Roüa – groß ist sein Stamm – schlief mit seinem Weibe, der Düsteren Erde.Sie gebar ihren König, die Sonne, darauf die Dämmerung, dann die Nacht.Da verstieß Roüa dieses Weib.Roüa – groß ist sein Stamm – schlief mit der Frau, genannt „Grande Réunion“.Sie gebar die Königinnen des Himmels, die Gestirne, sodann den Stern Tahiti, den Abendstern.Der König der goldenen Himmel, der einzige König schlief mit seinem Weibe Fanoüi.Von ihr stammt das Gestirn Taüroüa (Venus), der Morgenstern, der König Taüroüa, der dem Tag und der Nacht und andern Sternen, dem Mond und der Sonne gebeut und den Schiffern als Führer dient.Taüroüa segelte links gen Norden, schlief dort mit seinem Weibe und zeugte den Roten-Stern, jenen Stern, der abends unter zwei Antlitzen leuchtet.Der Rote-Stern flog gegen Osten und setzte seine Piroge instand, die Piroge des hellen Tages, und steuerte gen Himmel. Bei Sonnenaufgang segelte er davon.Rehoüa tritt nun im weiten Raume auf. Er schläft mit seinem Weibe Oüra Tanéïpa.Sie zeugten die Zwillings-Könige, den Plejaden gegenüber.Diese Zwillings-Könige sind sicher dieselben wie unser Kastor und Pollux.Die erste Version der polynesischen Genesis unterliegt Veränderungen, die vielleicht nur Entwicklungen sind.Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Äußeren (oder des Meeres) nennt.Sie zeugten die weißen Wolken, die schwarzen Wolken und den Regen.Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Innern (oder der Erde) nennt.Von ihnen stammt der erste Keim. Stammt alles, was auf der Oberfläche der Erde wächst.Stammt der Nebel auf den Bergen.Stammt, was sich das Starke nennt.Stammt sie, die sich die Schöne nennt oder die zum Gefallen-Geschmückte.Mahoüi[5]steuert seine Piroge.Er setzt sich nieder auf den Boden. Ihm zur Rechten hängt der mit Haarsträhnen an der Leine befestigte Angelhaken.Und die Leine mit dem Angelhaken, die er in der Hand hält, läßt er in die Tiefe des Weltalls hinunter, um den großen Fisch (die Erde) zu fischen.Der Haken hat sich festgebissen.Schon kommen die Achsen zum Vorschein, schon fühlt der Gott das enorme Gewicht des Erdballs.Tefatou (der Gott der Erde und die Erde selber) taucht noch, im unermeßlichen Raume schwebend, von dem Angelhaken erfaßt, aus der Nacht empor.Mahoüi hat den großen Fisch gefischt, der im Raume schwimmt und den er nun nach Belieben lenken kann.Er hält ihn in der Hand.Mahoüi regelt auch den Lauf der Sonne, so daß Tag und Nacht von gleicher Dauer sind.
Roüa – groß ist sein Stamm – schlief mit seinem Weibe, der Düsteren Erde.
Sie gebar ihren König, die Sonne, darauf die Dämmerung, dann die Nacht.
Da verstieß Roüa dieses Weib.
Roüa – groß ist sein Stamm – schlief mit der Frau, genannt „Grande Réunion“.
Sie gebar die Königinnen des Himmels, die Gestirne, sodann den Stern Tahiti, den Abendstern.
Der König der goldenen Himmel, der einzige König schlief mit seinem Weibe Fanoüi.
Von ihr stammt das Gestirn Taüroüa (Venus), der Morgenstern, der König Taüroüa, der dem Tag und der Nacht und andern Sternen, dem Mond und der Sonne gebeut und den Schiffern als Führer dient.
Taüroüa segelte links gen Norden, schlief dort mit seinem Weibe und zeugte den Roten-Stern, jenen Stern, der abends unter zwei Antlitzen leuchtet.
Der Rote-Stern flog gegen Osten und setzte seine Piroge instand, die Piroge des hellen Tages, und steuerte gen Himmel. Bei Sonnenaufgang segelte er davon.
Rehoüa tritt nun im weiten Raume auf. Er schläft mit seinem Weibe Oüra Tanéïpa.
Sie zeugten die Zwillings-Könige, den Plejaden gegenüber.
Diese Zwillings-Könige sind sicher dieselben wie unser Kastor und Pollux.
Die erste Version der polynesischen Genesis unterliegt Veränderungen, die vielleicht nur Entwicklungen sind.
Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Äußeren (oder des Meeres) nennt.
Sie zeugten die weißen Wolken, die schwarzen Wolken und den Regen.
Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Innern (oder der Erde) nennt.
Von ihnen stammt der erste Keim. Stammt alles, was auf der Oberfläche der Erde wächst.
Stammt der Nebel auf den Bergen.
Stammt, was sich das Starke nennt.
Stammt sie, die sich die Schöne nennt oder die zum Gefallen-Geschmückte.
Mahoüi[5]steuert seine Piroge.
Er setzt sich nieder auf den Boden. Ihm zur Rechten hängt der mit Haarsträhnen an der Leine befestigte Angelhaken.
Und die Leine mit dem Angelhaken, die er in der Hand hält, läßt er in die Tiefe des Weltalls hinunter, um den großen Fisch (die Erde) zu fischen.
Der Haken hat sich festgebissen.
Schon kommen die Achsen zum Vorschein, schon fühlt der Gott das enorme Gewicht des Erdballs.
Tefatou (der Gott der Erde und die Erde selber) taucht noch, im unermeßlichen Raume schwebend, von dem Angelhaken erfaßt, aus der Nacht empor.
Mahoüi hat den großen Fisch gefischt, der im Raume schwimmt und den er nun nach Belieben lenken kann.
Er hält ihn in der Hand.
Mahoüi regelt auch den Lauf der Sonne, so daß Tag und Nacht von gleicher Dauer sind.
Ich bat Tehura, mir die Götter zu nennen.
– Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin der Luft.Von ihnen stammt der Regenbogen, der Mondschein, die roten Wolken und der rote Regen.Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin des Erdbusens.Sie zeugten Tefatou, den Geist, der die Erde belebt und sich durch unterirdische Geräusche zu erkennen gibt.Es schlief Taaroa mit der Frau, genannt Jenseits-der-Erde.Sie zeugten die Götter Téirii und Roüanoüa.Darauf Roo, der seitwärts aus dem Leibe der Mutter kam.Und dieselbe Frau gebar noch den Zorn und den Sturm, die Rasenden Winde und auch den Frieden, der ihnen folgt.Und der Ursprung dieser Geister ist an dem Ort, von dem die Boten ausgesandt werden.
– Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin der Luft.
Von ihnen stammt der Regenbogen, der Mondschein, die roten Wolken und der rote Regen.
Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin des Erdbusens.
Sie zeugten Tefatou, den Geist, der die Erde belebt und sich durch unterirdische Geräusche zu erkennen gibt.
Es schlief Taaroa mit der Frau, genannt Jenseits-der-Erde.
Sie zeugten die Götter Téirii und Roüanoüa.
Darauf Roo, der seitwärts aus dem Leibe der Mutter kam.
Und dieselbe Frau gebar noch den Zorn und den Sturm, die Rasenden Winde und auch den Frieden, der ihnen folgt.
Und der Ursprung dieser Geister ist an dem Ort, von dem die Boten ausgesandt werden.
Aber Tehura gibt zu, daß diese Darstellung angefochten wird. Es ist die orthodoxeste Klassifikation.
Die Götter teilten sich in Atuas und Oromatuas.
Die höheren Atuas sind alle Söhne und Enkel des Taaroa.
Sie wohnen in den Himmeln – es gibt deren sieben.
Die Söhne Taaroas und seines Weibes Féii Féii Maïtéraï waren: Oro (der erste der Götter nach seinem Vater, der selbst zwei Söhne hatte, Tetaï Mati und Oüroü Téféta), Raa (Vater von sieben Söhnen), Tané (Vater von sechs Söhnen), Roo, Tiéri, Téfatou, Roüa Noüa, Toma Hora, Roüa Oütia, Moë, Toüpa, Panoüa usw. usw.
Jeder dieser Götter hatte seine besonderen Abzeichen.
Die Werke des Mahoüi und des Tefatou kennen wir bereits ...
Tané hat den siebenten Himmel als Mund – und dies bedeutet, daß der Mund dieses Gottes das äußerste Ende des Himmels ist, von wo aus das Licht die Erde zu erhellen beginnt.
Rii trennte Himmel und Erde.
Roüi wühlte die Wasser des Ozeans auf, durchbrach die feste Masse des Erdballs und teilte ihn in unzählige Teile, die jetzigen Inseln.
Fanoüra, dessen Haupt bis zu den Wolken und dessen Füße bis zum Meeresgrund reichten, und Fatoühoüi, ein anderer Riese, stiegen zusammen nach Eïva – einem unbekannten Lande – hinunter, um das ungeheure Schwein zu bekämpfen und zu vernichten, das die Menschen verschlang.
Hiro, Gott der Diebe, grub mit seinen Fingern Löcher in den Felsen. Er befreite eine Jungfrau, die Riesen an einem verzauberten Ort gefangen hielten: mit einer einzigen Hand riß er die Bäume aus, die am Tage das Gefängnis der Jungfrau verdeckten, und der Zauber war gebrochen ...
Die Atuas niederen Ranges kümmerten sich mehr um das Leben und die Arbeit der Menschen, ohne ihre Gewohnheiten zu teilen.
Es sind: die Atuas Maho (Götter-Haie), Schutzgeister der Seeleute: die Pëho, Götter und Göttinnen der Täler, Schutzgeister der Ackerbauer; die No Te Oüpas Oüpas, Schutzgeister der Sänger, Komödianten und Tänzer; die Raaoü Pava Maïs, Schutzgeister der Ärzte; die No Apas, Götter, denen Opfer dargebracht werden, nachdem sie jemand vor Hexerei und Zauber bewahrt haben; die O Tanoü, Schutzgeister der Arbeiter, die Tané Ité Haas, Schutzgeister der Zimmerleute und Baumeister; die Minias und Papéas, Schutzgeister der Dachdecker; die Matatinis, Schutzgeister der Netzeknüpfer.
Die Oromatuas sind Hausgötter, die Laren.
Es gibt wirkliche Oromatuas und Genien.
Die Oromatuas strafen die Streitsüchtigen und halten den Frieden in den Familien aufrecht. Es sind: die Varna Taatas, Seelen verstorbener Männer und Frauen jeder Familie. Die Eriorios, Seelen der in frühem Alter eines natürlichen Todes gestorbenen Kinder. Die Poüaras, Seelen von Kindern, die bei der Geburt getötet wurden und in den Körper der Heuschrecke zurückgekehrt waren.
Die Genien sind von den Menschen gemutmaßte oder vielmehr wissentlich erdachte Gottheiten. Sie legen irgendeinem Tiere oder einem Gegenstand, einem Baume z. B., ohne jeden Grund willkürlich göttliche Bedeutung bei und fragen ihn dann bei jedem wichtigen Anlaß um Rat. – Vielleicht ist das noch eine Spur der Seelenwanderung der Inder, die die Maories höchst wahrscheinlich gekannt haben.
Ihre historischen Gesänge sind überreich an Sagen, in denen man die Götter wieder die Gestalt von Tieren und Pflanzen annehmen sieht.
Nach den Atuas und Oramatuas kommen in letzter Reihe der himmlischen Rangordnung die Tiis.
Diese Söhne Taaroas und Hinas sind sehr zahlreich.
Als den Göttern untergeordnete und den Menschen fernstehende Geister, vermitteln sie nach derSchöpfungssage der Maories zwischen organischen und unorganischen Wesen und verteidigen die Ansprüche und Rechte dieser gegen die widerrechtlichen Angriffe der anderen.
Ihre Entstehung ist diese:
Es schlief Taaroa mit Ani (Sehnsucht) und sie zeugten: die Sehnsucht der Nacht, den Boten der Finsternis und des Todes; die Sehnsucht des Tages, den Boten des Lichts und des Lebens; die Sehnsucht der Götter, den Boten des Himmlischen, und die Sehnsucht der Menschen, den Boten des Irdischen.
Sodann zeugten sie: Tii-des-Inneren, der über Tiere und Pflanzen wacht, Tii-des-Äußeren, der alle Wesen und Dinge des Meeres hütet; Tii-des-Sandes, Tii-der-Küsten und Tii-der-lockeren Erde; Tii-der-Felsen und Tii-des-Festen-Landes.
Später wurden noch geboren: Nachtleben, Tagesleben, Kommen und Gehen, Ebbe und Flut, Freudenspenden und Genießen.
Die Bildnisse der Tiis waren an der Außenseite der Maraës (Tempel) angebracht und begrenzten das Innere des heiligen Bodens. Man sieht deren auf Felsen und an Küsten, und diese Götzenbilder haben die Aufgabe, die Grenze zwischen Erde und Meer zu bezeichnen, die Harmonie zwischen den beiden Elementen aufrechtzuerhalten und ihren wechselseitigen Eingriffen zu wehren. Reisende haben noch jetzt auf der Ile-de-Pâques einige Tii-Statuen gesehen. Es sind Riesendenkmäler in halb menschlicher, halb tierischer Gestalt, die von einem eigentümlichen Schönheitsbegriff und großer Geschicklichkeit in der Behandlung der Steine zeugen, die architektonisch in Blöcken von geschickt gewählter Farbenzusammenstellung übereinander getürmt sind.
Die europäische Invasion und der Monotheismus haben diese Spuren einer einst hohen Kultur verwischt. Wenn die Tahitianer heutzutage ein Monument errichten, zeigen sie Wunder von schlechtem Geschmack – wie in der Art des Grabmals des Pomare. Sie haben ihre ursprünglichen Instinkte verloren, die in dem steten Verkehr mit der Tier- und Pflanzenwelt in so reichem Maße bei ihnen entwickelt waren. Im Umgang mit uns, inunserer Schulesind sie erst wahrhaft „Wilde“ in jenem Sinne geworden, die der lateinische Okzident diesem Worte unterlegt. Sie sind schön geblieben wie Kunstwerke, aber sie sind (wir haben sie) moralisch und auch physisch unfruchtbar gemacht.
Es existieren noch Spuren der Maraës. Sie waren von Mauern umgebene Vierecke, die durch drei Öffnungen unterbrochen wurden. Drei Seiten bestanden aus Steinmauern von vier bis sechs Fuß, eine weniger hohe als breite Pyramide bildete die vierte. Das Ganze hatte eine Breite von etwa hundert und eine Länge von vierzig Metern. – Bildnisse von Tiis schmückten dies einfache Bauwerk.
Der Mond nimmt einen wichtigen Platz in der metaphysischen Anschauung der Maories ein. Daß ihm zu Ehren ehemals große Feste veranstaltet wurden, ist schon gesagt worden. Hina wird in den überlieferten Erzählungen der Aréoïs oft genannt. Jedoch ist ihre Mitwirkung an der Weltharmonie, ihre Rolle darin eine mehr negative als positive.
Dies geht deutlich aus dem oben angeführten Gespräch zwischen Hina und Tefatou hervor.
Den Exegeten würden solche Worte den schönsten Stoff liefern, wenn sich die australische Bibel auffinden ließe, um sie auszulegen. Vor allem würden sie darin die Lehren einer Religion auf der Verehrung von Naturkräften aufgebaut sehen – ein gemeinsamer Zug aller primitiven Religionen. Die Mehrzahl aller maorischen Götter sind eigentlich eine Personifikation verschiedener Elemente. Aber ein aufmerksamer Blick, der nicht von dem Wunsch abgelenkt und beeinflußt ist, die Überlegenheit unserer Philosophie über die jener „Völkerschaften“ zu beweisen, wird in diesen Legenden sicherlich interessante und eigentümliche Züge finden.
Ich möchte zwei davon anführen – aber ich begnüge mich, darauf hinzuweisen. Es ist Aufgabe der Gelehrten, die Richtigkeit dieser Hypothesen zu bestätigen.
Vor allem ist es die Klarheit, mit der die beiden einzigen und allgemeinen Grundideen des Lebens sich unterscheiden und offenbaren. Die eine, Seele und Intelligenz, Taaora, ist das Männliche, die andere, gewissermaßen Stoff und Körper des nämlichen Gottes, das Weibliche, und dies ist Hina, Ihr gehört die ganze Liebe des Menschen, ihm seine Ehrfurcht. – Hina ist nicht nur der Name des Mondes; es gibt auch eineHina der Luft,Hina des Meeres, eineHina des Inneren, aber diese beiden Silben charakterisieren nur die untergeordneten Teile der Materie. Die Sonne, der Himmel, das Licht und sein Reich, sozusagen alle edlen Teile der Materie – oder vielmehr ihre spirituellen Elemente sind Taaroa. Das geht deutlich aus mehr als einem Ausspruch hervor, in dem die Definition von Geist und Materie wieder zu erkennen ist. – Oder was bedeutet wohl, wenn wir es bei dieser Definition bewenden lassen, die Grundlehre der maorischen Schöpfungsgeschichte:
Das Weltall ist nur die Schale des Taaroa –?
Das Weltall ist nur die Schale des Taaroa –?
Bestätigt diese Lehre nicht den Urglauben an die Einheit des Stoffes; wie die Definition und die Trennung von Geist und Körper die Analyse der zwiefachen Manifestation dieses Stoffes in seiner Einheit! So selten solch ein philosophisches Vorausempfinden bei den Primitiven auch sein mag, darf doch dessen Wahrscheinlichkeit nicht bestritten werden. Es ist wohl zu erkennen, daß die australische Theologie in den Handlungen des Gottes, der die Welt erschuf und sie erhält, zwei Ziele im Auge hat: die erzeugende Ursache und die befruchtete Materie, die treibende Kraft und den verwandelten Gegenstand, Geist und Materie. Ebenso muß man in den beständigen Wechselwirkungen zwischen dem leuchtenden Geist und der empfänglichen Materie, die er belebt, in den aufeinander folgenden Verbindungen des Taaroa mit den verschiedenen Hina-Gestalten, den fortwährenden und wechselnden Einfluß der Sonne erkennen, wie in den Früchten dieser Verbindungen die durch eben diese Elemente hervorgerufenen Wandlungen von Licht und Wärme. Aber hat man dieses Phänomen, von dem aus die beiden Hauptströmungen sich vereinigten, erst einmal vor Augen, so verschmelzen in der Frucht die zeugende Ursache und die befruchtete Materie, in der Bewegung die treibende Kraft und der verwandelte Gegenstand, im Leben Geist und Materie, und das eben erschaffene Weltall ist nichtsals die Schale des Taaroa!
Aus dem Zwiegespräch zwischen Hina und Tefatou geht hervor, daß Mensch und Erde untergehen, während der Mond und die Wesen, welche ihn bewohnen, fortdauern. Wenn wir uns erinnern, daß Hina die Materie vorstellt – in der sich einem wissenschaftlichen Ausspruch nach „alles verwandelt und nichts vergeht“ –, werden wir annehmen müssen, daß der alte maorische Weise, von dem diese Sage stammt, ebensoviel davon wußte wie wir. Die Materie vergeht nicht, das heißt, sie verliert ihre sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften nicht. Der Geist dagegen und die „spirituelle Materie“, das Licht, sind Wandlungen unterworfen: es gibt Nacht und den Tod, wo die Augen sich schließen, von denen Helle auszustrahlen schien, die sie zurückwarfen. – Der Geist, oder die höchste aktuelle Manifestation des Geistes ist der Mensch.Und der Mensch muß sterben ... Er stirbt, um nicht mehr zum Leben zu erwachen.– Wenn aber der Mensch und die Erde, die Früchte der Verbindung von Taaroa mit Hina, auch untergehen, ist doch Taaroa ewig, und uns wird verkündet, daß Hina, die Materie, fortfahren wird zu sein. In alle Ewigkeit werden nun Geist und Materie, das Licht und der Gegenstand, den es zu erhellen strebt, von dem gemeinsamen Verlangen nach einer neuen Verbindung erfüllt sein, aus der ein neuer „Zustand“ der unendlichen Evolution des Lebens hervorgehen wird.
Evolution! ... Einheit des Stoffes ... Wer hätte erwartet, in den Vorstellungen ehemaliger Kannibalen die Beweise einer so hohen Kultur zu finden? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich der Wahrheit nichts zugefügt habe.
Tehura zweifelte zwar durchaus nicht an diesen Abstraktionen, aber sie war nicht davon abzubringen, in den Sternschnuppen schweifende Tupapaüs und trauernde Genien zu sehen. Im selben Sinne wie ihre Vorfahren Taaroa für den Himmel in Person und die von ihm stammende Atuas für Götter und Himmelskörper zugleich hielten, schrieb sie den Sternen menschliche Empfindungen zu. Ich weiß nicht, inwiefern diese poetischen Vorstellungen den Fortschritt der positivsten Wissenschaft hemmen, und bis zu welchem Punkt die höchste Wissenschaft sie verwerfen würde ...
Von einem andern Gesichtspunkt aus wären für das Gespräch zwischen Hina und Tefatou verschiedene Deutungen zulässig. – Der Rat des Mondes, der eine Frau ist, könnte der gefährliche Rat blinden Mitleids und sentimentaler Schwäche sein: der Mond und die Frauen (in der Vorstellung der Maories) gleichbedeutend mit Materie, brauchten nicht zu wissen, daß der Tod allein die Geheimnisse des Lebens birgt. – Die Antwort des Tefatou könnte ein strenger, aber voraussehender und uneigennütziger Ausspruch von höchster Weisheit sein, die erkennt, daß die individuellen Äußerungen aktuellen Lebens einem höheren Wesen weichen müssen, auf daß es komme, und ihm geopfert werden müssen, auf daß es siege.
Früher hätte diese Antwort die Bedeutung einer nationalen Prophezeiung von noch größerer Tragweite gehabt: ein großer Geist hätte in alter Zeit die Lebensfähigkeit seiner Rasse studiert und abgeschätzt, hätte die Todeskeime in ihrem Blut ohne die Möglichkeit einer Heilung oder Wiedergenesung vorausgesehen und sich gesagt:
Tahiti wird aussterben, es wird aussterben, um nicht wieder zu erstehen.
Tahiti wird aussterben, es wird aussterben, um nicht wieder zu erstehen.
***
Tehura sprach mit einer gewissen religiösen Scheu von jener Sekte oder geheimen Gemeinschaft der Aréoïs, die zur Zeit ihrer Herrschaft die Inseln regierte.
Aus den verworrenen Reden des Kindes sonderte ich Erinnerungen an einen furchtbaren, eigentümlichen Brauch, ich ahnte eine tragische Vergangenheit voll unerhörter Verbrechen, in die einzudringen aber den Neugierigen durch ein streng gehütetes Geheimnis verwehrt war.
Nachdem Tehura mir alles darüber erzählt hatte, was sie wußte, forschte ich überall danach.
Der sagenhafte Ursprung jener mächtigen Gemeinschaft ist dieser:
Oro, der Sohn des Taaroa und nach seinem Vater der höchste der Götter, beschloß eines Tages, unter den Sterblichen eine Gefährtin zu suchen.
Es sollte eine Jungfrau sein, schön und tauglich, mit ihm unter den Menschen eine Rasse zu gründen, die allen bevorzugt und überlegen war.
Er durchschritt also die sieben Himmel und stieg hinunter auf den Païa, einen hohen Berg auf der Insel Bora-Bora, wo seine Schwestern, die Göttinnen Téouri und Oaaoa, wohnten.
Nun trat Oro in Gestalt eines jungen Kriegers und seine Schwestern in junge Mädchen verwandelt, eine Fahrt durch die Insel an, um dort ein Wesen zu suchen, das eines Gottes Kuß würdig wäre.
Oro ergriff den Regenbogen, stützte ein Ende auf den Gipfel des Païa, das andere auf die Erde, und so schritten der Gott und die Göttinnen über Täler und Fluten.
Auf den verschiedenen Inseln, wo man eilte sie zu empfangen, gaben die Reisenden prunkvolle, wunderbare Feste, zu denen alle Frauen sich drängten.
Und Oro hielt Umschau unter ihnen. Aber sein Herz war betrübt, denn der Gott fand Liebe, aber er liebte nicht. Auf keiner der Menschentöchter weilte sein Blick lange, denn er entdeckte nicht eine der Tugenden und Vorzüge, von denen er geträumt.
Und nachdem viele Tage unter vergeblichem Suchen verstrichen waren, beschloß er, in die Himmel zurückzukehren, als er zu Vaïtapé auf der Insel Bora-Bora eine Jungfrau von seltener Schönheit erblickte, die in dem schönen See von Avaï Aïa badete.
Sie war von hoher Gestalt, und die Sonnenglut brannte und leuchtete auf ihrem herrlichen Fleisch, während der ganze Zauber der Liebe in der Nacht ihres Haares schlummerte.
Entzückt bat Oro die Schwestern, die Jungfrau anzureden.
Er selber zog sich zurück, um das Ergebnis ihrer Sendung auf dem Gipfel des Païa abzuwarten.
Die Göttinnen redeten die Jungfrau mit einem Gruß an, priesen ihre Schönheit und sagten, daß sie aus Avanaü, einem Ort auf Bora-Bora, kämen.
– Unser Bruder läßt dich fragen, ob du einwilligst, sein Weib zu werden.
Vaïraümati – dies war der Name der Jungfrau – blickte die Fremden prüfend an und erwiderte:
– Ihr seid nicht aus Avanaü. Doch ist euer Bruder ein Häuptling, ist er jung und schön, so mag er kommen, Vaïraümati wird sein Weib werden.
Téouri und Oaaoa stiegen unverzüglich zum Païa hinauf, um ihrem Bruder mitzuteilen, daß er erwartet werde.
Sogleich begab Oro sich wie vorher auf dem Regenbogen hinunter nach Vaïtapé.
Vaïraümati hatte zu seinem Empfang eine mit den schönsten Früchten besetzte Tafel und aus den feinsten Matten und seltensten Stoffen ein Lager bereitet.
Göttlich in ihrer Anmut und Kraft, pflegten sie der Liebe in Hain und Flur, am Ufer des Meeres und im Schatten des Tamaris und des Paudanus. Jeden Morgen stieg der Gott auf den Gipfel des Païa, und jeden Abend ging er hinunter, mit ihr zu schlafen.
Kein anderes sterbliches Mädchen durfte ihn in irdischer Gestalt erblicken.
Und stets diente der zwischen Païa und Vaïtapé gespannte Regenbogen ihm als Weg.
Viele Monde hatten geleuchtet und waren wieder erloschen, seitdem die verödeten Sieben Himmel ohne Kunde von Oros Aufenthalt waren. Darum nahmen nun zwei andere Söhne des Taaroa, Orotéfa und Oürétéfa, menschliche Gestalt an und machten sich auf, ihren Bruder zu suchen. Lange irrten sie auf den Inseln umher, ohne ihn zu finden. Endlich jedoch entdeckten sie auf Bora-Bora den jungen Gott, der mit Vaïraümati im Schatten eines heiligen Mangobaumes ruhte.
Sie waren voll Staunen über die Schönheit des jungen Weibes und wollten ihm als Zeichen ihrer Bewunderung einige Geschenke darbieten. Also verwandelte Orotéfa sich in eine Sau und Oürétéfa in rote Federn, nahmen dann gleich wieder menschliche Gestalt an, ohne daß Sau und Federn verschwanden, und näherten sich mit ihren Gaben den Liebenden.
Erfreut empfingen Oro und Vaïraümati die beiden hohen Reisenden.
In derselben Nacht warf die Sau sieben Junge, von denen das erste einer späteren Verwendung vorbehalten blieb; das zweite wurde den Göttern geopfert, das dritte der Gastfreundschaft geweiht und den Fremden angeboten, das vierte nannten sie: Opferschwein zu Ehren der Liebe, das fünfte und sechste sollte bis zur ersten Tracht verschont bleiben, um die Art zu mehren, und das siebente endlich wurde im ganzen auf heißen Steinen gebraten – also nach maorischem Brauch göttlich geweiht – und verzehrt.
Die Brüder des Oro kehrten wieder in die Himmel zurück.
Einige Wochen darauf sagte Vaïraümati zu Oro, daß sie sich Mutter fühle.
Da nahm Oro das erste der sieben Schweine, das verschont geblieben war, und begab sich nach Raïatéa, zu dem großen Maraë, dem Tempel des Gottes Vapoa.
Dort traf er einen Mann namens Mahi, dem er das Schwein übergab, und sprach:
Maiï maitaï oétéinéi boüaa(Nimm dieses Schwein und hüte es wohl).
Und feierlich fuhr der Gott fort:
– Es ist das heilige Schwein. In seinem Blut wird der Bund der Männer gefärbt sein, die von mir stammen. Denn ich bin Vater in dieser Welt. Sie werden sich Oréoïs nennen. Dir übermittle ich ihre Vorrechte und ihren Namen. Ich selber kann hier nicht länger weilen.
Mahi suchte den Häuptling von Raïatéa auf und erzählte ihm sein Abenteuer. Aber da er das ihm anvertraute heilige Gut nicht hüten konnte, ohne der Freund des Häuptlings zu sein, fügte er hinzu:
– Mein Name sei der deinige und dein Name der meine.
Der Häuptling war es zufrieden, und sie nahmen beide den Namen Taramanini an.
Inzwischen war Oro wieder zu Vaïraümati zurückgekehrt und verkündigte dieser, daß sie einen Sohn gebären würde, den er ihr Hoa Tabou të Raï (heiliger Freund des Himmels) zu nennen gebot.
Dann sprach er:
– Die Zeit ist erfüllet und ich muß dich verlassen.
Er verwandelte sich sodann in eine ungeheure Feuersäule und hob sich majestätisch in die Lüfte bis über den Periréré, den höchsten Berg von Bora-Bora. Und hier entschwand er den Blicken seiner weinenden Gattin und des staunenden Volkes.
Hoa Tabou të Raï ward ein großer Häuptling und tat den Menschen viel Gutes. Bei seinem Tode wurde er in den Himmel erhoben, wo Vaïraümati selber den Rang einer Göttin einnahm.
***
Oro könnte gut ein umherwandelnder Brahmine sein, der den Inseln – wann? die Lehre des Brahma brachte (auf deren Spuren in der australischen Religion ich schon hinwies).
In der Reinheit dieser Lehre erwachte das maorische Genie. Geister, die fähig waren zu verstehen, erkannten einander und vereinigten sich, – natürlich völlig abgesondert vom Volk, – um die vorgeschriebenen Riten auszuüben. Aufgeklärter als die übrigen ihrer Rasse, rissen sie bald die religiöse und politische Herrschaft über die Inseln an sich, sicherten sich wichtige Vorrechte und gründeten eine starke Übermacht, die in der Geschichte des Inselmeers die glänzendste Periode bildete.
Obwohl sie des Schreibens unkundig gewesen zu sein scheinen, waren die Aréoïs wahre Gelehrte. Sie verbrachten ganze Nächte damit, alte „Aussprüche der Götter“ Wort für Wort mit peinlichster Genauigkeit zu erforschen, und sie auszulegen erforderte eine jahrelange Arbeit. Diese ihnen allein zugänglichen Aussprüche der Götter, denen sie höchstens Kommentare beifügen durften, verschaffte den Aréoïs die Sicherheit eines geistigen Mittelpunkts, regte sie zu gewohnheitsmäßigem Nachdenken an, berechtigte sie zu einer übermenschlichen Mission und gab ihnen ein Ansehen, vor dem jeder sich beugte.
Es gibt in unserm christlichen, lehnspflichtigen Mittelalter ganz ähnliche Einrichtungen wie diese, und ich kenne nichts Furchtbareres als jene religiöse und kriegerische Gemeinschaft, jenes Konzil, das im Namen Gottes Urteile fällte und allmächtig über Leben und Tod entschied.
Die Aréoïs lehrten, daß Menschenopfer den Göttern wohlgefällig seien, und opferten selber in den Maraës alle ihre Kinder außer den Erstgeborenen: das Symbol dieses blutigen Ritus war die Sage von den sieben Schweinen, die außer dem ersten, dem „heiligen Schwein“, alle getötet wurden.
Doch dürfen wir über diese Barbarei nicht voreilig schelten.
Diese grausame Pflicht, der so viele primitive Völkerschaften sich unterwarfen, hatte tiefe Gründe sozialer Art und allgemeinen Interesses.
Bei sehr fruchtbaren Rassen, wie es die der Maories einst war, bedrohte die unbegrenzte Vermehrung der Bevölkerung ihre nationale wie positive Existenz. Das Leben auf den Inseln war zwar mühelos, und es bedurfte keines großen Fleißes, um sich das Notwendige zu verschaffen. Aber das sehr beschränkte Gebiet, von dem unermeßlichen, den gebrechlichen Pirogen unzugänglichen Ozean umgeben, wäre für ein sich stetig vermehrendes Volk bald unzureichend geworden. Das Meer hätte nicht mehr genügend Fische geliefert und der Wald nicht genug Früchte. Eine Hungersnot wäre nicht ausgeblieben und hätte, wie sie es immer getan, die Anthropophagie zur Folge gehabt. – Um Männermorde zu vermeiden, beschränkten die Maories sich auf Kinderopfer. Übrigens war Menschenfresserei bereits üblich, als die Aréoïs auftraten, und um diese zu bekämpfen und die Ursache aufzuheben, führten sie den Kindesmord ein, der vielleicht als eine Milderung der Sitten zu bezeichnen wäre, wenn das unheimlich Komische dieser Behauptung auch einem Possenschreiber zur Belustigung dienen könnte. Die Aréoïs mußten wahrscheinlich große Energie anwenden, um diesen Fortschritt durchzusetzen, und erreichten es wohl nur dadurch, daß sie sich in den Augen des Volkes die volle Autorität der Götter anmaßten.
Schließlich wurde der Kindesmord ein mächtiges Mittel der Zuchtwahl für die Rasse. Das furchtbare Recht der Erstgeburt, ein Recht auf das Leben selber, erhielt die Kraft des Volkes unverkürzt, indem es von den schädlichen Folgen erschöpfter Säfte verschont blieb. Es nährte in all diesen Kindern auch das Bewußtsein unverwüstlichen Stolzes. Die Urkraft und letzte Blüte dieses Stolzes ist es auch, die wir noch bei den letzten Sprößlingen einer großen, im Aussterben begriffenen Rasse bewundern.
Das beständige Beispiel und die häufige Wiederkehr des Todes war schließlich eine erhabene und belebende Lehre. Die Krieger lernten Schmerzen gering schätzen, und die ganze Nation fand eine wohltätige intensive Erregung dabei, die sie vor der tropischen Erschlaffung und entnervender Mattigkeit bei dem fortdauernden Nichtstun bewahrte. Es ist eine historische Tatsache, daß der Niedergang der Maories mit dem gesetzlichen Verbot der Opfer begann, und daß sie von da an allmählich jede moralische Kraft und physische Fruchtbarkeit verloren. Sollte dies auch nicht die Ursache davon sein, so gibt das Zusammentreffen doch zu denken.
Und vielleicht haben die Aréoïs die tiefe Bedeutung und symbolische Notwendigkeit des Opfers verstanden ... Die Prostitution war ihnen eine heilige Pflicht. Bei uns hat sich das geändert. Auch hat sie auf Tahiti keineswegs aufgehört, seit wir es mit den Wohltaten unserer Zivilisation überhäuft haben: sie blüht fort. Aber sie ist weder Pflicht noch geheiligt, sondern nur ohne Größe und entschuldbar.
Die geistliche Würde ging vom Vater auf den Sohn über, dessen Einweihung schon im Kindesalter begann.
Die Gesellschaft war ursprünglich in zwölf Logen geteilt, deren Großmeister die zwölf obersten Aréoïs waren. Dann kamen die Würdenträger zweiten Ranges und endlich die Lehrjünger. Die verschiedenen Grade unterschieden sich durch besondere Tätowierungen auf den Armen, an den Seiten, den Schultern, Beinen und Knöcheln.
***
DerMatamuader Aréoïs, eine maorische Szene bei der feierlichen Einsetzung eines Königs in alter Zeit:
Der neue Herrscher verläßt, in prächtige Gewänder gekleidet und von den Vornehmsten der Inseln umgeben, seinen Palast. Vor ihm schreiten die Großmeister der Aréoïs mit seltenen Federn im Haar.
Er begibt sich mit seinem Gefolge zum Maraë.
Als die Priester, die ihn an der Schwelle erwarten, seiner ansichtig werden, verkünden sie unter lautem Trompetenschall und Trommelschlag, daß die Zeremonie beginnt.
Dann beim Eintritt in den Tempel mit dem König legen sie ein Menschenopfer, einen Leichnam, vor das Bild des Gottes.
Der König spricht und singt mit den Priestern vereint Gebete, worauf der Priester das Opfer beider Augen beraubt. Er bietet das rechte Auge dem Gotte dar und das linke dem König; dieser öffnet den Mund, wie um das blutige Auge zu verschlingen, aber der Priester zieht es zurück und legt es wieder zu dem Körper[6].
Nun wird die Statue des Gottes auf eine geschnitzte, von Priestern getragene Bahre gestellt. Auf den Schultern der beiden Oberpriester sitzend, folgt der König dem Götzenbild, von den Aréoïs wie zu einer Abreise begleitet, bis zum Ufer des Meeres. Auf dem ganzen Wege fahren die Priester fort die Trompete zu blasen, die Trommel zu schlagen.
Die Menge geht ehrfurchtsvoll und still hinterher.
An der Bucht wiegt sich die heilige, zu dieser Feier mit grünen Zweigen und Blumen geschmückte Piroge. Zuerst wird das Götzenbild darin untergebracht, dann der König seiner Gewänder entledigt, und die Priester geleiten ihn in das Meer, wo die Atuas-Mao (Götter-Haie) ihn in den Fluten waschen und liebkosen.
So zum andernmal vom Kuß des Meeres im Beisein des Gottes geweiht, wie zuvor das erstemal in dessen Tempel, besteigt der König die heilige Piroge, wo der Oberpriester ihn mit demmaro oüroüumgürtet und um sein Haupt dastaoü mata, die Binden der Herrschaft, windet.
Vorn im Boot stehend zeigt der König sich nun dem Volk.
Und dieses bricht bei dem Anblick endlich das lange Schweigen, und überall ertönt der feierliche Ruf:
–Maëva Arii(Es lebe der König)!
Nachdem der erste laute Jubel sich gelegt hat, wird der König auf das heilige Lager gebettet, wo eben das Götzenbild geruht, und alle kehren auf demselben Wege, fast in derselben Reihenfolge wie vorher, zum Maraë zurück.
Wieder tragen die Priester das Götzenbild und die Oberpriester den König, und der Zug wird abermals mit Musik und Tanz eröffnet.
Das Volk folgt hinterher. Aber jetzt rufen sie, ihrer Freude überlassen, fortwährend:
– Maëva Arii!
Das Götzenbild wird feierlich auf seinen Altar zurückgestellt.
Und damit schließt die religiöse Feier. Nun soll das Volksfest seinen Anfang nehmen.
Wie den Göttern im Tempel und der Natur im Meer, wird der König sich dem Volke weihen[7]. – Auf Matten gebettet muß der König jetzt diehöchste Huldigung des Volkesentgegennehmen.
Die frenetische Huldigung eines wilden Volkes.
Eine ganze Menge in Bezeigung ihrer Liebe füreinen Menschen, und dieser Mensch ist der König. Großartig bis zum Schrecken, bis zum Entsetzen ist dieses Schauspiel zwischen der Menge und dem einen Menschen. Morgen wird er Herr sein, er wird nach Belieben mit Geschicken schalten, über die er zu bestimmen hat, und die ganze Zukunft ist sein! Der Menge gehört nur diese eine Stunde.
Völlig nackt, in lasziven Tänzen umkreisen Männer und Frauen den König und bemühen sich, gewisse Teile seines Körpers mit gewissen Teilen des ihren zu streifen, eine Berührung ist dabei nicht immer zu vermeiden. Und die Raserei des Volkes steigert sich bis zur Tollheit. Die ganze friedliche Insel hallt von furchtbarem Geschrei wieder, und der hereinbrechende Abend zeigt das phantastische Bild einer verzückten wahnsinnigen Menge.
Aber plötzlich schmettert der Klang der heiligen Trompeten und Trommeln.
Die Huldigung ist zu Ende, zu Ende das Fest, das Signal zum Rückzug ertönt. Selbst die Rasendsten gehorchen, alles beruhigt sich, und jäh tritt absolute Stille ein.
Der König erhebt sich und kehrt feierlich, majestätisch, von seinem Gefolge geleitet, in seinen Palast zurück.
***
Seit etwa vierzehn Tagen wimmelte es von sonst selten auftretenden Fliegen, die unerträglich wurden.
Aber die Maories freute es, denn die Thunfische und andere Fische stiegen vom Grunde an die Oberfläche. Die Fliegen kündigten die Zeit des Fischfangs, die Zeit der Arbeit an. Man vergesse nicht, daß Arbeit auf Tahiti ein Vergnügen ist.
Jeder prüfte die Haltbarkeit seiner Netze und seine Angeln. Frauen und Kinder halfen mit ungewöhnlichem Eifer Netze oder vielmehr lange Gitter von Kokosnußblättern an den Strand und auf die Korallenriffe zwischen Land und Klippen schleppen. Auf diese Art werden gewisse Köderfischchen gefangen, die am schmackhaftesten für die Thunfische sind.
Als die Vorbereitungen beendet waren, was etwa drei Wochen in Anspruch genommen hatte, wurden zwei große, miteinander verbundene Pirogen aufs Meer gelassen, an denen vorn eine sehr lange, mit einem Angelhaken versehene Stange angebracht war, die mittels zweier hinten befestigter Taue schnell gehoben werden konnte. Sobald der Fisch angebissen hat, wird er sofort herausgezogen und in dem Fahrzeug untergebracht.
Eines schönen Morgens zogen wir (ich war – natürlich – mit bei dem Fest) aufs Meer hinaus und hatten die Klippenreihe bald glücklich hinter uns. Wir wagten uns ziemlich weit hinaus. Ich sehe noch eine Schildkröte, die uns, den Kopf überm Wasser, im Vorüberfahren nachschaute.
Die Fischer waren alle in fröhlicher Stimmung und ruderten eifrig.
Wir kamen denGrottenvonMara[8]gegenüber an eine Stelle,Thunlochgenannt, wo das Wasser sehr tief ist.
Dort, sagt man, schlafen die Thunfische nachts in einer Tiefe, die den Haifischen unerreichbar ist.
Nach Fischen spähend, schwebte eine Wolke von Seevögeln über dem Loch. Sobald einer an der Oberfläche erscheint, stoßen die Vögel mit unglaublicher Geschwindigkeit darauf herab und steigen mit einem Bissen im Schnabel wieder in die Höhe.
So herrscht im Meer und in der Luft, selbst in unseren Pirogen nur der Gedanke an Blut und Mord.
Als ich meine Gefährten fragte, warum sie nicht eine lange Angelschnur in das Thunloch hinunterließen, erwiderten sie, daß es unmöglich sei, es wäre ein geheiligter Ort:
– Der Gott des Meeres wohne da.
Ich vermutete eine Sage dahinter und ließ sie mir erzählen.
***
„Roüa Hatou, eine Art tahitischer Neptun, schlief auf dem Meeresgrund an dieser Stelle.
Ein Maorie war einst so tollkühn dort zu fischen, und da sein Angelhaken sich in den Haaren des Gottes verfing, erwachte dieser.
Zornig stieg er an die Oberfläche, um zu sehen, wer die Kühnheit gehabt, seine Ruhe zu stören, und als er sah, daß der Schuldige ein Mensch war, beschloß er die ganze Menschenrasse zu vertilgen, um die Ruchlosigkeit des einen zu sühnen.
Der Strafe entging jedoch – durch unerklärliche Nachsicht – gerade der Missetäter selber.
Der Gott gebot ihm, mit seiner ganzen Familie auf denToa Maramazu gehen, nach einigen eine Insel oder ein Berg, nach andern eine Piroge oder „Arche“.
Als der Fischer sich mit den Seinen an den bezeichneten Ort begeben hatte, begannen die Wasser des Meeres zu steigen. Sie bedeckten allmählich selbst die höchsten Gipfel, und alles Lebende bis auf jene, die sich zum Toa Marama geflüchtet hatten, kam darin um.
Später bevölkerten sie die Insel aufs neue[9].“
***
Wir ließen also das Thunloch hinter uns, und der Führer der Piroge bezeichnete einen Mann, der die Stange ins Meer lassen und die Angel auswerfen mußte.
Lange Minuten wurde gewartet, kein Thunfisch biß an.
Ein anderer Ruderer kam an die Reihe, und diesmal biß ein prachtvoller Thunfisch an und bog die Stange hinunter. Vier kräftige Arme hoben sie empor, indem sie die Taue hinten anzogen, und der Fisch erschien an der Oberfläche. Aber gleichzeitig schnellte ein riesiger Hai über die Wogen: ein paar furchtbare Bisse, und wir hatten nichts weiter am Angelhaken als einen abgetrennten Kopf.
Nun gab der Führer mir ein Zeichen, und ich warf die Angel aus.
Nach ganz kurzer Zeit fischten wir einen riesenhaften Thunfisch. – Ohne es viel zu beachten, hörte ich meine Nachbarn unter sich kichern und tuscheln. – Das durch Stockschläge auf den Kopf getötete Tier wand sich auf dem Boden des Fahrzeuges, und sein Leib, jetzt einem schillernden Spiegel gleich, entsandte tausend blitzende Strahlen.
Ein zweites Mal hatte ich ebenfalls Glück.
Meine Gefährten beglückwünschten mich fröhlich, nannten mich einen Glückspilz, und in meinem Stolz widersprach ich nicht.
Aber in dem einstimmigen Lob unterschied ich, wie bei meinem ersten Versuch, ein unerklärliches Lachen und Getuschel.
Das Fischen währte bis zum Abend. Als der Vorrat der kleinen Köderfische erschöpft war, entzündete die Sonne rote Flammen am Horizont, und unser Fahrzeug war mit zehn prächtigen Thunfischen beladen.
Wir bereiteten uns zur Rückfahrt vor. Während alles instandgesetzt wurde, fragte ich einen jungen Burschen nach dem Sinn der ganz leise gewechselten Worte und nach dem Lachen, das beide Male meinen Fang begleitet hatte. Er weigerte sich zu antworten. Aber ich ließ nicht nach, denn ich wußte, wie gering die Widerstandskraft des Maorie ist und wie bald er energischem Drängen nachgibt.
Schließlich vertraute er mir an: Wem der Thunfisch in den Angelhaken beißt – und meine hatten das beide getan, – dem ist zu Haus die Vahina untreu.
Ich lächelte ungläubig.
Und wir kehrten zurück.
Die Nacht bricht in den Tropen schnell herein. Es galt ihr zuvorzukommen. Zweiundzwanzig muntere Pageien (schaufelartige Ruder) tauchten gleichzeitig ins Wasser, und um sich anzufeuern, stießen die Ruderer im Takt dazu laute Rufe aus. Unsere Piroge hinterließ eine phosphorleuchtende Furche.
Mir war zumute wie auf einer tollen Flucht: die ergrimmten Herrscher des Ozeans verfolgten uns, und um uns schnellten, wie phantastische Scharen unbestimmter Gestalten, die aufgeschreckten, neugierigen Fische empor.
In zwei Stunden erreichten wir die äußersten Klippen.
Die Brandung ist dort gewaltig, und die Fahrt des Seegangs wegen gefährlich. Es ist kein Leichtes, die Piroge richtig vor die Sandbank zu steuern. Aber die Eingeborenen sind gewandt, und ich verfolgte mit lebhaftem Interesse, jedoch nicht ganz ohne Furcht, die Operation, die glänzend vonstatten ging.
Vor uns war das Land von lohenden Feuern erhellt, – es waren enorme Fackeln von Zweigen des Kokosnußbaumes. Der Anblick der auf dem Sande am Ufer des beleuchteten Meeres lagernden Fischerfamilien war wunderbar. Einige saßen reglos da, andere liefen, die Fackeln schwingend, den Strand entlang, die Kinder sprangen hin und her, und man vernahm in der Ferne ihr stilles Geschrei.
Mit leichtem Schwung fuhr unsere Piroge auf den Strand, und die Verteilung der Beute begann sogleich.
Alle Fische wurden auf die Erde gelegt, und der Anführer teilte sie in so viele gleiche Teile, wie die Anzahl der Personen – Männer, Frauen und Kinder – betrug, die sich am Fischfang und dem Fischen der Köderfischchen beteiligt hatten.
Es waren 37 Teile.
Ohne Zeit zu verlieren, nahm meine Vahina ein Beil, spaltete Holz damit und zündete ein Feuer an, während ich noch ein wenig Toilette machte und mich wegen der Nachtkühle einhüllte.
Von unseren beiden Anteilen wurde der eine gekocht, und den anderen bewahrte Tehura roh auf.
Dann fragte sie mich des langen und breiten über die verschiedenen Vorkommnisse beim Fischfang aus, und ich befriedigte willfährig ihre Neugierde. Genügsam und kindlich erheiterte sie sich an allem, und ich beobachtete sie, ohne sie meine geheimen Gedanken merken zu lassen. Im Grunde meiner Seele war ohne jede Ursache eine Unruhe erwacht, die nicht zu beschwichtigen war. Ich brannte darauf, an Tehura eine Frage zu stellen – eine gewisse Frage ... und es half mir nichts, mir zu sagen: Wozu? Ich antwortete mir selber: Wer weiß?
***
Die Zeit des Schlafengehens kam heran, und als wir beide ausgestreckt nebeneinander lagen, fragte ich plötzlich:
– Bist du vernünftig gewesen?
– Ja.
– Und dein Geliebter, war er nach deinem Geschmack?
– Ich habe keinen Geliebten.
– Du lügst, der Fisch hat es verraten.
Tehura erhob sich und blickte mich starr an. Ihr Antlitz hatte einen seltsamen mystischen Ausdruck majestätischer Größe, der mir fremd war und den ich in ihren heiteren, fast kindlichen Zügen nie vermutet hätte.
Die Atmosphäre in unserer kleinen Hütte hatte sich verwandelt: Ich fühlte, daß etwas Erhabenes sich zwischen uns erhob. Und wider Willen unterlag ich dem Einfluß des Glaubens und erwartete eine Botschaft von oben. Ich zweifelte nicht, daß sie kommen würde, obwohl die fruchtlosen Bedenken unseres Skeptizismus dieser glühenden, wenn auch nur einem Aberglauben geltenden Inbrunst gegenüber noch ihre Macht auf mich ausübten.
Tehura schlich leise zur Tür, um sich zu vergewissern, daß sie gut verschlossen war, und als sie bis in die Mitte der Kammer zurückgekommen war, sprach sie folgendes Gebet: