Der tolle Junker.„Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.“Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu wollen, bis der Herbstmorgen dämmerte.Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem Gespräch und zwei andere waren an einem Billard beschäftigt. Die Spieler gehörten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am Tisch.Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus in das Zimmer führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, blaß und vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und näherte sich der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.„Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,“ bemerkte einer der bereits Anwesenden, „es ist doch sträflich, im September schon in Gesellschaft zu gehen.“„Was haben Sie da?“ sagte der als Raven Angeredete, „château d’Yqum? Schön, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so werden Sie mir zugeben, daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle hätten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.“Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen.„Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!“ sagte Raven, dem allbeliebten jungen Arzt die Hand schüttelnd; „nun, Doktor, ist Alles zu Tode curirt, daß Sie ’mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand unserer Stadt!“„Berufen Sie mein Glück nicht!“ erwiderte Doktor Stein, „ich bin selbst ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl gegeben, mich für alle, außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da ist übrigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir quitt!“Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein.„Und nun,“ sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, „erzählen Sie vom Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!“„Ja, ja,“ riefen die Anderen durcheinander, „erzählen Sie, wie war das Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?“„Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet meinen,“ sagte Raven, „es hatte nur wieder den alten Erting’schen Fehler, weniger wäre mehr gewesen! Ich bitte Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strömen — nun, wir können es ja haben!“„Und das Brautpaar?“„Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig wie immer, die Mama soufflirte ihm beständig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine Wahl genügend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt hatte, war ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden, man muß auch an sich selbst denken!“„Sie sind ein malitiöser Mensch,“ sagte der Doktor. „Ludwig Erting ist ein guter, anständiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen wird, wenn ihm auch die Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre er innerlich anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!“„Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem Juwel als Fassung dienen!“„Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?“„So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,“ sagte Raven, „blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit einer alterthümlichen, feinen Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von Passini!“In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer Wagen, er hielt vor der Thür des Weinhauses und ein graubärtiger Mann in Hut und Kutschermantel trat hastig und verstört in die Stube.„Das gilt mir!“ sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen.„Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,“ begann der Alte mit unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche Gesicht, „unser Herr liegt im Sterben!“„Was Teufel!“ rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den Ueberzieher, während er sich von den Anderen verabschiedete, „ich empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm nicht sein!“„Wer ist denn krank?“ fragte Raven den Eilfertigen.„Der alte Baron in Wolfsdorf,“ rief der Doktor schon im Hinausgehen, die Thür klirrte ins Schloß und wenig Augenblicke darauf rasselte der schwere Landwagen über das Straßenpflaster.Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch zurück und begannen sich auch zum Aufbruch zu rüsten.Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.„Seltsam,“ begann er jetzt, als sie mit einander durch die menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, „wie diese Botschaft für den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!“„Inwiefern?“ frug sein Begleiter überrascht.„Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.“„Und warum wurde nichts daraus?“„Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau’s —cela va sans dire— dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen, verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!“Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.„Wie ist mir denn,“ sagte Schrader, „das Majorat ist einer andern Linie zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem Bruder!“„Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, es ist sündhaft spät geworden!“Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!Der Heini von Steier ist wieder im Land!Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen wehten.Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen. Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter, Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens.Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. „Falls er sich nicht einstelle,“ so lautete die letztwillige Verfügung, „sollte ein Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.“ Erst nach Ablauf dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt.Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der „verschollene“ Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung ergriff.Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen. Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen umzugehen.Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten, und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden, und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz genügendes Anrecht auf seinen alten Namen „der tolle Junker!“Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit, und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten.Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses, Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre Aussteuer besorgt hatte.Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung stattgefunden hatte.Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen. Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich, Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr, als im Zusammensein mit seiner Braut.Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen — und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor die Augen — Herbstspiel!Endlich brach Erting das Schweigen.„Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?“Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu überhören schien.„Ich danke Ihnen,“ sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich gegen ihren Bräutigam, „aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man überhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen nichts Anderes gethan!“Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der Stirn wie eine Last.„Sie sehen bleich aus,“ bemerkte Erting besorgt, „ist Ihnen auch unser Spaziergang zu weit?“Sie schüttelte lächelnd den Kopf.„Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor sich haben, ich bin an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, es ist nur die köstliche Ruhe und Stille hier, die mir plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt lebt!“„Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs Land ziehen — ich habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut in der Nähe. Sie wissen ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen Zukunftsplänen bestimmen!“„Nein, nein,“ erwiderte sie müde und abwehrend, „was sollte das? Sie sind kein Landmann und ich möchte mich in kein fremdes Gut mehr einleben.“„Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,“ sagte Erting, „die Mama würde gewiß ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis müßte so gestellt werden, daß er ihr eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.“Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab.„Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis für Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden Wunsch, daß Karl es übernimmt.“„Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!“„Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem Husarenlieutenant ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie nicht Kaufmann — können Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen wurden?“„Gewiß nicht!“ entgegnete er mit einiger Energie, „meine Neigungen und Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit davon entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein Vater seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.“Sie blieb stehen.„Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,“ sagte sie, und gab ihm die Hand, „und das habe ich gern! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie hart anließ, mir ist heut so grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen ja von Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir haben werden!“Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein wollte und Erting, der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr — hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewählt — vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich über die schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau’schen Hause und besonders die einschüchternde, kühle Freundlichkeit Ediths während des Brautstandes gestattete.Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der Stadt zurückzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen habe.„Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?“ fragte er, als er sich am Parkeingang von Edith verabschiedete.Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.„Gewiß,“ sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft warf, „kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel von meiner Gesellschaft zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit und meine schönen, langen Ritte — und dann sind wir auch sehr fleißig jetzt — aber wie gesagt, kommen Sie nur!“Sie reichte ihm die Hand.„Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,“ rief sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht lieblicher verkörpert werden können.Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem Bilde des einsamen Kindes — an diesem Plätzchen hatte er sie stets zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer durchzuschlüpfen verstanden.Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum letzten Lebewohl; damit war’s aus gewesen!Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein Majorat gekostet — und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie frug, warum sie doch nachgegeben!Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort — verwischt — zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an — und es war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen? Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat.Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel, mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten, wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber — ihr war, als müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf Jahre, auf immer!Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ. So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen Freiers, und er wußte es!Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, „wir haben uns lange nicht gesehen, Gerald,“ und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte, ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem fort:„Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für verschollen.“„Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,“ erwiderte er langsam und mit erzwungener Ruhe, „auch war die Annahme nicht „allgemein,“ wie Sie sagen.Einehat immer von mir gewußt, haben Sie sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?“Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.„Ich hatte keine Berechtigung dazu,“ sagte sie kalt, „warum haben Sie in den „ganzen langen fünf Jahren“ nichteinmaldirect von sich hören lassen?“Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.„Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen! Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art auch von mir hören und an mich denken würden.“Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.„Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man mag in meiner „Lebenssphäre“ nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur Vollkommenheit — zu vergessen, wo ich vergessen war!“Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen Schritt auf sie zu.„Edith,“ sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, „einen solchen Ton mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit Thränen in den Augen zu mir sagte, „wenn Sie auch wiederkommen, Gerald, Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!“ Diese Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag, in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie „vergaß,“ wie Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam, unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster standen, wenn die Nachtigallen schlugen —“„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, „selbst wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das Recht, solche Worte anzuhören — ich bin Braut!“„Man hat es mir erzählt,“ sagte Rüdiger finster, „und ich habe erst gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie thun?“Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie antwortete — die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber!„Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,“ erwiderte sie hochmüthig, „aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen! Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?“„Ja und nein,“ sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen suchte, den ihr kalter Ton in ihm anfachte, „ich verstehe Sie, Edith — in dürren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt, und dafür sind Sie seine Braut geworden. Hölle und Teufel,“ rief er plötzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es mit dumpfem Klange auf den Boden schlug, „daß ich hier stehen soll, ich vor allen Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte verhandeln, Edith — das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!“„Und worin soll dies Ende bestehen?“ frug sie, während sie ihn unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwüchsigen Zorn!„Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder Sie niederschießen darf, daß diese ganze Brautschaft ein widerwärtiges, tolles Puppenspiel ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer schönen Reden.“Sie trat einen Schritt auf ihn zu.„Gerald, Gerald!“ sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, „ich habe doch mehr gelernt, als Sie in den fünf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen Sturmesflügeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich habe es ganz hübsch begriffen, daß man sich in Unabänderliches fügen muß. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen, ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, und spielten hier im Walde „Räuber und Prinzessin!“ Sie sind wirklich noch ganz derselbe —“„Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith Brandau einen Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen Recht haben,“ sagte er spöttisch, „nun, Sie haben ja Ruhe für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen lernen! Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting kommt doch gewiß zum Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!“Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige Schritte gethan hatte, rief Edith zögernd: „Gerald!“Er wandte sich hastig um.„Ihr Gewehr, Baron Rüdiger — und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!“Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann stützte er sich darauf und blieb einen Augenblick stehen.„Edith,“ sagte er hart und kalt, „hüten Sie sich vor mir! Wie wir Beide uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie damals, wo ich für ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der Welt gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es könnte Ihnen doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir, lassen Sie mich lieber in Frieden — es ist für uns Beide, und für Ihre Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und nun, gute Nacht Edith!“Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.„Nein, Gerald,“ sagte sie weich und traurig, „gehen Sie nicht so im Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekränkt war, nicht bedacht, daß auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten, wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch wahrscheinlich, daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals, dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht mehr lange hier —“Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und plötzlich brach ein Strom von heißen Thränen aus ihren Augen, der zur Genüge bewies, daß die Ruhe der letzten Stunden erkünstelt gewesen.„Edith, was thun Sie?“ rief er, wie außer sich, und streckte die Arme nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefaßt, und wies ihn mit einem energischen Kopfschütteln zurück.„Gerald, verstehen Sie mich recht,“ sagte sie fest im Ausdruck, wenn auch die Stimme noch bebte, „ich schäme mich dieser Thränen nicht, sie waren ein Tribut an unsre schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart, Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es uns gefällt! Dazu helfe mir Gott — und Sie, mein alter Kamerad, Sie werden mir dabei gewiß nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!“Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten, verließ sie ihn, und ging nach dem Park zurück. Der höher und höher steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand es Gerald mit wildem Schmerz, daß er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe!Gott schütz’ Dich vor dem ungeschlachten,Ohn Maßen groben Cavalier!Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Fürstin von T... alljährlich zum Besten eines von ihr gegründeten Krankenhauses stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren Zeiten.Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form Vergnügen hieß.Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen müssen, sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die allgemeine Neugier in Bezug auf das schöne Mädchen noch erregt hatte, durfte man eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des Publikums von ihr erwarten.Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte drängte, hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthätigkeitssinnes in den Hintergrund schoben.Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ein mattblauer, schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehören schien. Neben ihr lag ein riesiger weißer Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie in Ertings Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal überreicht wurden.Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen, hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens erzittern ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und wieder mit dem Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf „freundschaftlicher“ Basis angeknüpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte, nahm nur zu bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingeführt, er, der sonst so ungestüm Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn existirte nur Edith!Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es so nicht sein dürfe — hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war! Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten sagen, daß er lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine Stimme und seine Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem gefährlichsten Trost: „es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort, und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!“ Und sie vermied es nicht, wie sie gesollt hätte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen, sie spielte ein gefährliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht vergessen konnte, daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs, die Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr — erste Liebe hieß.Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches Geräusch gerissen. Soeben erschien die Fürstin mit ihren Damen in den weit geöffneten Flügelthüren. Mit einem prüfenden Blick überflog sie das Arrangement der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin zur andern, bis sie den Brandau’schen Tisch entdeckte.Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.„Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,“ sagte sie, und strich zärtlich über das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief verneigte. „Sie sehen bleich aus! ich weiß, daß Sie sich heute opfern durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!“„Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist, Durchlaucht,“ sagte die Gräfin Brandau, als Edith schwieg, und warf ihr einen zornigen Blick zu, „so wäre es durch diese Anerkennung schon reichlich vergütet!“Die Fürstin winkte begütigend.„Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Gräfin, sie hat das Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut! Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch neue Schätze angekommen!“Während die Damen sich in die Besichtigung und Erklärung der ausgestellten Gegenstände vertieften, und die Gräfin sich nach ihrem etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu füllen.Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzählung in der Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab seine gewohnten ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und weißer Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von Tisch zu Tisch, wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Fürstin begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte.„Nun, Herr Erting,“ rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen, „Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem Wohlthätigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht, sicher nicht zu widerstehen vermögen.“„Erting verhält sich doch am Ende passiv,“ sagte Raven für den verlegen Verstummten, „er weiß, daß er bereits das Schönste zu eigen hat, was ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?“„Das steht auf einem andern Blatt,“ erwiderte die Fürstin, während ihr Blick lächelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob sie Ravens Worte überhaupt gehört, „ich rede von Dingen diegekauftwerden können!“In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über das bleiche, schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den Gegenständen auf dem Tisch umher.Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der Worte erfaßt hatte, oder nicht.Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich auf den Eingang des Saales, und sie wandte sich zu Raven.„Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, blonde Mann, der eben eintritt? — ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostüm —“„Das ist der sogenannte „tolle Junker,“ Baron Rüdiger, erinnern sich Durchlaucht nicht mehr? — der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine sonderbare Idee, indiesemAufzug hier zu erscheinen!“„Jedenfalls eine kleidsame Idee,“ sagte die Fürstin, deren Augen immer noch den Besprochenen fixirten, „das ist eine interessante Erscheinung; wie kommt es übrigens, daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht zu Gesicht bekommen hat?“„Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoßen, Durchlaucht,“ sagte Erting etwas bitter, „er sucht darin eine gewisse Originalität!“„Das thut ernicht,“ rief Edith plötzlich mit Energie und tief erröthend, „er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in seiner sorglosen Weise gehen läßt, so ist das eben originell, und er braucht es nicht erst zusuchen, wie Sie sagen!“Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit einem forschenden Blick nach dem plötzlich so lebhaft sprechenden Mädchen, und wandte sich dann zu Raven:„Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich möchte gern durch den Augenschein urtheilen.“„Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige Minuten beurlaube,“ sagte Erting rasch, während Raven sich anschickte, Rüdiger aufzusuchen.Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, und wandte sich zu Edith, als Erting sich entfernt hatte.„Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, ist es wirklich eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!“Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt Ertings.„Durchlaucht sind grausam,“ erwiderte Edith mit zuckenden Lippen, „habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!“Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick wie bestürzt vor sich nieder.„Verzeihen Sie mir,“ sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art, „Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die Idee, welch herrliches Paar Sie Beide — doch halt, er kommt!“Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.„Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rüdiger,“ sagte sie in liebenswürdigem Ton, „ich habe Ihren Oheim sehr wohl gekannt, und weiß mich Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu erinnern! Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der Fremde verlernt?“„So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,“ erwiderte Rüdiger verbindlich, „wenn ich trotzdem ein Versäumniß beging, so bitte ich, es in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man bei einem Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht entgeht.“„Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,“ sagte Raven in seiner gewohnten ironischen Weise, „man muß seine tadellosen Verbeugungen sehen, um zu staunen, daß er in Californien Gold gegraben, in Australien —“„Ich bitte, erklären Sie mich nicht,“ unterbrach ihn Rüdiger etwas kurz, „außerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts — man muß mit den Wölfen heulen — meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den Affen um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist man eben Kosmopolit!“Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schönen, wildaussehenden Jägersmanne wuchs.„Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist,“ sagte sie, sich erhebend, „so hoffe ich, Sie öfters zu sehen. Wir musiciren jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt, daß Sie erwartet werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich schon über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!“Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während Rüdiger schweigend vor Edith stehen blieb.„Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht guten Abend sagen!“ nahm sie endlich lächelnd das Wort, ihn anzusehen.„Ichwollteauch nicht, aber Ihnen gegenübermußich stets, auch was ich nicht will! Schütteln Sie nicht wieder den Kopf, erzählen Sie mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!“„Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese schöne Jagdtasche —“„Haben Sie sie gearbeitet?“Sie schüttelte den Kopf.„Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? Ich verstand stets besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun ernstlich, was kaufen Sie?“„Nur Eins!“ erwiderte er langsam, „aber für dieses Eine gebe ich Ihnen meine ganze Börse preis!“„Und das wäre?“„Sie werden es nicht geben wollen!“„Ist es bei den Verkaufsartikeln?“ frug sie, ahnungslos, was er meinte.Er lachte.„Ja, es liegt dabei!“„Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes Sinnen und Trachten ist auf einen möglichst hohen Preis gerichtet, wo ist es?“„Hier,“ erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, während er seine gefüllte Börse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.„Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?“ sagte plötzlich Ertings Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun.„Ich habe es gekauft,“ sagte Rüdiger, und blickte herausfordernd auf seinen kleinen Rivalen nieder.Edith mischte sich hastig ein.„Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, daß ich nicht daran denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen — legen Sie gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz,“ wandte sie sich verwirrt an Erting.„Das Bouquet ist mein,“ erwiderte Rüdiger, ohne sich an Ertings zornbleiche Miene zu kehren, „dort liegt meine Börse, Geschäft ist Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie als Kaufmann doch am besten wissen!“„Sie sind unartig, Gerald,“ fiel Edith wieder hastig ein, „und ich allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin ich nicht wohlthätig!“ Sie hielt ihm die Börse hin.„Das Bouquet,“ wiederholte sie.„Geben Sie das Bouquet her,“ sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth fast erstickter Stimme, „haben Sie ein Recht darauf, oder ich?“„Leider Sie!“ erwiderte Rüdiger lachend und hielt den fraglichen Gegenstand hoch in die Höhe, „aber trotzdem bleiben diese Blumen mein, ich würde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges Blättchen aus dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie können ihn gar nicht erreichen!“„Genug,“ sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, daß Erting aufs Aeußerste gereizt war, „ichbefehle, daß Sie die Blumen meinem Bräutigam geben, Gerald!“Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rüdiger gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den Strauß und die schwere Börse, und mit dem heftigen Ausruf: „So soll sie Niemand haben!“ schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster in den Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem „tollen Junker“ nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth gezeigt hatte.Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt gewesen, hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Störung zu erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell auf:„Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich ein Original! Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nüchternen Kreisen!“„Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache nicht in diesem Sinne auffassen wird,“ sagte Raven, „er schäumte geradezu vor Wuth, und seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu sehen, war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur nicht ernstere Folgen hat!“„Das wäre ja abscheulich!“ rief die Fürstin lebhaft, „und gerade jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgräber zu unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz würde Alles zerstören. Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich werde die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe der Außergewöhnlichkeit ein Opfer!“Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd: „Besonders, wenn diese „Außergewöhnlichkeit“ ein so hübsches Gesicht hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!“Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Fürstin entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus.„Ich gehe nach Haus,“ sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick.„Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine Braut nicht allein hier lassen!“„Ich gehe nach Haus,“ wiederholte er heftig, „für heute habe ich wieder einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von dem infamen Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken und zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenndunicht merkst, daß man sich hier über uns lustig macht,ichmerke es, und was habe ich denn davon?“„Aber Ludwig,“ rief die erschrockene Frau, die währenddessen mit dem zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prächtigen Wagen bestiegen hatte, und nun an seiner Seite durch die Straßen rollte, „Ludwig, hast du denn gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen und in höhere Sphären kommen, mein liebes Kind — ich will ja nur dein Glück, wenn ich dir dazu rathe!“„Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,“ sagte er, schon ruhiger, „und es ist ja auch möglich, daß eine Heirath mit Edith ein Glück ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für mich, ich hätte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so wäre ich später einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde, der Mann meiner Frau, die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich mir gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, aber wir wollen nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern!“Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers, einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte.Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen. Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.„Mein liebes Kind,“ sagte sie ängstlich, „so sei doch nicht so heftig! Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen, das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so vielchic!“„Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht, und außerdem gehört daschicund was du sonst sagst, nicht zur Sache. Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?“Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes sich so fest auf sie richteten.„Was verstehst du unter lieben?“ frug sie ausweichend.„Nun, ungefähr, wasdudarunter verstandest, als du meinen Vater heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, wasichdarunter verstand, ehe Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath machen konnte!“„Ludwig,“ sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der Sohn, „reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also du hast es in deiner Hand, wie lange Martha „unter fremden Leuten“ sein soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem Kopf geschlagen!“„Reden wir nicht mehr davon,“ sagte Erting finster, „ich habe mich vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter — du weißt, ich habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich vornehm umgekommen bin!“Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau Erting aussteigen.„Gute Nacht, Mutter,“ sagte er dann, „da kommt schon einer von unseren Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir heute ganz dienlich sein!“Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen Eisenfresser, im Hause verschwand.
„Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.“
„Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.“
„Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.“
Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu wollen, bis der Herbstmorgen dämmerte.
Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem Gespräch und zwei andere waren an einem Billard beschäftigt. Die Spieler gehörten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am Tisch.
Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus in das Zimmer führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, blaß und vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und näherte sich der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.
„Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,“ bemerkte einer der bereits Anwesenden, „es ist doch sträflich, im September schon in Gesellschaft zu gehen.“
„Was haben Sie da?“ sagte der als Raven Angeredete, „château d’Yqum? Schön, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so werden Sie mir zugeben, daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle hätten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.“
Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen.
„Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!“ sagte Raven, dem allbeliebten jungen Arzt die Hand schüttelnd; „nun, Doktor, ist Alles zu Tode curirt, daß Sie ’mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand unserer Stadt!“
„Berufen Sie mein Glück nicht!“ erwiderte Doktor Stein, „ich bin selbst ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl gegeben, mich für alle, außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da ist übrigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir quitt!“
Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein.
„Und nun,“ sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, „erzählen Sie vom Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!“
„Ja, ja,“ riefen die Anderen durcheinander, „erzählen Sie, wie war das Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?“
„Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet meinen,“ sagte Raven, „es hatte nur wieder den alten Erting’schen Fehler, weniger wäre mehr gewesen! Ich bitte Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strömen — nun, wir können es ja haben!“
„Und das Brautpaar?“
„Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig wie immer, die Mama soufflirte ihm beständig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine Wahl genügend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt hatte, war ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden, man muß auch an sich selbst denken!“
„Sie sind ein malitiöser Mensch,“ sagte der Doktor. „Ludwig Erting ist ein guter, anständiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen wird, wenn ihm auch die Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre er innerlich anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!“
„Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem Juwel als Fassung dienen!“
„Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?“
„So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,“ sagte Raven, „blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit einer alterthümlichen, feinen Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von Passini!“
In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer Wagen, er hielt vor der Thür des Weinhauses und ein graubärtiger Mann in Hut und Kutschermantel trat hastig und verstört in die Stube.
„Das gilt mir!“ sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen.
„Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,“ begann der Alte mit unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche Gesicht, „unser Herr liegt im Sterben!“
„Was Teufel!“ rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den Ueberzieher, während er sich von den Anderen verabschiedete, „ich empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm nicht sein!“
„Wer ist denn krank?“ fragte Raven den Eilfertigen.
„Der alte Baron in Wolfsdorf,“ rief der Doktor schon im Hinausgehen, die Thür klirrte ins Schloß und wenig Augenblicke darauf rasselte der schwere Landwagen über das Straßenpflaster.
Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch zurück und begannen sich auch zum Aufbruch zu rüsten.
Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.
„Seltsam,“ begann er jetzt, als sie mit einander durch die menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, „wie diese Botschaft für den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!“
„Inwiefern?“ frug sein Begleiter überrascht.
„Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.“
„Und warum wurde nichts daraus?“
„Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau’s —cela va sans dire— dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen, verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!“
Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.
„Wie ist mir denn,“ sagte Schrader, „das Majorat ist einer andern Linie zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem Bruder!“
„Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, es ist sündhaft spät geworden!“
Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.
O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!Der Heini von Steier ist wieder im Land!
O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!Der Heini von Steier ist wieder im Land!
O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!Der Heini von Steier ist wieder im Land!
Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen wehten.
Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.
Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen. Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter, Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens.
Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. „Falls er sich nicht einstelle,“ so lautete die letztwillige Verfügung, „sollte ein Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.“ Erst nach Ablauf dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt.
Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der „verschollene“ Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung ergriff.
Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen. Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen umzugehen.
Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten, und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.
So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden, und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz genügendes Anrecht auf seinen alten Namen „der tolle Junker!“
Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit, und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten.
Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses, Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre Aussteuer besorgt hatte.
Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung stattgefunden hatte.
Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.
Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen. Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich, Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr, als im Zusammensein mit seiner Braut.
Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.
Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen — und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor die Augen — Herbstspiel!
Endlich brach Erting das Schweigen.
„Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?“
Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu überhören schien.
„Ich danke Ihnen,“ sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich gegen ihren Bräutigam, „aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man überhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen nichts Anderes gethan!“
Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der Stirn wie eine Last.
„Sie sehen bleich aus,“ bemerkte Erting besorgt, „ist Ihnen auch unser Spaziergang zu weit?“
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
„Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor sich haben, ich bin an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, es ist nur die köstliche Ruhe und Stille hier, die mir plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt lebt!“
„Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs Land ziehen — ich habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut in der Nähe. Sie wissen ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen Zukunftsplänen bestimmen!“
„Nein, nein,“ erwiderte sie müde und abwehrend, „was sollte das? Sie sind kein Landmann und ich möchte mich in kein fremdes Gut mehr einleben.“
„Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,“ sagte Erting, „die Mama würde gewiß ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis müßte so gestellt werden, daß er ihr eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.“
Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab.
„Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis für Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden Wunsch, daß Karl es übernimmt.“
„Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!“
„Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem Husarenlieutenant ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie nicht Kaufmann — können Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen wurden?“
„Gewiß nicht!“ entgegnete er mit einiger Energie, „meine Neigungen und Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit davon entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein Vater seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.“
Sie blieb stehen.
„Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,“ sagte sie, und gab ihm die Hand, „und das habe ich gern! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie hart anließ, mir ist heut so grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen ja von Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir haben werden!“
Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein wollte und Erting, der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr — hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewählt — vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich über die schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau’schen Hause und besonders die einschüchternde, kühle Freundlichkeit Ediths während des Brautstandes gestattete.
Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der Stadt zurückzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen habe.
„Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?“ fragte er, als er sich am Parkeingang von Edith verabschiedete.
Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.
„Gewiß,“ sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft warf, „kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel von meiner Gesellschaft zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit und meine schönen, langen Ritte — und dann sind wir auch sehr fleißig jetzt — aber wie gesagt, kommen Sie nur!“
Sie reichte ihm die Hand.
„Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,“ rief sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.
Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht lieblicher verkörpert werden können.
Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem Bilde des einsamen Kindes — an diesem Plätzchen hatte er sie stets zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer durchzuschlüpfen verstanden.
Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum letzten Lebewohl; damit war’s aus gewesen!
Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!
Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein Majorat gekostet — und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie frug, warum sie doch nachgegeben!
Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!
Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!
Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort — verwischt — zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an — und es war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.
Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen? Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat.
Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel, mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?
Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten, wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber — ihr war, als müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf Jahre, auf immer!
Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ. So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen Freiers, und er wußte es!
Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, „wir haben uns lange nicht gesehen, Gerald,“ und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.
Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte, ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem fort:
„Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für verschollen.“
„Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,“ erwiderte er langsam und mit erzwungener Ruhe, „auch war die Annahme nicht „allgemein,“ wie Sie sagen.Einehat immer von mir gewußt, haben Sie sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?“
Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.
„Ich hatte keine Berechtigung dazu,“ sagte sie kalt, „warum haben Sie in den „ganzen langen fünf Jahren“ nichteinmaldirect von sich hören lassen?“
Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.
„Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen! Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art auch von mir hören und an mich denken würden.“
Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.
„Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man mag in meiner „Lebenssphäre“ nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur Vollkommenheit — zu vergessen, wo ich vergessen war!“
Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen Schritt auf sie zu.
„Edith,“ sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, „einen solchen Ton mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit Thränen in den Augen zu mir sagte, „wenn Sie auch wiederkommen, Gerald, Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!“ Diese Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag, in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie „vergaß,“ wie Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam, unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster standen, wenn die Nachtigallen schlugen —“
„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, „selbst wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das Recht, solche Worte anzuhören — ich bin Braut!“
„Man hat es mir erzählt,“ sagte Rüdiger finster, „und ich habe erst gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie thun?“
Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie antwortete — die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber!
„Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,“ erwiderte sie hochmüthig, „aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen! Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?“
„Ja und nein,“ sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen suchte, den ihr kalter Ton in ihm anfachte, „ich verstehe Sie, Edith — in dürren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt, und dafür sind Sie seine Braut geworden. Hölle und Teufel,“ rief er plötzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es mit dumpfem Klange auf den Boden schlug, „daß ich hier stehen soll, ich vor allen Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte verhandeln, Edith — das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!“
„Und worin soll dies Ende bestehen?“ frug sie, während sie ihn unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwüchsigen Zorn!
„Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder Sie niederschießen darf, daß diese ganze Brautschaft ein widerwärtiges, tolles Puppenspiel ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer schönen Reden.“
Sie trat einen Schritt auf ihn zu.
„Gerald, Gerald!“ sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, „ich habe doch mehr gelernt, als Sie in den fünf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen Sturmesflügeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich habe es ganz hübsch begriffen, daß man sich in Unabänderliches fügen muß. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen, ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, und spielten hier im Walde „Räuber und Prinzessin!“ Sie sind wirklich noch ganz derselbe —“
„Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith Brandau einen Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen Recht haben,“ sagte er spöttisch, „nun, Sie haben ja Ruhe für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen lernen! Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting kommt doch gewiß zum Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!“
Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige Schritte gethan hatte, rief Edith zögernd: „Gerald!“
Er wandte sich hastig um.
„Ihr Gewehr, Baron Rüdiger — und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!“
Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann stützte er sich darauf und blieb einen Augenblick stehen.
„Edith,“ sagte er hart und kalt, „hüten Sie sich vor mir! Wie wir Beide uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie damals, wo ich für ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der Welt gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es könnte Ihnen doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir, lassen Sie mich lieber in Frieden — es ist für uns Beide, und für Ihre Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und nun, gute Nacht Edith!“
Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.
„Nein, Gerald,“ sagte sie weich und traurig, „gehen Sie nicht so im Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekränkt war, nicht bedacht, daß auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten, wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch wahrscheinlich, daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals, dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht mehr lange hier —“
Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und plötzlich brach ein Strom von heißen Thränen aus ihren Augen, der zur Genüge bewies, daß die Ruhe der letzten Stunden erkünstelt gewesen.
„Edith, was thun Sie?“ rief er, wie außer sich, und streckte die Arme nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefaßt, und wies ihn mit einem energischen Kopfschütteln zurück.
„Gerald, verstehen Sie mich recht,“ sagte sie fest im Ausdruck, wenn auch die Stimme noch bebte, „ich schäme mich dieser Thränen nicht, sie waren ein Tribut an unsre schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart, Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es uns gefällt! Dazu helfe mir Gott — und Sie, mein alter Kamerad, Sie werden mir dabei gewiß nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!“
Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten, verließ sie ihn, und ging nach dem Park zurück. Der höher und höher steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand es Gerald mit wildem Schmerz, daß er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe!
Gott schütz’ Dich vor dem ungeschlachten,Ohn Maßen groben Cavalier!
Gott schütz’ Dich vor dem ungeschlachten,Ohn Maßen groben Cavalier!
Gott schütz’ Dich vor dem ungeschlachten,Ohn Maßen groben Cavalier!
Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Fürstin von T... alljährlich zum Besten eines von ihr gegründeten Krankenhauses stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren Zeiten.
Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form Vergnügen hieß.
Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen müssen, sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die allgemeine Neugier in Bezug auf das schöne Mädchen noch erregt hatte, durfte man eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des Publikums von ihr erwarten.
Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte drängte, hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthätigkeitssinnes in den Hintergrund schoben.
Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ein mattblauer, schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehören schien. Neben ihr lag ein riesiger weißer Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie in Ertings Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal überreicht wurden.
Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen, hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens erzittern ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.
Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und wieder mit dem Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf „freundschaftlicher“ Basis angeknüpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte, nahm nur zu bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingeführt, er, der sonst so ungestüm Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn existirte nur Edith!
Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es so nicht sein dürfe — hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war! Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten sagen, daß er lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine Stimme und seine Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem gefährlichsten Trost: „es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort, und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!“ Und sie vermied es nicht, wie sie gesollt hätte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen, sie spielte ein gefährliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht vergessen konnte, daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs, die Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr — erste Liebe hieß.
Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches Geräusch gerissen. Soeben erschien die Fürstin mit ihren Damen in den weit geöffneten Flügelthüren. Mit einem prüfenden Blick überflog sie das Arrangement der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin zur andern, bis sie den Brandau’schen Tisch entdeckte.
Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.
„Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,“ sagte sie, und strich zärtlich über das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief verneigte. „Sie sehen bleich aus! ich weiß, daß Sie sich heute opfern durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!“
„Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist, Durchlaucht,“ sagte die Gräfin Brandau, als Edith schwieg, und warf ihr einen zornigen Blick zu, „so wäre es durch diese Anerkennung schon reichlich vergütet!“
Die Fürstin winkte begütigend.
„Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Gräfin, sie hat das Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut! Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch neue Schätze angekommen!“
Während die Damen sich in die Besichtigung und Erklärung der ausgestellten Gegenstände vertieften, und die Gräfin sich nach ihrem etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu füllen.
Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzählung in der Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab seine gewohnten ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.
Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und weißer Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von Tisch zu Tisch, wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Fürstin begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte.
„Nun, Herr Erting,“ rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen, „Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem Wohlthätigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht, sicher nicht zu widerstehen vermögen.“
„Erting verhält sich doch am Ende passiv,“ sagte Raven für den verlegen Verstummten, „er weiß, daß er bereits das Schönste zu eigen hat, was ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?“
„Das steht auf einem andern Blatt,“ erwiderte die Fürstin, während ihr Blick lächelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob sie Ravens Worte überhaupt gehört, „ich rede von Dingen diegekauftwerden können!“
In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über das bleiche, schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den Gegenständen auf dem Tisch umher.
Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der Worte erfaßt hatte, oder nicht.
Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich auf den Eingang des Saales, und sie wandte sich zu Raven.
„Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, blonde Mann, der eben eintritt? — ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostüm —“
„Das ist der sogenannte „tolle Junker,“ Baron Rüdiger, erinnern sich Durchlaucht nicht mehr? — der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine sonderbare Idee, indiesemAufzug hier zu erscheinen!“
„Jedenfalls eine kleidsame Idee,“ sagte die Fürstin, deren Augen immer noch den Besprochenen fixirten, „das ist eine interessante Erscheinung; wie kommt es übrigens, daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht zu Gesicht bekommen hat?“
„Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoßen, Durchlaucht,“ sagte Erting etwas bitter, „er sucht darin eine gewisse Originalität!“
„Das thut ernicht,“ rief Edith plötzlich mit Energie und tief erröthend, „er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in seiner sorglosen Weise gehen läßt, so ist das eben originell, und er braucht es nicht erst zusuchen, wie Sie sagen!“
Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit einem forschenden Blick nach dem plötzlich so lebhaft sprechenden Mädchen, und wandte sich dann zu Raven:
„Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich möchte gern durch den Augenschein urtheilen.“
„Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige Minuten beurlaube,“ sagte Erting rasch, während Raven sich anschickte, Rüdiger aufzusuchen.
Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, und wandte sich zu Edith, als Erting sich entfernt hatte.
„Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, ist es wirklich eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!“
Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt Ertings.
„Durchlaucht sind grausam,“ erwiderte Edith mit zuckenden Lippen, „habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!“
Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick wie bestürzt vor sich nieder.
„Verzeihen Sie mir,“ sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art, „Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die Idee, welch herrliches Paar Sie Beide — doch halt, er kommt!“
Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.
„Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rüdiger,“ sagte sie in liebenswürdigem Ton, „ich habe Ihren Oheim sehr wohl gekannt, und weiß mich Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu erinnern! Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der Fremde verlernt?“
„So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,“ erwiderte Rüdiger verbindlich, „wenn ich trotzdem ein Versäumniß beging, so bitte ich, es in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man bei einem Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht entgeht.“
„Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,“ sagte Raven in seiner gewohnten ironischen Weise, „man muß seine tadellosen Verbeugungen sehen, um zu staunen, daß er in Californien Gold gegraben, in Australien —“
„Ich bitte, erklären Sie mich nicht,“ unterbrach ihn Rüdiger etwas kurz, „außerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts — man muß mit den Wölfen heulen — meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den Affen um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist man eben Kosmopolit!“
Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schönen, wildaussehenden Jägersmanne wuchs.
„Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist,“ sagte sie, sich erhebend, „so hoffe ich, Sie öfters zu sehen. Wir musiciren jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt, daß Sie erwartet werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich schon über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!“
Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während Rüdiger schweigend vor Edith stehen blieb.
„Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht guten Abend sagen!“ nahm sie endlich lächelnd das Wort, ihn anzusehen.
„Ichwollteauch nicht, aber Ihnen gegenübermußich stets, auch was ich nicht will! Schütteln Sie nicht wieder den Kopf, erzählen Sie mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!“
„Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese schöne Jagdtasche —“
„Haben Sie sie gearbeitet?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? Ich verstand stets besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun ernstlich, was kaufen Sie?“
„Nur Eins!“ erwiderte er langsam, „aber für dieses Eine gebe ich Ihnen meine ganze Börse preis!“
„Und das wäre?“
„Sie werden es nicht geben wollen!“
„Ist es bei den Verkaufsartikeln?“ frug sie, ahnungslos, was er meinte.
Er lachte.
„Ja, es liegt dabei!“
„Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes Sinnen und Trachten ist auf einen möglichst hohen Preis gerichtet, wo ist es?“
„Hier,“ erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, während er seine gefüllte Börse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.
„Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?“ sagte plötzlich Ertings Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun.
„Ich habe es gekauft,“ sagte Rüdiger, und blickte herausfordernd auf seinen kleinen Rivalen nieder.
Edith mischte sich hastig ein.
„Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, daß ich nicht daran denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen — legen Sie gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz,“ wandte sie sich verwirrt an Erting.
„Das Bouquet ist mein,“ erwiderte Rüdiger, ohne sich an Ertings zornbleiche Miene zu kehren, „dort liegt meine Börse, Geschäft ist Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie als Kaufmann doch am besten wissen!“
„Sie sind unartig, Gerald,“ fiel Edith wieder hastig ein, „und ich allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin ich nicht wohlthätig!“ Sie hielt ihm die Börse hin.
„Das Bouquet,“ wiederholte sie.
„Geben Sie das Bouquet her,“ sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth fast erstickter Stimme, „haben Sie ein Recht darauf, oder ich?“
„Leider Sie!“ erwiderte Rüdiger lachend und hielt den fraglichen Gegenstand hoch in die Höhe, „aber trotzdem bleiben diese Blumen mein, ich würde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges Blättchen aus dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie können ihn gar nicht erreichen!“
„Genug,“ sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, daß Erting aufs Aeußerste gereizt war, „ichbefehle, daß Sie die Blumen meinem Bräutigam geben, Gerald!“
Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rüdiger gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den Strauß und die schwere Börse, und mit dem heftigen Ausruf: „So soll sie Niemand haben!“ schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster in den Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem „tollen Junker“ nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth gezeigt hatte.
Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt gewesen, hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Störung zu erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell auf:
„Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich ein Original! Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nüchternen Kreisen!“
„Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache nicht in diesem Sinne auffassen wird,“ sagte Raven, „er schäumte geradezu vor Wuth, und seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu sehen, war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur nicht ernstere Folgen hat!“
„Das wäre ja abscheulich!“ rief die Fürstin lebhaft, „und gerade jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgräber zu unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz würde Alles zerstören. Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich werde die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe der Außergewöhnlichkeit ein Opfer!“
Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd: „Besonders, wenn diese „Außergewöhnlichkeit“ ein so hübsches Gesicht hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!“
Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Fürstin entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus.
„Ich gehe nach Haus,“ sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick.
„Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine Braut nicht allein hier lassen!“
„Ich gehe nach Haus,“ wiederholte er heftig, „für heute habe ich wieder einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von dem infamen Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken und zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenndunicht merkst, daß man sich hier über uns lustig macht,ichmerke es, und was habe ich denn davon?“
„Aber Ludwig,“ rief die erschrockene Frau, die währenddessen mit dem zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prächtigen Wagen bestiegen hatte, und nun an seiner Seite durch die Straßen rollte, „Ludwig, hast du denn gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen und in höhere Sphären kommen, mein liebes Kind — ich will ja nur dein Glück, wenn ich dir dazu rathe!“
„Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,“ sagte er, schon ruhiger, „und es ist ja auch möglich, daß eine Heirath mit Edith ein Glück ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für mich, ich hätte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so wäre ich später einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde, der Mann meiner Frau, die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich mir gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, aber wir wollen nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern!“
Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers, einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte.
Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen. Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.
„Mein liebes Kind,“ sagte sie ängstlich, „so sei doch nicht so heftig! Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen, das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so vielchic!“
„Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht, und außerdem gehört daschicund was du sonst sagst, nicht zur Sache. Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?“
Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes sich so fest auf sie richteten.
„Was verstehst du unter lieben?“ frug sie ausweichend.
„Nun, ungefähr, wasdudarunter verstandest, als du meinen Vater heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, wasichdarunter verstand, ehe Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath machen konnte!“
„Ludwig,“ sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der Sohn, „reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also du hast es in deiner Hand, wie lange Martha „unter fremden Leuten“ sein soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem Kopf geschlagen!“
„Reden wir nicht mehr davon,“ sagte Erting finster, „ich habe mich vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter — du weißt, ich habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich vornehm umgekommen bin!“
Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau Erting aussteigen.
„Gute Nacht, Mutter,“ sagte er dann, „da kommt schon einer von unseren Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir heute ganz dienlich sein!“
Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen Eisenfresser, im Hause verschwand.