Dritter Aufzug

Dritter AufzugMoor.Nacht.Mond.Birkengebüsch.Die Moorvettel, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.Die MoorvettelSteigen im Nebel die Toten im Moor,bereitet sich Großes im Leben vor.Keine Ruh ist den Toten geschenkt,solang noch ein Lebender an sie denkt.Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,singen sie oft die ganze Nacht,locken die Menschen in kühler Kraftbis an die Ruhstätte, die sie trenntvom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.Heute, als spät der Nachtkauz schlug,sang schon die Irme vom Fahrenkrug,lange und leise, in Nebel gehüllt,im Moorweiher stand ihr Schattenbild,der rasch ihr brennendes Herz gestillt.Konnt’ einst nicht leben vor Lieb und Haß.Was bedeutet das? Was bedeutet das?EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.Das MoormännchenKomm hier, komm hier, dein Weg versinkt.Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.Die Moorvettelwirft ihren Stock nach ihmDaß die Lichtfunze, die du reckst,dir deinen eigenen Schädel verbrennt!Such dir Narren, die du erschreckst,wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.Das MoormännchenKreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein!Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.Die MoorvettelLaß dein Geschrei, versumpfter Flegel.Herbei! Bring mir den Stock zurück,und merk dir die erteilte Regel,sonst gilt es morgen dein Genick.Das MoormännchenIch hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt.Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest.Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt,und jeder weiß, warum er so verfährt.Die MoorvettelMerk auf! Fang dir ein neues Licht,spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht?Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?Was soll geschehn, was will sich erfüllen,wer sucht den Tod um Liebe willen?«So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,sei artig und vergiß die Antwort nicht.Von Toten hört man zuweilen wohl,was den Menschen geschehen soll.Das MoormännchenMein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn,mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn.Nichts oben und unten auf der Weltist so von Trauer und Schmerz entstellt.Die Moorvettelhebt den StockFang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug.Tote sind gut und ohne Betrug.Erst lockst du sie selbst ins Moor hineinund willst hinterher noch unhöflich sein.Das MoormännchenDie Irme vom Fahrenkrug kam allein,ich lockte sie nicht ins Moor hinein.Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,sah nur das Wasser, schwarz und tot.Versteckt blieb ich am Weiher stehn,ich sah sie stürzen und untergehn.Als früh am Morgen mein Licht verglommen,ist sie still, still emporgekommen,langsam, weiß und wunderschön.Die Augen auf, im kalten Gesicht,starrten ins blaue Morgenlicht.In die Seerosen floß ihr gelbes Haar.Wie schön das war. Wie schön das war.Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,damit kein Mensch sie wieder erschreckt.Die MoorvettelScher dich und tu, was ich gesagt.Das Moormännchenab.Die MoorvettelDie Irme vom Fahrenkrug singt und klagt.Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß.Was bedeutet das? Was bedeutet das?Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,wird’s schlimmer im Moorland Nacht für Nacht.So ruhlos sah ich die nächtlicheWelt der fahrenden Geister noch nie.Der Wandel der Menschen bekümmert sie,ihre betörte, verächtlicheWeisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.Einzweites Moormännchentritt auf, ein Licht in der Hand.Das MoormännchenKomm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.Die richtige Straße zeig ich dir.Die MoorvettelIst das Gesindel heute taub und blind?Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find’.Das MoormännchenDich ruf ich nicht, reg dich nicht auf;kommt Einer den Heideweg herauf.Die MoorvettelDa ist es besser, erst hinzuschaun.Man kann heut keinem Menschen mehr traun.Sie verbirgt sich hinter den Birken.Das MoormännchenKomm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.Die richtige Straße zeig ich dir.Die MoorvettelLaß sein, spring fort. Verbirg dein Licht,den Pfarrer von Norby täuschst du nicht,der hat sich von seinen frühsten Tagenmit andern Verführern herumgeschlagen.Der Pfarrer von Norbytritt auf.ArneIn Gottes Licht und Satans Nachthab ich gekämpft und nie geruht.Was hat mir aller Kampf gebrachtfür mein vergeudet Lebensgut?Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrtnach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?Ein MoormännchenBist du dir nicht genug bedankt,daß dir nach Lohn die Seele krankt?So schwer trägst du an eignen Sachen,und willst es Andern leichter machen?Ein zweites MoormännchenWer sich um eigenes Glück betrogen,kuriert sich bald im kranken Sinn,stellt, was das Schicksal ihm entzogen,als selbstgewolltes Opfer hin.ArneFern durch den Nebel glühn die letzten Lichter,die Menschen traun dem liebevollen Dunkelund traun der Arbeit, die sie müde macht,derweil in mir das herrische Gefunkelder blauen Himmelsewigkeiten wacht.Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten.Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt,um die in Gottes Licht erblühten Pflichten,die seine Herrlichkeit uns auferlegt?Und nie und nie wird die Natur vergehn!Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,da ich im Leid von ihr gemieden scheine.Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,bis in die helle Freiheit, wo Erkennenund unser Herz des Vaters Namen nennen,durch dich befreit von allem falschen Scheine,daß Gott in dir sich unserm Wesen eine.Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,doch nie die Heimat, nie das eine Wort.Die Moorvetteltritt auf.Die MoorvettelIch seh den hochwürdigen Pfarrer allein.Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?ArneEine menschliche Stimme hier noch so spät?Die MoorvettelWir sehn uns nie auf den täglichen Wegen.Ich bitte um einen übrigen Segen,wenns nah vor Mitternacht noch geht.ArneEs ist der Tag den Guten lang genug.Daß du um einen Segen flennst,scheint mir ein wenig witziger Betrug.Halb Weltgewissen, halb Gespenst,schaust du bald hundert Jahre weitund wardst darüber nicht gescheit.Die MoorvettelNicht alle Kräuter blühn bei Tag.Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen,so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen.Statt dessen spaziert er im Sumpf herumund nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.ArneDich heilt kein Segen, stört kein Fluch,laß mir die Ruh, die ich hier such’.Die MoorvettelDas Moor ist lebendig, das Moorland klingt.Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,führt oft, statt unter das Kirchentor,ins Wasser vom Moor.ArneLaß die Toten ruhn,bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.Die MoorvettelSie lassen sich vorher auch befragen,auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.ArneDa hast du recht, Gott sei’s geklagt.Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,daß ich doch ganz deiner Meinung bin.Die MoorvettelDie Menschen sind töricht, taub und blindund haben vergessen, was sie sind.Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesenist überall auch hier zu lesen.Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühnin Licht und Nacht hier draußen blühn.Kein Unterschied, wohin man sieht,immer das Gleiche, was geschieht.Hier klein und nichtig,kein Mensch schaut sich um,dort nennt ihr es wichtigund wißt nicht warum.ArneAlte, die Weisheit ist ungewaschen,läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.Die MoorvettelKommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht,tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.Oder auch gar mit Moral und Vernunft?Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,aber ich Alte glaub sie Euch nicht.Sollt mir mit Euren geborgten Waffennicht meine Sinne Lügen strafen.Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.Der Erste von ihnen mein Liebster war,der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,der Dritte gab mir das Abendmahl.Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht,hat es mich wieder gesund gemacht.Dann hat er den eigenen Tod gehört,was war ihm da Kelch und Kanzel wert?Er schickte nach mir und meinem Kraut.Ich hab’s ihm nach meinem Willen gebraut;fürs zeitliche Leben hat er’s genommenund ist ins ewige Leben gekommen.Da hatte die heilige Seele Ruhund machte die lüsternen Äuglein zu.Der Vierte wart Ihr. — Was wollt Ihr hier?Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«,so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht,aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.ArneNarrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschenund gar mit dir die Meinung auszutauschen,als läge mir nicht bess’rer Wert im Sinn.Die MoorvettelImmerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklärt,daß Euer Wert von besonderem Wert?ArneDu bist zu Lob und Urteil nicht geschickt,im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.Die MoorvettelDoch in den Besten wird er zum Konflikt.Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.ArneMir liegt eine singende Stimme im Ohr.Die MoorvettelDie Irme vom Fahrenkrug singt im Moor.Habt Ihr vergessen das Fräulein blond,das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet,als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?Von Liebe wegen, um Euretwillen,mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen.Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.ArneIch hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.Die MoorvettelIch weiß, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen.Hättet Ihr sie ans Herz genommen,wäre sie nicht zu uns gekommen.Aber nicht alle Verschmähten tun das ...Manch Einer Lieb’ ward zu tödlichem Haß.ArneDes Einen Tugend macht des Andern Schuld,denn die Natur läßt sich nicht korrigieren.Die Menschen können die arme Geduldnur selten messen mit der ihren.Die MoorvettelIhr pilgert um Euch selbst spazieren,bis Euch zum Sterben schwindlig wird.Seit wann ist Euch der neue Wertso klar im Herzen eingekehrt?ArneDie wahrhaft Reichen können nicht verlieren,solange die Natur nicht irrt.Drei Jahr lang lacht’ ich über dich,jetzt steh ich hier und wundre mich,wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?Die MoorvettelMein toter Liebster war hochgelehrt,da hab ich nicht närrische Weisheit gehört.Und was man lernt, ist häufig dem,was man schon ist, nur unbequem,und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht,ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.ArneDir Antwort geben, hieße sich zerstreun,ich möchte meine Worte nicht bereun,denn auch der beste und schönste Gedank’bleibt wertlos ohne Zusammenhang.Die MoorvettelSchon gut, euch leuchtet der eifrige Schädelnicht leicht bei einem vertrockneten Mädel,aber ist sie noch drall und jung,redet ihr mehr als bei Männern und Trunk.Habt doch von allem, was ihr erreicht,höchstens einmal ein Weib überzeugt.Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,immer noch, was ihr den Mädchen geklagt.Und ich kenn das betroffene Greinen,wenn ihr nach all eurem Geistesverratendlich so einen zappelnden Kleinenstill adoptiert als das Endresultat.ArneDein Hohn tut meinem Herzen leid.Der Menschen Schwächen zu erkennen,ist leichter, als ihr Gutes nennen,und Spott der Narren täglich Kleid.Die MoorvettelNennt Ihr mich närrisch immerhin,weiß schon alleine, wer ich bin.Ich mochte nicht unter den Menschen sein,trollte ins Moor und blieb allein,merkte das Beste vom Wesentlichen,und hab es in Muße mit allem verglichen.ArneWas nützt dir Muße und Vergleichen,kann jeder nur sich selbst erreichen.Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.Die MoorvettelWenn euer Wein nur zehn Jahr’ ruht,nennt ihr ihn schon besonders gut.Wieviel mehr als ein Tröpflein Weinwird nicht ein Fünklein Weisheit sein.Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,daß man wohl doch nicht immer irrt,wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzigJahre lang, aufgehoben wird.ArneZwischen Verachtung und Verdrußfindet sich oft noch ein kleiner Genuß. —Du machst dir’s leicht, das Wirken der Naturins eigne Denken zu verlegen.Das Wichtigste vergißt du nur,das Böse wirkt in uns dagegen.Die MoorvettelWas ihr im eignen Haushalt kennt,und rasch entschlossen böse nennt,hat draußen sich als gut bewährt,genau so oft wie umgekehrt.Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffenund seiner armen Plänkelei,hat Gott dem Satan oft gepfiffen,auf Satans Pfiff kam Gott herbei.Die Menschen aber, die das Gute gutund die das Böse tief als böse fühlen,sind die Gesellen, die in blinder Wutnach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen!Sie können lieben und sie können hassenund haben nichts mit Menschenglück zu tun.Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,ich geh und wünsche gut zu ruhn.Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.Ab.ArneDie hat sich leicht zurechtgefundenund Gut und Böse überwunden,das gilt als stark in meiner Zeit.Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeitdoch unzertrennbar verbunden.Das Böse in Grimm und Flammen,glüht sie nur fester zusammen.Ab.EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.Das MoormännchenruftArnenachKomm hier, komm hier! Dein Weg geht irr!Die richtige Straße zeig ich dir.Ein zweites Moormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.Das zweite Moormännchenzum erstenWie hab ich mich bemüht!Leucht ich nicht hell?Was ist das für ein Gesell,der keine Irrlichter sieht?Das erste MoormännchenMich schickte die Vettel zur Irme hinab,die Irme mir keine Antwort gab.Auf meine Frage, was sie bewegt,hat sie die Hand aufs Herz gelegt,als täte es ihr noch immer weh.Dann hob sie langsam den Arm in die Höh’und zeigte, stumm und starr, weit überdas Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber.Ich sah sie an und fragte wieder ...Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!Daß man noch immer so kindisch erschrickt.Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,dies ist das dritte, das ich mir fing.Das zweite MoormännchenHorch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt.Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht.Über den Moorgrund ein Feuer springt,siehst du sein Flattern im Wasser nicht?Das Feuer der Menschen ist böse und rot,bringt den Moorleuten Angst und Not.Beidelöschen ihre Lichter und flüchten.EineSchar Burschentritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.Erster BurscheDie Nacht ist wie von Hexenvolk besessen.Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.Zweiter BurscheUnd was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter,als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.Dritter BurscheIst dies der Ort, der uns befohlen?Erster BurscheWas Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen.Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehdezu Mute ist und was mit mir geschehn.Zu Anfang war es eine schöne Rede,ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,wir ziehen aus zu brennen und zu morden.Zweiter BurscheWo Oerlsund kocht, da frißt er auch den Brei.Seit lange war ich nicht so gern dabei.Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmensich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,als daß ich nicht den Herren und den Damenvergönnte, was ich selten haben kann:den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen,den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.Erster BurscheWas mich bestimmte, sah ich anders an. —Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?Das frag ich mich, da denk ich dran.Mir war, als büßte oft schon unsereinsden Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.Der Galgen steht zu tief für hohe Leute.Das große und das kleine Einmaleinsmacht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,denn morgen weht der Wind von andrer Seite.Zweiter BurscheGeehrte Rechnung, hochgeschätzter Wind!Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen,ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt,am besten tut sich, wer auf beide scheißt.Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer.Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet.Zu alledem geb ich mich gerne her,wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.Vierter BurscheWas streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt.Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn.Zum Raufen bin ich wenig aufgelegtund habe nichts als Kummer zu gestehn.Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste.Dort fühl’ ich Grund, hier aber kann ich weilen,dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste.Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,und habt mir doch die rechte Lust verleidet.Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.Zweiter BurscheIn jedem Troß, der sich zur Tat geschickt,läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt,der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,und der sich morgen in die Kirche stiehlt.Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.Vierter BurscheUnd mehr vielleicht als du. Am rechten Ortsind mir die Fäuste lieber als das Wort.Erster BurscheIhr seid zu früh mit euren Taten dran.Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streitbeginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heranund seht euch zeitig die Gestalten an,die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,da ihr für bessere Dinge einig seid.Fünfter BurscheOerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite,Naemi.HolgerundNaemitreten auf.Erster BurscheHerr! Nicht einer fehlt.HolgerEs soll mir keiner fehlen! Leute,noch geb’ ich Zeit für jeden umzukehren.Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt,in dem wir uns der Pfaffenränke wehren,die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.NaemiLöscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht,sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,nun laßt ihre rote Feuermachtruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.Er soll erwachen in ihrer Glut;wird ahnen und wissen, wer das tut.Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:Das ist Naemis Feuerschein!Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.Mitten im roten Sturm will ich stehn,daß er im Feuer mich wiederkennt,wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:Das ist Naemis Feuerschein!ZuHolgerDich soll er an meiner Seite sehn,den Arm um mich, herrisch und fest,eh’ er in Schanden Norby verläßt,so soll mein Bildnis mit ihm gehn.Zu denBurschenWas steht ihr da, horcht und starrt mich an?Euch hat doch niemand ein Leid getan.Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,er wolle den Pfarrer von Norby kränken?Gesindel, schert euch in euer Glück,in eure sichre Behausung zurück!Was hat euer schmutziges Henkertummit meinem brennenden Herzen zu tun?Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,wie ihn, so groß, so herrlich, so schön.Daher kommt euer Pöbelhaß,den ich verachte. Wißt ihr das?HolgerzuNaemiStill! Ich beschwöre dich zu schweigen.Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,den bittern Grund laß deine Sache bleiben.Erster BurscheWir wünschen sehr, Euren Schmerz zu stillen,und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mannzu säubern, der Euch Unrecht getan.Zweiter BurscheSeine falsche Lehre vom Teufel war.Er schändete Kirche und Altar.Dritter BurscheWer wüßte nicht, daß er überdiesein Mädchen betrog und elend verstieß.Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,wollen wir selber Richter sein.Holgerzu denBurschenWer unter uns setzte sein Leben nicht ein,wenn es die Rettung der Anderen galt?Nun soll uns das Recht benommen sein,uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?Der Pfarrer von Norby übte Verrat,ewige Wahrheiten hat er geschmäht,in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät,und was er mir und Naemi tat,das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht.Ich handle für euch und ihr für mich.Ich schwöre, im ersten Morgenscheinsoll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein.Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,so ist es die letzte Nacht, die er sieht.Die BurschenEin Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.HolgerVerlacht in euch den rätselhaften Streit,aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind,solang’ wir noch bedrückt, zum Kampf bereit,nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,getragen zwischen Not und Hoffnung sind.Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen?Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,so wird ihn morgen jeder anerkennen.Vierter Burscheschreiend, abgewandtWer naht sich, ein Geist, ein Höllenbetrug!Die tote Irme vom Fahrenkrug.Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf.Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt derGroßknecht Jörgenauf.JörgenzuHolgerFind ich dich endlich, lieber Herr.Vierter Burschefällt ihm entgegen, außer sichWer bist du? Wer hat dich hergebracht?Wer gab dir über die Toten Macht?JörgenWas ist dir, Bursche, ich kam allein.Der BurscheDu lügst! Du ließt dich mit Geistern ein.Ich schwöre bei allem, was Jesus litt,daß neben ihm her die Irme schritt.Den Arm empor und größer als er,zog sie ihn angstvoll neben sich her!Holgerrüttelt ihnHast du den Verstand verloren, Gesell?Der BurscheverstörtDen Arm empor... Weiß und hell...Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.Er stürmt fort.NaemizuJörgenLaß ihn, und wenn er zum Teufel rennt.Ist einer hier, der die Irme kennt?Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?Sag mir, Holger, ob du sie kennst?HolgerLaß mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.Zu denBurschenWollt ihr, daß er in Norby bestellt,was hier im Moorland vor sich geht?!Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück,schlagt ihm die Fäuste ins Genick,daß ihm bis morgen die Angst vergeht.Ein Teil der Burschen ab.JörgenzuHolgerMich hat kein Spuk der Hölle gebracht,mich führte Gottes barmherzige Macht,ich such dich schon die halbe Nacht.Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört,daß ich dich gefunden hab, eh’ es zu spät.NaemizuJörgenFür was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?JörgenWie schändlich bist du deines Werks gewiß!NaemiIn dir seh ich kein Hindernis.Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst.Für dich ist klüger, daß du gehst.JörgenHolger, lieber Herr, schau mich an!Hab ich dir je ein Unrecht getan?Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt,oh, höre dem Freund deines Vaters zu:Du bist in Irrtum und Schuld verführt,ins ewige Verderben taumelst du.NaemizuHolgerWend dich nicht ab, was fürchtest du?Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,er braucht sein Wort zu seiner Ruh.Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,so möge sie in Gottes Namen ruhn.Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Bandenum andre Werte als um guten Rat.Wer wollte das Notwendige verführen?Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren,wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.JörgenzuHolgerWend dich nicht von mir, oh versteh mich recht.Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte,dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte,in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben.Du kannst Naemi nie und nie erringen.Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.HolgerSchweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn.Vor müden Augen liegt die Erde grau.Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau.Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand.Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt,wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?Ich danke deinem Rat und glaube dir,er war von Herzen gut und wohlgemeint.Ich ehre den Berater und den Freund,das Steuer aber läßt du heute mir.Laß dir genug sein, daß dich mein Befehlnicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl’!JörgenHerr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm!Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst.Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt —Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?HolgerUnd wenn die Besten meiner Schwäche lachten,ich habe nur auf mein Gefühl zu achten.Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann.Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.Ich will es fordern, will es ganz bestehn.Ich möchte wissen, wessen Weltzu Norbys Ehre recht behält.JörgenWie leicht verrät ein Herz sein bestes Teil,wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht,und wenn die Seele das erflehte Heilals fernen Trost für ihre Schmerzen sieht.Ach, daß den Besten das erreichte Zielso wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.ZuNaemiDa stehst du, Siegerin im bittern Spielbewußter Allmacht und betörter Herzen,blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört,und dennoch schuldlos in das eigne Wesenund in sein wunderreiches Licht betört,in dem wir alle stöhnen und genesen.Stimmen und Gelächter aus der Nacht.NaemizuHolgerDort kommt die Schar. Laß ihn, der Mond steht tief.Was ihn zu seinen Taten rief,das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,verbrennt auch mich und wird sich offenbarenin unsrer Glut, die, ewig unerfahren,dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.Ab mit den Burschen.HolgerzuJörgenGehab dich wohl. Denk gern an mich zurück.Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.Ab.Ende des dritten Aufzugs

Moor.Nacht.Mond.Birkengebüsch.Die Moorvettel, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.

Moor.Nacht.Mond.Birkengebüsch.

Die Moorvettel, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.

Die Moorvettel

Steigen im Nebel die Toten im Moor,bereitet sich Großes im Leben vor.Keine Ruh ist den Toten geschenkt,solang noch ein Lebender an sie denkt.Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,singen sie oft die ganze Nacht,locken die Menschen in kühler Kraftbis an die Ruhstätte, die sie trenntvom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.Heute, als spät der Nachtkauz schlug,sang schon die Irme vom Fahrenkrug,lange und leise, in Nebel gehüllt,im Moorweiher stand ihr Schattenbild,der rasch ihr brennendes Herz gestillt.Konnt’ einst nicht leben vor Lieb und Haß.Was bedeutet das? Was bedeutet das?

EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das Moormännchen

Komm hier, komm hier, dein Weg versinkt.Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.

Die Moorvettel

wirft ihren Stock nach ihm

wirft ihren Stock nach ihm

Daß die Lichtfunze, die du reckst,dir deinen eigenen Schädel verbrennt!Such dir Narren, die du erschreckst,wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.

Das Moormännchen

Kreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein!Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.

Die Moorvettel

Laß dein Geschrei, versumpfter Flegel.Herbei! Bring mir den Stock zurück,und merk dir die erteilte Regel,sonst gilt es morgen dein Genick.

Das Moormännchen

Ich hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt.Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest.Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt,und jeder weiß, warum er so verfährt.

Die Moorvettel

Merk auf! Fang dir ein neues Licht,spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht?Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?Was soll geschehn, was will sich erfüllen,wer sucht den Tod um Liebe willen?«So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,sei artig und vergiß die Antwort nicht.Von Toten hört man zuweilen wohl,was den Menschen geschehen soll.

Das Moormännchen

Mein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn,mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn.Nichts oben und unten auf der Weltist so von Trauer und Schmerz entstellt.

Die Moorvettel

hebt den Stock

hebt den Stock

Fang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug.Tote sind gut und ohne Betrug.Erst lockst du sie selbst ins Moor hineinund willst hinterher noch unhöflich sein.

Das Moormännchen

Die Irme vom Fahrenkrug kam allein,ich lockte sie nicht ins Moor hinein.Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,sah nur das Wasser, schwarz und tot.Versteckt blieb ich am Weiher stehn,ich sah sie stürzen und untergehn.Als früh am Morgen mein Licht verglommen,ist sie still, still emporgekommen,langsam, weiß und wunderschön.Die Augen auf, im kalten Gesicht,starrten ins blaue Morgenlicht.In die Seerosen floß ihr gelbes Haar.Wie schön das war. Wie schön das war.Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,damit kein Mensch sie wieder erschreckt.

Die Moorvettel

Scher dich und tu, was ich gesagt.

Das Moormännchenab.

Das Moormännchenab.

Die Moorvettel

Die Irme vom Fahrenkrug singt und klagt.Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß.Was bedeutet das? Was bedeutet das?Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,wird’s schlimmer im Moorland Nacht für Nacht.So ruhlos sah ich die nächtlicheWelt der fahrenden Geister noch nie.Der Wandel der Menschen bekümmert sie,ihre betörte, verächtlicheWeisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.

Einzweites Moormännchentritt auf, ein Licht in der Hand.

Einzweites Moormännchentritt auf, ein Licht in der Hand.

Das Moormännchen

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.Die richtige Straße zeig ich dir.

Die Moorvettel

Ist das Gesindel heute taub und blind?Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find’.

Das Moormännchen

Dich ruf ich nicht, reg dich nicht auf;kommt Einer den Heideweg herauf.

Die Moorvettel

Da ist es besser, erst hinzuschaun.Man kann heut keinem Menschen mehr traun.

Sie verbirgt sich hinter den Birken.

Sie verbirgt sich hinter den Birken.

Das Moormännchen

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.Die richtige Straße zeig ich dir.

Die Moorvettel

Laß sein, spring fort. Verbirg dein Licht,den Pfarrer von Norby täuschst du nicht,der hat sich von seinen frühsten Tagenmit andern Verführern herumgeschlagen.

Der Pfarrer von Norbytritt auf.

Der Pfarrer von Norbytritt auf.

Arne

In Gottes Licht und Satans Nachthab ich gekämpft und nie geruht.Was hat mir aller Kampf gebrachtfür mein vergeudet Lebensgut?Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrtnach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?

Ein Moormännchen

Bist du dir nicht genug bedankt,daß dir nach Lohn die Seele krankt?So schwer trägst du an eignen Sachen,und willst es Andern leichter machen?

Ein zweites Moormännchen

Wer sich um eigenes Glück betrogen,kuriert sich bald im kranken Sinn,stellt, was das Schicksal ihm entzogen,als selbstgewolltes Opfer hin.

Arne

Fern durch den Nebel glühn die letzten Lichter,die Menschen traun dem liebevollen Dunkelund traun der Arbeit, die sie müde macht,derweil in mir das herrische Gefunkelder blauen Himmelsewigkeiten wacht.Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten.Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt,um die in Gottes Licht erblühten Pflichten,die seine Herrlichkeit uns auferlegt?Und nie und nie wird die Natur vergehn!Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,da ich im Leid von ihr gemieden scheine.Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,bis in die helle Freiheit, wo Erkennenund unser Herz des Vaters Namen nennen,durch dich befreit von allem falschen Scheine,daß Gott in dir sich unserm Wesen eine.Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,doch nie die Heimat, nie das eine Wort.

Die Moorvetteltritt auf.

Die Moorvetteltritt auf.

Die Moorvettel

Ich seh den hochwürdigen Pfarrer allein.Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?

Arne

Eine menschliche Stimme hier noch so spät?

Die Moorvettel

Wir sehn uns nie auf den täglichen Wegen.Ich bitte um einen übrigen Segen,wenns nah vor Mitternacht noch geht.

Arne

Es ist der Tag den Guten lang genug.Daß du um einen Segen flennst,scheint mir ein wenig witziger Betrug.Halb Weltgewissen, halb Gespenst,schaust du bald hundert Jahre weitund wardst darüber nicht gescheit.

Die Moorvettel

Nicht alle Kräuter blühn bei Tag.Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen,so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen.Statt dessen spaziert er im Sumpf herumund nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.

Arne

Dich heilt kein Segen, stört kein Fluch,laß mir die Ruh, die ich hier such’.

Die Moorvettel

Das Moor ist lebendig, das Moorland klingt.Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,führt oft, statt unter das Kirchentor,ins Wasser vom Moor.

Arne

Laß die Toten ruhn,bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.

Die Moorvettel

Sie lassen sich vorher auch befragen,auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.

Arne

Da hast du recht, Gott sei’s geklagt.Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,daß ich doch ganz deiner Meinung bin.

Die Moorvettel

Die Menschen sind töricht, taub und blindund haben vergessen, was sie sind.Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesenist überall auch hier zu lesen.Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühnin Licht und Nacht hier draußen blühn.Kein Unterschied, wohin man sieht,immer das Gleiche, was geschieht.Hier klein und nichtig,kein Mensch schaut sich um,dort nennt ihr es wichtigund wißt nicht warum.

Arne

Alte, die Weisheit ist ungewaschen,läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.

Die Moorvettel

Kommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht,tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.Oder auch gar mit Moral und Vernunft?Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,aber ich Alte glaub sie Euch nicht.Sollt mir mit Euren geborgten Waffennicht meine Sinne Lügen strafen.Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.Der Erste von ihnen mein Liebster war,der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,der Dritte gab mir das Abendmahl.Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht,hat es mich wieder gesund gemacht.Dann hat er den eigenen Tod gehört,was war ihm da Kelch und Kanzel wert?Er schickte nach mir und meinem Kraut.Ich hab’s ihm nach meinem Willen gebraut;fürs zeitliche Leben hat er’s genommenund ist ins ewige Leben gekommen.Da hatte die heilige Seele Ruhund machte die lüsternen Äuglein zu.Der Vierte wart Ihr. — Was wollt Ihr hier?Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«,so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht,aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.

Arne

Narrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschenund gar mit dir die Meinung auszutauschen,als läge mir nicht bess’rer Wert im Sinn.

Die Moorvettel

Immerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklärt,daß Euer Wert von besonderem Wert?

Arne

Du bist zu Lob und Urteil nicht geschickt,im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.

Die Moorvettel

Doch in den Besten wird er zum Konflikt.Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.

Arne

Mir liegt eine singende Stimme im Ohr.

Die Moorvettel

Die Irme vom Fahrenkrug singt im Moor.Habt Ihr vergessen das Fräulein blond,das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet,als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?Von Liebe wegen, um Euretwillen,mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen.Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.

Arne

Ich hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.

Die Moorvettel

Ich weiß, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen.Hättet Ihr sie ans Herz genommen,wäre sie nicht zu uns gekommen.Aber nicht alle Verschmähten tun das ...Manch Einer Lieb’ ward zu tödlichem Haß.

Arne

Des Einen Tugend macht des Andern Schuld,denn die Natur läßt sich nicht korrigieren.Die Menschen können die arme Geduldnur selten messen mit der ihren.

Die Moorvettel

Ihr pilgert um Euch selbst spazieren,bis Euch zum Sterben schwindlig wird.Seit wann ist Euch der neue Wertso klar im Herzen eingekehrt?

Arne

Die wahrhaft Reichen können nicht verlieren,solange die Natur nicht irrt.Drei Jahr lang lacht’ ich über dich,jetzt steh ich hier und wundre mich,wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?

Die Moorvettel

Mein toter Liebster war hochgelehrt,da hab ich nicht närrische Weisheit gehört.Und was man lernt, ist häufig dem,was man schon ist, nur unbequem,und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht,ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.

Arne

Dir Antwort geben, hieße sich zerstreun,ich möchte meine Worte nicht bereun,denn auch der beste und schönste Gedank’bleibt wertlos ohne Zusammenhang.

Die Moorvettel

Schon gut, euch leuchtet der eifrige Schädelnicht leicht bei einem vertrockneten Mädel,aber ist sie noch drall und jung,redet ihr mehr als bei Männern und Trunk.Habt doch von allem, was ihr erreicht,höchstens einmal ein Weib überzeugt.Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,immer noch, was ihr den Mädchen geklagt.Und ich kenn das betroffene Greinen,wenn ihr nach all eurem Geistesverratendlich so einen zappelnden Kleinenstill adoptiert als das Endresultat.

Arne

Dein Hohn tut meinem Herzen leid.Der Menschen Schwächen zu erkennen,ist leichter, als ihr Gutes nennen,und Spott der Narren täglich Kleid.

Die Moorvettel

Nennt Ihr mich närrisch immerhin,weiß schon alleine, wer ich bin.Ich mochte nicht unter den Menschen sein,trollte ins Moor und blieb allein,merkte das Beste vom Wesentlichen,und hab es in Muße mit allem verglichen.

Arne

Was nützt dir Muße und Vergleichen,kann jeder nur sich selbst erreichen.Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.

Die Moorvettel

Wenn euer Wein nur zehn Jahr’ ruht,nennt ihr ihn schon besonders gut.Wieviel mehr als ein Tröpflein Weinwird nicht ein Fünklein Weisheit sein.Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,daß man wohl doch nicht immer irrt,wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzigJahre lang, aufgehoben wird.

Arne

Zwischen Verachtung und Verdrußfindet sich oft noch ein kleiner Genuß. —Du machst dir’s leicht, das Wirken der Naturins eigne Denken zu verlegen.Das Wichtigste vergißt du nur,das Böse wirkt in uns dagegen.

Die Moorvettel

Was ihr im eignen Haushalt kennt,und rasch entschlossen böse nennt,hat draußen sich als gut bewährt,genau so oft wie umgekehrt.Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffenund seiner armen Plänkelei,hat Gott dem Satan oft gepfiffen,auf Satans Pfiff kam Gott herbei.Die Menschen aber, die das Gute gutund die das Böse tief als böse fühlen,sind die Gesellen, die in blinder Wutnach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen!Sie können lieben und sie können hassenund haben nichts mit Menschenglück zu tun.Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,ich geh und wünsche gut zu ruhn.Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.

Ab.

Ab.

Arne

Die hat sich leicht zurechtgefundenund Gut und Böse überwunden,das gilt als stark in meiner Zeit.Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeitdoch unzertrennbar verbunden.Das Böse in Grimm und Flammen,glüht sie nur fester zusammen.

Ab.EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Ab.

EinMoormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das Moormännchen

ruftArnenach

ruftArnenach

Komm hier, komm hier! Dein Weg geht irr!Die richtige Straße zeig ich dir.

Ein zweites Moormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Ein zweites Moormännchentritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das zweite Moormännchen

zum ersten

zum ersten

Wie hab ich mich bemüht!Leucht ich nicht hell?Was ist das für ein Gesell,der keine Irrlichter sieht?

Das erste Moormännchen

Mich schickte die Vettel zur Irme hinab,die Irme mir keine Antwort gab.Auf meine Frage, was sie bewegt,hat sie die Hand aufs Herz gelegt,als täte es ihr noch immer weh.Dann hob sie langsam den Arm in die Höh’und zeigte, stumm und starr, weit überdas Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber.Ich sah sie an und fragte wieder ...Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!Daß man noch immer so kindisch erschrickt.Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,dies ist das dritte, das ich mir fing.

Das zweite Moormännchen

Horch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt.Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht.Über den Moorgrund ein Feuer springt,siehst du sein Flattern im Wasser nicht?Das Feuer der Menschen ist böse und rot,bringt den Moorleuten Angst und Not.

Beidelöschen ihre Lichter und flüchten.EineSchar Burschentritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

Beidelöschen ihre Lichter und flüchten.

EineSchar Burschentritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

Erster Bursche

Die Nacht ist wie von Hexenvolk besessen.Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.

Zweiter Bursche

Und was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter,als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.

Dritter Bursche

Ist dies der Ort, der uns befohlen?

Erster Bursche

Was Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen.Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehdezu Mute ist und was mit mir geschehn.Zu Anfang war es eine schöne Rede,ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,wir ziehen aus zu brennen und zu morden.

Zweiter Bursche

Wo Oerlsund kocht, da frißt er auch den Brei.Seit lange war ich nicht so gern dabei.Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmensich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,als daß ich nicht den Herren und den Damenvergönnte, was ich selten haben kann:den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen,den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.

Erster Bursche

Was mich bestimmte, sah ich anders an. —Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?Das frag ich mich, da denk ich dran.Mir war, als büßte oft schon unsereinsden Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.Der Galgen steht zu tief für hohe Leute.Das große und das kleine Einmaleinsmacht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,denn morgen weht der Wind von andrer Seite.

Zweiter Bursche

Geehrte Rechnung, hochgeschätzter Wind!Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen,ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt,am besten tut sich, wer auf beide scheißt.Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer.Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet.Zu alledem geb ich mich gerne her,wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.

Vierter Bursche

Was streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt.Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn.Zum Raufen bin ich wenig aufgelegtund habe nichts als Kummer zu gestehn.Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste.Dort fühl’ ich Grund, hier aber kann ich weilen,dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste.Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,und habt mir doch die rechte Lust verleidet.Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.

Zweiter Bursche

In jedem Troß, der sich zur Tat geschickt,läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt,der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,und der sich morgen in die Kirche stiehlt.Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.

Vierter Bursche

Und mehr vielleicht als du. Am rechten Ortsind mir die Fäuste lieber als das Wort.

Erster Bursche

Ihr seid zu früh mit euren Taten dran.Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streitbeginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heranund seht euch zeitig die Gestalten an,die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,da ihr für bessere Dinge einig seid.

Fünfter Bursche

Oerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite,Naemi.

HolgerundNaemitreten auf.

HolgerundNaemitreten auf.

Erster Bursche

Herr! Nicht einer fehlt.

Holger

Es soll mir keiner fehlen! Leute,noch geb’ ich Zeit für jeden umzukehren.Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt,in dem wir uns der Pfaffenränke wehren,die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.

Naemi

Löscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht,sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,nun laßt ihre rote Feuermachtruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.Er soll erwachen in ihrer Glut;wird ahnen und wissen, wer das tut.Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:Das ist Naemis Feuerschein!Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.Mitten im roten Sturm will ich stehn,daß er im Feuer mich wiederkennt,wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:Das ist Naemis Feuerschein!

ZuHolger

ZuHolger

Dich soll er an meiner Seite sehn,den Arm um mich, herrisch und fest,eh’ er in Schanden Norby verläßt,so soll mein Bildnis mit ihm gehn.

Zu denBurschen

Zu denBurschen

Was steht ihr da, horcht und starrt mich an?Euch hat doch niemand ein Leid getan.Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,er wolle den Pfarrer von Norby kränken?Gesindel, schert euch in euer Glück,in eure sichre Behausung zurück!Was hat euer schmutziges Henkertummit meinem brennenden Herzen zu tun?Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,wie ihn, so groß, so herrlich, so schön.Daher kommt euer Pöbelhaß,den ich verachte. Wißt ihr das?

Holger

zuNaemi

zuNaemi

Still! Ich beschwöre dich zu schweigen.Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,den bittern Grund laß deine Sache bleiben.

Erster Bursche

Wir wünschen sehr, Euren Schmerz zu stillen,und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mannzu säubern, der Euch Unrecht getan.

Zweiter Bursche

Seine falsche Lehre vom Teufel war.Er schändete Kirche und Altar.

Dritter Bursche

Wer wüßte nicht, daß er überdiesein Mädchen betrog und elend verstieß.Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,wollen wir selber Richter sein.

Holger

zu denBurschen

zu denBurschen

Wer unter uns setzte sein Leben nicht ein,wenn es die Rettung der Anderen galt?Nun soll uns das Recht benommen sein,uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?Der Pfarrer von Norby übte Verrat,ewige Wahrheiten hat er geschmäht,in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät,und was er mir und Naemi tat,das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht.Ich handle für euch und ihr für mich.Ich schwöre, im ersten Morgenscheinsoll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein.Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,so ist es die letzte Nacht, die er sieht.

Die Burschen

Ein Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.

Holger

Verlacht in euch den rätselhaften Streit,aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind,solang’ wir noch bedrückt, zum Kampf bereit,nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,getragen zwischen Not und Hoffnung sind.Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen?Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,so wird ihn morgen jeder anerkennen.

Vierter Bursche

schreiend, abgewandt

schreiend, abgewandt

Wer naht sich, ein Geist, ein Höllenbetrug!Die tote Irme vom Fahrenkrug.Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf.Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!

Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt derGroßknecht Jörgenauf.

Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt derGroßknecht Jörgenauf.

Jörgen

zuHolger

zuHolger

Find ich dich endlich, lieber Herr.

Vierter Bursche

fällt ihm entgegen, außer sich

fällt ihm entgegen, außer sich

Wer bist du? Wer hat dich hergebracht?Wer gab dir über die Toten Macht?

Jörgen

Was ist dir, Bursche, ich kam allein.

Der Bursche

Du lügst! Du ließt dich mit Geistern ein.Ich schwöre bei allem, was Jesus litt,daß neben ihm her die Irme schritt.Den Arm empor und größer als er,zog sie ihn angstvoll neben sich her!

Holger

rüttelt ihn

rüttelt ihn

Hast du den Verstand verloren, Gesell?

Der Bursche

verstört

verstört

Den Arm empor... Weiß und hell...Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.

Er stürmt fort.

Er stürmt fort.

Naemi

zuJörgen

zuJörgen

Laß ihn, und wenn er zum Teufel rennt.Ist einer hier, der die Irme kennt?Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?Sag mir, Holger, ob du sie kennst?

Holger

Laß mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.

Zu denBurschen

Zu denBurschen

Wollt ihr, daß er in Norby bestellt,was hier im Moorland vor sich geht?!Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück,schlagt ihm die Fäuste ins Genick,daß ihm bis morgen die Angst vergeht.

Ein Teil der Burschen ab.

Ein Teil der Burschen ab.

Jörgen

zuHolger

zuHolger

Mich hat kein Spuk der Hölle gebracht,mich führte Gottes barmherzige Macht,ich such dich schon die halbe Nacht.Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört,daß ich dich gefunden hab, eh’ es zu spät.

Naemi

zuJörgen

zuJörgen

Für was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?

Jörgen

Wie schändlich bist du deines Werks gewiß!

Naemi

In dir seh ich kein Hindernis.Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst.Für dich ist klüger, daß du gehst.

Jörgen

Holger, lieber Herr, schau mich an!Hab ich dir je ein Unrecht getan?Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt,oh, höre dem Freund deines Vaters zu:Du bist in Irrtum und Schuld verführt,ins ewige Verderben taumelst du.

Naemi

zuHolger

zuHolger

Wend dich nicht ab, was fürchtest du?Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,er braucht sein Wort zu seiner Ruh.Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,so möge sie in Gottes Namen ruhn.Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Bandenum andre Werte als um guten Rat.Wer wollte das Notwendige verführen?Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren,wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.

Jörgen

zuHolger

zuHolger

Wend dich nicht von mir, oh versteh mich recht.Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte,dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte,in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben.Du kannst Naemi nie und nie erringen.Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.

Holger

Schweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn.Vor müden Augen liegt die Erde grau.Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau.Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand.Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt,wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?Ich danke deinem Rat und glaube dir,er war von Herzen gut und wohlgemeint.Ich ehre den Berater und den Freund,das Steuer aber läßt du heute mir.Laß dir genug sein, daß dich mein Befehlnicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl’!

Jörgen

Herr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm!Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst.Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt —Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?

Holger

Und wenn die Besten meiner Schwäche lachten,ich habe nur auf mein Gefühl zu achten.Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann.Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.Ich will es fordern, will es ganz bestehn.Ich möchte wissen, wessen Weltzu Norbys Ehre recht behält.

Jörgen

Wie leicht verrät ein Herz sein bestes Teil,wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht,und wenn die Seele das erflehte Heilals fernen Trost für ihre Schmerzen sieht.Ach, daß den Besten das erreichte Zielso wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.

ZuNaemi

ZuNaemi

Da stehst du, Siegerin im bittern Spielbewußter Allmacht und betörter Herzen,blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört,und dennoch schuldlos in das eigne Wesenund in sein wunderreiches Licht betört,in dem wir alle stöhnen und genesen.

Stimmen und Gelächter aus der Nacht.

Stimmen und Gelächter aus der Nacht.

Naemi

zuHolger

zuHolger

Dort kommt die Schar. Laß ihn, der Mond steht tief.Was ihn zu seinen Taten rief,das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,verbrennt auch mich und wird sich offenbarenin unsrer Glut, die, ewig unerfahren,dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.

Ab mit den Burschen.

Ab mit den Burschen.

Holger

zuJörgen

zuJörgen

Gehab dich wohl. Denk gern an mich zurück.Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.

Ab.

Ab.

Ende des dritten Aufzugs

Ende des dritten Aufzugs


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