Hausgenossen.

Hausgenossen.In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun schon seit zwanzig Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine Krauthoff und strickte, während sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an den Wänden hingen allerlei Photographien in jeder Größe und Stellung. Aber nur Bilder von jungen Mädchen — Fräulein Sabine war Lehrerin gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher Methode kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen — das hatte die Lieblingsschülerin des Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem großen Mädchen herangewachsen war.Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich mit der Zeit eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mädchen gestaltet. Käthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte, ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten und ihres gelegentlichen Uebermuthes als „sehr schnippisch“ bezeichnet wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein Sabine all ihre kleinen Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten beichtete und sich liebevoll absolviren ließ.Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen erstieg und an Fräulein Sabines Thür pochte — und so sehr hatte sich die letztere an diese täglichen Besuche gewöhnt, daß sie es recht schmerzlich empfand, als Käthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach auswärts ging und fast drei Wochen abwesend blieb.Doch nun war das vorbei — gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr Töchterchen von der Eisenbahn geholt, und Fräulein Sabine erwartete nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das „herein“ kam ein junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß gewachsen, mit einem übermüthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lächeln in den dunkeln Augen. Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen ungestümen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr — nicht auf den Stuhl, sondern aufs Fensterbrett.„Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?“ fragte die alte Dame, nachdem sie den „mitgebrachten“ warmen Shawl zur Genüge betrachtet und bewundert hatte.„O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber“ —„Nun, was „aber?“ fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, und schob die Brille auf die Stirn zurück.„Ach — ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen Dummheiten gemacht! Soll ich sie dir erzählen? aber du mußt nicht schelten?“„Das kann ich nicht so gewiß versprechen,“ sagte die Alte, indem sie ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, „indessen fang nur an — es läßt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.“Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflückte eine von den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.„Nun also,“ begann sie, „ich reiste allein von Laura zurück, und auf einer kleinen Station — Siegersdorff — wo der Zug hielt, sah ich zum Coupéfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber steht ein Herr und sieht mich an — nicht gerade unbescheiden, aber er fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so etwas kann ich nicht leiden, ich denke also: „sollst ihm mal die Zunge herausstecken — der Zug fährt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.“„Aber Käthe!“ rief das Fräulein erschrocken.„Siehst du, siehst du, daß du schiltst!“ rief Käthe, und fiel ihrer alten Freundin ungestüm um den Hals, „sei ganz still, sonst erzähle ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir herumzutragen, daß ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was du nicht weißt!“Die Alte machte sich lachend los.„Laß mich nur — ich bin ja schon still! Also —“„Also — in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, führe ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bißchen, Sabine — ich dachte schon, er hätte es nicht gesehen! — aber er lächelte spöttisch und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.“Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.„Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!“Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.„O ja, Sabine“, sagte sie dann verlegen, „aber —“„Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?“„Ach, Sabine — die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit — der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr — und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!“„Angenehm!“ sagte Fräulein Sabine. „Und wie benahm er sich?“„Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in dasselbe Coupé mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er auch ausstieg!“Käthe sprang vom Fensterbrett. „Und was sagst du jetzt?“„Herzchen,“ erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, „was soll ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten — das einzig Angenehme ist, daß du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.“Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen sollen, und streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. „Meinst du?“Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie sagen: „aha!“ Sie schwieg aber.„Weißt du, Sabine,“ begann Käthe nach einer Weile von Neuem, „er — der Mitreisende — benahm sich übrigens sehr taktvoll. Da er merkte, in welch tödtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen — ganz ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr, von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch während der Reise auf die hübsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: „o ja — besonders in Siegersdorff!“ und dann sahen wir uns an und lachten beide — ich auch, Sabine — das konnte ich nicht ändern! Sonst war ich sehr würdevoll — nein, wirklich!“„Davon bin ich überzeugt,“ sagte die Alte ernsthaft, „wie sah denn dein Freund oder Feind aus?“„Sehr gut — groß, dunkelblond und humoristisch — und er war sehr hübsch angezogen.“Die alte Dame lachte.„Wenn’s nur kein Weinreisender war!“„Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht merkte!“ In dem Augenblicke klopfte es.„Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff wäre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen hätten die Schlüssel mit.“„Unausstehlich!“ sagte Käthe verdrießlich, „Scharffs erwarten in den Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze Wirthschaft zusammen. Ich komme,“ rief sie dem Mädchen zu.„Ist der junge Scharff so „gräßlich,“ wie du sagst?“ fragte Sabine.„Ich habe ihn nie gesehen — aber wenn von einem Menschen schon so viel gesprochen wird, hat man genug. „Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint“ — so geht es immerfort, als obichmich darum kümmerte, was ihr Kurt für Ansichten hat.“Fräulein Sabine war auch aufgestanden.„Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff möchte dich sehr gern für den „gräßlichen Sohn“ haben.“„Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine — ich danke — ich will gar nicht heirathen — oder“„Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war unvollständig! „Oder“ heißt das etwa: „oder die Bekanntschaft müßte damit anfangen, daß ich ihm die Zunge heraussteckte?“„Sabine,“ sagte das junge Mädchen würdevoll, „ich begreife gar nicht, wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hörst, daß Mama auf die Schlüssel wartet!“Und fort war sie.***Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Käthens Eltern große Unruhe. An der Hausthüre war schon seit längerer Zeit eine Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer Verzweiflung überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt — die Vermiethungsfrage war der Tollpunkt des Doktors!So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner Thüre prangte, war er melancholisch — seine Gedanken irrten mit beängstigender Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vögeln gleich, um das betreffende Quartier, und er begann und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja noch nie eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor regelmäßig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem verflossenen Zeit zu schließen, längst zum Feldmarschall oder unter die himmlischen Heerscharen avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium in dem Zustande des Doktors. Er hatte für nichts anderes Sinn und Gedanken, als für die Chance, er sang mit dem französischen Grenadier „was schiert mich Weib, was schiert mich Kind?“ und war für alle häuslichen Vorkommnisse taub und blind.Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdüstertes Gemüth ein Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck um die Erlaubniß bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte Wohnung in Augenschein zu nehmen.Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen und unsäglich neugierigen Herrn — aber in der Noth ist man nicht wählerisch — der Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen.Die Familie — Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, wie wir wissen, bei Fräulein Sabine war, saß um den Kaffeetisch. Eine stattliche Reihe von schulpflichtigen Kindern — zwar nicht so viel, als unser schwäbischer Freund besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der Seinen antworten konnte: „ich danke, die „Meischte“ sind wohl“ — aber immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen.Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den Eindruck der Räume abzuschwächen. Jetzt klingelte es.„Kinder, schnell — trinkt aus, das ist er!“ rief der Vater, und ließ sich in der Eile zu der unmännlichen Handlung des Umgießens aus der Ober- in die Untertasse für seinen jüngsten Sohn verleiten — doch zu spät! Die Thür ging auf — aber nicht der Baron erschien, sondern das heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. —Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen Gegenstände, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern rechtmäßig besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn sie mit besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus der Verlegenheit zu ziehen.Ihr Mann wußte entweder nichts davon — oder er wollte nichts davon wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner Vorgesetzten und seinem eigenen größten Erstaunen bis zum Major gebracht und war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich seitdem auf Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, kein Familienereigniß freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart zu erregen, daß er nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die Seinigen gefragt hätte: „machen wir heute keine Partie?“Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, wo sein einziger Sohn das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie Whist vorgeschlagen habe.So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestört blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren — ihn focht es nicht an.Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tüchtiger Offizier die beste Carriere machte, hatte für ihn erst Interesse gewonnen, als er den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück und der Stolz der Mutter, wurde, wie wir von Käthe gehört haben, erwartet, und die Frau Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel reiner Gardinen vakant wäre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe.Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.„Nein, nein,“ sagte sie eilfertig, „o ich habe noch sehr viel zu thun — denn, liebste Lang, ich komme mit einer großen Bitte — trinken Sie nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft — nur etwa zwölf bis fünfzehn Personen — bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!“„Wir kommen herzlich gern,“ sagte die Doktorin, „wenn mein Mann nichts dagegen hat.“Der Doktor war herausgegangen, um die Straße herunter zu spähen, ob der Miether sich nicht zeigte. —„Ach, was sollte er dagegen haben!“ sagte Frau Scharff, „heut muß er kommen — ich habe eine kleine Überraschung vor! Aber liebe Lang — eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt — können Sie mir Ihre Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist so prächtig flink — das weiß ich! Im Hause geht das ja sehr gut!“„Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,“ sagte Frau Lang lächelnd, „kann ich sonst mit etwas dienen?“„Nun ja — wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel und zwei Dutzend Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn Weingläser und die silberne Zuckerdose leihen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und Beste — die beiden großen Lampen — aber lassen Sie sie bald füllen; meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles — denn die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser habe ich noch oben. Aber richtig — Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrücken und sie soll ihn noch spicken.“„Ich werde sogleich nachsehen,“ erwiderte Frau Lang, und griff in die Tasche — die Schlüssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu Fräulein Sabine, um Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und von der Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.„Mein liebes Käthchen — nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur! Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen — ich habe eine kleine Ueberraschungin petto! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich schrieb noch neulich an meinen Sohn: „eine Gesellschaft ohne Käthchen ist mir gar nicht denkbar — sie ist so belebend!“Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort.„Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,“ sagte die Majorin eilfertig, „also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?“Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe allein. Sie legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und sah ihr forschend ins Gesicht. „Käthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die gute Majorin?“„Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden läßt!“ erwiderte Käthe unartig.Die Doktorin schüttelte den Kopf.„So laß sie doch — für die Pläne der Mutter kann der Sohn nichts — und außerdem — Käthe, wäre es denn nicht sehr hübsch, wenn etwas daraus würde? Eine andere Neigung hast du nicht“ —Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die Schlüssel aufheben, wozu sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam — vom Bücken jedenfalls!„Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst gescheidter Mann sein,“ fuhr die Mutter fort, „thu mir wenigstens den Gefallen, dich nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja immer so gut gefallen!“Käthe schwieg hartnäckig.„Da klingelt es,“ unterbrach sich die Mutter, „hier, Käthe, ich habe mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will — gieb es einmal heraus!“Käthe nahm mit einem ironischen „weiter nichts?“ das Verzeichniß in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thür hereintrat.„Er kommt wieder nicht!“ sagte er resignirt, „ich werde jetzt ausgehen! Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.“„Ja, ja, er kommt,“ beschwichtigte seine Frau, „eben klingelt es — da ist er schon!“Richtig — so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel, mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem parfümirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.„Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,“ sagte er eintretend, „Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stören! Trinken Sie immer hier Kaffee?“„Ja,“ sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht so leicht beirren. „Ich trinke auch Kaffee,“ fuhr er fort, „sehr gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?“„Ja,“ sagte der Doktor gereizt, „meine Frau trinkt Kaffee — meine Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!“Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. „Sie wollten unser leeres Quartier sehen, Herr Baron?“„Ja,“ erwiderte der Neuangekommene behaglich, „ich sah heute bei meinem Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Straße mache — hübsche Straße, was? — daß hier ein Miethszettel hängt — wollte doch mal nachfragen. Erster Stock, was?“„Nein — zweiter Stock — vier Zimmer mit Balkon,“ gab der Doktor zurück.„Oh — charmant — vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? Still?“„Wie wäre es,“ schlug die Hausfrau vor, „wenn Sie mit mir einmal hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nähmen? Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!“„Bitte, bitte,“ erwiderte der Baron verbindlich, und ging Käthe entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit Platz nahm.Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel.Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und wandte sich an das junge Mädchen.„Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?“Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.„Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?“Der Baron hustete zierlich.„Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon meine selige Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich für alles! Ich heiße nämlich Chlodwig! Hübscher Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer Familie — mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr Papa?“„Friedrich,“ erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln unterdrückte.„Friedrich — so so — und Ihre Frau Mama?“„Fragen Sie sie selbst,“ sagte der Doktor ungeduldig, „da kommt sie.“Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu Käthe: „wenndieserFragekasten die Wohnung miethet, zünde ich das Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.“Käthe lachte. „Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen. Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden, die er ohnehin schon kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine Gesellschaft geben?“„So?“ brummte der Doktor, „was haben sie sich denn schon geborgt?“„Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Köchin und unsere Familie,“ erwiderte Käthe spöttisch, „wir werden uns also wohl recht heimisch fühlen.“ —Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der erstere war entzückt von dem Quartier.„Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,“ sagte er, „so können wir gleich Kontrakt machen — liebe schnelle Entschlüsse — Sie auch, — was?“„Gewiß!“ sagte der Doktor höflich — die Aussicht, einen Miether zu bekommen, goß Öl auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen an einem Seitentischchen Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thüre aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch durchaus nicht alt — so hübsch in der Mitte.Ganzjung waren ihre Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Großmama, der verwittweten Generalin, die Hälfte des zweiten Stockes im Hause bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf sie zutrat.Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen, kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte düster: „nett!“„Mein gnädiges Fräulein,“ begann der Baron, „ich bin entzückt, Sie zu begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?“„O ausgezeichnet!“ erwiderte Leontine, „es war eine allerliebste Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da — Will ist jetzt bei ihnen zum Besuch — Sie wissen ja — Will Schraffenau, der bei den zweiten Kürassieren stand! Will kann zu amüsant sein, nicht?“„O ja, meine Gnädigste,“ erwiderte der Baron, „aber nichts gegen Lu! Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky — Peppi Sandrowsky — zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?“„Na!“ brummte der Doktor vor sich hin, „bis die beiden jetzt den Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz werden!“„Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse zu werden! Charmant, was?“„Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!“ rief Leontine entzückt.„Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,“ sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des Zimmers — dort konnte er hoffen, ungestört zu bleiben, „bitte, Herr Baron! — der Miether verpflichtet sich“ —Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten die Mädchen in der Fensternische.„Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen — ist heute großer Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wäre gekommen, den ich von früher her kenne — wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm — ist er gekommen?“„Nein, er wird erst erwartet,“ erwiderte Käthe, „ich weiß auch nicht, warum sie heut plötzlich eine Fête geben.“„Nun ja — aber die Frage ist,waszieht man an? Rabeneck ist auch da, ich habe die Scharff gefragt.“Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine hüpfte endlich ab.Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu seinem Miethskontrakte nach der Lampe rief. Das Mädchen erschien, brachte aber nur einen Armleuchter mit einem Licht.„Die Lampe!“ donnerte der Hausherr.„Verzeihen Sie, Herr Doktor — unsere Lampen sind alle oben beim Herrn Major — die Kinder arbeiten auch bei Licht.“„Darauf machen Sie sich gefaßt,“ sagte der Doktor, kochend vor Wuth, „wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt, was Sie haben und nicht haben!“„Aber Papa!“ rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.„Ich bitte Sie,“ rief der Baron ängstlich, „das ist ja sehr unangenehm! Alles verborgen? Muß man das?“„Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!“ grollte der Doktor, „denn so lange wohnen sie hier, undwassie sich alles borgen, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben Tag ummichbitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber weiter: „die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus“ —„Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen Armleuchter bekommen kann?“ sagte das Dienstmädchen und griff bereits nach dem fraglichen Gegenstand.„Sie sind wohl verrückt!“ schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm, „sollen wir hier im Dunkeln sitzen?“„Mein Gott, ist es denn schon so spät!“ sagte der Baron, und sah nach der Uhr, „wahrhaftig — halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich muß an meine Toilette gehen — wir sehen uns ja wohl heute Abend beim Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?“Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer — das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast zur Thür geleitete.„Nun borgen sie sich auch schon die Miether!“ sagte er vor sich hin, als er hinausging.Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin — die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor der Zukunft gewesen als heut — warum noch nie der Gedanke an die von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen — zum ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt — noch nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl zu erregen vermocht — aber es war ihr auch noch nie jemand mit so liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln, seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half das alles! sie kannte seinen Namen nicht — er nicht den ihren — sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung. Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Räumen umher, die bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rückte hier und da an den Stühlen und stand dann wieder überlegend still, ob noch etwas fehlte, wonach man zu Doktors schicken könnte.Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder Mann trat ins Zimmer.Die Majorin wandte sich um.„Nun, Mamachen,“ sagte der Eintretende freundlich, „du hast noch zu thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche halbe Stunde mit dir, ehe die Gäste kommen.“„Ich bin fertig“, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm die Hände auf beide Schultern und sah ihm zärtlich ins Gesicht.„Mein alter Junge — wie du wieder verbrannt bist!“„Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche Farbe, du mußt dich schon daran gewöhnen.“„Und du warst ein so weißes Kind!“ sagte die Mutter lächelnd. „Jetzt sage mir aber einmal, Kurt — ist es dir eigentlich recht, daß ich heut Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der Ankündigung ein so besonderes Gesicht.“„Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch allein gewesen, Mutterchen — aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende zusammen. Wer kommt denn heut?“„Also,“ begann die Majorin, „da ist erstens die Generalin Faldern mit ihrer Enkeltochter Leontine —“„Was?“ unterbrach der Hauptmann lebhaft, „Tine Faldern ist hier?“„Kennst du sie?“„Wie sollte ich nicht! — Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hieß damals immer die Tochter des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wußte. Uebrigens ein hübsches, amüsantes Mädchen — es ist mir ganz lieb, sie einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.“Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber nichts.„Dann,“ fuhr sie fort, „von Hausgenossen heißt das, kommt noch unser Wirth — der Doktor Lang mit Frau und Tochter —“„Ach — die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! Hätte ich mir’s nicht denken können, daß du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen über den Kopf zu werfen? Aber gieb dir keine Mühe, Mama — es wird nichts!“„Sei doch nicht so absprechend,“ bat die Mutter, „du hast Käthe noch gar nicht gesehen — ich sage dir, sie ist allerliebst! Hübsch, sehr gut erzogen und sehr gescheidt — sie würde ausgezeichnet für dich passen!“„Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen — ich werde wohl überhaupt nicht heirathen. Sieh,“ fuhr er lebhaft fort, als die Mutter eine Bewegung des Unmuths machte, „ich bin — nenne es phantastisch, unpraktisch, kurz, was du willst — aber ich bin entschlossen, mich nur zu binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: ‚Die oder keine!‘ Und solche Dinge kommen vor! — Ich sage dir, sie kommen vor! Lache mich nicht aus, Mutter — aber ich habe ein Mädchen gesehen, das mir gefällt, und wenn ichdiewiedersehe, und sie will mich — dann sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage mich aber nicht weiter — ich bin auf der Suche — das laß dir genug sein. Und verschone mich mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“„Guten Abend, Frau Majorin,“ sagte in diesem Augenblick die Generalin Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der rosafarbenen Leontine gefolgt. „Sie waren so freundlich, uns zu erlauben — ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?“„Ja, er ist gestern angekommen,“ sagte die glückstrahlende Mutter, ihn den Damen vorstellend, „er hat mich überrascht! Es ist doch einzig von ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!“Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann peinlich war, so ließ er es durch keine Miene merken — er lächelte sehr freundlich und wandte sich an Fräulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt die Hand hinstreckte.„Herr Hauptmann — das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, das muß wahr sein! Und nun erzählen Sie mir von W.... — was machen die dritten Husaren? Und wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so großen Pas gemacht, und muß Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren doch schöne Zeiten?“„Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich aufs tiefste, mein gnädigstes Fräulein,“ erwiderte der Hauptmann ernsthaft, „ich kann Sie versichern, daß die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und daß die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so glücklich sein würde, Sie zu sehen.“„Ach, Sie spotten wieder,“ schmollte Leontine, „aber ohne Scherz — erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein süßes Thier — er ist mir noch manchmal im Traume erschienen!“„Glücklicher Brauner!“ sagte der Hauptmann — und begann nun wirklich zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend zu, und die Unterhaltung war so lebhaft, daß der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz zeitgemäße Konversation mit der Generalin — freilich sagte er meist nur: „nun eben!“ eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und mit der man merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf eingerichtet hat.Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein — schon klingelte es wieder.„Das sind gewiß Langs,“ rief Leontine, „ich muß Käthe entgegengehen,“ und damit flog sie hinaus.Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um den Baron Rabeneck zu begrüßen, der eben erschien.„Entzückt — entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen,“ begann der Baron schmelzend, „Sie stehen bei einem B.’schen Regiment?“„Ja wohl, Herr Baron — schon seit zwei Jahren,“ erwiderte der Hauptmann.„Und vorher?“„Bei den —schen Husaren!“„Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?“„In W....“ sagte der Hauptmann etwas verwundert.„Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier — bei den —ten Dragonern — reizende Uniform, was?“„Allerliebst!“ sagte der Angeredete, über dessen Gesicht ein immer vergnügteres Lächeln flog. „Sie sind pensionirt, Herr Baron?“„Ja — ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus — was?“Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand, in dem ihm nach und nach heißer wurde als im Kugelregen, hatte Leontine auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe sofort zugeflüstert: „der Sohn ist da!“Käthe zog die Augenbrauen zusammen: „Wie albern — warum hat uns die Majorin das nicht gesagt?“„Sie wollte Sie wohl überraschen,“ fuhr Leontine eifrig fort, „aber Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen — er scheint kein Spießgeselle bei der Verschwörung seiner und Ihrer Mutter zu sein — eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin, „verschone mich mit deiner Käthe — die Art Mädchen ist nichts für mich!“Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt — aber darauf kam es Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie gesehen hatte, richtete sich hoch auf — das stolze, jugendliche Blut schoß ihr bis in die Stirn — „nun, dann stimmen ja unsere Ansichten über einander auf ein Haar“ — sagte sie — warf den kleinen Mund verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs lebhafteste.„Guten Abend, Herr Doktor — nein, das ist reizend, daß Sie gekommen sind, Frau Doktorin — und hier ist auch meine kleine Ueberraschung — sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen — mein Sohn!“Käthe blickte auf — und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr Reisegefährte — so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt — er hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser selben Käthe von ihm — und was war das Resultat seiner Beobachtungen? — „Verschone mich mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. „Guten Abend, Herr Baron,“ sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, „also Sie sind doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut mich.“Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine — Käthe war gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, die noch dascurriculum vitaeeines Pferdes von ihm verlangte, das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch, es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a. D. — in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. — vielleicht den Bäcker und den Fleischer ausgenommen — und der letzte Gast war ein Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten Winter in der Welt glänzte.Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigemtête-à-têtemit dem hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab und war ganz liebenswürdig — gewöhnlich sprach sie kein Wort. „Wie das junge Völkchen heiter ist!“ bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre Lorgnette von den Augen ließ.Die Majorin nickte etwas bittersüß — Käthe saß mit dem Justizrath und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt und sich geärgert — aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der Generalin, daß „das junge Völkchen so heiter sei.“ Ihr Mann umschlich die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger — immer den Baron im Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des Betreffenden zu erregen — der Baron wandte sich um.„Spielen Sie Whist, Herr Doktor?“„Sehr gern!“ erwiderte der Angeredete eifrig — erstens langweilte er sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen.„Nettes Spiel — was? Ich spiele leider nicht — kein Kartenspiel — fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe ich viel Talente — meine selige Mama sagte schon immer „Chlodwig, du bist sehr talentvoll“ — aber Karten“ —„Dummkopf,“ murmelte der Doktor in sich hinein.In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, „machen wir heute keine Partie?“Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte — sie war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt war, wo die Jugend saß.Bei dieser — der Jugend — herrschten indeß die verschiedensten Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit „ja“ und „nein“ — nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, nahm sie einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprächiger.Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle Minen springen. Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit dem Hauptmann erlebt hatte, mit überraschender Genauigkeit, und „wissen Sie noch?“ war immer der Refrain jedes dritten Satzes.Der Hauptmann wußte aber gar nichts — er wurde immer zerstreuter, und als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.„Herr Baron,“ rief er hinüber, „stand Straten nicht bei den —ten Dragonern? den müssen Sie ja gekannt haben! Fräulein von Faldern erkundigt sich nach ihm!“„Straten? versteht sich!“ erwiderte der Baron aufstehend, „sehr gut gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden — netter Mensch, was?“„Jawohl!“ erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, „hier — erzählen Sie einmal von ihm —changeons!“ Und damit überließ er seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den nächsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung derselben vertiefte.Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch.„Das kann ich auch,“ bemerkte er halblaut.Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.„Was habe ich denn hier?“ fuhr der Hauptmann gemüthlich fort, und blätterte in dem Buch, „ah — Gedichte — eine ganze Sammlung — darf ich Ihnen etwas vorlesen?“„Ich danke,“ erwiderte Käthe kurz, „ich sehe mir Bilder an!“„Schön,“ erwiderte ihr Gegner ernsthaft, „dann werde ich mir selbst vorlesen — ich liebe die Lyrik ungemein — ah hier — das ruft mir ein Erlebniß zurück, „das Dampfroß schnaubt entlang der Halde“ — sehr nett! Wer weiß, was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen — sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich muß mich einmal überzeugen!“„Ich will das Gedicht nicht hören!“ sagte Käthe.„Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein — ich lesemirvor! —“ Er blätterte weiter.„Hier — ein anderes! „Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten meine Worte.“ Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der hat am Ende auch mit dem Dampfroß zu thun gehabt!“Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf in die Hand und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen.„Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,“ sagte der Hauptmann, „immer schmollen, immer grollen, für ein’ Ros’ wär’s zu viel Dorn! Und nun lassen Sie uns zur Prosa übergehen,“ fuhr er plötzlich ernsthaft fort und nahm neben Käthe Platz, „bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr Buch — ich werde ein gleiches thun — und nun,“ er senkte die Stimme —, „warum sind Sie eigentlich böse auf mich?“„Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?“ fragte Käthe etwas unsicher.„Nun, mein gnädiges Fräulein, wenndasbei Ihnengutheißt, dann möchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie böse sind! Ich bin zwar nicht an übertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt — denken Sie nur an Station —“„Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!“ rief Käthe und erröthete tief.„Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig Stunden — aber ich will sie begraben — klaftertief — wenn Sie mir Rede und Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, diealteGeschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange vor Ihnen auftauchen —“„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Käthe, wider Willen lachend, „was soll ich denn antworten?“„Das will ich Ihnen gleich sagen — also,washabe ich Ihnen zu Leide gethan?“„Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?“ fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nähernd, „ich wollte Fräulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?“„Reizend!“ sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band Landschaftsbilder vom Tisch, „hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein sehr hübscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen wünschen. Wollen Sie sich überzeugen?“Der Baron ging mit dem Buche ab.„Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,“ bemerkte Hauptmann Scharff, „ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag er suchen! Doch zurück zu unserem Gespräch — was habe ich Ihnen zu Leide gethan? Warum sind Sie böse?“Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: „Ich bin böse, weil — nun ja, weil ich es sehr häßlich finde, daß Sie mich unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie sind.“Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür schon ein paar sehr befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, daß Leontine im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte sie wie ein Stoßvogel herbei.„Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen — bitte, bitte!“„Ach ja, mein gnädiges Fräulein,“ stimmte der Baron ein, „Sie singen? Bitte, tragen Sie uns etwas vor — einChanson— eine Ballade, was? Ich liebe die Musik leidenschaftlich — reizende Kunst, was?“Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein — ob der Gedanke, daß ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache ihren Entschluß beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre sehr hübsche Stimme wohlthuend durch die Räume.Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, denn die Herren am Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige Ruf: „zwei Trick —deux honneurs“ — vermochte eine leise geführte Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann der Hauptmann von Neuem. „Ich verstehe Sie gar nicht, mein Fräulein! Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?“Käthe nickte.„Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,“ rief der Hauptmann ungeduldig, „woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, daß Sie und die viel beschriebene Käthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie einmal selbst, daß ich es nicht wissen konnte!“„Ja ja!“ gab Käthe zögernd zu.„Nun gut — also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst,wennich Sie gekannt hätte — ich gestehe Ihnen offen, daß ich auch dann noch kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! — es steckt wohl noch etwas Anderes dahinter! Nicht wahr?“ drängte er, als sie schwieg und tief erröthend zu Boden blickte.„Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit, mich zu vertheidigen,“ rief er fast heftig, „mein gnädiges Fräulein — Fräulein Käthe — wir waren doch so gute Freunde unterwegs — waren wir das nicht? Sehen Sie — Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht vernünftig und sagen Sie mir,wasich Ihnen gethan habe!“„Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam?“ fragte Käthe trotzig und blickte auf.Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er — aber etwas verlegen. „Ich kann mir denken,werSie instruirt hat! Soll ich Ihnen das Gespräch erzählen?“ fragte er in sonderbar weichem Ton, und bückte sich, um ihr in die Augen zu sehen. „Ja oder nein?“„Ja!“ sagte sie hastig und leise — ihr Herz fing an, heftig zu klopfen.„Nun denn — ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht Lust hätte, hier irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, — heiße sie Käthe oder sonst wie — weil — nein, sehen Sie mich einmal an, Fräulein Käthe — weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt hätte — in eine Unbekannte, — und wenn nun ein freundlicher, lieber, guter Zufall es so gefügt hat, daß diese Unbekannte diejenige ist, die meine Mutter — Gott segne meine Mutter — schon lange für mich ausgesucht hat —“Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, „es ist angerichtet,“ rief der Lohndiener mit Stentorstimme.Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die Whistspielenden warfen die Karten zusammen — man ging zum Abendessen.Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu führen.Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten — die Majorin hatte aus Versehen für zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den besetzten Stühlen der anderen.Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas und Schränken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter Ungarwein zurückkam, und nicht einmal fand, was er suchte.Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen können, sich Käthe zu nähern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem Justizrath stand — eine Situation, die zu den allerpeinlichsten gehört, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu coupiren, daß sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der Baron Platz nahm. Käthe saß schräg gegenüber; sie sprach kaum ein Wort und sah nicht in die Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen Blick von ihr aufzufangen.Leontine bemerkte sein Bestreben wohl — sie gab ihn auf! Als kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre Taktik sofort, und schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinüber, der ihr von seinem Gut erzählte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe?Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie zur Oekonomie über, schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und that ganz ländlich.Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis. Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn ihrer Gastgeber fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln erfror in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, und der Major, der sie gebührender Weise zu Tisch geführt hatte, erntete für seine ohnehin nicht glänzenden Unterhaltungsversuche nur ein kühles „hm“ oder „ja, ja!“Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als „seinem liebenswürdigen Hauswirth“ zugetrunken, und um die Erlaubniß gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. „Dann soll mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,“ gelobte sich der beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thüren in dem Verhandlungszimmer ab.Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus — sie wußte nicht, was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte — und ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt, als sei diescon amoreNachtafeln das Beste vom ganzen Abend.Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: „alles nimmt ein Ende.“ Die Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl — die andern folgten. In dem MomentmußteKäthe aller menschlichen Berechnung nach emporsehen — sie that es! Der Hauptmann erhob sein Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen Augenblick. Da — o Freude! — nahm sie ihr noch unberührtes, volles Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an — erröthete dunkel — und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort, wie die Sache stand — hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!Als der Hauptmann daher im Trouble des „Gesegnete Mahlzeit“wünschens Käthe zuflüsterte: „darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?“ genügte er damit eigentlich nur einer Form — er wäre auch ohne diese Frage gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment unter vier Augen sprechen zu können, trog — kaum waren die zehn Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin abschiednehmend auf ihre Wirthe zu — Leontine folgte, vom Baron auf das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht — das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: „Sprechen Sie mit meiner Großmutter,“ ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: „wovon?“Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die „Lebensfrage“ schon verblümt herauszuhören geglaubt — „am Endemußes gerade kein Offizier sein“, dachte sie im Einschlafen, „ein Gut in der Grafschaft ist auch nicht zu verachten! — was steht dort? die 26er oder die 62er?“Über dem Zweifel schlief sie ein.Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. — Die Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte — da war es hohe Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten — „Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir geborgt haben, liebe Lang“, versicherte sie in der Thür.Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen ließ, die Gäste bis in den Flur zu geleiten, und Käthchen beim Umnehmen der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. —Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein prächtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurückkehrte, die gemüthlich im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen Ruhe schwelgten.Beide sahen auf, als der Sohn eintrat — er aber schnitt, während er sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhölzchen in Brand, kurz nahm alle möglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten.„Liebe Eltern“, sagte er halb heiter, halb verlegen, „ich bringe ein paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren — ich fand auf meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher, vorläufig privatim mittheilt.“Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.„Kurt — wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?“„Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf! Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon längere Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und Aufregung zu bereiten.“„Ich bin ganz glücklich, Kurtchen“, rief seine Mutter immer wieder, „und du sollst mal sehen — sei nicht böse — aber wenn ich dich hier habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschließen.“„Laß’ ihn doch in Ruhe!“ brummte der Major.Der Sohn lächelte. „Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So unendlich viel?“„Aber, mein Junge“, sagte die Majorin etwas verwundert, „das weißt du doch!“„Nun denn, Mamachen — ich bin ja kein Unmensch — siehst du mir gar nichts an?“Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte, streckte er ihr beide Hände entgegen: „Gratulire mir, liebe Mama — lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.“Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin, bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern, vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt — und wer es nicht weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich ausprobiren möge.Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man auseinander und zu Bett — d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett, sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem Kopf immerfort noch ab und zu liefen.Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen, schnitt der Doktor kurz ab: „Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum Unterhalten“, brummte er, „jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute — wenn sie von früh bis Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.“ Und er entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft, in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.Der „nächste Morgen“ ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes — nach einem Ball, — nach einem Streit — nach einem abgeschlossenen Geschäft. — Der „nächste Morgen“ in seiner kühlen Beleuchtung zeigt alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend.Nur für eine glückliche Braut hat der „nächste Morgen“ nichts Prosaisches — der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht Stand — und wie schlimm auch, wenn’s anders wäre! Die Liebe muß ja im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze und die Schauer des Abends tragen helfen, — und zu glauben, daß dies Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles heut viel hübscher sei, als gestern.Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft ihres Glückes zu verkünden.Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich zur Ruhe gesetzt.Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern, die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus nur meuchlings gescheuert wurde — d. h. man überfiel ihn mit der vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters zurückzulassen pflegten. Nur dassanctumdes Doktors blieb verschont und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie.Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, und sah auf die Straße hinab.Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu dürfen.Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt, so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein — da saß seine Frau.Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung erschloß. O weh — über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum stieg „ein feuchtes Weib empor.“Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen, und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst „austoben“ lassen — sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal.Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter Haltung vor dem Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich —soschwer hatte er sich’s nicht gedacht.„Ich komme, verehrter Herr Doktor“, begann er mit etwas gepreßter Stimme, „um Ihnen eine Bitte vorzutragen.“Bautz — ging die Thüre auf — „der Baron von Rabeneck ist da, Papa!“ rief Käthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stieß einen kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz.„Ach, verzeihen Sie — verzeihen Sie einen einzigen Augenblick“, sagte der Doktor eilfertig, „der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt abzuschließen — ich stehe dann sofort zu Diensten! — Guten Morgen, Herr Baron — ich freue mich — die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.“„Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?“ fragte der Baron im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die, recht breit in der Anlage, einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung versprach.„O, recht gut“, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, „es war ein bischen spät.“„Aber ein allerliebstes Fest — auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten Eltern der Abend bekommen?“ (zum Hauptmann gewendet.)Dieser murmelte etwas Unverständliches — er erstickte fast vor Zorn und Verlegenheit.„Und Ihre Damen, Herr Doktor?“„Die sind schon lange wieder auf den Füßen!“ bemerkte der Doktor wohlgefällig.„Oh — so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das immer zu sagen — Morgenstunde hat Gold im Munde — ganz richtig — was?“Der Hauptmann verbeugte sich stumm — er hätte um die Welt jetzt nicht sprechen können. Der Doktor trat zum Schreibtisch und wühlte in den Papieren.„Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?“„Sofort — ganz zu Diensten! Ja — noch einen Augenblick — denken Sie, Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt — nicht wahr? Einzig manchmal! Wir sprachen doch gestern Abend von Straten — was?“„Ich erinnere mich nicht!“ sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend.„Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm — Straten, der zu den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand — besinnen Sie sich jetzt? was?“„Ja, ja!“ grollte der Hauptmann.„Nun denken Sie, wie der Zufall spielt — nein, man kann wirklich sagen ‚spielt‘, denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug! Das ist so ein Aperçu von mir — liebe solche Aperçus! — nun, um auf unsern Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten Straten gemeint haben will — bewahre! — dagegen protestire ich von vornherein — es ist nur so eine Redensart! Ja,enfin! — ich gehe gestern Abend nach der blauen Krone — ich komme ins Gastzimmer — wer sitzt da? — Straten! Nein, ich bitte Sie!“Der Baron lachte herzlich.„Nun, warum sollte er nicht dasitzen?“ fragte der Doktor, jetzt auch etwas unwirsch.„Aber, ich sage Ihnen ja — wir hatten eben vorher von ihm gesprochen! Er steht in Rotbergen — zwei Meilen von hier — und kommt gerade den Abend her. ‚Guten Abend, Straten!‘ sage ich. Nun hätten Sie mal seine Ueberraschung sehen sollen! ‚Guten Abend, Rabeneck!‘ sagt er. ‚Nein, das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier treffe! was machen Sie denn hier?‘ frage ich. ‚Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin ich heut hier herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu trinken‘, sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment — ach, da hat sich auch viel verändert! Der Kommandeur ist weg — nach Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef.“ —„Ja aber, Herr Baron“, unterbrach der Doktor diese interessante Geschichte, „wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten — Herr Hauptmann Scharff wünscht mich dann noch in einer anderen Angelegenheit zu sprechen.“„Ach, Pardon! — bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir — ich dachte, es müßte den Herrn Hauptmann interessiren — es war doch ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?“Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den Kopf hin und her über den merkwürdigen Zufall.Während die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten, stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Straße. „Fatal!Einmalanfangen war schon schlimm genug — aberzweimal— das ging gar nicht!“ Er biß sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mußte gleich wieder da sein — die Feder des Doktors jagte nur so über das Papier.Da klopfte es, und ohne das „Herein“ abzuwarten, wurde die Thür sehr weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen mit einem großen Tablet erschien, auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann, ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: „Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.“„Still!“ rief der Doktor mit furchtbarer Stimme — er hatte sich verschrieben, und das haßte er!„Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, da mußte ich alles hier herein bringen“, fuhr das Mädchen unbeirrt fort.Der Doktor schrieb.„Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor?“ fragte das Mädchen, „ich muß dafür stehen, daß nichts fehlt.“„Rufen Sie Fräulein Käthe“, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden.„Die will nicht hereinkommen“, erwiderte die unerschütterliche Magd.„Hinaus!“ rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses — die Botin flog davon, und ward nicht mehr gesehn.„So!“ sagte der Doktor aufathmend und erhob sich — „ich habe unterzeichnet — wollen Sie nun auch noch die Güte haben, Herr Baron?“Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.„Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich unterschreibe. — Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage, — man muß doch einmal drin wohnen — und — kurzum, ich möchte mir das Quartier noch ein letztes Mal ansehen — so einen Ueberblick, wie mein Papa immer zu sagen pflegte. ‚Chlodwig, verschaffe dir immer einen Ueberblick‘, hat er unzählige Male zu mir gesagt! Dürfte ich um diese Gunst bitten?“Der Doktor pfiff leise — aber er faßte sich, und die Herren schickten sich an, das Quartier zu besichtigen.Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung seiner Aussprache fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so hätte er geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der Fensterscheibe — er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen — obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt hätte,waser las.Nachdem einige Zeit — für den Hauptmann eine halbe Ewigkeit — verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr bekümmert aus und zog sich einen Handschuh an.Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fuß hörbar auf und nieder — er war offenbar schwer gereizt.Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann.„Ich weiß nicht — es ist mir so unangenehm, nein, wirklich — es ist mirsehrunangenehm!“ flüsterte er, „der Herr Doktor ist so böse — aber ich habe neulich ganz übersehen — das Schlafzimmer liegt nach Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer: ‚Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer — halbes Leben — halbe Gesundheit.‘“„Schlafen Sie doch wo anders!“ stieß der Hauptmann rauh hervor.„Kann ich nicht, mein Bester — kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch ein Zimmer — ein einziges Zimmer — mein Friedrichmußneben mir logiren! Ja, hätte das allerliebste, reizende Eckzimmer — einbijouvon einem Zimmer — noch ein einziges Fenster! aber so!“„Ich will Ihnen etwas sagen,“ explodirte der Doktor, „haben Sie die Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen umbauen zu lassen, und dann wollen wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja —“Der Baron sah hilflos aus.„Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt — nicht wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern — ich war immer dafür bekannt, daß ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: „glaubt dem Rabeneck nicht, er scherzt nur!“Wieoft! —“„Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,“ schrie der Doktor, „mit mir haben Sie genug gescherzt!“Und er wandte sich ab.„Mein Gott, wie peinlich!“ sagte der Baron, und zog sich den zweiten Handschuh an, „und ich wäre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder ist sich selbst der Nächste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das kann mir doch keiner übel nehmen — das finde ich — da kann ich mir nicht helfen!“Und damit retirirte der Baron, und ging — ungeleitet, denn der Doktor warzuärgerlich — und man hörte den Weggehenden noch im Hausflur, wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der Nächste wäre.Wener fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht — es war ihnen auch höchst gleichgültig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger im Käfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen über den Baron.„Dieser Einfaltspinsel — dieser alberne Kerl — fragt einen erst todt, und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so glücklich — mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?“Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung — indiesemSturm konnte er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder ruhig werden.„Aber eins sage ich,“ fuhr der erregte Doktor fort, „einenRath gebe ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer eins hat, zünde es an allen vier Ecken an. Das ist ja —! alle Tage was Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben — dem soll man die Thüren streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer stehen! Ich danke für mein Haus — ich schenke es weg — da mache ich immer noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und Aerger, dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger — nein, wahrhaftig!“Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt in die Hand.„Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend Stücke reißen,“ begann er von neuem, „der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein Testament über eine Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte — um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt — eigentlich kann ich Gott danken, daß ichdennicht als Miether bekommen habe. Ein unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier — nein, ich bin außer mir! nun hängt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal, wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich darüber.“Der Hauptmann trat einen Schritt näher.„Herr Doktor,“ begann er mit halbem Lächeln, „darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wäre? Das Quartier hat vier Zimmer, wie ich höre — hätten Sie etwas dagegen, mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher versetzt.“Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.„Ja, aber,“ sagte er etwas zögernd, „ist Ihnen denn die Wohnung nicht zu groß?“„Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen haben, um in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen — darf ich meine Bitte jetzt vortragen?“Dem Doktor ging ein Licht auf.„Bitte!“ stammelte er verlegen.„Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,“ fuhr der Hauptmann ernsthaft fort, „und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, daß von Ihrer Seite unserer Verbindung kein Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine Eltern —“Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln die Damen in des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren Beendigung der Doktor sich zur Thür wandte, um Majors herunter citiren zu lassen. Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich draußen vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit gerechtfertigt, und als die Klingel des Hausherrn so ungestüm erscholl, hatte ihn sein Wissensdrang nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt hatte.Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der überfließenden Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation an und fragte: „Verlobt, was? — ja, das muß sehr hübsch sein — ich finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschließen — nur kein Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: ‚Chlodwig, du bist fürs Familienleben geschaffen!‘“ Nachdem er diesen Satz zu Ende gebracht hatte, war der beglückte Schwiegervater so erheitert, daß er den Baron für seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der gutmüthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand.Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt wurde, wozu die noch aufgestellten Gläser und Tassen vortrefflich zu statten kamen, ließ sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors Stube.Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major stießen an, und tranken Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthränen über ihren Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings schluchzend das Tuch von der Doktorin — ihr eigenes war momentan nicht zur Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter diesen Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr zusammennehmen. Aber bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen müßte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird, der sich in einen ähnlichen Fall versetzen kann.Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen, daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat — die beiden werden sehr gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen werden! — Ja — nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen — jeder hat, was sein Herz wünscht, freilich mehr oder weniger — in den Gläsern funkelt der Wein und alles ruft: „hoch das Brautpaar!“Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!

In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun schon seit zwanzig Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine Krauthoff und strickte, während sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.

Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an den Wänden hingen allerlei Photographien in jeder Größe und Stellung. Aber nur Bilder von jungen Mädchen — Fräulein Sabine war Lehrerin gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher Methode kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen — das hatte die Lieblingsschülerin des Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem großen Mädchen herangewachsen war.

Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich mit der Zeit eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mädchen gestaltet. Käthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte, ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten und ihres gelegentlichen Uebermuthes als „sehr schnippisch“ bezeichnet wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein Sabine all ihre kleinen Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten beichtete und sich liebevoll absolviren ließ.

Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen erstieg und an Fräulein Sabines Thür pochte — und so sehr hatte sich die letztere an diese täglichen Besuche gewöhnt, daß sie es recht schmerzlich empfand, als Käthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach auswärts ging und fast drei Wochen abwesend blieb.

Doch nun war das vorbei — gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr Töchterchen von der Eisenbahn geholt, und Fräulein Sabine erwartete nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das „herein“ kam ein junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß gewachsen, mit einem übermüthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lächeln in den dunkeln Augen. Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen ungestümen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr — nicht auf den Stuhl, sondern aufs Fensterbrett.

„Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?“ fragte die alte Dame, nachdem sie den „mitgebrachten“ warmen Shawl zur Genüge betrachtet und bewundert hatte.

„O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber“ —

„Nun, was „aber?“ fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, und schob die Brille auf die Stirn zurück.

„Ach — ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen Dummheiten gemacht! Soll ich sie dir erzählen? aber du mußt nicht schelten?“

„Das kann ich nicht so gewiß versprechen,“ sagte die Alte, indem sie ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, „indessen fang nur an — es läßt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.“

Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflückte eine von den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.

„Nun also,“ begann sie, „ich reiste allein von Laura zurück, und auf einer kleinen Station — Siegersdorff — wo der Zug hielt, sah ich zum Coupéfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber steht ein Herr und sieht mich an — nicht gerade unbescheiden, aber er fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so etwas kann ich nicht leiden, ich denke also: „sollst ihm mal die Zunge herausstecken — der Zug fährt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.“

„Aber Käthe!“ rief das Fräulein erschrocken.

„Siehst du, siehst du, daß du schiltst!“ rief Käthe, und fiel ihrer alten Freundin ungestüm um den Hals, „sei ganz still, sonst erzähle ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir herumzutragen, daß ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was du nicht weißt!“

Die Alte machte sich lachend los.

„Laß mich nur — ich bin ja schon still! Also —“

„Also — in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, führe ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bißchen, Sabine — ich dachte schon, er hätte es nicht gesehen! — aber er lächelte spöttisch und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.“

Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.

„Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!“

Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.

„O ja, Sabine“, sagte sie dann verlegen, „aber —“

„Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?“

„Ach, Sabine — die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit — der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr — und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!“

„Angenehm!“ sagte Fräulein Sabine. „Und wie benahm er sich?“

„Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in dasselbe Coupé mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er auch ausstieg!“

Käthe sprang vom Fensterbrett. „Und was sagst du jetzt?“

„Herzchen,“ erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, „was soll ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten — das einzig Angenehme ist, daß du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.“

Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen sollen, und streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. „Meinst du?“

Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie sagen: „aha!“ Sie schwieg aber.

„Weißt du, Sabine,“ begann Käthe nach einer Weile von Neuem, „er — der Mitreisende — benahm sich übrigens sehr taktvoll. Da er merkte, in welch tödtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen — ganz ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr, von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch während der Reise auf die hübsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: „o ja — besonders in Siegersdorff!“ und dann sahen wir uns an und lachten beide — ich auch, Sabine — das konnte ich nicht ändern! Sonst war ich sehr würdevoll — nein, wirklich!“

„Davon bin ich überzeugt,“ sagte die Alte ernsthaft, „wie sah denn dein Freund oder Feind aus?“

„Sehr gut — groß, dunkelblond und humoristisch — und er war sehr hübsch angezogen.“

Die alte Dame lachte.

„Wenn’s nur kein Weinreisender war!“

„Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht merkte!“ In dem Augenblicke klopfte es.

„Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff wäre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen hätten die Schlüssel mit.“

„Unausstehlich!“ sagte Käthe verdrießlich, „Scharffs erwarten in den Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze Wirthschaft zusammen. Ich komme,“ rief sie dem Mädchen zu.

„Ist der junge Scharff so „gräßlich,“ wie du sagst?“ fragte Sabine.

„Ich habe ihn nie gesehen — aber wenn von einem Menschen schon so viel gesprochen wird, hat man genug. „Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint“ — so geht es immerfort, als obichmich darum kümmerte, was ihr Kurt für Ansichten hat.“

Fräulein Sabine war auch aufgestanden.

„Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff möchte dich sehr gern für den „gräßlichen Sohn“ haben.“

„Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine — ich danke — ich will gar nicht heirathen — oder“

„Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war unvollständig! „Oder“ heißt das etwa: „oder die Bekanntschaft müßte damit anfangen, daß ich ihm die Zunge heraussteckte?“

„Sabine,“ sagte das junge Mädchen würdevoll, „ich begreife gar nicht, wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hörst, daß Mama auf die Schlüssel wartet!“

Und fort war sie.

***

Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Käthens Eltern große Unruhe. An der Hausthüre war schon seit längerer Zeit eine Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer Verzweiflung überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.

Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt — die Vermiethungsfrage war der Tollpunkt des Doktors!

So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner Thüre prangte, war er melancholisch — seine Gedanken irrten mit beängstigender Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vögeln gleich, um das betreffende Quartier, und er begann und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja noch nie eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor regelmäßig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem verflossenen Zeit zu schließen, längst zum Feldmarschall oder unter die himmlischen Heerscharen avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.

Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium in dem Zustande des Doktors. Er hatte für nichts anderes Sinn und Gedanken, als für die Chance, er sang mit dem französischen Grenadier „was schiert mich Weib, was schiert mich Kind?“ und war für alle häuslichen Vorkommnisse taub und blind.

Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdüstertes Gemüth ein Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck um die Erlaubniß bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte Wohnung in Augenschein zu nehmen.

Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen und unsäglich neugierigen Herrn — aber in der Noth ist man nicht wählerisch — der Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen.

Die Familie — Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, wie wir wissen, bei Fräulein Sabine war, saß um den Kaffeetisch. Eine stattliche Reihe von schulpflichtigen Kindern — zwar nicht so viel, als unser schwäbischer Freund besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der Seinen antworten konnte: „ich danke, die „Meischte“ sind wohl“ — aber immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen.

Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den Eindruck der Räume abzuschwächen. Jetzt klingelte es.

„Kinder, schnell — trinkt aus, das ist er!“ rief der Vater, und ließ sich in der Eile zu der unmännlichen Handlung des Umgießens aus der Ober- in die Untertasse für seinen jüngsten Sohn verleiten — doch zu spät! Die Thür ging auf — aber nicht der Baron erschien, sondern das heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. —

Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen Gegenstände, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern rechtmäßig besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn sie mit besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus der Verlegenheit zu ziehen.

Ihr Mann wußte entweder nichts davon — oder er wollte nichts davon wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner Vorgesetzten und seinem eigenen größten Erstaunen bis zum Major gebracht und war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich seitdem auf Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, kein Familienereigniß freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart zu erregen, daß er nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die Seinigen gefragt hätte: „machen wir heute keine Partie?“

Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, wo sein einziger Sohn das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie Whist vorgeschlagen habe.

So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestört blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren — ihn focht es nicht an.

Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tüchtiger Offizier die beste Carriere machte, hatte für ihn erst Interesse gewonnen, als er den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück und der Stolz der Mutter, wurde, wie wir von Käthe gehört haben, erwartet, und die Frau Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel reiner Gardinen vakant wäre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe.

Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.

„Nein, nein,“ sagte sie eilfertig, „o ich habe noch sehr viel zu thun — denn, liebste Lang, ich komme mit einer großen Bitte — trinken Sie nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft — nur etwa zwölf bis fünfzehn Personen — bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!“

„Wir kommen herzlich gern,“ sagte die Doktorin, „wenn mein Mann nichts dagegen hat.“

Der Doktor war herausgegangen, um die Straße herunter zu spähen, ob der Miether sich nicht zeigte. —

„Ach, was sollte er dagegen haben!“ sagte Frau Scharff, „heut muß er kommen — ich habe eine kleine Überraschung vor! Aber liebe Lang — eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt — können Sie mir Ihre Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist so prächtig flink — das weiß ich! Im Hause geht das ja sehr gut!“

„Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,“ sagte Frau Lang lächelnd, „kann ich sonst mit etwas dienen?“

„Nun ja — wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel und zwei Dutzend Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn Weingläser und die silberne Zuckerdose leihen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und Beste — die beiden großen Lampen — aber lassen Sie sie bald füllen; meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles — denn die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser habe ich noch oben. Aber richtig — Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrücken und sie soll ihn noch spicken.“

„Ich werde sogleich nachsehen,“ erwiderte Frau Lang, und griff in die Tasche — die Schlüssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu Fräulein Sabine, um Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und von der Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.

„Mein liebes Käthchen — nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur! Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen — ich habe eine kleine Ueberraschungin petto! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich schrieb noch neulich an meinen Sohn: „eine Gesellschaft ohne Käthchen ist mir gar nicht denkbar — sie ist so belebend!“

Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort.

„Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,“ sagte die Majorin eilfertig, „also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?“

Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe allein. Sie legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und sah ihr forschend ins Gesicht. „Käthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die gute Majorin?“

„Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden läßt!“ erwiderte Käthe unartig.

Die Doktorin schüttelte den Kopf.

„So laß sie doch — für die Pläne der Mutter kann der Sohn nichts — und außerdem — Käthe, wäre es denn nicht sehr hübsch, wenn etwas daraus würde? Eine andere Neigung hast du nicht“ —

Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die Schlüssel aufheben, wozu sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam — vom Bücken jedenfalls!

„Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst gescheidter Mann sein,“ fuhr die Mutter fort, „thu mir wenigstens den Gefallen, dich nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja immer so gut gefallen!“

Käthe schwieg hartnäckig.

„Da klingelt es,“ unterbrach sich die Mutter, „hier, Käthe, ich habe mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will — gieb es einmal heraus!“

Käthe nahm mit einem ironischen „weiter nichts?“ das Verzeichniß in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thür hereintrat.

„Er kommt wieder nicht!“ sagte er resignirt, „ich werde jetzt ausgehen! Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.“

„Ja, ja, er kommt,“ beschwichtigte seine Frau, „eben klingelt es — da ist er schon!“

Richtig — so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel, mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem parfümirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.

„Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,“ sagte er eintretend, „Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stören! Trinken Sie immer hier Kaffee?“

„Ja,“ sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht so leicht beirren. „Ich trinke auch Kaffee,“ fuhr er fort, „sehr gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?“

„Ja,“ sagte der Doktor gereizt, „meine Frau trinkt Kaffee — meine Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!“

Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. „Sie wollten unser leeres Quartier sehen, Herr Baron?“

„Ja,“ erwiderte der Neuangekommene behaglich, „ich sah heute bei meinem Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Straße mache — hübsche Straße, was? — daß hier ein Miethszettel hängt — wollte doch mal nachfragen. Erster Stock, was?“

„Nein — zweiter Stock — vier Zimmer mit Balkon,“ gab der Doktor zurück.

„Oh — charmant — vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? Still?“

„Wie wäre es,“ schlug die Hausfrau vor, „wenn Sie mit mir einmal hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nähmen? Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!“

„Bitte, bitte,“ erwiderte der Baron verbindlich, und ging Käthe entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit Platz nahm.

Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel.

Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und wandte sich an das junge Mädchen.

„Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?“

Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.

„Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?“

Der Baron hustete zierlich.

„Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon meine selige Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich für alles! Ich heiße nämlich Chlodwig! Hübscher Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer Familie — mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr Papa?“

„Friedrich,“ erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln unterdrückte.

„Friedrich — so so — und Ihre Frau Mama?“

„Fragen Sie sie selbst,“ sagte der Doktor ungeduldig, „da kommt sie.“

Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu Käthe: „wenndieserFragekasten die Wohnung miethet, zünde ich das Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.“

Käthe lachte. „Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen. Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden, die er ohnehin schon kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine Gesellschaft geben?“

„So?“ brummte der Doktor, „was haben sie sich denn schon geborgt?“

„Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Köchin und unsere Familie,“ erwiderte Käthe spöttisch, „wir werden uns also wohl recht heimisch fühlen.“ —

Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der erstere war entzückt von dem Quartier.

„Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,“ sagte er, „so können wir gleich Kontrakt machen — liebe schnelle Entschlüsse — Sie auch, — was?“

„Gewiß!“ sagte der Doktor höflich — die Aussicht, einen Miether zu bekommen, goß Öl auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen an einem Seitentischchen Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.

Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thüre aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch durchaus nicht alt — so hübsch in der Mitte.Ganzjung waren ihre Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.

Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Großmama, der verwittweten Generalin, die Hälfte des zweiten Stockes im Hause bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf sie zutrat.

Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen, kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte düster: „nett!“

„Mein gnädiges Fräulein,“ begann der Baron, „ich bin entzückt, Sie zu begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?“

„O ausgezeichnet!“ erwiderte Leontine, „es war eine allerliebste Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da — Will ist jetzt bei ihnen zum Besuch — Sie wissen ja — Will Schraffenau, der bei den zweiten Kürassieren stand! Will kann zu amüsant sein, nicht?“

„O ja, meine Gnädigste,“ erwiderte der Baron, „aber nichts gegen Lu! Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky — Peppi Sandrowsky — zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?“

„Na!“ brummte der Doktor vor sich hin, „bis die beiden jetzt den Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz werden!“

„Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse zu werden! Charmant, was?“

„Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!“ rief Leontine entzückt.

„Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,“ sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des Zimmers — dort konnte er hoffen, ungestört zu bleiben, „bitte, Herr Baron! — der Miether verpflichtet sich“ —

Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten die Mädchen in der Fensternische.

„Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen — ist heute großer Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wäre gekommen, den ich von früher her kenne — wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm — ist er gekommen?“

„Nein, er wird erst erwartet,“ erwiderte Käthe, „ich weiß auch nicht, warum sie heut plötzlich eine Fête geben.“

„Nun ja — aber die Frage ist,waszieht man an? Rabeneck ist auch da, ich habe die Scharff gefragt.“

Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine hüpfte endlich ab.

Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu seinem Miethskontrakte nach der Lampe rief. Das Mädchen erschien, brachte aber nur einen Armleuchter mit einem Licht.

„Die Lampe!“ donnerte der Hausherr.

„Verzeihen Sie, Herr Doktor — unsere Lampen sind alle oben beim Herrn Major — die Kinder arbeiten auch bei Licht.“

„Darauf machen Sie sich gefaßt,“ sagte der Doktor, kochend vor Wuth, „wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt, was Sie haben und nicht haben!“

„Aber Papa!“ rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.

„Ich bitte Sie,“ rief der Baron ängstlich, „das ist ja sehr unangenehm! Alles verborgen? Muß man das?“

„Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!“ grollte der Doktor, „denn so lange wohnen sie hier, undwassie sich alles borgen, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben Tag ummichbitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber weiter: „die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus“ —

„Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen Armleuchter bekommen kann?“ sagte das Dienstmädchen und griff bereits nach dem fraglichen Gegenstand.

„Sie sind wohl verrückt!“ schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm, „sollen wir hier im Dunkeln sitzen?“

„Mein Gott, ist es denn schon so spät!“ sagte der Baron, und sah nach der Uhr, „wahrhaftig — halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich muß an meine Toilette gehen — wir sehen uns ja wohl heute Abend beim Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?“

Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer — das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast zur Thür geleitete.

„Nun borgen sie sich auch schon die Miether!“ sagte er vor sich hin, als er hinausging.

Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin — die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor der Zukunft gewesen als heut — warum noch nie der Gedanke an die von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen — zum ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt — noch nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl zu erregen vermocht — aber es war ihr auch noch nie jemand mit so liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln, seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half das alles! sie kannte seinen Namen nicht — er nicht den ihren — sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.

Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung. Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Räumen umher, die bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rückte hier und da an den Stühlen und stand dann wieder überlegend still, ob noch etwas fehlte, wonach man zu Doktors schicken könnte.

Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder Mann trat ins Zimmer.

Die Majorin wandte sich um.

„Nun, Mamachen,“ sagte der Eintretende freundlich, „du hast noch zu thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche halbe Stunde mit dir, ehe die Gäste kommen.“

„Ich bin fertig“, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm die Hände auf beide Schultern und sah ihm zärtlich ins Gesicht.

„Mein alter Junge — wie du wieder verbrannt bist!“

„Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche Farbe, du mußt dich schon daran gewöhnen.“

„Und du warst ein so weißes Kind!“ sagte die Mutter lächelnd. „Jetzt sage mir aber einmal, Kurt — ist es dir eigentlich recht, daß ich heut Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der Ankündigung ein so besonderes Gesicht.“

„Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch allein gewesen, Mutterchen — aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende zusammen. Wer kommt denn heut?“

„Also,“ begann die Majorin, „da ist erstens die Generalin Faldern mit ihrer Enkeltochter Leontine —“

„Was?“ unterbrach der Hauptmann lebhaft, „Tine Faldern ist hier?“

„Kennst du sie?“

„Wie sollte ich nicht! — Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hieß damals immer die Tochter des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wußte. Uebrigens ein hübsches, amüsantes Mädchen — es ist mir ganz lieb, sie einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.“

Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber nichts.

„Dann,“ fuhr sie fort, „von Hausgenossen heißt das, kommt noch unser Wirth — der Doktor Lang mit Frau und Tochter —“

„Ach — die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! Hätte ich mir’s nicht denken können, daß du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen über den Kopf zu werfen? Aber gieb dir keine Mühe, Mama — es wird nichts!“

„Sei doch nicht so absprechend,“ bat die Mutter, „du hast Käthe noch gar nicht gesehen — ich sage dir, sie ist allerliebst! Hübsch, sehr gut erzogen und sehr gescheidt — sie würde ausgezeichnet für dich passen!“

„Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen — ich werde wohl überhaupt nicht heirathen. Sieh,“ fuhr er lebhaft fort, als die Mutter eine Bewegung des Unmuths machte, „ich bin — nenne es phantastisch, unpraktisch, kurz, was du willst — aber ich bin entschlossen, mich nur zu binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: ‚Die oder keine!‘ Und solche Dinge kommen vor! — Ich sage dir, sie kommen vor! Lache mich nicht aus, Mutter — aber ich habe ein Mädchen gesehen, das mir gefällt, und wenn ichdiewiedersehe, und sie will mich — dann sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage mich aber nicht weiter — ich bin auf der Suche — das laß dir genug sein. Und verschone mich mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“

„Guten Abend, Frau Majorin,“ sagte in diesem Augenblick die Generalin Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der rosafarbenen Leontine gefolgt. „Sie waren so freundlich, uns zu erlauben — ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?“

„Ja, er ist gestern angekommen,“ sagte die glückstrahlende Mutter, ihn den Damen vorstellend, „er hat mich überrascht! Es ist doch einzig von ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!“

Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann peinlich war, so ließ er es durch keine Miene merken — er lächelte sehr freundlich und wandte sich an Fräulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt die Hand hinstreckte.

„Herr Hauptmann — das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, das muß wahr sein! Und nun erzählen Sie mir von W.... — was machen die dritten Husaren? Und wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so großen Pas gemacht, und muß Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren doch schöne Zeiten?“

„Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich aufs tiefste, mein gnädigstes Fräulein,“ erwiderte der Hauptmann ernsthaft, „ich kann Sie versichern, daß die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und daß die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so glücklich sein würde, Sie zu sehen.“

„Ach, Sie spotten wieder,“ schmollte Leontine, „aber ohne Scherz — erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein süßes Thier — er ist mir noch manchmal im Traume erschienen!“

„Glücklicher Brauner!“ sagte der Hauptmann — und begann nun wirklich zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend zu, und die Unterhaltung war so lebhaft, daß der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz zeitgemäße Konversation mit der Generalin — freilich sagte er meist nur: „nun eben!“ eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und mit der man merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf eingerichtet hat.

Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein — schon klingelte es wieder.

„Das sind gewiß Langs,“ rief Leontine, „ich muß Käthe entgegengehen,“ und damit flog sie hinaus.

Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um den Baron Rabeneck zu begrüßen, der eben erschien.

„Entzückt — entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen,“ begann der Baron schmelzend, „Sie stehen bei einem B.’schen Regiment?“

„Ja wohl, Herr Baron — schon seit zwei Jahren,“ erwiderte der Hauptmann.

„Und vorher?“

„Bei den —schen Husaren!“

„Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?“

„In W....“ sagte der Hauptmann etwas verwundert.

„Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier — bei den —ten Dragonern — reizende Uniform, was?“

„Allerliebst!“ sagte der Angeredete, über dessen Gesicht ein immer vergnügteres Lächeln flog. „Sie sind pensionirt, Herr Baron?“

„Ja — ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus — was?“

Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand, in dem ihm nach und nach heißer wurde als im Kugelregen, hatte Leontine auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe sofort zugeflüstert: „der Sohn ist da!“

Käthe zog die Augenbrauen zusammen: „Wie albern — warum hat uns die Majorin das nicht gesagt?“

„Sie wollte Sie wohl überraschen,“ fuhr Leontine eifrig fort, „aber Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen — er scheint kein Spießgeselle bei der Verschwörung seiner und Ihrer Mutter zu sein — eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin, „verschone mich mit deiner Käthe — die Art Mädchen ist nichts für mich!“

Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt — aber darauf kam es Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie gesehen hatte, richtete sich hoch auf — das stolze, jugendliche Blut schoß ihr bis in die Stirn — „nun, dann stimmen ja unsere Ansichten über einander auf ein Haar“ — sagte sie — warf den kleinen Mund verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.

Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs lebhafteste.

„Guten Abend, Herr Doktor — nein, das ist reizend, daß Sie gekommen sind, Frau Doktorin — und hier ist auch meine kleine Ueberraschung — sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen — mein Sohn!“

Käthe blickte auf — und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr Reisegefährte — so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt — er hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser selben Käthe von ihm — und was war das Resultat seiner Beobachtungen? — „Verschone mich mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“

Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. „Guten Abend, Herr Baron,“ sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, „also Sie sind doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut mich.“

Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine — Käthe war gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, die noch dascurriculum vitaeeines Pferdes von ihm verlangte, das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.

Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch, es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a. D. — in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. — vielleicht den Bäcker und den Fleischer ausgenommen — und der letzte Gast war ein Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten Winter in der Welt glänzte.

Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigemtête-à-têtemit dem hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab und war ganz liebenswürdig — gewöhnlich sprach sie kein Wort. „Wie das junge Völkchen heiter ist!“ bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre Lorgnette von den Augen ließ.

Die Majorin nickte etwas bittersüß — Käthe saß mit dem Justizrath und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.

Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt und sich geärgert — aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der Generalin, daß „das junge Völkchen so heiter sei.“ Ihr Mann umschlich die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger — immer den Baron im Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des Betreffenden zu erregen — der Baron wandte sich um.

„Spielen Sie Whist, Herr Doktor?“

„Sehr gern!“ erwiderte der Angeredete eifrig — erstens langweilte er sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen.

„Nettes Spiel — was? Ich spiele leider nicht — kein Kartenspiel — fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe ich viel Talente — meine selige Mama sagte schon immer „Chlodwig, du bist sehr talentvoll“ — aber Karten“ —

„Dummkopf,“ murmelte der Doktor in sich hinein.

In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, „machen wir heute keine Partie?“

Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte — sie war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt war, wo die Jugend saß.

Bei dieser — der Jugend — herrschten indeß die verschiedensten Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit „ja“ und „nein“ — nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, nahm sie einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprächiger.

Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle Minen springen. Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit dem Hauptmann erlebt hatte, mit überraschender Genauigkeit, und „wissen Sie noch?“ war immer der Refrain jedes dritten Satzes.

Der Hauptmann wußte aber gar nichts — er wurde immer zerstreuter, und als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.

„Herr Baron,“ rief er hinüber, „stand Straten nicht bei den —ten Dragonern? den müssen Sie ja gekannt haben! Fräulein von Faldern erkundigt sich nach ihm!“

„Straten? versteht sich!“ erwiderte der Baron aufstehend, „sehr gut gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden — netter Mensch, was?“

„Jawohl!“ erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, „hier — erzählen Sie einmal von ihm —changeons!“ Und damit überließ er seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.

Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den nächsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung derselben vertiefte.

Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch.

„Das kann ich auch,“ bemerkte er halblaut.

Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.

„Was habe ich denn hier?“ fuhr der Hauptmann gemüthlich fort, und blätterte in dem Buch, „ah — Gedichte — eine ganze Sammlung — darf ich Ihnen etwas vorlesen?“

„Ich danke,“ erwiderte Käthe kurz, „ich sehe mir Bilder an!“

„Schön,“ erwiderte ihr Gegner ernsthaft, „dann werde ich mir selbst vorlesen — ich liebe die Lyrik ungemein — ah hier — das ruft mir ein Erlebniß zurück, „das Dampfroß schnaubt entlang der Halde“ — sehr nett! Wer weiß, was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen — sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich muß mich einmal überzeugen!“

„Ich will das Gedicht nicht hören!“ sagte Käthe.

„Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein — ich lesemirvor! —“ Er blätterte weiter.

„Hier — ein anderes! „Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten meine Worte.“ Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der hat am Ende auch mit dem Dampfroß zu thun gehabt!“

Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf in die Hand und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen.

„Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,“ sagte der Hauptmann, „immer schmollen, immer grollen, für ein’ Ros’ wär’s zu viel Dorn! Und nun lassen Sie uns zur Prosa übergehen,“ fuhr er plötzlich ernsthaft fort und nahm neben Käthe Platz, „bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr Buch — ich werde ein gleiches thun — und nun,“ er senkte die Stimme —, „warum sind Sie eigentlich böse auf mich?“

„Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?“ fragte Käthe etwas unsicher.

„Nun, mein gnädiges Fräulein, wenndasbei Ihnengutheißt, dann möchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie böse sind! Ich bin zwar nicht an übertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt — denken Sie nur an Station —“

„Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!“ rief Käthe und erröthete tief.

„Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig Stunden — aber ich will sie begraben — klaftertief — wenn Sie mir Rede und Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, diealteGeschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange vor Ihnen auftauchen —“

„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Käthe, wider Willen lachend, „was soll ich denn antworten?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen — also,washabe ich Ihnen zu Leide gethan?“

„Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?“ fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nähernd, „ich wollte Fräulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?“

„Reizend!“ sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band Landschaftsbilder vom Tisch, „hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein sehr hübscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen wünschen. Wollen Sie sich überzeugen?“

Der Baron ging mit dem Buche ab.

„Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,“ bemerkte Hauptmann Scharff, „ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag er suchen! Doch zurück zu unserem Gespräch — was habe ich Ihnen zu Leide gethan? Warum sind Sie böse?“

Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: „Ich bin böse, weil — nun ja, weil ich es sehr häßlich finde, daß Sie mich unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie sind.“

Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür schon ein paar sehr befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, daß Leontine im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte sie wie ein Stoßvogel herbei.

„Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen — bitte, bitte!“

„Ach ja, mein gnädiges Fräulein,“ stimmte der Baron ein, „Sie singen? Bitte, tragen Sie uns etwas vor — einChanson— eine Ballade, was? Ich liebe die Musik leidenschaftlich — reizende Kunst, was?“

Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein — ob der Gedanke, daß ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache ihren Entschluß beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre sehr hübsche Stimme wohlthuend durch die Räume.

Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, denn die Herren am Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige Ruf: „zwei Trick —deux honneurs“ — vermochte eine leise geführte Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann der Hauptmann von Neuem. „Ich verstehe Sie gar nicht, mein Fräulein! Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?“

Käthe nickte.

„Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,“ rief der Hauptmann ungeduldig, „woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, daß Sie und die viel beschriebene Käthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie einmal selbst, daß ich es nicht wissen konnte!“

„Ja ja!“ gab Käthe zögernd zu.

„Nun gut — also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst,wennich Sie gekannt hätte — ich gestehe Ihnen offen, daß ich auch dann noch kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! — es steckt wohl noch etwas Anderes dahinter! Nicht wahr?“ drängte er, als sie schwieg und tief erröthend zu Boden blickte.

„Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit, mich zu vertheidigen,“ rief er fast heftig, „mein gnädiges Fräulein — Fräulein Käthe — wir waren doch so gute Freunde unterwegs — waren wir das nicht? Sehen Sie — Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht vernünftig und sagen Sie mir,wasich Ihnen gethan habe!“

„Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam?“ fragte Käthe trotzig und blickte auf.

Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er — aber etwas verlegen. „Ich kann mir denken,werSie instruirt hat! Soll ich Ihnen das Gespräch erzählen?“ fragte er in sonderbar weichem Ton, und bückte sich, um ihr in die Augen zu sehen. „Ja oder nein?“

„Ja!“ sagte sie hastig und leise — ihr Herz fing an, heftig zu klopfen.

„Nun denn — ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht Lust hätte, hier irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, — heiße sie Käthe oder sonst wie — weil — nein, sehen Sie mich einmal an, Fräulein Käthe — weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt hätte — in eine Unbekannte, — und wenn nun ein freundlicher, lieber, guter Zufall es so gefügt hat, daß diese Unbekannte diejenige ist, die meine Mutter — Gott segne meine Mutter — schon lange für mich ausgesucht hat —“

Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, „es ist angerichtet,“ rief der Lohndiener mit Stentorstimme.

Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die Whistspielenden warfen die Karten zusammen — man ging zum Abendessen.

Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu führen.

Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten — die Majorin hatte aus Versehen für zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den besetzten Stühlen der anderen.

Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas und Schränken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter Ungarwein zurückkam, und nicht einmal fand, was er suchte.

Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen können, sich Käthe zu nähern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem Justizrath stand — eine Situation, die zu den allerpeinlichsten gehört, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu coupiren, daß sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.

So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der Baron Platz nahm. Käthe saß schräg gegenüber; sie sprach kaum ein Wort und sah nicht in die Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen Blick von ihr aufzufangen.

Leontine bemerkte sein Bestreben wohl — sie gab ihn auf! Als kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre Taktik sofort, und schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinüber, der ihr von seinem Gut erzählte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe?

Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie zur Oekonomie über, schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und that ganz ländlich.

Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis. Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn ihrer Gastgeber fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln erfror in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, und der Major, der sie gebührender Weise zu Tisch geführt hatte, erntete für seine ohnehin nicht glänzenden Unterhaltungsversuche nur ein kühles „hm“ oder „ja, ja!“

Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als „seinem liebenswürdigen Hauswirth“ zugetrunken, und um die Erlaubniß gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. „Dann soll mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,“ gelobte sich der beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thüren in dem Verhandlungszimmer ab.

Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus — sie wußte nicht, was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte — und ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.

Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt, als sei diescon amoreNachtafeln das Beste vom ganzen Abend.

Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: „alles nimmt ein Ende.“ Die Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl — die andern folgten. In dem MomentmußteKäthe aller menschlichen Berechnung nach emporsehen — sie that es! Der Hauptmann erhob sein Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen Augenblick. Da — o Freude! — nahm sie ihr noch unberührtes, volles Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an — erröthete dunkel — und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!

Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort, wie die Sache stand — hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!

Als der Hauptmann daher im Trouble des „Gesegnete Mahlzeit“wünschens Käthe zuflüsterte: „darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?“ genügte er damit eigentlich nur einer Form — er wäre auch ohne diese Frage gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.

Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment unter vier Augen sprechen zu können, trog — kaum waren die zehn Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin abschiednehmend auf ihre Wirthe zu — Leontine folgte, vom Baron auf das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht — das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: „Sprechen Sie mit meiner Großmutter,“ ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: „wovon?“

Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die „Lebensfrage“ schon verblümt herauszuhören geglaubt — „am Endemußes gerade kein Offizier sein“, dachte sie im Einschlafen, „ein Gut in der Grafschaft ist auch nicht zu verachten! — was steht dort? die 26er oder die 62er?“

Über dem Zweifel schlief sie ein.

Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. — Die Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte — da war es hohe Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.

Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten — „Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir geborgt haben, liebe Lang“, versicherte sie in der Thür.

Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen ließ, die Gäste bis in den Flur zu geleiten, und Käthchen beim Umnehmen der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. —

Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein prächtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurückkehrte, die gemüthlich im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen Ruhe schwelgten.

Beide sahen auf, als der Sohn eintrat — er aber schnitt, während er sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhölzchen in Brand, kurz nahm alle möglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten.

„Liebe Eltern“, sagte er halb heiter, halb verlegen, „ich bringe ein paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren — ich fand auf meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher, vorläufig privatim mittheilt.“

Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.

„Kurt — wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?“

„Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf! Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon längere Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und Aufregung zu bereiten.“

„Ich bin ganz glücklich, Kurtchen“, rief seine Mutter immer wieder, „und du sollst mal sehen — sei nicht böse — aber wenn ich dich hier habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschließen.“

„Laß’ ihn doch in Ruhe!“ brummte der Major.

Der Sohn lächelte. „Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So unendlich viel?“

„Aber, mein Junge“, sagte die Majorin etwas verwundert, „das weißt du doch!“

„Nun denn, Mamachen — ich bin ja kein Unmensch — siehst du mir gar nichts an?“

Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte, streckte er ihr beide Hände entgegen: „Gratulire mir, liebe Mama — lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.“

Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin, bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern, vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt — und wer es nicht weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich ausprobiren möge.

Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man auseinander und zu Bett — d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett, sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem Kopf immerfort noch ab und zu liefen.

Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen, schnitt der Doktor kurz ab: „Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum Unterhalten“, brummte er, „jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute — wenn sie von früh bis Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.“ Und er entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.

So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft, in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.

Der „nächste Morgen“ ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes — nach einem Ball, — nach einem Streit — nach einem abgeschlossenen Geschäft. — Der „nächste Morgen“ in seiner kühlen Beleuchtung zeigt alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend.

Nur für eine glückliche Braut hat der „nächste Morgen“ nichts Prosaisches — der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht Stand — und wie schlimm auch, wenn’s anders wäre! Die Liebe muß ja im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze und die Schauer des Abends tragen helfen, — und zu glauben, daß dies Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.

Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles heut viel hübscher sei, als gestern.

Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft ihres Glückes zu verkünden.

Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich zur Ruhe gesetzt.

Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern, die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus nur meuchlings gescheuert wurde — d. h. man überfiel ihn mit der vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.

So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters zurückzulassen pflegten. Nur dassanctumdes Doktors blieb verschont und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie.

Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, und sah auf die Straße hinab.

Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu dürfen.

Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt, so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein — da saß seine Frau.

Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung erschloß. O weh — über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum stieg „ein feuchtes Weib empor.“

Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!

Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen, und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst „austoben“ lassen — sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal.

Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter Haltung vor dem Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich —soschwer hatte er sich’s nicht gedacht.

„Ich komme, verehrter Herr Doktor“, begann er mit etwas gepreßter Stimme, „um Ihnen eine Bitte vorzutragen.“

Bautz — ging die Thüre auf — „der Baron von Rabeneck ist da, Papa!“ rief Käthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stieß einen kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz.

„Ach, verzeihen Sie — verzeihen Sie einen einzigen Augenblick“, sagte der Doktor eilfertig, „der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt abzuschließen — ich stehe dann sofort zu Diensten! — Guten Morgen, Herr Baron — ich freue mich — die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.“

„Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?“ fragte der Baron im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die, recht breit in der Anlage, einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung versprach.

„O, recht gut“, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, „es war ein bischen spät.“

„Aber ein allerliebstes Fest — auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten Eltern der Abend bekommen?“ (zum Hauptmann gewendet.)

Dieser murmelte etwas Unverständliches — er erstickte fast vor Zorn und Verlegenheit.

„Und Ihre Damen, Herr Doktor?“

„Die sind schon lange wieder auf den Füßen!“ bemerkte der Doktor wohlgefällig.

„Oh — so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das immer zu sagen — Morgenstunde hat Gold im Munde — ganz richtig — was?“

Der Hauptmann verbeugte sich stumm — er hätte um die Welt jetzt nicht sprechen können. Der Doktor trat zum Schreibtisch und wühlte in den Papieren.

„Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?“

„Sofort — ganz zu Diensten! Ja — noch einen Augenblick — denken Sie, Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt — nicht wahr? Einzig manchmal! Wir sprachen doch gestern Abend von Straten — was?“

„Ich erinnere mich nicht!“ sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend.

„Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm — Straten, der zu den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand — besinnen Sie sich jetzt? was?“

„Ja, ja!“ grollte der Hauptmann.

„Nun denken Sie, wie der Zufall spielt — nein, man kann wirklich sagen ‚spielt‘, denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug! Das ist so ein Aperçu von mir — liebe solche Aperçus! — nun, um auf unsern Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten Straten gemeint haben will — bewahre! — dagegen protestire ich von vornherein — es ist nur so eine Redensart! Ja,enfin! — ich gehe gestern Abend nach der blauen Krone — ich komme ins Gastzimmer — wer sitzt da? — Straten! Nein, ich bitte Sie!“

Der Baron lachte herzlich.

„Nun, warum sollte er nicht dasitzen?“ fragte der Doktor, jetzt auch etwas unwirsch.

„Aber, ich sage Ihnen ja — wir hatten eben vorher von ihm gesprochen! Er steht in Rotbergen — zwei Meilen von hier — und kommt gerade den Abend her. ‚Guten Abend, Straten!‘ sage ich. Nun hätten Sie mal seine Ueberraschung sehen sollen! ‚Guten Abend, Rabeneck!‘ sagt er. ‚Nein, das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier treffe! was machen Sie denn hier?‘ frage ich. ‚Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin ich heut hier herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu trinken‘, sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment — ach, da hat sich auch viel verändert! Der Kommandeur ist weg — nach Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef.“ —

„Ja aber, Herr Baron“, unterbrach der Doktor diese interessante Geschichte, „wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten — Herr Hauptmann Scharff wünscht mich dann noch in einer anderen Angelegenheit zu sprechen.“

„Ach, Pardon! — bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir — ich dachte, es müßte den Herrn Hauptmann interessiren — es war doch ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?“

Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den Kopf hin und her über den merkwürdigen Zufall.

Während die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten, stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Straße. „Fatal!Einmalanfangen war schon schlimm genug — aberzweimal— das ging gar nicht!“ Er biß sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mußte gleich wieder da sein — die Feder des Doktors jagte nur so über das Papier.

Da klopfte es, und ohne das „Herein“ abzuwarten, wurde die Thür sehr weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen mit einem großen Tablet erschien, auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann, ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: „Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.“

„Still!“ rief der Doktor mit furchtbarer Stimme — er hatte sich verschrieben, und das haßte er!

„Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, da mußte ich alles hier herein bringen“, fuhr das Mädchen unbeirrt fort.

Der Doktor schrieb.

„Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor?“ fragte das Mädchen, „ich muß dafür stehen, daß nichts fehlt.“

„Rufen Sie Fräulein Käthe“, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden.

„Die will nicht hereinkommen“, erwiderte die unerschütterliche Magd.

„Hinaus!“ rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses — die Botin flog davon, und ward nicht mehr gesehn.

„So!“ sagte der Doktor aufathmend und erhob sich — „ich habe unterzeichnet — wollen Sie nun auch noch die Güte haben, Herr Baron?“

Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.

„Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich unterschreibe. — Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage, — man muß doch einmal drin wohnen — und — kurzum, ich möchte mir das Quartier noch ein letztes Mal ansehen — so einen Ueberblick, wie mein Papa immer zu sagen pflegte. ‚Chlodwig, verschaffe dir immer einen Ueberblick‘, hat er unzählige Male zu mir gesagt! Dürfte ich um diese Gunst bitten?“

Der Doktor pfiff leise — aber er faßte sich, und die Herren schickten sich an, das Quartier zu besichtigen.

Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung seiner Aussprache fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so hätte er geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der Fensterscheibe — er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen — obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt hätte,waser las.

Nachdem einige Zeit — für den Hauptmann eine halbe Ewigkeit — verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr bekümmert aus und zog sich einen Handschuh an.

Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fuß hörbar auf und nieder — er war offenbar schwer gereizt.

Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.

Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann.

„Ich weiß nicht — es ist mir so unangenehm, nein, wirklich — es ist mirsehrunangenehm!“ flüsterte er, „der Herr Doktor ist so böse — aber ich habe neulich ganz übersehen — das Schlafzimmer liegt nach Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer: ‚Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer — halbes Leben — halbe Gesundheit.‘“

„Schlafen Sie doch wo anders!“ stieß der Hauptmann rauh hervor.

„Kann ich nicht, mein Bester — kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch ein Zimmer — ein einziges Zimmer — mein Friedrichmußneben mir logiren! Ja, hätte das allerliebste, reizende Eckzimmer — einbijouvon einem Zimmer — noch ein einziges Fenster! aber so!“

„Ich will Ihnen etwas sagen,“ explodirte der Doktor, „haben Sie die Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen umbauen zu lassen, und dann wollen wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja —“

Der Baron sah hilflos aus.

„Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt — nicht wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern — ich war immer dafür bekannt, daß ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: „glaubt dem Rabeneck nicht, er scherzt nur!“Wieoft! —“

„Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,“ schrie der Doktor, „mit mir haben Sie genug gescherzt!“

Und er wandte sich ab.

„Mein Gott, wie peinlich!“ sagte der Baron, und zog sich den zweiten Handschuh an, „und ich wäre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder ist sich selbst der Nächste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das kann mir doch keiner übel nehmen — das finde ich — da kann ich mir nicht helfen!“

Und damit retirirte der Baron, und ging — ungeleitet, denn der Doktor warzuärgerlich — und man hörte den Weggehenden noch im Hausflur, wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der Nächste wäre.

Wener fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht — es war ihnen auch höchst gleichgültig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger im Käfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen über den Baron.

„Dieser Einfaltspinsel — dieser alberne Kerl — fragt einen erst todt, und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so glücklich — mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?“

Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung — indiesemSturm konnte er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder ruhig werden.

„Aber eins sage ich,“ fuhr der erregte Doktor fort, „einenRath gebe ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer eins hat, zünde es an allen vier Ecken an. Das ist ja —! alle Tage was Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben — dem soll man die Thüren streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer stehen! Ich danke für mein Haus — ich schenke es weg — da mache ich immer noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und Aerger, dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger — nein, wahrhaftig!“

Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt in die Hand.

„Den Wisch möchte man doch nun gleich in tausend Stücke reißen,“ begann er von neuem, „der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein Testament über eine Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte — um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt — eigentlich kann ich Gott danken, daß ichdennicht als Miether bekommen habe. Ein unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier — nein, ich bin außer mir! nun hängt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal, wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich darüber.“

Der Hauptmann trat einen Schritt näher.

„Herr Doktor,“ begann er mit halbem Lächeln, „darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wäre? Das Quartier hat vier Zimmer, wie ich höre — hätten Sie etwas dagegen, mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher versetzt.“

Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.

„Ja, aber,“ sagte er etwas zögernd, „ist Ihnen denn die Wohnung nicht zu groß?“

„Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen haben, um in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen — darf ich meine Bitte jetzt vortragen?“

Dem Doktor ging ein Licht auf.

„Bitte!“ stammelte er verlegen.

„Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,“ fuhr der Hauptmann ernsthaft fort, „und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, daß von Ihrer Seite unserer Verbindung kein Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine Eltern —“

Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln die Damen in des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren Beendigung der Doktor sich zur Thür wandte, um Majors herunter citiren zu lassen. Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich draußen vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit gerechtfertigt, und als die Klingel des Hausherrn so ungestüm erscholl, hatte ihn sein Wissensdrang nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt hatte.

Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der überfließenden Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation an und fragte: „Verlobt, was? — ja, das muß sehr hübsch sein — ich finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschließen — nur kein Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: ‚Chlodwig, du bist fürs Familienleben geschaffen!‘“ Nachdem er diesen Satz zu Ende gebracht hatte, war der beglückte Schwiegervater so erheitert, daß er den Baron für seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der gutmüthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand.

Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt wurde, wozu die noch aufgestellten Gläser und Tassen vortrefflich zu statten kamen, ließ sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors Stube.

Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major stießen an, und tranken Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthränen über ihren Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings schluchzend das Tuch von der Doktorin — ihr eigenes war momentan nicht zur Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter diesen Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr zusammennehmen. Aber bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen müßte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird, der sich in einen ähnlichen Fall versetzen kann.

Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen, daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat — die beiden werden sehr gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen werden! — Ja — nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.

Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen — jeder hat, was sein Herz wünscht, freilich mehr oder weniger — in den Gläsern funkelt der Wein und alles ruft: „hoch das Brautpaar!“

Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!


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