Selbstverständlich war die Kerasivna dem Dukač sehr wohl bekannt, er war aber ein zu gescheiter Mann, um daran zu glauben, daß Christy eine Hexe sei, im Gegenteil er fand, daß sie eine gescheite, erfahrene Frau sei, mit der man sich beraten kann.
Und da Dukač ein ebenfalls unbeliebter Mann war, so schlossen sich diese beiden in Freundschaft aneinander.
Man erzählte sich zwar im Dorfe, man hätte den Dukač mit der Christy unter der alten Weide stehen gesehen, die in den Zaun eingeflochten war, welcher die Gärten des Dukač von jenem der Kerasivna trennte.
Andere behaupteten sogar, es bestehe ein sehr intimes Verhältnis zwischen beiden — doch das alles war bloßes Gerede und Klatscherei, wie solches, hauptsächlich in den Dörfern, so oft vorzukommen pflegt.
Die Sache verhielt sich einfach so, daß Dukač und Kerasivna, deren Reputation eine und dieselbe war, sich näher an einander schlossen als an die anderen Nachbaren, daß so oft sie sich begegneten, sie stets Gelegenheit fanden, ihre Ansichten über dieses und jenes auszutauschen.
Jetzt erinnerte sich Dukač der Kerasivna, namentlich als die Einladung an die Intelligenz im Dorfe zu seinem Mißvergnügen ausfiel und ließ dieselbe holen, um sich mit ihr zu beraten.
Dukač erzählte ihr genau den Fall und die ihm dadurch angetane Beleidigung.
Kerasivna hörte dies ruhig an, dachte ein wenig nach, warfplötzlich den Kopf in die Höhe und sagte gerade zu:
„Wie denn, Herr Dukač, wenn Sie mich zur Patin nehmen möchten?“
„Dich? ... zurGevatterin haben?“ ... wiederholte Dukač.
„Ja, mich ... oder glauben Sie auch daran, wie die anderen, ich sei eine Hexe?“
„Hm ... ja wohl, so sagen es alle, Du wärest eine Hexe, aber ich sehe keine Hörner auf Deinem Kopf, noch einen Pferdefuß.“
„Und das werden Sie auch niemals sehen.“
„Hm ... Gevatterin ... ja, was werden die Leute dazu sagen?“
„Was für Leute? ... sie wollen ja auf euer Haus gar nicht spucken, wie so erst in dasselbe gehen.“
„Das ist wahr ... aber, was wird meine Frau dazu sagen? ...Siehst Du, die ist ebenso wie die übrigen fest davon überzeugt, Du wärest eine Hexe.“
„Und Sie fürchten sich wohl vor Ihrer Frau?“
„Ich? ... fürchten ... so dumm bin ich nicht wie Dein Mann ... ich fürchte mich vor Weibern nie ... überhaupt vor Niemanden ... aber sag’ aufrichtig ... bist Du wirklich keine Hexe?“
„Eh! Herr Dukač ... schaue ich denn gar so darnach aus? ... übrigens, laden Sie zum Paten, wen Sie wollen.“
„Hm! ... so warte ein wenig, ärgere Dich nicht gleich ... gut, also sei Du die Patin ... aber glaubst Du, daß Dich der Pope in Peregudi als Patin zuläßt?“
„Und weshalb sollteer nicht?“
„Weiß Gott ... er ist so sehr gelehrt ... fängt stets mit der Bibel an ... er kann sagen: gehört nicht in meinen Pfarrbezirk.“
„Seien Sie ohne Sorgen ... das wird er nicht sagen ... obzwar er ein sehr studierter Herr ist, muß er doch das tun, was seine Frau will ... Er beruft sich stets auf die Bibel, muß aber schließlich doch alles tun, was alle Männer tuen ... der Frau folgen ... Ich kenne ihn sehr wohl, und war schon einigemal in seiner Gesellschaft ... Einmal nahm er sich vor keinen Branntwein zu trinken und berief sich auf die Bibel, wo es stehen soll: trinkt euch mit Wein nicht voll, denn das ist Sünde ... ich aber antwortete ihm: wenn es auch Sünde sei Branntwein zu trinken, so trinken sie doch ein Gläschen, und er ... trank.“
„Hat er wirklich getrunken?“
„Gewiß ... getrunken.“
„Nun gut ... schau jedoch, daß er sich nicht früher betrinkt und unser kleines Kind nicht beschädigt und ihn nicht etwa auf die Namen Ivan oder Nikolaus tauft.“
„Das soll er wohl bleiben lassen, ein christliches Kind Nikolai zu taufen ... Weiß ich denn nicht, daß dies ein Moskauer Name ist.“
„So ist’s ... Nikolai ist ein Moskauer.“
Es stellte sich jedoch ein Hindernis ein, nämlich: Kerasivna besaß keinen so großenund warmen Pelz, um das Kind nach Peregudi fahren zu können und der Tag war frostig, bitterkalt ... es herrschte geradezu eine „barbarische Kälte“; dafür besaß die Dukačin einen prächtigen Pelz mit blauem Tuche benäht.
Dukač holte denselben aus dem Hause und gab ihn der Kerasivna, ohne ein Wort zu sprechen.
„Jetzt,“ meinte er, „zieh rasch den Pelz an, oder besser, behalte ihn für immer, doch mach’, daß das Kind bald nach Peregudi kommt, damit die Leute nicht sagen, des Dukač Kind sei schon drei Tage ungetauft.“
Kerasivna sträubte sich zwar im Anfang gegen das Geschenk, doch gab sie bald nach.
Sie wendete die mit Hasenfellen ausgefütterten Ärmel recht weit heraus, zog den großen Kragen hoch über den Kopf hinaus, und das ganze Dorf sah ihr neidisch nach, als sie in dem mit einem paar starker Pferde bespannten Schlitten neben Agap sitzend, durch das Dorf auf der Straße nach Peregudi, zum Popen Jeremij, fuhr.
Alle waren davon überzeugt, daß Agap und Kerasivna bei der Abfahrt nüchtern waren.
Es ist richtig, zwischen den Knieen des Agap, welcher die Pferde lenkte, lag ein nicht geradezu kleines rundes Fäßchen mit Pflaumenbranntwein; doch dasselbe war gewiß für den Popen bestimmt.
Das Kind lag unter dem großen und breiten Pelz, gut eingewickelt, warm, obwohl alle, ohne Ausnahme, davon überzeugt waren, eswird sich bei der Taufe des Kindes etwas Schreckliches ereignen.
Alle waren der Überzeugung, Gott lasse es nicht zu, daß der Sohn eines so großen Sünders und schlechten Menschen, wie es Dukač ist, getauft werde, schon deshalb nicht, weil als Patin eine — Hexe fungiere.
Was wäre das für ein Glaube, wo so etwas vorkommen könnte; Gott ist gerecht, er kann etwas derartiges nicht dulden, nicht zulassen.
Dieser Ansicht und dieses Glaubens war die Mutter des Kindes; sie weinte bittere Tränen über den Eigensinn ihres eigenen Mannes, welcher seinem einzigen, lange erwünschten und ersehnten Kinde und Erben eine anerkannte Hexe als Patin auswählte.
Unter solchen Verhältnissen fand die Abfahrt der Kerasivna, des Agap und des kleinen Sohnes des Dukač statt.
Dieses alles, was ich eben erzählte, ereignete sich zwei Tage vor Nikolai, im Wintermonat Dezember, um zehn Uhr Vormittag; das Wetter war rauh, frostig, der Wind wehte von der Moskauer Seite und verstärkte sich gerade zu jener Zeit, als Agap, Kerasivna und das Kind wegfuhren, und es hatte den Anschein, als wenn aus demselben ein richtiger Sturm herauswachsen würde.
Tatsächlich fing der Himmel an sich mit bleigrauen schweren Wolken zu überziehen; der Wind wirbelte den gefrorenen Schnee auf und gleichzeitig fing es an stark zu schneien.
Alle Leute, welche dem Kinde des Dukač alles böse wünschten, bekreuzten sich beimAnblick des sich bildenden Wetters andächtig und waren ganz zufrieden, denn es zeigte sich deutlich und sichtbar, daß Gott an ihrer Seite stehe.
Wie ruhig und gelassen sonst Dukač zu sein pflegte, heute empfand er eine gewisse Unruhe, Vorahnung oder ähnliches, denn er war doch nicht vollends befreit von dem herrschenden Aberglauben, und er fing an sich zu fürchten.
Bei dem Sturm, der sich immer mehr und mehr steigerte, konnte es vorkommen, daß etwas Ungeahntes, Unangenehmes, Unerwartetes sich ereignen könne; es konnten ja doch der Pate mit der Patin und dem Kinde in dem eingetretenen Schneesturme, der sich plötzlich erhob, sich verirren, was böse Folgen nach sich ziehen konnte; und der Schneesturm fing an zu wüten gerade zu jener Zeit, als der Schlitten in die Talschlucht einbog, die gegen Peregudi führte.
Dazu war es ihm noch unangenehmer die Vorwürfe seiner Frau hören zu müssen; aus dem Munde eines Weibes, die stets alle Launen ihres Mannes still, ohne Murren hinnahm, ihm geradezu sklavisch diente, und deren Lippen stets geschlossen waren, es war ihm unangenehm hören zu müssen, als ihm seine Frau sagte:
„Auf unsere alten Tage und zu unserer Freude hat uns Gott ein Kind geschenkt und Du hast Dir vorgenommen, es zu töten.“
„Was sagst Du,“ antwortete Dukač, „ich hätte das Kind getötet?“
„Ja wohl, deshalb, weil Du es der Hexe anvertraut hast. — Wo hat man je gehört, daß ein Kasak sein Kind einer Hexe anvertraut, damit es diese taufen lasse?“
„Sicher und gewiß wird sie es taufen lassen.“
„Noch niemals ist etwas derartiges vorgefallen und wird auch nicht vorfallen, Gott wird es nicht zulassen, daß eine so ausgesprochene Hexe ein Kind aus der Taufe hebe.“
„Ja, wer sagte es Dir, daß die Kerasivna überhaupt eine Hexe sei?“
„Alle sagen es.“
„Blech, was die Leute reden; es hat doch Niemand von ihnen Hörner am Kopfe der Kerasivna noch den Pferdefuß bei ihr gesehen.“
„Hörner auf ihrem Kopfe hat wohl Niemand gesehen, aber gesehen haben sie es alle, wie sie ihren Mann verhexte.“
„Warum sollte sie nicht einen solchen Dummkopf verhexen?“
„Der Pidnebesinaja hat sie alle ihre Kunden, welche bei ihr früher Brot kauften, verhext, so daß sie kein Brot mehr bei ihr kaufen.“
„Das ist leicht erklärlich; die Pidnebesinaja schläft den Schlaf der Gerechten, versäumt die Zeit, arbeitet den Teig dann nicht ordentlich durch, wie es sich gebührt, deshalb ist ihr Brot schlechter, als das der Kerasivna.“
„Mit Euch, Männern, wird man nie fertig ... Du kannst fragen, wen Du willst, allewerden Dir sagen, daß die Kerasivna eine Hexe sei.“
„Warum brauche ich andere zu fragen, ich selbst bin ebenso gut ein Mensch und Mann wie die anderen.“
„So Du bist auch ein Mensch, vielleicht ein guter Mensch?“
„So ... ich bin also kein guter Mensch?“
„Natürlich nicht.“
„Und wer redete Dir das ein?“
„Und wer sagte euch je, ihr wäret ein guter Mensch?“
„Und wer sagte mir, ich wäre ein schlechter Mensch?“
„Habt ihr, so lange ihr lebet, Jemanden je etwas gutes erwiesen?“
„Und wem hätte ich gutes erweisen sollen?“
„Wem immer ...“
„Das ist schon wahr,“ meinte Dukač in Gedanken, „gutes habe ich Niemanden je getan, aber weshalb?“ ... und um mit seinem Weibe das unangenehme Gespräch nicht fortsetzen zu müssen, sagte er:
„Das würde mir noch fehlen mich mit Dir, Du dummes Weib, in weitere Gespräche und in einen Streit einzulassen.“
Sprach’s, drehte sich um, ging zur Wand, nahm die seiner Zeit dem Agap abgenommene Mütze vom Hacken, setzte sie auf und verließ das Haus.
Jedenfalls mußte den Dukač etwas sehr bedrücken, ihn sehr unruhig machen, wenn er es in einem solchen Sturm, einem so wilden Schneetreiben zwei Stunden lang außer dem Hause aushalten konnte.
Der schon früher heftige Sturm wuchs zu einem Orkan an, der Schnee fiel in großen Flocken so dicht, daß man kaum atmen noch weniger sehen konnte.
Wenn das Wetter schon so böse war zwischen Gebäuden, wie mußtees erst in der Steppe wüten, wo dasselbe kein Hindernis fand!
War in der Steppe ein erwachsener, kaltblütiger, erfahrener Mann in einem solchen Wetter völlig dem Verderben und Untergange geweiht, was sollte dann aus dem Kinde, der Patin und Agap werden?
Dukač begriff das alles klar und deutlich; seine Gedanken flogen im Kopfe herum und verwirrten sich, denn ihm waren aus eigener Erfahrung alle Schrecknisse eines Schneewehens in der Steppe bekannt; er mühte sich deshalb nicht aus Vergnügen den Schnee, welchen der Sturm an die Zäune der Gärten in hohen Halden anwehte, durchzutreten, im Gegenteil, ihn jagte die Ungeduld, die Ungewißheit, Sorge und Angst dem Schlitten mit dessen Insassen entgegenzugehen, oder wenigstens zu sehen, daß sie zurückkehren.
Schließlich blieb Dukač am Damme stehen, der sich hinter dem Dorfe erhob; ihn bemerkte hier Niemand, konnte ihn deshalb auch Niemand belästigen; er sah nichts vor sich als nur fabelhafte Gestalten, die ihm seine aufgeregte Fantasie vorgaukelte.
Auch dieses Stehen, dieses Harren ist ihm schließlich langweilig geworden, er schrie vor Zorn, Angst, Wut, Ungeduld hell auf, befreite seine Füße aus dem Schnee, in den er versunken, und kehrte nach Hause zurück.
Dämmerung ist während dieser Zeit eingetreten, und man konnte fast gar nichts in ganz kleiner Entfernung vor sich sehen und erkennen; er konnte deshalb gar nicht rasch ausschreiten, mußte oft stehen bleiben, verlor nicht selten den Weg, verirrte sich, und mußte erst den richtigen Weg suchen; schließlich stieß er auf etwas hartes, das sich bei näherer Untersuchung als ein Kreuz erwies — ein sehr hohes Kreuz aus Holz, wie man solche in Süd-Rußland, namentlich an Kreuzwegen, sehr oft findet.
„Eh!“dachte er, „ich glaube, ich bin viel zu weit vom Dorfe weggekommen und muß wohl umkehren“ — er richtete deshalb seine Schritte nach einer anderen Richtung, aber nach drei bis vier Schritten, die er gemacht, stieß er wieder auf etwas hartes, wieder auf ein Kreuz.
Der Kasak blieb einen Augenblick stehen, atmete tief auf, und nachdem er sich wiederum etwas erholt, schlug er eine entgegengesetzte Richtung ein, aber auch hier stieß er auf Kreuze, und nur auf Kreuze.
„Geht hier etwas vor oder bewege ich mich um das Kreuz herum?“ — und er fing an mit den Händen herumzutasten, welche immer und immer wieder nichts als Kreuze und wieder Kreuze betasteten.
„Aha! jetzt ist mir klar, wo ich mich befinde ... das ist der Kirchhof, wohin ich mich verirrte ... richtig ... dort sehe ich das Licht aus des Popen Hause ... Der Teufelskerl, wollte nicht zugeben, daß sein Weib die Patin meines Kindes werde ... auch gut ... nicht nötig ... doch das Haus des Totengräbers müßte ja auch nicht weit sein.“
Und der Dukač unternahm es das Haus zu suchen, wobei er unverhofft in ein Loch fiel, in dem sich etwas hartes befand, auf das er mit dem Kopfe anstieß so heftig, daß er ziemlich lange ohne Besinnung liegen blieb.
Als er wieder zu sich kam, da sah er über sich einen wolkenlosen, mit hellflimmernden Sternen besäten Himmel und es herrschte völlige Windstille.
Dukač wußte nicht im ersten Augenblicke, wohin er gefallen; er mühte sich fast eine Stunde lang mit Händen und Füßen arbeitend ab, um aus der Grube herauszukommen, welche sich später als ein Grab erwies.
Endlich gelang es dem Dukač das Dorf und seine Hütte zu erreichen; was ihn aber am meisten wunderte, war, daß weder bei seinen Nachbaren noch in seinem Hause Licht brannte, daß alles finster war; es mußte deshalb schon spät sein, wenn schon alle schlafen gegangen sind.
Wenn aber Agap und die Kerasivna mit dem Kinde noch nicht zurückgekehrt wären?
Es gab ihm einen ordentlichen Stich unterm Herzen, als dieser Gedanke sein Gehirn durchzuckte, ein eigenes Gefühl, Angst, überfiel ihn, so daß er mit unsicherer Hand, nur zagend, die Stubentüre öffnete.
In der Stube selbst war es ziemlich dunkel, nur aus der einen Ecke derselben ließ sich ein leises Weinen und Schluchzen vernehmen.
Die Dukačin weinte.
Der Kasak begriff es, warum sein Weib weint; doch er konnte es nur schwer übers Herz bringen zu fragen:
„Ist es denn möglich, daß sie noch nicht ...“
„Ja, die Hexe ißt jetzt mein Kind auf ...“ unterbrach die Dukačin ihren Mann.
„Für so dumm hätte ich Dich doch nie gehalten“ — schnitt mit diesen Worten Dukač die weitere Rede seiner Frau ab.
„Ihr hab’t mich so dumm gemacht ... und wenn ich auch dumm wäre, ich hätte mein Kind doch nie einer Hexe anvertraut.“
„So versinke Du selbst mit Deiner Hexe ... ich hätte das Genick brechen können, als ich in das Grab fiel.“
„Ah! ... in ein Grab seid ihr gefallen ... daran ist sie auch schuld ... Ihr könnet gehen und lieber gleich jemanden totschlagen ...“
„Wen soll ich totschlagen ... was plapperst Du? ...“
„Wenigstens einen Hammel ... denn nicht umsonst seid ihr in ein Grab gefallen ... ihr werdet bald sterben und selbst im Grabe liegen ... Ja, Gott gebe es ... was sollen wir nochweiter unter Menschen leben, die über uns nichts anderes reden können, als daß wir unser einziges Kind einer Hexe geschenkt haben.“
In diesem Tone redete die Dukačin weiter; er selbst dachte an nichts anderes als daran, wo sich Agap zur Zeit befinden möge? wohin derselbe geraten?
Gelang es ihm früher nach Peregudi zu kommen, ehe das Schneewehen und der Sturm losging, dann warteten sie wohl das Ende desselben dort ab, in diesem Falle konnten sie von dort erst abfahren, sobald sich der Sturm gelegt und der Himmel aufgeheitert hatte; aber deswegen konnten sie doch zu dieser Zeit zu Hause sein; vorausgesetzt, Agap hätte nicht zuviel des Guten dort genossen.
Dieser Gedanke schien dem Dukač annehmbar zu sein, er beeilte sich denselben seinem Weibe mitzuteilen, welche jedoch noch stärker zu seufzen und zu weinen anfing.
„Was ist da anzunehmen: wir werden unser Kind nie mehr sehen; gefressen hat sie es, diese Hexe, die Kerasivna; sie selber hat das Unwetter heraufgehext, um mit ihm besser über Berg und Tal fliegen und dort sein Blut aussaugen zu können.“
Durch solche Reden brachte sie ihren Mann so auf, daß er sie vorerst auszankte, später sogar beschimpfte, dann mit der einen Hand die Mütze vom Nagel reißend, mit der zweiten das Gewehr nehmend, eilte er aus dem Hause mit dem Vorsatze einen Hasen zu schießen, ihn dann in das Grab zu werfen, aus welchemer vor wenigen Stunden mit schwerer Mühe herauskroch.
Die Dukačin saß zu Hause auf der Ofenbank und weinte bitterlich!
Der verbitterte, gekränkte und durch den ungewöhnlichen Vorfall im höchsten Grade aufgereizte Mann wußte tatsächlich nicht, was er tun, wohin er sich wenden solle; er schritt maschinenmäßig durchs Dorf, auf die Scheunen zu, wohin die Hasen zu kommen pflegten, um sich das Futter zu suchen; er erreichte die Heuschober, setzte sich auf einen derselben und verfiel in Gedanken.
Böse Ahnungen quälten ihn, Kummer und Schmerz erfüllten sein Herz und unangenehme Erinnerungen wurden in seinen Gedanken wach.
Unangenehm waren die Worte seines Weibes; aber er mußte zugestehen, daß sie zum größten Teile im Rechte sei und wahr gesprochen habe.
Es ist wahr, so lange er sich zu erinnern weiß, hat er nie Jemandem etwas gutes erwiesen, wohl aber vielen Leides zugefügt; und dieser seiner vielen Sünden wegen leidet nun sein einziges, lang ersehntes und erwartetes Kind; er selbst fällt in ein Grab, was nach dem Aberglauben des Volkes ein großes Unglück bedeutet.
Morgen werden alle davon wissen und das ganze Dorf, in welchem er auch nicht einen einzigen Freund besitzt, wird davon reden.
Es kann möglich sein, das Kind wird gefunden und gesund heimgebracht; aber die Nacht ist lang, und damit er sich nicht langweile und ängstige, will er einem Hasen auflauern, ihn schießen, dann in das Grab werfen, wodurch die bösen Vorhersagungen abgewendet werden.
Dukač seufzte tief auf; er schaute, ob sich nicht von einer Seite ein Hase blicken lasse.
Das war auch der Fall; der Hase wartete geradezu auf ihn, wie Abraham auf den Bock; beim letzten Schober, dort an dem mit Schnee verwehten Zaun saß der Langohr.
Er äugte augenscheinlich in die Gegend hinaus und stand in einer für den Schuß äußerst günstigen Position.
Dukač war ein erfahrener alter Jäger; in seiner Jägerlaufbahn stießen ihm verschiedene Jagdabenteuer und verschiedenes außergewöhnliche zu, aber eine solche außerordentlich günstige Schußstellung ist ihm doch noch nie vorgekommen, und um die Gelegenheit nicht fahren zu lassen, zögerte er nicht lange, legte das Gewehr an die Backe, zielte, feuerte ...
Der Schuß fiel, aber gleich darauf wurde ein eigentümlicher Klagelaut hörbar.
Dukač nahm darauf keine Rücksicht, auch blieb ihm nicht die Zeit darüber nachzudenken, da er sich beeilen mußte den brennenden Papierpfropfen mit Füßen niederzutreten.
Während er dieses tat, bemerkte er zu seinem größten Erstaunen, daß der Hase, demer schon einige Schritte näher gekommen, seine Stellung gar nicht ändere.
Dem Dukač wurde unheimlich und ängstlich zu Mute; er mußte annehmen, der Teufel treibe sein Spiel mit ihm; oder wäre es vielleicht der Teufel selbst in Hasengestalt?
Dukač machte einen Schneeballen und warf ihn auf den Hasen.
Der Ballen traf das Ziel,zerstob, aber der Hase rührt sich nicht ... in der Luft hört man nur leises Ächzen.
„Was ist das für eine Teufelei? was geht hier vor?“ dachte Dukač, bekreuzte sich und näherte sich vorsichtig jenem Gegenstande, den er für einen Hasen gehalten hatte; aber wie wurde er enttäuscht, als er an Stelle des Hasens nur eine alte Pelzmütze auf dem Schnee liegend fand.
Dukač beugte sich nieder, um die Mütze aufzuheben, blickte jedoch in das vom Sternenlicht schwach beleuchtete blasse Gesicht seines Verwandten Agap, das mit einer dunklen klebrigen, eigentümlich riechenden Flüssigkeit bedeckt war.
Es war Blut! — — —
Dukač erschrak, warf das Gewehr weit von sich fort, lief ins Dorf, weckte Leute auf — und erzählte allen, was er gesehen und getan, er beichtete vor der ganzen Gemeinde und schloß seine Rede mit den Worten: „Gott ist gerecht, er straft mich — geht — schaufelt sie aus dem Schnee heraus, mich aber bindet und überliefert dem Gerichte.“
Die Bitte des Dukač wurde erfüllt; ihn banden sie und bewachten in einer fremden Stube;draußen aber, hinter den Scheunen, da schaufelten sie den Agap, die Kerasivna und das Kind aus dem Schnee heraus.
Unter einer Schneewehe, welche den Schlitten vollständig zudeckte, fand man den schwer verwundeten Agap, die fast erfrorene Kerasivna, an deren Brust, unter dem Pelze völlig unbeschädigt, das Kind ruhig schlief.
Die Pferde standen bis über den Bauch im Schnee, die Köpfe über den Zaun hängend.
Sowie man sie vom Schnee befreite, zogen sie freiwillig an und fuhren den Schlitten mit der erstarrten Patin, dem schwerverwundeten Agap und dem schlafenden Kinde auf ihren Bauernhof.
Die Dukačin wußte nicht, was sie machen solle, weinen vor Freude über die Rettung ihres Kindes, oder vor Schmerz über das Unglück ihres Mannes.
Das Kind in die Hand nehmend, bemerkte sie um dessen Hals ein Kreuzchen an einer Kette, worüber sie aus Freude wiederum zu weinen begann, da sie davon überzeugt war, daß dasselbe tatsächlich getauft sei; sie hob dasselbe vor dem heiligen Bilde hoch auf und rief mit freudiger Stimme und heißem, innigen Entzücken:
„Herr! dafür, daß Du mein Kind von dem Tode errettet, ihn in Deine Gemeinde und unter Dein Kreuz aufgenommen, werde ich DeineGüte und Gnade solange ich lebe nie vergessen, ihn aber werde ich erziehen zu Deinem Diener, damit er verkündige Dein Wort und mehre Dein Reich, Deinen Glauben!“
So wurde ein Gelöbnis geleistet, welches den Grundstein meiner wahren Geschichte bildet, denn in dem, was ich Euch bis jetzt erzählte, fandet ihr nichts, was auf den „ungetauften Popen“ Bezug hätte, und dennoch ist derselbe bereits in der Geschichtevorhanden, jedoch so versteckt, wie Agaps Mütze in der Rechnung, sie war hier, aber darinnen stand sie nicht.
Doch ich fahre fort Euch mit der Geschichte bekannt zu machen.
Das Kind blieb gesund, mit den nicht gerade sehr gescheitenMitteln, welche die Weiber an der Kerasivna probierten, wurde dieselbe zum Bewußtsein gebracht; sie war jedoch so leidend, daß sie das, was um sie vorging, nicht zu bemerken schien, sondern nur stets ein und dasselbe wiederholte:
„Das Kind ist auf den Namen Sava getauft.“
Das genügte vollkommen und alle waren damit zufrieden und einverstanden, selbst der alte Dukač, den man davon unterrichtete, nickte zustimmend und sagte:
„Den Popen in Peregudi saget von mir besten Dank, daß er den Knaben nicht unglücklich machte und ihn nicht Nikolai taufte.“
Als sich die Kerasivna erholte, erzählte sie: „Der Pope von Peregudi hätte das Kind auf den Namen Nikolaus taufen wollen, was, wie er sagte, in der heiligen Schrift vorgeschriebenstehe, sie hätte jedoch dagegen protestiert und mit ihm lange gestritten, wobei sie ihm schließlich sagte: Gott mit Dir und Deiner Bibel, Väterchen! später hätte er klein wenig beigegeben, und schließlich auf den Namen Sava das Kind getauft, nachdem sie ihm deutlich und klar bewies, das Kind eines Kasaken könne nie auf den Namen Nikolaus getauft werden.“
„Du bist in der Tat eine echte rechte Kasakin,“ sagte der Dukač und befahl ihr eine Kuh zum Geschenk zu geben, er versprach ihr noch, sobald er wiederum nach Hause zurückkehre, sich ihr noch anderweitig dankbar zu bezeugen; vergessen werde er die Dienste, die sie ihm erwiesen, nie.
Mit diesem Unglücksfalle endete die Taufe des Kindes; darauf folgte das Begräbnis des Agap und eine lange, lange Trauerzeit.
Denn Agap ist nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, trotz aller Eis- und Schneeumschläge konnte die durch eine starke Ladung mit grobem Schrott erzeugte Wunde am Kopfe nicht geheilt werden, und gegen Abend des anderen Tages hauchte der Unglückliche seine Seele aus. Denselben Abend brachten drei mit großen dicken Stöcken bewaffnete Dorfinsassen den Dukač in die Stadt und übergaben ihn dem Gerichtsprokuror, welcher ihn gleich einem Verbrecher in das Gefängnis überführen ließ.
Den Agap beerdigte man; der Dukač befand sich in der Untersuchungshaft, das Kind wuchs zur Freude seiner Mutter, doch die Kerasivna, obzwar sie nicht zu Bette lag, kränkelteund was nochauffallender war, sie änderte vollständig ihren Charakter — es war nicht mehr jene Christy, jene energische, eigenwillige Kerasivna; im Gegenteil, sie wurde still, nachgiebig, schwermütig, fast einsilbig; sie zankte nie mehr mit ihrem Manne, noch mit den Nachbaren, so daß Kerasenko es sich gar nicht zu enträtseln vermochte, was denn eigentlich mit seiner Frau vorgefallen sei.
Sein Leben, sonst so starkbeeinflußt von dem Starrsinn und Eigenwillen und der Herrschsucht seines Weibes, verlief jetzt auffallend still und ruhig: er hörte kein böses Wort mehr von seiner Frau, keinen Widerspruch, keine Vorwürfe, es gab keine Szenen mehr weder bei Tag noch bei Nacht, auch der Rogačever Adelige verschwand unbekannt wohin, so daß Kerasenko gar nicht wußte, wie er sich über sein häusliches Glück freuen und gegen wen und wodurch er diese Freude äußern könnte.
Diese merkwürdige Charakteränderung der Kerasivna bildete lange Zeit das Tagesgespräch im Orte und wurde von allen Frauen nach allen Seiten besprochen, ja selbst ihre größten Feindinnen, die Marktweiber, denen sie früher empfindliche und starke Konkurrenz bereitete, sind darüber einig geworden, daß die Kerasivna eine brave Frau sei.
Und wenn sie ihr jetzt nicht einen, sondern sogar zwei Käufer von ihrem Stand, auf welchem sie Kuchen und Brot verkaufte, weglockten, so ließ sie es ruhig geschehen, ohne jede Äußerung, während sie früher alle Teufel auf ihren Hals gehetzt hätte.
Was den Rogačever Adeligen anbelangt, so erzählte man sich, er wäre zweimal in Paripsami gewesen, doch die Kerasivna weigerte sich mit ihm zu sprechen.
Selbst ihre größte Feindin und Konkurrentin, die Pidnebesnaja, erzählte und wollte es sogar beeiden, sie hätte mit eigenen Ohren gehört, daß als einmal der RogačeverAdelige an den Stand der Kerasivna trat, um Kuchen zu kaufen, die Christy zu ihm sagte:
„Geh’ weg von mir, damit Dich meine Augen nie mehr sehen, für Dich ist bei mir nichts zu haben, weder zum Kaufen noch zum Schenken.“
Und als er sie frug, was vorgefallen sei? da gab sie ihm zur Antwort:
„Ein großes Geheimnis liegt schwer auf meiner Seele und drückt mich und macht mich unglücklich.“
Nicht allein an der Kerasivna, auch am alten Dukač machte sich eine Änderung des Charakters auffallend bemerkbar.
Nach der Gewohnheit der so sehr von allen Seiten gelobten „alten Zeit“ zog sich die Untersuchungshaft des Dukač drei Jahre lang, während welcher Zeit man ihn unter dem Verdachte des vorbedachten Mordes an seinem Verwandten Agap in Haft behielt; aber nicht genug daran, er konnte sogar von seiner Gemeinde nach Sibirien geschickt werden.
Die unglückselige Angelegenheit endete im allgemeinen noch ganz günstig für Dukač; die Gemeinde erklärte, sie sei einverstanden, daß er wieder im Orte lebe, sobald er die ihm vonGerichtswegen zugesprochene Kirchenstrafe in einem Kloster abgebüßt habe.
Die fürchterlichste und erniedrigendste Strafe für Dukač war die Erlaubnis der Dorfinsassen, daß er wieder im Orte leben könne, denn diese Erlaubnis war geradezu eine Gefälligkeit, eine Gnade, erteilt von Leuten, welche Dukač infrüherer Zeit völlig übersah und — verachtete.
Fünf Jahre waren verflossen seit der Zeit, als das Kind getauft und Agap begraben wurde; Dukač büßte die Kirchenstrafe ab und kam aus dem Kloster heim, völlig verändert, äußerlich und innerlich, gealtert über die Jahre hinaus.
Er blieb jedoch nicht lange im eigenen Heim, sondern kehrte in jenes Kloster zurück, in welchem er Buße getan, nahm jedoch den nicht zu kleinen Topf mit Goldfüchsen gefüllt, die lange, lange Jahre vergraben waren, mit zu dem Zwecke, daß für dessen Inhalt Gebete abgehalten werden für drei lebende und tote Seelen.
Wer diese drei lebenden und toten Seelen sein sollten, war selbst dem alten Dukač nicht ganz klar, aber Kerasivna meinte, er — Dukač — habe durch seinen fürchterlichen Charakter, seinen Hochmut und Eigensinn nicht allein den Agap getötet, sondern noch zwei andere Seelen zu Grunde gerichtet, und zwar Seelen, die nur Gott und ihr — Kerasivna — bekannt seien, die sie aber, so lange sie lebe, Niemandem verraten werde.
So blieb auch dieses ein Rätsel, das selbst die Goldfüchse des Topfes nicht zu lösen vermochten.
Das Kind, mit dessen Erscheinen auf die Welt so großartige Umwälzungen und Vorfälle verknüpft waren, wuchs indessen gesund heran.
Von der Mutter, einer einfachen, frommen, herzensguten, zartfühlenden Frau erzogen, freute es sich dieser Güte und Liebe, welche sie ihm täglich, ja stündlich entgegenbrachte.
Ich erinnere daran, daß als die Dukačin das Kind wieder in ihren Händen haben und an ihre Brust drücken konnte, sie ein Gelübde tat, den Knaben dem Dienste Gottes zu widmen, ihn also zum Geistlichen erziehen zu lassen.
Derartige Gelübde und Opferungen waren und sind auch heutigen Tages nichts seltenes unter den Kleinrussen und werden strengstens eingehalten, besonders wenn die Kinder selbst keinen Widerstand leisten, was in denseltensten Fällen vorzukommen pflegt, denn schon von ihrer Jugend an erhalten sie nach der Richtung hin entsprechende Erziehung.
Hat das Kind ein gewisses Alter erreicht und wurde es in dem Geiste und dem Charakter des gemachten Gelübdes erzogen, so bildet das Gelöbnis für das Kind kein Opfer, sondern es hat sich selbst in die Überzeugung eingelebt, daß dieses Gelöbnis der Eltern ausgeführt werden müsse, wozu auch das anerzogene Gefühl des Gehorsams gegen seine Eltern viel beiträgt, und das nur dort zu finden ist, wo wahrer Glaube und Liebe zu Gott noch vorhanden ist und herrscht.
Sava Dukač wurde von seiner Mutter in dem wahren Glauben und Liebe zu Gott erzogen,und schon als Kind stand in ihm fest, und war er sich darüber klar und bewußt, daß das Gelöbnis seiner Mutter erfüllt werden müsse.
Zart und schwach an Körper, besaß Sava große Geistesgaben und namentlich was Gottesfurcht und Religiosität anbelangt, da unterschied er sich vorteilhaft von allen seinen Altersgenossen.
Er nahm nie Vogelnester aus, erdrosselte nie junge Katzen oder warf junge Hunde ins Wasser, damit sie ersaufen, er warf nie nach Kröten Steine oder suchte sie mit Stöcken totzuschlagen, im Gegenteil, er war und blieb stets der Beschützer und Behüter lebender Wesen, ob sie der Tier- oder Vogelwelt angehörten.
Jedes Wort seiner Mutter war ein Befehl für ihn — schon deshalb, weil diese stets auch seinem zartfühlenden, liebevollen Herzen entsprachen.
Gott zu lieben war für ihn nicht nur Vergnügen, sondern ein Bedürfnis; er liebte Gott in allem, was ihn umgab; er liebte Ihn aus sich selbst, denn alles, was er um sich sah, machte ihm deutlich und begreiflich, daß Gott bei Jedermann einkehrt, derIhn liebt und sich in dessen Herzen seine Hütte baut.
Die Erziehung des Kindes war eine religiöse: seine Mutter war eine fromme, gottesfürchtige und Gott liebende Frau; sein Vater lebte sogar im Kloster; warum und weswegen, darüber war er sich nicht im Klaren.
Aus hie und da fallenden Andeutungen bildete er sich eine Art Schlußfolgerung, daßbei seiner Geburt etwas außergewöhnliches vorgefallen sein mußte, wodurch das ganze Leben im Hause eine Änderung erfuhr — — doch dieses alles war für ihn etwas unerklärliches, sagenhaftes, mystisches.
So wuchs denn Sava unter dem Schutze Gottes und seiner frommen Mutter und war davon überzeugt, daß ihn niemand abwendig machen könne von der Erfüllung des von seiner Mutter gemachten Gelöbnisses.
Acht Jahre alt geworden, wurde er dem Bruder der Pidnebesnaja zur weiteren Erziehung anvertraut.
Ochrim Pidnebesnij lebte in Paripsami in einem Hinterstübchen im Hause seiner Schwester, welche eine Schenke hielt; doch er hatte nichts gemeinschaftliches mit diesem Unternehmen.
Er selbst führte eineigenartiges Leben.
Ochrim Pidnebesnij gehörte zu jenem neuen, sehr interessanten Typus jener Kleinrussen, welcher in dem ersten Viertel des neunzehnten Jahrhundertes in hinter dem Dneper gelegenen Ortschaften aufzutreten begann, doch gegenwärtig einen starkenEinfluß auf die religiöse Richtung der dort lebenden Bevölkerung besitzt.
Es ist merkwürdig, daß alle jene, welche sich mit dem Studium der Eigentümlichkeiten und der Sitten der Völker beschäftigen undsonst die unbedeutendsten Kleinlichkeiten für wichtig halten, es vollends unterließen sich mit den Kleinrussen zu beschäftigen und es überhaupt vollständig übersahen, daß unter denselben eine nicht zu unterschätzende religiöse Strömung sich rege.
Die dort lebenden Russen fanden ein Bedürfnis in sich ihre Religiosität in anderer Art ausdrücken und offenbaren zu müssen.
Es ist hier weder der Ort noch bin ich unterrichtet genug, um es zu erklären, warum die Kleinrussen veranlaßt worden sind, ihre religiösen Ansichten durch andere zu ersetzen, ich kann nur soviel sagen, daß die Führer dieser Strömung sogenannteEinsiedlerwaren, Leute, welche in ihren Hütten eine kleine Stube oder gar nur eine Ecke in der großen allgemeinen Stube für sich reservierten, diese peinlich rein hielten und in dieser ebenso äußerlich wie innerlich und geistig rein lebten.
Sie zogen sich von ihren Angehörigen oder Nachbaren nicht zurück, ebenso entfremdeten sie sich oder wichen sie anderen nicht aus, nein — sie arbeiteten nach wie vor mit den anderen zusammen, verkehrten mit ihnen, dienten als Muster von Arbeitsamkeit, Häuslichkeit, guter Sitte für alle anderen, sie sprachen sehr gerne über Religion, aber immer und überall hatte ihr Tun und Lassen etwas Puritanisches in sich.
Sie schätzten die Intelligenz und Bildung sehr hoch; jeder von ihnenkonnte lesen und schreiben, und diese Kenntnis wurde hauptsächlich dazu benützt, sich mit den Evangelienund dem neuen Testamente bekannt zu machen.
Sie lasen die heiligen Bücher mit religiösem Eifer und zogen daraus den Schluß, daß der wahre Glaube in aller seiner Reinheit und Vollkommenheit nur im neuen Testamente zum Ausdruck komme, und daß alles andere, Überlieferungen und ähnliches sei, dem die Geistlichkeit ebensoviel Kraft beimißt wie dem neuen Testamente, und daß diese Überlieferungen nichts anderes als Unglauben bedeuten.
Man erzählt sich, diese Ansichten wären ihnen durch deutsche Kolonisten beigebracht worden; doch wer immer daran Schuld tragen mag, eines bleibt sicher und gewiß, daß daraus die Sekte „der Stundisten“ hervorging und herauswuchs.
Kasak Ochrim, ein unverheirateter Bruder der Pidnebesnaja, gehörte ebenfalls zu den Stundisten; ohne Lehrer und ohne Anleitung lernte er lesen und schreiben und hielt es für seine Pflicht andere lesen und schreiben zu lehren.
Er unterrichtete jedermann, der ihn darum ansprach, stets umsonst, denn er war davon fest überzeugt, daß er belohnt sein wird von Jenem, der befahl zu lernen und zu lehren.
Dieses Unterrichten ging im Winter regelmäßiger vor sich wie im Sommer, ganz schwach während der Erntezeit, im Herbst fanden sich schon mehr Schüler ein, deren Zahl sich in den Wintermonaten mehr und mehr steigerte, um gegen das Frühjahr und den Sommer schwächer und schwächer zu werden.
Den Kindern gab Ochrim Unterricht am Tage, die anderen, Erwachsenen, unterrichteteer Abends in seiner Stube, wobei die Weiber ihre Spinnräder schnurren ließen.
Doch bei Oheim Ochrim wurden keine weltlichen Lieder gesungen und leeres Geschwätze und Klatsch geführt; die Mädchen spannen ihren Lein, Hanf oder Wolle, Ochrim selbst — nachdem er auf den Tisch einen Teller mit Honig und eine Schüssel mit Nüssen gestellt, um seine Gäste zu bewirten — bat ihm zu gestatten, ihnen etwas von unserem Erlöser, Jesus Christus, erzählen zu dürfen.
Gewöhnlich war man mit seinem Antrage einverstanden und Ochrim erquickte durch seine Erzählungen die Seelen der Anwesenden geistig und durch Honig und Nüsse leiblich, so daß alle mit diesen Zusammenkünften völlig zufrieden waren und in keine andere Hütte zum Spinnabend gehen wollten als zu Ochrim.
Diese halb weltlichen, halb geistlichen Zusammenkünfte fanden später auch ohne Honig und Nüsse statt.
An den Spinnabenden bei Ochrim fanden auch andere Annäherungen statt, die gewöhnlich mit einer Heirat endeten, was nicht wenig zu Gunsten von Ochrims Abenden sprach.
Alle jungen Paare, welche sich bei Ochrim fanden, führten nach ihrer Heirat stets ein ruhiges, glückliches Leben.
Wahrscheinlich lag die Ursache darin, daß sich die jungen Leute in einer friedlichen und friedfertigen Atmosphäre und unter dem Einflusse einer religiösen Strömung und nicht im Sturme von Leidenschaften, wo das heiße Blut und nicht das Herz und der Verstandleitend auftreten, kennen lernten und sich näher traten.
So wuchs Pidnebesnijs Ruf als gottesfürchtiger und frommer Mann von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.
Zu Ochrim kam niemand, um gerichtet zu werden, weil er niemanden richtete, aber alle kamen um zu lernen, und Ochrim lehrte die Liebe zu Christus, dem Erlöser!
Solcher Leute, wie Ochrim, gab es zu jener Zeit in Kleinrussland mehrere, alle lebten ohne viel von sich reden zu machen, sie blieben unbekannt der sogenannten Intelligenz, aber waren sehr geachtet und verehrt von den Bauern und Kasaken.
Es mußte aber ein viertel Jahrhundert verstreichen, ehe man zu der Überzeugung gelangte, daß unter den Augen der Lebenden, unbeachtet, eine große nach Tausenden zählende Sekte erstanden ist, die wir unter dem NamenStundistenkennen.
Ich selbst habe einen der Gründer dieser Sekte persönlich gekannt; es war ein herzensguter, gegen jeden freundlicher, zuvorkommender Junggeselle — Kasak.
Wie die Mehrzahl seiner Glaubensgenossen lernte er mit Überwindung vieler Schwierigkeiten das Lesen und Schreiben, und lehrte sodann die Knaben und Mädchen der Gemeinde und Umgebung.
Wie Ochrim, so auch mein Bekannter lehrte bereits erwachsene Mädchen Lesen und Schreiben, erzählte ihnen an den Spinnabenden die Lebensgeschichte Jesu, seine Lehren und seine Leiden, wobei die Weiber spannen oder nähten.
Seine Redeweise war die denkbar einfachste, gänzlich ohne jede Dogmatik und theologische Findigkeiten; seine Reden hatten hauptsächlich den Zweck, die Menschen im Sinne der Lehren des Christentums zu erziehen.
Mein Bekannter — Prediger Kasak — lebte jedoch auf dem linken Ufer des Dneper, in einem Orte, wo es, außer ihm, keine weiteren Stundisten gab.
Übrigens bestand zur Zeit meiner Erzählung weder hüben noch drüben des Dnester eine regelrechte Organisation des Stundismus.
Wie ich schon früher erwähnte, wurde der kleine Sava Dukač dem Ochrim Pidnebesnij übergeben, damit ihn dieser lesen und schreiben lehre; dieser erkannte die rasche Auffassungsgabe und die tiefe Religiosität des Knaben und übertrug auf ihn seine volle warme Seele.
Sava zahlte seinem Lehrer mit gleicher Münze und so entwickelte sich zwischen ihnen ein Verhältnis und ein Bund, so zart und doch so stark, daß, als der alte Dukač den Knaben nach dem Kloster, in dem er selbst lebte, bringenließ, um ihn, dem gemachten Gelöbnisse der Mutter gemäß, dem Dienste der Kirche zu weihen, dieser dort schwermütig wurde, Heimweh nach der Mutter und Ochrim bekam und zu kränkeln anfing.
Dieses Heimweh, dieses Unwohlsein steigerte sich so, daß Sava, der überhaupt zart gebaut war, diesem erlag, bettlägerig wurde und gewiß gestorben wäre, wenn nicht Ochrim sich beeilt hätte, ihn zu besuchen.
Er begriff und erriet die Krankheit des Knaben und nach Paripsami zurückgekehrt, wußte er es der Dukačin klar zu machen, daß das Gott gemachte Gelöbnis nicht darin bestehe, Kindermord zu treiben; er riet ihr, den Knaben aus dem Kloster zu nehmen, ihn dort nicht quälen zu lassen und aus ihm kein „lebendiges“ Opfer zu machen.
Ochrim wies ihr einen, den Kleinrussen nicht gänzlich unbekannten Weg behufs Ausführung und Ableistung des Gelöbnisses; er riet ihr den Knaben in einer geistlichen Lehranstalt, einem Seminar, studieren zu lassen, damit derselbe ein Dorfgeistlicher, ein Pope werde, welcher den Armen und Elenden seiner Gemeinde viel gutes erweisen könne.
Die Dukačin ließ sich von den Ausführungen des Ochrim überzeugen und der kleine Sava wurde aus dem Kloster abgeholt und dem Seminar übergeben.
Dieses Vorgehen der Dukačin haben alle gebilligt, nur die Kerasivna nicht, in welcher sich überhaupt ein Geist des Widerspruches breit machte, sobald es sich um irgend eine Angelegenheit ihres Patenkindes handelte.
Man war sich darüber nicht völlig klar, ob sie denselben liebe oder hasse.
Ihr eigentümliches Verhalten gegenüber ihrem Täufling äußerte sich vom Tage seiner Geburt, namentlich dann, wenn das Kind in die Kirche gebracht wurde, um das heiligeAbendmahl zu empfangen.
Bei einer solchen Gelegenheit schrie die Kerasivna in der Kirche mit lauter Stimme:
„Was tut ihr denn! ... nicht nötig ... trägt ihn nicht ... es ist ein solches Kind, daß man zum heiligen Abendmahl nicht zulassen kann ...“
Die Leute beachteten jedoch ihr Geschrei nicht ... deshalb wurde sie grün und gelb vor Wut und Galle, lachte hell auf und bat:
„Laßt mich rasch heraus, daß meine Augen nicht sehen, wie Christi Blut einem unwürdigen Geschöpfe gegeben wird.“
Gefragt, weswegen sie sich so aufrege, gab sie zur Antwort:
„Mir ist gar so schwer ums Herz!“
Daraus zogen die Leute den Schluß, daß von dem Augenblicke an, als sie ihr Leben zum besseren änderte und zu hexen aufhörte, der Teufel dennoch ein kleines Kämmerchen in ihrem Herzen bewohne, in welchem er sich in Gesellschaft mit noch kleineren Teufelchen recht behaglich einnistete, die die Kerasivna stets beunruhigen und namentlich sie gegen den kleinen Sava aufregen, damit sie ihren Täufling nicht liebe.
Und tatsächlich haben die Teufel die Kerasivna so aufgeregt, daß sie, als der Sava ins Kloster gebracht werden sollte, drei Werstdem Schlitten nachlief, ohne Unterlaß schreiend:
„Fahrt ihn nicht ins Kloster ... dort gehört er nicht hin ... er ist nicht dazu bestimmt ... ihrfahrt euere Seele in die Hölle ... ihr nehmet eine große Sünde auf Euch ...“
Selbstverständlich nahm Niemand Rücksicht auf ihr Schreien, Schelten, Schimpfen, ja man achtete gar nicht darauf und vergaß bald diesen eigentümlichen, unerklärlichen Vorfall; als aber der kleine Sava aus dem Kloster zurückgeholt worden ist, und in jene Schule, welche ihn zum Geistlichen, Popen oder Mönch hätte ausbilden sollen, gebracht wurde, da fing erst das Elend mit der Kerasivna an; sie wurde dadurch so aufgeregt, daß sie sogar einen leichten Schlaganfall erlitt und lange Zeit nicht sprechen konnte, die Sprache gewann sie erst dann, als Sava bereits längere Zeit im geistlichen Seminar sich befand, wieder.
Bei der Aufnahme des Sava ereignete sich auch etwas eigentümliches ... es fehlte nämlich der Matrikelauszug, der Taufschein, welcher nicht beigebracht werden konnte, denn trotz allem Suchen und Nachforschen konnte die Eintragung, wann das Kind in Peregudi getauft worden sei, im Kirchenbuche nicht gefunden werden.
Doch dieses Fehlen von Taufscheinen, welches bei Aufnahme in die Stadt- und Dorfschulen ein großes Hindernis bietet, besitzt für die Kirchenschulen und Seminarien keine oder nur geringe Bedeutung, denn den Leitern dieser Schulen ist sehr wohl bekannt, daß die Popen nicht selten sogar ihre eigenen Kinderin die Matrikelbücher einzuschreiben vergessen.
Denn nach der Taufe pflegt man während des Schmauses recht brav zu trinken, so daß schließlich die Hände zittern und nicht im Stande sind ein Glas, geschweige denn eine Feder zu halten, man verschiebt deshalb die Eintragung auf den anderen Tag, an dem sich jedoch das wiederholt, was sich gestern ereignete, denn es muß der Rest aller trinkbaren Flüssigkeiten vertilgt werden, daraus resultiert am dritten Tage ein so schwerer Kopf, daß es dem Besitzer desselben absolut unmöglich ist, sich an etwas zu erinnern, was an den vorhergehenden zwei Tagen vor sich gegangen ist — und so vergehen einige Tage, ehe der Kopf sich aufhellt; während dieser Zeit ist auch die Eintragung — vergessen.
Da solche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören, betrachtete man auch diesen Fall als solchen und ließ selben gerade sein.
Der Vikarius schimpfte zwar und nannte den Popen von Peregudi einen Säufer, nahm aber den kleinen Sava, auf Grundlage der ihm vom dortigen Geistlichen mitgegebenen Ausweise über Kirchenbesuch und namentlich besonders schönen Bemerkungen über dessen Religiosität und Aufführung auf.
So nahm die ganze Angelegenheit ein Ende zu allseitiger Zufriedenheit.
Sava lernte gut, beendete die Schule und das Seminar und wurde dazu bestimmt auf die Akademie geschickt zu werden, als er für alle unerwartet die Bitte aussprach, ihn als einfachen Dorfgeistlichen wirken zu lassen.
Während der Zeit, als Sava die Schule besuchte starb der alte Dukač im Kloster; seine Mutter jedoch lebte nach wie vor in Paripsami und es traf sich ganz eigenartig, daß gerade zur Zeit, als Sava seine Ausbildung beendete, der alte Pope in seinem Geburtsorte starb.
Sava bewarb sich um diese Stelle und erhieltsie auch.
Über diese unerwartete Nachricht war das ganze Dorf höchlichst erfreut, nur die Kerasivna allein, die stark gealtert erschien, hätte über diese Neuigkeit fast den Verstand verloren.
Sowie man ihr mitteilte, ihr Täufling, der Sava, werde Seelsorger von Paripsami, seinem Geburtsorte, da zerriß sie ihr Kleid, schlug sich heftig auf die Brust, fiel auf einen Haufen von Streu undReisig und rief:
„Oh! Erde! Erde! tue dich auf und verschlinge uns beide!“
Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, stand sie auf, bekreuzte sich mehrmals und begab sich nach Hause.
Eine Stunde später sah man die Kerasivna, in schwarzem Kleide mit einem großen Stock in der Hand mit langen Schritten auf der Straße in der Richtung nach der Gouvernementsstadt eilen, wo der Sava in seiner Stellung alsDorfgeistlicher eingeweiht werden mußte.
Leute, welche der Kerasivna auf der Straße begegneten, waren nicht wenig darüber erstaunt, die Kerasivna so raschen Schrittes der Stadt zueilen zu sehen; sie ruhte nirgends aus, setzte sich am Wege nicht nieder, brummteohne Unterlaß etwas leise vor sich hin und sah im allgemeinen so aus, als wenn sie zum Tode geführt werden würde: sie betrachtete nur den Himmel und bewegte ihre Lippen, was die Begegnenden dahin auslegten, daß sie bete.
Auch diesmal blieb ihr Flehen und Bitten unerhört; alle ihre Gebete halfen nichts!
Obzwar sie genau zu jenem Akte in die Kirche kam, als der Diakonus, welcher den Neophyten einkleidete, das in der Kirche angesammelte Volk frug, ob Jemand gegen die Einweihung irgend eine Einsprache zu erheben habe, und sie zu schreien anfing — „ich will nicht! ich will nicht!“ — so hatte ihr Protest nicht nur keine Beachtung gefunden und Sava wurde zum Geistlichen eingeweiht, sondern sie selbst wurde aus der Kirche vom Volke selbst hinausgedrängt und der außerhalb der Kirche stehenden Polizei übergeben.
Das Ende ihrer schnellen Reise bestand in zehn Tagen Arrest, während welchen sie nicht nur die sämtliche schmutzige Wäsche des Polizeikommissärs rein waschen, sondern noch außerdem zwei Faß Kraut einstampfen mußte.
Die Kerasivna glaubte aber immer noch nicht daran, daß Sava tatsächlich zum Geistlichen, Popen, eingeweiht worden wäre, als sie aber die volle Wahrheit erfuhr, da fiel sie auf die Knie und rutschte auf diesen den ganzen Weg aus der Gouvernementsstadt bis zu ihrer Hütte, eine Strecke von achtzig Werst, um den Sava, ihren Täufling, bereits in voller Tätigkeit als Popen in seinem Geburtsorte zu finden.
Wie ich bereits erwähnte, waren die Einwohner von Paripsami ganz glücklich darüber einen Popen zu besitzen, der im Orte geboren worden war, den Sohn eines Kasaken, weshalb Sava bei seinem Einzug mit großem Enthusiasmus empfangen worden ist.
Dazu hatte nicht wenig beigetragen, daß Savas Mutter noch lebte, und der Pope selbst seine Mutter liebte, hochachtete, ehrte und schätzte und daß er sofort nach seiner Ankunft nach seiner Patin, der Kerasivna, frug und sie zu sehen und zu begrüßen wünschte.
Dadurch, daß sie eine Hexe sei, ließ sich Sava nicht stören.
Alle waren sofort davon überzeugt, es werde keinen besseren und ausgezeichneteren Seelsorger geben als den Sava.
Und tatsächlich ist dies auch der Fall geworden, wie es in der Folge sich erwies.
Alle ohne Ausnahme hatten ihn liebgewonnen, sogar die Kerasivna hatte nichts an ihm aussetzen oder gegen ihn einwenden können; aber dennoch zog sie von Zeit zu Zeit ihre Augenbrauen zusammen, seufzte und meinte:
„Das wäre ja alles recht schön, wenn nur der Fisch in der Suppe wäre.“
Nach ihrer Ansicht gab es keine Fischsuppe ohne Fisch.
Es hatte den Anschein, daß nach Ansicht der Kerasivna der Pope doch nichts wert ist, und sich dieses in kurzer Zeit offenbaren werde,obzwar Sava sonst ein sehr guter und braver Mensch sei.
Und so war es auch; man fing an zu bemerken, daß er, Sava, nicht so vorgehe wie die übrigen Popen; er war nicht reich, und dennoch hatte das Geld für ihn keinenWert; dann, als seine Frau starb, da heulte er nicht und nahm auch keine junge Wirtschafterin auf; — als dann einmal einige Frauen zu ihm kamen um sich mit ihm zu beraten, ob sie nicht nach Kiev wallfahren gehen sollten, da riet er ihnen davon ab und meinte, daß es Gott gefälliger sei, wenn sie sich der Armen und Elenden annehmen und vor allem anderen in ihren eigenen Hütten ein stilles, ruhiges, arbeitsames, Gott ergebenes Leben führen; was gegebene Gelöbnisse anbelangt, so zeigte nach dieser Richtung hin Sava eine besonders große Kühnheit, in dem er Frauen von denselben absolvierte und die Sünde auf sich selbst nahm.
Jemanden von einem Gott gegebenen Gelöbnisse oder Opfer zu absolvieren und loszusprechen ... das erschien vielen fast eine Gotteslästerung zu sein, die man von einem getauften Menschen kaum, von einem Priester schon gar nicht erwarten konnte.
Doch dabei blieb es nicht; das Wundern und Kopfschütteln nahm kein Ende, ja man regte sich geradezu auf, als während der großen Fasten Sava Niemanden verbat Fleisch zu essen und darauf hinwies, alles das zu essen, was ihm Gottbescheret hat, auch Niemanden öffentliche Kirchenbuße auferlegte; fand er Ursache, eine Strafe aufzuerlegen, dann wardiese Strafe so eigener Art, daß alle darüber ihr Staunen nicht unterdrücken konnten.
So belehrte er, um ein Beispiel anzuführen, den MüllerGawrila, welcher, wie bekannt, mit einem falschen Maße denjenigen Anteil des Getreides abmaß, der ihm als Mahllohn gebührte, dahin, ja befahl ihm sogar, sofort von diesem Maße soviel abzuschneiden, als es nötig ist, und seinen Kunden fürderhin nicht mehr am Getreide abzumessen, als es das Gesetz erlaubt.
Unter keinen anderen Umständen erteilte er ihm den Ablaß der Sünden und bewies ihm aus der heiligen Schrift klar und deutlich, daß unrecht Gut nicht wohl tut, und daß Gott ihn nicht nur auf der Erde schon, sondern auch im Himmel strafen werde dafür, daß er sich fremdes Gut widerrechtlich angeeignet habe.
Der Müller folgte dem Befehle; in der Folge hatte Niemand mehr Grund und Ursache sich über ihn zu beklagen, im Gegenteil, sein Kundenkreis erweiterte sich sichtlich und seine Vermögensverhältnisse besserten sich.
Er erklärte sehr oft öffentlich, daß er für alles dieses nur dem Vater Sava zu danken habe, der ihn auf den guten Weg wies.
Ein junges, heftig aufbrausendes, fast jähzorniges Weib, das einen Witwer heiratete, war eine wahre Stiefmutter der Kinder der verstorbenen Frau.
Vater Sava hatte sich auch hier eingemischt.
Nachdem das Weib zum erstenmale bei Sava gebeichtet, änderte sie zum allgemeinen Erstaunen ihren Charakter; sie ist nicht mehrStiefmutter, sondern eine rechte, wahre Mutter den Kindern geworden.
Wenn schon Jemand ein Opfer bringen wollte, dann nahm es zwar Sava an, er kaufte aber für dieses Geld keine Kerzen oder Weihrauch, sondern verwendete dasselbe zu Gunsten und für die Bedürfnisse der vater- und mutterlosen Waisen, Michalek und Potapka, welche im Halbgeschoß des Kirchturmes ihre Wohnung angewiesen erhielten.
Sagte ’mal Vater Sava einem Weibe oder Mädchen:
„Ich vergebe Dir im Namen Gottes Deine Sünden, gehe hin und sündige nicht mehr, sondern bete und arbeite und diene dem Herrn.“
„Ratet mir, Väterchen, wie soll ich dem Herrn dienen ... soll ich etwa nach Kiev wallfahren gehen?“
„Nein, das ist nicht nötig. — Bleibe zu Hause und arbeite, tue aber nicht mehr das, was Du getan. — Jetzt aber gehe, nehme den Kindern Gottes, dem Michalek und Potapka, Maß, nähe jedem ein paar Höschen, sie brauchen nicht sehr lang zu sein, und ein Hemd. Die Kinder sind schon groß und schämen sich in Fetzen und halbnackt unter die Leute zu gehen.“
Die Sünderinnen nahmen sehr gerne derartige Strafen an und Michalko lebte mit Potapka unter der Vormundschaft und Aufsicht des Popen Sava so glücklich, wie im Schoße Abrahams; sie gingen nicht nur nicht in Fetzen und halbnackt herum, sondern hatten in allem Überfluß, so daß sie ihren Waisenstand gar nicht fühlten.
Derartige Kirchenstrafen waren nach dem Herzen der Leute, ja sie fühlten sich dadurch erhoben, getröstet, beruhigt.
Aber sein Vorgehen brachte ihm dennoch Unannehmlichkeiten ein.
Der Ruf Savas als Seelsorger verbreitete sich weit und breit, so daß eine große Zahl von Leuten aus den nachbarlichen Kirchensprengeln seine Kirche aufzusuchen begannen, namentlich viele Einwohner von Peregudi, dem Orte, wo Sava getauft sein sollte, gingen nach Paripsami zur Kirche.
In Peregudi starb der Pope und ein neuer zog dort ein.
Dadurch, daß viele Einwohner von Peregudi nach Paripsami zur Kirche gingen, zog sich Sava die Feindschaft des Popen in Peregudi zu, die sich noch aus einem andern Grunde steigerte.
Der nach Peregudi eingepfarrte Kasak Oseledec starb.
Auf seinem Krankenbette entschloß er sich ein Schock Rubeln auf eine neue große Kirchenglocke für die Peregudier Kirche zu widmen, änderte aber seinen Entschluß, nachdem er sich mit Vater Sava darüber beraten hatte; er ließ die Nachbaren zu sich rufen und teilte ihnen mit, er vermache dieses Schock Rubeln zu einem guten Zwecke, nach dem Willen des Popen Sava; auf eine neue Glocke jedoch schenke er nichts.
Kasak Oseledec starb und Vater Sava erhielt das vermachte Geld ausgezahlt.
Für dieses Geld ließ Sava ein Haus aufbauenmit großen, breiten Doppelfenstern und fing in diesem zu unterrichten an.
Die Kasaken meinten, eine Schule sei ein gutes Ding, aber der Peregudiner Pope redete ihnen ein, daß aus dem allen nichts gutes herauskommen könne und werde.
Er versprach ihnen sogar eine Klage gegen Sava aufzuschreiben und brachte sein Versprechen tatsächlich in Ausführung. In Folge dessen wurde Vater Sava zur Verantwortung vor den Bischof geladen, welcher ihn, nachdem er Sava gesprochen, belobte und aufmunterte, in seinem gottgefälligen Werke fortzufahren, Schule zu halten und die Kinder zu lehren, und ihn schließlich in Frieden entließ.
Und Sava lehrte jeden und alle, die kamen, in der Schule, in seinem Hause, im Wald und Flur, auf Stegen und Wegen und in seiner kleinen Dorfkirche.
Jahre vergingen; der Pope in Peregudi, eifersüchtig und unserem gutmütigen Sava feindlich gesinnt, baute in dieser Zeit eine neue große Kirche in seinem Amtsorte auf, größer und schöner als die in Peripsami, bekam außerdem für dieselbe ein großes Heiligenbild geschenkt, von dessen Wundertätigkeit er nicht genug zu erzählen und zu verkündigen hatte.
Aber dieses alles ließ unseren Vater Sava völlig kalt, machte ihn gar nicht neidisch, denn er wirkte und lebte still und ruhig in seiner Gemeinde, ohne sich durch äußere Eindrücke stören zu lassen.
Nach wie vor hielt er den Gottesdienst in der kleinen hölzernen Dorfkirche seines Geburtsortes,predigte das Gotteswort in derselben in einfacher, seinen Zuhörern verständlichen Sprache und lehrte sie nach den Gottesgeboten leben und arbeiten.
Während aber die Zahl seiner Zuhörer von Jahr zu Jahr wuchs, so daß sich die Kirche als zu klein erwies und er nicht selten genötigt war auf dem freien Platze vor der Kirche seine Rede zu halten, gab es in der Kirche zu Peregudi reichlich Platz für die wenigen Beter in derselben, ja, es war keine Seltenheit, daß sich in derselben Niemand anderer befand als der Pope mit seinem Küster, welche in derselben promenieren und zusehen konnten, wie die Mäuse keck und frei auf dem Ambon sich herumtummeln und versteckens spielen.
Der Pereguder Pope unterließ es wohlweislich bei seiner vorgesetzten Behörde über Vater Sava Klage zu führen; aber er unterließ es nicht über denselben bei jeder nur einigermaßen günstig sich darbietenden Gelegenheit zu schimpfen, wodurch jedoch dem Vater Sava kein Schaden zugefügt werden konnte, und dieser gab keine Gelegenheit gegen ihn beim Bischof Beschwerde führen zu können, der selbst dem Sava wohlwollte und ihn, wie ich bereits erwähnte, wegen der Erbschaft jenes Schockes Rubeln, welche der Kasak ursprünglich zur Anschaffung einer Glocke bestimmte, Sava jedoch für diese eine Schule baute, nicht nur freisprach, sondern sogar belobte.
Jahrelang wartete der Peregudiner Pope, bis sich ihm Gelegenheit bieten wird, gegen den Vater Sava auftreten zu können, den erselbst für einen Zauberer erklärte, weil er mit einer Hexe, die sogar seine Patin ist, im freundschaftlichen Verhältnisse stehe, einem Frauenzimmer, das eine ausgesprochene Landläuferin sei und zu keinem Popen beichten gehe.
Dieses letztere war auch tatsächlich der Fall; seit der Zeit, als sie mit dem erst zur Welt gekommenen Sava nach Peregudi fuhr, seit der Zeit hat sie in der Tat bei keinem Popen gebeichtet, was um so auffallender war, als sie sonst alle von der Kirche vorgeschriebenen Fasten und sonstige Gebote strengstens einhielt und befolgte.
Aber plötzlich wurde es wiederum allgemein laut, die Kerasivna sei doch eine richtige wahre Hexe und werde in ihrem teuflischen Tun durch Vater Sava unterstützt.
Denn unvorgesehen fingen die Kühe im Dorfean weniger Milch zu geben als sonst.
Wer war Schuld daran?
Gewiß Niemand anderer als eine Hexe, und da im Dorfe Niemand anderer hexen konnte als die Kerasivna, so blieb es klar und unzweifelhaft, daß an diesem ganzen Unglücke Niemand anderer Schuld trage, als die Kerasivna allein.
Beweisend für diese Annahme war die seinerzeitige Verhexung ihres Mannes und auch der anderen Dorfbewohner, welche sie alle überlebte. Bereits mit einem Fuße im Grabe stehend, könne sie sich dennoch nicht entschließen, zur Beichte zu gehen; auch sterben könne sie nicht.
In einer Beratung, an welcher fast die sämtlichen Einwohner des Dorfes sich beteiligten,wurde der Beschluß gefaßt, derjenige, welcher der Kerasivna an irgend einem einsamen entlegenen Orte begegne, sei verpflichtet, diese kräftig durchzuprügeln, wie es von einem rechtgläubigen Christen erwartet werden kann, wobei er ohne Unterlaß zu rufen habe:
„Krepiere auf der Stelle, verende, oder ich werde Dich noch weiter prügeln.“
Und einem von diesen sonst so gottesfürchtigen Kasaken, die zu dieser Niederträchtigkeit ihre Zustimmung gaben und dazu bereitwillig ihre Dienste anboten, glückte es, die Kerasivna außerhalb des Dorfes an einer abseitsgelegenen einsamen Stelle zu treffen, wo er sie so lange mit dem Stocke schlug, bis diese anfing zu bitten:
„Ruft den Popen ... ich will beichten ... ich sterbe.“
Die Kerasivna wußte es, warum sie geschlagen wird.
Mit schwerer Mühe und unter großen Schmerzenschleppte sie sich in ihre Hütte; und schon war auch Vater Sava da, welcher, als ihm mitgeteilt worden, was der Kerasivna geschehen, sofort zu ihr eilte, sich um sie bemühte und alles tat, um ihre Schmerzen zu lindern.
Nach einiger Überlegung sagte die Kerasivna zu ihm:
„Nein, Sava. Dir kann ich nicht beichten ... Deine Beichte gilt nicht ... rufe zu mir einen anderen Popen ...“
Vater Sava schickte in seiner Gutmütigkeit sofort seinen Wagen nach Peregudi, zu seinem Feinde undVerleumder und ließ ihn bitten,zur Kerasivna zu kommen, ist aber während der ganzen Zeit höchst unruhig darüber gewesen, ob der Pereguder Pope seinem Rufe folgen werde oder nicht.
Diese Besorgnis erwies sich als unnötig.
Der Pope von Peregudi kam angefahren, ging zu der Sterbenden und blieb lange, lange mit ihr allein in der Stube; dann aus derselben tretend, verbarg er unter seinem Kirchengewande das für die Kranke bestimmte geweihte Brot und fing hell laut an zu lachen, so zu lachen, daß alle vor der Hütte stehenden Leute ihn verwundert ansahen und nicht begreifen konnten, was ihm denn so lächerlich vorkomme.
„Worüber lacht Ihr denn, Väterchen, so unbändig, daß uns Angst und Bange wird?“ frugen die Leute, worauf er ihnen antwortete:
„Ja, Angst und Bange muß euch auch werden, das habt ihr reichlich verdient, denn so etwas, was bei Euch vorgeht, eine solche Heidenwirtschaft hat die Welt seit dem Tage der Taufe des heiligen Vladimir nicht gesehen und nicht erlebt.“
„Gott mit Euch, Väterchen, ängstigt uns doch nicht so sehr ... geht doch, seid so gut, zu unserem guten Vater Sava und besprecht Euch mit ihm ... er wird gewiß etwas finden, wie man der christlichen Seele helfen kann ...“
Doch der Peregudiner Pope lachte noch heller auf und wurde vor Lachkrampf fast grün und blau, riß die Augen weit auf und rief mit mächtiger Stimme in das Volk hinein:
„Dummköpfe, die ihr alle seid und nichts weiter ... ihr alle ... seid dunkle, dumme, unerleuchtete Köpfe trotz euerer Schule ... blind seid ihr, denn ihr sehet und merket nichts ...“
„Deswegen baten wir ja Dich, Väterchen, zu unserem Sava zu gehen ... er erwartet Dich ja ohnehin in seinem Hause ... geh’ doch zu ihm ... sage ihm alles ... er weiß und sieht alles ...“