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch!
Zerstöre die Eigenliebe in dir!
Zerstöre das Böse und reiß es heraus,
Wie die Lotosblume im Herbst!
Ja, von nun an ist der alte Kulturmensch verschwunden, tot. Ich ward wiedergeboren – oder vielmehr ein anderer Mensch, ein reiner, stärkerer erstand in mir.
Dieser furchtbare Anfall war der letzte Abschied von der Zivilisation: vom Bösen. Und dieser letzte Beweis verderbter Instinkte, die auf dem Grunde aller dekadenten Seelen schlummern, erhöhte durch den Kontrast die gesunde Einfachheit des Lebens, mit dem ich schon den ersten Anfang gemacht, bis zu einem Gefühl unsagbarer Wonne.
Gierig atmete ich die herrliche, reine Luft ein. Von nun an war ich ein andrer Mensch: ein wahrer Wilder, ein echter Maorie.
Jotéfa und ich kehrten nach Mateïéa zurück und trugen vorsichtig und einträchtig unsere schwere Rosenholzlast:noa, noa!
Die Sonne war noch nicht untergegangen, als wir sehr ermüdet vor meiner Hütte anlangten.
Jotéfa sagte zu mir:
– Païa?
– Ja, erwiderte ich.
Und im Grunde meines Herzens wiederholte ich für mich:
– Ja!
Ich machte keinen Schnitt in dieses Rosenholz, ohne jedesmal stärker den Duft des Sieges und der Verjüngung einzuatmen:noa, noa!
Durch das Tal von Punaru – eine tiefe Kluft, die Tahiti in zwei Teile trennt – gelangt man zu dem Plateau von Tamanoü. Von dort kann man das Diadem, Oroféna und Aroräï, – den Mittelpunkt der Insel sehen.
Man hatte mir davon oft wie von etwas Wunderbarem gesprochen, und ich hatte mir vorgenommen, allein hinzugehen und dort einige Tage zu verbringen.
– Aber was wirst du nachts machen?
– Die Tupapaüs[3]werden dich ängstigen!
– Man darf die Berggeister nicht stören.
... Du bist toll!
Ich war es wahrscheinlich, denn diese besorgte Unruhe meiner tahitischen Freunde stachelte meine Neugierde nur noch mehr.
In einer Nacht machte ich mich also vor Tagesanbruch auf.
Etwa zwei Stunden konnte ich einen Pfad an dem einen Ufer des Punaru-Flusses verfolgen. Aber dann war ich mehrmals gezwungen, den Fluß zu überschreiten. Zu beiden Seiten ragten steile Bergwände, auf enorme Felsblöcke wie auf Strebepfeiler gestützt, bis in die Mitte des Wassers vor.
Mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als meinen Weg mitten im Fluß fortzusetzen. Das Wasser ging mir bis zu den Knien, zuweilen bis zu den Schultern.
Zwischen den beiden Wänden, die mir von unten erstaunlich hoch und oben sehr nah aneinander schienen, war die Sonne am hellen Tage kaum sichtbar. Mittags unterschied ich an dem tiefblauen Himmel funkelnde Sterne.
Gegen fünf Uhr, beim Eintritt der Dunkelheit, begann ich darüber nachzudenken, wo ich die Nacht zubringen sollte, als ich zur Rechten etwa ein Hektar fast flaches Land mit einem Gemisch von Farnen, wilden Bananen und Bouraos bemerkte. Ich hatte das Glück, ein paar reife Bananen zu finden, und machte eilig ein Holzfeuer, sie für mein Mahl zu kochen.
Dann legte ich mich zum Schlafen, so gut es ging, auf die untersten Zweige eines Bananenbaumes, dessen Blätter ich ineinander geflochten hatte, um mich vor Regen zu schützen.
Es war kalt, und ich fröstelte nach dem Marsch im Wasser.
Ich schlief schlecht.
Aber ich wußte, daß der Morgen nicht fern war und ich weder Menschen noch Tiere zu fürchten hatte. Hier auf Tahiti gibt es weder Raubtiere noch Reptilien. Die einzigen „wilden Tiere“ sind die frei im Walde lebenden Schweine. Ich hatte höchstens einen Angriff auf meine Beine zu fürchten und behielt darum den Griff meines Beiles in der Hand.
Die Nacht war finster. Unmöglich etwas zu unterscheiden, außer nahe an meinem Kopf eine Art phosphoreszierenden Staubes, der mich seltsam beunruhigte. Ich lächelte bei dem Gedanken an die Erzählungen der Maories von den Tupapaüs, jenen bösen Geistern, die in der Finsternis erwachen, um schlafende Menschen zu ängstigen. Ihr Reich ist im Herzen des Berges, den der Wald in ewige Schatten hüllt. Dort wimmelt es von ihnen, und ihre Legionen wachsen unaufhörlich durch die Geister aller Verstorbenen.
Wehe dem Lebenden, der sich an einen von Dämonen bewohnten Ort wagt! ...
Ich war dieser Tollkühne.
Meine Träume waren freilich auch sehr aufregend.
Jetzt weiß ich, daß dieser leuchtende Staub von einer besonderen Art kleiner Champignons herrührt, die an feuchten Stellen auf abgestorbenen Zweigen wachsen wie jene, deren ich mich zum Feueranmachen bedient hatte.
Am folgenden Tage machte ich mich frühzeitig wieder auf den Weg.
Der immer wechselvoller gestaltete Fluß, der bald Bach, bald Strom, bald Wasserfall war, machte seltsam launenhafte Krümmungen und schien zuweilen in sich selbst zurückzufließen. Ich verlor unaufhörlich den Weg und mußte mir von Zweig zu Zweig oft mit den Händen vorwärts helfen, wobei ich selten den Boden berührte. Vom Grunde des Wassers sahen Krebse von außerordentlicher Größe zu mir empor und schienen zu sagen: Was tust du hier? – und hundertjährige Aale flohen bei meinem Nahen.
Plötzlich, bei einer jähen Wendung, bemerkte ich an einen Felsvorsprung gelehnt, den es mit beiden Händen eher liebkoste als es sich daran hielt, ein junges, nacktes Mädchen. Es trank aus einer Quelle, die leise aus großer Höhe zwischen den Steinen rieselte.
Nachdem es getrunken hatte, nahm es Wasser in beide Hände und ließ es zwischen den Brüsten niederrinnen. Dann – obwohl ich nicht das geringste Geräusch gemacht hatte – senkte es wie eine furchtsame Antilope, die instinktmäßig die Gefahr wittert, den Kopf und blickte forschend nach dem Dickicht, wo ich unbeweglich stand. Mein Blick begegnete dem ihren nicht. Aber kaum hatte sie mich erspäht, als sie mit dem Ruf: Taëhaë! (wütend) untertauchte.
Ich stürzte an den Fluß: niemand, nichts – nur ein riesiger Aal, der sich zwischen den kleinen Kieseln auf dem Grunde hinwand.
Nicht ohne Schwierigkeit langte ich endlich nahe beim Aroraï, dem Gipfel des gefürchteten heiligen Berges, an.
Es war Abend, der Mond ging auf, und als ich ihn die rauhe Stirn des Berges weich in seinen leichten Schimmer hüllen sah, erinnerte ich mich der berühmten Sage:
Paraü Hina Tefatou(Hina sprach zu Tefatou ...), eine uralte Sage, die die Mädchen abends gern erzählen und für die sie als Schauplatz gerade den Ort bezeichnen, wo ich mich befand.
Ich glaubte es zu sehen:
Den mächtigen Kopf eines Gottmenschen, das gewaltige Haupt eines Helden, dem die Natur das stolze Bewußtsein seiner Kraft gegeben, ein herrliches Riesenantlitz, wie an der Schwelle des Alls. Und eine sanfte zärtliche Frau, die leise das Haar des Gottes berührt und spricht:
– Lasse den Menschen wieder auferstehen, wenn er gestorben ist ...
Und die strengen, doch nicht grausamen Lippen des Gottes öffnen sich, um zu antworten:
Nein, ich werde ihn nicht auferstehen lassen. Der Mensch wird sterben; die Pflanzen werden sterben wie sie, die sich davon nähren, die Erde wird untergehen, sie wird untergehen, um nicht wieder zu erstehen.
Hina erwiderte:
– Tue, wie es dir gefällt. Ich aber werde den Mond wieder auferstehen lassen.
Und was Hina gehörte, fuhr fort zu leben. Was Tefatou gehörte, ging unter, und der Mensch mußte sterben.
***
Ich war seit einiger Zeit mißmutig geworden. Meine Arbeit litt darunter. Es fehlten mir viele wesentliche Hilfsmittel, es verstimmte mich, künstlerischen Aufgaben, die mich berauschten, machtlos gegenüberzustehen, aber hauptsächlich fehlte mir die Lust.
Seit mehreren Monaten war ich von Titi getrennt, hatte seit Monaten nicht mehr ihr übermütig kindliches, zwitscherndes Geplauder über dieselben Dinge und dieselben Fragen gehört, auf die ich immer mit denselben Geschichten antwortete.
Und diese Stille tat mir nicht gut. Ich beschloß fortzugehen, eine Fahrt um die Insel zu machen, für die ich kein bestimmtes Ziel festsetzte.
Während ich meine Vorbereitungen traf – ein paar leichte Pakete für die Bedürfnisse der Reise – und meine Studien ordnete, schaute mein Nachbar und Freund Anani mir beunruhigt zu. Nach langem Zögern, begonnenen und wieder unterbrochenen Gebärden, deren klare Deutlichkeit mich sehr belustigte und zugleich rührte, entschloß er sich endlich, mich zu fragen, ob ich mich anschickte fortzugehen.
– Nein, erwiderte ich, ich will nur einen Ausflug von mehreren Tagen machen.
Ich komme wieder.
Er glaubte mir nicht und fing an zu weinen!
Sein Weib gesellte sich zu ihm und versicherte mich ihrer Zuneigung, sagte mir, daß ich kein Geld brauche, um unter ihnen zu leben, daß ich, wenn ich wollte, einst für immerdortruhen könnte – sie wies auf einen mit einem Bäumchen geschmückten Grabhügel nahe bei ihrer Hütte.
Und plötzlich verlangte mich danach – dort – zu ruhen. Da würde mich wenigstens in alle Ewigkeit niemand stören ...
– Ihr Europäer seid seltsam, fügte das Weib des Anani hinzu. Ihr kommt, ihr versprecht zu bleiben, und wenn man euch lieb hat, geht ihr wieder?
Ihr sagt, ihr kommt wieder, aber ihr kehrt niemals zurück!
– Ich aber schwur, daß es meine Absicht sei,diesmalwiederzukommen.
Später (ich wagte nicht zu lügen), später wüßte ich noch nicht ...
Schließlich ließen sie mich ziehen.
***
Ich weiche von dem Weg ab, der am Strande entlang geht, und schlage einen schmalen Pfad durch tiefes Dickicht ein. Der Weg führt mich so weit ins Gebirge, daß ich nach Verlauf einiger Stunden ein kleines Tal erreiche,dessen Bewohner noch nach altem maorischem Brauch leben.
Sie sind still und glücklich. Sie träumen, sie lieben, schlafen und singen, – sie beten, und das Christentum scheint noch nicht bis hierher gedrungen zu sein. Deutlich sehe ich die Statuen ihrer Gottheiten vor mir, obwohl sie in Wirklichkeit längst verschwunden sind, besonders die Statue der Hina, und die Feste zu Ehren der Mondgöttin. Das Götzenbild, aus einem einzigen Block, mißt zehn Fuß von einer Schulter zur andern und vierzig Fuß in der Höhe. Auf dem Haupte trägt sie in Gestalt einer Kappe einen riesigen Stein von rötlicher Farbe. Um sie herum wird nach altem Ritus derMatamuagetanzt, und das Vivo[4]stimmt seinen Ton je nach der Farbe der Stunde froh, heiter oder düster und traurig ...
Ich setze meinen Weg fort.
In Taravao – dem weitest entfernten Distrikt von Mataïéa, am andern äußersten Ende der Insel – leiht ein Gendarm mir sein Pferd, und ich trabe an der von Europäern wenig besuchten Küste entlang.
In Faone, einem kleineren Ort vor dem bedeutenderen Itia, ruft mich ein Eingeborner an.
– He! Mann, der Menschen macht! (er weiß, daß ich Maler bin.)Haëré mai ta maha(Komm und iß mit uns: die tahitische Formel der Gastfreundschaft).
Ich lasse mich nicht bitten, so anmutend und herzlich ist das die Einladung begleitende Lächeln.
Ich steige vom Pferde. Mein Wirt nimmt das Tier am Zaum und bindet es ohne eine Spur von Unterwürfigkeit geschickt an einen Baum.
Dann treten wir miteinander in eine Hütte, wo Männer und Frauen plaudernd und rauchend auf dem Boden sitzen. Um sie her spielen und tummeln sich die Kinder.
– Wohin willst du? fragte mich eine schöne, etwa vierzigjährige Maorie.
Ich will nach Itia.
– Wozu?
Ich weiß nicht, was mir in den Sinn kam, oder vielleicht nannte ich den wahren, mir bis dahin noch selber verborgenen Zweck meiner Reise.
– Um dort eine Frau zu suchen, antwortete ich.
– In Faone gibt es viele und hübsche. Willst du eine von ihnen?
– Ja!
– Wohlan! Gefällt sie dir, so will ich sie dir geben. Es ist meine Tochter.
– Ist sie jung?
– Ja.
– Ist sie hübsch?
– Ja.
– Ist sie gesund?
– Ja.
– Gut. So bringe sie mir.
Die Frau ging hinaus.
Nach einer Viertelstunde, als das Mahl – wilde Bananen und Krabben – aufgetragen wurde, kam sie in Begleitung eines jungen Mädchens wieder herein, das ein kleines Bündel in der Hand hielt.
Durch das Gewand von sehr durchsichtigem rosa Musselin schimmerte die goldige Haut ihrer Schultern und Arme. Zwei Knospen hoben sich schwellend an ihrer Brust. Es war ein schlankes, großes, kräftiges Kind von wunderbarem Ebenmaß. Aber in dem schönen Gesicht fand ich nicht jenen Typus wieder, der mir sonst überall auf der Insel begegnet war. Auch das Haar war ungewöhnlich buschig und leicht gewellt. In der Sonne bot alles dies eine wahre Orgie von Chrom.
Man sagte mir, daß sie von den Tongas abstamme.
Ich begrüßte sie, sie lächelte und setzte sich neben mich.
– Du hast keine Furcht vor mir? fragte ich.
– Aïta (nein).
– Willst du für immer in meiner Hütte wohnen?
– Eha (ja).
– Du bist nie krank gewesen?
– Aïta.
Das war alles.
Mir schlug das Herz, während das Mädchen gelassen am Boden vor mir die Speisen auf einem großen Bananenbrett für mich anrichtete. Ich aß mit gutem Appetit, aber ich war zerstreut und tief erregt. Dieses Kind von etwa dreizehn Jahren (achtzehn bis zwanzig in Europa) entzückte mich, schüchterte mich ein und erschreckte mich fast. Was mochte in dieser Seele vorgehen? Und ich, der so alt war im Vergleich zu ihr, ich zögerte einen Augenblick, den so eilig abgeschlossenen Vertrag zu unterzeichnen, bei dem doch alle Vorteile auf meiner Seite waren!
Vielleicht – dachte ich – gehorchte sie einem Befehl der Mutter. Vielleicht ist es ein Handel, den sie unter sich ausgemacht haben ...
Ich beruhigte mich, als ich in den Zügen des jungen Mädchens, in seinem Gebaren und seiner Haltung die Zeichen wahrer Unabhängigkeit und eines Stolzes erkannte, die so charakteristisch für seine Rasse sind. Und mein Vertrauen ward vollkommen und unerschütterlich, als ich nach eingehender Forschung deutlich jenen Ausdruck von Heiterkeit bei ihr wahrnahm, der bei jungen Wesen immer eine ehrenhafte, löbliche Handlung begleitet. – Allein der spöttische Zug um ihren hübschen, weichen, sinnlichen Mund war mir eine Gewähr dafür, daß die Gefahren des Abenteuers nur für mich bestanden, nicht für sie ...
Ich leugne nicht, daß mir in einer seltsam bedrückenden Angst ganz beklommen zumute war, als ich die Schwelle der Hütte überschritt.
Die Stunde der Abreise war gekommen. Ich stieg zu Pferde.
Das Mädchen folgte mir, von der Mutter, einem Mann und zwei jungen Frauen – seinen Tanten, wie es sagte – begleitet.
Wir kehrten nach Taravao zurück, das neun Kilometer von Faone entfernt ist.
Nach dem ersten Kilometer hieß es:
– Parahi téié (hier mache Halt).
Ich stieg vom Pferde, und wir traten alle sechs in eine große, sauber gehaltene, beinahe reiche, mit hübschen Matten ausgestattete Hütte.
Ein noch junges und außerordentlich liebenswürdiges Paar bewohnte sie. Meine Braut setzte sich neben die Frau und stellte mich vor.
– Dies ist meine Mutter, sagte sie.
Dann wurde schweigend ein Becher mit frischem Wasser gefüllt, von dem wir alle der Reihe nach feierlich tranken, als handele es sich um einen alten frommen Brauch.
Hierauf sagte die eben von meiner Braut als ihre Mutter bezeichnete Frau mit gerührtem Blick und feuchten Wimpern zu mir:
– Du bist gut?
Nicht ohne Verwirrung antwortete ich nach einer Prüfung meines Gewissens:
– Ich hoffe es.
– Wirst du meine Tochter glücklich machen?
– Ja.
– In acht Tagen muß sie wiederkommen. Wenn sie nicht glücklich ist, wird sie dich verlassen.
Ich willigte mit einer Gebärde ein. Allgemeines Schweigen. Niemand schien eine Unterbrechung zu wagen.
Endlich gingen wir hinaus, ich bestieg wieder mein Pferd und brach, immer von meinem Gefolge geleitet, von neuem auf.
Unterwegs begegneten wir mehreren Personen, die meine Familie kannten. Sie waren bereits von dem Ereignis unterrichtet und sagten, als sie das Mädchen begrüßten:
– Bist du jetzt wirklich die Vahina eines Franzosen? Viel Glück!
Ein Punkt beunruhigte mich. Wie kam Tehura (so hieß meine Frau) zu zwei Müttern?
Ich fragte die erste, die sie mir angeboten hatte:
– Warum hast du gelogen?
Die Mutter Tehuras antwortete:
– Ich habe nicht gelogen. Die andere ist auch ihre Mutter, sie ist ihre Amme.
***
In Taravao gab ich dem Gendarm sein Pferd zurück, und es kam zu einem peinlichen Vorfall. Die Frau des Gendarmen, eine Französin, sagte zwar ohne Spott, aber taktlos zu mir:
– Was! Sie nehmen sich eine solche Dirne mit?
Und ihre boshaften Augen entkleideten das junge Mädchen, das dieser beleidigenden Prüfung mit vollkommener Kaltblütigkeit begegnete.
Ich betrachtete einen Augenblick dies symbolische Schauspiel, das die beiden Frauen mir boten: Hier erste Blütezeit, Glaube und Natur, dort Dürre, Zwang und Künstelei. Zwei feindliche Rassen standen sich gegenüber, und ich schämte mich der meinigen. Ich litt darunter, sie so kleinlich und verständnislos zu sehen, und wandte mich schnell ab, um mich an dem Glanz der andern, an diesem lebenden Gold zu erfreuen und zu erwärmen, das ich schon liebte.
In Taravao verabschiedete die Familie sich bei dem Chinesen von uns, wo alles zu haben ist, verfälschte Liköre und Früchte, Waffen und Stoffe, Männer, Frauen und Vieh.
Meine Frau und ich benutzten einen Wagen, der uns 25 Kilometer weiter, in Mateïéa, vor meiner Hütte absetzte.
***
Meine Frau war nicht sehr gesprächig, heiter und melancholisch zugleich, vor allem aber spottlustig.
Wir hörten nicht auf, uns gegenseitig zu studieren, aber sie blieb unergründlich, und ich war bald der Besiegte in diesem Kampf.
Der gute Vorsatz, mich zu überwachen, zu beherrschen, um ein scharfsichtiger Beobachter zu werden, half mir wenig, meine Kraft ging bald zu Ende – und ich war für Tehura in kurzer Zeit ein offenes Buch.
Ich ward nun gewissermaßen auf meine Kosten und an meiner eignen Person der tiefen Kluft gewahr, die eine australische Seele von einer lateinischen und besonders einer französischen Seele trennt. Die Seele der Maories offenbart sich nicht sogleich. Es bedarf großer Geduld und eines Studiums, um ihrer habhaft zu werden. Und selbst wenn man sie von Grund aus zu kennen meint, bringt sie einen durch ganz unvorhergesehene „Sprünge“ aus der Fassung. Im Anfang aber ist sie ein Rätsel oder vielmehr eine unendliche Reihe von Rätseln. Im Augenblick, da man sie zu fassen meint, ist sie fern, unerreichbar, unnahbar unter dem Mantel der Heiterkeit. Dann nähert sie sich vielleicht freiwillig, um abermals zu entschlüpfen, sobald man die geringste Gewißheit zu erkennen gibt. Und während man, durch dies Gebaren verwirrt, ihr innerstes Wesen sucht, bewahrt sie ihre unverwüstlich fröhliche Zuversicht und sorglose Leichtherzigkeit, die vielleicht weniger echt ist, als es den Anschein hat.
Für mein Teil verzichtete ich bald auf Grübeleien, die mich hinderten, mein Leben zu genießen. Voll Vertrauen erwartete ich mit der Zeit Offenbarungen, die mir anfangs verwehrt blieben.
Die Woche verstrich so, und ich hatte ein Gefühl von „Kindlichkeit“, das ich vormals nie gekannt.
Ich liebte Tehura und sagte es ihr, aber es machte sie lachen: sie wußte es ja!
Auch sie schien mich zu lieben, doch sprach sie davon nicht zu mir: – Aber zuweilen, in der Nacht, leuchtete das Gold von Tehuras Haut ...
Am achten Tag ... mir war, als hätten wir eben erst miteinander unsere Hütte betreten – bat Tehura mich um Erlaubnis, ihre Mutter in Faone zu besuchen. Es war eine versprochene Sache.
Betrübt fügte ich mich, band einige Piaster in ihr Taschentuch, von denen sie die Kosten der Reise und Rum für ihren Vater bestreiten konnte, und begleitete sie zu dem Wagen.
Ich hatte das Gefühl eines Abschieds für immer.
Die folgenden Tage waren qualvoll.
Die Einsamkeit trieb mich aus der Hütte, und Erinnerungen riefen mich dahin wieder zurück. Keine Studie vermochte meine Gedanken zu fesseln ...
Eine zweite Woche verging, und Tehura kehrte zurück.
Nun fing ein vollkommen glückliches Leben an. Glück und Arbeit begannen zugleich mit der Sonne und strahlend wie sie. Das Gold von Tehuras Antlitz erhellte das Innere unserer Hütte und die Landschaft ringsum mit einem Schimmer von Freude und Heiterkeit. Sie studierte mich nicht mehr und ich nicht sie. Sie verheimlichte mir ihre Liebe nicht länger, und ich sprach ihr nicht mehr von der meinen. Wir lebten beide in aller Einfachheit.
Wie wohl tat es, sich morgens im nächsten Bach zu erfrischen – ganz wie ich mir denke, daß es im Paradies der erste Mann und das erste Weib getan!
Paradies von Tahiti,navé navé fénua, – köstliches Land!
Und die Eva dieses Paradieses gestaltete sich immer liebevoller und empfänglicher. Ich bin von ihrem Duft durchdrungen:noa, noa! Sie ist zur rechten Zeit in mein Leben getreten. Früher hätte ich sie vielleicht nicht verstanden, und später wäre es zu spät gewesen. Jetzt verstehe ich sie, wie ich sie liebe, und durch sie dringe ich in Mysterien ein, die mir bis dahin unzugänglich waren.
Allein mein Geist verarbeitet diese Entdeckungen noch nicht, ich präge sie noch nicht meinem Gedächtnisse ein. Alles was Tehura mir erzählt, erfasse ich nur mit Gefühl.
In meinen Empfindungen und Eindrücken werde ich ihre Worte einst wiederfinden. Durch ihre täglichen Mitteilungen über ihr Leben führt sie mich sicherer, als es durch irgendeine andere Methode geschehen könnte, zum vollen Verständnis ihrer Rasse.
Und ich habe kein Bewußtsein mehr von Tagen oder Stunden, von Gut und Böse. Das Glück ist zuweilen so seltsam, daß der Begriff davon fast aufgehoben wird. Ich weiß nur, daß alles gut ist, weil alles schön ist.
Und Tehura stört mich nie, wenn ich arbeite oder träume. Instinktmäßig schweigt sie dann. Sie weiß sehr gut, wann sie sprechen kann, ohne mich zu belästigen.
Wir unterhalten uns über Tahiti, über Europa, über Gott und Götter. Ich unterrichte sie und sie belehrt mich.
***
Ich mußte für einen Tag nach Papeete fahren.
Zwar hatte ich versprochen, am selben Abend zurückzukehren, aber der Wagen, den ich genommen, verließ mich auf halbem Wege, ich mußte den Rest zu Fuß zurücklegen, und es wurde 1 Uhr morgens, ehe ich zu Hause anlangte.
Als ich die Tür öffnete, sah ich beklommenen Herzens, daß es drinnen dunkel war. Dies hatte an sich nichts Merkwürdiges, denn wir besaßen augenblicklich nur wenig Licht, und den Vorrat zu erneuern, war mit ein Grund für meine Abwesenheit. Aber ich zitterte in einem plötzlichen Gefühl der Furcht und des Argwohns, das ich für eine Vorahnung hielt: der Vogel war gewiß davongeflogen ...
Schnell zündete ich ein Streichholz an und sah – Tehura reglos, nackt, platt hingestreckt auf dem Bett, die Augen vor Angst übermäßig weit geöffnet. Sie sah mich an und schien mich nicht zu erkennen. Ich selber blieb einige Augenblicke in seltsamer Ungewißheit stehen. Tehuras Entsetzen wirkte ansteckend. Mir war, als entströme ihren starr blickenden Augen ein Phosphorschein. Niemals hatte ich sie so schön, von so rührender Schönheit gesehn. Und dann fürchtete ich in diesem, für sie sicherlich von bedenklichen Erscheinungen belebten Halbdunkel eine Bewegung zu machen, die sie erschrecken und den Paroxysmus des Kindes steigern konnte. Wußte ich denn, was ich in diesem Augenblick für sie war? Ob sie mich mit meinem entsetzten Gesicht nicht für einen Dämon oder Geist, einen der Tupapaüs hielt, die ihren Sagen nach in schlaflosen Nächten erscheinen? Wußte ich, wer sie selber eigentlich war? Die Intensität des Entsetzens, von dem sie unter der physischen und moralischen Gewalt ihres Aberglaubens besessen war, machte sie zu einem fremden Wesen für mich, ganz verschieden von allem, was ich bisher gekannt!
Endlich kam sie zu sich, rief mich an, und ich ermannte mich, sie zu schelten, zu beruhigen und zu beschwichtigen.
Sie hörte mich schmollend an und sagte dann mit vor Schluchzen zitternder Stimme:
– Laß mich nicht wieder so allein ohne Licht ...
Aber kaum war die Furcht eingeschlummert, als die Eifersucht erwachte:
– Was tatest du in der Stadt? Du hast Frauen besucht, solche, die auf Märkten tanzen und trinken, die sich Offizieren und Matrosen und jedem geben ...
Ich ließ mich auf keinen Streit ein, und die Nacht ward süß – süß und feurig, eine Tropennacht.
Tehura war bald sehr liebevoll und vernünftig, bald ausgelassen und sehr übermütig. Zwei entgegengesetzte Wesen – ohne viele andere unendlich verschiedene mitzurechnen – in einem vereint, die sich gegenseitig Lügen straften und in betäubender Geschwindigkeit unvermittelt aufeinander folgten. Sie war nicht veränderlich, sondern doppelt, dreifach, hundertfach: das Kind eineraltenRasse.
Eines Tages kommt ein Hausierer, der ewige Jude – er macht die Inseln unsicher wie das Festland – und bringt ein Kästchen mit Schmucksachen aus vergoldetem Kupfer an.
Er breitet seine Waren aus, und alle umringen ihn.
Ein Paar Ohrringe gehen von Hand zu Hand. Die Augen der Frauen leuchten, jede möchte sie haben.
Tehura runzelt die Brauen und sieht mich an. Ihre Augen reden sehr deutlich. Ich stelle mich, als ob ich sie nicht verstände.
Sie zieht mich in eine Ecke:
– Ich will sie haben!
Ich erkläre ihr, daß dieses Zeug in Frankreich gar keinen Wert habe, daß sie ausKupferseien.
– Ich will sie haben!
– Nicht doch! Für solche Dummheit 20 Francs bezahlen! Das wäre eine Torheit. Nein.
– Ich will sie haben!
Und mit leidenschaftlicher Zungenfertigkeit, die Augen voll Tränen, dringt sie in mich:
– Wie, würdest du dich nicht schämen, diesen Schmuck in den Ohren einer andern zu sehen? Einer dort spricht schon davon, sein Pferd zu verkaufen, um seiner Vahina die Ohrringe zu schenken!
Ich kann auf diese Torheit nicht eingehen und schlage ihr es zum zweitenmal ab.
Tehura blickt mich starr an, ohne noch ein Wort zu verlieren, und weint.
Ich gehe fort, komme wieder zurück, gebe dem Juden schließlich die zwanzig Francs – und die Sonne scheint wieder.
Zwei Tage später war ein Sonntag. Tehura macht große Toilette. Das Haar wird mit Seife gewaschen, dann in der Sonne getrocknet und schließlich mit duftendem Öl eingerieben. In ihrem schönsten Kleide, eins vonmeinenTaschentüchern in der Hand, eine Blume hinterm Ohr und mit – nackten Füßen geht sie zum Tempel.
– Und deine Ohrringe? frage ich.
Tehura verzieht verächtlich den Mund:
– Sie sind ja aus Kupfer!
Und mit lautem Lachen überschreitet sie die Schwelle der Hütte und geht, plötzlich wieder ernst geworden, davon.
Die Mittagsruhe verbringen wir, wie an jedem andern Tage, schlafend oder träumend nebeneinander. Vielleicht sieht Tehura in ihrem Traume andere Ohrringe glitzern.
Ich möchte alles vergessen, was ich weiß, und immer schlafen ...
***
Eines Tages bei schönem Wetter – auf Tahiti keine Ausnahme – beschlossen wir, uns morgens aufzumachen, um Freunde zu besuchen, deren Hütte zehn Kilometer von der unsrigen entfernt war.
Da wir um sechs Uhr aufgebrochen waren, legten wir den Weg in der Kühle schnell zurück und langten schon um acht Uhr an.
Wir wurden nicht erwartet: die Freude war groß, und nach beendeter Begrüßung machten sie sich auf die Suche nach einem Schwein, um uns ein Fest zu bereiten. Es wurde geschlachtet und dem Schwein noch zwei Hühner beigesellt. Eine prachtvolle, am Morgen gefangene Tintenschnecke, einige Bananen und andere Früchte vervollständigten das reichliche Mahl. Ich machte den Vorschlag, in der Zeit bis zum Mittagessen die Grotten von Mara zu besichtigen, die ich oft von fern gesehen hatte, ohne jemals die Gelegenheit zu finden, sie aufzusuchen.
Drei junge Mädchen, ein Knabe, Tehura und ich, eine lustige kleine Gesellschaft, hatten das Ziel bald erreicht.
Vom Wegrand aus könnte man die fast ganz von Guavabäumen verdeckte Grotte einfach für einen Felsenvorsprung oder eine etwas tiefere Spalte halten. Aber biegt man die Zweige zurück und gleitet man einen Meter weiter hinunter, so ist keine Sonne mehr sichtbar, man befindet sich in einer Art Höhle, deren Grund an eine kleine Bühne mit hochroter, scheinbar etwa 100 m weit entfernter Decke erinnert. Hie und da an den Wänden glaubt man riesige Schlangen sich langsam dehnen zu sehen, um an der Oberfläche des inneren Sees zu trinken. Aber es sind Wurzeln, die sich einen Weg durch die Felsspalten bahnen.
– Ob wir ein Bad nehmen?
Ich erhalte zur Antwort, daß das Wasser zu kalt sei, und abseits werden lange, von Lachen unterbrochene Unterhandlungen geführt, die mich neugierig machen.
Ich gebe nicht nach, und endlich entschließen die Mädchen sich, sie legen ihre leichten Gewänder ab, und mit dem Paréo umgürtet, sind wir bald alle im Wasser.
– Toë, toë! rufen alle einstimmig.
Das Wasser plätschert, und ihre Rufe werden von tausend Echos zurückgeworfen, die dastoë, toëwiederholen.
– Kommst du mit mir, frage ich Tehura und zeige auf den Grund.
Bist du toll? Da hinunter, so weit! Und die Aale? Da hinunter wagt man sich nie!
Und anmutig schwang sie sich leicht auf das Ufer, wie einer, der stolz ist, so gut schwimmen zu können. Aber ich bin auch ein guter Schwimmer, und obwohl ich mich nicht gern allein so weit fort wagte, steuerte ich auf den Grund zu.
Durch welch seltsames Phänomen der Luftspiegelung mochte er sich aber immer mehr von mir entfernen, je angestrengter ich mich bemühte, ihn zu erreichen? Ich drang immer weiter vorwärts, und von allen Seiten blickten die großen Schlangen mich spöttisch an. Einen Augenblick glaubte ich eine große Schildkröte schwimmen zu sehen, ihr Kopf ragte aus dem Wasser, und ich unterschied zwei starre, glänzende Augen, die mich argwöhnisch anschauten. – Torheit! dachte ich: die Meerschildkröten leben nicht in süßem Wasser. Dennoch (bin ich denn wirklich ein Maorie geworden?) kommen mir Zweifel, und es fehlt wenig, daß mir schaudert. Was sind das nur für breite, stille Wellen da vor mir? Aale!
– Ach was, diese lähmende Empfindung von Furcht muß abgeschüttelt werden!
Ich ließ mich senkrecht hinunter, um auf den Grund zu kommen. Doch ich mußte wieder hinauf, ohne daß es mir gelungen war. Vom Ufer rief Tehura mir zu:
– Komm zurück!
Ich wende mich um und sehe sie sehr weit und ganz klein.
Warum geht die Entfernung auch hier bis ins Unendliche? Tehura ist nur noch ein schwarzer Punkt in einem leuchtenden Kreise.
Ich bleibe hartnäckig und schwimme noch eine halbe Stunde: der Grund scheint immer in der gleichen Entfernung zu bleiben.
Ein Ruhepunkt auf einem kleinen Plateau und dann wieder ein gähnendes Loch – wohin mochte es führen? Ein Geheimnis, das zu ergründen ich aufgebe.
Ich gestehe, daß ich schließlich wirklich Furcht empfand.
Ich brauchte eine volle Stunde, um mein Ziel zu erreichen.
Tehura allein erwartete mich. Ihre Gefährtinnen waren gleichgültig fortgegangen.
Tehura sprach ein Gebet, und wir verließen die Grotte.
Ich zitterte noch ein wenig – vor Kälte. Aber im Freien erholte ich mich bald, besonders als Tehura mit einem Lächeln, das mir nicht ganz frei von Spott zu sein schien, fragte:
– Du hast dich nicht gefürchtet?
Mit Entrüstung erwiderte ich:
– Wir Franzosen kennen keine Furcht.
Tehura äußerte weder Mitleid noch Bewunderung. Aber ich merkte, daß sie aus einem Augenwinkel forschend nach mir spähte, als ich ein paar Schritte voranging, um eine farbige Tiaré für ihren Haarbusch zu pflücken.
Der Weg war schön und herrlich das Meer. Vor uns erhoben sich Moreas stolze grandiose Berge.
Wie lebt es sich gut! Und mit welchem Appetit verzehrt man nach einem zweistündigen Bad das lecker bereitete Schweinchen, das uns im Hause erwartet!
***
In Mataïéa fand eine große Hochzeit statt – eine echte Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionaresie den bekehrten Tahitianern vorschreiben.
Ich war dazu eingeladen und Tehura begleitete mich.
Das Mahl bildet auf Tahiti – wie überall, glaube ich – die Hauptfeier. Auf Tahiti wenigstens entfaltet man bei diesen Feierlichkeiten den größten kulinarischen Luxus. Auf heißen Steinen gebratene Schweinchen, eine unglaubliche Menge von Fischen, Bananen, Guaven, Taros u. a.
Der Tisch, an dem eine ansehnliche Zahl von Gästen saß, stand unter einem improvisierten Dach, das anmutig mit Blumen und Blättern geschmückt war. Alle Verwandten und Freunde der Neuvermählten waren anwesend.
Das junge Mädchen – die Lehrerin des Ortes, eine Halb-Weiße – nahm einen echten Maorie, den Sohn des Häuptlings von Punaauïa, zum Manne. Sie war in der „frommen Schule“ von Papeete erzogen worden, und der protestantische Bischof, der sich für sie interessierte, hatte diese Heirat, die viele für etwas übereilt hielten, persönlich vermittelt. – Was der Missionar will, ist Gottes Wille, sagt man draußen ...
Eine volle Stunde wird gespeist und – viel getrunken. Dann beginnen die zahlreichen Reden. Sie werden der Reihe nach und mit Methode gehalten, es ist ein sehr komischer Wettstreit der Beredsamkeit.
Nun kommt die wichtige Frage: welche der beiden Familien gibt den Neuvermählten einen neuen Namen? Dieser aus sehr alter Zeit stammende nationale Brauch bedeutet ein geschätztes, sehr begehrtes und viel umstrittenes Vorrecht. Nicht selten artet der Streit über diesen Punkt in einen blutigen Kampf aus.
Diesmal kam es nicht zu einem solchen. Alles verlief fröhlich und friedlich. Allerdings war die Tischgesellschaft stark berauscht. Selbst meine arme Vahina, die nicht unter meiner Aufsicht bleiben konnte, kam, durch das Beispiel verleitet, in einen furchtbaren Rausch, und ich brachte sie nicht ohne Mühe nach Haus.
Mitten am Tische thronte in bewundernswerter Würde die Frau des Häuptlings von Punaauïa. Ihr auffallendes, phantastisches Kleid von orangefarbenem Samt gab ihr ungefähr das Aussehen einer Jahrmarktsheldin. Aber die unverwüstliche Anmut ihrer Rasse, wie das Bewußtsein ihres Ranges verlieh ihrem Flitter eine unbeschreibliche Größe. Die Gegenwart dieser majestätischen Frau von sehr reinem Typus gab diesem Fest eine stärkere Würze als alles andere, und die Wirkung davon blieb nicht aus.
Neben ihr saß eine hundertjährige Greisin, deren Hinfälligkeit durch eine voll erhaltene Doppelreihe Menschenfresserzähne abschreckend war. Sie nahm wenig teil an dem, was um sie herum geschah, und blieb unbeweglich starr, fast wie eine Mumie. Aber eine Tätowierung auf ihrer Wange, ein dunkles, in seiner Form unbestimmtes Zeichen, das an einen lateinischen Buchstaben erinnerte, sprach in meinen Augen für sie und erzählte mir ihre Geschichte. Die Tätowierung glich in nichts der der Wilden: sie stammte sicherlich von europäischer Hand!
Ich erkundigte mich darnach.
Ehemals, sagte man mir, als die Missionare gegen die Fleischeslust eiferten, zeichneten sie „gewisse Frauen“ mit dem Stempel der Ehrlosigkeit, dem „Höllensiegel“ – dessen sie sich schämten, aber nicht etwa wegen der begangenen Sünden, sondern wegen der Lächerlichkeit und der Schande einer solchen „Auszeichnung“.
An jenem Tage verstand ich besser denn je das Mißtrauen der Maories den Europäern gegenüber, ein Mißtrauen, das heute noch besteht, so milde es sich bei der großmütigen und gastfreundlichen Natur der australischen Seele auch zeigen mag.
Wieviele Jahre lagen zwischen der von dem Priester gezeichneten Greisin und dem von dem Priester verheirateten jungen Mädchen: Das Zeichen bleibt unauslöschlich und zeugt von dem Niedergang der Rasse, die sich ihm unterwarf, und von der Niedrigkeit jener, die es ihr aufzwang.
Fünf Monate später brachte die junge Frau ein wohlgebildetes Kind zur Welt.
Entrüstet forderten die Eltern eine Scheidung. Der junge Mann widersetzte sich:
– Was tut es, da wir uns lieben, sagte er. Ist es bei uns nicht Brauch, fremde Kinder anzunehmen? Ich nehme dieses an.
Warum aber hatte der Bischof sich so sehr bemüht, die Trauung zu beschleunigen? Es wurde viel besprochen. Böse Zungen behaupteten, daß ...
Selbst auf Tahiti gibt es böse Zungen.
***
Abends im Bett haben wir lange Gespräche, mitunter sehr ernste.
Jetzt, wo ich Tehura verstehen kann, in der der Geist ihrer Vorfahren noch schlummert und träumt, bemühe ich mich durch diese Kinderseele zu sehen und zu denken und in ihr die zwar toten, aber in vagen Erinnerungen noch bestehenden Spuren der fernen Vergangenheit wiederzufinden.
Ich stelle Fragen, und sie bleiben nicht alle ohne Antwort.
Die von unsern Eroberungen mehr betroffenen und von unserer Zivilisation stärker beeinflußten Männer haben die alten Götter vielleicht vergessen. Aber im Gedächtnis der Frauen haben diese sich einen Zufluchtsort bewahrt. Und es ist ein rührendes Schauspiel für mich, wenn unter meiner Einwirkung die alten nationalen Gottheiten allmählich in Tehuras Erinnerung erwachen und die künstlichen Schleier abwerfen, in die protestantische Missionare sie einhüllen zu müssen geglaubt. Im ganzen war das Werk der Katecheten ein sehr oberflächliches. Die Erfolge ihrer Tätigkeit entsprachen, besonders bei den Frauen, nur wenig ihren Erwartungen. Ihre Lehren sind wie eine schwache Firnisschicht, die schnell bei der geringsten Berührung abbröckelt und schwindet.
Tehura besucht regelmäßig den Gottesdienst und befolgt die Vorschriften der offiziellen Religion. Aber sie weiß die Namen aller Götter des maorischen Olymps auswendig, und das ist keine Kleinigkeit. Sie kennt ihre Geschichte, sie lehrt mich, wie sie die Welt erschaffen haben, wie sie herrschen und wie sie geehrt sein wollen. Die strengen Lehren der christlichen Moral sind ihr fremd, oder sie kümmert sich nicht darum, denkt z. B. nicht daran zu bereuen, daß sie die Konkubine – wie sie es nennen – eines Tané ist.
Ich weiß nicht recht, wie sie Jesus und Taaro in ihrem Glauben zueinander stellt. Ich glaube, sie verehrt alle beide.
Nach und nach hat sie mir einen ganzen Kursus über tahitische Religion gehalten. Dafür versuche ich ihr auf Grund europäischer Kenntnisse einige Naturphänomene zu erklären.
Die Sterne interessieren sie sehr. Sie fragt mich nach der französischen Benennung des Morgen-, des Abendsterns und der anderen Gestirne. Es wird ihr schwer zu begreifen, daß die Erde sich um die Sonne dreht ...
Sie nennt mir die Sterne in ihrer Sprache, und während sie erzählt, sehe ich beim Schein der Gestirne, die selber Gottheiten sind, die heiligen Gestalten der maorischen Beherrscher der Luft, des Feuers, der Inseln und Meere deutlich vor mir.
Die Bewohner von Tahiti haben immer, soweit man auch in ihrer Geschichte zurückgreift, ziemlich ausgedehnte Kenntnisse in der Astronomie besessen. Die periodischen Feste der Aréoïs – Mitglieder einer geheimen religiösen und zugleich politischen Gesellschaft, die auf den Inseln herrschte – wurden nach der Stellung der Gestirne bestimmt. Selbst die Natur des Mondlichtes scheint den Maories nicht unbekannt gewesen zu sein. Sie nehmen an, daß der Mond eine der Erde sehr ähnliche Kugel sei, wie diese bewohnt und reich an Produkten wie die unsrigen.
Die Entfernung der Erde vom Monde schätzen sie auf ihre Weise: – Eine weiße Taube brachte den Samen des Baumes Ora vom Mond auf die Erde. Sie brauchtezwei Monde, den Trabanten zu erreichen, und als sie nach abermals zwei Monden auf die Erde fiel, war sie federlos. – Dieser Vogel hat von allen den Maories bekannten Vögeln den schnellsten Flug.
Dies aber ist die tahitische Benennung der Sterne. Ich vervollständige Tehuras Lektion mit Hilfe des Fragments einer uralten Handschrift, die in Polynesien gefunden wurde.
Ist es zu gewagt, darin eher die erste Andeutung eines von der Astronomie aufgestellten Systems, als ein zufälliges Spiel der Phantasie zu sehen?