The Project Gutenberg eBook ofNovellen

The Project Gutenberg eBook ofNovellenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: NovellenAuthor: N. S. LeskovTranslator: S. MierzinskiRelease date: June 7, 2015 [eBook #49159]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net. This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: NovellenAuthor: N. S. LeskovTranslator: S. MierzinskiRelease date: June 7, 2015 [eBook #49159]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net. This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.

Title: Novellen

Author: N. S. LeskovTranslator: S. Mierzinski

Author: N. S. Leskov

Translator: S. Mierzinski

Release date: June 7, 2015 [eBook #49159]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net. This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN ***

N. S. LĚSKOV:NOVELLENAUS DEM RUSSISCHENvonDr.S. MIERZINSKI.PRAG——— VERLAG VON J. OTTO ———1906

N. S. LĚSKOV:

AUS DEM RUSSISCHENvonDr.S. MIERZINSKI.

PRAG——— VERLAG VON J. OTTO ———1906

Alle Rechte vorbehalten.Buchdruckerei „Unie“ Prag

Alle Rechte vorbehalten.

Buchdruckerei „Unie“ Prag

Ein Zufall führte N. S. Lěskov der Literatur zu. Da seine Familie infolge wiederholter großer Feuersbrünste, die nahezu ihren gesamten Besitz zerstörten, verarmt war, konnte er die bereits begonnenen Universitätsstudien nicht vollenden und sah sich gezwungen, sich einen praktischen Beruf zu erwählen. Im Auftrage seines Verwandten, des Engländers Scott, in dessen Dienste er getreten war, bereiste er in geschäftlichen Angelegenheiten Rußland und machte auch einige Auslandsreisen. Die Reiseberichte, die er an seinen Auftraggeber richtete, gefielen dem Schriftsteller Selivanov, der zufällig von ihnen Kenntnis erhielt, derart, daß er die literarischen Kreise auf den begabten jungen Mann aufmerksam machte.

Lěskov war nahe an die Dreißig,[1]als in einer Petersburger Zeitschrift seine erste Arbeit erschienen, ein Schreiben, in dem er über die unmäßig hohen Preise Klage führt, zu welchen die Buchhändler in Kiev das damals soeben zum erstenmale in russischer Sprache erschienene Evangelium verkaufen. Der warme Ton, in dem das Schreiben gehalten war, erregte allgemeine Aufmerksamkeit und machte den angehenden Literaten rasch bekannt. Bereits in den ersten Sechzigerjahren erschienen zumeist in Petersburger Monatsschriften und Sammelwerken die ersten novellistischen Arbeiten und Romane dieses Autors, der neben Gogol, Gončarov, Tolstoj, Dostojevskij, Pisemskij, Saltykov und Ostrovskij zu den hervorragendsten Repräsentanten des russischen Schrifttums des neunzehnten Jahrhunderts zählt, wie wohl er selbst in seiner Heimat auch heute noch nicht nach Gebühr geschätzt wird.

Daß diesem originellen, reichbegabten und seinen Beruf ernst auffassenden Schriftsteller solange die ihm gebührende Anerkennung versagt wurde, daran ist in erster Reihe die politische Gesinnung Lěskovs schuld, der, ursprünglich liberal, sich später (ebenso wie Pisemskij und Turgeněv) gegen die Auswüchse und Übertreibungen der radikalen Richtung erklärte und durch Romane, in denen er die neuen Strömungen karrikierte („Nekuda“, „Na nožach“ und „Obojdennie“), sich den glühenden Haß der Jugend zuzog. Er wurde auch beschuldigt, in den Diensten der Polizei zu stehen und ein Verräter und Spion zu sein. Es braucht wohl nicht erst bemerkt zu werden, daß alle diese Beschuldigungen im höchsten Grade ungerecht waren und auch nicht ein Fünkchen Wahrheit enthielten, aber sie genügten, um Lěskov beim Publikum verhaßt zu machen. Nur nach und nach ist es dem Autor, der sich in seinen tendenziösen ersten Romanen unstreitig zu Übertreibungen hatte hinreißen lassen, gelungen, die Gunst eines weiten Leserkreises zu gewinnen.

Diesen Erfolg, der umso mehr bedeutet, als, wie gesagt, die gesamte öffentliche Meinung lange Zeit hindurch gegen ihn voreingenommen war, erreichte er durch die Wahrheitsliebe, die aus allen seinen Werken sprach, durch die Originalität und Bodenständigkeit derselben, sowie durch den Gerechtigkeitssinn und den tiefen sittlichen Ernst, der sich in seinen Arbeiten äußert. Er ist ein Altruist im besten Sinne des Wortes und er bringt allen, die da leiden, ein warmes Mitgefühl und ungeheuchelte Sympathien entgegen. Besonders gelungen sind seine Schilderungen aus dem Leben der russischen Geistlichkeit, deren Verhältnisse er eingehend kannte und mit trefflicher Plastik schilderte. In dieser Beziehung kann es von den russischen Schriftstellern nur nochA. Pečerskij-Melnikovmit ihm aufnehmen. Mit seltener Meisterschaft hat er eine ganze Anzahl köstlicher Gestalten aus dieser gesellschaftlichen Sphäre geschildert. Sein Hauptwerk, der Roman „Soborjane“, ist gleichfalls dem Leben der Geistlichkeit entnommen.

Aber auch andere Schichten der russischen Gesellschaft liefern ihm dankbare Vorwürfe für sein Schaffen, so jene der Kaufleute, der Ökonomen, der Beamtenwelt. Lěskov kannte seine Menschen genau und war mit allen Einzelheiten ihres Lebens vertraut und daher mag es kommen, daß wir bei der Lectüre seiner Arbeiten den Eindruck gewinnen, als ob sich uns eine ganz neue, uns bisher durchaus unbekannte Welt erschließen würde. Sein psychologischer Scharfblick, sein kerniger origineller Stil und die flammende Menschenliebe, die aus seinen Werken spricht, machen ihn zu einem der bedeutendsten und eigenartigsten russischen Schriftsteller, dem die Zukunft zweifelsohne die gerechte Würdigung, die ihm die Mitwelt versagte, gewähren wird. Seine Stellung im neueren russischen Schrifttum präzisiert der treffliche Kenner der Literatur seiner Heimat, der KritikerVengerov, wie folgt: „Durch einige Seiten seiner Begabung Ostrovskij, Pisemskij und Dostojevskij nah verwandt, steht er keinem dieser großen Meister des russischen Wortes in Bezug auf rein künstlerische Qualitäten nach. Kein einziger russischer Schriftsteller verfügt über einen solchen Reichtum der Fabulierungkunst. Mit diesem Reichtum ist die Koncentrirung der belletristischen Manier Lěskovs eng verknüpft. Endlich findet man in der russischen Literatur wenig Autoren, die es mit Lěskov in Bezug auf den Farbenreichtum und die Originalität der Sprache aufnehmen könnten.“

Außer einigen größeren Romanen hat Lěskov eine große Anzahl Novellen hinterlassen, die in künstlerischer Beziehung den besten Hervorbringungen des neueren russischen Schrifttums beizuzählen sind und wertvolle Beiträge zu einer näheren und tieferen Erkenntnis der Verhältnisse Rußlands und der Sitten seiner Bewohner in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bilden.

[1]Nik. Semenovič Lěskov wurde am 4. Feber 1831 im Dorfe Gorochov (Gouvernement Orlov) als der Sprosse einer adeligen Familie geboren, von deren Mitgliedern mehrere Geistliche waren. Nach dem jähen Abbruch seiner Universitätsstudien trat er zunächst in den Justizdienst ein, um später einen Posten bei der Finanzdirektion in Kiev anzunehmen. Dann war er eine Zeitlang als Verwalter der Scottschen Güter tätig, widmete sich jedoch frühzeitig einzig und allein der Literatur. Er übersiedelte im Jahre 1861 nach Skt. Petersburg, wo er am 21. Feber 1895 verschied.

Über die Vorfälle des Tages uns unterhaltend, saßen wir, eine größere Zahl guter Freunde und Genossen, beisammen, als einer nachstehende Zeitungsnotiz zu lesen begann:

„In einem Dorfe fand die Hochzeit der Tochter des Popen statt, wobei es sehr hoch herging und, wie üblich, recht viel getrunken wurde, so daß sich alle, ländlich, sittlich, nach dortiger Bauernart sehr gut unterhielten.

Unter den Gästen befand sich auch der Diakon, der sich als Freund und Liebhaber choreographischer Künste zeigte,weshalb er es unternahm, den Festtag mit „festlichen Reimen“ zu feiern und schließlich, um auch seinen Teil zur Unterhaltung der Gäste beizutragen, anfing, den „Trepak“[2]zu treten, wodurch alle Anwesenden in das höchste Entzücken gerieten.

Nur der Vikariatsvorstand (Kircheninspektor), welcher als Gast anwesend war, fand das Vorgehen des Diakons als mit der geistlichenWürde unvereinbar, höchst unzeitgemäß, und erstattete diensteifrig eine Anzeige an den Erzbischof.

Erzbischof Ignatius schrieb, nachdem er die Klage des Vikarius gelesen, unter dieselbe folgende Resolution:

Diakon N. den Trepak trat.Trepak hat aber nicht geklagt.Warum der Inspektor klagt?Sei er zu rufen und deswegen gefragt.

Diakon N. den Trepak trat.

Trepak hat aber nicht geklagt.

Warum der Inspektor klagt?

Sei er zu rufen und deswegen gefragt.

Die Sache endete damit, daß der Inspektor im Winter, etwa anderthalb hundert Werst zu fahren und nicht wenig Geld zu verausgaben hatte, um mit der Bemerkung nach Hause geschickt zu werden, „es wäre jedenfalls angezeigter gewesen, den Diakonus an Ort und Stelle sofort auf das unpassende und unanständige seiner Handlungsweise aufmerksam zu machen, statt Klage zu führen, wegeneinesund dabei nochausnahmsweisevorgekommenen Falles.“

Nach Beendigung der Vorlesung waren alle darüber einig, daß die Resolution des Erzbischofes nicht nur originell, sondern auch zeitgemäß war, doch einer unter uns, welcher besonders viel in Verbindung mit Geistlichen stand, und dem das Leben derselben, sowie viele auf dasselbe bezughabenden Anekdoten bekannt waren, meinte:

Wahr ist wahr, der Inspektor hatte keinen Grund gehabt zu klagen und Angeberei zu treiben wegen eines ausnahmsweise vorgekommenen Falles; aber ein Fall ist nicht gleich dem anderen, und das, was ich eben hörte,erinnert mich an einen anderen Fall, in welchem der Vikarius seinem Erzbischof eine viel schwierigere Aufgabe zu lösen gab, die jedoch der letztere zur Zufriedenheit aller Beteiligten, den Vikarius ausgenommen, löste.

Wir baten unseren Freund uns diesen Vorfall zu erzählen, wozu er sich bereit erklärte; er begann:

Die Geschichte, welche ich euerem Wunsche entsprechend erzählen werde, ereignete sich in den ersten Jahren der Regierung des Kaisers Nikolaus Pawlovič und endete knapp vor dem Tode desselben, also gerade zu einer Zeit, wo wir die größten Mißerfolge in derKrim zu überstehen hatten.

Die zu jener Zeit herrschenden politischen und militärischen Vorfälle hatten alles andere zurückgedrängt und so ging mancher Fall unbeachtet verloren, welcher unter anderen Verhältnissen allgemeines Interesse erregt hätte, aber einer von diesen bewahrt sich doch im Gedächtnisse einiger weniger Personen, vor deren Augen derselbe vor sich ging oder die an demselben direkt oder indirekt beteiligt waren.

Mancher dieser Vorfälle gehört bereits der Sage an.

Der Fall jedoch, den ich Euch erzählen werde, ist noch nicht aus dem Gedächtnisse einzelner Personen verschwunden, denn die meisten in dieser wahren Geschichte handelnden Personen leben noch heutigen Tages, und ihr werdet es deshalb für ganz richtig und angezeigt halten, wenn ich den Orten und Personen,außer derHauptperson, erdachte Namen gebe.

Im allgemeinen will ich nur soviel sagen, daß diese Geschichte in Süd-Rußland, unter Klein-Russen, vor sich ging und der „ungetaufte Pope“ Sava, ein seelenherzensguter, allgemein beliebter, ja von seiner Gemeinde geradezu vergötterter Mann, noch heute frisch und heiter, wenn auch bereits hochbetagt, lebt und seinen Pfarrbezirk nicht nur zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, sondern auch seiner Pfarrkinder verwaltet.

[2]Trepak, eine Art Fußblatteltanz.

Also: — in einem der Dörfer im südlichen Rußland, welchem wir, meinetwegen, den Namen Paripsami beilegen wollen, lebte der reiche Kasak Zacharovič, mit dem Rufnamen Dukač.

Er war zur Zeit, als meine Erzählung beginnt, bereits nicht mehr jung, aber sehr reich, kinderlos, rauh und hartherzig.

Wucherer, im eigentlichen Sinne des Wortes, war er nicht, auch kein Schinder, wie man sie unter Altrussen oft findet, denn derartiges kam zu jener Zeit in Südrussland nicht vor, aber er war, was man so nennt, ein zänkischer, hochmütiger, grober, rücksichtsloser Mensch, den alle fürchteten, sich, sowie sie ihn sahen, bekreuzten, und ihm, wenn es tunlich war, aus dem Wege gingen, denn kamen sie demselbenungelegen, dann gab es böse Worte, ja nicht selten sogar Prügel.

Sein eigentlicher Name war den wenigsten im Dorfe bekannt, was ja überhaupt in Dörfern gar nicht so selten vorkommt, aber alle nannten ihn Dukač, wodurch alle seine unangenehmen Eigenschaften zum Ausdruck gelangten.

Dieser mehr oder weniger beleidigende Spitzname konnte auf eine Verweichlichung seines Charakters wenig Einfluß ausüben; im Gegenteil, er wurde dadurch noch mehr aufgeregt und ärgerlich und nicht selten in einen solchen Zustand von Aufregung gebracht, daß der sonst von der Natur aus ganz gescheite Mann, der sich auch sonst zu beherrschen verstand, alle Überlegung verlor und sich auf die Menschen wie ein wütender Wolf warf.

Kinder brauchten ihn wohl nur von weitem zu erblicken, als sie unter dem Rufe: „Der Dukač kommt, der Dukač kommt!“ auseinander liefen, wie die Sperlinge bei einem Schusse: gelang es dem Dukač aber eines der Kinder unverhofft zu erjagen, dann schlug er dasselbe mit seinem langen Stocke, ohne welchen kein richtiger Kasak sein Haus verläßt, recht derb und empfindlich; hatte er aber den Stock nicht gerade zur Hand, dann brach er einen Ast vom ersten besten Baume, der ihm zu vorerwähntem Zwecke diente.

Den Dukač fürchteten alle, nicht allein Kinder, sondern auch die Erwachsenen, weshalb ihm jedermann auswich und trachtete dem Dukač nicht begegnen zu müssen.

Das war ein Mensch, den niemand liebte, dem niemand gutes wünschte, weder ins Gesicht noch hinter seinem Rücken, denn alle waren darüber einig und davon überzeugt, der Himmel zögere nur den streitsüchtigen Kasaken zu strafen bis zur gelegenen Zeit, sie selbst aber wären alle bereit diese Strafe mit dem größten Vergnügen zu besorgen, aber gerade den Leuten wie zum Trotze, verfolgte geradezu das Glück den Dukač.

Es glückte alles, was er unternahm — es lief ihm so zu sagen alles in die Hände; die schon überhaupt zahlreichen Heerden seiner Schafe vermehrten sich wie die Heerden Labans unter Jakob, so daß die in der Nähe liegende Steppe bereits zu klein für sie sich erwies.

Die langgehörnten schweren Zugochsen Dukač’s vermehrten sich, wuchsen und zogen hundert neue, mit Getreide, Wolle und anderen Produkten und Waren beladeneWagen nach Moskau, Nešin, Odessa oder geradezu noch weiter in die Krim; die Bienenstöcke im Lindenwald, vor Wind und Wetter geschützt, zählten nach hunderten.

Mit einem Wort: der Reichtum des Dukač war nach den Begriffen und der Ansicht der dortigenKasaken ein — — — unermeßlicher.

Aus welchem Grunde gab ihm das alles Gott?

Die Leute konnten sich dieses nicht erklären, sie wunderten sich, schüttelten mit den Köpfen und trösteten sich damit, daß all’ dieser Reichtum, all’ dieses Glück, dieser Überflußdem Dukač nicht zum Vorteile gereiche, daß Gott den Dukač nur in Versuchung führe, damit dieser noch stolzer werde als er es bereits ist, um ihn dann ungeahnt, plötzlich von seiner Höhe herabzustürzen mit einem solchen Krach, daß derselbe weit und breit hörbar sein werde.

Ungeduldig bereits geworden, erwarteten diese guten Leute das schreckliche Gericht; aber die Jahre folgten eines nach dem anderen, ohne daß die Strafe Gottes zur Äußerung gekommen wäre.

Der Kasak wurde von Jahr zu Jahr reicher und reicher, hochmütiger, anmaßender, ja bösartiger, und es gab keine Anzeichen noch Hoffnung, daß seinem Übermut, seiner Rohheit ein Damm gesetzt werden würde.

Das beunruhigte nicht nur die nächsten Nachbaren Dukač’s, sondern auch die Gemeinde und die ganze Umgebung, und regte dieselbe auf, um so mehr, als man nicht sagen konnte, daß die Sünden des Vaters sich an den Kindern desselben rächen würden,denn Dukač war — — kinderlos.

Aber unerwartet zog sich die Dukačin von den Leuten zurück — sie zeigte sich wenig, wurde schüchtern und zurückhaltend — hörte auf sogar vor’s Haus zu gehen oder Besuche zu machen; — in nicht gar zu langer Zeit verbreitete sich das Gerücht und wurde weitergetragen, die Dukačin befände sich in jenem Zustande, den man bei den Frauen den interessanten zu nennen pflege.

Die guten Leute und Nachbaren erschraken geradezu über diese fast unglaublich scheinendeNeuigkeit; die Zungen lösten sich jedoch bald, die durch fruchtlose Erwartung bereits ermüdete öffentliche Meinung fing an sich auf ein großes Ereignis vorzubereiten.

„Was wird das für ein Kind werden? — was wird das für ein Teufelskind sein? ... Es wäre besser, es ginge im Mutterleibe zu Grunde, ehe es das Licht der Welt erblickt!“

Solche und ähnliche Wünsche hegte die Gemeinde und Umgebung. Alle erwarteten mit Ungeduld die Zeit der Geburt, bis auch diese eintrat. In einer bitterböskalten Dezembernacht gebar unter dem Dache des großen Bauerhauses unter großen Schmerzen die Dukačin ein kleines Kindlein!

Das neugeborene Weltenkind war ein Knabe, keine tierähnliche Mißgeburt, wie es die guten Leute erwarteten und wünschten, sondern ein ganz reinliches Kindlein mit weißer weicher Haut, schwarzen Haaren und schönen, großen, blauen Augen.

Als die Hebamme Kerasivna diese Neuigkeit den vor dem Hause angesammelten Leuten mitteilte und eidlich bestätigte, der Neugeborene besäße weder Hörner am Kopfe noch einen Pferdefuß oder gar ein Schwänzchen, da fehlte es nicht viel und sie wäre durchgeprügelt worden; angespuckt hat man sie doch.

Und trotz alledem blieb der Knabe was er war, ein schönes Kind, und dabei außergewöhnlich ruhig: er atmete ganz leise, so daß es kaum bemerkbar war, als schämte er sich zu schreien.

Als Gott dieses Knäblein dem Dukač schenkte, stand derselbe bereits nahe den Fünfzigen.

Bejahrten Leuten, namentlich solchen, welche über einen gewissen Wohlstand oder Reichtum verfügen, bereitet die Geburt eines Nachfolgers eine ganz besondere Freude.

Selbst Dukač freute sich sehr der Geburt seines Sohnes, aber seine Freude äußerte sich, wie es ja bei seinem rauhen Charakter nicht anders sein konnte, in eigener Art.

Vor allen anderen ließ er den bei ihm lebenden vermögenslosen Verwandten Agap zu sich rufen und teilte ihm mit, daß er von nun an sich keine Hoffnung machen dürfe, ihn — den Dukač — beerben zu können, um so mehr, als ihm Gott einen wirklichen Erben geschenkt habe; dann befahl er ihm so rasch wie möglich seinen Sonntagsstaat anzuziehen, die neue Mütze aufzusetzen und so, wie es Tag wird, den hier zu Besuch weilenden jungen Gerichtsbeamten und die Frau des Popen aufzusuchen und sie als Taufpaten für das neugeborene Kind einzuladen.

Agap war nicht mehr jung, nahezu an vierzig, furchtsam, er sah mehr einem Huhn mit beschädigtem Kopfe ähnlich, was davon herrührte, daß ihm ein großer Flecken Haare am Kopfe fehlte, wodurch eine lächerliche Kahlheit entstand; ein Zeichen von Dukačs starker Hand.

Agap verlor die Eltern noch im Kindesalter und wurde von Dukač angenommen; zu der Zeit war Agap ein aufgeweckter lebhafter, fast übermütig ausgelassener Knabe, der seinem Onkel nur Nutzen brachte, denn er konnte lesen und schreiben, was Dukač nichtkonnte.

In den ersten Jahren pflegte Dukač den Agap mit Fuhren nach Odessa zu schicken.

Als Agap einmal von einer solchen Odessaer Reise zurückkehrte, die Abrechnung pflegte und in der Rechnung den Ankauf einer neuen Mütze auswies, da wurde Dukač darüber, daß Agap, ohne seine Einwilligung eingeholt zu haben, eine Ausgabe machte, so wild, daß er den Agap über Kopf und Nacken so heftig schlug, daß dieser sehr lange nicht nur Schmerzen litt, sondern auch seit dieser Zeit den Kopf nach einer Seite geneigt trug; die Mütze nahm Dukač dem Agap ab, hängte sie auf einen Nagel in der Stube auf, bis sie die Motten zerfraßen.

Der schiefhalsig gewordene Agap ging ein ganzes Jahr lang ohne Mütze herum; alle Leute lachten ihn deswegen aus.

Während des Verlaufes dieses Jahres weinte Agap sehr oft und sehr lange; er hatte Zeit genug darüber nachzudenken, wie er sich in der Folge in einem solchen Falle zu benehmen hätte.

Durch die rohe Behandlung seines Onkels ist Agap selbst stumpf geworden; die Leute rieten ihm seinen Verwandten zu betrügen, aber dieser Betrug müsse so politisch sein, daß er, Agap, eine Mütze hätte, ohne daß Dukačdahinter kommen könnte, in welcher Art und Weise er, Agap, sich das Geld zum Ankauf verschafft habe, dieses sei jedoch nur dann möglich, wenn er, Agap, das für die Mütze verausgabte Geld in kleinen Beträgen auf die anderen Ausgaben verteile.

Sodann müsse er, Agap, behufs Sicherung, für alle Fälle, sich Hals und Nacken recht dick mit Tuch umwickeln, sobald er mit seinem Onkel Dukač die Abrechnung pflegen wird, denn wenn ihn dann Dukač schlagen sollte, so wird er, Agap, wenigstens keine Schmerzen empfinden.

Agap hat sich diese und ähnliche Ratschläge recht wohl gemerkt und als ihn Onkel Dukač das nächste Jahr wiederum nach Nižnij[3]schickte, da kam Agap, der ohne Mütze vom Hause wegging, mit neuer Mütze zurück, die jedoch in der Rechnung nicht angeschrieben stand.

Dukač bemerkte gar nicht, daß Agap eine Mütze besitze, ja er belobte sogar seinen Neffen Agap und bemerkte, daß er diesesmal keine Ursache habe, ihn durchzuprügeln; die Angelegenheit wäre ganz friedlich verlaufen, wenn dem Agap der Teufel nichtgeraten hätte dem Onkel zu zeigen, wie er „politisch“ sein und der Redlichkeit ein Schnippchen schlagen könne.

Vorerst jedoch betastete er vorsichtig Hals und Nacken, ob auch die Handtücher, die er vorsichtshalber umgewickelt hatte, fest säßen, und erst dann meinte Agap:

„Ah! Onkel! ... gut ... gut ... für nichts zu schlagen nötig! ... Redlichkeit gibt es doch auf der Welt.“

„Was für Redlichkeit?“

„Was für Redlichkeit? ... Schaut her, Onkel,“ und er tippte mit dem Finger auf das Papier, auf welchem die Rechnung geschrieben war, „gibt es hier eine Mütze?“

„Nein, ist nicht,“ gab Dukač zur Antwort.

„Und ist die Mütze drin,“ belobte sich Agap selbst und setze diese schief aufs Ohr.

Dukač sah auf und sagte:

„Wirklich eine schöne Mütze — geb’ sie doch ’mal her, ich will sie anprobieren.“

Er setzte die Mütze auf und ging zu dem Spiegelscherben, welcher in einen Holzspan eingeklemmt war, schüttelte seinen grauen Kopf und meinte:

„Gewiß, eine sehr schöne Mütze, die ich selbst tragen werde.“

„Sie steht Euch sehr gut zu Gesichte, Onkel.“

„Ja, wo hast Du, Lump, die Mütze gestohlen?“

„Was Euch nicht einfällt, Onkel, ich stehle nie,“ gab Agap zur Antwort, „Gott soll mich bewahren, ich, und stehlen!“

„Also, woher hast Du die Mütze?“

Agap meinte, gestohlen habe er sie nicht, aber durch Politik sei er in den Besitz derselben gekommen.

Dem Dukač erschien dies alles so außerordentlich lächerlich und unglaublich, daß er tatsächlich zu lachen anfing und meinte:

„Ist es Dir nicht schwer vorgekommen Politik zu treiben?“

„Weshalb?“

„Also red’, wie hast Du das angestellt?“

„Politisch.“

Dukač drohte dem Agap mit dem Finger; doch dieser blieb bei seiner Behauptung die Mütze politisch erworben zu haben.

„Welcher Teufel hat Dir eingeredet, politisch zu sein?“ frug Dukač weiter, „wie kann es möglich sein, daß ein so dummer Junge, wie Du es bist, in Nižnij Politik treiben kann?“

Doch Agap blieb fest bei seiner Behauptung stehen.

Dukač befahl schließlich dem Agap sich zu setzen und ihm haarklein zu erzählen, in welcher Art und Weise er Politik getrieben habe. Dukač selbst goß sich einen kleinen Topf Pflaumenbranntwein ein, brannte seine Pfeife an und richtete sich gemächlich zu längerem Zuhören ein.

Doch die Erzählung war kurz.

Agap las nochmals die sämtlichen Posten der Rechnung vor, und meinte dann:

„Gibt es hier eine Mütze?“

„Nein, nicht,“ gab Dukač zur Antwort.

„Und sie ist doch drin!“

Und nun beichtete er, wo und in welchen Posten und wie viel bei jedem zugerechnet worden ist, und dieses alles erzählte er mit einer solchen Offenheit und Freude, als er sicher war, daß ein Überfall seines Onkels ihm keine großen Schmerzen bereiten könne, denn sein Hals und Nacken waren ja mit vielen Lagenvon Handtüchern dicht umwickelt; aber es ereignete sich etwas anderes, ganz unerwartetes, unerwünschtes, worauf Agap ganz unvorbereitet war.

Anstatt seinen Verwandten zu prügeln, meinte Dukač:

„Sieh’! sieh’! wirklich, Du bist sehr politisch vorgegangen und hast die Ausgabe für die Mütze so gut verheimlicht, daß es mir nicht wehe tuet, ich aber werde Dich eine andere Politik lehren,“ und aufspringend riß er dem Agap nicht nur eine Handvoll Haare vom Kopfe, sondern auch gleichzeitig das Stück Haut mit, so daß an dieser Stelle seit dieser Zeit auch keine Haare mehr gewachsen sind.

In dieser Weise endete das politische Spiel des Neffen mit dem Onkel, und als dieser Vorfall im Dorfe bekannt wurde, da wuchs das Ansehen des Dukač noch mehr, als man zu der Überzeugung kam, daß man dem Dukač weder durch List noch Gradheit beikommen oder ihn betrügen könne.

[3]Nižnij Novgorod.

Dukač blieb stets allen seinen Nachbaren fremd, er besuchte Niemanden und Niemand hatte den Wunsch mit ihm bekannt zu werden oder nähere Freundschaft zu schließen.

Dieses Verhältnis ließ Dukač kalt und völlig gleichgültig, es berührte ihn viel zu wenig, um sich darüber zu grämen.

Man muß sogar annehmen, daß ihm diese Absonderung sehr angenehm war, wenigstens hatte er, bei passender Gelegenheit, sich dahin geäußert, daß er, so lange er lebe, vor Niemandem sich gebeugt oder um etwas gebeten hätte und er hoffe, daß dies auch weiters der Fall sein werde.

Und weshalb sollte er Jemandes Wohlwollen suchen und wünschen?

Ochsen und anderen Gutes besaß er im Überflusse, und wenn ihn Gott dadurch strafen sollte, daß alle seine Ochsen verseuchen oder sein Haus abbrennen würde — so besaß er noch Land, Feld, Wiesen und Steppe — mehr als ihm nötig, die stets, wie es sich für einen tüchtigen Landwirt gebührt, in Ordnung gehalten und bearbeitet wurden, so daß sie, wenn nicht dieses, so doch die nächsten Jahre einen guten Ertrag geben würden, er war deshalb gegen alle Verluste gesichert.

Aber nicht genug daran, denn selbst dann, wenn sein Haus abbrennen, sein Vieh fallen, seine Felder nichts tragen sollten, so gab es im Walde eine Eiche, die dem Dukač nur allein bekannt war, unter deren Wurzeln, in der Erde vergraben ein nicht zu kleines Töpfchen sich befand, daß bis oben voll mit schönen gelben, großen runden Goldfüchsen gefüllt war, hinreichend genug, lange ein völlig sorgenloses Leben führen zu können.

Was waren ihm deshalb alle anderen Leute?

Um daß er deren Kinder aus der Taufe hebe?

Er selbst war kinderlos — oder sollte er seiner Frau zu Liebe Bekanntschaften undFreundschaften schließen, deshalb, weil sie ihm, nach Frauen Art, täglich die Frage stellte:

„Warum meiden uns die Leute? — warum ziehen sie sich von uns zurück und weichen uns aus? Warum tuen sie uns alles mißgönnen? — Glaubst Du nicht, daß es notwendig wäre, etwas zu tun, damit uns die Leute ein klein wenig entgegen und näher kommen?“

Doch ein richtiger Kasak nimmt auf derartigeÄußerungen und Wünsche einer Frau gar keine Rücksicht und schenkt ihnen keine Beachtung.

Und so verlief ein Jahr nach dem anderen; Dukač lebte sorgenlos, ohne jede Unannehmlichkeit, ohne jedes Unglück oder einen jener unangenehmen Vorfälle, welche selbst die reichsten, unabhängigsten und stolzesten Menschen nicht selten zwingen, unwillkürlich die Hilfe oder Gefälligkeiten anderer Menschen in Anspruch nehmen zu müssen, sie sogar zu bitten, sich vor ihnen zu beugen, ja sogar zu demütigen.

Jetzt trat ein derartiger Zeitpunkt ein, denn Leute waren dem Dukač nötig, welche sein Kind aus der Taufe heben sollten.

Jedem anderen Menschen hätte ein derartiger Fall keine Schwierigkeiten bereitet. Dukač war aber stolz und es war ihm unbequem und unangenehm, selbst zu gehen und jemanden um die Gefälligkeit zu bitten, Pate bei seinem Sohne sein zu wollen.

Die Personen, welche Dukač nötig waren, zählten nicht zu den ersten besten im Dorfe, im Gegenteil es war dies die junge, putzsüchtige Frau des Dorfgeistlichen, welche sich Hüte stets aus Poltava verschrieb, und ein jungerGerichtsbeamte aus der Stadt, welcher gerade beim Diakon zu Gaste war.

Das waren unbestritten die ersten Personen, die Intelligenz im Dorfe, aber was zu befürchten war: daß diese Personen ablehnen, was dann?

Erst jetzt leuchtete dem Dukač ein, daß er übel daran getan habe, sich nicht nur mit dem Volke, sondern auch mit der Intelligenz zu verfeinden, und daß es noch nicht lange her ist, wo er mit Vater Jakob und dem Diakon auf dem Damm nicht gerade ein freundschaftliches Gespräch in gewählten Worten führte, als ihm diese, und er ihnen, nicht ausweichen wollten.

Und weder der Pop noch der Diakon vergaßen die Rücksichtslosigkeit und Grobheit des Dukač, namentlich jetzt, zu einer Zeit, wo sie dem stolzen Kasaken sehr nötig waren.

Dukač blieb nichts andres übrig, als in den saueren Apfel zu beißen.

Aber er stellte dies schlau an; um einer persönlichen Absage zu entgehen, ließ er die Frau des Popen und den Gerichtsbeamten durch seinen Verwandten einladen.

Und damit diese Einladung einen Erfolg hätte, versorgte er den Agap mit Geschenken, wie es im Dorfe bei solchen Gelegenheiten üblich zu sein pflegt.

Aus der alten Erbkiste holte er für die junge Frau des Popen einen breiten Kamm aus Elfenbein; für den Beamten ein Trinkglas mit eingeschliffenem Hahn und einer deutschen Inschrift.

Aber dieses alles hatte keinen Erfolg gehabt.

Sowohl die Frau des Popen als der Beamte lehnten die Ehre Paten zu stehen bei Dukačs Kind ab, und nahmen die Geschenke nicht an, ja sie lachten sogar Agap aus, indem sie meinten, warum sich Dukač gar so viel Mühe nehme sie gerade zu Paten haben zu wollen, jedenfalls deshalb, weil sich wohl niemand anderer gefunden habe das Kind eines Betrügers und Wucherers aus der Taufe heben zu wollen.

Und als Agap sich erkühnte die Frage zu stellen, ob es wohl angeht, daß ein Kind eine Woche lang ungetauft bleiben könnte, da prophezeite Vater Jakob, daß das Kind nicht bloß eine Woche, sondern sein Leben lang ungetauft bleiben wird.

Als der alte Dukač diesen Bericht zur Kenntnis nahm, da ballte er seine Rechte zu einer Faust, hielt sie dem Agap unter die Nase und beauftragte ihn dem Popen ein gleiches für seine Prophezeihung zu zeigen; und um den Agap rasch aus der Stube zu entfernen, packte er ihn beim Kragen und warf ihn einfach zur Tür hinaus.

Dieses Hinauswerfen betrachtete Agap als einen ziemlich guten Ausgang seiner schwierigen Mission, und um seinem Onkel nicht unter die Augen oder einfacher gesagt, unterdie Hände zu geraten, ging er ins Wirtshaus, wo er alles ausführlich erzählte, was vorgefallen ist, so daß im Verlaufe einer halben Stunde alle Bewohner des Dorfes wußten und sich auch darüber freuten, Vater Jakob hätte aus den Büchern herausgelesen, der Sohn des Dukač bleibe sein Leben lang — ungetauft.

Und wenn nun Dukač seinen Stolz überwunden hätte, und wenn er demütigst bittend von einem Nachbaren zum anderen gegangen wäre, alle würden ihm abgesagt haben.

Davon war Dukač vollständig überzeugt, es war ihm klar, daß er sich im Zustande des Wolfes befinde, welcher es mit allen verdarb, so daß er sich vor niemanden sehen lassen dürfte, und er auf keine Hilfe rechnen konnte, wo sie ihm am nötigsten gewesen wäre.

Doch er beschloß auch ohne Vater Jakob und ohne seine Nachbaren fertig zu werden.

Zum Ärger des ganzen Dorfes und möglicherweise zum allergrößten der Dorfgeistlichkeit beschloß Dukač das Kind in der Nachbargemeinde Peregudi, welche acht Werst von Paripsami entfernt lag, taufen zu lassen, und um die Sache bald zu beenden, sollte die Taufe sofort vor sich gehen, denn morgen schon sollte allen bekannt sein, der alte Dukač lasse als echter Kasak nicht über sich lachen, verstehe keinen Spaß und werde auch ohne Hilfe der Dorfbewohner fertig.

Taufpaten hatte er bereits gefunden und zwar den Agap und die Hebamme Kerasivna, Personen, auf die niemand auch in Gedanken verfiel.

Über diese Wahl konnten sich manche wundern oder auch nicht, wie man es eben nahm, denn Dukač lud „arme Leute als Paten“, begegnende, zufällige, wie sie Gott schickt — und der Aberglaube behauptet.

Agap war tatsächlich der erste, den der alte Kasak nach der Geburt seines Sohnes sprach, und Kerasivna die erste, die das Kind ansah, als es zur Welt kam,denn sie versah die Dienste einer Hebamme.

Es schien zwar etwas gewagt, die Kerasivna als Patin zu besitzen, sie besaß nicht den besten Ruf, denn sie galt für eine bekannte, ausgesprochene — Hexe — und daß sie ja eine echte wahre Hexe sei, davon waren nicht nur die Bewohner des Dorfes, sondern auch deren eigener Mann fest überzeugt, denn er widersprach dem Gerüchte nicht, noch verteidigte er seine Frau gegenüber solchen Anklagen.

Der Mann der Kerasivna, der Kasak Kerasenko, war ein energischer, sogar kühner Mann, der keine Furcht kannte, aber im höchsten Grade eifersüchtig war, und doch verschwand Energie, Kühnheit, Eifersucht unter dem Einflusse, welchen Kerasivna auf ihren Mann ausübte — er selbst wurde der ruhigste, stillste — Dummkopf, seiner Frau völlig untertan und nach ihrem Willen und Wunsche lebend, — wogegen sie sich der größten Freiheiten erfreute.

Kerasivna handelte mit Branntwein, Leinwand, mit verschiedenen Nahrungsmitteln, ja verkaufte sogar Heilmittel und Kräuter, aber das größte Einkommen zog sie aus ihrer Eigenschaft als Hebamme.

Wie ich schon sagte, im ganzen Dorfe und den Nachbargemeinden war Groß und Klein davon überzeugt, daß die Kerasivna eine Hexe sei, denn das wurde deutlich sichtbar aus einem eigentümlichen, ein wenig skandalösen Falle.

Solange Kerasivna noch nicht verheiratet war, da kannte sie jedermann als ein eigenwilliges, starrköpfiges Mädchen; sie wohnte in der Stadt und in ihrem Besitze befand sich ein Glas, in welchem ein kleines Teufelchen mit roten Hörnern und Zunge eingeschmolzen war.

Dieses Teufelchen erhielt die Kerasivna von einem adeligen Herrn aus Pokota, Rohačover Bezirkes, welcher solche in einer benachbarten Glashütte herstellte, zum Geschenke.

Kerasivna benützte das Glas zum Trinken und befand sich dabei sehr wohl.

Aber nicht genug daran, sie besaß den außergewöhnlich großen Mut den Kerasenko zu heiraten.

Das zu tun, vermochte nur ein Frauenzimmer, das selbst den Teufel nicht fürchtet, da es ja allgemein bekannt war, daß Kerasenko nicht nur durch seine Eifersucht, sondern auch durch seine Rohheit bereits zwei Frauen ins Grab brachte.

Als Kerasenko zum drittenmale heiraten wollte, da konnte er keine Frau finden, bis sich ihm diese verteufelte Kerasivna sogarselbst antrug, und ihn schließlich heiratete, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er ihr stets alles glauben müsse, was sie ihm sage.

Darauf ging Kerasenko ein, aber in Gedanken meinte er, die Christa wäre ein viel zu dummes Frauenzimmer, wenn sie meint, daß er ihr alles glauben solle!

„Warte nur, bis du nur meine Frau werdest, ich werde dir auch den Mann zeigen, nach dessen Pfeife du tanzen solltest!

Keinen Schritt lasse ich dich allein machen.“

Jede andere als Christa hätte schon im voraus gewußt, was nach der Hochzeit folgen werde, doch dieses flinke und auch sonst ganz gescheite Frauenzimmer verdummte gerade zu: sie äußerte gar keine Furcht vor diesem rohesten und eifersüchtigsten der Männer, sie heiratete ihn, aber sie wandelte in kurzerZeit ihren Mann so, daß er aufhörte roh und eifersüchtig zu sein und die Christa nach ihrem Willen und Wollen leben ließ.

Daß eine solche Charakterumwandlung nur mittels Hexerei vor sich gehen konnte, daß dabei sogar der leibhaftige Teufel selbst mithelfen mußte, davon war jedermann überzeugt, namentlich sah die Pidnebesnaja, eine Nachbarin der Kerasivna, den Teufel in menschlicher Gestalt selbst, wahr und wahrhaftig.

Und dies war nicht lange nach der Hochzeit des Kerasenko mit der tapferen Christy.

Seit dieser Zeit sind zehn Jahre verflossen, aber Kerasenko sind noch alleEinzelheiten des Vorfalles bis ins Kleinste bekannt und unvergessen,so genau, als wenn diese Teufelei sich erst gestern zugetragen hätte.

Es war im Winter, vor Weihnachten, an einem Feiertage, an welchem selbst der eifersüchtigste aller Kasaken zu Hause nicht sitzen geblieben wäre.

Kerasenko pflegte sonst nicht auszugehen, erlaubte auch nicht, daß seine junge Frau weibliche oder männliche Besuche empfange oder sonstige Bekanntschaften schließe, aus welchem Anlasse bereits ein heftiger Streit unter den Jungvermählten entstand, im Verlaufe dessen Christy ihrem Manne zurief:

„Nachdem Du Dein gegebenes Wort im Frieden und Guten nicht halten willst, werde ich es Dir schon im Bösen heimzahlen.“

„Und was wohl könntest Du mir übles antun?“ meinte lachend Kerasenko.

„Dich tot machen und in Stücke hauen.“

„Und wenn ich Dich stets bewachen werde?“

„Dann werde ich Dich krank machen.“

„Ei! ei! Du willst mich krank machen? — Du kannst wohl hexen?“

„Das wirst Du schon erfahren, ob ich hexen kann oder nicht: — ich sage Dir einfach — ja, ich bin eine Hexe.“

„Schön!“

„Ich werde es Dir schon beweisen; den ganzen Tag kannst Du um mich sein, mich bewachen, nicht einen Augenblick allein lassen, ich werde Dich doch klein bekommen.“

Ja, sie bestimmte sogar die Zeit, zu welcher dieses alles geschehen solle.

„Keine drei Tage werden vorübergehen und alles, was ich Dir gesagt, wird sich ereignen.“

Der Kasak sitzt einen Tag zu Hause ohne sich zu rühren, auch den zweiten, der dritte Tag geht zu Ende; es wird Abends, und der Kasak ist der festen Ansicht und Meinung, daß die Frist nun abgelaufen ist; — es ist — denkt er — doch gar zu langweilig zu Hause zu sitzen ... die Schenke der Pidnebesnaja steht gerade vor meiner Nase und meine Augen können von dort aus ganz genau sehen, ob jemand in meine Hütte geht ... Ich setze mich dort zum Fenster und kann in aller Ruhe zwei, auch drei Viertel Wodky trinken ... und hören, was die anderen erzählen und was es neues in der Stadt gibt ... ja sogar tanzen kann ich ... lustig sein ...

Und er ging ... ging, setzte sich am Fenster so zurecht, daß er ganz genau sehen konnte, was vor, ja sogar in seinem Hause geschieht; er sah das Feuer am Kamin hell brennen, sah, wie seine Frau hin und her gehe und sich in der Wirtschaft beschäftige.

Wunderbar! — Kerasenko sitzt im Wirtshaus, trinkt und schaut unverwandt auf seine Hütte; Witwe Pidnebesnaja bemerkt seine Aufregung, ja sie fängt an ihn zu hänseln:

„Eh! Du ... so und so ... dummer Kasak ... was Du sehen willst, werdest Du in Deinem ganzen Leben nicht sehen!“

„Schon gut ... ich aber will weiter schauen!“

„Hier gibts nichts zu schauen ... denn je mehr man nach uns, Frauen, schaut, je mehr man uns hüten will, um so ärger wird es, und um so früher hilft uns der Teufel.“

„Red’ Du nur für Dich selbst ...“ gab der Kasak zur Antwort, „meine Frau will ich selbstso behüten, daß ihr auch kein Teufel wird helfen können.“

Da fingen nun die anderen Kasaken an mit denKöpfen zu schütteln.

„Kerasenko, Kerasenko! das ist nicht schön von Dir, daß Du so sprichst, nicht schön! ... entweder bist Du nicht getauft oder selbst ein Teufel, weil Du nicht mehr an den Teufel glaubst.“

Und die Anwesenden regten sich über Kerasenko und seine Reden so sehr auf, daß eine Stimme aus der Menge sich vernehmen ließ.

„Was sollen wir mit ihm tun? ... am besten wäre es ihmeine solche Lehre zu geben, daß er wieder rechtgläubig wird.“

Und es war nahe daran, daß sie ihm die Rechtgläubigkeit handgreiflich beigebracht hätten, woran sich sehr gerne ein ganz fremder Mann beteiligt hätte, in welchem Kerasenko jenen Adeligen aus Rogačev zu erkennen meinte, welcher seiner Frau das Teufelsglas schenkte, und wegen dessen, noch vor der Hochzeit, ein zweiter Vertrag geschlossen worden war, dahin lautend, daß von dem Fremden nie irgend eine Erwähnung gemacht werde.

Diesen Vertrag beschwor Kerasenko mit einem schrecklichen Eide dahin lautend, daß, wenn Kerasenko sich auch nur des Adeligen aus Rogačev erinnern sollte, er sofort dem Teufel verfallen wird, der ihn dann nicht mehr aus seinen Klauen frei läßt.

Kerasenko fiel dieser Schwur beim Anblick des Fremden ein.

Kerasenko ist aber bereits betrunken und er kann seinen Unmut darüber nicht unterdrücken, warum und weshalb gerade jetzt der Adelige aus Rogačev hier erscheine und was er überhaupt im Dorfe zu tun habe.

Kerasenko beeilte sich nach Hause zu gehen; aber dort angekommen, fand er sein Weib nicht in der Stube, was ihm höchst unerklärlich und unfaßbar erschien.

„Ich soll ihn vergessen, mich seiner nicht erinnern,“ dachte er, „das kommt mir gerade so vor, als wenn wir einen Vertrag geschlossen hätten zu vergessen, daß wir uns geheiratet haben ... warum und weswegen ist der Mann gerade jetzt hier ... was hat er hier im Dorfe zu tun ... warum und weswegen ist meine Frau nicht zu Hause?“

Und während dem Kerasenko solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf flogen, schien es ihm, als wenn sich hinter der Tür zwei küssen würden.

Es wurde geradezu vom Schüttelfrost gepackt; er fing an aufmerksamer und schärfer zu horchen ... richtig ... er hört es ganz deutlich ... ein Kuß ... noch einer ... leises Wispern ... wieder ein Kuß ... und das alles gerade hinter der Tür, vor der er steht.

„Eh! tausend Teufel,“ sagt sich Kerasenko selbst, „entweder habe ich bei der Pidnebesinaja zu viel Branntwein getrunken und träume nun alles mögliche ... oder hat es mein Weib richtig herausbekommen, daß der Rogačever Adelige hier ist, und daß es ihm gelang mich zu verhexen ... Die Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß meine Frau eineHexe sei ... doch ich glaubte dies nicht ... jetzt aber ... jetzt küssen sie sich wieder ... oh! ... oh! ... und wieder ... wieder ... Wartet doch nur, ich will euch schon ...“

Der Kasak glitt leise von der Bank, kroch zur Tür und sein Ohr dicht an die Türspalte legend, strengte er sich an zu hören, was hinter der Tür vorgeht: ... sie küssen sich ... daran läßt sich nicht zweifeln ... sie küssen sich ... wie sie mit den Lippen schnalzen ... ja sie reden ... so, jetzt spricht mein Weib ... und er hörte, wie sie laut sagte:

„Was? mein Mann, dieser Heide: den werde ich einfach aus dem Hause jagen und Dich zu mir nehmen.“

„Oho!“ dachte Kerasenko, „was bildet sich das Frauenzimmer ein, mich wegjagen und einen zweiten, fremden, ins Haus nehmen, an meine Stelle setzen ... Nu! das wollen wir ’mal abwarten, so leicht wird es doch nicht gehen können ...“

Er richtete sich plötzlich auf, stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Tür, um solche aufzubrechen, obwohl es sich erwies, daß dieselbe gar nicht versperrt war; an der Türschwelle stand Kerasivna, sein Weib, so schön ... so ruhig wie stets vordem, nur mit ein klein wenig mehr geröteten Wangen — aber mit einemmale fing sie an zu schimpfen, wie es nur eine Kleinrussin zu Wege bringen kann.

Sie nannte ihren Mann einen Heiden, Säufer, Schwein, Hund und fügte noch andere derartige schöne Titulaturen bei; schließlich erinnerte sie ihn auf die von ihm geschworenen Eide und Verträge, nach denen er es sichgar nicht einfallen lassen darf, eifersüchtig zu sein, und um ihr den Beweis zu liefern, daß er seine Eide einzuhalten Willens sei, soll er ihr erlauben heute Abends die Spinnstube besuchen zu können, sollte er dies nicht tun, so wird sie etwas ausführen, woran er sein Leben lang denken wird.

Doch Kerasenko war ein gewiegter Junge.

Seine Frau in die Spinnstube zu schicken, jetzt, wo der Adelige aus Rogačev im Dorfe sich befindet — er hatte ihn doch mit eigenen Augen bei der Pidnebesinaja gesehen und vor wenigen Augenblicken mit eigenen Ohren gehört, wie seine Frau jemanden küßte und ihm versprach ihn in die Hütte zu nehmen ... — das schien ihm gar zu dumm.

„Nein, nein!“ sagte er, „da suche Dir nur einen anderen Dummkopf aus, nur nicht mich; es wird jedenfalls besser sein, ich sperre Dich ein und Du legst Dich schlafen ... das wird Dir zuträglicher sein und ich werde unterdessen über Deine Hexerei ruhig nachdenken können.“

Als Kerasivna diese Antwort vernahm, da wurde sie vor Zorn blaß, denn zum erstenmale nach ihrer Verheiratung sprach ihr Mann mit ihr in einem eigenartigen Tone und sofort wurde es ihr klar, daß in ihrem ehelichen Leben ein Wendepunkt eingetreten ist, welcher zu ihren Gunsten entscheiden müsse, wenn sie nicht alles, was sie bis jetzt mit viel Scharfsinn, Geschicklichkeit, Stetigkeit, Festigkeit und Erfindungsgabe gewonnen, für immer verlieren solle.

Sie richtete sich in ihrer vollen Größe auf, gab dem Kasaken einen Schlag ins Gesicht und wollte auf die Gasse herausspringen, aber der Kasak erriet ihre Absicht, machte einen Sprung, schlug ihr die Tür vor der Nase zu, legte die Kette und das Vorhängeschloß an und sperrte dieses zu, den Schlüssel ließ er in seine unendlich tiefe Tasche verschwinden.

Er meinte nun ruhig:

„So, jetzt ist Dein Weg angewiesen, vom Ofen zur Tür und zurück ...“

Durch diesen unerwarteten und unerwünschten Vorfall überrascht, wurde die Kerasivna so wütend, daß selbst Kerasenko darüber erschrak.

Christa stand ziemlich lange an einer und derselben Stelle, mitten in der Stube, sie zitterte wie im Fieber, wandte sich hin und her wie eine Schlange, ihre Hände schlossen sich krampfhaft, sie drohte mit ihnen dem Kasaken, in ihrem Gesichte zuckte es heftig, weiße und rote Flecken wurden abwechselnd sichtbar, ihre Augen erweiterten sich,glühten auf, wurden blutrot!

Da fing der Kasak sich doch zu fürchten an und rief:

„Daß Dich, Du verfluchte Hexe! ...“

Unerwartet blies sie die Kerze aus, stampfte heftig mit dem Fuß und zischte:

„So! ... jetzt sollst Du aber die Hexe kennen lernen!“

Mit einem Sprung, wie eine Katze, war sie oben auf dem Ofen, öffnete die Kamintür undschrie in den Schornstein hinein mit einer ganz eigenartigen Stimme:

„Uhu! — huhuhu! — Komm! erdrossele das Schwein!“

Durch diesen Vorfall, sowie durch die Kühnheit, Unerschrockenheit, Mut, ja Hartnäckigkeit und Eigensinn seiner Frau wurde der Kasak so überrascht, daß er sein Weib, von der er jetzt überzeugt war, daß sie eine Hexe sei, ergriff, in die Höhe hob, ins Bett trug, sie dort niederlegte, selbst sich neben ihr niederlassend.

Zum allergrößten Erstaunen des Mannes leistete Christy keinen Widerstand — im Gegenteil, sie blieb vollständig ruhig wie ein kleines Kind, ja, was noch merkwürdiger war, sie schimpfte gar nicht.

Dieser Zustand seines Weibes war dem Kasaken sogar sehr genehm und erwünscht; mit der einen Hand, den Schlüssel in der Hosentasche festhaltend, hielt er mit der zweiten den Hemdärmel seiner Frau fest und — schlief ein.

Lange dauerte jedoch dieser glückselige Zustand nicht, denn kaum daß er in den Schlaf verfiel und überhaupt ganz und gar vergaß, was vorgefallen ist, ja sogar, daß er lebe, da spürte er plötzlich einen schmerzhaften Rippenstoß.

„Was soll das?“ fing der Kasak an zu denken, aber schon folgte ein zweiter, noch stärkerer Stoß, worauf er brummend meinte:

„Warum tust Du mich stoßen?“

„Warum? Hörst Du denn nicht, was auf dem Hofe vorgeht?“

„Und was geht dort vor?“

„So höre doch!“

Kerasenko hob den Kopf ein wenig in die Höhe und hörte ein fürchterliches Grunzen.

„Ehe! es scheint, als wenn ein Fremder auf dem Hofe wäre.“

„Das kann schon möglich sein! Lass’ mich schnell heraus, damit ich nachsehen kann, was dort geschieht, und ob das Tor geschlossen ist.“

„Dich soll ich gehen lassen? Hm ... hm ...“

„Nu, so gib doch rasch den Schlüssel her, sonst stehlen sie uns noch das Schwein und wir bleiben auf die Feiertage ohne Fleisch und Fett ... Alle guten Leute werden Wurst und Speck essen und wir werden bloß zusehen ... Oh! oh! oh! ... so höre doch, es kommt mir gerade so vor, als wenn sie das Schwein schon aus dem Stalle ziehen würden ... wie mir das arme Tier leid tut ... das arme Schwein ... wie es grunzt ... Nu, so laß mich doch rasch heraus, damit ich den Dieben das Schwein abjagen kann ...“

„Nu, ja! Dich werde ich wohl nicht schicken ... Wer hat es je gesehen, daß sich ein Weib mit solchen Dingen befaßt hätte ... ein Schwein den Dieben abjagen?“ antwortete der Kasak, „es wird wohl besser sein, ich stehe auf und schaue selbst nach, was vorgeht.“

Und obzwar er nicht gerade viel Lust verspürte, die warme Stube mit dem kalten Hofe zu vertauschen, so ermunterte er sich doch, um so mehr, als es ihm schwer fiel, ein Schwein zu verlieren.

Er stand also auf, zog den langen Rock an und verließ die Stube.

Jetzt aber geschah etwas, was er nicht vorbedacht hatte und was unzweifelhaftbewies, daß sein Weib, die Christy, eine wirkliche, wahre und wahrhaftige Hexe sei; von dieser Zeit an fürchteten sie alle, das Dorf und die Umgebung; es hütete sich jeder sie im eigenen Hause zu empfangen, um so weniger sie zur Taufpatin zu nehmen, wie dies Dukač sich vornahm zu tun.

Leise und vorsichtig schlich sich Kerasenko zum Stall, in welchem das beunruhigte Schwein fürchterlich grunzte und schrie, rasch riß er die Tür auf, aber plötzlich fiel, in der undurchdringlichen Finsternis der Nacht, etwas, ein einer Wagenplache ähnliches, aber dabei weiches Stück Leinwand über seinen Kopf, wobei er gleichzeitig einen so derben Stoß in den Rücken erhielt, daß er zu Boden fiel und sich nuräußerst schwierig von dem ihn bedeckenden Zeug befreien konnte.

Nachdem er sich von seinem Schrecken und der Überraschung etwas beruhigt und sich davon überzeugt hatte, daß das Schwein aufseiner gewohnten Stelle liege, schloß er den Stall fester als gewöhnlich und kehrte zur Hütte zurück.

Nun ereignete sich etwas ganz ungewöhnliches und unerwartetes: die Stubentür war fest zugesperrt.

Kerasenko drehte an der Klinke hin und her ... wirklich zugesperrt.

Was ist das für eine Teufelei?

Er klopft ... er trommelt mit der Faust auf die Tür ... alles umsonst ... er schreit ...

„Weib! ... Christy! ... mach’ doch auf ... mach’ schnell auf ...“

Doch die Kerasivna gibt keinen Laut von sich.

„Daß Dich, Du Hexe ... was ist Dir denn eingefallen, die Tür zuzusperren und einzuschlafen! ... Christy ... so höre doch ... ei! ... Weib! ... mach’ auf ...“

Aber Christy tat nichts dergleichen; es schien, als wenn das ganze Haus eingefroren wäre; sogar das Schwein ist still geworden und schlief.

„Das ist eine schöne Geschichte,“ meinte Kerasenko, „merkwürdig, wie sie so fest einschlafen konnte! — Es bleibt mir nichts anderes übrig, als unter dem Hoftor unterzukriechen und von der Straße aus auf das Fenster zu klopfen, das wird sie wohl hören.“

Gesagt, getan! — Kerasenko kroch unter das Hoftor, gelangte an die Straße, ging zum Fenster, mit der Absicht an dasselbe zu klopfen; aber was mußte er hören? Sein Weib spricht:

„Schlaf, Mann, schlaf! — hör’ doch nicht darauf, was da draußen vor sich geht, lasse sie doch klopfen — es scheint mir aber, als wenn jemand am Boden herum gehen würde.“

Kerasenko fing an zu klopfen, mit den Fäusten auf demFensterrahmen herum zu trommeln und zu schreien:

„Mach’ auf, sage ich, mach’ sofort auf, oder ich schlage das Fenster ein ...“

Aber jetzt wurde auch Christy wild und schrie:

„Wer untersteht sich denn zu so später Stunde ehrliche Leute zu beunruhigen.“

„Ich, Dein Mann.“

„Wer, mein Mann?“

„Ja, ich, Dein Mann, der Kerasenko.“

„Geh’ nur, geh’, mein Mann ist zu Hause und liegt bereits lange im Bette.“

„Was?“ dachte Kerasenko, „wie ist es möglich, daß ich im Bette schlafe und auch auf der Gasse bin, träume ich dies alles oder ist es Wirklichkeit?“

Er fing von neuem an zu klopfen und zu schreien:

„Christy ... ach! ... Christy ... so mach’ doch auf ... um Gottes willen, mach’ auf ...“

Er klopft und schreit längere Zeit bereits, ohne etwas erreicht zu haben, er mag klopfen und schreien so viel er will, drinnen, in der Stube, bleibt alles ruhig, endlich läßt sich Christy wiederum vernehmen:

„Willst Du endlich mit dem Klopfen aufhören — ich habe schon einmal gesagt, mein Mann ist zu Hause und schläft ...“

„Das träumt Dir wohl, Christy.“

„Eh! ... danke für einen solchen Traum ... na, so ’was! — Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen, und auch nicht so dumm, um nicht das zu wissen, was ich sehe ... Nein! ... das muß ich schon besser wissen als Du, den ich weder sehe noch kenne, während ich meinen Mann im Bette liegen sehe ... ich bekreuzige ihn ... so Herr Jesus ... so, und nun küsse ich ihn ... so, hast es gehört ... jetzt nochmals ... dabei ist bei uns recht warm und gemütlich ... Du aber, Lüderjahn, schau, daß Du weiter kommst nach Hause, zu Deinem Weibe ... uns aber lasse in Ruhe und störe uns nicht ... Geh’ mit Gott ... Gute Nacht ... so und nun belästige uns nicht mehr ...“

„Tfu! ... Du ... tausend Teufel ... was ist denn das? ... na, das ist eine schöne Geschichte ...“ dachte Kerasenko ..., „bin ich vielleicht an eine andere Hütte in der Finsternis geraten? ... aber ich irre mich doch nicht ... das ist ja doch meine Hütte.“

Er ging auf die andere Seite der Straße, und fing vom Brunnen ab die Hütten zu zählen an.

„Erste ... zweite ... dritte ... fünfte ... siebente ... neunte ... und die zehnte ist doch die meine.“

Er geht wieder zum Fenster, klopft wieder an und schreit ... und es wiederholt sich dieselbe Geschichte wie vordem; die Frauenstimme wiederholt dasselbe wie vorher, jetzt aber bereits im ärgerlichen Tone und meint:

„Schau, daß Du weiterkommst! ich sagte schon einmal, mein Mann liegt im Bett.“

Die Stimme ist unzweifelhaft jene der Christy.

„Und wenn Dein Mann im Bette liegt, warum spricht er nicht?“

„Warum soll er auch noch reden, nachdem ich genug geredet habe?“

„Aber ich will mit eigenen Ohren hören, ob das seine Stimme ist und ob überhaupt jemand bei Dir ist.“

„Gewiß ist er hier ... denn wir küssen uns ... hörst Du? ...“

„Tfu! ... Der Teufel soll sie holen ... es ist wahr ... sie küssen sich ... mir wollen sie einreden, ich sei nicht ich! ... wollen mich bloß wegschicken ... Aber, wartet nur, so dumm bin ich nicht ... jetzt werde ich gehen, Nachbaren holen, damit sie Zeugnis abgeben, ob das meine Hütte ist oder nicht, und ob ich der Kerasenko, der Mann der Christy sei oder jemand anderer ...“

„Ich sage Dir nochmals“ — ließ sich die Stimme aus dem Inneren der Hütte vernehmen — „geh’ nach Hause und beunruhige uns nicht ... Lass’ uns in Ruh’ ... wir haben uns genug geküßt, liegen im warmen Bett und fühlen uns behaglich und wohl ... andere Leute gehen uns überhaupt gar nichts an ...“

Und eine männliche Stimme ergänzt die Rede der Christy.

„Wir haben uns genug geküßt und liegen friedlich im Bette ... Du draußen kannst zum Teufel gehen ...“

Nun war Kerasenko davon überzeugt, daß jemand anderer bei der Christy sei, und er entschloß sich die Nachbaren zu wecken und herbei zu holen.

Ob es kurz oder lange dauerte, ehe er die Nachbaren geweckt und vor seine Hütte geführt hatte, darüber spricht die Überlieferung nichts, wohl aber, daß es endlich Kerasenko gelang, etwa zwanzig Kasaken, gefolgt von ihren neugierigen Frauen, vor seine Hütte zu bringen.

Auf alles Klopfen, Reden, Schreien hatte die Kerasivna nur eine einzige Antwort, dahin lautend, daß sie wohl alle träumen, denn ihr Mann sei zu Hause, liege im Bette, und damit sie ihnen dieses beweise, küsse sie nochmals ihren Mann so laut, daß es alle hören könnten.

Alle Kasaken und ihre Weiber waren davon überzeugt, daß alles das, was im Inneren der Hütte vor sich gehe, wirklich wahr sei, denn die Küsse waren natürlich, und es ließ sich ja auch eine männliche Stimme vernehmen, wenn auch nicht sehr deutlich, doch so, daß dieselbe von der Kerasivna für die ihres Mannes ausgegeben wurde.

Und die Stimme kam immer näher und näher zum Fenster, und am Fenster stehen bleibend rief sie so, daß alle erschrocken zurückfuhren.

„Was wollt Ihr, Dummköpfe? ... Geister sehen? ... Ich bin zu Hause, liege ruhig im Bett, aber der, der Euch hierher geführt, das ist ein böser Geist! — Gebt ihm doch lieber jeder von Euch einen Puff, damit er zusammenstürze ...“

Die Kasaken bekreuzten sich und der dem Kerasenko am nächsten stehende, gab ihm einen recht tüchtigen Schlag ins Genick, sprang aber sofort weit ab vom Kerasenko.

Diesem Beispiele folgten nun auch die anderen, so daß in sehr kurzer Zeit Kerasenko so schmerzlich geschlagen wurde, daß er auf der Schwelle seiner eigenen Hütte zusammenstürzte und liegen blieb im Schnee und Frost, während darinnen, in seinem Bett, ein zweiter sich es recht behaglich machte.

Und um seinen Schmerz und Kummer zu mildern, setzte sich Kerasenko in der Nähe seiner Hütte auf einen Schneehaufen und — weinte bitterlich, was eigentlich einem Kasaken nicht ansteht; sein geistiger und körperlicher Zustand, verschlimmerte sich, als er hören mußte, wie da drinnen geküßt wird.

Zum Glück für jeden Menschen nehmen alle geistigen und physischen Schmerzen und Qualen ein Ende und so auch die des Kerasenko ... er schlief ein und es träumte ihm: sein Weib sei gekommen, habe ihn aufgehoben und in sein, ihm wohlbekanntes, behaglich durchgewärmtes Bett gelegt ... und in der Tat, als er erwachte, fand er sich dort, wo ihm träumte, in seinem Bette, in seiner Hütte, nicht weit vom Ofen ... er sah, wie Christysich am Kamin beschäftige, hin und her gehe, und einen großen Käseklotz bereite.

Mit einem Wort — es ging alles vor sich, genau so, wie es täglich sich wiederholt, nichts auffallendes, außergewöhnliches; vom Schwein und dem Gespenst auch keine Silbe Erwähnung.

Der Kasak frug nicht und machte auch von dem, was in der verhängnisvollen Nacht vorgefallen war, keine Erwähnung.

Von der Zeit an lebte der Kasak mit seinem Weibe friedlich, ließ sie schalten und walten wie sie wollte, wobei sein häusliches Glück und Wohlstand keinen Schaden litten, im Gegenteil, ihre Vermögensverhältnisse besserten sich augenscheinlich von Tag zu Tag.

Dagegen verlor seit jener Nacht die Kerasivna vollständig in der öffentlichen Meinung; es stand für alle fest, klar und deutlich, daß sie eine — Hexe sei.

Die gescheite Kerasivna widersprach diesem nicht, denn sie gewann dadurch Übergewicht über die anderen; alle fürchteten sie und ehrten sie doch, alle kamen zu ihr um sich mit ihr zu beraten, und brachten ihr dafür zum Danke die eine ein Schock Eier, die andere Speck, die dritte, vierte ... sonst etwas taugliches oder nützliches für die Wirtschaft.


Back to IndexNext