Und doch!I.Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle — aber die Vernunft siegte doch — die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen Kraftanstrengung geschlossen — und nun stand er auf der Straße! —Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von oben bis unten, — nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick gewährt, — aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick dort zugebracht, — die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, — wie viel Stufen hatte die Treppe? — jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein ganz richtiger Mutterbruder, — aber der schmucke, junge Landmann war als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, — in einem bequemen Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt, saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet, — diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper in Musik setzten. — Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie her, — die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, — alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich aber die andern nicht messen, — was in Fränzchens Gesicht zierlich und allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen beinahe so herzlich wie er selbst, — und das wollte etwas sagen!Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstüberhebung nöthig, um die Entschlüsse reifen zu lassen, die in nächster Zeit unsern Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen zur Auswahl präsentirt. Da war besonders eins, das er in’s Herz geschlossen hatte, mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, — als er ihr das zeigte und frug:„Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wäre? Ist es nicht niedlich?“Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte:„Sehr niedlich!“Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie nicht wußte, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit dem abscheulichsten Kleistergeruch, — und Alles um nichts und wieder nichts! —Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, — überlegte, — verwarf, — und kam endlich zum Entschluß. Heut, — diesen selben Tag, an dem er fiebernd vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße stand, war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon früh ritt er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so groß, daß ihm alle Leute verwundert nachsahen, — das Mädchen empfing ihn mit der größten Freundlichkeit, — zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, — und man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger Leute sich versammeln sollte.Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin betrachtete, kam er sich beinahe hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er in’s Knopfloch gesteckt — und unter der Rosenknospe schlug ein Herz voll Löwenmuth!Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug ein weißes Kleid mit feinen, blauen Streifen, — es sah seiner Tapete beinahe ähnlich, — und die blonden, glatten Zöpfe waren mit einer frischen Nelke geschmückt, — er hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er eintrat, und Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind begrüßte. Er sah aber gleich, daß sie schlechter Laune war.„Guten Abend, Karl,“ sagte sie flüchtig und mit einem Anflug von Verdrießlichkeit in der Stimme. „Du kommst genau eine Stunde später als du eingeladen bist! Wir hätten schon lange anfangen können zu tanzen, wenn wir nicht hätten auf Dich warten müssen.“Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin, daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, — die Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, — und schließlich geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: „ich bin schon versagt,“ abfertigte.Aber Karl rächte sich! — Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen, nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, — Fränzchen allein stand an ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock, — das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball zu suchen habe.Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, — aber er tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche Sommerluft einzulassen, — er setzte sich hinter die Gardine und dachte zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte! Und eigentlich war er ja schuld gewesen, — was mußte er gleich so empfindlich sein! Sie hatte Recht, erwarzu spät gekommen, — und es war doch Fränzchens Geburtstag! — Er erhob sich, — es wurde ihm zu heiß hinter der Gardine, — und humpelte, seiner Rolle getreu, über das Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder der anwesenden Herren, war klar, — das wußte Fränzchen auch, — und deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzenwollte, denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.„Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,“ rief da die Mutter, „es ist schon sehr spät!“Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon gewöhnt, — da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit blitzenden Augen dazwischen trat.„Es thut mir leid, Karl, wennduauch wieder hergestellt bist, — ich habe mir soeben den Fuß versprungen — und zwar so gründlich, daß ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.“Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. — Die tanzenden Paare trennten sich, — man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu werben. So — nun war’s heraus, — Gott sei Dank! — er sah seitwärts nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde, — aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden Schultern und drehte sie herum.„Nun, Fränzchen,“ fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor, „was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, — na, du hast dir’s wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, — sag’ Ja oder Nein!“Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein kurzes „Nein!“ drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. — Das kam ihnen allen Dreien unvermuthet, — bis Karl leise bat:„Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, — ich will sie schon zur Vernunft bringen!“Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu überlassen, Karl trat zu der kleinen Eigensinnigen und sah, daß ihre Augen voll Thränen standen.„Fränzchen,“ bat er herzlich, „sei nicht kindisch! Ich weiß, du hast ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie mir, daß wir uns heute so mißverstanden haben, — verzeihe mir doch!“Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurück.„Sieh’,“ fuhr er fort, „das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, — du weißt, ich würde es auch nicht thun, — überlege dir’s einmal, Fränzchen!“Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er verzweifelt zurück und rief die Eltern wieder herein.„Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, — sie ist zu kindisch!“Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mädchen, welches sich trotzig vor ihn hinstellte.„Was fällt dir ein,“ fuhr er sie ziemlich rauh an, „läßt den Karl ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernünftig und sagst entweder einen Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst ihm die Hand.“„Nein, ich will nicht und ich will nicht!“ rief das Mädchen jetzt, von Schluchzen unterbrochen, „erst kommt er zu spät, dann ist er so unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt mir meinen ganzen Geburtstag, — nennt mich zweimal in einem Athem kindisch, — und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig kommt und mich heirathen will, — da soll ich Ja sagen! Ich thu’s nicht, — ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!“„Es ist gut, Fränzchen,“ sagte Karl trocken, während sie sich abermals abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, „wir wollen nicht mehr davon sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, — und jetzt kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht, Tante!“Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, — dann stürmte Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen, daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu, als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte ihm unwirthlich und öde, — er erschien sich wie Einer, der zu einer schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte — und mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, — „aber es giebt ja mehr Züge als den einen,“ sagte er halblaut vor sich hin, „führen sie auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, — man kann auch sonst noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher Gedanke! Aber wohin? — ich kann für die nächsten zwei, drei Tage abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!“Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der nächste zu erreichende Ort — und für Schrobeck entschied sich Karl. Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, — aber er tröstete sich mit den beliebten „Vielleichts“: „vielleicht ist sie jetzt noch nicht da!“ oder „vielleicht sieht sie mich gar nicht,“ kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.II.Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe Stunde — sechs Uhr — hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet, denn „fort, — nur fort!“ war seine Losung und der erste Zug ging um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den Wartesaal betraten.Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln vermocht, — zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen in ihm nur den Gedanken aufsteigen: „Gott bewahre mich vor solcher Gesellschaft!“ Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe, der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, — vor diesem graute ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.„Das wäre schon eher Etwas!“ dachte Karl bei sich.In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung, bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten. Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu erregen.Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der Augenlider zu verdecken bestrebt war, — Fränzchen und ihr ältester Bruder!In Karl’s Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus, — er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, — und zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, — endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, — wenn es die Menschen nur einsehen wollten! — er wartete ab!Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie glücklich im Spiegel Karl’s wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, — und nickte! Ja, noch mehr, — als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig hier bleiben.Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken Wandpfeiler unmöglich wurde.Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten.„Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?“ stieß Karl hervor, den Sekundaner mit Blicken durchbohrend.„Nach Schrobeck,“ erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern hielten.„Nach Schrobeck?“ wiederholte Karl dumpf, „dachte ich mirs doch! Aber warum gerade dorthin?“„Weil Tante Amalie dort ist, — ich bringe die Fränzchen nur vor der Schule auf den Bahnhof, — sie fährt allein!“„Und ich fahre auch nach Schrobeck,“ sprach Karl in düsterem Tone, sein Billet emporhaltend.Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich argwöhnisch und neidisch nach dem Eigenthümer so vieler Heiterkeit umsahen.„Was lachst du denn, dummer Junge?“ rief Karl jetzt ergrimmt, „sage lieber, wie Fränzchen so plötzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!“„Denkst du denn, ich weiß gar nichts,“ erwiderte Fritz, dessen Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. „Die halbe Nacht ist noch bei uns ein fürchterlicher Spektakel gewesen, — Fränzchen hat geweint, der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben, den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule käme, — da du aber nach Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!“„Her mit dem Brief!“ herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, daß Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der Tasche zog und Karl einhändigte.Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lächeln über sein Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und wandte sich wieder zu Fritz.„Höre Fritz, — in diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés. Du belegst hier in diesem Wagen einen Platz für Fränzchen, — ich lasse meine Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz, bis der Zug eben fortfahren will.“Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann Karl’s Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, — es klingelte zum ersten Mal.Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers zum Fenster hinaus.„Hier, Fränzchen!“ rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester in das Coupé steigen, an dessen Fenster ein Täfelchen mit der bedeutsamen Inschrift prangte: „Für Nichtraucher!“„Kein Damencoupé?“ frug das Mädchen schon im Einsteigen.„In diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés,“ lautete die Antwort, und Fränzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenüber, um den Anblick der brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich zu genießen.Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Aufträge in Empfang.„Erlauben Sie, junger Herr,“ sagte da eine muntere Stimme hinter ihm, und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die dritte Ecke an der andern Seite ein.„Ob das Karl lieb sein wird?“ dachte Fritz bedenklich, — doch da er nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich.Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an, sie klagte über die Hitze, legte ihr Hütchen ab und bot Fritz und Fränzchen gutmüthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren Quantitäten bei sich zu führen schien.„Ich fahre nicht mehr allzu lange,“ sagte sie jetzt, sich bequem in die Ecke zurücklehnend, „in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Fräulein?“„Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, — ich will nach Schrobeck,“ erwiderte Fränzchen müde.Ein erneutes Klingeln, — ein kurzer, zwitschernder Pfiff ließ sich vernehmen, — Fritz wurde höflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt zu verlassen, — und eben wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über den Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich in Bewegung setzte.Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil über Fränzchen, — er wußte, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende zu grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte unaufhörlich die Farbe.Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen Mädchen, — und schüttelte unmerklich den Kopf.Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen,wensie verschmähte.Um Karl’s veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage, er ein um so freudigeres „Ja“ für das trotzige „Nein“ von gestern erwarten dürfe.So wußte denn unser Held, woran er war, — und wer dasnichtweiß, kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen.Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und Karl sprang mit einem verbindlichen „erlauben Sie mir!“ auf die gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem niederlassend.Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit der geistreichen Bemerkung:„Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein angenehmer Luftzug.“Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der Zustimmung, und fügte bei:„Darum kam ich eben auf den Gedanken!“„Es war ein sehr kluger Gedanke,“ sagte Karl verbindlich.Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem Pfefferkuchen an.„Herren essen zwar so etwas nicht gern,“ bemerkte sie.„Aus so schönen Händen,“ erwiderte Karl, der schon merkte, daß diese Waare hier guten Absatz fände.„O, bitte,“ erwiderte seinvis-à-viserfreut.Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, daß Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrübenden Vorfall in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen, unternehmenden Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, die kleine Dame lachte über Karl’s Einfälle, die meist mehr durch Vortrag als durch Neuheit glänzten, — sie lachte so laut und herzlich, daß sie sich die Augen trocknen mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische Zwecke im Auge, — erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann seinvis-à-visgünstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte. Bescheiden brachte er die Anfrage vor.„Bitte, rauchen Sie,“ sagte seine gemüthliche neue Freundin, „wenn es die andere Dame nicht genirt?“Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Fränzchen, mit gezücktem Streichholz.„Ich bedaure sehr,“ erwiderte sie in eiskaltem Ton, „das Rauchen macht mir Kopfweh.“Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. Schwer geärgert über diese Ungefälligkeit, vergaß er die gebotene Vorsicht.„Du hast es doch immer vertragen,“ fuhr er heraus, biß sich aber erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, sich zum offenen Fenster hinausbog.Die Kirschendame ertrug’s nicht länger. Sie beugte sich zu Karl hinüber und sagte lautlos, nur mit den Lippen:„Frau!“Er schüttelte den Kopf.„Braut?“ im selben Ton.Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.„Gezankt?“ deutete dasvis-à-visan.Abermals nickte er.„O,“ sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl noch weiter geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten hätte.„Station Eisdorf,“ rief der Schaffner.Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut, ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem bedeutungsvollen: „Glückliche Weiterreise, meine Herrschaften!“ verließ sie den Wagen und taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie erwartet hatte.Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun seinerseits zum Fenster hinaus.„Nur sich nichts vergeben!“ dachte er.Ein zaghaftes „Karl!“ veranlaßte ihn, sich umzuwenden.„Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?“„Du bist sehr freundlich,“ sagte er kurz, und bald schwebten die blauen Dampfwolken zum Fenster hinaus über die grünen Felder.Mehrere Minuten vergingen, — Karl überlegte, was er wohl jetzt sagen sollte, — er beschloß, dem Mädchen seine Launenhaftigkeit ernstlich zu Gemüth zu führen, — und während er sich diese Worte in Gedanken zurechtlegte, störte ihn ein leises Schluchzen.Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit dem Tuch vor dem Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu einer leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, — und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß er sich seinem Charakter gemäß ausdrückte.„Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du nun dir und mir das Leben schwer? Wärst du vernünftig gewesen und hättest gestern Abend ‚Ja‘ gesagt, wie du doch meinst, — nein, sei still, ich weiß es ganz gut, — da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in Eurer Wohnstube und Abends führen wir mit dem Vater zu mir heraus und du sähest dir die blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.“Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.„Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,“ fuhr Karl gemüthlich fort, „und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als wüßten wir nicht, wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das später werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, und du willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh’ auf und sage: ‚Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!‘“Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen die bedeutungsvollen Worte nach.„So,“ sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rührung beiderseits überstanden war, — denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde die Stimme etwas unklar, — „nun will ich dir auch beichten, — ich habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!“„Wem denn?“ frug Fränzchen erstaunt.„Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,“ erwiderte Karl ruhig, „was hätte die sich sonst denken sollen?“„Station Schrobeck,“ rief der Schaffner, die Thür öffnend.Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschloß, was zu thun sei.„Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?“ frug er, den Namen von Fränzchens Heimathsort nennend.„In einer halben Stunde.“„Nun, Fränzchen,“ sagte Karl heiter, „dann fahren wir in einer halben Stunde hübsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur nicht zu Tante Amalie,“ schauderte er.„Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,“ schlug Fränzchen vor.„Bravo,“ rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, „du bist die richtige Frau für mich! Natürlich trinken wir Kaffee!“Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar wieder im Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurück, den es vor wenig Stunden gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, — die kommen durch die Welt!
Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle — aber die Vernunft siegte doch — die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen Kraftanstrengung geschlossen — und nun stand er auf der Straße! —
Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von oben bis unten, — nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick gewährt, — aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick dort zugebracht, — die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.
Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, — wie viel Stufen hatte die Treppe? — jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein ganz richtiger Mutterbruder, — aber der schmucke, junge Landmann war als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.
Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, — in einem bequemen Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt, saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet, — diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper in Musik setzten. — Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie her, — die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, — alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich aber die andern nicht messen, — was in Fränzchens Gesicht zierlich und allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.
So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen beinahe so herzlich wie er selbst, — und das wollte etwas sagen!
Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstüberhebung nöthig, um die Entschlüsse reifen zu lassen, die in nächster Zeit unsern Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen zur Auswahl präsentirt. Da war besonders eins, das er in’s Herz geschlossen hatte, mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, — als er ihr das zeigte und frug:
„Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wäre? Ist es nicht niedlich?“
Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte:
„Sehr niedlich!“
Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie nicht wußte, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit dem abscheulichsten Kleistergeruch, — und Alles um nichts und wieder nichts! —
Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, — überlegte, — verwarf, — und kam endlich zum Entschluß. Heut, — diesen selben Tag, an dem er fiebernd vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße stand, war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon früh ritt er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so groß, daß ihm alle Leute verwundert nachsahen, — das Mädchen empfing ihn mit der größten Freundlichkeit, — zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, — und man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger Leute sich versammeln sollte.
Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin betrachtete, kam er sich beinahe hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er in’s Knopfloch gesteckt — und unter der Rosenknospe schlug ein Herz voll Löwenmuth!
Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug ein weißes Kleid mit feinen, blauen Streifen, — es sah seiner Tapete beinahe ähnlich, — und die blonden, glatten Zöpfe waren mit einer frischen Nelke geschmückt, — er hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!
Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er eintrat, und Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind begrüßte. Er sah aber gleich, daß sie schlechter Laune war.
„Guten Abend, Karl,“ sagte sie flüchtig und mit einem Anflug von Verdrießlichkeit in der Stimme. „Du kommst genau eine Stunde später als du eingeladen bist! Wir hätten schon lange anfangen können zu tanzen, wenn wir nicht hätten auf Dich warten müssen.“
Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin, daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, — die Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, — und schließlich geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: „ich bin schon versagt,“ abfertigte.
Aber Karl rächte sich! — Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen, nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, — Fränzchen allein stand an ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock, — das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball zu suchen habe.
Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, — aber er tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche Sommerluft einzulassen, — er setzte sich hinter die Gardine und dachte zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte! Und eigentlich war er ja schuld gewesen, — was mußte er gleich so empfindlich sein! Sie hatte Recht, erwarzu spät gekommen, — und es war doch Fränzchens Geburtstag! — Er erhob sich, — es wurde ihm zu heiß hinter der Gardine, — und humpelte, seiner Rolle getreu, über das Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder der anwesenden Herren, war klar, — das wußte Fränzchen auch, — und deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzenwollte, denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.
„Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,“ rief da die Mutter, „es ist schon sehr spät!“
Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon gewöhnt, — da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit blitzenden Augen dazwischen trat.
„Es thut mir leid, Karl, wennduauch wieder hergestellt bist, — ich habe mir soeben den Fuß versprungen — und zwar so gründlich, daß ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.“
Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. — Die tanzenden Paare trennten sich, — man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.
Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu werben. So — nun war’s heraus, — Gott sei Dank! — er sah seitwärts nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde, — aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden Schultern und drehte sie herum.
„Nun, Fränzchen,“ fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor, „was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, — na, du hast dir’s wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, — sag’ Ja oder Nein!“
Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein kurzes „Nein!“ drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.
Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. — Das kam ihnen allen Dreien unvermuthet, — bis Karl leise bat:
„Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, — ich will sie schon zur Vernunft bringen!“
Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu überlassen, Karl trat zu der kleinen Eigensinnigen und sah, daß ihre Augen voll Thränen standen.
„Fränzchen,“ bat er herzlich, „sei nicht kindisch! Ich weiß, du hast ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie mir, daß wir uns heute so mißverstanden haben, — verzeihe mir doch!“
Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurück.
„Sieh’,“ fuhr er fort, „das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, — du weißt, ich würde es auch nicht thun, — überlege dir’s einmal, Fränzchen!“
Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er verzweifelt zurück und rief die Eltern wieder herein.
„Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, — sie ist zu kindisch!“
Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mädchen, welches sich trotzig vor ihn hinstellte.
„Was fällt dir ein,“ fuhr er sie ziemlich rauh an, „läßt den Karl ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernünftig und sagst entweder einen Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst ihm die Hand.“
„Nein, ich will nicht und ich will nicht!“ rief das Mädchen jetzt, von Schluchzen unterbrochen, „erst kommt er zu spät, dann ist er so unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt mir meinen ganzen Geburtstag, — nennt mich zweimal in einem Athem kindisch, — und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig kommt und mich heirathen will, — da soll ich Ja sagen! Ich thu’s nicht, — ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!“
„Es ist gut, Fränzchen,“ sagte Karl trocken, während sie sich abermals abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, „wir wollen nicht mehr davon sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, — und jetzt kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht, Tante!“
Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, — dann stürmte Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen, daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.
Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu, als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte ihm unwirthlich und öde, — er erschien sich wie Einer, der zu einer schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte — und mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, — „aber es giebt ja mehr Züge als den einen,“ sagte er halblaut vor sich hin, „führen sie auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, — man kann auch sonst noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher Gedanke! Aber wohin? — ich kann für die nächsten zwei, drei Tage abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!“
Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der nächste zu erreichende Ort — und für Schrobeck entschied sich Karl. Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, — aber er tröstete sich mit den beliebten „Vielleichts“: „vielleicht ist sie jetzt noch nicht da!“ oder „vielleicht sieht sie mich gar nicht,“ kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.
Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe Stunde — sechs Uhr — hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet, denn „fort, — nur fort!“ war seine Losung und der erste Zug ging um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den Wartesaal betraten.
Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln vermocht, — zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen in ihm nur den Gedanken aufsteigen: „Gott bewahre mich vor solcher Gesellschaft!“ Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe, der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, — vor diesem graute ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.
„Das wäre schon eher Etwas!“ dachte Karl bei sich.
In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung, bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten. Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu erregen.
Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der Augenlider zu verdecken bestrebt war, — Fränzchen und ihr ältester Bruder!
In Karl’s Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus, — er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, — und zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, — endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, — wenn es die Menschen nur einsehen wollten! — er wartete ab!
Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie glücklich im Spiegel Karl’s wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, — und nickte! Ja, noch mehr, — als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig hier bleiben.
Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken Wandpfeiler unmöglich wurde.
Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten.
„Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?“ stieß Karl hervor, den Sekundaner mit Blicken durchbohrend.
„Nach Schrobeck,“ erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern hielten.
„Nach Schrobeck?“ wiederholte Karl dumpf, „dachte ich mirs doch! Aber warum gerade dorthin?“
„Weil Tante Amalie dort ist, — ich bringe die Fränzchen nur vor der Schule auf den Bahnhof, — sie fährt allein!“
„Und ich fahre auch nach Schrobeck,“ sprach Karl in düsterem Tone, sein Billet emporhaltend.
Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich argwöhnisch und neidisch nach dem Eigenthümer so vieler Heiterkeit umsahen.
„Was lachst du denn, dummer Junge?“ rief Karl jetzt ergrimmt, „sage lieber, wie Fränzchen so plötzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!“
„Denkst du denn, ich weiß gar nichts,“ erwiderte Fritz, dessen Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. „Die halbe Nacht ist noch bei uns ein fürchterlicher Spektakel gewesen, — Fränzchen hat geweint, der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben, den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule käme, — da du aber nach Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!“
„Her mit dem Brief!“ herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, daß Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der Tasche zog und Karl einhändigte.
Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lächeln über sein Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und wandte sich wieder zu Fritz.
„Höre Fritz, — in diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés. Du belegst hier in diesem Wagen einen Platz für Fränzchen, — ich lasse meine Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz, bis der Zug eben fortfahren will.“
Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.
Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann Karl’s Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, — es klingelte zum ersten Mal.
Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers zum Fenster hinaus.
„Hier, Fränzchen!“ rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester in das Coupé steigen, an dessen Fenster ein Täfelchen mit der bedeutsamen Inschrift prangte: „Für Nichtraucher!“
„Kein Damencoupé?“ frug das Mädchen schon im Einsteigen.
„In diesem Zuge giebt’s keine Damencoupés,“ lautete die Antwort, und Fränzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenüber, um den Anblick der brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich zu genießen.
Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Aufträge in Empfang.
„Erlauben Sie, junger Herr,“ sagte da eine muntere Stimme hinter ihm, und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die dritte Ecke an der andern Seite ein.
„Ob das Karl lieb sein wird?“ dachte Fritz bedenklich, — doch da er nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich.
Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an, sie klagte über die Hitze, legte ihr Hütchen ab und bot Fritz und Fränzchen gutmüthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren Quantitäten bei sich zu führen schien.
„Ich fahre nicht mehr allzu lange,“ sagte sie jetzt, sich bequem in die Ecke zurücklehnend, „in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Fräulein?“
„Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, — ich will nach Schrobeck,“ erwiderte Fränzchen müde.
Ein erneutes Klingeln, — ein kurzer, zwitschernder Pfiff ließ sich vernehmen, — Fritz wurde höflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt zu verlassen, — und eben wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über den Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich in Bewegung setzte.
Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil über Fränzchen, — er wußte, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende zu grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte unaufhörlich die Farbe.
Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen Mädchen, — und schüttelte unmerklich den Kopf.
Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen,wensie verschmähte.
Um Karl’s veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage, er ein um so freudigeres „Ja“ für das trotzige „Nein“ von gestern erwarten dürfe.
So wußte denn unser Held, woran er war, — und wer dasnichtweiß, kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen.
Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und Karl sprang mit einem verbindlichen „erlauben Sie mir!“ auf die gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem niederlassend.
Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit der geistreichen Bemerkung:
„Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein angenehmer Luftzug.“
Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der Zustimmung, und fügte bei:
„Darum kam ich eben auf den Gedanken!“
„Es war ein sehr kluger Gedanke,“ sagte Karl verbindlich.
Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem Pfefferkuchen an.
„Herren essen zwar so etwas nicht gern,“ bemerkte sie.
„Aus so schönen Händen,“ erwiderte Karl, der schon merkte, daß diese Waare hier guten Absatz fände.
„O, bitte,“ erwiderte seinvis-à-viserfreut.
Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, daß Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrübenden Vorfall in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen, unternehmenden Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!
Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, die kleine Dame lachte über Karl’s Einfälle, die meist mehr durch Vortrag als durch Neuheit glänzten, — sie lachte so laut und herzlich, daß sie sich die Augen trocknen mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische Zwecke im Auge, — erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann seinvis-à-visgünstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte. Bescheiden brachte er die Anfrage vor.
„Bitte, rauchen Sie,“ sagte seine gemüthliche neue Freundin, „wenn es die andere Dame nicht genirt?“
Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Fränzchen, mit gezücktem Streichholz.
„Ich bedaure sehr,“ erwiderte sie in eiskaltem Ton, „das Rauchen macht mir Kopfweh.“
Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. Schwer geärgert über diese Ungefälligkeit, vergaß er die gebotene Vorsicht.
„Du hast es doch immer vertragen,“ fuhr er heraus, biß sich aber erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, sich zum offenen Fenster hinausbog.
Die Kirschendame ertrug’s nicht länger. Sie beugte sich zu Karl hinüber und sagte lautlos, nur mit den Lippen:
„Frau!“
Er schüttelte den Kopf.
„Braut?“ im selben Ton.
Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.
„Gezankt?“ deutete dasvis-à-visan.
Abermals nickte er.
„O,“ sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl noch weiter geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten hätte.
„Station Eisdorf,“ rief der Schaffner.
Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut, ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem bedeutungsvollen: „Glückliche Weiterreise, meine Herrschaften!“ verließ sie den Wagen und taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie erwartet hatte.
Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun seinerseits zum Fenster hinaus.
„Nur sich nichts vergeben!“ dachte er.
Ein zaghaftes „Karl!“ veranlaßte ihn, sich umzuwenden.
„Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?“
„Du bist sehr freundlich,“ sagte er kurz, und bald schwebten die blauen Dampfwolken zum Fenster hinaus über die grünen Felder.
Mehrere Minuten vergingen, — Karl überlegte, was er wohl jetzt sagen sollte, — er beschloß, dem Mädchen seine Launenhaftigkeit ernstlich zu Gemüth zu führen, — und während er sich diese Worte in Gedanken zurechtlegte, störte ihn ein leises Schluchzen.
Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit dem Tuch vor dem Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu einer leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, — und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß er sich seinem Charakter gemäß ausdrückte.
„Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du nun dir und mir das Leben schwer? Wärst du vernünftig gewesen und hättest gestern Abend ‚Ja‘ gesagt, wie du doch meinst, — nein, sei still, ich weiß es ganz gut, — da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in Eurer Wohnstube und Abends führen wir mit dem Vater zu mir heraus und du sähest dir die blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.“
Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.
„Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,“ fuhr Karl gemüthlich fort, „und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als wüßten wir nicht, wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das später werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, und du willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh’ auf und sage: ‚Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!‘“
Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen die bedeutungsvollen Worte nach.
„So,“ sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rührung beiderseits überstanden war, — denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde die Stimme etwas unklar, — „nun will ich dir auch beichten, — ich habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!“
„Wem denn?“ frug Fränzchen erstaunt.
„Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,“ erwiderte Karl ruhig, „was hätte die sich sonst denken sollen?“
„Station Schrobeck,“ rief der Schaffner, die Thür öffnend.
Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschloß, was zu thun sei.
„Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?“ frug er, den Namen von Fränzchens Heimathsort nennend.
„In einer halben Stunde.“
„Nun, Fränzchen,“ sagte Karl heiter, „dann fahren wir in einer halben Stunde hübsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur nicht zu Tante Amalie,“ schauderte er.
„Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,“ schlug Fränzchen vor.
„Bravo,“ rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, „du bist die richtige Frau für mich! Natürlich trinken wir Kaffee!“
Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar wieder im Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurück, den es vor wenig Stunden gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, — die kommen durch die Welt!