II

II

Das ganze Zimmer war erfüllt von blauer Dämmerung, von einer reinen, köstlichen Frische. In ihr konnte das kleine Wesen, von Wohlbehagen wie geschwellt, wohl einen guten Schlaf haben. Nach dem Bade lag es nun, ein appetitliches, rührend hilfloses und unbewußtes Stückchen Leben — mehr ein Pflanzen- als ein Menschenleben noch — in seinem Bettchen. Der Kopf, auf dem ein dunkler Haarwuchs zu flaumen begann, war wie eine schwere, etwas ins Längliche verformte Kugel tief hineingedrückt in das weiße Kissen, das um seine Kontur herum bauschig aufschwoll. Im Schatten der Gardinen, die von einem das Bettchen überwölbenden Krummstab herabwallten, blieben die geschlossenen Augen, das kleine Näschen beinahe verwischt — so weich waren noch die Züge. Nur der Mund war sehr deutlich in dem Kindergesicht — die Lippen bewegten sich instinktiv, lutschend, saugend, als kosteten sie noch den Wohlgeschmack der Flasche.

Mit leichten Schritten, unhörbar, ging Jutta noch umher. Sie sah nach, ob hinter dem Vorhang auch die Fensterklappe geöffnet sei, entdeckte an der Scheibe eine Wespe, die sie furchtlos und fürsorglich mit ihrem Taschentuch überdeckte und griff, um sie dann aus dem Fenster ins Freie zu schütten.

Ein letzter Blick in die Runde zeigte ihr, daß im Schlafzimmer, das auch das ihre war, und in dem neben dem großen Bett traulich das kleine stand, sich alles in feierlicher Ordnung befand. Heilige Schlafensstille webte in dem Raum, und ganz leise, leise, nur dem angestrengt lauschenden Ohr der Mutter erratbar, ging der Atem des Kindes in köstlicher Regelmäßigkeit.

Es schlief. Es schlief sich wieder ein Stückchen weiter ins Leben und in die Kraft hinein ...

Jutta ging in den Nebenraum. Das war eigentlich ihr Ankleidezimmer. Aber nun hatte das Kind seine Ansprüche und seine Herrschaft auch hierher getragen. Und auf dem Teppich stand das Gestell mit der Badewanne, und zwischen all den eleganten Einrichtungsgegenständen des Toilettentisches, auf seinem Spiegelglas und zwischen den Bürsten und Kämmen von dunkelm Schildpatt, standen Puderdöschen und lagen allerlei blauumsäumte Läppchen und Streifen. In einem zierlich mit Schleifen ausgestatteten Korb häufte sich gebrauchtes Kinderzeug.

In diesem Raum war es sehr hell. Weit geöffnet stand sein Fenster, und von draußen herein kam die salzige Sommerluft und vertrieb die lauen Baddünste.

Das Hochviereck des Fensters zeigte einen Ausschnitt aus der freien Natur. Nur in zwei Farben. Ein großes Stück knallblauen Himmels und ein paar runde grüne Wipfel, die aber so grell besonnt waren, daß sie weißlich überflimmert schienen.

Jutta träumte ein paar Augenblicke hinaus, mit unbestimmten Gedanken. Das bedeutete Ausruhen für sie.

Es war immer wie Schonzeit für ihr Gemüt, wenn alles, was es sonst leidenschaftlich bewegte, einmal als unklare Traurigkeit still lag.

Der Sommermorgen war so schön — zu schön. Ganz stiller Glanz erfüllte ihn, alle Winde schliefen.

Jutta dachte flüchtig: „Reiswitz — Freia — Nordwest — Kiel — Travemünde ...“

Aber diese Gedanken zerfaserten. Es war ihr so unaussprechlich gleichgültig, was für Winde die Segel blähten ... oder ob gar keine ...

Hinter ihr bewegte sich jemand ... Wasser rauschte leise.

Jutta wandte sich um. Die sommersprossige Martha räumte auf und goß den Inhalt der kleinen weißlackierten Wanne in einen Eimer, der in seiner Ausstattung Familienähnlichkeit mit ihr hatte.

Mit raschen Händen half Jutta. Alle Geräte, alle Möbel, jeder Zierat zeigte Geschmack, Neuheit, Ordnung.

In wenigen Minuten gab es auch in diesem Raum nichts mehr zu tun. Er glänzte in der schmuckvollsten Sauberkeit.

Jutta band die große, mit russischen Stickereien verzierte Schürze ab, die bis dahin fast ganz Taille und Rock ihres einfachen weißen Kleides verdeckt hatte.

Unbewußt seufzte sie. Nach vollendetem Tagewerk ...

Zehn Uhr war es. Und sie wußte heute wie fast an jedem Tag den Inhalt aller Stunden voraus ... Ein wenig Handarbeit ... Kinderkleidchen sticken und nähen, für die noch ferne Zeit, wenn Baby erst anfinge zu stehen, zu gehen ... ein paar Briefe schreiben ... mit der Köchin das Mittagessen besprechen ... dieses schreckliche Mittagessen, das für eine Person zu kochen und aufzutragen fast lächerlich schien. Und dann ein Nachmittag und Abend ohne Ende ... ohne Zweck ... ohne Freude.

Zwischendurch wachte Baby wohl einmal und lag mit großen Augen, und lallende, drollige Laute erzählte es ... denen die Mutter mit heißer, verzehrender Begier lauschte ... als hätten sie schon Inhalt, als seien sie Stimmen der Liebe ... Aber es waren eben doch nur die unbewußten Töne eines kleinen, noch nicht zum Menschentum erwachten Lebewesens ...

Langsam ging Jutta nach vorn, in ihr Wohnzimmer. Es war nicht sehr groß. Alle Räume des Stockwerks in der Villa am Niemannsweg, das sie innehatte, zeigten angenehme Verhältnisse; sie waren für Menschen bestimmt, die in Behaglichkeit, aber nicht in Luxus zu leben dachten. Nach vorn gab es nur zwei Zimmer, das des fernen Hausherrn und das ihre. Hier öffnete sich eine Tür auf den Balkon, von dem aus man in den dichtverwucherten Vorgarten hinabsah.

An das Herrenzimmer, nach hinten, schloß sich das Eßzimmer, ein länglicher und der größte Raum der Wohnung. Überall an den Wänden und auf den Möbeln sah man Waffen, Stoffe, Vasen, Bronzen von fremdartigen Techniken und phantastischem Farbenreiz. Juttas Gatte hatte als junger Offizier noch die Zeit der reichlicheren Auslandkommandierungen miterlebt und als Kadett zur See, als Oberleutnant und Kapitänleutnant Westindien, Ostasien und die Südsee gesehen. Er hatte allerwärts gekauft, soweit Geschmack und Mittel es erlaubten, und das Gesammelte liebevoll zusammengehalten und gepflegt. Da nun Geschmack wie Mittel im Lauf der Jahre gereifter und reichlicher geworden, war manches schöne Stück, manche wertvolle Stickerei zusammengekommen.

Jutta hatte als junge Frau mit Stolz und jubelndem Staunen von all diesen bunten Sachen Besitz ergriffen und mit erstaunlichem Geschmack verstanden, alles so zu ordnen, daß die moderne Einrichtung sich harmonisch als Basis dieses fremdländischen Krams erwies.

Jetzt, wenn sie durch die Räume ging, kam es ihr zuweilen vor, als lebe sie zwischen Theaterdekorationen, als sei dies nur eine Szenenausstattung ... das Stück, das darin gespielt worden war, war aus ... Warum stand nun noch immer die Kulisse da? ... die Bühne war leer ... die Handlung hatte sich weiter entwickelt ... Und immer noch die gleiche Dekoration ...

Sie hatte Stimmungen, in denen sie all diese bunten Dinge haßte.

Am liebsten war sie auf dem Balkon. Ein Glasdach und zwei schmale Seitenwände von Glas schützten ihn gegen Wind und Regen. Er war geräumig und krönte den ziemlich weit vorspringenden Erkerausbau des Erdgeschosses. Sein Geländer ringsum glich einem von Blumen reichlich gemusterten grünen Pelz. So dicht hatte Jutta es mit gut gepflegten blühenden Pflanzen verstellt.

Die Glaswände waren mit einem Leinenstoff von altrosa Farbe glatt verhangen. Ein paar weiße Korbsessel standen um einen Tisch. Über ihm hing, an dünner Schnur oben aus dem gußeisernen Mittelstern des Glasdaches kommend, eine elektrische Birne. Aber sie war ganz versteckt in einem faltenreichen Schirm von altrosa Seidenstoff. Rechts und links von der Tür zum Zimmer standen schmale Blumentische, von denen Ranken hingen und Ranken an Gitterwerk aufstiegen.

Dies alles war sehr behütet und bildete recht eigentlich Juttas Spielzeug. Sie liebte Blumen bis zur Leidenschaft.

Jetzt, am Vormittag, mußte die Sonne durch eine halb herabgelassene Persienne abgehalten werden. Dann schien dieser Raum vollends wie ein Versteck. Man konnte ganz vergessen, daß man hier nahe einer Straße war.

Von unten aus dem Haus und Garten kam niemals Lärm herauf. Da wohnte der Eigentümer, Professor Doktor Krämer mit Frau und Schwester, und die hatten keine Zeit und kein Interesse für Welt und Menschen. Den Garten ließen sie nur auf das notdürftigste zurechtmachen, denn jedes Herbarium war ihnen wichtiger als er, Gelehrsamkeit größer als die Natur.

Jutta durfte abschneiden, was da an Rosen und was da sonst an Büschen und auf Beeten wuchs und wurde.

Wegen der Geburt der Kleinen hatte Jutta den drei Krämers gegenüber so etwas wie ein schlechtes Gewissen gehabt; aber da Baby als sehr gesundes und ausnehmend sorgsam gehaltenes Kind nur gerade so viel schrie, als die Lungengymnastik es wohl nötig machte, hatten Krämers sich noch nie beschwert.

Ja, einmal sogar, als Jutta selbst den leichten, dunkeln, englischen Kinderwagen durch den Vorgarten schob, war der Professor herangetreten und hatte zerstreut ein wohlwollend gemeintes Wort gesagt. Und Fräulein Krämer und Frau Professor Krämer hatten ihre alten Gesichter von rechts nach links über die Wagenkissen geneigt. Fräulein Krämer wischte neckisch mit der zu langen und vom Zeigefinger nicht mehr ausgefüllten Spitze ihres grauen Zwirnhandschuhs ein bißchen auf Babys runder Wange hin und her. Frau Krämer sagte erstaunt: „Ich dachte, kleine Kinder wären hübscher.“

Aber Jutta nahm es nicht übel, sondern schätzte diese ganze Szene richtig als eine ungewöhnliche Herablassung bedeutender Menschen zu unbedeutenden Nebensachen ein ...

Auch an diesem Morgen war unten alles so still, als wohne dort kein Mensch. Der Professor, der irgendwann einmal bei einer Berufung übergangen war, hatte sich aus dem Staatsdienst zurückgezogen und lebte der Fertigstellung eines Werkes. Frau und Schwester halfen ihm — Jutta sah es förmlich im Geist, wie sie alle drei bei engverschlossenen Fenstern saßen und schrieben, kopierten, registrierten ...

Aber sie waren glücklich dabei, diese drei ... sie arbeitetenzusammen... Sie trugen nicht einsam an den Pflichten des Daseins ... Und wenn man auch nicht verstand, wie ihnen das reizvoll und wichtig und ein Lebendiges sein konnte, womit sie ihre Tage füllten —dassah man,dasverstand man: sie trugen einander, sie halfen einander voll Liebe ...

Und so wandelten auch diese drei vertrockneten, von allem blühenden Menschentum geschiedenen Gestalten als ein Aufreizendes an den Grenzen von Juttas Alltag hin. —

Nun setzte sich Jutta auf ihren Balkon. Da stand das Glas Milch, und da lag die Zeitung. Sie griff mechanisch nach beiden.

Die Post hatte nichts gebracht ...

Und Hochhagen sprach doch von einem Brief, den er bekommen habe, dessen Inhalt so wichtig schien, daß er heute nachmittag ihn mit ihr zu besprechen wünschte?

Aber ganz ohne Zweifel würde für sie selbst auch noch etwas kommen. Mit dem Eintreffen der Auslandpostsachen ging es ja zuweilen willkürlich. Was drüben an einem Tag aufgegeben und ganz gewiß mit dem gleichen Schiff expediert worden und in Bremerhaven angekommen war, langte hier tropfenweise, auf die Post von zwei, drei Tagen verstreut, an.

Jutta wußte nicht mehr, ob sie sich nach diesen Briefen sehnte oder sich vor ihnen fürchtete ...

Drunten ging die Gartenpforte — man hörte sie aufklinken und wieder zufallen und dann einen raschen Schritt auf dem gepflasterten Weg, der von der Pforte her an der rechten Seite des Vorgartens bis an die Haustür führte.

Ganz flüchtig horchte die junge Frau diesem lebhaften Gang nach. Aber es war ihr nicht der Mühe wert, sich aus ihrem Stuhl emporzurecken und hinabzusehen.

Sie las den Bericht über die letzte Regatta und versuchte etwas von dem zu begreifen, was sie las.

Da erschien Martha in der Tür. Freudig stand sie, ihr von Sommersprossen beinahe bräunliches Gesicht glänzte. Hell war ihre Erscheinung mit dem straffen weißblonden Haar, in dem rosa Kattunkleid vor dem dunkeln Hintergrund. Und sie meldete: „Kapitän Hochhagen.“

Jutta fuhr auf. Ein kurzes Erstaunen verwirrte sie. Jetzt? So früh? Hatte er nicht heute nachmittag kommen wollen?

Und die rasche Ahnung, die Frauen in bedrängtem Gemütszustand so leicht befällt, kam ihr: Eine Unglücksbotschaft!

„Ich lasse bitten,“ sagte sie und ging ihm schon entgegen.

Da er wähnte, jederzeit in diesem Haus der willkommene Besucher zu sein, war er dem meldenden Mädchen auf dem Fuße gefolgt. So traf Jutta mit ihm schon in ihrem Wohnzimmer zusammen, in dem tiefen Schatten, der es durchdämmerte, weil draußen auf dem Balkon die grüne Persienne fast ganz herabgelassen war.

„Was ist geschehen?!“ rief sie zitternd.

„Mein Gott,“ sagte er betroffen. Einzig sein Erscheinen zu ganz ungewöhnlicher Tageszeit genügte, um sie zu entsetzen?! Ja, sie war aus den Fugen! Seit langem, langem.

„Liebe gnädige Frau! Etwas sehr Schönes ist geschehen. Ich habe mich mit Renate Gervasius verlobt, und Sie sollen die erste sein, die es erfährt.“

„Oh,“ murmelte sie, wie erloschen — die Flamme ihrer Erregung sank in sich zusammen — aber sie fühlte ihre Knie beben und setzte sich.

„Nichts,“ dachte sie, „nichts ist geschehen. In meinem Leben nichts ...“

Der vor Glück strahlende Mann stand vor ihr. Sie reichte ihm die Hand empor. Er hielt sie fest umschlossen.

„Ja,“ sprach sie, „das ist schön. Das freut mich. So ein liebes, wundervolles Kind ...“

„Ja,“ sagte er, mannhaft eine Weichheit niederzwingend, die Rührung werden wollte, „ich fühle auch — so was wie ein Wunder ist dies — — nun hat man eine Zukunft, nun weiß man, warum man lebt und strebt.“

„Und Renée — die junge Renée — sie — sie fürchtet sich gar nicht?“ fragte Jutta leise.

„Wovor fürchten?“ fragte er erstaunt zurück.

„Vor dem Los der Seemannsfrau.“

Sie sagte es flüsternd, als fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten.

„Oh, das ...“ und stolz und freudig, nach einem ganz kurzen Stutzen über ihre Frage, fuhr er fort: „Sie liebt mich. Sie hat ein gesundes, tapferes Herz. Wenn es einmal auch für mich als verheirateten Mann heißt, hinauszuziehen und in der Ferne meine Pflicht erfüllen, da wird sie sich eben als Seeoffiziersfrau, als deutsche Frau sagen: es ist sein Beruf! Und sie wird stolz und stark meiner Rückkehr warten. Wie ...“

Wie Sie der Ihres Gatten, hatte er schließen wollen.

Aber es war, als lege sich ihm eine Hand auf den Mund. Und der unvollendete Satz sprach dennoch weiter — wie von selbst — mit unhörbaren Stimmen — drangen auf Jutta ein. Sie fühlte sich wie von Vorwürfen überhäuft — herabgesetzt — mißhandelt.

„Die Naturen sind verschieden,“ sprach sie trotzig.

Aber er dachte nicht daran, ihr weh tun zu wollen. Seit Monaten waren seine Gedanken voll brüderlicher Sorge und Mitleid.

So kostete es ihn keine Überwindung, über ihre Worte und ihren Ton hinzugehen, als habe er nichts in sich aufgenommen davon.

Er setzte sich zu ihr.

„Gestern abend noch, gleich nach der Quadrille, haben wir uns ausgesprochen. Ich bin schon ganz früh heute bei ihren Eltern gewesen,“ erzählte er fröhlich, „eigentlich war es eine Verlobung beim Morgenkaffee, in der Veranda bei Geheimrats. Ich verkehre ja schon lange vertraut im Hause, und Renées Eltern haben wohl wachsen sehen, was werden wollte, und nun haben sie mir ihr liebes Kind gern gegeben. Ich kann natürlich heute nachmittag nicht zu Ihnen kommen. Aber ich bringe die Bitte meiner Schwiegereltern: Nehmen Sie heute abend an der ganz kleinen, improvisierten Verlobungsfeier teil, die Gervasius’ veranstalten. Sie sind die Frau meines liebsten Freundes, meines nächsten Kameraden. Als Malte ging, hat er Sie vor allem meiner Obhut vertraut. Und meine Braut, später meine Frau wird Ihre Freundin werden. Ich hoffe es von Herzen. Und sehen Sie, liebe, liebe Frau Jutta — mir ist so, als ob meine Verlobung Sie auch ein bißchen aus Ihrer Einsamkeit befreite, an der Sie so schwer tragen — als führte ich Ihnen eine Schwester zu, die Ihnen in Fröhlichkeit manche Stunde erhellen wird. Und Renée, das kann ich sagen, schwärmt bereits für Sie — ist voll Bereitschaft, Sie zu lieben.“

„Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen,“ flüsterte sie und drückte wieder seine Hand. Tränen drängten sich in ihre Augen. Aber sie bezwang sich. Und es schien, als wandle sich ihr die Rührung doch in schwere Gedanken. Sie zog die Brauen zusammen wie in Schmerz.

„Sie werden kommen heute abend?“ bat er drängend.

„Gewiß. Ja. Gern.“

„Liebe gnädige Frau,“ begann er wieder, „mein Herz läuft über. Alles kommt heraus und breitet sich vor Ihnen hin — all das große Glück. Aber auch ein bißchen Kümmernis. Ja, heute muß auch das heraus. Offen: mir war’s manchmal in der letzten Zeit, als käme so was wie Feindschaft gegen mich angestürmt aus Ihren Blicken und Ihrem Ton. Stellen wir’s klar. Hab’ ich was versehen? Bin ich nicht aufmerksam genug gewesen? Verzeihen Sie’s dem rauhen Seemann, der auf Freiersfüßen ging. Man ängstigt sich vor seinem Ungeschick, traut sich keine Zartheiten zu ... Aber nun bekomme ich die holdeste Vertreterin. Die wird, wo ich’s etwa nicht träfe, meine herzliche Ergebenheit immer in zarte Tat umsetzen.“

„Nicht aufmerksam genug gewesen?“ wiederholte Jutta langsam, „oh, niemand konnte mehr für eine Verlassene tun als Sie für mich. Sie können vor Malte bestehen ...“

Und sie dachte: „Ich kann es ihm nicht ins Gesicht sagen, daß ich mich bewacht und bevormundet fühlte ... bis zur Qual ...“

„Vor Malte bestehen? ... Ich will auch vor Ihnen bestehen!“ erklärte er herzlich.

„Manchmal,“ begann sie vorsichtig wie eine, die in weitem Bogen um die Dinge herumgeht, sie nur von ferne, mit zusammengekniffenen Lidern, anblinzelnd, „manchmal hatte ich das Gefühl, Sie schätzten mich als eine ein, die der Bewachungsehrbedürfe.“

Sie sprach das „sehr“ gedehnt und betont.

Er sprang auf. Ganz betroffen lief er einigemal im Zimmer hin und her. Sie verfolgte ihn mit ihren Blicken, wartend, gespannt.

„Ja,“ dachte er, „ja — und doch auch wieder nicht so, wie sie es zu fühlen schien ...“

Er war zornig auf sich.

So bin ich doch wohl täppisch gewesen, fühlte er. Wie sollte er da herauskommen und sich ihr erklären?

Man kann einer armen Frau, von der man glaubt, daß sie vor Sehnsucht auf dem Punkt ist, gemütsleidend zu werden, nicht zu viel Wahrheiten ins Gesicht sagen. Nicht, daß für ein so schönes, so leidenschaftliches Geschöpf in solcher Stimmung jeder dumme, leichtfertige Kerl zum Versucher werden kann. Nicht, daß man mit den treuen Rosenfelds oft kummervoll zusammengesessen hat und beriet: wie zerstreuen wir sie? Nicht, daß sie förmlich infolge eines liebevollen Komplotts in die Festlichkeiten der Kieler Woche gezogen wurde. Nicht, daß man manche Stunde, die man brennend gern der einen, Liebsten, sie umwerbend, gewidmet hätte, hier verplauderte, um der Einsamen den fernen Gatten im Gespräch ein wenig lebendiger nah zu bringen. Nicht, daß man seinen gänzlichen Unverstand zu verhehlen getrachtet und alle Tage mit den sachverständigsten und erfreutesten Mienen das Wachstum Babys bewundert hatte ... Nein, nichts konnte man von alledem sagen.

Und am allerwenigsten, daß seit einiger Zeit eine große Angst in seinem Herzen emporwuchs ... Seit dieser Legationsrat von Gamberg so oft in Kiel erschien ... dieser Mann, der ganz gewiß kein dummer und leichtfertiger Kerl und eine Versuchung war ... der mehr werden konnte, viel mehr, vielleicht ein Zerstörer.

Ganz tief hatte er diese Angst versteckt gehabt — nicht mal vor Rosenfelds auch nur mit einem Zucken des Lides, mit einem andeutenden Wort sie aus seinen Gedanken herausgelassen.

Extra hatte er Sorge getragen,nichtwachsamer zu scheinen — —

Und sie — sie hatte doch so etwas empfunden, als umlaure sie Mißtrauen ...

Das erriet er klar. Das erzählte ihm ihr Ton.

Wie schade, wie peinvoll ...

Und er kannte sie genug, um zu wissen: Das hat sie gereizt ...

„Natürlich,“ dachte er, „die Schuld ist mein. So ganz leise und fein denkt man’s und fühlt man’s. Und bringt es doch wohl recht plump an den Tag.“

Und in dieser Stunde, wo er sich erhoben fühlte, wo die Welt ihm geadelt schien, weil er selbst den Glanz einer sehr reinen und sehr starken Liebe auf seinem Leben fühlte, in dieser seiner großen Stimmung erschien ihm auch all seine Angst wie ein Verkehrtes.

Ihm war, als sei sein Mißtrauen gewesen wie eine zudringliche Hand, die ganz zerbrechliche Sachen allzu fest anpackt und sie nur damit verdirbt.

Ja, beinahe schuldig kam er sich vor.

Wie da wieder herauskommen?

Mitten in seine bekümmerten Erwägungen hinein fiel ihm ein humoristischer Gedanke. Das geschah ihm oft. Da platzte irgend so ein drolliger Vergleich unversehens wie eine Rakete in den tiefsten Ernst hinein, und der zersprang daran.

Er stand vor Jutta still.

„Wenn ich mich wie ein Pudel betragen habe und in bemerkbaren Sprüngen Sie umkreiste mit lautem Wauwau, dann verzeihen Sie’s mir. Was? Ja? Denn Sie wissen es von selbst: die Meinung war gut. Ich wollte nicht bewachen. Trösten wollte ich und helfen. Jawohl.“

Jutta sah ihn an, frei und kühn. Seine Art hatte ihr alle Unbefangenheit zurückgegeben. Und sie gewann nun den Mut, wissen zu wollen ... War er wirklich nur so ein harmloser, treuherziger Wächter gewesen? Sah er wirklich nicht, daß da eine Gefahr heranschlich?

„Ich selbst, ich allein kann mit ihr fertig werden,“ dachte sie hochfahrend, „ich brauche keinen Aufseher.“

In ihr lag eine Welt von Kraft, von Leidenschaft, von Gedanken ganz brach. Die große Sehnsucht, die in ihr war, die Sehnsucht nach dem Leben, lechzte nach Ereignissen ...

Nicht andere, nicht die besten Freunde sollten für sie wachen und handeln ...

Er hielt ihrem Blick stand. Gut und offen sah er sie an, und endlich ging eine große Heiterkeit in seinem Gesicht auf.

Er hielt ihr die Hand hin. Und Jutta, zu ihrer eigenen Überraschung, in plötzlicher Aufwallung von seinem humorvollen Wesen bezwungen, schlug ein.

„Na, sehen Sie wohl!“ sagte er. „Und denn überhaupt ... wo ja nun bald all das Sehnen und Grämen ein Ende hat!“

„Wieso?“

Sie stand auf. Ganz rasch — sah ihn an, gespannt, erstaunt ...

„Na, ich denke ... Sind Sie nicht ganz toll vor Freude?“

„Worüber?“

„Über Maltes Idee.“

„Welche Idee?“

„Haben Sie denn keinen Brief?“

„Noch nicht.“

„Nun, der muß also jeden Augenblick kommen. Malte hat uns doch gleichzeitig geschrieben —“

„Was hat er geschrieben? Von welcher Idee? Schon gestern abend sprachen Sie von einem Brief als von einer Wichtigkeit.“

„Ich bekam ihn gestern vormittag. Aber dies ist mir nun beinahe fatal, daß ich durch einen Postzufall früher von der Sache weiß und spreche, als Sie’s selbst aus Maltes Brief erfuhren.“

Es war ihm wirklich leid. Es schien ihm, als nähme er dem fernen Gatten was weg und bestehle auch die Frau um eine Freude, wenn sie die große Überraschung von ihm erfuhr, anstatt daß sie ihr aus den Briefblättern entgegensprang wie lauter Jubel ...

„Von welcher Sache?“ fragte sie, vor Ungeduld vergehend.

„Ja — dann muß ich’s wohl sagen. Also Malte will, daß Sie nach Ostasien kommen.“

„Ich!“ schrie sie auf. Und dann, stammelnd, leiser, wiederholte sie noch einmal und noch einmal: „Ich — ich ...“ Und wurde dann sehr still.

Hochhagen sah die Frau an. Wie bleich war sie geworden. Wie schwer atmete sie. Was war das? Seine wohlwollende, treuherzige Beschützerstimmung verwandelte sich mit einem Schlag in gesammelte Aufmerksamkeit.

Nein, diese Frau schrie so nicht auf, weil die Freude sie überwältigte ...

„Was ist daran so außerordentlich?“ fragte er, „wie manche Marinefrau ist schon zum Besuch ihres Gatten ins Ausland gereist.“

Jutta ging bis an die Balkontür vor. Sie lehnte sich mit der linken Schulter gegen den Pfosten. Unverwandt sah sie gegen die grünen Stäbe der herabgelassenen Persienne.

Hinter ihr wartete der Mann ein paar Augenblicke. Er dachte: sie muß sich erst fassen. Aber als sie fortfuhr zu schweigen, sagte er ganz ruhig: „Vor acht Wochen ist Frau Kapt’enleutnant Rohrbrand nach Sydney gefahren, um ein Rendezvous mit ihrem Mann zu haben.“

Ohne sich zu rühren, sprach Jutta: „Rohrbrands — haben Geld — die können das — reiche Eltern haben sie — ja ...“

„Malte schreibt, daß ihr es gut machen könnt. Und das mein’ ich auch. Wie Malte schon ist: er gibt draußen ja nichts aus jetzt — spart — hat die Bordzulage. Ihr könnt es gut machen.“

Sie kannten doch untereinander ihre Finanzverhältnisse so genau. Hochhagen hatte schon gewissenhaft und vergnügt seinerseits nachgerechnet: jawohl, Falckenrotts können es sich leisten.

„Und das Kind?“ fragte Jutta.

Hochhagen antwortete nicht sofort. Er war etwas perplex. An das Kind hatte Malte offenbar nicht gedacht. Wenigstens hatte er es in dem Brief an den Freund nicht erwähnt.

Aber nun fiel ihm ein: Maltes Mutter war ja da. Und soviel er wußte, stand Jutta sich mit Maltes Mutter sehr herzlich.

„Das Kind?“ sprach er erwägend, „das scheint mir ganz einfach. Das nimmt derweil Maltes Mutter.“

Die junge Frau fuhr herum. Blaß stand sie, zitternd.

„Ich lasse mein Kind nicht von mir. Keinen Augenblick. Es ist mein Kind! Meines. Meins ganz allein,“ sagte sie.

„Nun — es gehört doch auch Malte,“ warf er beruhigend ein.

„Nein. Mir gehört es — mir,“ rief sie, „mir ... Wo war er, als ich fühlte, wie es wurde und wuchs? Wo war er, als ich vor Not und Schmerz zu sterben fürchtete? Wo war er, als es seinen ersten Schrei tat?“

Sie warf sich in den nächsten Stuhl, versteckte ihr Gesicht an der Lehne und weinte — weinte — daß der Mann ganz verlegen wurde, Zeuge solcher Tränen sein zu müssen.

Es erschütterte ihn. Er fühlte, da war eine Verworrenheit, eine Erregung, eine Leidenschaft aller Empfindungen, die noch weit über das hinausgingen, was er gefürchtet hatte.

Er spürte auch, jede Zurede, jedes Wort war schon ein Wagnis.

Aber aus einem ganz einfachen, gesunden Mannesgefühl heraus sagte er doch, fast streng und stolz: „Er war da, wo sein Kaiser und sein Vaterland ihn brauchten.“

Eine Pause entstand.

Ganz jäh hatte Jutta aufgehört zu weinen. Still, mit verstecktem Gesicht verharrte sie.

Er dachte nicht darüber nach, was dies plötzliche Verstummen bedeuten könne. Er fühlte nur: sie muß nun irgendwie mit sich ins reine kommen, und das wird sie ja wohl auch.

All die letzten Monate hatte er gedacht: „Die Frau muß wieder mit ihrem Mann zusammenkommen, die verträgt das Alleinsein nicht.“ Und das gab er denn auch brieflich dem fernen Freund so deutlich zu verstehen, als es möglich war, ohne diesen zu beunruhigen.

Nun sah er: es war noch viel dringlicher gewesen, als er geahnt hatte.

Mit Geduld ertrug er nun diese Pause, solange es ihm schicklich schien, dann sagte er voll Freundlichkeit: „So, meine liebe gnädige Frau — vorbereitet sind Sie — das Genauere, und wie Malte sich alles denkt — das lesen Sie ja wohl besser in seinem Brief. Ich bitt’ bloß: Ruhe, Ruhe, Ruhe! Und vielleicht — könnt’ man ja auch sagen: der Mann geht dem Kind vor. Aber da bin ich noch nicht kompetent ...“

Jutta erhob ihren Kopf, mit einer schweren Gebärde, als wöge er Bleilasten. Sie wandte langsam ihr Gesicht und sah Hochhagen an. Ihre Lippen waren zu einem Lächeln verzerrt.

„Das habenSiegemacht ...“

Hochhagen wurde rot. Er zauderte — nur einen knappen Augenblick.

„Ja,“ sagte er dann einfach, „weil ich Malte und Sie liebhabe ...“

Ihr strömten die Augen über. Unsicher erhob sie sich.

Sie hielt mit ihren beiden Händen seine Rechte fest.

Er fühlte: das war alles. Dank! Verständnis seiner Treue! Bitte um Verzeihung! Bitte um Halt!

Ganz aufgelöst war die arme Frau — in Weichheit und Gram, und zerrüttet von tausend Nöten, deren Ineinanderwirken er dumpf zu ahnen begann.

„Gott helfe ihr!“ dachte er.

Und fühlte: nun keine Worte mehr! Dieses schwere Schweigen ist heiliger Kampf ...

Und so ging er mit einem festen Händedruck — wie ihn sonst nur ein Mann dem anderen gibt, wenn er ihm eben sagen will: sei ein Mann.

Nur wenige Minuten verflossen Jutta in einem seltsamen, fast gedankenlosen Hinbrüten. Es war beinahe, als ob das, was nun herankam, zu chaotisch war, als daß sie es recht ins Auge fassen und überdenken könne.

Da stürzte Martha wieder herein, mit dem fast lärmenden Wesen einer, die denkt, daß sie etwas Heißerwartetes bringt.

Der Brief — der Brief aus Ostasien war da.

Daß er ganz bestimmt mit dieser zweiten Morgenpost zu erwarten gewesen war, hatte Jutta vergessen. Ihr erschien nun sein Eintreffen wie ein Zufall, der Aberglauben erwecken konnte ... als käme wie auf ein Stichwort, wie herbeigerufen, ein Gespenst ... das Gespenst des in weiter Ferne weilenden Mannes.

Ihre Lider zuckten nervös.

Sie wollte sagen und klagen: „Sie sind sehr laut, Martha.“ Aber sie brachte kein Wort über die Lippen.

Sie sah das stillvergnügte Gesicht des Mädchens — ganz vertraulich lächelte das die Herrin an — ein Weib das andere — das versteht, wie einem zumute ist, wenn ein Brief vom fernen Liebsten kommt ...

Und von diesem Lächeln wandte sich die Herrin stumm ab ...

Sie hatte ein Gefühl, als dürfe niemand sehen und wissen, daß sie diesen Brief läse.

In das Zimmer ihres Mannes ging sie und schloß die Tür hinter sich.

An dem aufgeräumten, nie mehr benutzten Schreibtisch saß sie und starrte den Brief an — den sie zwischen den Fingern hielt und wendete.

Ihr deuchte, sie hielt ihr Schicksal in der Hand.

Als hinge die ganze Zukunft an den weißen Blättern, die dieser kleine Umschlag einschloß.

Erst nach langem, selbstquälerischem Warten las Frau Jutta den Brief ihres fernen Mannes:

„Mein geliebtes Weib! Mein letzter Brief schilderte Dir unsere Reise von Tsingtau nach Tschemulpo und meine ersten Eindrücke von Korea. Ich gab in Tschemulpo jenen Brief zur Post, und Du wirst inzwischen aus der Zeitung ersehen haben, daß wir in Hakodate ankamen. Das ist ja das Angenehme für Euch zu Hause, daß Ihr immer die telegraphische Nachricht unter der Rubrik ‚Marine‘ findet, daß wir da und da ankamen und an Bord alles wohl ist. Dann wißt Ihr doch so ungefähr, wie es um uns bestellt ist.

Also wir liegen zurzeit noch vor Hakodate und werden von hier nach Kobe gehen, um dort ein paar Tage zu bleiben. Da gibt es nämlich ziemlich viel deutsche Kaufleute, meist Hanseaten. Und die Deutschen fühlen sich immer erhoben, in ihren Interessen gefördert, in ihrem Ansehen gestärkt, wenn mal eins von unseren Kriegschiffen sich zeigt. Nachher gondeln wir so um Japan ’rum und werden wohl Ende Juni in Nagasaki ankommen. Also ungefähr, wenn Du diesen Brief bekommst, und wenn Ihr in den mehr oder minderen Wonnen der Kieler Woche schwelgt. Die hast Du diesmal hoffentlich mitgemacht, nachdem Du vorigen Sommer durch Dein damaliges Befinden daran verhindert warst. Ich hab’ es Rosenfelds und Hochhagen auf die Seele gebunden, daß sie Dich nicht einsam und trauernd in Deiner Klosterzelle verkümmern lassen.

Von Nagasaki aus machen wir noch eine Fahrt nach den Philippinen, müssen nochmal nach Schanghai zurück, und dann gehen wir nach Hongkong, wo wir unseren Kahn mal auf Dock bringen müssen.

Und in Hongkong bleiben wir fast zwei Monate.

Meine liebe, süße Frau — ja, da also bleiben wir fast zwei Monate lang!

Kommt Dir nicht auf der Stelle der Gedanke:plenty time, meinen Schatz mal zu besuchen?

Und dazu lade ich Dich hiermit feierlichst ein! Ich rate Dir, schiffe Dich nicht schon in Bremerhaven ein, sondern geh erst in Genua an Bord. Das Alleinreisen braucht Dich in keiner Hinsicht zu schrecken. Du bist an Bord eines Norddeutschen Lloyddampfers. Das sagt alles! Das sagt, daß der Kapitän — wer es auch sei, und wie er auch heiße — Dich wie Vater und Mutter in einer Person betreuen wird. Du bittest Exzellenz Marweg oder auch einfach Rosenfeld, dem betreffenden Kapitän vorher ein Dich an ihn empfehlendes Wort zu schreiben. Und Du sollst mal sehen, mit welcher Fürsorglichkeit, bis zur Stewardeß herab, Dich alles umgibt. So ’n Kapitän von so einem Riesendampfer, mußt Du wissen, ist schon ein Kerl! Der hat für viele Menschenleben und viele Millionen einzustehen, der hat, wohin er kommt, deutsche Art und deutschen Namen imposant zu vertreten. — Er ist eine Art Regent. Und die Welt, die kleine schwimmende Welt, die er regiert, die hat viel zu bedeuten. Wenn Du Dir das so recht klar machst, wirst Du jede Angst vor der weiten Reise verlieren, und das heißt, eigentlich kann ich mir’s gar nicht vorstellen, daß Du überhaupt vor irgend etwas Angst haben solltest. Du hast immer so etwas Kühnes und Sicheres in Deinem Wesen gehabt. Ich weiß noch, ich traute mich damals erst gar nicht recht an Dich ’ran.

Da wir, geliebtes Weib, ja schon beinahe in der Stunde der Verlobung von Geld sprechen mußten und uns darin gottlob immer einig waren, lieber auf etwas zu verzichten, als uns finanziell bedrückt zu fühlen, so denkst Du natürlich gleich an die Kosten. Also: wir können es machen. Von meiner Bordzulage verbrauche ich fast nichts. Gekauft habe ich eigentlich nichts, außer ein paar hübsche Kleiderstoffe für Dich: Rohseide und sehr helle Seidenkrepps. Du selbst, schriebst Du mir, hast im völlig geordneten bescheidenen Budget leben können und Dich seit unserer Heirat nicht von Kiel weggerührt. So dürfen wir die fünf- bis sechstausend Mark — so schätze ich Reise und Aufenthalt hier — wohl daran wenden, uns diese große Freude zu gönnen.

Das Schicksal ist ja eigentlich ein bißchen schikanös mit uns verfahren. Wir lernen uns kennen, lieben, verloben uns. Und erfahren von Deinem Vater, der sich im Jahr vorher, in Dir recht unerwünschter Weise, wieder verheiratet hatte, daß Du, einem testamentarisch geäußerten Wunsch Deiner Mutter gemäß, erst heiraten darfst, wenn Du mündig seiest. Und daß er erst dann verpflichtet sei, Dir Dein mütterliches Erbteil auszuzahlen. Was war da zu machen! Es hieß eben: warten.

Weißt Du, ich habe oft gedacht, Deine Mutter wird wohl nicht so sehr glücklich gewesen sein und hat nachmals ihre urteilslosen achtzehn Jahre, mit denen sie in die Ehe trat, dafür verantwortlich gemacht.

Fast alle Menschen bestimmen ja nach ihren persönlichen Erfahrungen.

Meine Mutter hat uns das Warten — diese gräßlichen drei Jahre — so viel erleichtert, als sie konnte. Und in meinen knappen, ach so knappen Urlaubszeiten haben wir bei ihr köstliche Stunden verbracht. Aber es waren eben doch nur Lichtblicke in dieser langen Zeit voll Sehnsucht. Es war eine Schinderei. Jawohl, das war es.

Und endlich wirst Du einundzwanzig Jahre! Dein Vater — verzeih mir’s — aber ich glaub’, er tat’s mit heimlichem Zähneknirschen — legte Deine zweihunderttausend Mark auf den Tisch des Hauses nieder. Und sozusagen in selbiger Stunde heirateten wir.

Manchmal denk’ ich: sind wir bloß einen Tag Mann und Frau gewesen? Einen verrückten, seligen Tag lang? So schrumpft mir die Zeit zusammen in der Erinnerung.

Wie viele Kameraden sind förmlich gierig auf ein Auslandkommando. Und ich, der ich schon so ziemlich auf allen Meeren ’rumgegondelt bin, ich kann wohl sagen: Ost- und Nordsee hätten mir auf lange hinaus als Schauplätze meiner unsterblichen Seemannstaten genügt.

Aber nein! Da trifft es ausgerechnet mich, Erster Offizier auf S. M. S. ‚Luise‘ zu werden.

Erster Offizier mußte ich ja werden. Dieses schöne Mädchen-für-alles-Kommando, das auch die dicksten Nerven zu Spinnwebfäden zermürbt, blüht ja allen. Warum konnte ich es nicht auf einem der Linienschiffe der Ostseestation werden?

Grad’ ein Vierteljahr haben wir glücklich sein dürfen!

Nun, ich habe nicht zu klagen. Es ist mein Beruf. Um nichts gäbe ich ihn hin. Wer weiß, ob er einem nicht durch solche Opfer nur noch teurer wird. Die Größe des Zwecks wird einem so klar.

Aber zu was schreib’ ich Dir die vielen Bogen Überseepapier voll — das weißt Du ja alles selbst. Ich sollte eigentlich nur ein Wort sagen: Komm!

Depeschiere mir nach Nagasaki. Nur ein Wort natürlich! Taxe: Acht Mark für ein Wort! Nur den Namen des Dampfers. Das sagt ja dann auch alles: daß wir uns wiederhaben werden, daß wir die Tage zählen bis zu Deiner Ankunft in Hongkong. Ich sehe dann bei der Lloydagentur in Nagasaki die Segellisten ein und kann im Geist Deine Reise verfolgen vom Tag Deiner Einschiffung in Genua an.

Mit welcher Spannung ich Deiner Depesche entgegensehe, brauche ich Dir nicht zu sagen. Es umarmt Dich liebend

Dein Malte.

Ja, und Baby fällt mir noch eben ein — es kommt mir doch immer so märchenhaft vor, daß ich eine kleine Tochter haben soll — Baby wird gewiß von meiner Mutter in Obhut genommen. Ich habe mir sagen lassen, so kleine Kinder wüßten noch nichts von ihrer Mutter und schliefen fast den ganzen Tag. Also wird die Kleine Dich nicht entbehren.“

Das war der Brief ...

Sehr genau legte Jutta ihn wieder zusammen. Bogen paßte sie auf Bogen, und das dünne, zähe Papier mußte immer wieder flachgestrichen werden. Dann faltete sie den Packen zusammen und tat ihn wieder in den Umschlag.

Hier war kein Beobachter, und niemand hätte belauern können, was in dem Gesicht der jungen Frau vorgehe.

Aber es ging nichts darin vor. Es war wie versteinert.

Wenn sie einen bestimmten Gedanken gehabt hatte, war es vielleicht der: In einer Nachschrift ...

Ja, das Wort ging wie ein Pendel hin und her, hin und her durch ihren Kopf.

Es tönte immer stärker. Es schwoll so an, daß es rings die Welt wie mit dumpfen Schlägen zu erfüllen schien.

In einer Nachschrift gedachte er auch des Kindes!

Besann sich noch im letzten Moment, ehe er den Brief schloß, daß er auch ein Kind habe ...

Es war nicht das erstemal ...

Zuweilen, im Anfang, hatte Jutta versucht, das ganz gerecht, ganz nüchtern zu nehmen.

Sie erinnerte sich: einmal starb einer ihrer beiden Brüder in Argentinien. Seit vielen Jahren war dieser Bruder nicht mehr in Europa gewesen. Man wußte kaum mehr, wie er aussah. Seine Bilder, die er in großen Zwischenräumen von sich schickte, waren eigentlich die eines fremden Mannes. Man mußte sich ihnen gegenüber in ein Gefühl der Zusammengehörigkeit hineinsteigern. Als die Nachricht kam, er sei tot, hatte die Trauer etwas Erkünsteltes gehabt.

Sie schloß aus dieser Erinnerung: so wenig wie man sich ein fernes Sterben vorstellen kann, ebensowenig kann man sich ein neues, fernes Leben vorstellen. Das ist alles nicht mehr wie eine Geschichte. Sie interessiert ein paar kurze Stunden lang. Nachher ist die zudringliche Wirklichkeit, die uns umgibt, wieder da mit all ihren tausend greifbaren und sichtbaren Ereignissen.

Wenn das Kind stürbe, ehe er es gesehen? Was hätte ihm dieser Tod bedeuten können? Nichts. Selbst sein Mitleid mit ihr, der Mutter, würde in solchem Fall nur eine erzwungene Empfindung sein können.

Man konnte wohl sagen: dieses Kind hatte noch keinen Vater. Die heilige Wissenschaft seiner neuen Würde konnte dem Fernen nicht aufgegangen sein ... Er hatte den offenbarenden, den großen, den unbegreiflichen Augenblick des ersten Schreies nicht miterlebt ...

Aber die Zeit war längst vorbei, wo Jutta das in gerechter Ruhe überdenken konnte ...

Sie war jetzt wie benommen von dem erbitterten Gedanken: In einer Nachschrift! ...

Wie leicht hätte er’s ganz vergessen können ...

Und über diesen monotonen Gedanken vergaß sie fast, daß der Brief ihr eine ungeheure Entscheidung abforderte ...

Heute noch — oder doch in den nächsten Tagen mußte sie ihm das Wort hinüberrufen über Länder und Meere ...

Sie erhob sich. Sie ging ein paarmal langsam hin und her.

„Nein,“ dachte sie, „ich verlasse nicht mein Kind ...“

Aber neben diesem trotzigen, klaren Vorsatz war noch ein anderes Gefühl in ihr: bang und dunkel ...

Gab es nicht einen, der vielleicht unaussprechlich leiden würde, wenn sie sagte: „Ich gehe zu meinem Mann!“

Und sie selbst — ging sie mit Jubel?

Wardasdie Erfüllung all der schweren Sehnsucht in ihr?

Ihre Gedanken flüchteten sich fort von diesem dunkeln und gefährlichen Gebiet ...

„Nein, ich gehe nicht von meinem Kind!“ murmelte sie.

Es klopfte.

Unwillig sah sie nach der Tür. Diesmal kam Martha ganz bescheiden herein — im Bewußtsein, eine Freveltat zu begehen. Die der Störung.

Und sie sagte kleinlaut: „Oh — gnädige Frau möchten man mal eben ’n büschen ans Telephon kommen.“

Jutta ging rasch in den Flur. Dieser Vormittag hatte schon so viel gebracht. ... Kam noch etwas? Noch mehr Erregendes?

Aber nein. Eine ganz kleine, ganz jammervolle Stimme antwortete, als Jutta sich gemeldet hatte: „Bist du es selbst, Liebes? Ach Gott, ich habe grauenhafte Kopfschmerzen.“

„Das tut mir leid,“ antwortete Jutta nicht sehr ergriffen, „aber du kannst das Tanzen ja nun mal nicht vertragen.“

„Und das weiß Hektor doch,“ klagte die hinsterbende Stimme, „und er hätte doch strenger sein müssen. Ich sage dir, Liebes: meine Beine sind Zwirn, und schauderhaft ist mir ganz und gar.“

Jutta brauchte nicht viel Phantasie, um sich Lisbeth Rosenfeld am Telephon vorzustellen: schlapp wie ein Wesen ohne Rückgrat, ohne Knochen, bloß ein Kleiderbündel mit einem schweren Kopf darauf.

„Dann leg dich doch,“ riet sie.

„Will ich auch. Ja, und was ich dir sagen muß, Liebes — du weißt es auch natürlich schon: Hochhagen schrieb eben — er hat sich mit der süßen Renée Gervasius verlobt — eine reizende Crewschwester — nett für uns beide, nicht? Und du bist natürlich auch da heut abend? Improvisierte Vorverlobungsfeier. Liebes, was ziehst du an?“

„Ich denke, du stirbst vor Kopfweh?“ sagte Jutta.

„Ich will mich auch auf der Stelle hinlegen. Und bis zum Abend liegen bleiben, damit ich dann wieder im Gange bin. Und deshalb telephoniere ich. Liebes — sei nicht böse ... aber ich kann nicht zum Tee zu dir kommen heute nachmittag.“

„Ja,“ sprach Jutta etwas heiser in den dunkeln kleinen Schallfänger hinein und wurde rot, als stehe sie einem scharfen Auge gegenüber, „ja — schon’ dich nur ... es läßt sich nicht ändern ...“

„Aber nun bist du ja wohl ganz allein mit Herrn von Gamberg heute nachmittag?“ erinnerte die klägliche Stimme aus dem Unsichtbaren heraus.

„Ich sage ihm ab!“ rief Jutta. „Schluß.“

Aber sie wußte auch schon fast im gleichen Moment, daß sie ihmnichtabsagen würde.

Und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, trug sie das Haupt herrisch erhoben.

„Das hat so kommen sollen,“ dachte sie.

Sie fühlte sich wie getragen von großen, entscheidenden Entschlüssen ... nur daß es Entschlüsse waren ins Unbestimmte hinein ... Mehr Stimmung als Wille.


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