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Im Hause der Gervasius mußte man nun den neuen Zustand mit der wichtigen und bestehenden Ordnung der Dinge in Einklang zu bringen suchen. In das um den Geheimrat kreisende System paßte eine bräutliche Tochter mit ihren gerechten Ansprüchen nicht so ohne weiteres hinein. Er selbst machte sich hierüber nicht die geringsten Gedanken. Nach Art genialer und übermäßig beschäftigter Männer hatte er von der Möglichkeit von Kollisionen und Schwierigkeiten im Familienleben und Hausstand keine Ahnung. Seine Frau täuschte ihm jederzeit einen leisen, geölten Gang der Maschine des Alltags vor.

Auch jetzt war die Geheimrätin ihrer selbst und ihrer strategischen Künste ganz sicher. Alles würde schon irgendwie klappen, ohne daß ihr Mann spürte: da kamen Störungen heran ... die Telephondrähte des glatten Berufsbetriebs könnten ihm verwirrt werden ... Die bloße Furcht davor erzeugte in ihm schon eine Nervosität, und sie ließ es nicht einmal zu dieser Furcht kommen.

Mit der gewohnten heiteren Seelenruhe saß sie beim Morgenbrot mit den Ihrigen.

Das belaubte Geäst der großen Ulme, die nahe bei der Veranda stand, besprenkelte den Kaffeetisch drinnen hinter der Glaswand mit Schattenflecken. Mutter und Tochter, in weißen Hemdblusen und knappen grauen Röcken, hatten nicht das allermindeste von einem Morgenprovisorium in der Kleidung. Frisch und stramm waren sie angezogen.

Die beiden Jungens, Philipp und Heinrich, beide im Alter, wo man zu lange und zu viele Arme und Beine zu haben scheint, verhielten sich ziemlich schweigsam und frühstückten mit einer ungemeinen Energie. Noch vor drei Tagen hatten sie sich beständig dadurch geärgert und in ihren Menschenrechten beeinträchtigt gefühlt, daß Renate erwachsen war. Sie sahen in diesem Umstand kein Verdienst der Schwester, die ihnen nicht für zehn Pfennig imponierte, wie sie zu sagen pflegten. Sie waren auch in ihrem tiefsten Gemüt überzeugt, daß Renate der übrigen Welt ebenfalls nicht imponiere, und daß es ein großer Erziehungsfehler der Eltern sei, „das Mädchen“ schon in Gesellschaften und auf Bälle gehen zu lassen, so daß sie nicht mehr, wie sonst, allabendlich mit den Brüdern spielen und lesen konnte. Auch kam es oft vor, daß die Mama warnend über den Garten rief: „Renée!“, wenn man sich mal wieder himmlisch lustig mit ihr prügelte — als ob ihr das was schade! Nee, von einer Etepetete-Schwester hatte man kein Vergnügen und wenig Nutzen — höchstens daß sie einmal mit Taschengeld aushalf oder bei Mutter abbettelte, was die für die Jungens nicht gleich erlauben wollte.

Nun aber hatte ihre rauhe und streng kritische Haltung einen Stoß bekommen, und das Gleichgewicht ihrer respektlosen Jungensseelen hatte sich noch nicht wieder eingefunden. Sie waren — niemals hätten sie es sich oder irgendeinem Menschen eingestanden — schlechtweg verlegen vor der Braut! Mit Hochhagen waren sie soweit einverstanden. Sie besprachen ihn unter sich und stellten fest: er hatte sich famos benommen! Ganz gemütlich und brüderlich streckte er ihnen die Hände entgegen und sagte: „Na — Fips und Heinz, wir wollen uns fein vertragen — was?“ Sie fühlten auch schon eine leise Ahnung in sich aufsteigen, daß so ’n Schwager und eine verheiratete Schwester ihnen allerlei Vorteile bedeuten könnten. Aber noch sträubten sie sich, in ihrer Haltung die Schwenkung von Respektlosigkeit zum Respekt offen zu vollziehen.

Nun saßen sie und genossen es, daß sie ausnahmsweise gar nicht beachtet wurden und mit Löffel und Silbermesser in die Butterdose und Kristallschale voll Pfirsichmus wahre Schächte graben konnten.

Außer Mutter, Tochter und den beiden Jungens war da noch eine Zeitung am Tisch. Eine große entfaltete Zeitung, und am Fuß ihrer Wand stand auf der Tischdecke eine Teetasse und eine Eierplatte, von der jemand die Spiegeleier schon abgegessen hatte. Da nun diese bedruckte Papierwand auch von feinen, weißen Fingern gehalten wurde, bestand begründete Vermutung, daß sich hinter ihr wohl der Geheimrat befinden möge.

„Aber Kind,“ sagte die Geheimrätin, „Fips und Heinz kommen doch immer in Pension während der Universitätsferien.“

„Ich dachte,“ wandte Renée ein und bettelte sehr mit Stimme und Augen, „daß Fips und Heinz diesmal nicht zu Doktor Habels brauchten, daß sie hier bleiben könnten ...“

Ihre Blicke begegneten sich mit denen der Brüder. Sie lächelten sich alle drei sehr pfiffig zu. Fips und Heinz begannen Schlaraffentage zu ahnen: die Eltern weg — bloß das Brautpaar als Aufsicht! Donnerwetter, das konnte nett werden ...

„Liebling,“ sagte die Geheimrätin, „was denkst du nur: Vater und ich können doch nicht auf Reisen gehen und ein Brautpaar hier unbeaufsichtigt lassen. Was sollte man davon denken.“

„Wir wollen wohl auf Emmich und Renée passen,“ sagte Fips eifrig.

„Es ist völlig schnuppe, was die Leute denken,“ stellte Heinz voll Weltverachtung fest.

„Tante Adele könnte uns bemuttern!“ schlug Renate dringlich vor.

„Mein Ängel ...“ äffte Fips der altjungferlichen Tante Adele nach, die so zärtlich und getragen die Geheimrätin, ihre Jugendfreundin, anzureden pflegte.

„Unmöglich. Stell dir vor: wie lästig für Emmich. Er soll doch Rücksichten auf sie nehmen. Ihm müssen all ihre sentimentalen und anspruchsvollen Schrullen ungenießbar sein. Wir haben Geduld, weil wir das langsam sich wie Moos ansetzen sahen. Und den treuen Menschen darunter wissen. Nein, nein. Auch will Adele im August zu ihren Geschwistern.“

„Und wenn ...“ Renate mochte es ja wirklich kaum sagen. Aber der heiße Wunsch ... die erste junge Brautglückseligkeit ... „Und wenn — Vater allein ...“

Die Geheimrätin setzte mit Entschiedenheit, fast klirrend, ihre Tasse hin, aus der sie gerade hatte trinken wollen.

„Aber Liebling ... Kind! Ich soll Vater allein reisen lassen! Bist du bei Trost! Die Universitätsferien im Hochsommer sind die einzigen Wochen, wo Vater uns hat, wo wir ihn haben. Im Frühling arbeitet er meist durch — oder gönnt sich mal ein, zwei Wochen. Von Anfang Juli bis September gehört er doch einigermaßen sich und uns. Sieh mal, ich denke so: du gehst mit! Übers Jahr bist du Frau. Nun haben wir noch einmal unsere Tochter. Lockt dich denn die Schweiz nicht? Lockt dich Italien nicht?“

„Da bin ich ja schon allerwärts gewesen,“ sagte Renate betrübt.

„Und verlobt ist sie noch nicht gewesen!“ gab Fips zu bedenken.

Im Hinblick auf die möglichen Schlaraffentage waren sie wieder eins mit der Schwester.

„Ach — Naseweis,“ sagte die Mutter und mußte lachen.

In diesem Augenblick sank knisternd die hoch auseinander gespannte Zeitungswand zu einem unordentlichen und widerstrebenden Faltengehäuf von Druckpapier zusammen, auf dem die feinen Operateurhände ruhten.

Der Geheimrat, schmunzelnd und überlegen, mit pfiffigen Blicken seine Tochter anguckend, sagte erwägend: „Was meinte Fräulein Tochter, wenn wir den Kapitän Hochhagen einlüden, Urlaub zu nehmen und uns als Gast zu begleiten? Da der alte Papa offenbar keine Gesellschaft von Anziehungskraft mehr für seine Tochter ist, werden ihr vielleicht die Schweiz und Italien durch dieses ausgezeichneten Mannes Begleitung etwas sehenswerter vorkommen.“

„Papa!“ jubelte Renate und stürzte auf ihren Vater zu, einen umgepolterten Korbsessel hinter sich lassend.

Heinz und Fips sahen Schlaraffenland in die Versenkung fahren.

Und die Geheimrätin war beinahe starr: ihr Mann hatte zugehört! Sonst, wenn er hinter seiner Morgenzeitung saß oder mit einem Buch in der Hand, hätte man einen Mordanschlag auf seine eigene Person verabreden können, und er würde es nicht gemerkt haben. Er hatte hinter seiner Papierwand gesessen und dem Gespräch zugehört! Nein, so etwas ...

Der Geheimrat ließ in wohlgefälligem Behagen die Küsse der Tochter über seine Wangen ergehen und spürte die Kraft ihrer jungen Arme, die seine Schultern umpreßten.

Aber dieser Jubelsturm stockte plötzlich.

„Wenn er aber keinen Urlaub bekommt!“ sagte sie in schweren Sorgen.

„Das mußt du mit Exzellenz Marweg ausmachen — oder oder wer sonst die gnadenspendende Instanz für Emmich sein kann — ich bin in den Wirrnissen der Rang- und Kommandoverhältnisse gänzlich unorientiert. Aber wer es auch sei: ich denke mir, wenn du dem betreffenden großen Mann so zu Leibe gehst wie eben mir, kann er nicht widerstehen.“

Die Jungens pruschten.

„Du machst immer schlechte Witze, Papa,“ sagte Renate, noch umwölkt. Aber da sie, im Gegensatz zu ihrem Papa, schon in allen Marineangelegenheiten sehr orientiert war und von dem Tag an, wo sie in bezug auf den Kapitän Hochhagen empfunden hatte: „den oder keinen“, sich durchaus identisch mit der K. M. fühlte, so fuhr sie belehrend fort: „Emmich ist zur Verfügung des Chefs der Ostseestation ...“

„Na also ... man erbitte, daß der Chef verfügt ...“

„Ach, Papa,“ fiel Renate ihm in die Rede, „du kannst dir keinen Begriff davon machen, wie es an Offizieren mangelt! Die Urlaubsverhältnisse sind schrecklich — einer muß schon halbtot gearbeitet sein, ehe er mal loskommt.“

Die Geheimrätin und ihr Mann lächelten sich an. Diese frische, drollige Weisheit rührte sie. Die Geheimrätin dachte an ihre Brautzeit, wo sie, nachdem sie einen halben Tag eines Klinikers Verlobte gewesen, mit nicht minderer Autorität von seinen Berufskomplikationen sprach.

Drinnen im Haus schlug eine Uhr acht. Sie schlug sehr anspruchsvoll, als habe sie Bedacht, daß nur ja recht weithin ihr pastoraler, feierlich gemessener Ton den Leuten melde: eine Stunde sei zwar ins Meer der Zeit zurückversunken, aber man könne ruhig sein, sie, die Uhr, bleibe standhaft auf dem Posten.

Und dieser weise Klang, der achtmal in die köstliche Morgenfaulheit hinausdröhnte, störte sie denn auch gründlich.

Fips stopfte den letzten Happen seiner Semmel — er hatte zwei mehr gegessen, als sonst sein äußerstes Maß war — in den Mund; Heinz hielt, mit stark zurückgelegtem Kopf, den Tassenrand zwischen den Lippen, damit der dicke Zuckerbodensatz noch hineinrutsche.

Die Geheimrätin klappte in die Hände und mahnte zur Eile. Renate lief ins Haus, auf den Flur, um nachzusehen, ob die Bücherriemen der Brüder auch alles Nötige umschlossen; dies Amt war ihr, zum Zorn von Fips und Heinz, seit zwei Jahren von der Mutter auferlegt, und sie erfüllte es so gewissenhaft, daß auch heute die Jungens auf dem Flur von ihr mit der raschen Mahnung empfangen wurden: „Wo ist dein deutsches Aufsatzheft, Fips? Heinz, dein Vocabulaire fehlt, du hast doch heute Französisch!“

Draußen gab der Geheimrat seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. Halb neun fing er an zu operieren, es war also Zeit, in die Klinik zu gehen und sich vorzubereiten.

„Hast du viel heute?“

„Nur drei Sachen, eine davon etwas schwerer!“

Aus solchen Antworten zog die Geheimrätin dann ihre Schlüsse: Er kommt präzise, verspätet oder gar nicht zum Gabelfrühstück. Und hiernach richtete es sich, ob er mit von den allgemeinen Schüsseln zu essen bekam, ob besonders gekocht wurde für ihn, oder ob man in sein Studierzimmer einen nahrhaften und leichten Imbiß stellte. Sie hatte auch in ihrem Gedächtnis ein Register. Da stand: Gestern ist eine sehr, sehr schwere Operation gewesen, und solange Gefahr ist, darf man ihn nicht anreden, muß sein Schweigen nicht unterbrechen, muß abwarten, ob er spricht. Oder: Heute entläßt er geheilt eine Patientin, die ein halbes Jahr gelegen hat, es ist eine arme Frau, man muß daran denken, ihr noch eine kleine Freude zu machen, dann freut er sich auch. Oder: Er hat vor ein paar Tagen Ärger mit Doktor Berthold gehabt — erwähne nur nicht, daß du die Frau Doktor Berthold gestern trafst, und daß sie sich unterstand, schnippisch zu sein.

Sie hatte auch herausgefunden, daß aus unbegreiflichen Gründen an einigen Tagen der Woche die Sprechstunden überlaufener seien als an anderen; als gäbe es geheime Gesetze, denen zufolge Leidende sich vor allen Dingen am Montag, Mittwoch und Sonnabend konsultationsbedürftiger fühlten. Sie hegte einen adressenlosen Zorn in sich, wenn für diese Tage auch noch schwere Operationen angesetzt waren.

Einladungen zu Diners und Soupers besprach sie nie. Sie verfügte völlig. Für die Tochter nahm sie an, für sich und den Geheimrat behielt sie die Entscheidung bis zur letzten Stunde vor. Die Bekannten waren dazu erzogen worden, mit dieser Unbestimmtheit zu rechnen. Fühlte sie: Er wird unter keinen Umständen Zeit und Lust haben, in Gesellschaft zu gehen, erfuhr er überhaupt gar nicht, daß man ausgeladen gewesen war. Übersah sie am Mittag, daß es ihres Mannes Stimmung entsprach und ihm eine wohltätige Ablenkung sein werde, unter Menschen zu sein, so sagte sie ihm einfach: Wir werden heute abend da und da speisen.

Über diese paradoxe Wirkung, daß aus der höchsten Unterordnung eine Form von Frauenregiment sich ergeben hatte, konnte der Geheimrat amüsiert spaßen, und Wendungen, wie „wenn ich darf“ — „falls meine Frau erlaubt“, kamen bei ihm vor.

Nun ging er also; im Zimmer stieß er noch auf die vom Flur zurückkehrende Renate, die ihn mit der zärtlichen Dreistigkeit, die junge Töchter den berühmtesten Vätern gegenüber haben können, noch flink mal umarmte und um sich selbst drehte.

Dann war sie schon draußen und räumte den Tisch ab, während nun die Mutter hinter der Zeitungswand verschwand.

Renate sang ein bißchen vor sich hin. Dann unterbrach sie ihr Liedchen. Schon mit dem beladenen Teebrett in den Händen, das sie vor sich hielt, sagte sie: „Bitte, Mama — sieh mal nach — der Bericht muß doch schon drin sein — Wettfahrt Kiel-Travemünde — unter Jachten der Kreuzerklasse II — ist ‚Freia‘ placiert — Erste? Ja? Hurra. Na, das freut mich für Reiswitz — das Gewitter vorgestern — das hat die Flaute behoben — du, die ‚Freia‘ gehört dem Legationssekretär von Gamberg, der gestern abend mit bei Rosenfelds war. Er ist ein Vetter von Jutta Falckenrott. — Mama, wen magst du lieber leiden: Lisbeth Rosenfeld oder Jutta ...“

Die Geheimrätin ließ etwas ergeben die Zeitung sinken und sagte milde: „Kind, ich kenne die beiden Damen noch so wenig.“

„Aber so was weiß man doch sofort! Lisbeth ist ja lustig und lebendig — denk mal, sie hat mir gestern abend schon gesagt, daß wir uns du nennen wollen — aber für Jutta, weißt du, Mama, für Jutta schwärme ich! Sie ist so schön. Und es ist so etwas Geheimnisvolles in ihren Augen und in ihrem Wesen.“

„Es ist das Vorrecht deiner Jahre, zu schwärmen,“ sprach die Geheimrätin nachsichtig.

Renate setzte das Teebrett wieder hin.

„Glaubst du, Mama, daß Emmich Urlaub bekommt und mit uns reisen kann?“

Die Mutter lächelte.

„Kind, was kann ich davon wissen. Wir wollen es hoffen. Ich finde Papas Idee sehr glücklich.“

„Ach ja,“ sagte Renate aus vollem Herzen und machte sich zum Schoßkind bei der Mutter, zugleich beide Arme um ihren Hals legend, „es wäre zu schön. Sieh, wie genau lerntet ihr euch kennen — Emmich und ihr — wer weiß, ob ein so tägliches und nahes Zusammensein sonst jemals im Leben wieder sein könnte. Und wir lernten uns kennen! Er und ich! Jetzt ist es alles so wie ein glückseliges Ahnen — manchmal denk’ ich, es ist Traum oder Rausch — ich fühle wohl, Mama, daß es nicht diese Stimmung ist, in der man durch das Leben geht. Jetzt ist alles so heiß, so aufgeregt in mir, ich weiß manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll ... Ich weiß, allmählich kommt das zur Ruhe, und dann kommt wohl so ein heiliges Wissen von Liebe und Zusammengehörigkeit wie bei Papa und dir.“

Die Mutter zog ihr Kind noch fester an sich. Und das Kind, auf der Schwelle des Frauenlebens, staunend, erregt und doch etwas furchtsam stehend, fragte flüsternd am Ohr der Mutter weiter: „Mama, ist esnochschöner, verheiratet zu sein als verlobt zu sein?“

Die Mutter schluckte ein wenig, nahm sich zusammen und wich scheu der Antwort aus, die, klar und für jedes Herz gültig zu geben, über Frauenvermögen ist.

„Kind, man kann eins nicht über das andere steigern und nicht den einen Zustand mit dem anderen vergleichen. Wer die Feierzeit des Brautstandes nicht nur durchjubelt, sondern auch zu ernster Einkehr nutzt, tut gute Vorarbeit für eine glückliche Ehe.“

Sie blieben ganz still. Der junge, blonde Kopf lag auf der Schulter der Frau, die in ernster Rührung vor sich hinsah. Und indem sie so zusammen schwiegen, fühlten sie sich in einer unzerreißbaren Einigkeit verbunden. Ihnen war, als seien Schranken zwischen ihnen gefallen, als seien sie nicht so sehr Mutter und Tochter als Trägerinnen eines Geschicks, Genossinnen in ein und der gleichen Bestimmung.

Um die Mittagszeit, wie es verabredet gewesen war, kam Emmich. Die Braut in ihrem Rosenhut, den von Rand zu Rand unter dem Kinn weg ein weißes, am linken Ohr geknüpftes Band hielt, stand schon bereit und zog sich gerade die weißen Handschuhe zum weißen Kleid an. Sie kannte es nicht anders als: Männer darf man nicht warten lassen, erstens mögen sie es nicht, und zweitens haben sie dazu keine Zeit.

Das Brautpaar wollte zu Jutta gehen, um die Mutter des fernen Kameraden respektvoll zu begrüßen.

Emmich küßte der Geheimrätin die Hand.

„Was sagst du — Reiswitz ist Erster geworden!“ rief Renate.

Er lächelte. „Reiswitz steht offenbar in Gunst und Gnaden bei dir.“

„Und wie! Denk mal, er war der erste von der Marine, der mir Glück wünschte. Und er machte es so nett. Es war vorgestern nachmittag ja gewissermaßen noch nicht offiziell.“

„So kommen Männer zu Meriten,“ scherzte Hochhagen.

„Nur noch die Knöpfe ... ach, ich nehme keinen Sonnenschirm ... ich will Emmich einhaken ... sag mal, Emmich: Kriegt nun Reiswitz den Silbergewinn oder Herr von Gamberg?“

„Den bekommt Herr von Gamberg. Aber der Besitzer der ‚Freia‘ wird wohl, wie üblich, dem, der sie zum Sieg geführt hat, eine Aufmerksamkeit schicken. Korb Sekt — Zigarettenetui —“

„Der Legationssekretär ist ein Vetter von Frau von Falckenrott?“ fragte die Geheimrätin.

„Durch sieben Scheffel Erbsen, wie man hierzulande sagt,“ antwortete Hochhagen und half bei den Handschuhknöpfen, was die Arbeit aber nicht förderte, da er mehr in Renatens Augen als in ihre Handfläche sah.

„Er ist eine sehr interessante Erscheinung. Vornehm. Fast auffallend beherrscht in Wort und Haltung. So, daß es wie vorsätzliche Verschlossenheit wirkt. Wie bei Menschen, die sich nur äußerlich ihrer zeitweiligen Umgebung schenken. Und sehr ernst.“

„Wer weiß warum!“ dachte Emmich.

„Ach, Mama, mach du die Knöpfe zu,“ bat Renate.

„Ja, ich bin in so was noch so unerfahren,“ entschuldigte er sich.

„Na, na ...“

„Lieber Emmich, unterwegs hat Renée Ihnen etwas vorzutragen. Sie hat sich’s ausgebeten, es Ihnen selbst und allein sagen zu dürfen. Ich möchte nur vorweg bemerken: es war meines Mannes eigenster Gedanke, und wir, mein Mann und ich, wären glücklich, wenn sich das verwirklichen ließe,“ sprach die Geheimrätin.

„Das klingt verheißungsvoll,“ meinte Hochhagen. „Ich habe Renée auch etwas vorzutragen — nur, ich fürchte ... es wird sie nicht sehr erfreuen ...“

„O Gott — was Unangenehmes!“ rief die junge Braut. Und unfähig zu warten, aus einem Gemisch von Angst und Neugier heraus, fragte sie — und war doch ein bißchen blaß: „Mußt du morgen nach Samoa?“

Er lachte sie herzlich aus.

„Nein, Liebling, so flink kommt dergleichen dann doch nicht ... Zahnbürste einstecken ... Abschiedskuß ... auf Wiedersehen in zweieinhalb Jahren ... Aber ein bißchen unregelmäßig könnten meine Besuche in den nächsten Wochen immerhin werden ...“

„Lieber Emmich, sagen Sie’s nur schlank und klar heraus. Das mögen wir Frauen bei unangenehmen Sachen am liebsten. Wir haben ja alle zu viel Phantasie, und die arbeitet während einer Vorbereitung blitzschnell und malt gleich tausend Schrecknisse aus. Sie hörten es: Das Kind sah Sie schon nach der Südsee abfahren.“

„Na ... denn ... Also: der Erste Off’zier auf der ‚Thuringia‘ ist so kaputt — nervös — überarbeitet — daß er wohl auf ein paar Wochen oder länger in ein Sanatorium muß, sich mal gründlich kurieren ... Ich soll ihn ersetzen. Zunächst gehen wir nur die Woche über zu allerlei Schieß- und anderen Übungen hinaus und kommen Freitag abends wieder herein. Aber dann geht’s in die Nordsee — ein kleines Manöverpräludium bei Helgoland. Hieran schließen sich die großen Manöver in der Ostsee. Ob ich die auch noch mitmachen muß, kann ich heute nicht vorweg wissen und sagen. Krietzow — den ich vertreten soll — legt alles daran, sich rasch zu erholen — sein spezieller Landesherr, zu dessen Dynastie die Krietzows immer nahe Beziehungen hatten, will vom Bord der ‚Thuringia‘ aus den Manövern zusehen ... Also das schwebt im ungewissen — hängt von Krietzows mehr oder minderer Erholung ab — erst mal aber bin ich da fest ...“

In raschem Überblick, sowohl als Hausfrau wie als Mutter und Gattin, dachte die Geheimrätin, daß es gar kein ungünstiger Zustand sei, wenn so ein Verlobter fünf Wochentage sich nicht allabendlich zum zärtlichen Beisammensein einfinden könne.

Aber da Renate wirklich ein bißchen verhagelt aussah, klopfte sie ihr ermutigend die Wange und sagte heiter: „Also im Ernst gar keine Trennung, sondern nur eine kleine Übung — auch fürs Kind — um sich auf die Marinefrau vorzubereiten.“

„Ja, Mama — aber siehst du denn nicht — damit ist das andere doch auch entschieden ...“, sprach Renate. Schwer vor Enttäuschung war ihr das Gemüt.

„Jetzt geht nur ... das kannst du mit Emmich unterwegs besprechen ... geht nur, sonst stört ihr Frau von Falckenrott noch bei Tisch.“

Und sie drängte das Brautpaar förmlich fort. Denn sie hatte alle Hände voll zu tun und fühlte sich schon sehr gestört. Dennoch war eine Minute übrig, um hinter der Gardine verborgen dem Paar in stolzer Befriedigung nachzusehen. Renate, lang und schlank, war nur ganz wenig kleiner als der Mann, der fest und stattlich neben ihr schritt, in guter Harmonie des Ganges. Die Geheimrätin machte gern so ihre kleinen Schlüsse aus dem Gang eines Menschen. Männer, die trippelnd oder ungleichen kurzen Schrittes gingen, solche, die immer nur das eine Bein voransetzten und das zweite nachzogen, in dieser allgemeinsten Form des Gehens, flößten ihr kein rechtes Vertrauen ein. Sie mochte Männer, die stolz und geradeaus, im sicheren Wohlmaß der Bewegung schritten. Und das tat der Kapitän Hochhagen, trotz jener leisen, fast unbestimmbaren Nuance, die den Seemann verriet.

Renate hatte ihre Hand unter den Arm des Verlobten geschoben, aber sie stützte sich dennoch nicht eigentlich, sondern schritt leichtfüßig und selbständig neben ihm einher.

„Ach ja,“ dachte sie immerfort, „es fängt schon an!“

„Sag, Süße, verstimmt es dich so schwer, daß ich während der nächsten Wochen fort sein werde? Dies Kommen und Gehen ist aber doch keine wirkliche Trennung.“

„Doch, Emmich, doch! Aber ich werde natürlich tapfer sein. Es wäre kindisch, wollt’ ich’s nicht. Trennung ist es aber doch. Du denkst wohl nicht daran: Heute haben die Universitätsferien begonnen ... Papa hat noch ein paar schwere Operierte, die erst außer Gefahr sein müssen, ehe er sie den Assistenzärzten überläßt — aber so in vierzehn Tagen reisen wir ... Das tun wir immer in den großen Ferien Papas — da muß er eine total andere Umgebung haben — zwar, er arbeitet auch dann oft und viel wissenschaftlich ... aber es ist doch eine andere Art des Lebens ...“

„Und ihr reist immer alle mit?“ fragte Hochhagen in einem ihn selbst überraschenden Gemisch von Empfindungen. Es war einerseits gut, wenn diese Reise nun gerade mit seinem vorübergehenden Bordkommando zusammenfiel. Aber anderseits schien es ihm, als sei ihm Renate näher, wenn sie hier in Kiel in ihrem Elternhaus von seinen Briefen erreicht und seinen Gedanken gefunden werden konnte. „In was man sich alles reinfühlt,“ dachte er erstaunt; war es nicht gerade, als ob man in eine völlig veränderte Stellung zu Dingen und Menschen gekommen sei?!

„Nein. Fips und Heinz kommen immer zu Doktor Habel in Pension. Habels gehen erst mit ihnen an die See, solange Schulferien sind. Papa bleibt gewöhnlich bis zum achten Oktober fort und beginnt erst dann zu lesen. Ich bin immer mitgekommen — ich bin Papas Liebling — so ein bißchen — es ist ja auch anders — ich brauchte ja auch nicht wie Fips und Heinz aufs Abiturium loszubüffeln. — Na, und jetzt ...“

Er erriet.

„Diesmal wolltest du lieber hier bleiben!“ sagte er voll zärtlicher Dankbarkeit und streichelte die Hand, die auf seinem Arm lag.

„Natürlich. Aber Mama sagt: Unmöglich. Und Papa hatte eine himmlische Idee! Ich sollte dich einladen, die ganze Zeit solltest du mit uns reisen als Papas Sohn. Jawohl.“

Nun zitterte ihre Stimme und es kostete etwas, das Enttäuschungstränlein zurückzuhalten. An den Wimpern hing es aber doch.

„Oh ...“ Er war ganz betroffen. Ob das schön gewesen wäre! Und wie hätte man sich kennen gelernt! Miteinander eingelebt! — — Aber man war kein Luxusmensch. Man hatte einen rauhen, wichtigen Beruf. Man gehörte nicht sich, sondern einer grandiosen Sache. Und man war gewohnt, ohne Wimpernzucken zu verzichten.

„Das ist rührend von Papa ... Und du sagst, bis Anfang Oktober bleibt ihr fort ...“

Sie nickte seufzend.

„Ich könnte Urlaub nehmen — sowie Krietzow wieder dienstfähig ist — nur dumm, daß man heute nicht weiß: ist das vor oder nach ’m Manöver. Jawohl ... wenn ich dir sage, daß ich seit drei Jahren nie wirklichen Urlaub hatte — mal so zwei, drei Tage für eine Kameradenhochzeit, das war eigentlich alles. Was meinst du? Wenn ihr nicht irgendwo am anderen Ende der Welt sitzt, könnte ich doch noch nachkommen. Ja, sogar noch nach dem Manöver. Sonst früher. Alles hängt von Krietzow ab. Aber wie? Wenn’s denn auch nur nach dem Manöver anginge. Es wäre doch immer was?“

Ob es etwas wäre! Leider war man jetzt auf der Straße, ging gerade über den Klaus-Groth-Platz auf den Niemannsweg zu. Deshalb konnte Renate dem liebsten Mann nicht jubelnd um den Hals fallen. Nachdem schon alle Freude verloren gegeben war, erschien nun dieser Bruchteil davon, der doch noch vielleicht den Umständen abgerungen werden konnte, wie ein überwältigendes Geschenk.

Renate tanzte beinahe neben ihrem Kapitän einher. Und all ihre Freude strömte wie Liebesbekenntnis beseligend zu ihm hinüber.

Und allerlei Gedanken gingen, schwer von Glück und schwer auch von Mitleid und fast von Furcht, andächtig durch ihn hin: Welch ein Rückschlag für eine solche jubelnde, liebessehnsüchtige Seele, wenn sie sich plötzlich in Entsagung und Einsamkeit versetzt sieht. Ja, da mußte man wohl milde richten, wenn so eine Seele dann aus dem Gleichgewicht kam ... Arme Jutta! Und er fühlte: eine ganz besondere, reine Kraft — eine große, heilige Einfältigkeit muß ein Frauenherz haben, um Einsamkeit ertragen zu können ...

Sie, die Eine, Süße, die hier, beschwingt von Freude, in stillem Jauchzen neben ihm ging — sie hatte solche klare Kraft. — Er glaubte es ...

Zwei Seeoffiziere kamen ihnen entgegen: Die Gesichter beider Herren hatten den Glanz neugieriger und erfreuter Teilnahme. Es waren Bekannte Hochhagens. Man stand still, Glückwünsche wurden dargebracht, Renate sagte, kaum daß sie vorüber waren: „Wie sind sie nett.“

Nun kam auf dem Bürgersteig Tante Adele in Sicht. Sonst dachte Renate wohl manchmal: „Du lieber Gott, schon wieder Tante Adele.“ Heute sagte sie: „Da kommt ja Tante Adele — ach, sie ist zu nett.“

Die Dame, die heranschritt, hielt schon von weitem ihre beiden, in bräunlichen, halbdurchsichtigen Trikothandschuhen steckenden Hände mit gespreizten Fingern dem Paar entgegen. Schmachtende Freude verklärte ihr kleines Gesicht, in dem zwei blanke, braune Augen unter merkwürdig dicken Lidern auffielen. Unter dem winzigen Kinn saß das Polster eines rilligen, weißen Fettlagers. Da nun auch Tante Adelens Mund von stattlicher Breite und in seinen Winkeln ein wenig nach oben gezogen war, mußte man eigentlich Fips und Heinz in einem gewissen, ruchlosen Vergleich recht geben. Und als sie einmal, bei Tante Adelens Eintritt ins Zimmer, sachte und scheinbar ganz unbeabsichtigt „quak — quak“ vor sich hingesagt hatten, konnte ihnen die Mutter nicht einmal einen Klapps geben, damit ihr die Jungens nicht, nach der Logik der bekannten Anekdote, mit der frechen Frage kamen: „Wen meintestdudenn?“

„Mein Ängel!“ sagte Tante Adele überwältigt.

Renate stellte ihren Verlobten vor. Er küßte ritterlich den Trikothandschuh und sagte Verbindliches, worauf Tante Adele ihm innig die Hand drückte und ihn bedeutungsvoll mit schwimmendem Blick ansah, als schlösse sie ein schweigendes Bündnis mit ihm, das Zeit und Ewigkeit überdauern solle.

Hochhagen und Renate hörten Tante Adele zu.

„Vorgestern ist bei euch Verlobungsfete gewesen? — Ich nehme es nicht übel, daß ich nicht zugezogen wurde — Lüdermanns sind dagewesen? Es ist mir ja nur deshalb unangenehm, weil Frau Professor Lüdermann denken könnte, ich stehe nicht mehr so nahe ... Ach, Herr Kapitän, machen Sie das Kind glücklich. Sie ist ein Ängel ... Ich bin auf dem Weg zu deiner Mutter, um ihr Glück zu wünschen, obschon ich noch keine offizielle Anzeige erhalten habe. Ich störe Mama doch nicht? In so neuen Lebensverhältnissen werden die alten Freunde zuweilen lästig empfunden. Ich habe mir vorgenommen, ganz zurückhaltend zu sein und nichts übelzunehmen.“

Renate versicherte, daß Mama nicht gestört, sondern erfreut sein werde, und daß noch heute beim Frühstück von Tante Adele die Rede gewesen sei. Und dann setzte man seine Wege fort. Renate hatte unbestimmt das Gefühl, daß Tante Adele keinen sehr bestrickenden Eindruck gemacht haben konnte, und erklärte und entschuldigte: „Sie ist so lieb und gut. Aber weißt du: verkümmert. Nie hat ein Mann um sie angehalten, ihr den Hof gemacht, Wünsche auf sie gerichtet, Gefallen an ihr gefunden. Mama sagt, das habe ihr was Isoliertes gegeben. So, als stehe sie draußen am Gitter, und drinnen sei das Leben. Sie ist aber doch sehr nett ...“

Hochhagen sah schon: sein geliebtes Mädchen war jetzt allen Menschen gut. Denn er bezweifelte nicht im mindesten, daß sie ehedem, mit Fips und Heinz, übermütige Kritik an dieser gefühlvollen und beleidigten Dame geübt habe.

Aber er verstand ihre Stimmung: diesen Kuß der ganzen Welt ... Und das war wieder wie eine verborgene Liebeserklärung an ihn, die sein Gefühl nur immer noch steigerte.

Noch zweimal wurden sie von Kameraden angehalten, die nicht vorübergehen wollten, ohne Glück zu wünschen. Und während Hochhagen spürte, man denke: „Donnerwetter!“ und: „Der hat Dusel,“ sah er, daß Renate einen lachenden, naiven Stolz zeigte, darauf, daß er sie gewählt habe, vor allen Frauen sie ...

Wie das alles merkwürdig war: Rührend vor allen Dingen, aber doch auch verpflichtend, voll geheimen Ernstes — voll verborgener Tragweite ...

Endlich betraten sie Juttas Wohnung. Sie fanden schon Besuch vor: den Legationssekretär von Gamberg.

Gezwungen, in kühler Unterhaltung saß man dann im Balkonzimmer. Die alte Frau thronte auf dem Sofa, vor der bräunlichen Seidenwand, auf der Reiher von Goldstickerei lächerlich vornehm zwischen weißen, schimmernden Aprikosenblüten stelzten. Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem schmalen, lila Westeneinsatz, der durch Haken geschlossen war, aber infolge ihrer Rundlichkeit zwischen den Haken ein wenig klaffte. Aus einer dieser Spalten kam das Schlänglein einer goldenen Uhrkette heraus, daran eine Troddel hing. Während des Sprechens nahm Frau von Falckenrott oft diese Troddel zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken und spielte nervös damit.

Sie hatte einen gespannten Ausdruck voll versteckter Erregung. Wie jemand, der sich nicht am Platz fühlt, dadurch aber mehr gereizt und beleidigt als gerade unsicher geworden ist.

Jutta, in ihrem schlichten, weißen Kleid, sah sehr bleich aus. Sie tat genau das, was man „Konversation machen“ nennt. Sie versuchte unaufhörlich ein Gespräch zu unterhalten, das alle Anwesenden irgendwie zur Teilnahme daran bewegen mußte.

Hochhagen und Renate erfuhren, daß Herr von Gamberg gekommen sei, um Abschied zu nehmen.

„Ja,“ sagte er, „seit einigen Monaten habe ich mir das Vergnügen machen dürfen, nach Kiel zu fahren — die Montierung meiner Jacht zu verfolgen — ihre ersten Segelversuche — das hat mich unterhalten ...“

Hochhagen dachte, daß das nur ein Vorwand gewesen sei ... Herbert Gamberg war in der Vermögenslage, sich solche „Vorwände“ leisten zu können.

„Und das hat nun alles ein Ende? Die Fahrten nach Kiel? Das Interesse an der Jacht?“ fragte Hochhagen in gut erzielter Unbefangenheit.

„Ich trete jetzt meinen Urlaub an und nach seinem Ablauf meinen neuen Posten.“

„Ah — Sie sind versetzt.“

„Ja.“

Es war merkwürdig, daß Gamberg vermied, jetzt und hier zu sagen wohin. „Nun,“ dachte Hochhagen, „diplomatische Versetzungen sind kein Staatsgeheimnis, man wird es ja lesen ...“

Renate sprach mit der alten Frau.

„Als Ihr Bräut’jam eben hereinkam, ergriff es mich ... der Rock meines Malte, sein Bart, fast seine Figur — Gott, doch eine große Ähnlichkeit — und er ist immer ein treuer Freund meines Malte gewesen.“

Ihre Stimme bebte.

„Die Trennung ist Ihnen schwer?“ fragte Renate so liebevoll, als sie konnte. Denn in einer raschen, vorurteilsvollen Empfindung fühlte sie sich enttäuscht von der alten Dame.

„Doch ja ... besonders nun, wo ich hier in seiner Häuslichkeit bin ... und immer denken muß, er sehnt sich nach Frau und Kind.“

„Nein, Mutter, nach dem Kind kann Malte sich gar nicht sehnen,“ sprach Jutta unerwartet dazwischen, „er kennt es ja gar nicht. Es ist ihm eine Geschichte, daß er eins hat. Er vergißt es auch fast immer — das Kind ist sozusagen eine P.-S.-Angelegenheit für ihn.“

Sie sagte es ganz ohne Schärfe. Nur feststellend.

Aber das vielleicht war es gerade, was die alte Frau reizte. Sie sah an der Schwiegertochter vorbei und richtete Blick und Wort geradezu an Hochhagen, der bei Juttas Bemerkung sein oberflächliches Gespräch mit Gamberg abbrach und in plötzlich aufwallendem Unbehagen den Frauen zuhörte.

„Glauben Sie mir, lieber Herr Kapitän, für ganz kleine Kinder haben Männer nie eine so eifrige Teilnahme wie wir — ob sie nun im Haus sind oder weit weg — das ist gleich. — Aber man muß deshalb nicht denken, sie hätten kein Gefühl dafür. Das wäre ja unnatürlich, wenn sie es nicht hätten.“

„Es wäre vielleicht Pose, vielleicht Lüge, wenn sie von Vatergefühlen sprächen, in einem Fall wie diesem,“ sagte Jutta und bekam langsam ein heißes Gesicht; „ich glaube nicht an die sogenannte Stimme der Natur oder des Blutes. Tausend und aber tausend Beispiele sprechen dagegen. Ebensoviele dafür, daß sich Elternliebe nur aus der beständigsten und genauesten Erfüllung der Elternpflicht gebiert. Aber das ist ja eine ungeheuer umfassende Frage. Da wir sie nicht beantworten können, wollen wir sie auch nicht anschneiden.“

Und dann setzte sie noch hinzu, im gewaltsamen Versuch zu scherzen: „Ja, Malte ist eben dienstlich nicht in der Lage, sich Vaterfreuden hinzugeben.“

Den Scherz hörte die alte Frau gar nicht. Sie hatte ein eifervolles Gefühl, daß sie diese allerpersönlichste Angelegenheit nicht zu einer großen, allgemeinen Frage umbiegen lassen wollte.

Sie spürte in ihrem Empfinden: das beraubte den fernen Sohn und damit auch sie — bestritt ihr geradezu das ganz enge Anrecht an dies kleine Kind. Ihr kam es, seit sie hier war, vor, als müsse sie sich in ihrer Großmutterschaft betonen, während sie vorher, in der Heimat, sich einfach als die Hauptperson, als die Nächste zu dem Kindchen gefühlt hatte.

„Es ist beinahe immer,“ sprach sie mit sehr weinerlicher Stimme, „als mache Jutta meinem Sohn einen Vorwurf daraus, daß er weg ist.“

Sie lächelte, in einer eifrigen, künstlich freundlichen Art, damit man glauben möge, daß es scherzhaft gemeint sei, was sie sagte, während in ihrer ängstlich bebenden Stimme doch eine schwere Anklage mitschwang.

Renate sah sie fast furchtsam an. Von dieser alten Frau ging etwas Feindseliges aus — unbestimmt und unerquicklich.

Herr von Gamberg stand langsam auf und trat in die Balkontür.

„Aber liebe gnädige Frau, Sie verstehen Jutta gewiß falsch,“ sagte Hochhagen voller Herzlichkeit, „Ihre Schwiegertochter war, trotz all unserer Freundschaft, doch sehr einsam. Sie ist in den Fehler aller Nachdenklichen verfallen und hat sich die einfachsten Dinge kompliziert.“

Er sah Jutta an, bittend, aufmunternd — als wolle er ermahnen: schone die alte Frau.

Obgleich er schon begriff: diese beiden konnten einander weder schonen noch wohl tun. Obgleich er schon erkannte: die Ankunft der Mutter hatte die Lage nicht geklärt, hatte sie nur bedrohlicher gemacht.

Rechte und Art beider Frauen waren zu verschieden.

Hochhagen hatte des Freundes Mutter kennen gelernt, als unter allen Formen des Gefühlsüberschwangs Hochzeit gefeiert wurde. Als sich in dieser Mutter für das Hochzeitspaar eben alles Mütterliche verkörperte, weil auf der anderen Seite nur ein befangener Vater und eine unsicher sich gebende Stiefmutter stand. Damals hatte Freude und Rührung diese Frauentype zu einer besonderen Erscheinung von Tiefe und Würde gestaltet.

Nun schien ihm, als sei dies eine brave, liebevolle Frau aus jener Enge, in der man den Lauf des Lebens nur versteht, wenn er sacht zwischen dem Faschinenbau des Herkommens hinrinnt.

Nein, diese hatte gewiß nicht die feste, kluge Hand, die halten kann, ohne merken zu lassen: ich leite dich ...

Diese alte Frau konnte wahrscheinlich das Außergewöhnliche nicht mit Verständnis, sondern nur mit Lamentationen begleiten ...

Jetzt sprach die Mutter: „Alles ändert sich ja wohl mit der Zeit. In meiner Jugend las man ergreifende Geschichten von Frauen, die jahrelang warteten und spannen und ihre Kinder erzogen und still bereit in der Kemenate saßen, bis der Gatte aus dem Kreuzzug heimkam. Die Frauen von heute können nicht mehr so viel Geduld aufbringen, glaube ich.“

„Romantik liest sich immer besser, als daß sie sich erlebt,“ sagte Jutta.

„Ich hab’ immer gedacht, wenn’s mir so naheging, daß mein Junge so weit weg war: ja, an die Frauen aus der Franzosenzeit hab’ ich gedacht. Mein Mann hatte es von seiner Mutter und Großmutter erzählen hören: ihr Haar und ihren Trauring hat die Cornelie von Falckenrott auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. Solche Opfer, auf einmal, wenn einen alles so hinreißt, das ist ja wohl immer leichter als die, die stille sind und lange währen. Aber ich hab’ mir dann gesagt: es hat ja einen großen Zweck.“

„Ganz gewiß,“ sprach Hochhagen warm, „das war gut und groß gedacht und gefühlt.“

„Ja, Mutter, du hast recht mit jedem Wort,“ sagte Jutta langsam.

Man wußte nicht recht, was man aus dieser Zustimmung machen sollte. Aber die alte Frau suchte einen Blick der Zufriedenheit an Hochhagen zu richten. Ihr war doch, als habe sie sich eben einen kleinen Sieg der Erfahrung und Weisheit über unbegreifliche Stimmungen der Jugend ersprochen. Das tat ihr wohl.

Sie wandte sich nun wieder zu Renate.

„Liebes Fräulein, Sie haben so ein ernsthaftes Gesicht bekommen. Ängstigen Sie sich nur nicht davor, daß Ihr Gatte in spe mal hinaus muß. Trennung facht Liebe meistens nur an. Das weiß ich aus Erfahrung. Wenn mein seliger Mann eine Inspektionsreise gemacht hatte — er war Oberforstmeister — Gott, ja, es ist doch eigentlich zu komisch, daß mein Malte so ganz in den Gegensatz gegangen ist. Meer und Wald ...“

So erzählte sie behaglich weiter und breitete ihre Gefühle von ehedem gern vor der jungen, respektvoll zuhörenden Renate hin.

Unterdes hatte Herr von Gamberg sich gezwungen, höflich zum Gespräch zurückzukehren.

Er erzählte Hochhagen einiges aus dem depeschierten Segelbericht, den Reiswitz wichtiger- und überflüssigerweise über den Sieg der „Freia“ geschickt. Man lächelte ein wenig und fand ein paar Handvoll Worte über die noch ausstehenden Sportveranstaltungen — Gamberg sagte, er werde nach Warnemünde fahren, um dort seine Jacht wiederzutreffen, die er mit nach Rügen zu nehmen denke — für kurze Zeit — man konnte aus seinen Worten, wenn man wollte, schließen, daß er vielleicht den Urlaub auf Rügen verleben wolle ...

Und dann errieten sich Hochhagen und Renate aus einem raschen Blick, mit dem sie gleichzeitig einander sagten: Nun können wir wohl gehen.

Man verabschiedete sich. Hochhagen kämpfte die Frage nieder: Wie wird es denn? Reisen Sie? Bleiben Sie? War das vorgestern abend Ihr letztes Wort in der Sache?

Er fühlte, es kam ihm nun nicht mehr zu, für den fernen Kameraden einzutreten.

Hier war seine Mutter! Wie sie auch für des Sohnes Rechte focht: klug oder töricht, man mußte ihrer Hand alles überlassen.

Die alte Frau von Falckenrott mochte nicht so schnell den Freund ihres Sohnes wieder verschwinden sehen. Sie hätte ihn am liebsten am Rockknopf festgehalten. Er war doch wie ein Teil vom Leben jenes fernen Lebens ...

Sie stand also mit auf, geleitete das Brautpaar durch das Zimmer und hielt es vor einem Zierschränkchen auf, wo ein Bild des Sohnes zwischen allerlei chinesischen Nippes aus einem blanken, japanischen Lackrahmen heraussah. Renate mußte es sehr aufmerksam betrachten, um die einzelnen Ähnlichkeiten in den Gesichtern von Mutter und Sohn festzustellen. Voll Genugtuung machte Frau von Falckenrott sie auf die gleiche Form der Stirnbogen und der Nase aufmerksam.

Auf den Flur ging sie mit hinaus und fing an der Klinke der Etagentür noch mit ausführlichen Kadettengeschichten an, deren sie sich aus ihres Maltes damaligen Briefen genau erinnerte. Man sah, Hochhagens und Rosenfelds junge Streiche standen noch frisch in ihrem Gedächtnis, als sei alles erst gestern gewesen, was diese drei mitsammen ausgefressen hatten. Und noch immer liebkoste ihr mütterlicher Stolz dankbar und bewundernd die Tatsache, daß es lauter harmlose Jünglingstaten gewesen seien.

Dies alles war unaussprechlich rührend. Und das alte Mutterherz befand sich bei diesen Gefühlsschwelgereien nur in seinem Recht. Renate schämte sich, daß sie die Frau nicht gern leiden mochte, und um dies vor ihrer Selbstkritik gutzumachen, zeigte sie nun ein dringliches Interesse an diesen alten, lachenden Geschichten.

Hochhagen aber erkannte gequält, daß die Mutter wohl in leidenschaftlicher Aufdringlichkeit der jungen Frau den Mann nahebringen wollte, in einem Augenblick, wo sie von ihm zurückzuweichen begann. Er wußte: das vertragen wenige Menschen — ermattende Liebe hat noch nie durch Zureden neue starke Kraft gewonnen.

Er war erleichtert, daß Renate ihm gutmütig und lebhaft das Gespräch mit der alten Frau fast ganz abnahm, bis man nach endlosen Verabschiedungen sich endlich trennte.

Unterdessen waren sie allein geblieben — Jutta und der Mann, der nun solchen bedeutungsvollen Abschied nahm.

Kaum daß die Tür sich hinter den dreien schloß, so trat er rasch an die junge Frau heran und nahm ihre Hand, sie mit pressendem Druck haltend.

„Daß dies meine letzten Minuten mit Ihnen sein müssen — vor solcher Trennung!“ sprach er in leidenschaftlichem Zorn.

„Ach, nichts ist mehr zu sagen — nichts,“ flüsterte Jutta ganz erschöpft von der Anstrengung. Sie fühlte nur: immerfort muß ich mich verteidigen — gegen alles und alle und gegen mich selbst — ich kann nicht mehr ...

„Sie werden mir schreiben — Ihre Entschlüsse, Ihre Stimmungen,“ drängte er.

Sie schien nicht zu hören. Sie sprach vor sich hin.

„Schuldig komme ich mir vor — und bin mir keiner Schuld bewußt. Die alte Frau setzt mich ins Unrecht ... irgendwie — von selbst ... Nur, weil sie da ist ...“

„Trennen Sie sich von ihr, so rasch, als es mit Schicklichkeit geht — ganz unbeeinflußt von ihr und von mir sollen Sie über sich entscheiden — darum flieh’ ich ... Eine Flucht, die mich etwas kostet ...“

Er küßte ihr die Hand, heiß und schweigend.

Er brauchte ihr nicht noch einmal zu sagen: willst du mein sein, erstreite ich dich von dem Mann und seiner Mutter — in offenem Kampf ... Glück, hinterrücks gestohlen, verbietet sich uns ...

Sie stand zitternd. Sie fühlte wohl — ihr Leben und das der Männer lag in ihrer Macht — Macht? Ach nein — Unschlüssige haben keine Macht ... Und als dumpfe Angst drückte sie das Gefühl, daß der Stärke ihres Temperaments keine klare Stärke des Willens beigesellt war ...

„Lebe wohl,“ sprach er ganz leise.

Sie sahen sich an. Mit ehernem Ernst. Zwei, die mehr die Drohungen als den Rausch der Liebe empfinden.

In diesem Augenblick erschien die alte Frau wieder in der Tür.

Sie sah die Blicke, die voll schweren Ausdrucks tief ineinander wurzelten zu letzter, stummer Aussprache ...

Ihr Gesicht wurde ganz grau. Sie wollte etwas sagen, bewegte nur die Lippen. —

Herbert Gamberg verneigte sich noch einmal tief vor Jutta.

Dann ging er, sehr ernst, auf die alte Frau zu, um in respektvollem Handkuß sich von ihr zu verabschieden.

Sie aber, linkisch halb, halb betäubt vor Zorn, verbarg vor ihm ihre Hand. Er verbeugte sich, in fremder Ehrfurcht, gemessen und doch ohne Befangenheit ... Und ging ...

„Was war ... was war das? ... Was will dieser Mann ... Und du? Du?“ stotterte sie und kam, fast besinnungslos, auf Jutta zu.

Sie wich ein wenig zurück, wie vor drohendem Angriff — das war unwillkürlich — dann faßte sie sich, sah der alten Frau gerade in das weiße Gesicht und sagte laut und stolz: „Du hättest ihm deine Hand geben dürfen.“


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