Chapter 5

Entflieh’ mit mir!Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen, die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes kleinefaiblefür Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste nach einander, und immer war der „tolle Junker“ der Held aller dieser Festivitäten.Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte, und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte, das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten, kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es entstand.Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau zurück.Der Maskenball war glänzend und es herrschte nureineStimme vollster Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß, und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend, solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften.Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am Fenster lehnte, hätte allerdings das „Gretchen“ nicht reizender gedacht werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend, am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn empfand, auf ihn zu.„Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?“ sagte sie, und legte ihre kleine Hand auf seine Schulter.Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von trübem Nachdenken auf seiner Stirn.„Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer Freiheit überhaupt bald zu Ende ist?“ sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte, aber bitter klang.„Was haben Sie, Ludwig?“ frug Edith halb erstaunt und halb verletzt, indem sie einen Schritt zurück trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf eine hohe Gestalt in der düsterschönen Tracht eines spanischen Granden. Eine tiefe, jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war trotz der Larve wohl zu bemerken.„Was ich habe?“ gab er finster zurück, „sehen Sie einmal in den Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich, „was ich habe,“ wenn das Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein wird, beim Anblick eines Anderen so tief erröthet — Sie haben sich zu früh demaskirt!“Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen, aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er so Unrecht nicht habe! Sie bezwang sich und blieb.„Ludwig, seien Sie nicht hart,“ sagte sie, fast bittend, „Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß ich bei jedem überraschenden Wort oder Anblick roth werde, und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets beobachten, wenn Gerald kommt —“„Ach was Gerald — Gerald,“ rief er heftig, „Sie brauchen den Baron nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht mit ihm tanzen!“Edith war leichenblaß geworden.„Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,“ sagte sie langsam und eiskalt, „aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu lassen, ich werde Gerald Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!“Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische, und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen, als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, schneidend von dem Wesen Ertings abstach.Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog, da folgten Aller Blicke bewundernd und — bedauernd dem herrlichen Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen.Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl „des letzten Males“ ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu sprechen — und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies ihn nicht zurück!„Und übermorgen ist Ihr Polterabend!“ sagte Gerald jetzt ohne Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne zu antworten. „Erlauben Sie!“ sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus ihrer Hand, „das paßt nicht für Gretchen — überlassen Sie es Faust!“„Sie sind nicht Faust!“ erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf, um ihn anzusehen.„Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!“„Abscheulich!“ rief Edith erröthend, „weil sie wußte, daß es Ludwig kränken würde!“„Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?“ sagte Rüdiger höhnisch, „soll ich das ganz allein thun?“„Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!“„Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich, ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf und Herzen aussieht!“„Ich bin gar nicht neugierig!“ erwiderte sie anscheinend ruhig, aber mit leicht bebender Stimme, „überdies kann ich es mir denken!“„Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!“„Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!“„Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!“Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen, verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie versetzten.„Entscheiden Sie sich, Edith,“ fuhr er athemlos vor Aufregung fort, „ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,“ er blickte sich hastig um, sie waren allein im Zimmer, „ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind, dürfen Sie auch kein Wort sprechen!“Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.„Genug, Baron Rüdiger,“ sagte sie mit gepreßter Stimme, „Sie beleidigen mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,“ fuhr sie fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, „auf wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten, mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft, daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend einräumte.“Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.„Edith, verzeihen Sie mir,“ sagte er rauh und ohne sie anzusehen, „es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich übrig? Verzeihen Sie mir,“ wiederholte er zornig, als sie schwieg und vor sich niederblickte. „Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird nicht gut!“Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, daß sie einen leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig ließ er sie los.„Sehen Sie,“ sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ohne sich zu entschuldigen, „was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut? Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind für lange Zeit das letzte Mal zusammen gewesen — gönnen Sie mir diesen einen armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!“„Weshalb?“ frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.„Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? Sie taxiren mich denn doch etwas zu zahm, Edith!vielzu zahm, wie Sie noch einmal einsehen werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir? Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?“„Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,“ erwiderte sie kalt.„Nun, dann bin ich zu Ende,“ rief er trotzig und wild, „thun Sie was Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!“Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre Schritte zu hängen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und legte ihre Hand in seinen Arm.„Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,“ sagte sie, „was soll man davon denken?“„Sie ließen mich allein,“ erwiderte er, halb versöhnt durch ihr Einlenken, — „aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in Ihrer Nähe bleiben darf! Geben Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine Quadrille!“„Gern,“ sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr grollte, „sehen Sie sich, bitte, nach einemvis-à-visum, ich erwarte Sie bei Mama!“Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend, zu der auch Rüdiger gehörte.Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller Spannung, aber da nichts Auffälliges zu bemerken war, wandte sie sich ihrer Mutter zu, und bemühte sich, die kritischen Bemerkungen zu belächeln, welche die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden ließ.Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch placirten, durch Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben zurück ziehen, als Raven zu ihr trat.„Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen Tanz?“„Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht mich,“ sagte sie lächelnd, „ich habe die Quadrille meinem Bräutigam zugesagt, und er scheint dies vergessen zu haben!“„Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wünschte, mag sein, daß die Unterredung sich ein wenig in die Länge zieht!“„Ah so!“ erwiderte Edith beruhigt, nun, „plaudern wir, bis er kommt, Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so meisterhaft!“Raven verbeugte sich.„Tempi passati, meine gnädigste,tempi passati, jetzt überläßt man es jüngeren Kräften!“Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn verhindere!„Irgend eine Börsennachricht,“ dachte sie bitter, „das ist wichtiger, als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das läßt sich eben später nicht anlernen!“Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen „Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich“ entlassen hatte, trat Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes, aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen.Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie, als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und übermüthiger aus, wie je!„Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?“ frug er, indem er ihr Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.„Das dürfen Sie,“ sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, „ich bin ja ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen, ohne ein Wort der Aufklärung an mich!“„Hat er das?“„Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?“„Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,“ sagte Rüdiger, der sie zu ihrem Platze geleitet hatte, „er konnte zwingende Gründe haben! Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen — er ist fort, ich bin da, es lebe die Gegenwart!“Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des „tollen Junkers“ so geblitzt, wie an diesem Abend.Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so rücksichtslos, so gleichgültig verlassen hatte, und die Stunden flogen vorüber, leicht und glänzend, wie die Schneeflocken, die draußen dicht und dichter niederfielen.Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich zur Beendigung des Festes.Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat Rüdiger noch einmal zu Edith.„Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?“„Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?“„Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich Sie erst nach Brandau bringe, ich benütze dann einen späteren Zug.“Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie schüttelte den Kopf.„Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der Fürstin, es ist mir zu spät geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren, und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen, im Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem Schutze nicht anvertrauen.“„Wie Sie befehlen,“ sagte Rüdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit Bitten in sie zu dringen, „dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!“„Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,“ sagte sie mit etwas mühsamem Lächeln, „wir reisen gleich nach der Trauung für den Rest des Winters nach Italien.“„Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade! Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!“Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, jetzt ihre Hochzeitsreise besprach — war dies Comödie, oder alles Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.„Leben Sie wohl!“ sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: „Du siehst ihnniewieder, wie Ihr Euch heut gesehen!“ und sie gab ihm nochmals die Hand:„Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen —“ und wandte sich hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen.„Vorwärts!“ rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen, funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.„Job!“„Gnädiger Herr?“„Alles ruhig oben?“„Nein, gnädiger Herr!“„Was macht er denn, Job?“„Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thüren. Zwei Fenster hat er auch schon eingeschlagen.“Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den Schlitten wieder näher an das Schloß brachte, begann er von Neuem.„Job!“„Gnädiger Herr!“„Warum sagst du nichts?“„Ich weiß nichts, gnädiger Herr!“„Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!“„Das glaub’ ich, gnädiger Herr!“Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die Pferde, daß sie im Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß erreicht war. Der gellende Ton der Pfeife übte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde die Zugbrücke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, die Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu Hause.Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, wie Job, trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, röthlichen Schein über den Schloßhof fallen ließ. Rüdiger schüttelte sich die Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den Wohnräumen führte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne.Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. Wenn er hätte sehen können, welch seltsam malerischen und schönen Anblick er in seiner altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend, darbot, er hätte sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber ist es, daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig gewesen wäre.Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann, nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte, den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen Aufenthaltsort seines Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür sich ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß auf und klopfte gleichzeitig.„Wer ist da?“ rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit und Wuth.„Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, — wollen Sie —“Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thür wurde aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weißer erscheinen ließ.„Wo haben Sie Ihre Pistolen?“ knirschte er, indem er Miene machte, sich auf Rüdiger zu stürzen, „wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!“Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, daß er im ersten Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das für den kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein Rasender auf Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.„Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den Schimpf, den Sie mir angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?“Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt zurück, noch sehr ruhig, wie es schien.„Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht mit Ihnen!“„Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine Schonung!“„Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie mit Schießgewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran finde, einen Wehrlosen niederzuschießen.“„Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so feige!“„Erting, nehmen Sie sich in Acht,“ rief Rüdiger, auf dessen Stirn eine unheilverkündende, düstre Röthe erschien, „ich dulde heute Viel von Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!“„Sie wollen sich nicht mit mir schießen?“ schrie Erting mit fast erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen.„Nein!“ erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er keine Silbe mehr sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.„Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?“ fuhr Erting, sinnlos vor Wuth, fort, „Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im Complott, als es galt, den unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!“„Genug!“ sagte Rüdiger todtenbleich und fest, „Sie haben einen Namen in unseren Streit hineingezogen, der es mir unmöglich macht, Ihnen noch ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!“Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, in einem Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte. Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja zu müssen, bereits nachzulassen begann.Blitzschnell jagten sich die Gedanken, „was wird man zu Hause von dir denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?“ denn im Innern hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere Bilder — wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos, zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer, in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: „für den Fall meines Todes abzugeben.“ Dann ergriff er das andere Blatt — sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren, durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig und fliegend: „Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.“Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall von Schritten seiner Thür nahte.Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde.Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch und wandte sich zu Erting.„Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,“ sagte er im verbindlichen Ton, „aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu verbinden.“Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.„Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,“ sagte er dann zu Erting, „meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und lassen sich nicht von Jedermann handhaben!“Erting verbeugte sich stumm.„Ein Wort, Herr von Rüdiger,“ sagte er dann.„So viel Sie befehlen!“ erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum Fenster trat.„Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre Adresse zu befördern, ich stelle mich für einen gleichen Auftrag zur Verfügung.“Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen verwunderten Blick auf Erting.„Nichts an Comtesse Brandau?“„Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten würden!“Rüdiger zuckte die Achseln.„Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?“Erting schwieg einen einzigen Moment.„Ja,“ sagte er dann. „Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?“„Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustößt, so würden die sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und Comtesse Brandau — ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich Bericht erstatten, Herr Erting!“Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie nicht, und sah ihn zornig verwundert an.„Es ist Usus so, oder ähnlich,“ sagte Rüdiger freundlich, „aber wie Sie wollen!“Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer wieder verlassen.„Ich denke, wir schießena tempo,“ sagte Rüdiger, noch immer in einem Ton, wie im Ballsaal, „zählen Sie, Strauch, bis drei!“Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, Rüdigers Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf fort und schlug in die Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.„Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, — und nun zürnen Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hübsche Lehre bekommen!“Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen Gegner, dessen rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am Fußboden unheimlich aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß er heftige Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem übermüthigen Klange verloren.Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier über seine Züge, und der Förster hatte eben noch Zeit, den ohnmächtig Zurücksinkenden aufzufangen.Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.„Großer Gott, ich habe ihn gemordet!“ schrie er auf, und warf sich neben seinem bleichen Feinde nieder.Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen, was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner Unbehülflichkeit ihn daran hinderte.„Helfen Sie ’mal,“ herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, „heben Sie den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.“Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob.„Rufen Sie den Job,“ sagte er, „wir müssen uns eilen, daß wir das Blut stillen, sonst wird das nicht gut!“„Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,“ sagte Erting kläglich, dessen durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu einem Nichts zusammengeschrumpft war.„Dann werde ich ihn holen,“ sagte der Förster, „bleiben Sie hier bei dem Baron!“Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein.Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu gehen, er hielt förmlich den Athem an.Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhältniß zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger, nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich aufzurichten.Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte ihn. Rüdiger erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lächeln flog über sein Gesicht.„Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jämmerlich aus, es war mir ganz gesund, daß Sie mir etwas Blut abzapften!“Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchstoß.„Ich habe Sie unglücklich gemacht,“ stöhnte er, die Hände vor’s Gesicht schlagend, „können Sie mir verzeihen?“Rüdiger erröthete leicht.„Erting, machen Sie mich nicht verlegen,“ sagte er hastig und streckte die Hand nach dem Andern aus, „ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie auf das Unerhörteste behandelt und kann von Glück sagen, mit einer so „gnädigen Strafe“ davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Büchse führen können, bis die rechte wieder dienstfähig ist!“Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast gemurmelt — aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang. Der Förster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer. Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem jungen Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß den verwundeten Arm zu untersuchen.Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil über Tod und Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.„Ist das Bett des Herrn Baron bereit?“ frug der Heilkünstler jetzt.„Wie lange schon!“ murrte Job, „es ist ja glücklich fünf Uhr vorbei!“„Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?“ sagte Rüdiger, sich ein wenig aufrichtend, „heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?“„Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,“ erwiderte der Wundarzt trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, während Rüdiger kein Zeichen der Bewegung sehen ließ.„Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige Lage und kühles Getränk!“„Tröstlich!“ sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft zu glühen begannen, „denken Sie aber nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen Gewäsch folge! Was, ruhige Lage! — sitzen werde ich bis morgen früh und mein kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne Feindschaft mit Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den Keller!“„Baron Rüdiger,“ sagte Erting flehend, und faßte in seinem Eifer die Hand des Gegners, „ich beschwöre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen Anordnungen widersetzen.“Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die Thränen in die Augen. Rüdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf.„Sie sind eine gute Seele,“ sagte er, „und sollen sich nicht ängstigen! Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren sterbe, sich einbilden, ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. Job, laß anspannen! ah, der Wagen kommt schon eine — schwere Kutsche, wie sie rasselt! Aber die Todten reiten schnell!“Er schloß die Augen.„Zu Bett mit ihm,“ sagte der Chirurg energisch, „das Fieber steigt rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,“ wandte er sich an Erting, „so schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung nicht allein übernehmen.“Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich ohne weiteren Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte Ersterer zu dem Arzt zurück.„Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,“ sagte er mit ungewöhnlicher Festigkeit, „ich bleibe bei dem Baron, er hat schon darein gewilligt.“Der Chirurg sah ihn erstaunt an.„Nun meinetwegen,“ sagte er, „legen Sie ihm fleißig Eis auf den Kopf, und halten Sie ihn möglichst ruhig. Aber ein Arzt muß noch heraus!“„Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persönlich bekannt. Halten Sie denn den Zustand des Barons für gefährlich?“ Ertings Lippen zitterten.„Offen gesagt, ja!“ erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen, „das Fieber tritt so schnell und heftig auf, daß es die Kräfte sehr hinnehmen muß und für einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein Krankenlager immer eine böse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!“Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote sich bereit machte; er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den wildesten Phantasien vorfand.Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzählung kennen lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen, besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß vermochte Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Geträumtes mischte sich auf eine für Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden.Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl.„Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,“ sagte er auf Ertings verzweifelt fragenden Blick, „aber das Ungestüm des Fiebers macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.“„Thun Sie das nicht,“ bat Erting flehentlich, „sagen Sie mir Alles, was geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!“Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf die Schulter legte.„Ruhig Blut, alter Freund,“ sagte er tröstend, „Rüdiger ist jung und hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!“Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst. Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt.Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den — freilich seltenen — Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger, der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht Ertings zu blicken — der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so Gehaßten und Verspotteten entgegennahm — er hatte, unklar, wie die Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser kleine Mann zu ihm gehöre — daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an seiner Seite sei.Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden — aus Brandeck und aus der Residenz, und die tägliche Antwort — „noch beim Alten,“ wollte und wollte keiner Besserung weichen.Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß, blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.„Erting,“ sagte er, „mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben — Sie sind ein braver, treuer Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!“„Schweigen Sie doch,“ sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu werden.Rüdiger schüttelte den Kopf.„Lassen Sie mich heute reden!“ fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort, „wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund, es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich reden,“ wiederholte er hastig und erregt, „oder ich springe aus dem Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!“„Nun, so reden Sie,“ sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich mühsam emporrichtete, „aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen Sie!“„Ich will Ihnen nur sagen,“ begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell athmend, „daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott nicht! Ich wollte — ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith“ — er seufzte schwer auf — „also — Edith ein letztes Ultimatum stellen — sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig — und wir geriethen aneinander!“Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort:„Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn duihnwegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später kommen könnte — dachte ich nicht — habe ich nie gedacht — nie!“„Ja, ja!“ sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach zurücksank, „das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!“„Nur Eins noch, Erting,“ sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, „ich spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser — sie würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger gepaßt wie ich bin, — nun, es sollte nicht sein!“„Rüdiger,“ sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, „nun hören Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben sollten — wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht! das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut, daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie wieder gesund sind — und Siewerdenwieder gesund werden — dann sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt —ichstehe Ihnen nicht mehr im Wege!“„Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?“ rief Rüdiger fieberhaft erregt, „ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser kennten!“Erting sah vor sich nieder.„Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,“ sagte er und wurde roth, „so sehr großmüthig wäre es nicht ’mal von mir! Ich habe schon lange das Gefühl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen hätten, als wir uns verlobten, und — und ich muß Ihnen nur sagen, ich habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, — nun, Sie können sich das Andere denken!“Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn.„Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie läßt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war — und ich war es nicht — jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting! Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!“Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen.Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde geholt, Rüdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert.Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurückfuhr und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wußte man im Schloß, daß Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach Stunden zähle.Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von Brandeck und schlug an die Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde Herz von Geralds erster Liebe.Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung wieder in den Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting öffnete leise die Thür, als er Schritte im Vorzimmer vernahm.„Stein, sind Sie es?“„Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,“ sagte der Doctor mit unterdrückter Bewegung, „machen Sie einmal Platz, Erting!“Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief verschleierte Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hände hin.„Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe — und verzeihen Sie mir auch diesen Schritt — aber ich mußte Ihn nocheinmalsehen!“Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. „Gehen Sie zu ihm, Edith, ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten — der da drinnen hat Sie mit seinem Blut erkauft!“Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm nieder und küßte seine Hand.Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glücklich, und sagte: „Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?“Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, schloß er die Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.„Das war ein Gewaltstreich,“ sagte Doctor Stein eine Stunde später zu Erting, „aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn für gerettet!“Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen, wie es hatte kommen müssen! Gerald Rüdiger und seine schöne Frau standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen Augen des „tollen Junkers“ war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder besonders lebhaft nahe gerückt worden.Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht — Ludwig Erting, der den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichtsdiesertreuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten.Und Rüdiger? — Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt, ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und — noch Eine am Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird — die Geschichte von der Liebe seiner Jugend — von dem Kampfpreis seines Lebens.

Entflieh’ mit mir!

Entflieh’ mit mir!

Entflieh’ mit mir!

Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen, die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes kleinefaiblefür Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste nach einander, und immer war der „tolle Junker“ der Held aller dieser Festivitäten.

Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte, und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte, das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten, kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es entstand.

Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau zurück.

Der Maskenball war glänzend und es herrschte nureineStimme vollster Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß, und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend, solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften.

Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am Fenster lehnte, hätte allerdings das „Gretchen“ nicht reizender gedacht werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.

Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend, am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn empfand, auf ihn zu.

„Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?“ sagte sie, und legte ihre kleine Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von trübem Nachdenken auf seiner Stirn.

„Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer Freiheit überhaupt bald zu Ende ist?“ sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte, aber bitter klang.

„Was haben Sie, Ludwig?“ frug Edith halb erstaunt und halb verletzt, indem sie einen Schritt zurück trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf eine hohe Gestalt in der düsterschönen Tracht eines spanischen Granden. Eine tiefe, jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war trotz der Larve wohl zu bemerken.

„Was ich habe?“ gab er finster zurück, „sehen Sie einmal in den Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich, „was ich habe,“ wenn das Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein wird, beim Anblick eines Anderen so tief erröthet — Sie haben sich zu früh demaskirt!“

Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen, aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er so Unrecht nicht habe! Sie bezwang sich und blieb.

„Ludwig, seien Sie nicht hart,“ sagte sie, fast bittend, „Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß ich bei jedem überraschenden Wort oder Anblick roth werde, und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets beobachten, wenn Gerald kommt —“

„Ach was Gerald — Gerald,“ rief er heftig, „Sie brauchen den Baron nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht mit ihm tanzen!“

Edith war leichenblaß geworden.

„Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,“ sagte sie langsam und eiskalt, „aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu lassen, ich werde Gerald Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!“

Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische, und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen, als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, schneidend von dem Wesen Ertings abstach.

Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog, da folgten Aller Blicke bewundernd und — bedauernd dem herrlichen Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen.

Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl „des letzten Males“ ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu sprechen — und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies ihn nicht zurück!

„Und übermorgen ist Ihr Polterabend!“ sagte Gerald jetzt ohne Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne zu antworten. „Erlauben Sie!“ sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus ihrer Hand, „das paßt nicht für Gretchen — überlassen Sie es Faust!“

„Sie sind nicht Faust!“ erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf, um ihn anzusehen.

„Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!“

„Abscheulich!“ rief Edith erröthend, „weil sie wußte, daß es Ludwig kränken würde!“

„Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?“ sagte Rüdiger höhnisch, „soll ich das ganz allein thun?“

„Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!“

„Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich, ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf und Herzen aussieht!“

„Ich bin gar nicht neugierig!“ erwiderte sie anscheinend ruhig, aber mit leicht bebender Stimme, „überdies kann ich es mir denken!“

„Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!“

„Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!“

„Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!“

Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen, verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie versetzten.

„Entscheiden Sie sich, Edith,“ fuhr er athemlos vor Aufregung fort, „ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,“ er blickte sich hastig um, sie waren allein im Zimmer, „ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind, dürfen Sie auch kein Wort sprechen!“

Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.

„Genug, Baron Rüdiger,“ sagte sie mit gepreßter Stimme, „Sie beleidigen mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,“ fuhr sie fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, „auf wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten, mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft, daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend einräumte.“

Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.

„Edith, verzeihen Sie mir,“ sagte er rauh und ohne sie anzusehen, „es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich übrig? Verzeihen Sie mir,“ wiederholte er zornig, als sie schwieg und vor sich niederblickte. „Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird nicht gut!“

Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, daß sie einen leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig ließ er sie los.

„Sehen Sie,“ sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ohne sich zu entschuldigen, „was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut? Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind für lange Zeit das letzte Mal zusammen gewesen — gönnen Sie mir diesen einen armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!“

„Weshalb?“ frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.

„Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? Sie taxiren mich denn doch etwas zu zahm, Edith!vielzu zahm, wie Sie noch einmal einsehen werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir? Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?“

„Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,“ erwiderte sie kalt.

„Nun, dann bin ich zu Ende,“ rief er trotzig und wild, „thun Sie was Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!“

Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre Schritte zu hängen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und legte ihre Hand in seinen Arm.

„Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,“ sagte sie, „was soll man davon denken?“

„Sie ließen mich allein,“ erwiderte er, halb versöhnt durch ihr Einlenken, — „aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in Ihrer Nähe bleiben darf! Geben Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine Quadrille!“

„Gern,“ sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr grollte, „sehen Sie sich, bitte, nach einemvis-à-visum, ich erwarte Sie bei Mama!“

Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend, zu der auch Rüdiger gehörte.

Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller Spannung, aber da nichts Auffälliges zu bemerken war, wandte sie sich ihrer Mutter zu, und bemühte sich, die kritischen Bemerkungen zu belächeln, welche die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden ließ.

Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch placirten, durch Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.

Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben zurück ziehen, als Raven zu ihr trat.

„Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen Tanz?“

„Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht mich,“ sagte sie lächelnd, „ich habe die Quadrille meinem Bräutigam zugesagt, und er scheint dies vergessen zu haben!“

„Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wünschte, mag sein, daß die Unterredung sich ein wenig in die Länge zieht!“

„Ah so!“ erwiderte Edith beruhigt, nun, „plaudern wir, bis er kommt, Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so meisterhaft!“

Raven verbeugte sich.

„Tempi passati, meine gnädigste,tempi passati, jetzt überläßt man es jüngeren Kräften!“

Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn verhindere!

„Irgend eine Börsennachricht,“ dachte sie bitter, „das ist wichtiger, als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das läßt sich eben später nicht anlernen!“

Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen „Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich“ entlassen hatte, trat Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes, aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen.

Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie, als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und übermüthiger aus, wie je!

„Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?“ frug er, indem er ihr Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.

„Das dürfen Sie,“ sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, „ich bin ja ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen, ohne ein Wort der Aufklärung an mich!“

„Hat er das?“

„Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?“

„Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,“ sagte Rüdiger, der sie zu ihrem Platze geleitet hatte, „er konnte zwingende Gründe haben! Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen — er ist fort, ich bin da, es lebe die Gegenwart!“

Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des „tollen Junkers“ so geblitzt, wie an diesem Abend.

Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so rücksichtslos, so gleichgültig verlassen hatte, und die Stunden flogen vorüber, leicht und glänzend, wie die Schneeflocken, die draußen dicht und dichter niederfielen.

Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich zur Beendigung des Festes.

Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat Rüdiger noch einmal zu Edith.

„Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?“

„Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?“

„Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich Sie erst nach Brandau bringe, ich benütze dann einen späteren Zug.“

Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der Fürstin, es ist mir zu spät geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren, und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen, im Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem Schutze nicht anvertrauen.“

„Wie Sie befehlen,“ sagte Rüdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit Bitten in sie zu dringen, „dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!“

„Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,“ sagte sie mit etwas mühsamem Lächeln, „wir reisen gleich nach der Trauung für den Rest des Winters nach Italien.“

„Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade! Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!“

Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, jetzt ihre Hochzeitsreise besprach — war dies Comödie, oder alles Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.

„Leben Sie wohl!“ sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: „Du siehst ihnniewieder, wie Ihr Euch heut gesehen!“ und sie gab ihm nochmals die Hand:

„Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen —“ und wandte sich hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.

Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen.

„Vorwärts!“ rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen, funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.

„Job!“

„Gnädiger Herr?“

„Alles ruhig oben?“

„Nein, gnädiger Herr!“

„Was macht er denn, Job?“

„Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thüren. Zwei Fenster hat er auch schon eingeschlagen.“

Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den Schlitten wieder näher an das Schloß brachte, begann er von Neuem.

„Job!“

„Gnädiger Herr!“

„Warum sagst du nichts?“

„Ich weiß nichts, gnädiger Herr!“

„Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!“

„Das glaub’ ich, gnädiger Herr!“

Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die Pferde, daß sie im Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß erreicht war. Der gellende Ton der Pfeife übte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde die Zugbrücke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, die Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu Hause.

Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, wie Job, trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, röthlichen Schein über den Schloßhof fallen ließ. Rüdiger schüttelte sich die Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den Wohnräumen führte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne.

Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. Wenn er hätte sehen können, welch seltsam malerischen und schönen Anblick er in seiner altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend, darbot, er hätte sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber ist es, daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig gewesen wäre.

Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann, nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte, den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen Aufenthaltsort seines Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür sich ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß auf und klopfte gleichzeitig.

„Wer ist da?“ rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit und Wuth.

„Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, — wollen Sie —“

Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thür wurde aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weißer erscheinen ließ.

„Wo haben Sie Ihre Pistolen?“ knirschte er, indem er Miene machte, sich auf Rüdiger zu stürzen, „wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!“

Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, daß er im ersten Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das für den kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein Rasender auf Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.

„Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den Schimpf, den Sie mir angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?“

Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt zurück, noch sehr ruhig, wie es schien.

„Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht mit Ihnen!“

„Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine Schonung!“

„Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie mit Schießgewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran finde, einen Wehrlosen niederzuschießen.“

„Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so feige!“

„Erting, nehmen Sie sich in Acht,“ rief Rüdiger, auf dessen Stirn eine unheilverkündende, düstre Röthe erschien, „ich dulde heute Viel von Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!“

„Sie wollen sich nicht mit mir schießen?“ schrie Erting mit fast erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen.

„Nein!“ erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er keine Silbe mehr sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.

„Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?“ fuhr Erting, sinnlos vor Wuth, fort, „Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im Complott, als es galt, den unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!“

„Genug!“ sagte Rüdiger todtenbleich und fest, „Sie haben einen Namen in unseren Streit hineingezogen, der es mir unmöglich macht, Ihnen noch ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!“

Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, in einem Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte. Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja zu müssen, bereits nachzulassen begann.

Blitzschnell jagten sich die Gedanken, „was wird man zu Hause von dir denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?“ denn im Innern hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere Bilder — wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos, zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.

Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer, in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: „für den Fall meines Todes abzugeben.“ Dann ergriff er das andere Blatt — sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren, durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig und fliegend: „Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.“

Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall von Schritten seiner Thür nahte.

Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde.

Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch und wandte sich zu Erting.

„Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,“ sagte er im verbindlichen Ton, „aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu verbinden.“

Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.

„Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,“ sagte er dann zu Erting, „meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und lassen sich nicht von Jedermann handhaben!“

Erting verbeugte sich stumm.

„Ein Wort, Herr von Rüdiger,“ sagte er dann.

„So viel Sie befehlen!“ erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum Fenster trat.

„Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre Adresse zu befördern, ich stelle mich für einen gleichen Auftrag zur Verfügung.“

Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen verwunderten Blick auf Erting.

„Nichts an Comtesse Brandau?“

„Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten würden!“

Rüdiger zuckte die Achseln.

„Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?“

Erting schwieg einen einzigen Moment.

„Ja,“ sagte er dann. „Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?“

„Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustößt, so würden die sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und Comtesse Brandau — ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich Bericht erstatten, Herr Erting!“

Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie nicht, und sah ihn zornig verwundert an.

„Es ist Usus so, oder ähnlich,“ sagte Rüdiger freundlich, „aber wie Sie wollen!“

Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer wieder verlassen.

„Ich denke, wir schießena tempo,“ sagte Rüdiger, noch immer in einem Ton, wie im Ballsaal, „zählen Sie, Strauch, bis drei!“

Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, Rüdigers Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf fort und schlug in die Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.

„Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, — und nun zürnen Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hübsche Lehre bekommen!“

Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen Gegner, dessen rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am Fußboden unheimlich aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß er heftige Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem übermüthigen Klange verloren.

Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier über seine Züge, und der Förster hatte eben noch Zeit, den ohnmächtig Zurücksinkenden aufzufangen.

Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.

„Großer Gott, ich habe ihn gemordet!“ schrie er auf, und warf sich neben seinem bleichen Feinde nieder.

Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen, was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner Unbehülflichkeit ihn daran hinderte.

„Helfen Sie ’mal,“ herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, „heben Sie den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.“

Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob.

„Rufen Sie den Job,“ sagte er, „wir müssen uns eilen, daß wir das Blut stillen, sonst wird das nicht gut!“

„Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,“ sagte Erting kläglich, dessen durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu einem Nichts zusammengeschrumpft war.

„Dann werde ich ihn holen,“ sagte der Förster, „bleiben Sie hier bei dem Baron!“

Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein.

Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!

Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu gehen, er hielt förmlich den Athem an.

Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhältniß zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger, nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.

Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich aufzurichten.

Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte ihn. Rüdiger erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lächeln flog über sein Gesicht.

„Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jämmerlich aus, es war mir ganz gesund, daß Sie mir etwas Blut abzapften!“

Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchstoß.

„Ich habe Sie unglücklich gemacht,“ stöhnte er, die Hände vor’s Gesicht schlagend, „können Sie mir verzeihen?“

Rüdiger erröthete leicht.

„Erting, machen Sie mich nicht verlegen,“ sagte er hastig und streckte die Hand nach dem Andern aus, „ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie auf das Unerhörteste behandelt und kann von Glück sagen, mit einer so „gnädigen Strafe“ davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Büchse führen können, bis die rechte wieder dienstfähig ist!“

Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast gemurmelt — aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang. Der Förster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer. Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem jungen Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß den verwundeten Arm zu untersuchen.

Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil über Tod und Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.

„Ist das Bett des Herrn Baron bereit?“ frug der Heilkünstler jetzt.

„Wie lange schon!“ murrte Job, „es ist ja glücklich fünf Uhr vorbei!“

„Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?“ sagte Rüdiger, sich ein wenig aufrichtend, „heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?“

„Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,“ erwiderte der Wundarzt trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, während Rüdiger kein Zeichen der Bewegung sehen ließ.

„Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige Lage und kühles Getränk!“

„Tröstlich!“ sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft zu glühen begannen, „denken Sie aber nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen Gewäsch folge! Was, ruhige Lage! — sitzen werde ich bis morgen früh und mein kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne Feindschaft mit Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den Keller!“

„Baron Rüdiger,“ sagte Erting flehend, und faßte in seinem Eifer die Hand des Gegners, „ich beschwöre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen Anordnungen widersetzen.“

Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die Thränen in die Augen. Rüdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf.

„Sie sind eine gute Seele,“ sagte er, „und sollen sich nicht ängstigen! Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren sterbe, sich einbilden, ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. Job, laß anspannen! ah, der Wagen kommt schon eine — schwere Kutsche, wie sie rasselt! Aber die Todten reiten schnell!“

Er schloß die Augen.

„Zu Bett mit ihm,“ sagte der Chirurg energisch, „das Fieber steigt rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,“ wandte er sich an Erting, „so schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung nicht allein übernehmen.“

Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich ohne weiteren Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte Ersterer zu dem Arzt zurück.

„Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,“ sagte er mit ungewöhnlicher Festigkeit, „ich bleibe bei dem Baron, er hat schon darein gewilligt.“

Der Chirurg sah ihn erstaunt an.

„Nun meinetwegen,“ sagte er, „legen Sie ihm fleißig Eis auf den Kopf, und halten Sie ihn möglichst ruhig. Aber ein Arzt muß noch heraus!“

„Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persönlich bekannt. Halten Sie denn den Zustand des Barons für gefährlich?“ Ertings Lippen zitterten.

„Offen gesagt, ja!“ erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen, „das Fieber tritt so schnell und heftig auf, daß es die Kräfte sehr hinnehmen muß und für einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein Krankenlager immer eine böse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!“

Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote sich bereit machte; er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.

Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den wildesten Phantasien vorfand.

Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzählung kennen lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen, besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß vermochte Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Geträumtes mischte sich auf eine für Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden.

Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl.

„Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,“ sagte er auf Ertings verzweifelt fragenden Blick, „aber das Ungestüm des Fiebers macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.“

„Thun Sie das nicht,“ bat Erting flehentlich, „sagen Sie mir Alles, was geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!“

Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf die Schulter legte.

„Ruhig Blut, alter Freund,“ sagte er tröstend, „Rüdiger ist jung und hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!“

Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst. Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt.

Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den — freilich seltenen — Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger, der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht Ertings zu blicken — der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so Gehaßten und Verspotteten entgegennahm — er hatte, unklar, wie die Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser kleine Mann zu ihm gehöre — daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an seiner Seite sei.

Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden — aus Brandeck und aus der Residenz, und die tägliche Antwort — „noch beim Alten,“ wollte und wollte keiner Besserung weichen.

Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß, blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.

„Erting,“ sagte er, „mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben — Sie sind ein braver, treuer Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!“

„Schweigen Sie doch,“ sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu werden.

Rüdiger schüttelte den Kopf.

„Lassen Sie mich heute reden!“ fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort, „wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund, es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich reden,“ wiederholte er hastig und erregt, „oder ich springe aus dem Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!“

„Nun, so reden Sie,“ sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich mühsam emporrichtete, „aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen Sie!“

„Ich will Ihnen nur sagen,“ begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell athmend, „daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott nicht! Ich wollte — ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith“ — er seufzte schwer auf — „also — Edith ein letztes Ultimatum stellen — sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig — und wir geriethen aneinander!“

Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort:

„Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn duihnwegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später kommen könnte — dachte ich nicht — habe ich nie gedacht — nie!“

„Ja, ja!“ sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach zurücksank, „das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!“

„Nur Eins noch, Erting,“ sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, „ich spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser — sie würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger gepaßt wie ich bin, — nun, es sollte nicht sein!“

„Rüdiger,“ sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, „nun hören Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben sollten — wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht! das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut, daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie wieder gesund sind — und Siewerdenwieder gesund werden — dann sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt —ichstehe Ihnen nicht mehr im Wege!“

„Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?“ rief Rüdiger fieberhaft erregt, „ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser kennten!“

Erting sah vor sich nieder.

„Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,“ sagte er und wurde roth, „so sehr großmüthig wäre es nicht ’mal von mir! Ich habe schon lange das Gefühl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen hätten, als wir uns verlobten, und — und ich muß Ihnen nur sagen, ich habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, — nun, Sie können sich das Andere denken!“

Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn.

„Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie läßt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war — und ich war es nicht — jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting! Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!“

Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen.

Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde geholt, Rüdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert.

Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurückfuhr und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wußte man im Schloß, daß Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach Stunden zähle.

Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von Brandeck und schlug an die Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde Herz von Geralds erster Liebe.

Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung wieder in den Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting öffnete leise die Thür, als er Schritte im Vorzimmer vernahm.

„Stein, sind Sie es?“

„Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,“ sagte der Doctor mit unterdrückter Bewegung, „machen Sie einmal Platz, Erting!“

Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief verschleierte Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hände hin.

„Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe — und verzeihen Sie mir auch diesen Schritt — aber ich mußte Ihn nocheinmalsehen!“

Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. „Gehen Sie zu ihm, Edith, ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten — der da drinnen hat Sie mit seinem Blut erkauft!“

Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm nieder und küßte seine Hand.

Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glücklich, und sagte: „Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?“

Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, schloß er die Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.

„Das war ein Gewaltstreich,“ sagte Doctor Stein eine Stunde später zu Erting, „aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn für gerettet!“

Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen, wie es hatte kommen müssen! Gerald Rüdiger und seine schöne Frau standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen Augen des „tollen Junkers“ war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder besonders lebhaft nahe gerückt worden.

Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht — Ludwig Erting, der den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichtsdiesertreuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten.

Und Rüdiger? — Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt, ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und — noch Eine am Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird — die Geschichte von der Liebe seiner Jugend — von dem Kampfpreis seines Lebens.


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