IV
Du hast es bequemer getroffen als ich,“ sagte Rosenfeld, da er seinen Freund Hochhagen einmal zu einem knappen Gespräch unter vier Augen stellen konnte; „wenn ich noch an den Apparat denke bei meiner Verlobung! O je! Es waren die typischen Begleitumstände, die so vielen Junggesellen den Entschluß graulich machen: Feierlichkeit mit würdigen Reden, programmäßig vorgesehene Rührung, endlose Familienrücksichten.“
„Ja,“ lachte Hochhagen, „man geht eher über Leichen zu einer Frau, als über ein Dutzend von Wichtigkeit aufgeplusterter Tanten.“
„Mit deinen Schwiegereltern wirst du leben können,“ prophezeite Rosenfeld.
Sie gingen nach dem Abendessen im halbhellen, frischen Garten umher, auf dessen Kieswegen von der Nässe des nachmittägigen Gewitterplatzregens nichts mehr zu spüren war. In der breiten Veranda hinter dem Hause bewegte sich die Gesellschaft, noch in der ersten Unruhe nach dem beendeten Mahl, bei Kaffee, Schnäpsen und Zigarren. Helles Licht strömte von dort her in den Garten.
Das herzliche Lachen von Lisbeth Rosenfeld erhob sich manchmal über das allgemeine Stimmengeschwirr und stieg, Ton gewordene Fröhlichkeit, empor wie eine funkelnde Rakete. Sie war begeistert vom Geheimrat Gervasius und wußte seinen geistreichen und boshaften Munterkeiten auf das vergnügteste zu begegnen.
„Hör mal,“ sagte Hochhagen, „wie deine Frau lacht.“
„Und um halb sieben kam sie aus ihren Kissen empor wie eine, die nach vielwöchigen Leiden mit äußerster Anstrengung ihre letzten Kräfte zusammensammelt,“ erzählte Rosenfeld. „Ich dachte: es geht nicht, diesmal geht es wirklich nicht. Und nun ist sie obenauf.“
„Sie hat mir schon erklärt, daß sie total verliebt in meinen Schwiegervater sei.“
Rosenfeld lächelte.
„Ja, das ist ihre Stärke und ihre Schwäche: diese völlige Hingabe an den Eindruck. Nun sprüht sie vor Lebendigkeit. Heute vormittag wollte sie vor Kopfweh sterben. Und natürlich, ich hatte schuld. Warum hatte ich sie nicht mit roher Gewalt vom Ball geschleppt? Wenn ich ein Herr und Mann wäre ... Na, du bist ja manchmal Ohrenzeuge gewesen. Ja, langweilig geht es in meiner Ehe nicht gerade zu. Das kann ich wohl sagen.“
Das klang ein bißchen zweideutig. Hochhagen wußte: Zuweilen wurde der Freund etwas mutlos gegenüber den beständigen Barometerschwankungen in Lisbeths Wesen.
„Was willst du! Quecksilber. Steigt und fällt. Aber man sieht es steigen und fallen. Das ist es: immer bleibt sie dir in ihrer Art ganz übersichtlich!“
„Nun — freilich — Rätsel und Dunkelheiten wie in Maltes Frau gibt es in Lisbeth nicht. Aber als abgearbeiteter Mensch möchte man eben zu Hause seine Ruhe haben.“
„Ich habe es am besten getroffen von uns dreien,“ dachte Hochhagen, in der begeisterten Zuversicht des Mannes, der seit vierundzwanzig Stunden verlobt ist.
„Du — sag mal — deine Braut scheint sich hingebend an Jutta Falckenrott zu schließen.“
„Ja. Sie hat so eine rechte Mädchenschwärmerei für Jutta. Findet sie unerhört interessant. Bemitleidet sie leidenschaftlich. Es ist mir recht lieb. Zunächst wird Jutta ja nach Ostasien reisen. Aber wenn sie von dort heimgekehrt sein wird, liegt immer noch fast ein Jahr weiterer Einsamkeit vor ihr. Was könnte ihr die besser erleichtern als eine schwesterliche Freundschaft mit meiner Frau. Lisbeth und Jutta stehen sich gut. Aber du weißt: für traurige Herzen hat Lisbeth nicht sehr viel Zeit. Und Renate ist eins von den weiblichen Wesen, bei denen man gleich spürt: sie sind zum Trösten geboren.“
Seine Stimme klang ganz warm und bebte ein wenig. Die Andacht vor der reinen Jugend seiner Braut war so neu und stark in ihm, daß sein Gemüt sich noch nicht ganz damit eingerichtet hatte und heute beständig aus dem Lot kam.
Rosenfeld fuhr aus längerem Nachsinnen auf.
„Wird sie denn reisen?“ fragte er langsam.
„Ich denke doch. Warum sollte sie nicht?“
„Nun vielleicht wegen der Kleinen.“
„Das war ihr erster Gedanke — natürlich. Aber die Sehnsucht nach dem Mann wird stärker sprechen als diese Sorge. Und das Kind kann so vortrefflich bei Maltes Mutter untergebracht werden.“
„Glaubst du? Und du glaubst, daß es wirklich ganz ungemischt die Sehnsucht nach Malte ist, die ihrem Wesen diese Note von leidenschaftlicher Verschlossenheit gibt — es ist eine gefährlich anziehende Note ...“
„Was sollte es sonst sein?“
Sie sprachen sehr vorsichtig. Rosenfeld wagte nicht deutlicher von seinem sorgenvollen Unbehagen zu reden; der andere traute sich nicht einmal vor dem nächsten Kameraden seine Furcht auszusprechen. Worte geben den leisen, fernen Dingen oft eine brutale Gestalt — die steht dann breit und plump im Wege, und man muß mit ihr, als mit einer häßlichen Wirklichkeit, rechnen.
„Hektor — Hektor,“ rief, auf den Stufen der Verandatreppe stehend, Lisbeth über den Garten hin.
In einer Pünktlichkeit des Gehorsams, dessen Rosenfeld sich gar nicht bewußt war, kehrte er auf der Stelle um und wandte sich dem Hause zu.
Lisbeth, Zigaretten rauchend, was sie übrigens gar nicht vertragen konnte, brauchte Hilfe. Gegen den Geheimrat sich zu verteidigen, ging über Frauenkraft, und sie habe doch sonst den Mund auf dem rechten Fleck. Aber so ein Spötter ... und man unterscheide nie: Kompliment oder Bosheit ...
So gingen ihre lachenden Reden, und der kleine, bartlose Geheimrat mit dem glatten, graublonden Haar und mit seinen beunruhigend klugen, durchgearbeiteten Zügen schmunzelte, und hinter seinen Brillengläsern blitzten seine Augen scharf.
Emmich Hochhagen ging zu seiner Braut.
In der rechten Nische der an beiden Seiten abgerundeten Veranda saß eine kleine Gruppe, die Hochhagens Augen sehr erfreulich schien. Da war die noch jugendliche Geheimrätin, der man ihre zwei- oder dreiundvierzig Jahre nicht ansah. Sie hatte jene ausgeglichene Freundlichkeit im Wesen, die nur Menschen aufbringen können, die sich ganz in Harmonie mit ihrem Leben fühlen. Ihre angenehme Art, im Verein mit ihren sicheren Formen und der geschmackvollen Sorgfalt ihrer Kleidung, machte ihre Erscheinung so günstig, daß man sie im allgemeinen unter die hübschen Frauen rechnete. Emmich brachte ihr eine starke Sympathie und Dankbarkeit entgegen. Wie gern sah er, daß seine Schwiegermutter sich eifrig mit Jutta beschäftigte.
Die saß neben der Geheimrätin und schien mehr zu hören als selbst zu sprechen. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht klug werden diesen Abend. Soweit es seine Stellung als Held des kleinen Festes und als ganz und gar glückseliger Bräutigam zuließ, hatte er die Freundin beobachtet. Und dann immer voll Sorge gedacht: Sie ist ja gar nicht hier! Wo waren diese Gedanken, die oft dem dunkeln Auge einen so zerstreuten, suchenden Blick gaben? Weshalb fuhr sie oft wie im Schreck zusammen, wenn man sie anredete? Aus welchem Grunde blieb ihr Lächeln so erkünstelt?
Er hatte noch gar nicht mehr mit ihr sprechen können als die Worte, die zwischen ihr und seinen Schwiegereltern und den wenigen anwesenden Bekannten und Verwandten des Hauses vermitteln sollten.
Nun zog er sich einen Stuhl heran. — Kante an Kante mit dem Renatens, die neben dem Korbsofa saß und dem Gespräch der Mutter mit Jutta zuhörte. Sie hatte dabei liebkosend Juttas Hand gehalten und manchmal zärtlich gestreichelt. Das ließ sie nun und lehnte leise die Schulter an die Emmichs und schob ihre Hand unter seinem Arm durch.
Für die Geheimrätin hatte die Welt einen sicheren Mittelpunkt: ihren Mann. Nicht nur ihre Liebe machte ihn dazu. Jeden Tag, seit vierundzwanzig Jahren, sah sie, daß ein ganzes System um ihn kreiste, dessen Sonne er war. Studenten, Patienten hingen voller Respekt an seinem Wort. Er war da ein so unbedingter und autoritativer Herrscher, daß ein Blick, eine flüchtige Anordnung genügte, sein Reich in Ordnung zu halten. Sie hatte auch schon so oft erlebt, daß Hoheiten, königliche und andere, sich in unbedingtem Gehorsam diesem Treiben einfügten, daß sich in ihrem Bewußtsein dies festgesetzt hatte: Wo meines Mannes Herrschaft anfängt, hört jede andere auf. Danach hatte sie, wie von selbst, ihr ganzes Frauenleben und ihren ganzen Hausstand gebildet und zurechtgelegt. Sie hatte das starke Gefühl: Mir liegt es ob, seine kostbare Persönlichkeit für das Heer der Leidenden frisch und leistungsfähig zu erhalten.
Von diesem allen sprach sie zu Jutta und brachte viele Einzelzüge als Beweise bei, wie wenig sie eigentlich auf den Geheimrat als Gatten, Vater und Gesellschafter rechnen könne, sich aber ganz so eingerichtet habe, ihn nie zu beanspruchen und doch immer für ihn da zu sein. Ein unschuldiger Stolz auf ihre Kunst, sich seinem Berufsleben anzupassen, zeigte sich. Wie rührte dieser Stolz den Mann, der in diesem gesegneten Hause als Sohn aufgenommen worden war. Er drückte Renatens Arm an sich — in einer Bewegung des Dankes — als habe auch das holde Kind schon überreiches Mitverdienst an all dem Klug- und Warmabgestimmten.
„Wie beneidenswert,“ sagte Jutta; „es muß doch wundervoll sein, dem Mann so in seinem Beruf beistehen zu können. Wenn es auch, wie Sie sagen, hinter den Kulissen ist. Wie ruhig kann er auf der Szene handeln, wenn er weiß: hinter den Kulissen geht alles glatt.“
„Aber Liebste, Beste, das gleiche tun doch Sie. Wenn auch in anderer Form,“ meinte die Geheimrätin eifrig.
„Ich? ...“
„Na ja doch ... oder ist das nichts, wenn so eine junge Marinefrau ganz allein, standhaft und geduldig den Herd bewacht — während der Mann weit draußen ist? Muß ich erst sagen, was alles darin liegt?“
Sie nickte ihrer Tochter zu, der künftigen Marinefrau. Und Renate erwiderte dies mütterlich stolze Lächeln mit aufstrahlendem Blick.
Hochhagen vermied es, Jutta anzusehen ...
„Das ist anders, wie Sie sich das vorstellen,“ sprach Jutta, „Ihre Pflichten schließen Leben und Bewegung in sich. — Sie dürfen aktiv sein. Ich habe nur zu warten.“ Mit so schwerem Ausdruck sagte sie es, daß er der Geheimrätin auffiel.
Eine rasche Gutmütigkeit wallte in dem Herzen der Frau empor — ein flüchtiges Mitleid und Ahnen, so wie es Menschen anwandeln kann, die eigentlich zu sehr ausgefüllt sind, um noch Anteilnahme für andere Schicksale aufbringen zu können.
„Gott — ja,“ dachte sie, „wenn man verliebt, jung und temperamentvoll ist, muß es wohl schwer sein.“
Und sie hoffte im Vorbeigehen, daß Emmich nicht so bald ein Auslandkommando erhalten würde. Später mal, sehr gern. Dann bekam man seine liebe Älteste ein bißchen wieder als Tochter ins Haus, und das müßte wundervoll sein ... Als Freundin mit der verheirateten Tochter sich gut stehen, das hatte sich die Geheimrätin immer wie einen Gipfelpunkt des Frauenlebens ausgedacht ...
Und Renate seufzte ein wenig. Ganz zuversichtlich hatte sie noch eben das stolze Lächeln der Mutter mit glücklichen Blicken beantwortet. Nun fiel ihr plötzlich ein, wie zornig und gramvoll Jutta heute nachmittag von ihrem Los gesprochen hatte.
So leise, so andeutend nur der Seufzer gewesen war: Emmich hatte ihn doch gehört. Und er sah auch, daß über das Gesicht der Mutter ein Ausdruck von Mitleid ging.
All das schien ihm feindselig — als bedrohe das auch ihn und seine Glücksicherheiten.
Er sagte sehr liebevoll und vielleicht wieder ein wenig bevormundend: „Das Warten hat ja nun ein Ende. Frau von Falckenrott wird nach Hongkong reisen.“
Jutta erhob ihr Haupt.
„Nein,“ sprach sie klar und fest, „ich werde nicht nach Hongkong reisen.“
Sie sah ihn an. Ganz gerade. Wie eine, die unerschütterlich geworden ist.
Hochhagen wurde rot. Er erschrak. Und ihr Ton erregte ihn. Es schien versteckter Trotz darin.
„Ich hoffe, es ist nicht Ihr letztes Wort.“
„Ich gehöre nicht zu den Frauen, die heute nein und morgen ja sagen.“
„So haben Sie schon an Malte depeschiert?“
„Nein. Das nicht. Es kommt ja auf den Tag nicht an.“
„Oh, Sie wollen nicht zu ihm?“ fragte Renate erstaunt, „ich — ich reiste gleich, wenn Emmich riefe und und wenn ich nach Yap sollte ...“
Die Geheimrätin spürte mit dem feinen Ohr der Weltdame, daß ein harter Klang in den raschen Worten war, die zwischen Jutta und Emmich hin und her flogen. Sie begriff nicht ... dachte auch diskret daran vorbei ... wollte nur gütig alles ins gesellschaftlich Freundliche lenken und sprach beinahe lobend: „Es tut Ihrem Gemüt wohler, hier in der Heimat still Ihrem Kindchen zu leben und tapfer weiter zu warten?“
„Ich will mit der Kleinen fortgehen — schließe meine Wohnung zu — gebe sie vielleicht auf — ich weiß noch nicht — aber fort will ich — in die Berge vielleicht — das findet sich.“
Und dabei sah sie immer Hochhagen an, als teile sie ihm Dinge mit, die hinter ihren Worten standen ...
Er erhob sich.
„Was ist geschehen?“ dachte er.
In diesem Augenblick kam Lisbeth Rosenfeld heran, mit ihren eifrigen Bewegungen, ganz erfüllt von einem Einfall. Sie war wieder einmal getragen von glühender Lebenslust. Ihr Mann lächelte ein bißchen ergeben, und der Geheimrat, mit einem undeutbaren Pläsier, das ihm in feinsten Fältchen um die Mundwinkel und Augen saß, rieb sich die feinen Operateurhände.
„Frau Geheimrat, süße Renate und du, Liebes, hört mal zu. Die Tatsache, daß Emmich uns mit Geheimrats so eng zusammengeführt hat, muß extra gefeiert werden. Bei uns natürlich. Morgen. Ausgemacht. Ja?“
„Morgen hast du wieder Zwirnbeine und im Kopf einen großen Ballon, der platzen will, und bist sterbenskrank,“ neckte Jutta, die sich plötzlich ganz in der Gewalt hatte und eine trotzige Fröhlichkeit in sich aufschäumen fühlte. Es war gesagt — gesagt — es schien, als seien Würfel gefallen ... wohin? Vielleicht rauschte ihr Fall nur ins Unbestimmte hinein — aber Jutta spürte doch die Bewegung — ihr Schicksal stand nicht mehr still ... Und die Stärke ihres Temperaments blitzte durch ihr Wesen.
„So, so,“ sagte der Geheimrat amüsiert, „das kommt also vor? Ein Lendemain mit Zwirnbeinen.“
„Ach,“ prahlte Lisbeth mit heißem Gesicht, „nur wenn ich zu viel tanze. Warum läßt Hektor das zu! Heute tanz’ ich ja nicht. Also morgen bei uns.“
Und da es ihr unmöglich war, einen Tisch zu decken, ohne ihn fort und fort zu vergrößern und so viel heranzuladen, als die Räume nur fassen mochten, zählte sie auf: „Natürlich müssen die Crewkameraden kommen, soweit sie im Moment in Kiel stationiert sind und uns näher stehen. Und dann Exzellenz Marweg — Herr Geheimrat, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich mich glänzend mit Exzellenz vertrage, einfach glänzend. Hektor ist aber nicht eifersüchtig. Hat er auch nicht nötig. Und Herr von Gamberg, Juttas Vetter. Liebes, wird er können? Segelt er morgen mit? Ach so — du hast ihn nicht gesprochen.“
Jutta dachte nicht, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, den Besuch des Mannes zu verleugnen, weil Renate noch mit ihm zusammengetroffen war. Dieses Zusammentreffen hatte sie schon vergessen. Sie wollte wahr sein und sagte sehr ruhig: „Doch, ich habe ihn gesprochen. Er war zum Tee bei mir ...“
„Ah ...“ dachte Hochhagen, „er — er ... das ist es.“
„Na — segelt er mit?“
„Nein.“
„Famos: also Gamberg ... Und dann noch ...“
Sie erwog rasch: Die beiden Ehepaare aus Gervasiusscher Freundschaft und Verwandtschaft, die hier anwesend waren und jetzt in der entgegengesetzten Verandanische plaudernd zusammensaßen, mußte sie die nicht auch einladen? Eigentlich fand sie den langen Professor Lüdermann etwas trocken, und es verletzte ihr ästhetisches Gefühl, daß so eine winzig kleine Frau wie ein Anhängsel neben ihm hertrippelte; und an der arroganten Ruhe des Konsuls Thyssen, des Bruders der Geheimrätin, war ihre Lebendigkeit fast zerschellt, während Frau Thyssen sich immerfort zu bemühen schien,keineÜberlegenheit zu zeigen ... Aber Lisbeth war eben von so unbegrenzter Gastfreudigkeit, daß sie hinzusetzte: „Und natürlich, liebe Frau Geheimrat, Ihren Herrn Bruder und Frau und Lüdermanns.“
„Beste Frau Lisbeth! So viel Menschen können Sie gar nicht setzen,“ warnte Hochhagen.
„O doch ... und wenn Sie mir Ihren Judeit leihen — Hochhagen hat einen großartigen Burschen — ostpreußischer Fischer — kann aber alles — serviert wie ein Diener im Schloß ... Ja, ach, es kann reizend werden. — Ganz einfach geht es aber zu bei uns, Frau Geheimrat — gerade das Improvisierte macht Spaß. Also morgen abend acht Uhr ...“
Sie war unwiderstehlich in ihrem Verlangen, alles, was an Menschen in ihren Dunstkreis kam, sich zu einer Bundesgenossenschaft der Lebensfreude zu werben. Sie wandte sich schon, um Thyssens und Lüdermanns ihre Einladung vorzutragen, und hatte keine Ohren mehr für das, was Jutta noch sagen wollte.
Und so mußte Jutta es dem Mann mitteilen.
„Lieber Rosenfeld,“ sprach sie, „ich kann morgen abend nicht zu Ihnen kommen.“
Hochhagen merkte auf.
„Aber das ist schade,“ sagte Kapitän von Rosenfeld, „das gibt’s nicht — solche Absage nimmt Lisbeth einfach nicht an.“
„Meine Schwiegermutter kommt morgen abend.“
„Maltes Mutter!“ rief Hochhagen.
„Ja!“
Er atmete ordentlich auf. Ganz unverhohlen. Über sein männliches Gesicht ging ein Freudenschein.
Jutta sah es, es ärgerte sie geradezu.
„Ich war sehr überrascht, als ich das Telegramm bekam,“ sagte sie und sah ihn mit prüfenden Blicken an. Und diese Blicke fragten ihn: Warst du das? Ist das auch deine Regie?
Er fühlte wohl, was ihr Ausdruck zu bedeuten hatte, und sagte ganz ehrlich: „Ich bin auch überrascht. Und ich freue mich riesig, daß wir Maltes liebe alte Dame wiedersehen sollen.“
Und er dachte: „Nun wird ja alles gut ...“
Er hatte eine unbestimmte, aber riesengroße Vorstellung von der Macht einer Mutter ... Als die seinige noch lebte, hatte sie alles über ihn vermocht. Und ob er gleich schon ein gereifter Mann war, da sie vor wenig Jahren starb, hatte er ein kindliches Gefühl des Verwaistseins in sich entdeckt, so voll schmerzlicher Wehmut, daß er sich fast hätte schämen mögen ...
Am anderen Abend fuhr Jutta zum Bahnhof. Eine große Mattigkeit lag ihr in den Gliedern. Sie war abgespannt bis zur Erschöpfung, ganz widerstandsunfähig. Sie schob es auf den Tag voll Hausfrauenarbeiten. Die hatte sie vor sich aufgebauscht und übertrieben, mit einem Aufwand von Zurüstungen sich förmlich betäubt. Es war in der Wohnung zugegangen, nicht als solle eine anspruchslose alte Frau kommen, sondern als müsse man mit äußersten Anstrengungen trachten, vor einer pomphaften und kritischen Dame zu bestehen.
So konnten die zitternde Rührung und die angstvolle Beklommenheit, die abwechselnd Juttas Gemüt beschweren wollten, niemals ganz Herrschaft über sie gewinnen.
Aber nun rächte es sich, daß sie nicht den Mut gehabt hatte, sich zu sammeln, daß sie sich mit Vorsatz durch die Stunden gehetzt hatte.
In ganz verworrenen Empfindungen ließ sie sich dem Wiedersehen entgegentreiben. Bald von dem harten Bedürfnis zur Wahrhaftigkeit erhoben, bald von dem weichen Wunsch ganz ergriffen, dem Mutterherzen nicht weh zu tun.
Müde lehnte sie in der Wagenecke. Der große Federhut, so leicht er war, schien ihr den Kopf zu belasten; in ihrem Schoß lag ihr Täschchen aus Silbermaschen. Sie hielt es mit ihren Fingern umklammert.
Die Fahrt hatte nichts Erfrischendes. Der Sommerabend war dunstig. Die salzig feuchte Seeluft durchwirkten die Dampfsäulen, die tagsüber aus den Essen der Werfte, aus den Schornsteinen der hin und her rauschenden Dampfer emporgequollen waren, mit feinen Atomen. So stand sie grau und schwer über der Stadt und der Förde und hing wie ein Schleier vor dem Bilde des jenseitigen Ufers, daß es mit all seinen hohen Hellingen, mit seinen gewaltigen Glasbauten, seinen seltsamen Gerüsten etwas Mystisches bekam. Das Zauberland moderner Schiffstechnik war da drüben, und die stehenden Dunstnebel wischten all seine drohenden Linien weich ineinander. Die Abendsonne glühte und setzte in dies feine, verschwommene Bild brennende Punkte, die an Metallteilen der Schiffe, auf einzelnen kleinen Fenstern glitzerten wie vom Zufall hingestreute Kupferflecke auf einem blaugrauen Florgewand.
Der Trott des Wagens, ein Rhythmus und keine Melodie, wirkte merkwürdig auf die Ohrnerven. Seine stumpfe Einförmigkeit hatte etwas Hypnotisierendes. Jutta hörte immerfort zu, wie die Räder rollten und die Hufe des Pferdes klappten.
Daraus schreckte sie auf. In der Nähe des Schlosses, auf dem Bürgersteig, der sich unter seiner Mauer hinzog, kam jemand gegangen.
Ein hoher, schlanker Mann, im hellgrauen Gehrock und in ebensolchem Zylinder. Vor ihm waren allerlei Fußgänger — ein paar Kinder, zwei Matrosen, eine Frau — die bildeten in ihren willkürlichen Bewegungen eine Schranke vor ihm, die sich bald öffnete, bald schloß. Jutta erkannte ihn aber schon von fern.
Sie hatte ihn heute nicht gesehen. Nur Rosen schickte er, dunkelrote; kein Wort dabei — nicht einmal seine Karte — aber sie wußte: ja, das kam von ihm! Ein Gruß der Liebe. Schweigsam und von fern ...
Sie richtete sich auf — belebt von dem Wunsch: sähe er doch! Erbebend in dem raschen Gedanken: wenn er so vorübergeht ...
Schon waren sie sich nahe, der Fußgänger und die Fahrende.
Da sah Gamberg auf — vielleicht geheimnisvoll bezwungen von dem ihm entgegenbrennenden gespannten Blick. Er sah auf — jäh — wie jemand, der sich aus schwersten Gedanken gerissen sieht ...
Und er sah ein Frauengesicht, das erblaßte — weil diese flüchtige Begegnung schon ein Erlebnis war ...
Er machte Front und grüßte. Und stand, bis sie vorüber war.
Ihre Blicke hatten sich getroffen, rasch und heiß.
Die Räder rollten, die Pferdehufe klappten, und alles war vorbei.
Die rasend emporgewallte Aufregung sank in sich zusammen. Es blieb nichts zurück wie das Gefühl einer seltsamen bleiernen Ermüdung. Die war ein körperlicher Schmerz.
Jutta hatte einen Gedanken — der schauerte durch sie hin ... Vielleicht hasten wir für immer so aneinander vorüber?
Gestern hatte er gesagt: versuchen Sie sich klar darüber zu werden, was denn Ihre Sehnsucht eigentlich will.
Und sie fühlte auch wohl: wer das Leben mit unsicheren Händen anfaßt, kann es nie meistern — wer das Leben mit unklaren Blicken überschaut, kann in seinem Treiben nie den richtigen Platz für sich herausfinden. —
Der Wagen hielt. Jutta empfand den Ruck wie eine peinliche Roheit. Nun hätte sie immerfort, immerfort so weiterfahren mögen, bis das Rollen der Räder ihr die Gedanken verblödet hätte ...
Auf dem Bahnsteig ging sie hastig hin und her, mit den Schritten nervöser Ungeduld.
Sie stellte sich ihres Mannes Mutter vor. Die Photographie von ihr, die zu Haus auf dem Schreibtisch stand, neben der von Malte, die hatte ihr das Bild der alten Frau mehr gestohlen als lebendig erhalten. Es war ein so dummes Bild. Von einer Art, wie man sie nur noch selten sieht: eben ein Mensch, der sich zum Photographieren extra hingesetzt und ein Gesicht gemacht hat.
Ja, eine kaum mittelgroße Frau war sie, mit einer breiten Taille und raschen mütterlichen Bewegungen, immer schwarz gekleidet, und auf den noch dunkeln Haaren trug sie eine Spitzenhaube, nach verflossener Mode. Und ihr Gesicht? War denn so gar kein starker Zug darin, daß Jutta es sich durchaus nicht vorstellen konnte?
Das machte ihr die Stirn heiß. Mein Gott — wenn ich sie nun nicht wiedererkenne!
Aber das war natürlich ein wahnwitziger Gedanke ... Sie würde sie selbstverständlich unter Tausenden erkennen, wenn nur erst das Gesicht hinter dem Fenster des Abteils erschiene ...
Und nun sah sie plötzlich auch Einzelheiten aus ihm ganz genau ... Sehr aufmerksame, wimpernlose, dunkelbraune Augen hatte die Mutter; und im Mund, wenn sie sprach, wurden zwischen ihren eigenen, starken und gewölbten Zähnen vier ganz flache, kleine, gleichmäßige Schneidezähne sichtbar, die ihre Künstlichkeit durchaus erkennen ließen.
Es ärgerte Jutta geradezu, daß sich ihrer Vorstellung in diesem Augenblick voll großer Spannung nun ein so kleines Merkmal so überaus deutlich aufdrängte.
Jetzt brauste der Zug heran, ein Fabeltier mit dampfschnaubendem Mund.
In der Halle dröhnte Lärm und polterte unter dem Glasgewölbe hin. Die Reihe der dunkeln, von der Patina des Kohlenstaubes monoton gefärbten Wagen hielt.
Jutta stand, und ihre Augen suchten ... Hinab, hinauf — bis eine heftig winkende Hand gerade vor ihr in einem Fensterrahmen ihr sagte: hier, hier bin ich ...
Ein paar Sekunden noch, und die Frauen lagen sich in den Armen. Sie weinten beide leidenschaftlich. Wenn dies ein Wissender gesehen hätte, würde er erstaunt gefragt haben: warum weinen sie? Aber die Frauen selbst empfanden es als das Natürliche. Keine wunderte sich über die heiße Tränenflut der anderen.
Die alte Frau hatte sich jämmerlich nach der Schwiegertochter gesehnt, die doch ihren Sohn so leidenschaftlich liebte und ihr deshalb ein Teil seines Lebens war. Vielleicht weinte sie auch aus Wichtigkeit, weil ihr Sohn ihr geschrieben hatte: reise sofort nach Kiel, hole das Kind und hilf Jutta. Und das kam ihr großartig und verantwortlich vor. Etwas weinte sie auch aus der Ankunftsbefriedigung heraus, denn unterwegs war sie immer noch erregt, in dem Bewußtsein, daß sie binnen zwei Tagen mit solchem Reiseentschluß und mit allen Reisevorbereitungen fertig geworden sei. Sie fühlte sich deshalb sehr heldenhaft und modern und hatte den Genuß gehabt, daß das Staunen und die Teilnahme ihrer Freundinnen in ihrer kleinen Heimatstadt sie an die Bahn geleiteten.
Und Jutta weinte aus ihrer allgemeinen Erschöpfung heraus. Vielleicht brach auch eine Hochflut schöner Erinnerungen jäh über sie herein, als sie die Mutter wiedersah ...
Dann kamen die prosaischen kleinen Sorgen um Gepäck und Wagen. Und all die Taschen und Schachteln schienen sich gleichsam an die hohe Stimmung zu hängen und zerrten sie herab.
Man saß im Wagen zusammen, man fuhr nach Haus.
Da war das Bett der Kleinen. Eine Stätte, wo alle Rührung wieder aufwallte und die Großmutter vor Entzücken weinte.
Es war schummerig in dem von Schlafensstille durchwobenen Raum. Nur ein Nachtlicht brannte, eine träge kleine Flamme, die auf winzigem Ölbassin wie eine blanke, gelbe Schwimmblume erblühte.
Man sah nicht viel von dem bißchen Menschentum da im zierlichen Bett. Ein rundes Schädelchen war sichtbar, dunkel überflaumt; schwer lag es in den sich aufbauschenden Kissen. Ein winziges Näschen war zu erkennen, das gegen die Leinwand des Bettuches stieß. Und noch ein Fäustchen, festgeballt — das streckte sich ein wenig unter dem Deckbett hervor.
Die junge Mutter stand daneben, ihre Hand umschloß die gebogene Stange, von der herab die Gardinen über das Bettchen fielen.
Stolz und wartend stand Jutta und sah zu, wie die alte Frau sich über das Lager bückte.
Und nachher saßen sie zusammen, gerade da, wo gestern nachmittag Jutta mit dem Mann gesprochen hatte ...
Draußen sank der lange Tag in die leise, blasse Dämmerung hinüber. Der Abendwind schlich ein wenig durch die Blätter und stieß sie zag an, aber sie waren so schwer vom Vollsaft ihrer Sommerreife, daß sie sich kaum rührten.
„Mir schien,“ sagte die Mutter, „man sah so wenig — aber doch — mir schien: die Kleine gleicht Malte ganz und gar.“
„Nein. Nicht ein bißchen. Du wirst es morgen sehen.“
Der Ton, in dem die Ähnlichkeit abgeleugnet wurde, tat der alten Frau unbestimmt weh.
„Gott, mir war, als seien sechsunddreißig Jahre versunken, und mein Malte läge wieder in seinem Bettchen vor mir.“
Und sie trocknete ihre Tränen.
Jutta schwieg.
Nun fing die Mutter ein eifriges Fragen an. Unter ebenso eifrigem Essen. Denn sie war schon früh am Tage fortgereist und hatte ihrem Proviant, den sie im Körbchen mit sich führte, nicht recht zusprechen mögen, weil ihr beim Fahren und in der Aufregung der Appetit vergangen war.
Alles wollte sie nun wissen: wie das Kind gehalten werde, und ob es schon mit seinen Fingerchen greife. Wieviel es wiege, und ob es die Nächte durchschlafe. Ob es tags viel schreie und reichlich in die Luft komme.
Juttas Briefe an die Mutter waren in den letzten drei Monaten nichts gewesen wie Tagebuchaufzeichnungen über jede das Kind betreffende Kleinigkeit. Die alte Frau war also unterrichtet. Aber das Thema hatte ja seine Unerschöpflichkeiten. Mit Kameradenfrauen, die gleich ihr junge Mütter waren, konnte Jutta es endlos besprechen.
Dies nun war Maltes Mutter. Und sie hatte ein Recht, ihr heißes Interesse an diesem jungen Leben in dringlichen Erkundigungen zu betätigen.
Sie hatte ein Recht ... Das sagte Jutta sich, das wußte sie — es war die einfachste, naturgemäßeste Tatsache von der Welt. Und dennoch war es gerade diesAnrecht, gegen das sich in Juttas Herzen ein undeutliches Gefühl wehrte.
Unruhig, von grenzenlosem Erstaunen auf das Schwerste bedrängt, fand sich die junge Frau der alten Frau gegenüber nicht zurecht.
Seit einem Jahr, genauer, seit dreizehn Monaten, hatten sie sich nicht gesehen. Eine Frau von Sechzig verändert sich in einem solchen kurzen Zeitraum nicht mehr. Ihr Wesen ist vom Leben schon so festgefügt, daß keine Linie mehr ins Schwanken kommt.
Hab’ ich denn damals andere Augen gehabt? fragte sich Jutta.
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, daß sie damals, in glückseliger Dankbarkeit, zärtlich, voll kindlicher Ergebenheit, sich an diese Frau geschmiegt.
Nun, damals war die Frau die Mutter des geliebten, ersehnten Mannes gewesen — und die Sehnsucht nach dem Sohn hatte um seine Mutter einen verklärenden Schimmer gewoben. Und das unklare Gefühl: als habe die Mutter den Sohn wegzuschenken, als sei sie die Glückspenderin — dies überkommene Restgefühl von dem uralten, primitiven Wissen mütterlicher Oberhoheit, das hatte die Braut blind und demütig gemacht ...
Das dachte Jutta ungefähr. Ihre in Leid und Kämpfen reifer und dennoch zugleich krank gewordene Seele begriff den Wechsel ...
Die alte Frau hatte sich gewiß nicht verändert.
Nur die Augen waren andere geworden, die sie sahen ... Und die Zusammenhänge waren andere ...
Und dann: Jutta fühlte, daß diese Mutter hier saß als Sachwalterin des fernen Sohnes ... Hier saß, fast an seiner Statt.
Jutta starrte sie an — sie forschte in dem alten Gesicht.
Ja, das waren die gleichen aufmerksamen Augen, die Malte hatte ... das die gleiche Form der Stirn, obschon ihre Breite bei der Frau durch die glatten, gebogenen Scheitel etwas verdeckt wurde; das seine gerade Nase und sein länglich rundes Wangenprofil. Und da war auch ein Klang in ihrer Stimme — oder vielleicht nur die Übereinstimmung im Gebrauch dieser und jener sprachlichen Wendung ...
Das wunderbare Spiel der Ähnlichkeiten äffte — gab seine ironischen Späße zum besten ... holte die wenigst ansprechenden Züge des einen Menschen herbei, hielt sie neben die gewinnenden des anderen und zeigte auf, wie sie sich glichen. Und entadelte ...
„Kind, was siehst du mich denn so an?“
„Wie sehr du Malte gleichst ...“ meinte Jutta mühsam.
„Ja,“ sprach die Mutter stolz, „man hat es mir immer gesagt.“
Die Äußerung hatte der alten Frau sehr wohl getan. Das bedeutete ihr: Bewunderung! Liebe! Und machte ihr das Herz wieder wärmer und freier.
Denn auch sie war benommen und beklommen — von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr. Sie klammerte sich aus Verlegenheit an das Kinderpflegegespräch — nicht als ob es sie nicht von ganzem Herzen interessierte — o nein. Aber sie wußte ja aus den Briefen alles ... und man konnte noch so viel davon sprechen ... es gab andere Dinge, die im Moment stärker auf der Zunge brannten: wann Jutta reisen wolle? Ob sie sich nicht unaussprechlich freue? Ob der Gedanke dieser Reise in Juttas Herz entstanden sei, weil sie sich zu sehr nach dem Mann sehnte? Oder ob Malte den Wunsch gehabt habe, weil er es nicht mehr ohne Jutta aushalte? ... Das wollte ihr mütterliches Gemüt wissen. Sie wollte in die Seele der Tochter hineinsehen und die Leiden, Seligkeiten und Sehnsüchte junger Gattenliebe nachempfindend mitgenießen. Ja, das wollte sie: von der Liebe und der unzerstörbaren Zusammengehörigkeit ihrer Kinder viel erfahren — weil ihr das eine schöne Ernte eigener Lebensmühen schien ...
Ein Anspruch auf viel Rührung war in ihr ... Und der blieb unerfüllt ...
Da war irgend etwas in Juttas Wesen, was ihr neu deuchte, fremd, abweisend — trotz all der zärtlichen Fürsorge, die in der feierlich anmutig hergerichteten Fremdenstube, am festlichen Abendtisch, in jedem Wort voll Aufmerksamkeit sich kundgab.
Die Mutter staunte auch ihrerseits in wachsender Unsicherheit die Tochter an.
Wie hatte Jutta sich entwickelt! Nun, das war natürlich! Man hatte sich zuletzt am Hochzeitstage gesehen. Inzwischen war dieses schöne, begabte Geschöpf Frau und Mutter geworden, und die aus dem Beruf des Mannes herausgewachsenen Umstände hatten ihr auch auferlegt, sich in Zeiten allein zurechtzufinden, wo ein junges Weib des Gatten besonders bedarf.
Die Mutter hatte es ja auch aus den Briefen herausgefühlt, daß in Juttas Gemüt keine klare Zuversicht sei. Sie kränkte sich, daß die Tochter nicht nach ihr rief. Aber sie legte es sich, und vor allen Dingen vor ihren guten Bekannten daheim legte sie es so zurecht: Es ist schonendste Rücksicht, Jutta fürchtet, durch ihren Kummer mich mit kummervoll zu machen.
Denn im Grunde genommen dachte sie immer mit einigen zagen Hühnergefühlen an den Sohn, der auf fernen Meeren mit seinem Schiff schwamm. Und ihr war eine so weite Trennung jedesmal etwas Phantastisches gewesen, unter dem sie litt. Sie stellte sich deshalb den Zustand Juttas als den einer beständigen ängstlichen Ruhelosigkeit vor.
Aber nun kam ihr die Empfindung: diese Entwicklung hatte sich nicht auf der geraden, gegebenen Linie bewegt. Sie spürte mit der im Untergrund aller Mutterherzen sprungbereit liegenden Eifersucht, daß in Juttas Gemüt Zustände waren, die sie, die Mutter, nicht verstehen und erkennen konnte, und die allein schon deshalb ihr bedrohlich schienen und sie mit feindseligen Vorurteilen erfüllten.
Die Mutter hatte gar nichts anderes erwartet, als daß Jutta ihr schon im Wagen um den Hals fallen und vor Freude glühend sagen werde: Ich soll zu ihm reisen! Ist es nicht himmlisch?
Kein solcher Ausbruch hatte stattgefunden. Im Gegenteil war etwas in Juttas Wesen und in der Art, wie sie in den Gesprächen an der Hauptsache vorbeiglitt, daß die Mutter sich noch nicht einmal getraut hatte, ihrerseits davon anzufangen.
Aber nun, nach der Äußerung über die Ähnlichkeit, nun nahm sie sich ein Herz.
„Liebes Kind,“ begann sie und faltete dabei auf das sorgsamste ihre Serviette zusammen, um sie dann in den silbernen Ring zu stecken, „liebes Kind — das ist ja wohl kein kleiner Entschluß? Malte schrieb so kurz und bündig davon. Bloß so ungefähr: hol das Kind, Jutta soll gleich zu mir kommen, wir können uns in Hongkong treffen. Aber wenn man zu seinem liebsten Mann reisen kann, ist ja alles egal: Seekrankheit und die weite Tour. Wirst du seekrank? Du bist doch mal als Backfisch mit deinen Eltern nach Schottland gefahren und nach ’m Nordkap.“
„Das wäre ja egal,“ sagte Jutta zerstreut.
Die alte Frau wischte sich die Lippen nochmals mit der vom Ring zusammengehaltenen Serviettenrolle ab, legte sie dann entschlossen hin und fuhr eifrig fort: „Du kannst mir Baby ruhig anvertrauen. Das weißt du ja auch. Zu meiner Zeit waren andere Methoden. Aber ich werde mich ganz an die halten, die du bisher mit Baby befolgt hast. Frau Oberst Ruhland wunderte sich immer so. Ihre Enkel werden immer das erste Jahr in Kleie gebadet. Nun kann sie mal sehen, daß ein Kleines auch ohne das stramm wird. Frau von Brechta ist ganz gegen Baden. Ihre Enkel werden bloß kalt abgewaschen. Sie sind aber auch skrofulös. Wir sprechen oft bei unserer Whistpartie von diesen Sachen. Man kann ja verschiedener Meinung sein. Aber das muß ich doch mal sagen: du glaubst nicht, wie rechthaberisch die Brechta wird. Was ihre Kinder und ihre Enkel haben und tun, ist immer besser als das, was unsere sind. Ja ...“
Diese Worte stießen für Jutta kein Fenster auf, durch das sie hineingesehen hätte in ein rührendes kleines Idyll, wo alte Frauen, Daseinskämpferinnen a. D., ausgeschaltet aus allem weiblichen Erleben, von fern in bescheidener, vielleicht auch stillschmerzlicher, entsagender Zuschauerfreude ihrer Kinder und Enkel Tage in endlosen Gesprächen nachkosteten. An diesem Whisttisch, dessen blanke Platte die starkgeaderten, blassen, alten Hände, die die Karten hielten, widerspiegelte. Und wo eigentlich jede Frau nur Monologe sprach und den Reden der Genossinnen nur scheinbar aufmerksam zuhörte, um damit für die eigenen Mitteilungen Aufmerksamkeit zu erkaufen.
Nein, Jutta dachte nur in flüchtiger Verwunderung, was diese fremden alten Frauen mit ihrem Kinde zu tun hätten. Und sie fühlte: sie müsse sprechen.
„Mutter,“ sagte sie sanft, „es ist noch nichts entschieden.“
Die Mutter öffnete den Mund.
„Wir sprechen morgen darüber,“ fuhr Jutta fort, „ich glaube nicht, daß ich es über das Herz bringe, mich von meinem Kind zu trennen. Und auch sonst ...“
Die Mutter kannte nur ganz einfache Gefühlszustände. Für sie bestand das Leben eigentlich aus lauter Vierecken, die man, gleich Mauersteinen, glatt aneinander bauen kann.
Diese Äußerung war ihr gar nichts Rätselhaftes. Sie sah sofort einen Haufen Gründe, die ihr auch Juttas verhaltenes, unfreies Wesen mit einem Schlage klar machten.
Mit Blick und Rede drang sie nun auf Jutta ein, sehr lebhaft, gar nicht beleidigt, sondern voll Gerechtigkeit.
„Fühl’ ich dir nach, Kind. Ganz und gar. Du denkst: was wird Mutter für Last haben, sie ist es nicht mehr gewohnt mit so einem Kind! Und du denkst, das kostet Mutter ja auch zu viel, denn die Martha muß doch mit. Und du meinst auch: so ’ne Reiserei nach China ist zu teuer, man darf sich solchen Luxus für sein Gefühl mit gutem Gewissen nicht gönnen, man muß tapfer sein. Und du bildest dir ein, nachher schmeckt das Alleinsein doppelt schlecht und fürchtest: wer weiß, vielleicht kann ich’s dann nochmal erleben müssen, ein Baby zu bekommen, wenn mein Mann fern ist. Aber sieh mal ...“
Und nun widerlegte sie selbst all diese einfach derben Gedanken, die sie für selbstverständlich als die die Tochter beherrschenden annahm, und verbreitete sich darüber, daß es ihr keine Last, sondern ein unaussprechliches Vergnügen sein solle; daß man ja die Mehrkosten ihres Haushaltes, die entständen, ganz ungeniert verrechnen könne; daß junge Leute, die sich liebten, auf ein paar tausend Mark nicht sehen sollten, um so weniger, als sie es doch dazu hätten. Und zu dem letzten Punkt der Erwägungen, die sie bei Jutta vermutete, brachte sie allerlei Beispiele vor von Frauen, die sich durch den unruhevollen Beruf des Mannes drei- und viermal hintereinander in ihrer schweren Stunde allein gesehen ...
Ihr Leben war klein und eng. In solchem Leben drängt schon die Notwendigkeit, alles mit plumper Genauigkeit zu erwägen ...
Und aus dieser ihrer Gewöhnung heraus sprach sie eifrig, gutherzig, voll Verstand ... dem freundlichen Hühnerhofverstand ... für den es innerhalb seines Gitters keine Diskretion und außerhalb keine Bewegung und Wichtigkeit mehr gibt ...
Dem Strom dieser Redeflut, die aus dem Ackergelände einer platten Auffassung sich heranwälzte, fühlte Jutta sich nicht gewachsen. Wie hätte sie ihm begegnen sollen? Mit dem Geständnis ihrer Unklarheiten und ihrer Not?
Der bloße Gedanke erschien hiernach beinahe grotesk ...
„Morgen, Mutter, morgen,“ sagte sie matt.
Und in der Nacht lag sie und sann den Brutalitäten der Entwicklung nach.
Ist denn von Mensch zum Menschen keine Sicherheit? Stellt die Trennung jeden in ein anderes Licht?
In uns bleibt das Bild des Fernen fest ... Er aber ändert sich — und kehrt er zu uns zurück, so stimmt sein Gesicht und Wesen nicht überein mit dem Bild von ihm, das unsere Seele in sich trug.
Oder ist es noch anders: wandelt sich in unserem Gedächtnis alles leise und stetig? Gibt es da ein geheimes Wachsen und Umgestalten? Geht es über unsere Kraft, eines Menschen Wesen in klaren und genauen Farben in uns lebendig zu erhalten? Ändern wir es unbewußt, im Maß, wie wir uns selbst ändern und weiterwachsen? Passen wir die Fernen uns etwa an? Nur um sie auf unserem Weg mitnehmen zu können — um sie nicht zu verlieren?
Käme das nicht darauf hinaus, daß man die Fernen nur als Herzensbesitz behalten kann, wenn man sie niemals wiedersieht? ...
Die Trennung zerreißt jedes Band ... Zerrissene Bänder kann man wieder zusammenknüpfen ... ja — es ist dann aber kein glattes, festes Band mehr — es ist eben ein Knoten darin ...
So grübelte Jutta und konnte es nicht begreifen, daß diese brave, prächtige Frau, daß sie die teure, gütige, aufopfernde Mutter aus den Tagen sehnsüchtigen bräutlichen Glückes sein sollte ... Und es wirkte aus ihrer Erscheinung, aus ihren Gesten, Blicken, Worten noch so vieles peinvoll auf Jutta hinüber ...
Die Ähnlichkeit mit dem Sohn war es — kleine, ungünstige Ähnlichkeiten — am Mann Züge, die sich ganz unauffällig oder gar harmonisch in seine Art eingefügt hatten — die, ins Weibliche, Gealterte, Vernachlässigte übertragen, aber nicht sympathisch berührten — die man übersehen hätte, wenn sie nicht eben durch die Anklänge aufgefallen wären ...
Und Jutta fragte sich mit Entsetzen: „Wenn ich ihn wiedersähe, sähe ich ihn dann auch anders ... als damals ...“
In Tränen ausbrechend, drückte sie ihr Gesicht in das Kissen. Sie begriff: alles war noch unklarer und drohender geworden. Es war beinahe, als wenn die Mutter mit ihrem breiten, nüchternen Wesen sich vor das Bild des Sohnes stellte, das, ach — nur noch ein unsicherer Schatten gewesen war ... und nun gar nicht mehr zu erfassen schien ...