III

III

Oberleutnant z. S. von Reiswitz kam vom Jachthafen bei der Seebadeanstalt, ging sehr langsam die Düsternbrooker Allee hinunter und bog in den Schwanweg ein. Da hatte er links den Botanischen Garten und rechts die vornehmen Villen, die sich die Sonne ins Gesicht scheinen ließen. Sacht wand sich die Straße, fast schluchtartig am Fuß der hochliegenden Gärten hin, an Fundamenten entlang, auf denen sich Gitter erhoben. Rosengerank und alles, was es an grünem, sich schlingendem Gewucher gibt, kletterte um die Gitter und an den Hausfronten empor. In den Büschen brütete die Hitze. Über den Rosen bebte sichtbar die Luft in Wellen. An den Baumkronen, die alt, stolz und vielästig den Gartenbildern Wucht gaben, regte sich kein Blatt. Blau war der Himmel, unerhört blau, monoton blau — als sei er mit sehr fetter Ölfarbe glatt auf eine Riesenleinwand hingestrichen.

Das Herz voll Zorn und Erbitterung ging Reiswitz.

Wenn diese faule Sommerprotzerei mit Windstille und Sonnenbrand etwa anhalten sollte, konnte es morgen eine schöne Geschichte werden — die Flaute und Glut von Kiel nach Travemünde ... das wäre, um blödsinnig zu werden.

Aber in dem Gemüt eines Seeoffiziers kann kein Seglerzorn so groß sein, daß er nicht auf der Stelle hinschmölze und sich in das angenehmste Wohlbehagen löste, wenn ein liebliches weibliches Wesen in Sicht kommt.

Reiswitz, aus dem an Temperatur einer überhitzten Ofenröhre ähnlichen, eingeschlossenen Schwanwege kommend, betrat, träge und geschlagen von Ärger, den Klaus-Groth-Platz. Auf diesen kleinen, stillen Platz mündete rechts der Niemannsweg und links die von den Universitätsanlagen herführende Hospitalstraße. Reiswitz nahm Richtung dahin, um in seine Karlstraße zu gelangen, die ihrerseits wieder auf die Hospitalstraße stieß.

Und da raffte er sich plötzlich straff zusammen und trug den Kopf mit der weißen, ein wenig schräg gesetzten Marinemütze wieder hoch.

Denn von der Hospitalstraße her kam Fräulein Renate Gervasius.

„Donnerwetter,“ dachte Reiswitz und gar nichts anderes.

Denn sein Seemannsherz wallte auf vor Entzücken über all die jugendliche Anmut, die da, ihrer erfrischenden Holdseligkeit gänzlich unbewußt, durch den Sonnenbrand leichtfüßig schritt, als sei er lindeste Lenzeslust.

Sie trug ein weißes Kleid und einen großen, weißen Strohhut, auf dem ein Kranz von La-France-Rosen lagerte. Von Rand zu Rand des breiten Hutes, unterm Kinn seiner Trägerin weg, zog sich ein weißes, seidenes Band, das gerade am linken Ohr zu einer sehr kleidsamen Schleife gebunden war. Und unter diesem Hut, von diesem Band umspannt, zeigten sich die weichen Züge in einem Lächeln, vor dem Reiswitz’ Erbitterung einfach in eine Versenkung hinabfuhr.

Er grüßte schon von weither, strahlte und ging schnurstracks auf sie zu.

Da weder Ost noch West wehte, konnte der Wind es nicht auf seine Flügel genommen und weiter getragen haben. Es mußte aber noch andere unbegreifliche Beförderungsmittel für solche wundervollen Neuigkeiten geben. Denn beim Mittagessen im Marinekasino war es schon erzählt worden: der Korvettenkapitän Emmich Hochhagen hat sich mit Fräulein Renate Gervasius, des berühmten Geheimrats Tochter, verlobt.

Reiswitz wußte: natürlich durfte er, konnte er nicht gratulieren. Vielleicht war es doch am Ende bloß Klatsch. Wenn’s aber auch keiner war, schien es immer schicklicher, daß ein Fernstehender wartete mit Glückwünschen, bis es offiziell bekannt gemacht sei.

Aber immerhin: Eine sehr interessante, erfreuliche und belebende Begegnung ...

Und als er ihr näher kam, sah er: Einen ganz verklärten Ausdruck hatte sie ... Na, ja ...

Der große Hut teilte ihr Gesicht in eine obere beschattete und eine untere helle Hälfte. Und in dem Schattenstrich glänzten die Augen zugleich träumerisch und glücklich.

Als er vor ihr die Honneurs machte, sah sie ihn erwachend und sehr fröhlich an.

„Gnädiges Fräulein, an diesem verzweiflungsvollen TageinSonnenstrahl! Wie geht es Ihnen? Wie ist Ihnen der Ball bekommen?“

Renate lachte.

„Ein Sonnenstrahl?“

„Lachen Sie mich nur aus — gut — ja. Aber die viel zu viele Sonne, die heute vom Himmel kommt, ist mehr Strafe als Erquickung. Es sind keine Sonnenstrahlen mehr, es ist Hochofenhitze. Und insofern hatte ich doch recht. Und Ihnen ist der Ball vorzüglich bekommen? Gnädiges Fräulein sehen sehr vergnügt aus.“

„Wie sollte ich nicht! Wenn man das große Los gewonnen hat!“ sagte sie und führte den Rosenstrauß, den sie trug, an ihr Gesicht, um mit Nase und Mund den Duft einzuatmen. Dabei guckten ihre Augen schelmisch, über die Blumen weg, Reiswitz an.

„Ach? Ich spiele nämlich mit Lebus zusammen auch ein Achtel — war denn Ziehung?“

„Muß wohl gewesen sein ...“

Sie lachten beide.

„Also meine allerbesten, allerinnigsten Glückwünsche dazu,“ sagte er.

Sie schüttelten sich die Hände.

„Es ist also wahr,“ dachte er sehr, sehr zufrieden. „Ja, dies Mädchen mußte in die Marine fallen. Die hätte man keinem anderen als einem Kameraden gönnen dürfen. Und Hochhagen ist ja einfach ’n famoser Kerl.“

„Gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite?“

„Gern,“ sagte sie, „ich will zu Frau von Falckenrott — es sind nur noch die paar Schritte den Niemannsweg hinauf.“

„Aha — zur Frau ‚seines‘ besten Freundes,“ dachte er, und da er zufällig genau wußte, daß Fräulein Gervasius bisher nicht bei Frau von Falckenrott verkehrt hatte, war ihm dies der bündigste Beweis.

Seelenvergnügt schwatzten sie zusammen, plötzlich war eine gewisse Zusammengehörigkeit zwischen ihnen.

Renée hatte ihren Gang mit einer heimlichen Unsicherheit, fast ein wenig aufgeregt, angetreten. Aber in Reiswitz’ Gesellschaft kam sie darüber weg, und sie empfand etwas merkwürdig Beglückendes: das Kameradschaftliche. Als wenn ihr selbst dieser im Grunde doch ganz ferne und gleichgültige Reiswitz näher gekommen sei ...

Beinahe hätte sie aus überquellendem Gefühl gesagt: Lieber Reiswitz — ich gehöre nun dazu ...

An der Gartenpforte von Professor Doktor Krämers Haus, wo oben Frau von Falckenrott wohnte, standen sie noch ein Weilchen und sprachen sich noch über das scheußliche, schandbare, nicht ausdenkbare Pech aus, das es für Reiswitz und die von ihm geführte „Freia“ bedeutete, wenn morgen Flaute sein würde.

Und dann fragte Reiswitz sehr plötzlich: „Falls ich zufällig Herrn Kapitän Hochhagen begegnen sollte, dürfte ich ihm einen Gruß vom gnädigen Fräulein bestellen —“

„Herr von Reiswitz,“ sagte Renate, vor großer Heiterkeit ganz übermütig, „Sie sollten Diplomat werden. Hier, ich gebe Ihnen eine Rose. Wenn Sie Hochhagen auf dem Weg zu Ihrer Wohnung in der Karlstraße treffen sollten, überreichen Sie sie ihm als Zeichen meines Respektes. Wenn Sie ihn aber nicht treffen, behalten Sie die Rose selbst als Erinnerung an diesen historischen Augenblick.“

Sie wußten ja beide, daß Hochhagen ganz gewiß nicht in dieser Gegend und Tageszeit auf der Straße angetroffen werden würde.

„Ich danke gehorsamst für das Geschenk dieser Rose,“ sagte er in fröhlicher Feierlichkeit, „und wenn mein Achtel, das ich mit Lebus spiele, auch mal mit dem großen Los herauskommt, lass’ ich zu der Rose eine silberne Kapsel machen.“

„Großartig. Und wenn wir beide alte Leute sind, dann frag’ ich mal: Bewahren Exzellenz immer noch die Rose auf?“

Und wie große Kinder lachten sie hell und fanden all dies sehr unterhaltend.

Oben auf dem Balkon, im Schutz seiner ihn einhüllenden Blatt- und Blütenwirrnis, stand eine Frau und horchte auf jedes Wort.

In der großen, heißen Nachmittagstille wurde jeder Laut so klangvoll, schien zu schwellen, zersprengte das Schweigen. Und die beiden jungen Menschen in ihrer lustigen Unbefangenheit dachten auch gar nicht daran, ihre Stimmen zu dämpfen.

Den Rest des Vormittags, die schweren schleichenden Stunden des Mittags hatte Jutta gelitten wie eine Angekettete.

Immerfort peitschte sie das Bewußtsein: ich muß einen Entschluß fassen! Ich muß das Wort hinaussenden in die weite, weite Welt, das ihn erreichen soll, das ihm meldet: ich komme — ich komme — das Wort, auf das er wartet.

Hochhagen hatte ihr die Segellisten des Norddeutschen Lloyd geschickt. Sein Bursche brachte sie, während Jutta dicht vor ihrer Tischzeit die Kleine frisch bettete und tränkte.

Sie fühlte: es war rührende Aufmerksamkeit. Dieser Mann, der heute in einem Rausch von Glück lebte, dachte doch noch an sie und ihre Angelegenheiten.

Aber sie empfand nicht nur die Fürsorge. Sie empfand wieder darin eine Bevormundung, spürte eine Mahnung. Es hieß ihr: Entschließe dich; depeschiere; ein Nein ist unmöglich ...

Sie sagte sich: jetzt habe ich ja keine Zeit.

Dann, als die Kleine besorgt war und ihr die blanken Augen übergingen vor Schläfrigkeit — als sie eingeschlafen war, satt und von der Hitze schlaff, da dachte Jutta wieder: „Nun will ich erst in Ruhe essen.“

Und genoß doch fast nichts.

Nachher endlich blätterte sie den großen, roten, vielfach gefalteten Bogen der Segellisten auseinander.

Sie betrachtete ihn, als sei er eine Merkwürdigkeit.

Sie las den Fahrplan: Bremen-Neuyork. Eine lange Kolonne von Schiffsnamen und Daten — das sprach von einem unaufhörlichen Hin und Her zwischen hüben und drüben, einer atemlosen Eile von tausend und aber tausend Menschen, von einem Ufer zum anderen hinüberzurauschen.

Und all die anderen Fahrpläne verfolgten ihre Augen, als sei es wichtig, zu erfahren, wann man nach Baltimore oder Galveston, wann nach Kuba, nach La Plata oder Brasilien reisen könne, wie die Dampfer hießen, die den Mittelmeer-Levantedienst besorgten, und nach welchen Daten die Reichspostdampferlinie nach Australien sich regelte. Auch alle Agenturen des Lloyd im Inland wie im Ausland überflog sie. Nur ganz allein über den Fahrplan XV, Bremen-Hamburg-Ostasien, gingen ihre Blicke fort, vielleicht gerade, weil sie dort, ohne sehen zu wollen, doch einen kurzen, dicken Blaustiftstrich bemerkte.

Da hatte ihr Hochhagen den Dampfer angestrichen, den sie nehmen sollte ...

Dieser kleine, blaue Farbenfleck auf dem roten Papier stritt mit ihr.

Er schien ihr wieder ein Beweis, daß sie keinen freien Willen haben solle.

Sie dachte plötzlich: „Ich werdeihnfragen ...“

Eine verzehrende Spannung kochte in ihr auf, brannte in ihrer Brust.

Ja, das war es: ihn fragen!

Das war die einzig mögliche Form, ihm diese Sache mitzuteilen ... die zwangloseste Form ...

Sie machte sich daran, den Teetisch zu ordnen. Auf dem Balkon natürlich. Wo man so verborgen saß und das Gefühl, fast an der Straße zu sein, doch jede Unruhe und Befangenheit ausschaltete.

Die Sonne beschien nun nicht mehr den Balkon, ihre Strahlen strichen an ihm vorbei. Aber Büsche und Bäume des Vordergartens überströmte sie von rechts her mit einem Goldglanz, der etwas stumpf war von dem Staub und der Hitze, die in ihm flimmerte. Und links hinter sich, auf Rasen und Weg, hatten alle Gebüsche blaue, scharfe Schatten.

Nun war der Teetisch fertig — viel zu früh — Jutta übersah noch einmal alle Zierlichkeiten und Appetitlichkeiten. Die Spitzendecke, das blumige Meißner Porzellan, das Silber, die Rosen an den langen Stielen im hohen Glas.

Da hörte sie draußen auf der Straße, die gerade heute nachmittag wie verwunschen still war, Stimmen. Zwei sprachen da, die offenbar das Gefühl hatten: uns gehört die Welt, wir können uns in ihr benehmen, wie wir wollen. Oder vielleicht bewirkte es dies große, heiße Schweigen in all den Gärten, daß die Unterbrechung der sonnendurchbrüteten Stummheit etwas Vorlautes bekam.

Sie sah hinab. Wie denn? Fräulein Gervasius und der Oberleutnant von Reiswitz standen an ihrer Gartenpforte still? Das konnte doch nur die Bedeutung haben, daß eines von beiden sie zu besuchen dachte.

Ihr wurden die Füße schwer — so bleiern befiel die große Enttäuschung ihr ganzes Wesen.

Sie dachte: ich will Martha sagen, daß sie jeden Besuch außer dem einen abweist.

Nein — das ging nicht. Wenn Reiswitz jetzt kommen wollte, trieb ihn seine Ungeduld, die zu erfahren wünschte, ob Herr von Gamberg morgen mitsegeln wolle oder nicht. Und Jutta erinnerte sich: sie selbst hatte Reiswitz gesagt, daß Gamberg heute zum Tee käme.

Und wenn es Renate war, die kommen wollte, so durfte sie unter keinen Umständen abgewiesen werden.

Jutta stand und horchte und wartete. Kein Wort entging ihr.

Wie kindisch kam ihr das vergnügte Gespräch vor.

Mit dem Hochmut der Leidenden dachte sie: „Wie albern ... nun, sie sind jung und sorglos ... Kinder sind sie.“

Dann fiel ihr ein: Renate war höchstens drei, vier Jahre jünger als sie selbst. Darüber verlor Jutta sich in Staunen und erbittertem Sinnen ...

Alt kam sie sich vor. Wie eine, die schon ein zerbrochenes Leben hinter sich hat ...

Und jetzt nahm das Lachen und muntere Sprechen an der Gitterpforte ein Ende, und Renate Gervasius kam herein in den Garten und schritt den Seitenweg entlang, der zur Haustür führte.

Was will sie? Sie kommt zu mir? Schon heute? Und allein? fragte sich Jutta.

Sie sollte es in wenig Minuten wissen.

Mitten im Zimmer stand das befangene Mädchen vor der jungen Frau. Die lustige, etwas überlegene Sicherheit, mit der sie eben noch Reiswitz behandelt hatte, war ganz weggelöscht aus Renates Wesen. Sie hielt das Haupt schräg gesenkt und ihren Rosenstrauß in den gefalteten Händen. Das weiße Band, das sich unter dem Kinn spannte und neben dem linken Ohr geknüpft war, kleidete sie gerade in dieser Kopfhaltung ungewöhnlich lieblich. Das regelmäßige und doch so weiche Gesicht war von einer Verlegenheitsröte angehaucht.

„Mein Gott, wie ist sie reizend,“ dachte Jutta gerührt, während sie sie begrüßte und die Rosen annahm.

„Ich komme ganz heimlich,“ begann Renate fast scheu, „Emmich weiß gar nichts davon.“

„Heimlich? — Du meine Güte — in Gespräch und Gelächter mit Reiswitz den Niemannsweg entlang —“ dachte Jutta und mußte über diese „Heimlichkeit“ schon leise lächeln.

„Und warum? Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen, wobei ich Ihnen helfen kann?“ fragte Jutta.

„Ja,“ sagte Renate und stand hilflos. Sie traute sich nicht einmal die Frau anzusehen und fand es doch etwas viel, daß sie so einfach hergegangen sei ... wenn diese ernste, arme, traurige Frau sie nun auslachte — oder oder zudringlich fände ...

Sie seufzte aus Herzenstiefe.

Jutta, weltgewandter und doch neugierig geworden, nahm das Mädchen an der Hand und zog sie neben sich auf das kleine, graue Sofa, das durch einen hinter ihm aufgestellten Wandschirm den Charakter eines traulichen Eckchens bekommen hatte. Auf der zwischen Bambusstäben straff gespannten dunkelbraunen Seide des Schirms stolzierten dickgestickte goldene Reiher hochmütig zwischen Aprikosenblüten von weichem, schimmerndem Weiß. Vor diesem phantastischen Hintergrund neigten sich die beiden Frauenköpfe einander zu.

„Ich bin,“ begann Renate, „ich habe ... ach Gott — soll ich es sagen? Ach ja — liebe, gnädige Frau — ich habe mich schon immer sehr für Sie interessiert — sehr — gleich, als Sie, jung verheiratet, hierher kamen — Sie wissen es gewiß gar nicht mehr — bei Exzellenz Marweg wurde ich Ihnen vorgestellt — bei Rohrbrands trafen wir uns einmal ...“

„Ich weiß es noch gut,“ sagte Jutta herzlich.

„Und dann verschwanden Sie aus der Gesellschaft. Ihr Mann ging fort. Und ich hörte davon sprechen, daß Sie eine kleine Tochter bekamen, und Herr von Falckenrott war so weit, weit weg. Und es tat mir leid, daß ich Sie so wenig kannte. Und deshalb nicht kommen durfte und fragen, ob Sie mir erlauben wollten, Sie liebzuhaben. Ja ...“

Sie seufzte nochmals so recht aus Herzensgrund — im Gefühl der Befreiung, des wachsenden Mutes, des Rechtes ihres Vorhabens.

„Liebes Kind ...“

„So sehr hab’ ich für Sie geschwärmt — schon lange, von weitem ...“

Jutta erinnerte sich: ja, da können junge Mädchen — so unbegreiflich ihre Seelen hingeben, an fremde Frauen, die sie kaum kennen, die ihnen irgendwie merkwürdig interessant scheinen ... Aus einem drängenden, gegenstandslosen Liebesbedürfnis heraus können sie für ferne, schöne Frauen schwärmen.

„Liebes Kind ...“ Sie lächelte weich und drückte Renates Hand.

„Und nun bin ich glückselig. Nun darf ich Sie lieben! Nunmußich Sie lieben! Emmich hat mir gleich gesagt: Du, Rosenfeld und Falckenrott und ich, wir gehören zusammen, uns trennt nichts, nicht mal die Frauen sollen uns trennen; und mit Lisbeth Rosenfeld kann man sich gut vertragen; und Jutta Falckenrott, die mußt du sehr liebhaben, wie eine Schwester mußt du zu ihr sein. Denn sie ist vor Sehnsucht nach ihrem fernen Mann beinahe krank, und unsere Liebe muß ihr das leichter machen. Jawohl, das hat Emmich gesagt,“ schloß sie.

In Juttas Augen funkelten Tränen. Ihre Nasenflügel bebten. „Und deshalb kommen Sie ...?“

„Ja. Ich wollte Ihnen sagen, daß ich Sie bitten möchte, mich auch etwas liebzuhaben. Sehen Sie — dann ist Emmich glücklich. Stellen Sie sich vor: wenn ich ihn damit überrasche: wir kennen uns schon gut — ja, wir haben uns schon ausgesprochen ... was er wohl für Augen macht!“

Jutta umarmte das Mädchen.

Ein paar Augenblicke konnten sie nichts miteinander reden. Beide bemühten sich, nicht in Tränen auszubrechen.

Der einen zersprengte ihr Glück und die allgemeine Aufregung dieses für sie außerordentlichen Tages die Fassung.

Die andere war erschüttert in dem plötzlichen Gedanken, daß auch diesem zärtlichen, hingebenden, offenen Gemüt einst die gleichen Prüfungen beschieden sein könnten wie ihr selbst.

Und von diesem ihrem Gefühl hingerissen, mehr dem phantasievollen Mitempfinden als dem Verstand gehorchend, sprach sie leidenschaftlich: „Ach, Kind, wir wissen ja nicht, was wir tun, wenn wir unser Leben einem solchen Mann hingeben ... sein Beruf ist zu grausam gegen uns.“

„Dem Beruf des Mannes muß jede Frau Opfer bringen,“ meinte Renate voll wichtiger Ernsthaftigkeit, denn so hatte sie es von klein an ihre Mutter sagen hören. „Denken Sie nur an meine Mama! Wir haben so gut wie nichts von Papa. Die Vorlesungen, die vielen Operationen, die Kranken, die wissenschaftlichen Arbeiten bis in die Nacht hinein ... Mama sagt, wir müssen immer daran denken: es ist für den großen Zweck. Und zufrieden sein in dem Gedanken: er gehört uns doch, er ist da ...“

„Ja, er ist da — er ist da ... das ist es! Ihre Mutter weiß es zu jeder Zeit: Er ist da! Sie hört seine Stimme, sie kann für ihn sorgen — mit all den lächerlichen, kleinen, alltäglichen Dingen — die uns gar nicht lächerlich und klein scheinen, weil wir immerfort damit Liebe zeigen können ... Aber wenn so ein Mann hinausgeht — es ist ja beinahe immer, als hätte man den Liebsten fern im Kriege ... Und wenn man wie ich die höchste, die größte Stunde des Frauenlebens ganz allein hat bestehen müssen ... Mein Kind kam. Und wo war er, dem es gehörte? ... Das war zu hart — für mich, ja. Wie ich nun einmal bin. Und schließlich — in all dem Zittern und dem Entbehren — in was für Unsicherheiten kommt man! Man weiß ja zuletzt nicht mehr ...“

Sie verstummte vor Schreck. Ihre hinstürmende Leidenschaftlichkeit hätte sie beinahe so weit gebracht zu sagen: ... ob man ihn noch liebt!

Sie drückte sehr heftig die Hand des jungen Mädchens. Als sei dieser pressende Druck der Abschluß ihrer Rede.

Renate saß still. Der starke Gram dieser Frau, der fast wie Zorn klang, machte sie unfrei. Es wirkte etwas daraus auf sie hinüber, das über ihr jubelndes Glücksgefühl dahinging wie eine Kältewelle.

Sie war zu unerfahren, um zu unterscheiden, wie Schicksal und Veranlagung und all die zufälligen Fügungen des Lebens hier feindlich gegeneinander kämpfen mochten. Sie fühlte eine unbestimmte Furcht vor eigenen künftigen Leiden ...

Sie wehrte sich dagegen und wußte nicht, daß man einen entscheidenden Augenblick erlebt hat, wenn man sich plötzlich gegen etwas wehren muß ...

Jutta faßte sich. Ihr kam zum Bewußtsein, daß das liebe Kind mit einem Male still und blaß dasaß. Reue wallte heiß in ihr auf. Nein, das hatte sie nicht gewollt, diese junge Seligkeit trüben ...

Sie lächelte erzwungen. Sagte voll künstlicher guter Laune: „Es gibt manche Kameradenfrauen, die das ganz gern mögen — mal so eine Zeit wieder für sich sein — Tochter im Elternhaus oder so ... Und Sie haben ja Ihre lieben Eltern hier,wennEmmich mal ein Auslandkommando bekäme ... die ja übrigens auch immer seltener werden ... Und heute abend soll ich Ihre Eltern kennen lernen? Ich finde es entzückend, daß sie Rosenfelds und mich gleich als Emmichs ‚Familie‘ aufnehmen ... Aber wollen wir uns nicht beim Vornamen nennen? Lisbeth Rosenfeld und ich — ja, wir duzen uns. Die Stunde dafür wird zwischen Ihnen und mir gewiß auch bald kommen, liebe Renate — Renée nennt man Sie? ... nicht wahr?“

So sprach Jutta mit eiligen Worten, munter — und hing mit ihren dunkeln, brennenden Blicken am Gesicht der anderen — ob da nicht wieder das strahlende Glück aufgehe.

Der Ausdruck von Renate Gervasius wurde wieder heller, und das Mädchen lächelte — wenn vielleicht auch etwas zögernd, aus noch schweren Gedanken herauf, fast aus Gefälligkeit nur für die neue Freundin.

Zugleich, während Jutta sich förmlich drängend bemühte, die Saat, die ihre unbeherrschten Worte vielleicht gestreut, wieder zu vernichten, horchte sie angestrengt mit wachsamen Ohren nach dem Korridor hinaus. Ob nicht die Glocke schrillte, ob nicht ein Schritt erklang. Und hatte doch vor dem Brausen des Bluts in ihrem Kopf alles überhört. So daß sie erschrak, als nun Martha hereinkam und meldete: „Herr von Gamberg.“

Renate schnellte förmlich empor. Sie mußte ja fort. Das ging unmöglich an, daß sie sich hier noch mit einem Besucher aufhielt, mit Tee trank — Mama erwartete sie bald zurück.

Zwischen Tür und Angel wurde der Legationssekretär von Gamberg noch vorgestellt. Man sprach noch zu dritt eine Handvoll Worte. Über Reiswitz und die „Freia“. Daß Reiswitz über die Flaute verzweifelt sei. Ob Gamberg morgen mitsegeln wolle oder nicht? Nein — er habe nicht die Absicht. Also werde der Platz im Boot für Lebus frei. Dann ging Renate. An der Tür umarmte Jutta das Mädchen.

Sie sahen sich in die Augen — sehr ernst — bis ein zärtliches Lächeln ihre Blicke hell machte.

Und nun war Jutta allein mit dem Mann.

Es kam ihr merkwürdigerweise so vor, als ob es das erstemal sei ...

Sie sprach allerlei — ein wenig gesteigert im Ausdruck — mit ungeregeltem Atem — wie reizend dieses Mädchen sei, daß man heute abend ihre Verlobung feiern werde. Und Martha brachte den Tee. Damit konnte man denn noch etwas herumhantieren — fürsorglich sein ... Aber endlich kam doch der Augenblick, daß sie einander in Ruhe gegenübersitzen mußten.

Sehr aufmerksam, kaum die notwendigsten Antworten auf alles was sie vorgebracht gebend, hatte er sie beobachtet. Und nun saß er still, sah sie mit seinen hellen Augen durchdringend an, und mit dem kleinen goldenen Teelöffel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger in der Rechten hielt, tippte er unhörbar ein Marschtempo auf den Tisch.

„Das macht mich nun wirklich nervös,“ sagte sie.

Er legte den Löffel förmlich vorsichtig hin.

„Ich spüre in Ihrem Wesen eine große Erregung. Seit gestern abend ist etwas Neues hineingekommen. Stehe ich Ihnen nah genug, liebe Jutta, um Sie fragen zu dürfen: was haben Sie?“

Sie sah ihn an — die Antwort auf den Lippen — doch noch zögernd. Und dann — langsam — von Spannung und Furcht fast entnervt, sprach sie: „Ich habe einen Brief von Malte bekommen. Ich soll in zehn Tagen nach Hongkong abreisen ... zu ihm ...“

Und nun sah sie das, wovor sie sich gefürchtet hatte. Seine Farbe veränderte sich. Rasch flackerte es rot über sein Gesicht. In seinen Augen blitzte etwas auf ... Schreck?

Aber die Pause, die entstand, war nur sekundenlang.

Voll Haltung, seinen Ton ganz und gar beherrschend, fast höflich, fragte er: „Sie werden reisen?“

„Ich bin noch nicht entschlossen.“

Und nach diesen knappen Worten wieder eine Pause. Bis er weicher, leiser fragte: „Und Ihr liebes kleines Kind, Jutta?“

Sie erschauerte. Er dachte daran. Er! Es war sein erster Gedanke fast! Er, den dies Kind gar nichts anging, der es kaum gesehen hatte, der gar keinen Blick haben konnte für das Rührende und Süße in so einem kleinen, knospenden bißchen Menschentum ...

Er dachte daran, weil er begriffen hatte, daß ihr Kind und sieeinLeben seien — ein unzertrennliches ...

Wie es sie rührte ...

„Ja,“ sagte sie, „das ist esauch... ich kann mich doch nicht von dem Kind trennen.“

Sie war sich nicht bewußt, dies „auch“ betont zu haben. Aber seinem Ohr war es nicht entgangen.

Von der raschen Röte, die ihm vorhin zu Kopf gestiegen war, hatte sein Gesicht eine erhöhte Färbung behalten, die aller Gefaßtheit seines Wesens widersprach.

„Ihr Mann verlangt ein Opfer von Ihnen, das nur höchste Liebe bringen kann.“

Er wartete.

Ihre Antwort entschied über sein Leben.

Sie schwieg.

Sie kämpfte mit sich. Sie wollte ihn nun fragen: Wozu raten Sie mir — zum Gehen oder Bleiben.

Aber sie fühlte: das war eine Unredlichkeit gegen den Fernen! Ach, war nicht schon alles unredlich, schief, unwahr — nur weil es unklar war? Ist nicht in gewissen Gefühlsdingen Unklarheit so viel wie Tod? ...

Aus einer angeborenen Kühnheit des Temperaments heraus trieb es sie, der ungeheuren Wahrheit ins Gesicht zu sehen: vielleicht liebe ich meinen Mann nicht mehr — und vielleicht ist dieser hier mein Glück — er, der mich liebt ... denn er liebt mich — ich fühle es ...

Sie zwang das nieder. Sie hatte den verzweifelten Wunsch, sich so zu halten, daß beide Männer sie achten sollten ...

Sie fühlte: es war ja ihr heißes Verlangen gewesen, tapfer und stolz mit der Versuchung fertig zu werden.

Vielleicht war auch alles anders, als sie es empfand. Vielleicht kehrten nur holde, rührende Erinnerungen zurück und bezauberten ihr Herz ...

Ihre Gedanken, plötzlich wie hypnotisiert von diesen Erinnerungen, verloren sich zu vergangenen Tagen ...

Auch er besann sich schwer.

Er ahnte: sie vermochte nicht freudig zu sagen: ichwilldas Opfer bringen! Sie hatte aber auch nicht den Mut oder nicht die Klarheit in sich, zu bekennen: ichkannes nicht bringen.

Er wußte: sie ist ein schutzloses Weib! Und der Mann, dessen Namen sie trägt, ist fern. Das macht sie heilig ...

Mir noch mehr als anderen ...

Aber sie ist unglücklich ... sie liebt ihn nicht mehr — gewiß nicht ...

Soll ich ihr, die ich liebe wie nichts mehr auf der Welt, soll ich ihr nicht helfen? ... Unwahrheit ist Unglück ... Ich kann nicht zusehen, wie dies junge Leben zerbricht ...

In solchen Sachen steht das Wort „Pflicht“ wie ein verschwommener Begriff. Wo fängt sie an? Wo endet sie? Gegen wen steht sie am höchsten? ...

Wäre er da, daß ich mit ihm kämpfen könnte, Mann gegen Mann ...

Ich kann nichts tun als warten — warten, ob ihr Herz den Mut hat, zu mir zu kommen. Ich darf nicht der Versucher sein. Ich darf nur der Schutz, die Zukunft, der Hafen sein, wenn sie aus eigenstem Entschluß heraus diese ihre Ehe verläßt ...

Aber indem er dies im jagenden Flug der Gedanken bedachte, hatte er zugleich die dumpfe, quälende Erkenntnis davon, daß vielleicht alles anders sein würde, wenn der Mann zur Stelle wäre ... Daß nur die Sehnsucht die Tore ihrer Seele so weit geöffnet habe, daß Liebe gehen und Liebe kommen konnte ...

Seine ganze Mannespersönlichkeit wehrte sich dagegen auf. In dieser Erkenntnis lag zu viel Demütigendes, als daß er sich in ihr hätte bescheiden können.

Und da waren auch Erinnerungen, schöne, liebe Erinnerungen, die ihm recht zu geben schienen.

Unter dem Zwang einer ihm nicht ganz deutlich zum Bewußtsein kommenden Ideenverbindung fing er an, von ihnen zu sprechen.

„Wissen Sie noch, liebe Jutta — die schönen Sommerwochen, vor sechs und sieben Jahren, in Schmylau?“

Sie sah ihn an — in atemlosem Staunen — von heißer Freude benommen. Das war sein erstes Wort —das! Nach dem langen drückenden Schweigen zwischen ihnen sprach er geradezu in ihre Gedanken hinein?! Denn auch sie lebte wieder in jenen Sommerwochen und weckte ihren Zauber zum Leben auf.

Plötzlich war’s, als sei ein Quell aufgesprungen. Die ganze schwüle Gegenwart schien überströmt von Frische und Bewegung.

Jutta richtete sich auf. Ihre Augen blitzten.

„Ach, wie fröhlich waren wir da — wir jungen Mädchen auf Schmylau — sechzehn und siebzehn Jahre alt ... Und Sie für uns so etwas wie ein großer Herr — ein Mann, der alle seine Examen so unerhört früh bestanden hatte, von dem es hieß, er werde Karriere machen — vor dem wir etwas scheu waren, weil wir dachten, er würde so gut wie übermorgen Minister oder Botschafter werden. Denn Regierungsassessor und Exzellenz — das lag für uns so ziemlich dicht beieinander. Aber nun weiß ich’s lange: es ist ein weiter Weg. Alle Wege im Leben sind sehr weit ...“

„Und ich? ... Während ich, wenn ich mit den jungen Damen zusammen war, hochmütige Gesten hatte, die ich für fabelhaft wirkungsvoll hielt, und alle weibliche Verehrung von unerreichbarer Höhe herab zu belächeln schien — ich stand oft hinter den Gardinen meines Fensters, lauerte mit unerschütterlicher Geduld, bis ich Sie und die Schmylauer Töchter im Park sah. Dann stürzte ich hinab, nahm in Ihrem Sehfeld steife Schritte an und tat mehr gestört als erfreut über das ‚zufällige‘ Zusammentreffen. Ja, wir waren sehr jung damals. Sehr ...“

Sie lachten.

Und nun nahmen sie einander fast die Worte vom Munde.

„Wissen Sie wohl noch, an jenem Abend ...“

„Als unsere Mütter mit der Frau des Hauses die so verworrenen, unübersichtlichen Verwandtschaftsgrade ausrechneten, die sie mit den Schmylauern verbanden ...“

„Bis ich es nicht mehr ertrug und nach einem heftigen Augengezwinker mit Lu und Fi hinauslief in den Park.“

„Wohin ich den jungen Damen gleich nachging.“

„Was die Schmylauer, Vater wie Mutter, wahrscheinlich gern sahen — denn wir, wir Mädels damals dachten, Sie sollten wohl Lu oder Fi heiraten.“

„Und wie merkwürdig dunkel der Park war — von purpurner Schwärze. Ja, eine seltsame farbige Wärme war in der Sommernacht. Lauter verhüllte Glut. Als sei die Sonne nicht erloschen, nur zugedeckt alles Licht. Man tastete unsicher mit dem Fuß vorwärts. Still standen die Bäume. In den Büschen regte sich nichts. Es war, als sängen die Rosen — als sei ihr Duft ein Lied. Und irgendwo in der Dunkelheit hörte ich Mädchenstimmen ... sie lachten ... das klang, als rollten kleine, silberne Kugeln durch die schwarze Luft ... Es war gar keine Düsterheit, gar keine Drohung in diesem Dunkel. Nur Erwartung, als müsse gleich ein Vorhang zerreißen und ein Strom von roter Glut hervorbrechen. Und da, als ich, so beklommen, berauscht, mich vorwärts taste, dem Klang der Mädchenstimmen zu ... da fühl’ ich plötzlich: nah, ganz nah steht eine vor mir ... ich sah ... wie man in der Dunkelheit sieht ... mit erratenden, wissenden Augen ... Ich spürte, rätselhaft, daß Sie es seien — es wirkte auf mich durch die Dunkelheit hinüber dies Wissen: Sie! Und ...“

Er brach ab. Er stand auf. Er trat an das grün bedeckte Gitterwerk des Balkons und sah ins Unbestimmte.

Jutta rührte sich nicht. Mit geschlossenen Augen saß sie und erlebte den Rausch jener Stunde noch einmal ...

Sie zitterte wieder wie damals. Rasche Männerarme hatten sie umfangen ... heiße Lippen küßten die ihren ... Und schon ließ er sie auch wieder. Und von fern her lachte eine Mädchenstimme eine ganze Tonleiter herunter und zerschnitt voll Übermut das schwere, süße Schweigen.

„Er hat es gewußt, daß ich es war,“ dachte sie. „Er hat es gewußt!“

Sie verschwieg den Freundinnen gegenüber jenen kurzen, heißen Augenblick ... Sie lag nächtelang wach und sann: weiß er wer es war — Lu oder Fi oder ich? ...

Und nun, nach so viel Jahren, gestand er ... Er hat es gewußt, daß ich es war — ich ...

Dies Geständnis hob das bedrängende Glück jenes raschen Erlebens aus der Vergangenheit heraus und stellte es in die Gegenwart. Es war, als sei es eben erst geschehen ... eben erst.

Er wandte sich wieder zu ihr, die mit trockenem Munde fiebernd saß.

„Ich bin ein Narr gewesen,“ sprach er hart. „Weshalb ging ich nicht am anderen Morgen zu Ihrer Mutter und forderte Sie für mich? Aus den tausend Verlegenheiten und Schwerfälligkeiten und Unschlüssigkeiten meiner damaligen Stimmungen und Pläne heraus ließ ich’s. Um all jener Kleinlichkeiten willen, von denen wir uns das Große aus der Hand schlagen lassen. Und Sie waren noch so jung! Ich hatte Ihre Mutter einmal sagen hören: eine frühe Heirat erlaube ich ihr nicht. Ich dachte: es hat Zeit. Man muß sich prüfen. Dies alles ist vielleicht nur, weil die Sommerglut im Blute kocht — Gott weiß, was ich alles dachte: Ich weiß nur eins: es war meine große Narrheit. Als ich von Ihrer Verlobung hörte, da begriff ich’s. Ich war bei der Gesandtschaft in Mexiko — ganz verstrickt von den Reizen der phantastischen und doch so traurigen und monotonen Umwelt ... Und wähnte, daß ich Sie vergessen habe. Bis die Nachricht kam ... da hab’ ich Nächte gelegen und meinen Zustand bedacht ... Ja, Jutta, Sie sagten es: auf weiten Wegen führt uns das Leben herum — manchmal so, daß wir uns vor den Kopf schlagen: mein Gott, du hast ja schon einmal an deinem Ziel gestanden und bist daran vorbeigegangen ...“

Sie schluchzte auf und legte die Stirn auf die gefalteten Hände an der Tischkante.

Er preßte fest den Mund zusammen — zwang sich zur Gefaßtheit.

In das staubige Sonnengold waren draußen unterdessen Schatten gefallen und hatten allen stumpfen Glanz weggelöscht. Fahles Gewölk rückte am Himmel empor und wuchs und stand wie ein gewaltiges Hochgebirgspanorama über den Baumwipfeln. Und aus den Wolkenbildern der Gletscher und Gipfel wuchsen Ungetüme empor, der Alpenzug formte sich um. Nun sah es aus, als ließe eine höllische Riesenesse dicken Dampf hinaufquellen zur Höhe des blauen Himmelsgewölbes.

Und Jutta weinte ...

Er trat an sie heran.

„Weint so das Glück?“ fragte er leise.

Die Stunde trug ihn fort. Er konnte nicht anders.

Sie versuchte ihre Tränen zu trocknen. Es riß sie hin zu sprechen ... sich selbst laut, endlich laut und klar ihr Elend sagen zu hören.

„Nein,“ sagte sie, „ich bin nicht glücklich. Und weil ich es nicht mehr bin, verzweifle ich an mir selbst. Ich liebte meinen Mann — drei Jahre habe ich gewartet, ehe ich seine Frau werden konnte — ich liebte ihn — und und ich kann es nicht fassen, daß die Trennung alles erschüttert hat ... ich dachte, es sei wie Felsen ... Aber seit mein Kind da ist, das keinen Vater hat — so empfinde ich’s — weil er nicht da war — er kennt es nicht — es könnte ihm ja — käme er unverhofft zurück — auf der Straße begegnen und weinen — und er wüßte nicht: es ist mein Kind und meines Kindes Stimme ... Ja, nun ist mir — als sei ich ganz von ihm losgelöst ... als sei alles zu Ende ... Nichts ist in mir wie Bitterkeit. Oft hass’ ich ihn ...“

Sie erhob sich. Hielt sich an ihrer Stuhllehne fest und wollte stark sein.

Ihre Lider schlossen sich geblendet. Denn durch das Gewölk hin zuckte ein Blitz.

„Und ich werde dennoch zu ihm reisen,“ sprach sie mit mattem Entschluß.

„Nein, Jutta,“ sagte er und griff nach ihrer Hand, „das werden Sie nicht tun. Wenigstens nicht aus dieser Stimmung heraus. Warten Sie noch. Prüfen Sie sich. Bedenken Sie die furchtbare Enttäuschung des Mannes, der ein Weib erwartet, das aus Liebe kommt, und er fühlt dann: sie kam nur aus Pflicht. Oh ... wenn zu mir ein Weib, mein Weib so kommen wollte — ich litte — mein Stolz hieße sie wieder gehen ... In diesen Dingen gibt es nur eine Würde, sie heißt: Liebe!“

Seinen beschwörenden Worten rollte ein Donner nach, stolz und mit seinem gebieterischen Schall die Luft erfüllend.

Jutta erbebte. Gewitter gingen ihr auf die Nerven — belästigt von der eigenen Schwäche wehrte sie das mit unwilliger Kopfbewegung von sich ab.

Er fuhr fort: „Ich weiß es wohl, ich von allen Menschen, ich bin der letzte, der Ihnen abraten darf zu reisen ... Jutta, wir wollen nicht lügen ... wir fühlen alles, wie es ist ... Nein, ich darf nicht sagen: bleiben Sie! Ich will niemand bestehlen. Stumm wäre ich wieder aus Ihrem Leben fortgegangen, wenn ich gesehen hätte: Sie sind glücklich! Sie sagen es selbst: Sie sind es nicht ... In solcher Stimmung tritt man eine solche Pilgerfahrt nicht an ...“

„Aus Dankbarkeit muß ich gehen — ja ... darum,“ sprach sie leise.

„Aus Dankbarkeit?“ fragte er erstaunt.

Nun rauschte der Regen. Seine millionenfachen Tropfenschnüre glitten zur Erde, und indem sie jagend durch die Luft herabsausten, nahmen sie aus ihr alle Schwüle und allen Staub mit. Blitze zuckten im grauen Wolkengedränge, und lang und knatternd rollte der Donner aus.

Ah — das war gut. Der Mann reckte sich und atmete tief. Er schmeckte die Frische der feuchten Luft im Munde wie belebenden Trunk.

Jutta wagte nicht zu sprechen während der kurzen Minuten, wo das Wetter in der Nähe und in höchster Kraft lärmte und der Regen, als seien seine Tropfen harte Erbsen, auf dem Glasdach prasselte. Sie sah den Freund an. Wohl tat ihr seine Nähe. Aus aller Einsamkeit schien sie befreit durch ihn. Und auch der große, schwere Kampf, den er durch sein stummes Lieben und Werben in ihr Dasein trug — er war doch Leben!

Sein helles Auge begegnete fest ihrem Blick ...

Sie warteten und schwiegen, bis nun ein Blitz ferner zuckte und die Unmittelbarkeit des Donnerdröhnens ausblieb, während der Regen, als habe er plötzlich allen Mut verloren, wie vor Schreck innehielt.

Da wiederholte Jutta es: „Ja — aus Dankbarkeit!“

Sie saß auf der Kante eines niedrigen Stuhles, die Hände um das Knie gefaltet. Und so erzählte sie ihm ... vielleicht hielt sie sich auch nur alles noch einmal selbst vor ...

„Sie haben meine Mutter gekannt — ihre vornehme apathische Duldermiene. Und Sie wissen, daß sie lange körperlich litt und zu viel Gram in sich hatte, um ihren kranken Körper beherrschen zu wollen. So war sie ganz mit sich beschäftigt. Jetzt erst begreif’ ich, was mir fehlte, woran ich darbte, trotzdem ich eine Mutter hatte: sie forderte von mir, aber sie gab mir nichts. Junge Herzen können verschwenderisch geben. Aber sie müssen auch fühlen: mir wird gegeben. Sonst erbittern sie sich. Sie erinnern sich: Mutter starb früh — gleich nach jenen Sommerwochen ... Vater war rauh und ein Arbeiter — Sie wissen — von jenen Männern, die sich zu viel aufbürden, um sich wichtig zu fühlen — das sah ich damals nicht, wie ich es jetzt erkenne ... Man begreift so viel, wenn man selbst Frau und Mutter wird — sieht, was zurückliegt, dann richtig beleuchtet ... Ja, ich war niemals ganz von meinen Eltern in ihre Liebe genommen ... Und gerade das, weil ich es nicht hatte: alle Schönheit des Lebens schien mir darin zu sein: wenn man nur ein Mutterherz hat! Sehen Sie — und Maltes Mutter, die nahm mich an ihr Herz. Sie hatte mich gleich lieb. Und so sehr liebten wir uns, daß ich mich manchmal besinnen muß: ist sie nichtmeineMutter? Sie spürte gleich, woran es mir fehlte ... Und öffnete mir ihr ganzes Wesen ... Ja — und ich bin voll Dankbarkeit ... Sie soll nicht leiden, diese Frau ... um ihretwillen muß ich mich bezwingen ... um ihretwillen werde ich reisen ...“

Er hatte das Gefühl, als sei ihm unvermutet ein Feind erstanden, einer, von dessen Dasein er bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt ... Er spürte plötzlich eine Macht, die stärker war als seine ... Seine erste, impulsive Regung war, sich dagegen zu wehren.

„Kann diese Frau wünschen, daß man ihren Sohn mit Almosen täuscht?“ fragte er erregt. „Sprechen Sie mit ihr — hören Sie ihre Antwort. Ich weiß sie im voraus. Eine alte Frau, die das Leben kennt, die weiß, daß Mitleid und Dankbarkeit und Lüge keine Fundamente sind, auf denen eine Ehe sicher stehen kann.“

Jutta schwieg. „Nein,“ dachte sie, „ich hätte nicht den Mut, mit ihr davon zu sprechen.“

Er ging hin und her, die Hände in den Taschen, so daß der hellgraue Gehrock zurückgeschoben und die weiße Weste ganz sichtbar war. Sein Ausdruck war finster.

Er fragte sich voll Unruhe: Kämpfe ich reinlich? Darf ich überhaupt kämpfen?

Er wünschte vor niemand und am allerwenigsten vor dem fernen Mann dieser Frau die Augen niederzuschlagen. Und zugleich fühlte er deutlich: sie liebt mich — sie ist mein Glück — alles andere war Irrtum. Irrtum, den man nicht endet, wird bewußte Lüge — sie aber ist Verbrechen.

In einem rauhen Wunsch, ganz selbstlos zu sein, fragte er mit harter Stimme: „Und warum sind Sie nicht bei dieser Frau, die Sie lieben? Warum nicht zu ihr geflüchtet, als Malte ging? Um bei ihr zu sein, in Ihrer schweren Stunde?“

„Sie ist arm, Maltes Mutter — hat in einer kleinen Wohnung knapp ihr Auskommen — als vermögenslose Witwe eines Beamten ... mir ist erst später klar geworden: wenn ich als Braut oft und lange bei ihr war — sie hat’s nachher mit Entbehrungen wieder hereinsparen müssen — das auch, ja, das auch macht mich so klein vor ihr ...“

Ihre Augen standen voll Tränen.

„Und warum kam sie nicht zu Ihnen?“ forschte er weiter.

„Ich weiß es nicht,“ sagte Jutta, „ich verstehe so oft nicht: warum hab’ ich dies getan und das gelassen ... Ich glaube, es war dies: ich litt so sehr, weil Malte ging, und wollte nicht, daß Mutter mitlitt, und ich dachte: ich will erst allein zur Fassung kommen ... Aber ich kam nie zur Fassung ... immer wuchs eine schwere Stimmung in mir zu einer neuen Unsicherheit aus ... Ich mochte Mutter nicht hineinsehen lassen ... Und zuletzt, als mir so war, als habe ich alles nur geträumt, als habe ich gar keinen Mann mehr und keine Liebe und kein Glück ... ja, da hab’ ich mich vor ihr gefürchtet ... Und immer geschrieben: komm nicht — ich bin stärker allein ... und war doch krank vor Sehnsucht. Und wenn Mutter mich gefragt hätte: vor Sehnsucht nach ihm? Was konnte ich ihr sagen? Ich weiß es nicht ... Jetzt kommt mir manchmal so vor, als sei das schon immer gewesen — auch als er noch bei mir war — immer schien mir, es müsse hinter dem wirklichen Leben noch ein anderes stehen — das eigentliche — ich litt so sehr von diesem Gefühl, weil es so unbestimmt war, so unklar ... ich dachte oft: Wenn mir dies nur jemand erklären könnte, warum ich solche Sehnsucht habe — und wonach ...“

Er schloß kurz die Augen. Er war sehr bleich. „Sie liebt mich,“ dachte er, „sie hat mich immer geliebt. Und hat es nicht gewußt. Das ist das Geheimnis ihrer Sehnsucht.“

Seine Leidenschaft für sie konnte gar keinen anderen Schluß ziehen als diesen ...

Nun glaubte er seine Pflicht deutlich vor sich zu sehen. Die Art ihrer Erfüllung durfte aber nicht von seinen heißen Wünschen bestimmt werden, sondern nur von der Achtung vor dem fernen Mann und vor dieser schutzlosen Frau, die er für sich zu erringen hoffte ...

Jetzt, nach all ihren Geständnissen, hoffte er es ganz gewiß ...

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit,“ sprach er, „wollen Sie auch mir gestatten, offen zu sein — Ihnen zu raten — zu sagen, wie ich Ihre Lage sehe?“

Sie nickte stumm und sah ihn beinahe glücklich an. Ja, wenn er ihr Leben in seine Hand nehmen und ihr sagen wollte, was sie tun müsse, dann müßte alles klar und sicher werden.

„Nach dem, was Sie mir von Ihren Gefühlen der Mutter gegenüber erklärten, darf ich Ihnen nicht mehr raten: Gehen Sie zu ihr. Umgekehrt — nein: Sie dürfen ihr so und jetzt nicht begegnen. Denn anstatt durch sie zur Klarheit zu kommen über das, was Ihr Herz will und muß, würden Sie vielleicht auf einen falschen Weg gedrängt ... Und Sie, nein, Sie dürfen nichts, nichts tun, was für immer Ihr aller Leben verderben kann, ob es gleich im Augenblick eine Tat der Pflicht scheint.“

Sie hörte voll Spannung ...

„Erkämpfen Sie sich Klarheit ... Darauf kommt nun alles an. Für Sie selbst. Und für die, die Sie lieben ...“

Sie nickte langsam vor sich hin.

„Und mein Rat ist dieser: Gehen Sie fort von hier ... von all diesen Freunden gehen Sie fort, deren liebevolle Fürsorge Ihnen unwillkürlich die Freiheit nimmt ... Gehen Sie fort aus dieser Umwelt, die Ihnen Ihre Sehnsucht vielleicht beunruhigt und unklar gemacht hat — diese Umwelt, die fortwährend für und gegen den fernen Mann sprach. Gehen Sie fort, und versuchen Sie zu verstehen, was denn Ihre Sehnsucht eigentlich will.“

„Und wohin?“ fragte sie leise. Das kam wie eine Klage heraus — der Schmerz der heimatlos gewordenen Seele war darin.

„Nehmen Sie Ihr liebes, kleines Kind und diese treue Martha, die an Ihnen zu hängen scheint ... suchen Sie neue Bilder, die groß zu Ihnen sprechen ... das gibt so viel Fähigkeit, sich unbefangener selbst zu sehen ... gehen Sie in die Berge — später nach Italien ... ich werde Sie nicht sehen, Jutta ... ich muß es mir versagen ... obschon ich in Ihrer Nähe sein würde ... ich bin zur Botschaft in Rom versetzt. Sie verstehen — ich müßte es mir versagen, Sie zu sehen ... Aber ich wäre doch da ... Und wenn eine Stunde käme, wo Sie mich brauchten ... eine Stunde, die größer wäre als alle Rücksichten auf die Welt ... Sie könnten mich rufen ... Dieser Gedanke erlöst Sie vielleicht ein wenig aus der Furcht vor Einsamkeit ...“

„Ja,“ sprach sie, „ja ... alles will ich ... alles soll geschehen, wie Sie sagen.“

Diese vollkommene Unterordnung unter seinen Willen ergriff ihn.

Heiße Worte wollten sich auf seine Lippen drängen.

Er schwieg. Sie standen einander gegenüber. Er rang hart mit sich. Seine Arme hätte er öffnen mögen, ihr leise sagen mögen ... komm ... komm.

Und sie zitterte — erriet ihn — bebte vor Begierde nach seinem Kuß und wehrte sich zugleich. „Nein, nein, nein,“ dachte sie.

Ein paar schwere, schwüle Augenblicke lang ... die Versuchung lähmte sie fast ... noch ein Atemzug ... Und sie wichen voreinander zurück ... voll Furcht vor sich selbst — und dennoch stark ...

Er wandte sich ab und trat an das grün überdeckte Gitter.

Er sah nichts von der Welt draußen, die, übergossen vom raschen, starken Regen, nun geduckt und gewaschen stand. Die Blätter an Busch und Baum waren niedergestrichen vom schweren Naß.

Nein, er sah nichts und fühlte immer nur dies eine als stolzen Wunsch: standhaft handeln.

Und doch, da er bestrebt war, das heiße Blut zum ruhigen Fluß zu zwingen, doch nahm er mechanisch auf, was geschah: Auf gelbem Rad ritt draußen ein Mann heran und stieg ab. Die betropfte eiserne Gartenpforte gab, als man sie öffnete und schloß, einen hellen, klirrenden Ton, der durch die saubere Luft besonders metallisch sich schwang. Auf dem Seitenweg des Gartens führte der Mann mit der rotgeränderten Mütze sein gelbes Radroß neben sich.

Und zwei Minuten später hatte Jutta eine Depesche in der Hand.

„Morgen abend acht Uhr treffe ich in Kiel ein. Innigst

Mutter.“


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