Chapter 9

Aus irgendeinem Grunde wurde vor dem Hotel eine neben dem Türpfosten befestigte, grelltönende Glocke geläutet, der Kellner, dem dies oblag, zog an dem Strick mit einem leidenschaftlichen und genauen Rhythmus. Dicht dabei, an einem mit schon geleerten Weinflaschen bestandenen Tisch, hielten sich kreischende Frauen die Ohren zu und taten empfindlich, während ihre freudeheißen Gesichter den Männern breit zulachten, davon einer gerade sein rot gefülltes fußloses Glas hoch emporhob zum Wohl der sonntäglich geputzten derben Schönen.

Der Geheimrat brauchte sich mit seiner Gesellschaft nur durch Blicke zu verständigen — sie waren einig in dem Wunsch, sich von dem Treiben recht weit zu entfernen. Langsam spazierten sie auf dem Gelände dahin; es stieg und fiel ab und war doch alles der fast hufeisenförmige Gipfel des Berges.

Sie fanden einen grünbenarbten kleinen Hang, der wie ein amphitheatralischer Sitz einlud. Und der Geheimrat zog wieder eins seiner berühmten Reservetaschentücher heraus, breitete es säuberlich hin und setzte sich darauf, obschon der Bewuchs der Erdkrumen ein aus Rasen und Kräutern ineinanderverfilztes trockenes Lager geboten hätte.

Neben ihm suchten sich Jutta und Herbert Gamberg ihren Platz, Jutta zwischen den beiden Herren. Ganz wie von selbst blieb man zusammen, wie der Zufall es bei der Herauffahrt gefügt.

Die Art, wie Frau Gervasius ihre Tochter eng neben sich behielt, hatte fast etwas Demonstratives — in aller Unbewußtheit — als wolle sie sich und unwillkürlich damit auch den anderen zeigen: noch ist esmeinKind! Noch binichdie Nächste zu ihrem Vertrauen, ihren Kümmernissen. Und Renate, ein wenig schweigsam und oft von einem ganz bohrenden Nachdenken wie hinweggeführt aus dem gegenwärtigen Zustand, hing sich an die Mutter und suchte sich auch mit ihr zusammen einen Platz, fern von den anderen, und als sie dann saß, legte sie ihren Hut in den Schoß und ihren Kopf an die Schulter der Mutter. Still träumten sie beide hinaus. Und indem sie das große Bild zu bewundern schienen, waren ihre Gedanken doch eigentlich stark beschäftigt. Die Mutter wartete, voll Vorsicht, aber doch auch voll Begierde, ob die Tochter nicht sprechen würde. Aber der Tochter war es Zuflucht und Vertrauen genug, in all ihrer Furcht diesen guten, sicheren Platz zu haben, wo man ohne Erklärungen fest sich anlehnen durfte.

Gewiß — so fühlte sie — verstand die Mama von selbst, daß es viele, viele Dinge und Fragen gab, über die eine Braut schwer nachzudenken hatte. Denn einmal sagte sie es doch selbst: man müßte die Brautzeit nicht nur durchjubeln, sondern auch zur ernsten Einkehr benutzen.

Manchmal seufzte Renate, ohne es zu wissen. Und die schweigende Mutter horchte bekümmert dem Seufzer nach.

Der Geheimrat bog sich ein wenig zurück, um mal zu konstatieren, wo Frau und Tochter sich denn eigentlich niedergelassen hatten. Er fühlte wohl: die zwei freimauerten heute ein wenig zusammen — schlossen ihn und alle Welt von ihrem Bündnis aus. Er streifte es mit keinem Wort. Aber er dachte: gut so — gut so! Er wußte ja: zwischen Müttern und Töchtern gibt es merkwürdige Dinge: ein Verstehen, bloß aus dem Gefühl heraus, ohne Worte, das ans Wunderbare grenzt ... als seien da Fäden, die nichts zerreißen konnte ...

Nun saß man lange schweigend. In diesem gigantischen Weltbild da vor ihnen war keine Einheitlichkeit der Stimmung. In ruhevoller, ernster Pracht stieg zu ihren Füßen der Berg hinab, mit grünen Matten und tiefen Wäldern. Über ihrer Linie sah man den See, im beizenden, blitzenden Blau bestrahlter Edelsteine — die zierlichen Ufer überlächelte der Sonnenschein. Das war von so versucherischer, sündhafter Grazie, von so gesteigerter Schönheit, daß man in begehrlichem Verlangen die Arme hätte ausbreiten mögen, um in ihr zu vergehen.

Zur Rechten und geradeaus verschwamm diese glänzende Üppigkeit ins Grenzenlose, ihre Abschlußlinie ging unter im Duft der Ferne, so daß es schien, die ganze Erde sei von ihrem Herrlichkeitswesen. Aber zur Linken und geradeaus traf der Blick auf die harte und düstere Mauer der Hochalpen. Über der Wucht des grauen Felsenmassivs des Dent du Midi erstreckten sich Gletscher, waren wie weißblaue Fetzen zwischen Felsschroffen geworfen und eingeklemmt; dahinter drängten sich, fern und immer ferner, eisige Gipfel — da ahnte man eine Welt von tödlicher Leere und Kälte — ein Durcheinander von furchtbaren Einöden.

Der Himmel hielt das Bild zusammen — spannte sich über all diese Töne hinüber. Sein Blau war von solcher Tiefe, daß es dem hinauf sich bohrenden Blick zuletzt schwarz erschien ... Und weiße, einsame Wolken zogen ...

Tief unter ihnen zog ihr Schatten mit ...

Diesem lautlosen Riesenspiel des Lichtes mit den Wolken sahen sie, wie bezaubert davon, zu.

Jutta saß schweigend, von einer an Andacht grenzenden Wonne halb betäubt. Sie genoß die schöne Stunde zusammen mit dem Mann, der sie liebte! Dies Wissen: geliebt zu sein, das werbende Sehnen und Begehren neben sich zu spüren, erhöhte ihr noch die Gewalt dieses Blickes in unerhörte Naturwunder.

„Wären wir allein hier!“ dachte sie in heißem Wunsch — „Hand in Hand, hoch über der Welt ...“

Fühlte er nicht das gleiche? Sagte er nicht aus dieser Notwendigkeit heraus plötzlich halblaut: „Es wäre schöner, zu Fuß hinabzusteigen.“

„Ja, ja ...“ gab sie hastig zu.

„Ob es schöner wäre!“ sagte der Geheimrat. „Wenn Sie Lust dazu haben, ich bitte Sie, unabhängig zu sein. Wir können da heute nicht mithalten ... mein Töchterlein scheint ein wenig flau — ist still — sie soll sich nicht anstrengen ...“

„Wollen wir?“ fragte er.

Sie sahen sich an. Rasch, in aufjauchzendem Entzücken: „Ja — ja ...“

Und wieder Schweigen.

Nun war Jutta wie trunken von der Erhabenheit der Welt ... Bereit, in all der Schönheit unterzugehen — widerstandslos — und sei es Sünde — und sei es Tod ... Allein mit ihm ... endlich und zum erstenmal wirklich allein ...

Der Geheimrat sah den gleitenden Schatten nach und suchte eine Erinnerung festzunageln.

„Schopenhauer,“ sagte er, „mein Gott, so etwas kann quälen ... helfen Sie doch ... oder können Sie’s nicht? Sie sind aus der Generation, die ihn nicht mehr las ...“

Aber Herbert Gamberg konnte aushelfen.

„Im Kapitel von der Nichtigkeit und den Leiden des Lebens,“ sprach er; „die Gegenwart ist einer kleinen dunkeln Wolke zu vergleichen, die der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit unwiederbringlich.“

„Das nenn’ ich ein genaues und präsentes Gedächtnis haben,“ lobte der Geheimrat.

„Nein,“ dachte Jutta, „meine Gegenwart ist nicht mehr dunkel ... nicht mehr ...“

Und zugleich hatte sie jenen kleinen, rührenden und kindlichen Stolz, den liebende Frauen haben können, wenn der Geliebte gelobt wird.

Die beiden Männer sprachen weiter, mit gelassenen Stimmen, in einem durch den wohligen Genuß am Augenblick etwas trägen Fluß der Gedanken oder doch der Worte. Der Geheimrat erzählte, daß er seinen Stil an Schopenhauer zu bilden versucht habe, daß er dessen Prosa noch über die Goethesche stelle, daß man es nicht genug beklagen könne, wie ganz aus der Mode es gekommen sei, in Schopenhauer noch den Sprachkünstler zu ehren. Herbert Gamberg meinte, man sei hier am Genfer See mittelbar ein wenig in seinem Dunstkreis. Der Name Grisebachs, des Schopenhauer-Jüngers, fiel; von dessen „Neuem Tannhäuser“ war die Rede, und Gamberg wußte einige Lyriker zu nennen, deren Ernten seiner Ansicht nach auf Grisebachs Acker gewachsen waren.

Im Geheimrat wurden Stimmungen aus der Jugend wach. Er war vergnügt, daß Gamberg Halbvergessenes in ihm aufstöberte ... allerlei Reime erhoben ihr anmutiges Geklingel; aus dem unendlichen Bergwerk von ernstem Wissen, in dem tief versteckt sie am Leben geblieben waren, fuhren flink leichtsinnig holde Verse auf. Er zitierte — tastend — mit suchenden Worten — ungenau — Herbert Gamberg half aus.

Und endlich hatten sie es beisammen, und der Geheimrat fühlte jene drollige Freude, die auch verständigste Menschen haben, wenn es ihnen gelingt, eine Gedächtnislücke auszuflicken, schon scheinbar Verschollenes wieder lebendig vor sich zu sehen. Er las dem jüngeren Mann nun, lautlos sie nachsprechend, förmlich die Silben von den Lippen, als Herbert mit halber Stimme aufsagte:

„O ihr Savoyens veilchenfarbene HöhnUnd du, Montblanc, in rosigen Abendgluten,Tiefblauer See — wie seid ihr heute schön!Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten;Ich schaue seufzend nach La MeillerieUnd fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen,O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! —Wär’ sie mein eigen!“

„O ihr Savoyens veilchenfarbene HöhnUnd du, Montblanc, in rosigen Abendgluten,Tiefblauer See — wie seid ihr heute schön!Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten;Ich schaue seufzend nach La MeillerieUnd fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen,O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! —Wär’ sie mein eigen!“

„O ihr Savoyens veilchenfarbene HöhnUnd du, Montblanc, in rosigen Abendgluten,Tiefblauer See — wie seid ihr heute schön!Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten;Ich schaue seufzend nach La MeillerieUnd fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen,O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! —Wär’ sie mein eigen!“

„O ihr Savoyens veilchenfarbene Höhn

Und du, Montblanc, in rosigen Abendgluten,

Tiefblauer See — wie seid ihr heute schön!

Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten;

Ich schaue seufzend nach La Meillerie

Und fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen,

O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! —

Wär’ sie mein eigen!“

„Die letzte Strophe,“ drängte der Geheimrat, „kriegen Sie sie noch zusammen?“

„Duwarstmein eigen — was hat mich so baldAus deinem Arm, aus meinem dich getrieben?Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt?Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben?Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See,Die Wogen tanzen ihren alten Reigen,Der Mond geht auf wie damals in Vevey —Wärst du mein eigen!“

„Duwarstmein eigen — was hat mich so baldAus deinem Arm, aus meinem dich getrieben?Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt?Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben?Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See,Die Wogen tanzen ihren alten Reigen,Der Mond geht auf wie damals in Vevey —Wärst du mein eigen!“

„Duwarstmein eigen — was hat mich so baldAus deinem Arm, aus meinem dich getrieben?Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt?Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben?Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See,Die Wogen tanzen ihren alten Reigen,Der Mond geht auf wie damals in Vevey —Wärst du mein eigen!“

„Duwarstmein eigen — was hat mich so bald

Aus deinem Arm, aus meinem dich getrieben?

Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt?

Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben?

Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See,

Die Wogen tanzen ihren alten Reigen,

Der Mond geht auf wie damals in Vevey —

Wärst du mein eigen!“

Und während so der alternde Mann, in der weichen Freude, die die Stimmung dieser prangenden Welt auch in ihm aufwallen ließ, zärtlich mit dem Geschmack seiner Jugend liebäugelte und nachkostete, was ihn damals entzückt hatte — horchte die junge Frau den Worten nach ...

Sie hörte den Klang der Leidenschaft in der halblauten Stimme.

Sie fühlte, daß er esihrsagte, dies flehend sehnsüchtige: Wärst du mein eigen!

Sie erlebte wieder jene kurze Minute in der purpurdunkeln, rosenduftigen Sommernacht, wo er sie geküßt.

Und ihr deuchte, als sei dies nicht ein rascher Kuß gewesen — als hätten sie sich damals feierlich einander gegeben — und alles, was nachher kam, sei Irrtum, sei Treulosigkeit gegen ihn ...

„Wärst du mein eigen!“

Alles ging weiter ... die Stunden spannen sich ab. Ein Weilchen noch sprach der Geheimrat von den Göttern und Götzen seiner Jugend, hielt eine allgemeine Revue über die Trümmer, die man so hinter sich läßt — meinte: je mehr einer rückwärts liegen weiß, desto heller ist’s vor ihm.

Dann stand man auf. Die Prosa kam, und man mußte essen und saß, merkwürdig von grundlos plötzlicher Heiterkeit getragen, um die Spitze einer jener langen Generalabfütterungstafeln im Saal. Der war nun wieder leer, und nur die Kellner schlüpften wie schwarze Hechte hin und her und räumten ab.

Nachher saß man noch lange am Haus im Freien und ließ den Geheimrat in Ruhe zu seinem Kaffee und seinen Zigaretten kommen. Bei dieser Gelegenheit wurde es dann auch festgestellt: Gervasius’ fuhren mit der Bahn hinab in ihr Hotel in Caux, und der Legationsrat von Gamberg schwor dem Geheimrat, als dem derzeitigen Beschützer der schönen Frau Jutta, zu, daß sie mit heilen Gliedmaßen bis an die Pension gelangen solle. Der Geheimrat nahm seine Verantwortung humoristisch wichtig — denn im Ernst konnte von irgendeiner Gefahr bei diesem geplanten Abstieg nicht die Rede sein.

Dann standen Jutta und Herbert Gamberg auf dem offenen, mit gelbem Kies bestreuten Bahnsteig, der fast aus dem schwarzen Mundloch des Tunnels herauszukommen schien, einer langen, schmalen Zunge gleich.

Sie lächelte ganz freundlich zu den drei Abfahrenden hinauf — ein unverdächtiges Lächeln. Sie wechselte verständliche Worte mit ihnen, die Sinn und Zusammenhang hatten, und denen niemand angehört haben würde, daß ein Wesen sie sprach, das eigentlich nur Maske war.

Dahinter, die wahre, die eigentliche Frau lächelte nicht und sprach nicht, sondern dachte einen einzigen fanatischen Gedanken: „Nun sind wir gleich allein.“

Herbert, in einer beklemmenden Vorfreude darauf, endlich Stunden ungestörter Aussprache vor sich zu haben, verbarg seine Erleichterung über die Abfahrt der Freunde unter immer wachsender Höflichkeit und strengem Ernst des Ausdrucks. Nichts war seiner zurückhaltenden Art gemäßer als dies. Wenn er heimliche Erregungen zu verstecken hatte, wurde er steif.

„Er ist ein merkwürdiger Mann,“ dachte der Geheimrat, „wenn man recht gemütlich mit ihm gewesen ist, scheint er es nachher gewissermaßen dadurch zurückzunehmen, daß er sich in formelle Haltung hüllt.“

So bekamen, nach den wohlgelungenen Stunden des Tages, diese letzten Minuten etwas Konventionelles.

Noch ein letztes Grüßen — und sie standen allein.

Sie sahen sich an — kurz atmend — verlegen beinahe, von dem halbdeutlichen Wunsch beherrscht, voreinander ihre heiße Freude zu verbergen ... als sei etwas Plumpes darin, das unterdrückt werden solle ...

„Gehen wir gleich?“

„Das müssen wir wohl,“ sagte Jutta, „es ist jetzt halb fünf. Vor Einbruch der Dämmerung möchte ich unten sein.“

„Oh — wir sind es früher ...“

„Desto besser.“

„Also ...“

Das sollte wie muntere, harmlose Aufforderung klingen. Und kam nur gepreßt heraus.

Sie schritten aus. Hintereinander her. Der Mann voran.

Hart unterm Gipfel, in ganz geringer Senkung, zog sich über feines Geröll, das rieselte und rutschte, ein Pfad hin. Wie eine Wand stand zur Rechten der grünbenarbte Fels, links unten lag die Welt.

Zuweilen wandte Herbert sich zurück und sah die geliebte Frau an — was sie mit einem strahlenden Lächeln beantwortete.

Leicht schritt sie einher — in grundlos seliger Fröhlichkeit.

Nichts hatte sich an den Umständen ihres Lebens geändert.

Und doch schien ihr, als sei nun jede Not vorbei — als wandere sie mühelos, freudig hinein in die Erfüllung all ihres Sehnens.

Die im Grenzenlosen verschwimmende Herrlichkeit der schönen Welt schien ganz allein für sie da zu sein, lachte für ihre lachende Seele.

Es war keine menschliche Mühe, es war göttliche Lust, zu leben.

In den Rausch dieser Stimmung drängten sich keine schwülen Beängstigungen — es war etwas ganz Freies — Reines.

Das bloße Gefühl, von jeder Heuchelei befreit zu sein, gab eine vollkommene Zufriedenheit und Erholung.

Schweigend wanderten sie. Nur der Widerklang ihrer Schritte und das leise Rieseln des Weggerölls, das ihr Fuß in Bewegung setzte, ging immer mit ihnen. Hinter ihnen her kam der laue Wind und strich die Frauenkleider nach vorn. Zuweilen holte ein Wolkenschatten sie ein, huschte über sie hinweg und eilte ihnen voraus am Hang hin.

Sie kamen an die einzige wirklich mühevolle Stelle des Abstiegs. Für einen Kamin zu weit, für eine Schlucht zu eng — eine Art steil abfallender Rinne, angefüllt mit kleinen Blöcken, zwischen denen zuweilen ein kümmerlich grünendes Buschgestrüpp seine Reiser herausstreckte und ein Wasser rann, doch so dürftig, daß es nicht rieselte, sondern nur feuchtete.

Herbert stieg voran. Er prüfte mit dem Stock die Liegefestigkeit jedes Steines, ehe er darauf trat oder seinen Fuß in die Spalten und Lücken zwängte. Dann hielt er seine Rechte der nachkommenden Jutta hin. Mit einer gewissen feierlichen Emsigkeit überwanden sie die Strecke, ganz fürsorglich sich nur gegen ihre kleinen Tücken vorsehend.

Und dann standen sie ausatmend und vergnügt einander gegenüber. In der glücklichsten Unbefangenheit. Und dachten nur erstaunt, warum sie vorhin voreinander verlegen gewesen seien.

„Von nun an ist es ein Spaziergang,“ sagte er.

„Wir können bis dicht vor Caux auf dem Hauptweg bleiben und dann den kleinen Pfad nehmen über die Alm, nachher durch den Wald hinab, nach Montfleury. Ich kenn’ mich da aus — ich bin mit Renate schon da gegangen!“

Wirklich, es war ein Spaziergang. Ein gutes Wandern war es in der leichten, unbegreiflich reinen Luft, die nach Schneefrische und würzigen Kräutern zugleich roch. Die wohlig warm war und zugleich so stark.

Und immer lag fern drunten der See, im blausilbernen feinschuppigen Gerinnsel seiner weit hingestreckten Fläche.

Nur eine Überraschung bot dies Spazierengehen. Der Weg zog sich so merkwürdig um all die Falten des Bergmantels — ein und aus bog er sich, rundete sich hinein, daß man wie umschlossen von grünen Bergwänden war, rundete sich hinaus, daß man steil und hoch über der Gegend zu wandern schien.

„Es ist weiter, als ich dachte,“ sagte Jutta einmal.

„Da auf der Alm können wir rasten.“

„Sie ist nicht bewirtschaftet.“

„Das sieht man schon von hier — es weidet nirgends Vieh.“

„Dort hab’ ich gestern auch mit Renate gesessen.“

Nun war es, als hätten sie ein Ziel. Sie gingen rascher. Bergab lief der Weg und schien sie fast zu stoßen — immer mußte sie sich im Gleichgewicht halten gegen jene seltsam fallenden Vorwärtsbewegungen, zu denen der Körper beim Absteigen gedrängt wird.

„Warum sind wir so schweigsam,“ fragte Herbert einmal, in guter, unbefangener Laune.

Ja, warum? — So fieberhaft hatten sich ihre Wünsche dem Alleinsein entgegengedrängt, um endlich miteinander sprechen zu können, über den Ernst ihrer Lage — über ihre Wünsche — ihre Zukunft.

Und nun wußten sie nichts zu sagen und schienen ganz ausgefüllt von der Lust am zweisamen Wandern in der schönen Welt.

Da vor ihnen lag die Alm — ein Idyll — fast in Bilderbogenfriedlichkeit. Lieblich und still. Leer lag sie, eine große, lang sich hinabziehende Matte, von dem Saum des Tannenwaldes umgrenzt. In ihrer Mitte kauerte gedrückt das Blockhaus. Die dicken Stämme, aus denen es gefügt war, hatten Sonne und Wetter silbergrau gefärbt. Nun schimmerten sie metallisch, und das Schindeldach, das sie schirmte, von Steinen beschwert und dunkel gefleckt, gleißte. Ein alter Holunderbusch drängte sich an die rückwärtige linke Ecke und umschattete sie. Daneben rann, aufgefangen in einem halben, gehöhlten Baumstamm, ein blankes Wasser unter einem den Rasen durchbrechenden Felsbrocken hervor. Jetzt entließ diese Rinne das Wasser ungenützt; dünnstrahlig und blitzend entfloß es ihr und suchte sich einen Weg talwärts, durch das Wiesengras, darin sich einen schmalen Lauf zu tiefen ihm auch durch Stetigkeit gelungen war.

Gestern war Jutta hier gewesen — aber nun erst entdeckte sie die Stätte wahrhaft, in ihrer Feld- und Wald- und Welteinsamkeit unter dem grandiosen Himmel und der Nachbarschaft der von weitem herschauenden Gebirgskolosse.

Die Eingangstür lag zwischen Pfosten tief zurück. Das waren grob behauene Stämme, in dürftigster Baukunst errichtet. Sie umschlossen die verrammelte Tür derart, daß eine breite, geräumige Nische entstand, in der der Schwellbalken einen Sitz hergab.

Besser konnte man nicht sitzen. Den Rücken hielt man gegen die Wand, die Füße voraus gestreckt. Der Rahmen der derben grauen Stämme, klobig und fest, umschloß die Stätte und verbarg sie allen Menschen.

Aber wo waren Menschen? Fern und fingergroß sah man zuweilen einige auf dem sich ein- und ausrundenden Weg droben vorwärts krabbeln. Gerade klomm auch die Zahnradbahn, zwei schräge Kästchen, bergan — winzig wie ein dunkler Käfer, der Mühe hat, sich mit klammernden Beinen beim Emporkriechen zu halten.

Sonst nur die wartende, schwüle, duftende Einsamkeit.

Auch der See war verschwunden — von der Mulde dieser Alm, die die Wälder bergabwärts begrenzten, konnte man ihn nicht sehen.

Und daß man ihn nicht sah, gab völlig den Zauber der Einsiedelei.

Im Wandern war das Schweigen so natürlich gewesen. Der gleichgestimmte Schritt, die frohgemute Gesundheit der gemeinsamen Bewegung hatten kraftvoll wie Gespräch und unbedrängte Mitteilsamkeit von einem zum anderen hinübergewirkt.

Und jetzt, in der gleichen Sekunde, als sie nach einigen scherzenden Reden über den pastoralen Reiz dieses Platzes sich niedergelassen hatten — jetzt züngelte das Schweigen zwischen ihnen empor wie eine Flamme.

Jutta legte ihren Hinterkopf gegen die Tür. Mit nervösen Fingern spielte sie an dem Hut in ihrem Schoß. Sie hörte zu, wie ihr Herz klopfte. Und bei diesem Horchen wurden auch die Finger still.

Schwer schlug es und rasch zugleich ...

Wie eins, das nicht mehr warten kann ...

Die Kühnheit ihres Temperaments loderte in ihr und verzehrte ihre Besinnung.

Jene Verderberwut war in ihr, die eine leidenschaftliche Frau vorwärts treiben kann, zur Sünde und Verdammnis.

Der Trotz, dem es ein lachendes Spiel scheint, Vergangenheit zu verleugnen, Zukunft zu zerschlagen, um des einen süßen, trunkenen Augenblicks willen.

Jutta von Falckenrott war mit Gamberg allein in der weiten schweigenden Einsamkeit.

Und der Mann, der dieses Weib liebte, spürte ihr begehrliches Warten. Von diesem Warten ging eine Versuchung aus, die ihn betäubte ...

Seine Ehre hatte so genau gewußt, auf welchen Wegen und in welcher Haltung er und die Geliebte durch ihren schwierigen Liebeskampf gehen mußten, um in freiem Gefühl, unbeschädigt zueinander gelangen zu können.

Aber jetzt wußte er nichts, als daß er nur den Arm auszustrecken brauchte, um die süße Frau, die Frau, die ihm zitternd entgegenglühte, an sich zu nehmen ...

Die erhabene Einsamkeit ringsum schien den Atem anzuhalten ... Eine unerhörte Bedrängnis erfüllte die Welt ... zu seligem Tumult mußte sich alles lösen ... die Vorahnung jubilierender Wonne brauste heran.

Er tastete nach ihrer Hand. Er sah ihr in die Augen.

Kraftlos lag ihr Haupt zurückgelehnt — unter seinem heißen, bittenden Blick schlossen sich halb ihre Augen — in wehrloser Hingebung.

Noch das Zögern und Zittern von Sekunden ... Nein, kein bewußtes Zögern ... die Begierde lähmte, weil es ungeheure Tat ist, die Wonne ihrer Spannung zu lösen ...

Und in diese Hemmung hinein drängte sich jäh etwas Zerstörerisches — — —

Mit dem gleichen Herzschlag spürten sie es — jeder von ihnen anders — und doch in einer beklemmenden Einheit des Entsetzens ...

Die Frau sah plötzlich ein Männergesicht vor sich ... es gehörte nicht dem, dessen Arme sie schon umschlossen.

Es war ein bärtiges Gesicht, braun von Wetterunbilden. Und blaue, tiefe und doch freundliche Augen standen darin, in denen Güte und Zärtlichkeit leuchteten. Und so viel Zutrauen war in diesem Gesicht — nichts von lauernder Besorgnis — nichts von gespannter Eifersucht — es sah sie an, wie es sie damals angesehen in der Abschiedsstunde — als er sprach: „Kind, ich glaube an dich; es ist ja auch gar nicht wahr, daß die Abwesenden unrecht haben — im Gegenteil, ihre Abwesenheit macht sie für anständige Herzen heilig.“

Dies Gesicht näherte sich jetzt dem ihren ... Dieses ... und in seinen Augen war die gleiche Unergründlichkeit wie in den Augen ihres kleinen Kindes ...

Und auf den Mann warf sich ein Phantom und rief ihm etwas zu — ein scharfes, höhnisches Wort ... Ein Wort, das ihm die Ehre zerbrechen wollte ... mit einem Fernen kann man nicht im offenen Kampf sich messen — aber bestehlen kann man ihn so leicht — ja, zumDiebwerden kann man an ihm ...

Sie ließen voneinander, als habe eine gewaltige Faust sie voneinander gerissen.

Jutta brach in Tränen aus.

Der ferne Mann hatte sie besiegt.Gerade durch seine Abwesenheit ...

Vielleicht saßen sie noch lange, schwerer und unklarer Not hingegeben ... um mit dem jähen Rückschlag all ihrer Empfindungen fertig zu werden ...

Als die Tränen der Frau endlich still wurden, stand Herbert auf.

Er sagte sanft, sehr schonend, doch ohne sie anzusehen: „Wollen wir nun weitergehen?“

Sie kam hastig in die Höhe.

Ja, weiter wandern — fort, fort — hier konnte man nicht bleiben ...

Und doch war es ihr, als hätte sie auf dieser harten Schwelle sitzenbleiben mögen — um zu weinen und zu denken ...

Still gingen sie. Zwei Gedrückte — Mutlose ...

Der Mann litt unter einem Zwiespalt der Empfindung, der ihm ungeheuerlich war.

Eine Art Scham wollte aufkommen darüber, daß er sie aus seinen Armen gelassen — daß er sich ihr nicht als der Mann bewährt habe, der für den Kuß der Geliebten einer Welt trotzt ... Der Besonnenheit hat, anstatt sich mit ihr in den Tod zu stürzen ...

Und doch, zugleich auch begann eine stolze Genugtuung ihn zu erfüllen ... Unversehrt war seine Ehre aus dieser schwülen Stunde hervorgegangen ...

Er hatte den fernen Mann nicht beleidigt ... diesen Mann, vor dessen Angesicht er nicht augenblicklich hätte treten können, um ihm Genugtuung zu geben ...

Diese unbezwingliche Leidenschaft, die schweren Kampf in sein bis dahin so wohlgeordnetes Leben gebracht, war nicht sein Verderben geworden ...

Die geliebte Frau, die er sich zu erringen, der er einst seinen Namen zu geben hoffte, würde gleich ihm eines Tages dankbar und befreit an den Augenblick der Gefahr zurückdenken ...

Aus dieser Empfindung heraus stand er einmal still, ergriff Juttas Hand und küßte sie in scheuer Liebe ... voll Respekt ...

Sie sahen sich an ... Tief und schmerzlich.

Und schritten weiter. So sehr damit beschäftigt, den Aufruhr ihres Gemütes in eine erträgliche Gefaßtheit zu bringen, daß ihnen der Weg gar nichts und die Zeit etwas Unbemerkbares war.

Bis sie auf einmal vor der Pforte der Pension standen — einer hohen Pforte aus Drahtnetz, zwischen Eisenstäbe gespannt, von der aus das Gitter weiterging, die Tannen des Waldes von den Tannen des Gartens scheidend. Hier war es sonnenlos. Auf ihren sachten Füßen hatte die Dämmerung sich schon aus den Schluchten der Berge herausgeschlichen und lief nun über den See und warf die grauen Schleier der Abendstille über ihn hin.

Noch einmal, zu wortlosem Abschied, küßte er die Hand der Frau. Und sein herbes, feierliches Schweigen gelobte ihr mehr zu, als Worte gekonnt hätten.

Ein letzter Blick und gute Nacht.

Drinnen stand auch schon das Schicksal und wartete, um mit einem harten Anruf diese erschöpfte Seele zu erschrecken. Als Jutta ihr Zimmer betrat, fand sie einen fremden Mann darin, der über das Lager des Kindes sich beugte, neben dem Martha auf den Knien lag.

Dieser Mann war ein Arzt.

Und ihr kleines Kind war sehr krank.


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