VIII

VIII

Niemand wäre auf die Vermutung gekommen, daß der Legationsrat von Gamberg ein Mann sei, der in schweren Kämpfen stehe. In seinem Hotel richtete sich die Aufmerksamkeit vieler auf ihn; seine vornehme Erscheinung sowohl wie seine ihm eigentümliche Haltung von etwas ablehnender Steifheit forderten die Neugierde heraus. Aber zu denken, daß dieser korrekt aussehende Mann in harter Seelennot sei, hätte kein Mensch sich unterstanden. Die kleine, strenge Falte auf seiner Stirn, der etwas scharfe Zug um den Mund wirkten auf die ihn Beobachtenden als Hochmut. Daß seine hellen Augen mit so leerem Ausdruck über die anderen Gäste gingen, als nähmen die Blicke an nichts Anteil, verschärfte den Eindruck des Stolzes. Nun gibt es überall Menschen, die durchaus wissen müssen, wer der andere ist. Die die Fremdenbücher oder den Portier befragen und ein dringliches Interesse nach Nam’ und Art von Gestalten haben, die gar nicht zu ihrem Lebenskreis gehören. Deren eigentlichster und Hauptreisezweck zu sein scheint, sich den Begriff Publikum in Einzelwesen zu zerlegen, und die sich erst zu unterhalten meinen, wenn sie einen Hinz entdecken, zu dem sie durch einen Kunz Beziehungen haben.

So blieb auch Gamberg nicht von Annäherungen verschont. Gerade weil er so sehr in sich verschlossen durch die Menge ging, schien es doppelt zu reizen, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Auch hat es — undeutlich — stets etwas Auszeichnendes, von einem Einsamen in seine Einsamkeit aufgenommen zu werden.

Es fand sich ein Herr, der mit gelüftetem Strohhut in der Veranda an Gamberg herantrat. Der nahm, in scharfes Nachdenken versunken, seinen Morgentee — von den Ermüdungen der schlaflos durchwachten Nacht soeben ein wenig durch Bad und sorgsame Morgentoilette erholt. Die Anrede erschreckte ihn beinahe und störte ihn empfindlich. Aber in seiner beherrschten, kühlen Höflichkeit nahm er die Vorstellung des Zudringlichen entgegen.

„Sie gestatten? Herr Legationsrat von Gamberg, nicht wahr? Sie gestatten: Wilmers!“

Die freudige Zuversicht, in der der Mann, der groß und doch untersetzt war, dies „Wilmers“ vorbrachte, verhieß von vornherein Ansprüche auf Bekanntschaftmachen. Aber Gamberg konnte bei seinem zuverlässigen Gedächtnis für Namen wie für Gesichter keinen Wilmers in seiner Erinnerung auftreiben.

Der Mann hatte ein rötliches, starkes, bartloses Gesicht, mit sehr intelligenten Augen. Und die angeborene Plumpheit der Gestalt war durch elegante und gut-getragene Kleidung zu einer besonderen Note gekommen. Die anspruchsvolle Sicherheit des Auftretens schien dafür zu sprechen, daß Herr Wilmers nicht gewohnt und nicht gewillt sei, sich übersehen zu lassen.

„Sie wünschen?“ fragte Gamberg aber trotzdem aus einer sehr großen Entfernung.

„Nichts, als Ihnen die Hand zu drücken, damit meine Schwägerin nachher nicht sagt: und du bist ihm so vorbeigegangen?!“

„Ihre Schwägerin?“ fragte Gamberg voll mißbehaglichen Erstaunens.

„Sie gestatten,“ sagte Herr Wilmers jovial und erfaßte schon die Lehne des Stuhls, der untergeschoben dem Platz Gambergs gegenüber stand.

Die ganze Veranda sah ja zu, und da alle diese Menschen im Augenblick sein Publikum waren, wollte Wilmers es auch befriedigen, indem er ihm das Schauspiel einer rasch sich entwickelnden Bekanntschaft gab.

Herbert von Gamberg machte eine schwache Geste, worauf Herr Wilmers mit der Leichtigkeit der Bewegungen, die große, dicke Menschen oft haben, sich setzte.

„Der Bruder meiner Frau ist doch mit einer Schmylauer Tochter verheiratet! Das wissen Sie doch, Herr Legationsrat?! Na, und Lu ist ja so was wie ’ne Cousine von Ihnen. — Wenn Sie damals, als Lu heiratete, nicht überseeisch gewesen wären, hätten wir uns auf ihrer Hochzeit kennen gelernt — na, und nun dacht’ ich: so ’ne versäumte Gelegenheit muß man nachholen. Ich muß doch Lu ’nen Gruß von Ihnen bringen können.“

Gamberg sagte halblaut und sehr förmlich, daß er in der Tat über die Familie, in die Lu, jetzt Frau von Lemkow, hineingeheiratet habe, nicht näher unterrichtet gewesen sei. Er drückte die Hoffnung aus, daß es Lu Lemkow gut ergehe, und daß sie glücklich geworden sei.

Damit hatte er gleichsam einen Vogelkäfig geöffnet. Die Mitteilungen flatterten nur so heraus und ihm um die Ohren. Sie hätten ihn in ihrem raschen Durcheinander verwirren müssen, wenn er überhaupt recht zugehört haben würde. Er verstand die Kunst, in aufmerksamer Haltung auf sich einsprechen zu lassen, ab und zu durch eine steife Kopfbewegung, eine überall passende, weil ganz inhaltlose Zwischenbemerkung Anteil zu zeigen und doch mit seinen Gedanken wo anders zu sein.

Wilmers, für den das Leben sozusagen eine Angelegenheit mit Pneumatik zu sein schien — manchmal platzt sie, aber man kann ja andere Gummireifen umlegen, und nach kurzer Störung geht’s famos weiter — Wilmers verbreitete sich genau über die Umstände und Charaktere der Lemkows. Es waren großartige Menschen. Konnten alles, wußten alles, wollten alles. Und Gentlemen durch und durch. Nichts fehlte ihnen wie derNervus rerum. Und da war es ja ihr Glück, daß sie einen Mann in die Familie gekriegt hatten, der Geld besaß und es mit liberaler Hand hergab, wo er sah, daß man klug damit arbeiten würde.

So kam Lus Mann auf der Domäne hoch, die zu pachten er von Haus aus natürlich kein Geld gehabt hätte. So kultivierte ein anderer Lemkow mit bedeutendem Gewinn Ländereien in Südsibirien; das Kapital hatte er unter den günstigsten Bedingungen bekommen. Daß er selbst, der hier gegenwärtige Wilmers, der sich übrigens in keiner Hinsicht damit herausstreichen wollte, das „Glück“ der Lemkows sei, erhellte aus dem Vortrag von selbst. Wilmers wehrte vorweg jedes Lob und alle Bewunderung ab, die Herr Legationsrat ihm etwa würde zollen wollen. Er war ein ganz einfacher Mann — er hatte bloß ’n offenen Kopf und ein gutes Herz und ’n Blick dafür, wie weithin man nützen kann, wenn man Fähigen Mittel gibt. Ja, so war er. Aber er mochte nicht, daß viel davon gesprochen wurde.

Unterdes kämpfte Herbert ein peinliches Gefühl nieder, das beinahe ein Schmerz war.

Er hörte Namen nennen, in denen ein Klang von Erinnerungen mitzitterte. Gerade jetzt ertrug er sie nicht ...

Ganz derb, ganz ahnungslos hing dieser Mann mit jenen fernen, holden Hochsommertagen zusammen ... Wo er an der jungen Liebe der Geliebten vorübergegangen war. Wo sein Verstand, seine Pläne dagegen gesprochen hatten, aus Sommerträumen Lebensernst zu machen ...

Dieser Mann, der der Familienbankier der Lemkows zu sein schien, hatte auch offenbar ungewöhnliches Gedächtnis, Überblick und Interesse für all ihre Beziehungen. Es waren ersichtlich seine Renommierverwandten. Herbert hörte, dann und wann ein Detail aus der Fülle der Vertraulichkeiten erfassend, daß Wilmers genau Bescheid wußte, wie gastfrei es ehemals auf Schmylau zugegangen sei, und wer dort alles zu Sommerzeiten eingeladen zu werden pflegte.

Er bebte davor, daß nun gleich auch Juttas Name fallen werde. Daß er dann sagen müsse: sie ist hier, wohnt zehn Minuten von uns in einer Pension.

Aus dieser Furcht gewann er so viel Lebendigkeit, um wirklich mit Wilmers zu sprechen, ihm nicht nur, in die Abwehr kalter Höflichkeit gehüllt, zuzuhören.

„Sie sind als Passant hier?“

„I bewahre. Wie Sie mich da sehen, so unglaublich es klingt: ich bin nervös. Soll subalpin bleiben, aber dennoch so gewissermaßen in Hochalpenstimmung leben. Man hatte mir irgend so ’n Nest in den Bergen drinnen verordnet — war mir zu eingesperrt — auch die Gesellschaft —second— wissen Sie, Herr Legationsrat, ich lege den äußersten Wert auf beste Gesellschaft ... Ich habe hier einen höchst schicken Kreis ... Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie einzuführen — wo wir — man kann ja beinahe sagen über die Schmylauer weg, fast verwandt sind ...“

„Verzeihen Sie, Herr Wilmers, aber ich bin auf Reisen, um mich von der Gesellschaft zu erholen.“

„Ah — na ja — verstehe vollkommen — wo sie zu Ihrem Metier gehört! Mit allem, was mit ’m Metier zusammenhängt, mag man unterwegs nichts zu tun haben. Lassen wir also alle meine Bekannten weg. Wir können allein mal was zusammen unternehmen, Tagespartien — ich halte Ihnen alle zudringlichen Menschen fern, darin hab’ ich ’ne förmliche Kunst. Wenn es etwas gibt, das ich hasse, ist es Zudringlichkeit!“

„Leider reise ich schon heute ab,“ sagte Herbert Gamberg mit so viel Nachdruck, daß der andere ein großes Bedauern heraushörte und nachher seinem schicken Kreis erzählen konnte: der Legationsrat war todunglücklich, daß er ausgerechnet in einem Moment abreisen muß, wo man sich eben gefunden hatte.

Er selbst erschrak beinahe, als er es gesagt. Mit dem lauten Wort war nun der Entschluß unwiderruflich geworden, an den er in den schweren Stunden der letzten Nacht immer wieder gedacht hatte.

Es war nicht ganz einfach, Herrn Wilmers zu dem Gefühl zu bringen, daß es Zeit sei, den Besuch am Tisch zu beenden. Das bewährte Mittel, Gesprächspausen eintreten und auffällig werden zu lassen, konnte Herbert nicht anwenden; die Lebhaftigkeit des Herrn Wilmers wurde immer behaglicher und intimer; er führte die Unterhaltung mit einer sprachlichen Rüstigkeit unerschöpflicher Art.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu sagen: meine Zeit ist knapp.

Dann gab es einen Abschied, aus dem Herbert schließen durfte, daß er für den Rest seines Lebens unter die nächsten Freunde des Herrn Wilmers gezählt werden würde.

In der Erleichterung, daß es überhaupt nur endlich zum Abschied kam, lächelte er hell. Und hiervon war nun Wilmers völlig bezaubert und erklärte seinem schicken Kreis, daß die hochmütige Außenseite nur für die Welt sei, daß in der Intimität eine hinreißende Liebenswürdigkeit zutage trete.

Wenige Minuten nachher ging Herbert auf den Waldwegen dahin. Kühl und feucht war die Luft unter den Tannen, von kräuterigen und moosigen Gerüchen schwer. Zuweilen schimmerte durch die breithängenden Nadelzweige das Geblitze des Sees auf.

Er ging, um Abschied zu nehmen.

In dieser letzten Nacht war es ihm klar geworden: er hätte sich nicht verführen lassen dürfen, hierherzukommen.

Was hatte ihn verführt: Blick und Wunsch der geliebten Frau?

Die eigene Sehnsucht nach ihrer Nähe? Vielleicht diese üppige Schönheit der Natur — die so stark in all den vollen Tönen ihrer Lebensfülle auf die Nerven wirkte, daß man ein aufpochendes Anrecht in sich fühlte, auch zu jauchzen, in ihr mit erhöhten Daseinswonnen aufzugehen —

Vielleicht dies alles ...

Er dachte daran, wie sehr er sich in der Hand gehabt hatte, noch damals beim Abschied in Kiel — als er ihr und sich die Haltung vorzeichnete ...

Und nun hatte die Leidenschaft sie doch fast überwältigt. — Wie kam das?

Vielleicht so: Wenn das Schicksal mit dem gleichen Erlebnis zu uns zurückkehrt, hat es verdoppelte Kraft: zur Macht der Gegenwart gesellt sich die Macht der Erinnerung —

Und das ist: Feuer im Rücken, Feuer von vorn ... Wer kann sich gegen solchen Ansturm behaupten! ...

„Es ist würdiger,“ dachte er, „wir gehen jetzt auseinander — um uns später mit freiem Bewußtsein gehören zu können ...“

Er fühlte: dies war seiner Art notwendig!

Nicht nur aus Achtung vor der Geliebten, vor dem Gefühl, das sie zueinander zwang — auch um seines eigenen, zukünftigen Stolzes und Gleichmaßes willen. Wenn die schwülen Augenblicke gestern sie zusammen fortgerissen hätten? ... Er wußte heute: es würde ihm furchtbar, unvergeßlich würde es ihm gewesen sein ...

Die Scham vor dem fernen Mann hätte ihm das Gemüt vergiftet ...

„Wär’ er hier!“ dachte Herbert inbrünstig. „Seine Abwesenheit macht mich von ihm abhängig ...“

Ja, solange er nichtweiß, daß seine Frau ihn nicht mehr liebt, so lange sind wir wie in Ketten ...

Allerlei Stimmen hatten in der Nacht auf ihn eingesprochen: daß es auf die geliebte Frau wie Feigheit wirken könne, wenn er fliehe; daß er sich gerade als Mann beweisen müsse, indem er bleibe.

Er erkannte: dieser ganze Liebesroman war nicht seinem eigentlichsten Wesen gemäß, das der ruhigen Entwicklung aller Lebensfragen zuneigte.

So wollte er doch trachten, das Unerwartete und Leidenschaftsvolle dahin zu meistern, daß es ihm und der geliebten Frau und vor allem jenem fernen Mann das bürgerliche Ansehen nicht zerbräche!

Sein noch in allerlei Widerspenstigkeiten verstrickter Vorsatz, abzureisen, hatte durch die Begegnung mit diesem lauten und andrängerischen Mann nun ganz sichere Gestalt bekommen.

Die ernste Lage, die nur durch die Größe ihres Gefühls und durch heiligste Schonung aller Empfindlichkeiten ertragbar war, mußte unertragbar werden, wenn nun ein plumper und nicht in sie hineingehörender Mensch ihnen seine Gesellschaft antrug.

Am Gitter der Pension zögerte er kurze Augenblicke.

Er fühlte sich von einer Befangenheit benommen, die ihm unfaßlich war — so, als sei es eine Verlegenheit, vor die Geliebte hinzutreten.

Zusammen schuldig Gewordene erröten voreinander — kann das Unfaßliche, Unlogische sich begeben, daß man errötet, weil mannichtschuldig war?

Ist für eine Frau eine Leidenschaft nur groß und echt, wenn sie keine Grenzen achtet?

Was mochte alles in der Geliebten vorgegangen sein seit gestern abend?

Eine sinnlose Furcht, gegen die er sich nicht wehren konnte, kam plötzlich über ihn, daß nun sie, unschlüssig und von ihrer Sehnsucht zu ermüdet, sich von seiner Liebe doch noch abwenden könne.

Wie er einst, unschlüssig und mit klugbedachten Lebensplänen beschäftigt, an der ihrigen vorbeigegangen war.

Und in dieser jäh in ihm aufwallenden Angst fühlte er schmerzhaft: ich kann sienichtwieder verlieren ...

Das gäbe einen Riß, den nichts mehr verheilen könnte ...

Rasch trat er ein.

Leer waren Korridor und Treppe. Die kleine Familienpension ließ ihren Eingang nicht von einem Portier bewachen. Im Bureau war Madame, die dort sonst schrieb und huldvoll die Anliegen ihrer Pensionäre entgegennahm, nicht anwesend. Durch offene Türen und Fenster kam die Waldluft herein und durchwürzte das Haus.

Er stieg treppan.

Da, am Kopf der Treppe, aus dem rechten Arm des Korridors kommend, rannte Martha fast gegen ihn an. Sie sagte: „Ach Gott ...“

Vielleicht zur Entschuldigung. Atemlos und kläglich sagte sie es.

„Melden Sie der gnädigen Frau, daß ich hier sei.“

Martha, deren sommersprossiges Gesicht ganz schlechtfarbig aussah, und die überhaupt einen fast zerzausten Eindruck machte, sah ihn betrübt an.

„Ach, Herr Legationsrat — das Kind ist uns krank geworden — sehr krank — wenn es man nich stirbt!“

„Diese Nacht?“ fragte er betroffen und sich verfärbend.

„Nein, schon gestern. Wo ich allein mit der Kleinen war. Aber ’n Versehen hab’ ich nicht gemacht, ganz und ganz gewiß nicht,“ beschwor Martha und begann zu weinen.

„Das wird Frau von Falckenrott Ihnen auch nicht zutrauen,“ sagte er tröstend.

Er dachte: „Kleine Kinder sind ja manchmal krank — erholen sich rasch.“ — Er erinnerte sich: da und dort in den Kinderstuben seiner verheirateten Freunde gab es zuweilen schreckhafte Erregungen. Und nach ein paar Tagen sah man die jungen Mütter wieder strahlend auf Bällen ...

„Kann ich die gnädige Frau wohl einen Augenblick sprechen?“ fragte er.

„Ach — ich glaub’ nicht — nein — es ist wohl nicht möglich ...“

Aber sie lief doch zurück, um zu fragen.

Er stand am Treppenkopf. Als würde es schon zudringlich und voreilig sein, wenn er sich der Tür mehr näherte.

Er dachte immerfort: „Nun muß ich hierbleiben — in ihrer Nähe — bis ihr Kind genesen ist ...“

Martha kam wieder, machte schon, kaum daß sie die Tür hinter sich schloß, abwinkende und zur Stille ermahnende Handbewegungen und schlich heran.

„Ach nein. Sie schüttelte nur den Kopf — ach, sie sieht beinahe ebenso aus wie das Kind — rein um bange zu werden.“

„Was fehlt dem Kind?“ fragte er.

„Ich weiß nicht. Wir verstehen es nicht. Es fing gestern an zu erbrechen, viele Male, ich flehte gleich Madam’ im Bureau an, daß ’n Doktor kommen solle — er spricht mit der gnädigen Frau Französisch — ach, Herr Legationsrat, wenn ich es mal so sagen darf — ich glaub’, sie hat kein Vertrauen zu ihm — sie mag sein Gesicht nicht leiden — sie hat wohl schon sechsmal gesagt: ‚Martha, er kann ja ganz tüchtig sein!‘ Wissen Sie wohl — wie man so spricht, wenn man es ganz inwendig eigentlich nich denkt.“

„Haben Sie nicht an den Geheimrat telephoniert?“

„Er ist kein Kinderarzt, sagt die gnädige Frau.“

„Nun, er würde aber doch ...“ Herbert Gamberg dachte nach, während Martha mit ihren wasserhellen Augen andächtig an ihm hing — als müsse von ihm, nur weil er der einzige Mann war, den sie hier kannten, unbedingt Trost kommen. Und sie berichtete es nachher auch ihrer Herrin: man sah wohl, wie nah’ es ihm geht, er war weiß wie der Kalk an der Wand.

Er stand und erwog: ihr ein Wort der Ermutigung schreiben? Nein. Nichts. Sie wußte von selbst: er sei zur Stelle, wenn sie ihn brauchte. Er fand es zarter, zu schweigen. Aber helfen — das einzige tun, was hier Trost geben konnte. Sie mochte den Arzt nicht, sagte Martha. Und begründete das in aller Einfalt ganz richtig mit dem grundlosesten aller Gründe: sie mag sein Gesicht nicht leiden. Wer kennt so etwas nicht, man wehrt sich stark gegen Helfer und Kluge und Gute, weil vielleicht eine kleine Linie in ihrem Angesicht einem widerstrebt ... Er traute Jutta eine große Kraft des Widerwillens in solchem Fall von Antipathie zu.

„Hören Sie, liebe Martha ...“

Sie war nichts wie Ohr und Auge.

„Sagen Sie: ich würde nach Lausanne telephonieren. Dort gibt es unter allen Umständen einen erfahrenen Kinderarzt, dem wir völlig vertrauen dürfen. Vielleicht kann er in zwei, drei Stunden zur Stelle sein. Ich kehre jetzt in mein Hotel zurück und telephoniere Ihnen, wen ich herbekomme und wann. Ich werde den Herrn von der Bahn holen und herbegleiten. Mein Diener kann sich hier einquartieren und Ihnen zur Hand sein.“

„Ja,“ sagte Martha, „ja, das ist schön.“

Ihr schien, als sei nun schon die Besserung auf dem Wege. Sie hatte auch nicht gedacht, daß dieser stolze Mann, vor dessen Haltung ihr etwas unbehaglich gewesen war, so zutraulich mit ihr sprechen könne ...

Nun gab er ihr noch die Hand ...

Dann ging er. Von einer Eile getrieben, die geradezu Wohltat war. Sie hinderte ihn, den Tumult seiner Empfindungen zu sondern und jede einzeln zu betrachten. Dunkles und Beglückendes in unerhörtem Durcheinander ging durch ihn hin.

Wenn das Kind starb? ... Dann war vollends ihre kurze Ehe mit dem anderen Mann nur noch wie ein Traum ...

Er war gewiß keine dämonische Natur — nicht von fern. Und dennoch wollten Gedanken kommen ... der Verstand sprach von Erleichterung ... von größerer Klarheit der Zukunft ... Er scheuchte das in schwerem Schreck hinweg ...

Er war glücklich, noch in ihrer Nähe zu sein, ihr beistehen zu können, ihr zeigen zu dürfen: ich sorge mich mit dir um dein Kind. — Er arbeitete sich in das Gefühl hinein: so kann ich ihr schon zeigen, daß ich es als teure Pflicht empfinde, an ihres Kindes Ergehen teilzunehmen ...

Er erfuhr in seinem Hotel den Namen und Ruhm eines Kinderarztes und ließ sich sogleich mit diesem Professor Lequint verbinden. Alles ging glatt, und der Professor war bereit, um halb eins in Territet einzutreffen, wo Herbert ihn empfangen würde.

Darauf versuchte er an den Geheimrat nach dem Hotel in Caux hinauf zu telephonieren. Aber die Nachricht kam zurück: die Herrschaften seien gerade ausgegangen.

Als dies alles getan war, kam eine Pause voll Unbehagen — das Warten ... für Beherrschte vielleicht noch zehrender als für die Ungeduldigen, die sich in Worten und Gesten Luft machen können.

Herbert traf auch wieder unfreiwillig mit Herrn Wilmers zusammen und sollte erklären: ob er seine Abreise auf den Nachmittag verschoben habe? Mit welchem Zuge nun? Er — Wilmers — würde auf eine geplante Partie verzichten und es sich nicht nehmen lassen, ihn an die Bahn zu geleiten. In einer dem Legationsrat bekannten Familie sei plötzlich ein ernster Krankheitsfall eingetreten? Das ging Herrn Wilmers sehr nahe. Ja, Kranksein im Hotel wäre etwas Entsetzliches. Und teuer! Die betreffende Familie solle sich nur auf schauderhafte Rechnungen gefaßt machen. Es scheine beinahe, als sei ein Haferschleim mühseliger herzustellen als eine getrüffelte Geflügelgelatine.

Die Mühlräder dieser Gesprächigkeit sausten lange und monoton. Und schließlich bekam Herbert sogar ein Gefühl von matter Dankbarkeit. Der breitschultrige Mann, der sich und seine Mitteilungen für wichtig hielt, hatte ihm über eine Stunde fortgeholfen durch die beruhigende Macht, die allem Gewöhnlichen zuweilen eigen sein kann.

Dann konnte er auch schon zum Bahnhof fahren.

Kaum aber hatte er den Professor aus dem Häuflein der Aussteigenden herausgesondert — die Männer fanden sich an dem Gebaren von Suchenden, das sie beide unwillkürlich annahmen — kaum saß er mit ihm im Wagen, so gab es ein knappes Gespräch, das Herbert qualvoll war.

Professor Lequint nahm seinen runden, weichen Filzhut ab, strich sich mit der Hand durch sein dickes, schwarzes Haar, das ihm in die Stirn fiel, und fragte: „Sie hatten schon einen Arzt aus Territet zu Ihrem Kind berufen?“

„Es ist nicht mein Kind.“

„Ah —“

„Die Mutter des Kindes ist mir befreundet — verwandt.“

„Es ist ein kleines Kind?“

„Vier Monate.“

„Ah ... Warum reiste die Dame mit einem so kleinen Kind? Oder ist die Mutter leidend?“

„Nein.“

Herbert dachte: er wundert sich über alles; Ärzte sind gewohnt, daß Angehörige von Patienten sie gleich mit laienhaft erzählten Symptomen überfallen; es muß ihm erstaunlich sein, daß ich nichts zu sagen weiß.

Und plötzlich teilte er mit: „Das Kind hatte starkes Erbrechen in der Nacht.“

„So ... wir werden sehen.“

„Er wird sehen, daß die Mutter eine junge, schöne Frau ist — daß ich nicht unbefangen ihr Zimmer betreten darf — daß ich ihr vor der Welt ziemlich fernstehe. — Er wird vielleicht denken, daß ...“

Vielleicht dachte der Professor nichts. Hatte gar kein Nachdenken übrig für die Umwelt des kleinen Patienten, war nur gespannt auf diesen selbst.

Aber das unselige Gefühl, daß in seinem Eintreten für Jutta etwas sie Bloßstellendes läge, bedrängte Herbert plötzlich stark.

Er hatte die Empfindung, als müsse er diesem fremden Mann Erklärendes und Entschuldigendes sagen.

Und das verletzte seinen Stolz — seine ganze hochmütige Unantastbarkeit war dahin ... er litt schon durch ein „Vielleicht“.

Nachher hatte er die große Aufreizung der Spannung. Ihm schien natürlich, als bleibe der Professor eine ungewöhnlich lange Zeit oben in dem Krankenzimmer.

Jeder andere wäre rastlos auf und ab geschritten, sich die Zeit durch Bewegung verkürzend. Er saß, in vollkommener Haltung, unbeweglich, bleich und sah leer ins Unbestimmte.

Er faßte sich auf das, was der Professor verkünden werde: Leben oder Tod.

Und als er dann endlich in der Verandatür erschien, erhob sich Herbert aus dem geflochtenen Stuhl, in dem er neben einem Gartentisch gesessen. Scheinbar gelassen schritt er ihm entgegen.

Ja, Professor Lequint konnte vorerst nur die Achsel zucken. Das Kind hatte ganz gewiß irgendeine Mageninfektion — es erbrach. — Trotz der verständigen und in solchen Fällen bewährten Mittel, die der Herr Kollege schon verordnet hatte, fuhr es noch fort zu brechen. Man mußte seine Bemühungen darauf richten, die Kräfte des Kindes zu erhalten. Was aber eben schwer sei, wenn der Magen alles verweigere. Uralter Malaga sollte halbteelöffelweise eingeflößt werden. Kräftigende und die Körpertemperatur belebende Einreibungen sollte man versuchen. Aber immerhin ... Ob Madame nicht nahe Angehörige habe, die ...

Herbert fühlte: der Professor mochte nicht fragen: hat sie einen Mann? ...

Er sprach mit wahrhaft eisiger Miene: „Herr von Falckenrott befindet sich dienstlich im Ausland. Madame ist aber unter dem Schutz sehr naher, älterer Freunde hier, des Professors Gervasius und Frau, die oben im Hotel wohnen. Sie sind bereits benachrichtigt. Ich selbst bin erst seit gestern hier und wollte heute weiter. Aber ich werde jetzt bleiben, um Frau von Falckenrott beizustehen, falls sie meiner bedürfen sollte.“

Dies alles war dem Professor recht gleichgültig. Er hatte keine Zeit, über die Lebensumstände seiner internationalen Patienten nachzudenken. Aber die Schönheit und Verzweiflung der jungen Frau hatten ihn einen Moment gedauert, und er dachte flüchtig: ob die niemand hat außer dem höflichen und kalten Herrn, der mich herbrachte?

Der Professor hatte nun Eile, um den nächsten Zug zu erreichen. Morgen, sagte er, würde er wiederkommen. Herbert wollte mit hinunterfahren nach Territet, um alles selbst zu besorgen, was der Professor verordnet hatte.

Gerade als sie einsteigen wollten, kam Martha angestürzt. Sie drückte Gamberg einen gefalteten Zettel in die Hand und lief wieder zurück ins Haus.

Der Wagen rollte in dem kurzen, gehaltenen Trab der Bergabwärtsfahrt unter den Tannen hin.

Herbert hielt das kleine Papier zwischen seinen Fingern.

Mit Bleistift stand darauf geschrieben: „Dank! Dank! Ich hoffe wieder. J.“

Wie beredt Juttas blasse eilige Schriftzüge waren. Sie sagten Gamberg, daß der Arzt, den er herbeigeholt hatte, ihrem verzweifelnden Herzen Mut zurückzugeben vermochte. Daß sie dafür ihm dankbar war — wie es Frauen sind, die alle Verdienste gern auf den geliebten Mann häufen ... Ja, ein Liebesgeständnis, ein Beweis unerschütterlichen Zusammengehörigkeitsgefühls waren diese kurzen Worte ...

Die junge Frau droben am Bett des Kindes glich nun einer, die auf einer rasenden Flucht zum erstenmal den Mut hat, stillzustehen, zurückzublicken, aufzuatmen, sich darauf zu besinnen, daß man mit seinen Kräften haushalten muß, weil noch viele Kräfte nötig sind.

Sie dachte gesammelter nach, ließ auch ihren Verstand sprechen.

Sie zerrieben sich beide in Wachsamkeit und Angst, sie und die treue Martha. Es war klüger, abwechselnd zu ruhen, um zuverlässigere Nerven zu behalten.

„Iß und schlaf dann zwei Stunden. Dann werde ich mich hinlegen, um die Nacht durch wieder wach zu sitzen,“ befahl sie.

Gerade so grundlos wie sie gestern abend und heute früh den Anordnungen des einen Arztes zweifelnd gehorcht hatte, gerade so impulsiv war sie von blinder Zuversicht erfaßt: dieser wird mein Kind retten.

Nun saß sie im niedrigen, bequemen Rohrstuhl neben dem Wagen des Kindes. Man hatte natürlich das Gitterbettchen nicht mit auf die Reise nehmen können. Und ganz gewiß lag das kleine Wesen in seiner rührenden Unselbständigkeit ebenso geräumig, warm und weich in diesem schönen englischen Wagen.

Aber es quälte Jutta. Ihr schien, es läge stiller, geborgener, wenn nur das Gitterbett zur Stelle sei, mit den sanften blauen Seidenfalten, die vom gebogenen Stab über das Kopfende herabfielen. Wenn man nur die ganze, von träumerischer Schlafensfeierlichkeit durchwobene, frischduftende Behaglichkeit des heimatlichen Kinderzimmers hierher zaubern könnte!

Ach, in der Heimat wäre es vielleicht gar nicht krank geworden ...

Lisbeth Rosenfeld fiel ihr ein. Hatte nicht sogar die lustige, unbesorgt durchs Leben trällernde Lisbeth so etwas wie einen warnenden Ton in der Stimme gehabt, als sie damals fragte: mit einem so kleinen Kind willst du reisen? ...

Nun aber kamen ruhigere Gedanken: es war ein Unglück, das daheim ebenso plötzlich hätte hereinbrechen können.

Dieser sympathische Professor mit seinem sicheren Wesen und tiefernsten Blick, der beruhigenden Stimme und dem festen Händedruck, der würde helfen ...

Gestern abend noch und immer wieder in der Nacht hatte sie die arme Martha mit Fragen gefoltert. Und Martha weinte und sagte: sie wolle lieber selbst sterben, damit das Kind am Leben bleibe, wenn die gnädige Frau dächte, sie habe ein Versehen gemacht. Nein, beschwören konnte sie es: sie hatte die von der gnädigen Frau selbst im Apparat sterilisierten Flaschen jedesmal unter Thermometerkontrolle erwärmt.

Und endlich ließ Jutta von ihr ab. Sie wußte es auch im Grunde ganz bestimmt: eine Nachlässigkeit war ausgeschlossen ...

Es war eben ein Verhängnis. Man würde die Ursache nicht feststellen. Vielleicht war trotz allen Sterilisierens doch ein Giftstoff in der Milch gewesen.

„Und ich war fort unterdes — war mit — ihm.“

Das kam immer wieder. Schloß jede Grübelei ab.

Das Kind war nicht unter ihren eigenen Händen erkrankt ... Sie, ja sie ging indessen Hand in Hand mit dem geliebten Mann ...

Das wollte ihr eine furchtbare Last aufbürden. Sie wehrte sich: nein, nein — so schwächlich muß man nicht denken ... Das sind Zufälle. Sinnlos, brutal. Aus solchem Zusammentreffen soll man sich nichts aufbauen, als sei ein geheimnisvolles Walten um uns und halte Abrechnungen ...

Wofür auch Abrechnung? Sie war sich keiner Schuld bewußt.

Sie wagte nicht, deutlich an den beängstigenden Rausch jener Minuten zu denken, wo die Begierde sie beinahe verbrannte ...

Aber dennoch errötete sie, heiß, bis in die Augen hinein ... Und sie seufzte — dankbar — erleichtert ...

Sie erinnerte sich ihrer Vision ... Wie das Gesicht ihres Gatten so plötzlich vor ihr gewesen war ...

Sie begriff, was das zu bedeuten gehabt hatte ...

Ja, seineAbwesenheitmachte seine Ehre heilig. Es war die Ehre eines Mannes, der zu hartem Opfer, aufreibender Arbeit, unendlicher Verantwortung in die Ferne gezogen war, dem Vaterland zu dienen.

Eine scheue Ahnung war in ihr, daß in dem Geliebten Ähnliches vorgegangen sei wie in ihr ...

Und das, gerade das verband sie nur enger ...

Sie konnte ihn nicht sehen — sie wagte nicht seinetwillen, gerade seinetwillen nicht ihr Kind auf einige Minuten zu verlassen.

Aber was Martha ihr berichtete, von seinem Schreck, seiner tätigen Fürsorge, erfüllte sie mit Glück.

Sie weinte still vor sich hin ... Ja, das war Liebe ... sie fühlte: er würde ihr Kind, das vaterlose Kind, gütig an sein Herz nehmen ... eines Tages, wenn es so weit war, daß er das Recht dazu bekam.

Wo war jetzt Malte? Was wußte er von der Todesangst dieser Stunden? Und daß das Kind, das er nie gesehen, dessen Dasein für ihn keine Wirklichkeit war, sich in Gefahr befand?

Nichts wußte er ... Aber der andere Mann war zur Stelle, schützend, helfend ...

Und von Dankbarkeit überwältigt, schrieb sie, kaum daß der Professor das Zimmer verlassen hatte, die eiligen Worte auf das kleine Papier ...

Zwei Stunden später waren auch Gervasius’ zur Stelle.

Was konnten sie tun? Mit dem Bestreben, Schritt und Bewegung ganz unhörbar zu machen, schlichen Renate und ihre Mutter herein und küßten die blasse junge Frau und sahen bekümmert auf das jämmerliche kleine Menschenkind, das in seinen Kissen lag und zu kraftlos schien, die Augen aufzuschlagen oder zu schreien.

Die Frau Geheimrat bot keine Hilfe bei Pflege und Wachen an. Sie wußte von selbst: das wäre nicht angenommen worden.

Der Geheimrat hörte die ganze kurze und doch so beängstigende Krankengeschichte an. Er war Spezialist auf anderem Gebiet und wies ausdrücklich Urteilsfähigkeit und Verantwortung ab. Dennoch aber war es Jutta ein Trost, zu hören, daß ihm scheine: alles läge klar, und die Anordnungen der Ärzte seien die vernünftigsten und allein möglichen.

Die Frau Geheimrat flüsterte liebevoll: sie und Mann und Tochter würden sich den Nachmittag und Abend über in der Pension aufhalten; ja, sie sei bereit, im Hause zu übernachten. Damit Jutta wisse: Freunde seien in der Nähe. Aber das lehnte Jutta beängstigt ab. Es würde ihr geradezu ein Gefühl von Unruhe erregen, wenn sie wisse, die Freunde träten aus dem Rahmen ihres Ferienbehagens heraus, um hier nutzlos herumzusitzen. Sie sagte, sie werde ganz gewiß sofort nach ihnen rufen, sobald ihr das Verlangen nach ihrer Gegenwart komme.

Der Geheimrat fand, daß ihr Gefühl das Richtige sei. Mit Herbert von Gamberg, den sie im Garten der Pension trafen, saßen sie noch ziemlich lange zusammen. Und der Geheimrat setzte seiner Frau und seiner Tochter — die sich treulos vorkamen, weil sie nicht helfen konnten — herzlich auseinander, daß ihr Anerbieten, in der Nähe bleiben zu wollen, fast das naive Zugeständnis gewesen sei: wir halten das Kind für verloren.

Gamberg saß mit zusammengepreßten Lippen; er wagte nicht zu fragen: glauben Sie, daß es stirbt?

Auf irgendeine ganz unbestimmbare Weise hatte er das Gefühl: vom Leben oder Tod dieses Kindes hängt meine Zukunft ab. Er haßte undeutliche Empfindungen, sie schienen ihm immer etwas von seiner inneren Sicherheit zu nehmen. Aber dies drängte sich ihm beklemmend, spannungsvoll mehr und mehr auf. Und doch hätte er seinem Aberglauben nicht einmal so genau ins Gesicht sehen können, um zu wissen: das Kind muß sterben, oder es muß leben, damit die Geliebte gewiß mein wird.

Was er nicht fragte, besprach nach Frauenart ausgiebig die Frau Geheimrat. Aber ihr Mann konnte ihr auch nur sagen, daß es bei so kleinen Kindern schließlich alles auf die Zähigkeit ankäme. Renate saß verschüchtert und mit angstvollen Mienen dabei. Sie hätte am liebsten immerfort weinen mögen ... Wegen ihres Vaters nahm sie sich zusammen ... Er wollte, wenn man weinte, immer so ganz genau wissen: warum denn? Und grenzte damit stets so merkwürdig rasch den Kummer ab ... Jetzt hätte Renate auf dies „Warum?“ nicht wahrheitsgemäß antworten können: „aus Mitleid mit Jutta“, denn eigentlich war ihr, als gäbe es außerdem noch viele, viele Gründe zum Weinen, man wisse sie nur selbst nicht genau ...

Endlich entschlossen Gervasius’ sich, wieder hinaufzufahren, und Herbert versprach ihnen, noch zweimal einen Bericht zu telephonieren, denn er natürlich, er werde sich vorzugsweise hier aufhalten. Geheimrats fanden es auch ganz selbstverständlich.

Dann schien eine große Pause in dem Gang der Ereignisse einzutreten, die nachmals vielleicht dem Gedächtnis der Beteiligten ganz entschwand. Es zogen Tage in dumpfer Krankenstubenschweigsamkeit vorüber. Das Kommen und Gehen der Ärzte, Flüstergespräche, kurze Schlummerstündchen, angstvolles Wachen. Und diese seltsam rasche Gewöhnung an solchen Zustand: als habe es eigentlich niemals einen anderen gegeben, als werde er nie ein Ende nehmen.

Dabei im tiefsten Herzen immer ein leises Mahnen an die schweigsame und unauffällige Fürsorge des liebenden Mannes. Das stete Wissen: er ist da, ich könnte ihn rufen ... Das war wie Wohltat, die man nicht recht an sich herankommen lassen mag und an deren Möglichkeit nur zu denken doch stützt.

So gingen Tage, so gingen Nächte. Und in wunderbarer Zähigkeit hielt das kleine Kind sein bißchen Leben fest.

Dann, eines Abends, als die Dämmerung mit ihrer Schwermut die Welt leise zu füllen begann, brachte Martha einen Brief. Sie brachte ihn strahlend, denn sie kannte ja die Handschrift, die Freimarken auf dem Umschlag.

Und sie dachte in ihrer Unbefangenheit: der kommt gelegen — der kommt als Trost.

Ein Brief! Von Malte? Jetzt? Unmöglich! „Über Sibirien“ stand auf dem Umschlag. Wie denn? Er hatte damals aus Hakodate geschrieben: Komm! Danach mußte er doch schweigend warten, bis ihre Antwort zu ihm kam ... Und die — die war ja unterwegs — sie hatte wohl noch ein, zwei Wochen zu wandern, bis sie ihn erreichte — diese Antwort, die ihm sagte: vielleicht liebe ich dich nicht mehr. — Und wenn er dann wieder schrieb, so vergingen wieder lange Wochen, bis sie seine Worte lesen konnte. — — Wie von selbst, durch die seltsam sich hindehnende Zeit des Schweigens, schien er schon aus ihrem Leben sich entfernt zu haben — ganz ausgeschaltet von der Teilnahme an ihren Tagen ...

Dieser Brief war ihr etwas Unheimliches — ganz und gar Unerwartetes. Und darum schon bedrohlich — vorwurfsvoll — ein zorniger, schmerzlicher Anruf — noch ehe sie ihn gelesen ...

„Aber er weiß noch nicht,“ dachte sie, sich ermutigend.

„Über Sibirien?“ — Mein Gott, warum schreibt er denn? Er konnte doch nicht wissen, ob ich nicht zur Stunde schon unterwegs zu ihm bin, ob mich dieser Brief überhaupt noch in Europa träfe ...

Auf einmal, in jähem Verständnis, wußte sie: Dies ist die Antwort auf meine Depesche. Oder vielmehr: nicht die Antwort — all die Fragen sind es, die meine Depesche in ihm aufrührten.

Mit ihren unsicheren Fingern zerriß sie den Umschlag, ihn auseinanderzerrend.

Sie trat an das Fenster, die Vorhänge teilend, die noch geschlossen waren, weil sie vorhin die Sonne hatten absperren sollen, damit die Strahlen nicht die zarten kleinen Lider träfen.

Das letzte bißchen Helligkeit reichte aus zum Lesen.

Und sie las: „Mein geliebtes Weib! Da liegt nun eine Depesche vor mir. Du telegraphierst: ‚Ich kann mein kleines Kind nicht verlassen.‘

Zuerst habe ich gar nichts gefühlt als eine schreckliche Enttäuschung. Sehnsucht hab’ ich nach Dir gehabt — eine Sehnsucht! Möchte wohl den Mann sehen, dem sie ähnlich zusetzt wie mir! Wenn man eine so schöne, geliebte, kluge Frau hat, die auch ihrerseits treu an einem hängt! Und wenn man nach dreijährigem Hangen und Bangen endlich vereint wurde und sich dann gerade nur ein paar Monate gehören durfte!

Alle Tage zehnmal schluckt man das ’runter und gibt sich Rückgrat mit dem Gedanken: der schöne, stolze, große Beruf will das nun mal so — Männer, die im Krieg stehen, sollen kein weiches Heimweh kennen — und wir, an Bord, leben ja immer wie in Kriegswachsamkeit und Bereitschaft. Aber alle Tage zehnmal kommt’s doch wieder hoch. Und dann die Nächte ... Und in dem Klima ... Na ja, also lieber still davon.

Schwer enttäuscht war ich. Hätt’ am liebsten sofort zurücktelegraphiert: ‚Unsinn — Dein Mann geht vor ...‘ Geschrieben war schon so was ... Der Postmaat hatte es schon in der Hand. Aber ich nahm ihm das wieder weg.

Denn weißt Du, geliebtes Weib — wunderbare Gedanken sind mir gekommen. Ob ich Dir sie wohl so recht auseinandersetzen kann? Versuchen wir’s.

Sieh mal — die allerallererste Hoffnung auf das Kind haben wir ja zusammen bejubelt. Aber — Gott, es klingt wohl komisch — das war doch beinahe wie eine Stimmung, so ’n bißchen phantastische Vorfreude. Jedenfalls verwischte sich das in mir, als ich fortging. Wurde wie so ’n Traum. Mir nichts Wirkliches. Mußte mich in den folgenden Monaten oft zwingen, daran zu denken. Dann kam eines Tags die Depesche, daß ich ein Töchterchen bekommen habe. Ich weiß noch, wir hatten ein Diner bei dem Konsul Glaubermann in Schanghai. Da traf die Depesche ein. Ich wurde etwas erregt, hatte so einen heißen Fleck in der Brust, vielleicht sogar nasse Augen (ich glaube wohl), und alle wurden mit aufgeregt, und zu Deinen, meinen und des Kindes Ehren wurde kolossal viel Sekt getrunken.

Von da an war in Deinen Briefen immer viel von dem Kind die Rede, und ich habe ja wohl auch stets in meinen Briefen der Kleinen gedacht — hoffe es wenigstens.

Aber — es war doch wie so ein akademischer Begriff: ich bin Vater, habe ein Kind! Ich mußte es förmlich so vor mich hinstellen, damit ich es nicht vergäße. Ja, so was Unwirkliches war es am letzten Ende.

Und da kommt Deine Depesche! So felsenfest habe ich ein jubelndes ‚Ja‘ erwartet, denn Emmich hat es mir wohl gesteckt, daß Du mehr von der Trennung leidest, wie ich eigentlich von Deiner Einsicht und Deinem Verstand erwartet hatte. Ganz felsenfest; denn ich bildete mir ein: Du flögst am liebsten durch die Luft her.

Und da sehe ich aus der Depesche: es gibt nun etwas in Deinem Leben, das Dich hindert, Deiner Sehnsucht nach mir zu gehorchen. Das kann nur ganz was Heiliges, Großes sein.

Es ging mir auf. Wie eine Offenbarung war das. Ich wußte, was es sei: die Mutterliebe!

Da ergriff mich ein Gefühl, das mich so weich machte, so windelweich ... Herrgott, so gerührt bin ich ja wohl weder bei unserer Trauung gewesen noch bei unserem Abschied.

Plötzlich war meine riesengroße Enttäuschung wie fortgeblasen. Ganz stolz war ich, ganz glückselig.

Nun war es für mich Wirklichkeit geworden: ich hab’ ein Kind. Es steht auf einmal deutlich da in meinem Leben — denn es hat die Macht, mir mein süßes Weib fernzuhalten — also, es muß eine große Sache sein um so ein kleines Kind — nicht einmal meiner guten alten Mutter, die Du so liebst, willst Du es anvertrauen — auf die Reise zu mir willst Du verzichten — —

Wir sind nicht mehr: Du und ich; wir sind unserer drei! Und dieses dritte, kleine Lebewesen ist offenbar die Hauptperson geworden.

Ich muß immerfort in mich hineinlächeln. Es hat so etwas Komisches: ich, der Kapitän von Falckenrott, ich, Dein Malte, ich hab’ einfach nichts zu sagen. Ich rufe: komm! Und denke nicht daran, daß da ein Kind ist, das viel mehr zu sagen hat, das sein Mütterchen nicht fort läßt! Von dem das Mütterchen nicht fort kann!

Laß mir doch die süße, kleine Hauptperson photographieren? Oder geht das noch nicht?

Und sobald sie ein bißchen Verstand hat, erzähl’ ihr was vom fernen Papa. Ich sei ein sehr netter Papa, sag’ ihr, der sich mit Emsigkeit um das Wohlwollen seiner Tochter bewerben werde.

Ja, Du kannst Dein kleines Kind nicht verlassen! Das versteht sich. Verzeih’ mir nur, daß ich in meinem Unverstand anders dachte. Nein, Du mußt es pflegen und hegen und bewachen. Damit es dem Papa als dickes, rosiges kleines Ding entgegentrippeln kann — Dein Geschenk, teures Weib, Deines für mich — hüte es mir wohl!

Bei meiner Heimkehr werde ich es in Deinen Armen finden!

Fest muß ich mich zusammennehmen, wenn ich an diese Heimkehr denke. Das wird ein Glück werden. Du und ich und mein Kind. Mein Kind! Von Dir so für mich behütet, daß Du seinetwegen nicht einmal zu mir kommen kannst.

Mit nächster Post schreibe ich einen vernünftigen Brief. — Leb’ wohl. Küß mein Kind. Ich hoffe, es gleicht Dir.

Innigst Dein Malte.“

Von aller Kraft verlassen stand sie — lehnte sich ans Fensterkreuz, um nicht zu sinken, ging endlich schwankend auf den Wagen zu — sein dunkler Lack machte ihn in diesem Augenblick, wo die graue Dämmerung ins Zimmer schattete, einem Sarg nicht unähnlich. Das Gestell der Räder, sperrig und leicht gebaut, gab diesem Lager das Wesen bedrohlicher Leichtbeweglichkeit ...

Als würde es sofort von gespenstischer Hand fortgestoßen werden — hinweg aus den Augen der Mutter — hinein in eine Nacht, der kein Morgen tagt ...

In den Kissen lag der kleine Kopf — seltsam kleiner geworden, schwer, hart.

Das Kind atmete kaum ... wie zu Tode erschöpft lag es, hindämmernd an den Grenzen seiner Kraft.

Außer sich, von wahnsinniger Angst zerbrochen, fiel die Mutter neben diesem Lager, das ihr unnennbare Furcht einflößte, in die Knie.

„Lebe!“ flehte sie das Kind an. „Lebe.“


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