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Mein lieber Malte! Nun hast Du meine Depesche erhalten, die Dir sagt, daß ich nicht kommen kann. Von was für lächerlichen Bedenken läßt man sich bestimmen. Warum habe ich nicht ein paar hundert Mark in die Hand genommen, um Dir eine sehr lange Depesche zu senden — eine, die von Gründen spricht?

Aber ich denke wiederum: wäre sie unverstümmelt angekommen? Hätte nichteinentstelltes Wort eine Reihe von falschen Vorstellungen in Dir erwecken können? Dich in namenlose Bestürzungen und Sorgen bringen können? Vielleicht hat mich diese Erwägung bestimmt, Dir nur zu telegraphieren, daß ich mein kleines Kind nicht verlassen kann. Und Du ergänzt diese Mitteilung aus Deiner Phantasie heraus. Nimmst an: vielleicht ist das Kind kränklich; vielleicht ist Mutter doch schon zu alt, als daß man ihr mit solcher Unruhe kommen dürfte.

Nein, das Kind ist wohl. Mutter hätte es gern genommen. —

Als Du ausreistest, lieber Malte, gabst Du mir vorher einige Lehren über das Korrespondieren nach anderen Weltteilen. Es waren gewissermaßen Fundamentalsätze für den Briefverkehr mit fernen Familienmitgliedern. Du sagtest mir: dies dünne Überseepapier hat einen eigenen Charakter, es verträgt gewissermaßen nur Chronik, keine Psychologie. Du erklärtest mir: man muß keine Stimmungen über den Ozean hinweg mitteilen wollen. Bis die Mitteilung zu dem Herzen kommt, an das sie gerichtet ist, hat das Herz, das sie machte, sich schon längst wieder beruhigt. Kleinere seelische und körperliche Unpäßlichkeiten, sagtest Du, meldet man nicht an die andere Globushälfte. Man erweckt dort schmerzliche Sorgen zu einer Stunde, wo hier schon alles überwunden und vergessen ist.

Ich habe es vollkommen verstanden und mich nach besten Kräften danach gerichtet. Ich sah ein: es war eine kluge Grausamkeit — grausame Klugheit. Die Gemütsruhe des Fernen muß erkauft werden mit der beständigen Selbstbeherrschung des Zurückgebliebenen.

Und so habe ich mein Gefühl zurückgedämmt, wenn es hinströmen wollte; ich habe meine Seele zur Stummheit gezwungen. Ich habe versucht, Dir nur Berichterstattungen über meine Tagesläufe zu geben. Und ich habe verschwiegen, was in mir sich an seltsamen Kämpfen und Rätseln zutrug. Denn ich, lieber Malte, bin vielleicht eine von den unglücklichen Naturen, die mehr in sich erleben, als sie jemals mit Menschen und Welt erleben können.

Ich versank in ein Einsamkeitsgefühl beinahe ungeheurer Art, als Du fortgegangen warst. Und es kommt mir vor, als sei ich schon ein ganzes Menschenalter in dieser Einsamkeit ... eine lange, lange Zeit schon ... Und in dieser Zeit hat sich so viel in mir verändert, und mir scheint, ein ganz neuer Mensch ist aus mir geworden. Einer, den Du vielleicht gar nicht mehr liebhaben würdest, der fremd, der abstoßend auf Dich wirken kann.

Und nun muß ich doch viele Bogen Überseepapier vollschreiben. Denn mit der bloßen nüchternen Mitteilung von allerlei wichtigen und unwichtigen Tatsachen bleibe ich nicht mehr wahr.

Vielleicht hätte ich noch unbestimmbare Zeit mich von meiner inneren Unsicherheit niederdrücken lassen und mutlos weiter geschwiegen. Aber nun riefst Du mich ‚komme‘, und ich antwortete ‚nein‘. Und dafür willst Du Erklärungen. Es ist Dein Recht, sie zu erwarten. Ich will versuchen, sie zu geben, soweit man das Unerklärliche deutlich machen kann.

Laß mich bei dem beginnen, was ganz gewiß erst in zweiter Linie steht.

Ich meine, mein Verhältnis zu Deiner verehrungswürdigen Mutter. Aber ich kann Dir und mir vielleicht daran beweisen, wie Empfindungen und innerste Stimmung zu einem Menschen sich ändern können, ohne daß man den Grund aufzeigen kann. Ja, das Grundlose ist das eigentlich Furchtbare daran, das jäh Überraschende, das aus Tiefen unseres Wesens aufsteigt, von denen wir nichts wußten, und die wir deshalb auch nicht bewachen konnten.

Unser alter Hausarzt sagte oft: niemals kann man sich besser gegen Krankheiten schützen als bei Epidemien, denn man ist gewarnt; man ist nur waffenlos gegen noch nicht erkannte Gefahren.

Wie sollte ich mein Gemüt mit Pietät, mit Dankbarkeit bewaffnen? Ich wußte gar nicht, daß die ergebene Liebe, die es gehegt hatte, in Gefahr sei.

Weit zurück, einer Vergangenheit gleich, die nie wiederkehrt, mit der mich nichts mehr verbindet als eine Erinnerung, ist es mir, daß ich als Deine Braut Deiner Mutter glücklich dankbare Tochter war. Wie nun Deine Mutter wieder vor mir stand, die ich inzwischen vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden bin, da schien mir alles fremd an ihr, und ich konnte es nicht begreifen, daß zwischen uns eine allernächste Gemeinsamkeit der Lebensinteressen sein sollte. Sie aber empfand diese Gemeinsamkeit als ihren gerechten Anspruch, obgleich auch in ihr eine Feindseligkeit gegen mich war oder erwachte.

Sie ist Deine gute, rührende, treue, opferfreudige Mutter. Kein Wort kann warm und groß genug in meinem Munde sein, sie zu loben.

Aber sie fand in mir nicht die elementare Sehnsucht nach Dir, nicht das Trennungsleid, wie es nachihremMaßstab sein sollte. Und sie fühlte sich gekränkt, weil ich, gerade wie sie, zuerst Mutter bin — nur Mutter. Weil ich mein Kind nicht verlassen will und kann um Deinetwillen, und weil ich es ihr nicht und niemand anvertrauen mag. Weil mir meine Mutterpflichten schmerzlich und bedrängend sind — denn mir ist mein Kind wie ein vaterloses Kind!

Nun ist es aber unter Frauen wohl so: eine will der anderen immer die Art ihres Gefühls aufzwingen. Und wo das unmöglich ist, entfernen sie sich rasch voneinander.

So haben Mutter und ich uns ganz rasch voneinander entfernt. Und gestern morgen, lieber Malte, ist sie wieder abgereist. Wir weinten, als die letzten Minuten herankamen. Bis dahin waren wir gezwungen, gereizt, unfrei miteinander. Aber in jenen allerletzten Augenblicken brach über uns eine leidenschaftliche Trauer herein, und wir weinten, als ständen wir an einem Grab.

Seit diesen kummervollen Augenblicken prüfe ich mich immerfort und suche nach meiner Schuld. Denn so ist mir: als sei ich schuldig vor diesem einfachen, eifrigen, treuen Mutterherzen.

Aber ich weiß meine Schuld nicht zu nennen. Heißt sie Treulosigkeit? Nein, gewiß nicht. Denn mein Herz ist voll Dankbarkeit für die Liebe, die Mutter mir einst gab. Heißt sie Unduldsamkeit? Ach, wie gleichgültig ist es in großen Krisen des Lebens, ob ein Mensch kleine Engigkeiten in seinem Auftreten und was für Angewohnheiten, was für Ansichten er hat.

Ich weiß nicht, was Mutter Dir schreiben wird, und wo Mutter die Gründe sieht, daß wir schmerzlich befremdet voreinander standen.

Vielleicht bin ich krank. Meine Seele ist vor Sehnsucht so müde geworden, daß sie nicht mehr kraftvoll empfinden kann.

Nun wirst Du sprechen: deshalb gerade riefest Du mich! Damit ich, von Sehnsucht befreit, wieder in heiterer Sicherheit ins Leben sehen lerne.

Aber jetzt, lieber Malte, jetzt muß ich Dir das Allerschwerste sagen. Gewiß verstimmt es Dich, daß Mutter und ich nicht mehr in Liebe uns fröhlich zueinander halten können wie einst. Aber Du denkst: das kommt vor — Schwiegertochter — Schwiegermutter — jung und alt — da findet sich schon einmal ein Übergang zu neuem Akkord, wenn’s denn auch andere Tonart wie ehedem ist. Du könntest recht haben. Wer weiß es.

Das, was ich jetzt sagen muß, ist viel ernster.

Ich weiß nicht mehr, ob ich mich nach Dir sehne!

Nun ist es geschrieben. Ich fühle: es ist furchtbar. Es ist gerade das, was man niemals einem Fernen über den Ozean hin schreiben soll: von innerem Kampf soll man schweigen.

Aber ich soll, ich muß, ich will wahr bleiben.

Verlörst Du nicht jeden, auch den letzten Anteil an mir, wenn ich Dir diese Kämpfe noch länger versteckte?

Sie begannen, wenn ich es selber recht weiß und erkenne, mir das Gemüt zu beschweren, von dem Tag an, wo mein Kind geboren war.

In dem Übermaß der Erregungen, die dieses Neue mir gab, war ich allein. Es kam mir vor, als gäbe es nichts auf der Welt, was so wichtig, so heilig sei, als Mutter werden. Und das ist auch gewißlich wahr. Nur weil ich allein war, wurde aus dem Jubel Schwere, aus dem Glück eine übermäßige Verantwortung. Mir kam vor, als sei das Kind mir ganz allein gegeben, und es war, als ströme all meine Liebe von Dir fort dem Kinde zu.

Ich weiß nicht, ob in jeder Frau in solcher Zeit die Gefahr solchen Gefühlswandels ist, und ob dann die liebevolle Gegenwart des Mannes für sein Recht spricht.

Immerfort denke ich seitdem darüber nach. Und je mehr ich dachte, je mehr bestritten meine Gedanken Dir Anteil an dem Kind, an mir.

Es kann wohl sein, daß die nächsten Freunde erraten haben, wie schwer ich an den Aufgaben des Lebens herumlöste. Denn Hochhagen hat es nicht vor mir verleugnet — von vollkommener Ehrlichkeit, wie er ist — daß er Dir die Idee anregte, mich nach Hongkong zu berufen. Auch Lisbeth und Rosenfeld redeten zuweilen weise und liebevoll auf mich ein. Aber zum Glück ist Lisbeth viel zu dringlich mit dem Amüsement des Daseins beschäftigt, als daß sie mich oft und zu sehr mit Trost gequält hätte. Nichts ist unerträglicher, als wenn einem Wohlmeinende verständig in Stimmungen hineinreden, die einem selbst noch völlig unverständlich sind. Aber andere Menschen erheben ja in aller Unbefangenheit oft den Anspruch, sie verständen uns ganz genau!

Meine Lage ist in den bisher bestandenen Formen meines Lebens nicht mehr ertragbar.

Ich habe beschlossen, meinen Hausstand aufzulösen und auf Reisen zu gehen. Ich werde alle Möbel, die ganze Einrichtung verpacken und in einem Speicher verwahren lassen. Erinnerst Du Dich noch an Martha? Sie war zu Haus schon meine Jungfer gewesen, seit Babys Geburt hat sie umgesattelt und wirkt auch als Kindermädchen, soweit ich die Kleine nicht selbst besorge. Martha ginge mit uns bis nach Feuerland, sagt sie, was ihr aus irgendeinem Grunde die unwirtlichste Gegend auf dem Erdball zu sein scheint.

Wir gehen aber nur nach der Schweiz und Italien.

Dieser Umwelt muß ich entrinnen. Sie läßt mich niemals zu einer freien Betrachtung meines Seelenzustandes kommen. Hier haben wir unser erstes, kurzes Eheglück gelebt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt Deinen Kameraden, die nach Dir fragen, die mich an Dich durch jene allgemeine Ähnlichkeit erinnern, die ein so stark charakterisierender Beruf und solche Uniform wie die Eurige ausprägt. Hier treffe ich andere Frauen, die in ganz unerschütterter Gemütsruhe von ihrem fernen Mann reden können, die es gar nicht als etwas schreckhaft Großes empfinden, ein Kind in die Welt zu setzen, während der Gatte bei den Antipoden ist. Und diese Gleichmütigen machen mich vor mir selbst zu einer Krankhaften, einer Ausnahme. Ich frage mich dann: bin ich so überfein, so sehr leicht verwundbar? ...

Wenn ich es bin, dann hätte ich Dich niemals heiraten dürfen, denn ich wußte ja: dies Opfer konnte an mich herantreten! Und als ich damals in der Theorie davon sprach, schien es mir groß und erhebend.

Vor mir tut sich die furchtbare Frage auf: hab’ ich nicht genug der Liebe in meinem Herzen gehabt?

Und mir ist, als müßte ich wandern, wandern, damit meine Seele Klarheit fände über sich — ob sie denn wirklich von Dir fortgegangen ist — und wohin sie will.

Denke nicht, lieber Malte, daß ich mir gar keine Mühe gegeben habe. Freundlich lebte ich mit Deinen Freunden. Ich habe mich durch Lisbeth und Rosenfeld und auf Hochhagens Zureden in die Vergnügungen der Kieler Woche hineinzerren lassen. Ich habe mich nicht einsiedlerisch und melancholisch gehen lassen: gezwungen habe ich mich, an jedem Alltagsgeschehen teilzunehmen, immer in dem Wunsch, festzustellen: ja, die Welt ist in Ordnung, nur in mir ist etwas aus der Ordnung.

Ja, das ist es gewiß. Ich will Dir als Beispiel davon gestehen, daß ich oft die brüderliche Fürsorglichkeit Hochhagens als eine Art Wachtdienst empfand, den er in Deinem Namen ausübte. Mein Verstand sagte es mir immer ganz klar, daß Emmich nur aus seinem warmen, redlichen Herzen heraus tat, was er als Dein bester Kamerad Dir schuldig zu sein glaubte. Und meine überreizten Nerven wehrten sich gegen seine Treue, weil mir war, als beleidige mich sein Schutz — als werde ich dadurch zu einer Frau gestempelt, der man einen Schritt vom Wege wohl zutrauen könne.

Ja, siehst Du es hieran? Ich bin auf irgendeine Weise aus dem Gleichgewicht.

Und ich muß den Weg suchen, der mich zur Klarheit, zur Ruhe zurückführt. Ich hoffe ihn zu finden, indem ich mich von hier entferne.

Daß ich mit meinem Kind nicht in mein Vaterhaus mich flüchten kann, weißt Du wohl. Vater und seine Frau waren ja vor acht Wochen zur Taufe von Baby hier, Vater zerstreut, feierlich, eilig. Mit der Miene eines, der viel wichtigere, größere Dinge verlassen hat, als die sind, bei denen er im Moment aus unumgänglichen Familienrücksichten repräsentieren muß. Mit mehr verlegenem Erstaunen als mit Verständnis und Rührung in der neuen Würde. Mit kaum ertragener Ungeduld in der fremden Umwelt, darin andere Werte gelten als in der seinen. Du weißt ja: autokratische Männer leiden förmlich in einem Kreis, in dem ihre Autokratie nichts gilt, nicht verstanden, nicht einmal gekannt ist. Und Vaters Frau kam aus lauter Vorsicht nicht zu einem natürlichen Gespräch. In ihrer beständigen Angst, sich Blößen zu geben, war sie geziert. Und das ist ja das letzte, was einem derbgearteten Wesen von bescheidener Herkunft gut ansteht. Wenn sie unbefangen ihren gesunden Menschenverstand sprechen läßt, hat sie wohl Augenblicke, wo man ihr Respekt nicht versagen kann.

Ich bemühte mich, ihr zu helfen. Ich sehe so gar nicht in ihr die Nachfolgerin meiner Mutter, daß ich beinahe ohne Vorurteile mit ihr verkehren könnte. Alle meine Versuche, sie frei und sicher im Verkehr zu stimmen, blieben aber erfolglos. Es war immer, als habe sie vor mir ein schlechtes Gewissen, weil sie meines Vaters Frau geworden ist. Dies war vom ersten Tag an so, es war zu meiner Brautzeit so, so ist es geblieben auch jetzt, wo ich ihr, losgelöst vom Vaterhaus, als Frau, als wirtschaftlich selbständiger Mensch gegenüberstand. Und also ist es unabänderlich.

Mit diesem Vater, der keine Zeit und Stimmung für mich hat, mit dieser Frau, die in einer ganz anderen Gefühls- und Bildungszone lebt als ich, kann ich nicht auf dem Land zusammenwohnen.

Das bedarf auch vor Dir keiner weiteren Begründung.

Du hast mich allein lassen müssen. Die höhere Sache, die wichtiger ist als das Einzelschicksal einer Frau, die nicht leicht mit sich zurechtkommen kann, die verlangte das von Dir.

Meine Lage bringt es demnach mit sich, daß ich nun durchaus selbständig über die Formen meines Lebens mich zu entscheiden habe. Du bist zu fern, um mich beraten zu können. Aus solcher Ferne kann man in das Herz und in die Tage einer Frau nicht deutlich hineinsehen.

Aber wenn Du auch nicht mit Deinem Rat bei mir sein kannst, so bist Du doch in einer anderen Weise allgegenwärtig in meinem Leben: mit Deinem Namen, Deiner Ehre!

Mir ist, als müßte ich Dir das wie ein Gelöbnis in einem Augenblick sagen, wo ich meine unklaren Gefühlszustände Dir eingestehe.

Für das, was in meinem Herzen, mir selbst ein trauriges Rätsel, vorgeht, bin ich nicht verantwortlich.

Aber für meine Handlungen bin ich es und will es bleiben, damit ich immer Dir und Deiner Mutter frei in die Augen zu sehen vermöchte.

Deshalb wünsche ich, Dir genau meine nächsten Schritte zu erklären. Deshalb habe ich Dir noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen, was wir ja schon so oft vor Deiner Ausreise besprachen, daß ich bei meinem Vater eine Zuflucht nicht suchen kann.

Ich sagte: ich wolle fort, weil ich, unter ganz fremden Menschen, unter neuen Eindrücken einsam lebend, mich recht prüfen zu können hoffe.

Nun fügt es sich aber so, daß ich doch nicht einsam sein soll, und daß ich die Gesellschaft, die sich mir anbietet, nicht abweisen kann, ohne undankbar, ja, ohne auffallend zu erscheinen.

Ich werde mit Emmichs Braut und deren Eltern nicht geradezu reisen, aber doch mich mit ihnen an benachbarten und an gleichen Orten zusammenfinden.

Mit dieser selben Post schreibt Dir natürlich Emmich Hochhagen von seinem großen Glück, und an ausführlichen Hymnen über seine Braut wird er es nicht fehlen lassen. Auch Rosenfeld oder vielmehr Lisbeth wird Bericht erstatten, denn sie hat von damals her, wo Du noch nicht verheiratet warst und gleich anderen Kameraden von ihr an ihren Wagen gespannt wurdest, eine gewisse Eile, Dir bei jeder Gelegenheit zu schreiben. Man wird nur in Superlativen sprechen. Du weißt, daß ich mich nicht rasch anschließe, und daß auch andere Frauen gegen mich meist eine abwartende Haltung einnahmen. Als spürten sie, daß sie mir fast immer gleichgültig bleiben, oder daß ich da, wo ich mich zu interessieren anfange, leicht zu viel erwarte und dann in die erkältendste Enttäuschung falle ... so daß es für sie und mich beinahe gefährlich ist, wenn ich mich interessiere ...

Aber zu Renate Gervasius fühle ich mich in einer Weise hingezogen, wie es mir noch nicht vorgekommen ist. Ich habe wenig Gelegenheit gehabt, nah mit jungen Mädchen und Frauen zu verkehren. Wenn ich mit meiner Mutter im Sommer auf Schmylau zu Besuch war, verstand ich mich gut mit Lu und Fi. Durch unsere Heiraten kamen wir wie von selbst auseinander. Wir heirateten sozusagen in alle Wind- und Kulturrichtungen hinein. Hier wurde mir dann Lisbeth als ‚Freundin‘ in mein Dasein eingereiht. Lisbeth ist ein Bruder Lustig und eine gutherzige Frau, mit der man aber doch nicht ernsthaft sich über wichtigere Fragen auseinandersetzen kann.

Renate ist mir mit einer großen Liebe entgegengekommen, die noch den kleinen Zusatz von grundloser Schwärmerei hat, wie ganz unerfahrene Herzen sie hegen können. Renate ist wirklich sehr hübsch. Ihre regelmäßigen Züge mögen vielleicht nach ein paar Jahren eben durch Linienreinheit auffallen. Jetzt bezaubern sie durch die Weichheit. Obgleich ich ja nun Renate erst seit acht Tagen kenne, habe auch ich sie schon sehr lieb. Und der Gedanke,dochmit Menschen aus der hiesigen Welt zusammen zu sein, der mir noch vor acht Tagen unerwünscht schien, ist mir angenehm geworden, weil dies holde Mädchen meine Freundin sein will. Frau Geheimrat Gervasius ist eine sympathische Frau. Ein wenig Kristallkugel: sehr klar und abgerundet für sich, aber nicht mehr aufnahmefähig für Menschen und Dinge, die nicht schon, zugleich mit ihrem Werdegang, in ihr eigenes Leben fest mit einbeschlossen wurden. Der Geheimrat ist sehr bedeutend — nun, das versteht sich ja von selbst, das sagt sein Wirken, seine Stellung — ich meine: man spürt seinen beweglichen Geist, und es ist ein heiterer Geist in ihm — im merkwürdigen Gegensatz zu seinem Beruf.

Sie haben es mir angeboten, daß ich mich an sie anschließen darf. Vielleicht ist es wieder die Regie von Emmich. Aber in diesem Fall sehe ich nichts Erbitterndes darin.

Ich werde also zunächst in die Schweiz gehen. Die Wahl des Ortes war schwer. Der Geheimrat sah mich gestern abend, als ich zum erstenmal allein dort war, so oft beobachtend an. Er meinte,mirtäte Hochalpenluft sehr not, ich sei wohl noch etwas erschöpft vom Wochenbett, habe mir nachher nicht genug Schonung gegönnt. Aber ich glaube, ich bin ganz wohl. Ich kann dem fremden Mann, der weder mein Arzt noch mein Freund ist, sondern nur erst ein Bekannter, der mir gütig begegnet, ich kann ihm nicht sagen, daß nur meine Seele krank ist, von all der Mühe, die Wahrheit und das Ziel des Lebens zu suchen.

Die Rücksicht auf mein kleines Kind muß immer das erste sein. Man darf das Experiment nicht machen, ob so eine kleine Lunge Hochalpenluft vertragen kann. Gervasius’ gehen nach Caux, hoch über dem Genfersee. Ich bleibe in der Nähe seiner Ufer. Es gibt da auch Plätze, die kühl sind, selbst im Sommer. Es ist die Rede von einer kleinen Pension, die hoch über der Uferstraße, im Schatten eines gewaltigen, bewaldeten Felsvorsprungs, unter Tannen fast versteckt liegt, oberhalb Chillon. Später, Anfang September, gehe ich nach Italien. Den Winter möchte ich in der Nähe Roms verleben. Nicht in der Stadt selbst, in Frascati vielleicht, oder wo sich mir sonst die Gelegenheit zu einer vorübergehenden Heimat bietet, die mir angenehm scheint. Aber im September bleibe ich noch mit Gervasius’ zusammen; die Geheimrätin, die eine Disposition zu rheumatischen Zuständen hat, denkt die heißen Höhlen von Monsummano zu benutzen; sie befinden sich in der Gegend bei Pistoja.

Es ist natürlich unmöglich, Dir Briefadressen zu notieren. Wie könnte ich mich von hier aus und schon jetzt dafür verbürgen, daß sie zutreffend bleiben. Unberechenbare Zufälle können mich, können uns bestimmen, Pläne und Plätze zu wechseln. Schreibe also nach Kiel. Ich werde die Post von meiner Adresse stets unterrichten. —

So weit, lieber Malte, kam ich gestern. Die halbe Nacht hatte ich geschrieben. Und nun ist es wieder still um mich her, und ich will versuchen, den Brief zu schließen. Wie unmöglich es mir auch scheint — denn es ist ja kein Brief — es ist ein Teil meines Lebens — ich möchte fortfahren zu sprechen und zu sprechen, bis ich eine unerschütterliche Wahrheit an sein Ende setzen könnte.

Alles, was ich schrieb, kommt mir dürftig vor. Besonders weil ich mir sagenmuß: Du kannst es nicht begreifen. Wie solltest Du auch! Für Dich steht ein Bild fest: das von mir und unserer Liebe, wie alles war, da wir uns trennten.

Aber nur in der Erinnerung steht ein Wesen und ein Gefühl fest — im Leben wächst und wandelt alles weiter.

Und wir waren nicht Hand in Hand, als neue, große Dinge über mich kamen. Das ist es.

Leb wohl. Ich tue Dir weh. Ich wäre glücklicher, wenn ich Dir wohltun könnte. Aber ist in einer schmerzlichen Wahrheit nicht mehr Würde als in einer Lüge?

Leb wohl.

J.“

Als dieser Brief geschlossen und fortgesandt war, hatte die junge Frau einen kurzen Rausch von Genesungskräftigkeit. Nun war es gesagt! Dies einfache Gefühl: wahr gewesen zu sein, schien schon fast alle Fragen gelöst zu haben. Sie genoß die Empfindung, ihre Last von sich fort auf eine andere Seele gewälzt zu haben. Dies erste, unbewußt egoistische Fühlen, das einer Aussprache folgt. Sie dachte immerfort: „Daß mein Herz sich von ihm wendet,mußteich ihm sagen. Wohin es sich wendet, dasdarfich ihm nicht sagen. Sein Anteil an meinem Leben, sein Anrecht an mich endet mit meiner Liebe.“

Sie begann den Aufbruch vorzubereiten. Nach Art temperamentvoller Frauen konnte sie ein Gefühl der Befriedigung haben, wenn Arbeiten, die Überblick und ein gewisses organisatorisches Talent forderten, sie ganz in Anspruch nahmen.

Und immer wieder erzählte sie es mit halblauter Stimme dem kleinen Kind und nickte ihm zu, liebkosend, als verstehe es schon den Inhalt menschlicher Rede: „Wir gehen fort — in die schöne weite Welt gehen wir — da finden wir vielleicht das Glück ...“ Und das Kind lag in ihrem Schoß und trank aus der Flasche und sah mit blanken, stillen Augen zu dem hellen Fleck empor — den es noch nicht bewußt als das Gesicht der Mutter empfand — so lag es, von Behagen erfüllt, reinlich und angenehm, bis ihm vor Sattheit die Lider sanken.

„Wie rasch ist doch die Poesie eines Heims zerstört,“ dachte Jutta voll Beklemmung. Alles, was den Reiz einer Wohnung ausmacht, ist ja nicht vom Tapezier geliefert. Die Sachen allein haben den Zauber nicht in sich. Die Hand, die voll Liebe und Geschmack alles stellte und ordnete, nach zahllosen Versuchen und zärtlichen Berechnungen, die hatte alles gemacht ... „Meine eigene Hand,“ dachte sie.

Und plötzlich, indem das Haus zerfiel, begannen die Dinge zu reden. Es war förmlich, als seien in allen Ecken und Winkeln Geister versteckt gewesen, die sich aufgestört fühlten und in dringlichen, empörten Vorstellungen zu der Zerstörerin sprachen: Weißt du noch — weißt du noch? ...

Mit wieviel Vergnügen und Neckerei hatte Malte das oft erneute Umstellen der Möbel, die stets veränderte Anordnung der bunten Reiseerinnerungen begleitet. Immer, wenn er vom Dienst heimkam, sah er, daß an der Zierlichkeit und Gemütlichkeit des eigenen Nestes weitergeschafft worden war. Und er staunte die Erfindungsgabe der jungen Frau an — er lobte sie, wie nur verliebte Ehemänner loben können. Er genoß die Wohnlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, wie nur Männer vermögen, die schon lange angefangen hatten, unter der Burschenwirtschaft zu leiden.

O ja — Jutta wußte noch ...

Und mit einem Male fühlte sie: das tat weh. Es war, als töte man ein Lebendiges ... Als beleidige und verleugne man ein Stück des eigenen Daseins, indem man dieses Heim umwarf ...

Der Gedanke kam ihr, es stehen zu lassen. Verschlossen und verhängt. Als Tempel der Erinnerung. Als Zufluchtsstätte.

Die stillen, gelehrten Leute unten im Haus würden sehr zufrieden damit sein und die Schlüssel wohl hüten.

Aber da war die harte Wirklichkeit, die sprach: das kostet zu viel Geld.

Ein Reiseleben wurde begonnen auf unbestimmte Zeit — das wurde teurer vielleicht als die bisherige Art der Wirtschaft. Die Ersparnis an Miete und Steuern glich es aus.

Aber wenn das auch nicht gewesen wäre: ja — aufunbestimmteZeit zog sie hinaus —unbestimmtenZielen entgegen — hinein in die Wirrnis des Lebens — kein sichtbarer Halt darin als das kleine Kind — keine zwingende Pflicht als diese allein — frei zu jeder neuen Gestaltung der Zukunft, wenn das Kind darin seinen gerechten Platz fände ...

Wer wußte was von Rückkehr? Ob? Wann?

„Niemals!“ sagte eine Stimme.

Es war Jutta, als habe das hier jemand laut ausgerufen.

Weinend sank sie in sich zusammen und legte ihr Gesicht in die verschränkten Arme auf den Tisch.

Lisbeth Rosenfeld kam.

„Ach, Liebes,“ sagte sie, „dies ist ja schrecklich! Wie oft sind wir hier himmlisch vergnügt gewesen. Weißt du noch auf eurer ersten Gesellschaft? Malte hatte Lampenfieber. Man sah es. Ich freute mich halbtot. Denn wie Männer so sind: anderswo war er immer gewaltig kritisch, wenn er merkte, daß der Hausherr oder die Hausfrau Unruhe hatten. O — und euer Bursche — es war himmlisch — wie im Lustspiel — weißt du noch, er hielt die Hand oben auf die Sektflasche, damit nichts heraussprudle — wir kamen um vor Pläsier — er merkte, der arme Kerl, daß wir über ihn lachten ... Hör’ mal, überhaupt: du bist ein Geizkragen. Ich hätte alles stehen lassen bis zur Rückkehr nach einem Jahr oder so ... Malte ist ja wohl nicht sentimental — aber ich denk’ mir: es wäre mehr Heimkehrstimmung gewesen, wenn er dich in diesen vier Pfählen wieder vorgefunden hätte. Und du denkst an Sparen von Steuern und Miete.“

„Ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, wenn meine Reise mein Budget in Unordnung brächte.“

„O Gott, wie weise! Hör’ mal, du Liebes: ich sagte, Malte sei ja wohl nicht sentimental — ich will dir mal ’ne Beobachtung anvertrauen:allesind sie ein bißchen sentimental — so in ’ner letzten geheimsten Gemütsecke. Ist dir noch nie aufgefallen, daß nirgends so viel Blumen verschenkt werden wie in der Marine? Ja — an Bord wächst das Blümlein Poesie nicht, und auf dem Meer grünt kein Frühling ... Da ist ihnen, als müßten sie an Land alles Schöne und Liebe in die vollen Hände nehmen. Na — und so, in ’ner gewissen Ideenverbindung mit sentimental und so weiter: aufrichtig: Malte findet sich vielleicht schwer zurecht, wenn er heimkommt: ’ne neue Wohnung — ’n Kind — fabelhaft viel neue Bekanntschaften auf einmal.“

Jutta lächelte mit Mühe. Sie machte eine Handbewegung, die ungefähr auszudrücken schien: Ach, das ist noch so lange hin ...

„Könnt’ ich dir bloß meine Lebensauffassung beibringen! Du bist zu schwerblütig, Liebes. Man muß das Leben nehmen, wie es ist, und die Feste feiern, wie sie fallen. Du bist immer so gewissermaßen in den schwarzen Mantel der Tragik eingehüllt.“

„Das ist wohl Temperamentsache.“

„Gewiß. Aber so ’n bißchen kann man sich auch was abtrotzen. Ich weiß recht gut: die Trennung, und daß deine Kleine kam, während Malte fort war, das hast du so merkwürdig mühsam getragen. Herrjes — er kommt ja wieder. So ’n Ehemann, der’s gut zu Haus hatte, der läuft einem nicht weg. Und dann Baby ...“

Sie lachte hell auf. Ihr fiel ein riesiger Spaß ein.

„Das hab’ ich dir ja wohl nie erzählt, die berühmte Geschichte mit meiner Lite? Die war doch in Erscheinung getreten, als Hektor in Westindien war. Na, als das Schulschiff heimkam, heckte ich mir was Famoses aus. Wir wohnten damals mit Platows in einem Haus. Ich hole mir also die kleine Platow, die war zwar ’n paar Wochen älter als Lite — aber was weiß ’n Mann davon ... ich pack’ beide Gören in ein Bett und sage: ‚Lieber Hektor, suche dir gefälligst Fräulein von Rosenfeld, deine Tochter, aus!‘ Und er sagt — kannst du es wohl glauben? — sagt schlankweg: ‚Die!‘ Und tippt mit kolossaler Unfehlbarkeit auf das Platowsche Wurm. Es sah natürlich schon nach mehr aus als unsere kleine Lite, die kaum sechs Wochen war. Nu, und da hatte seine Männereitelkeit das Gefühl: das beste Exemplar von diesen zwei Wickelkindern gehört selbstverständlich mir! Ach, was haben wir gelacht! Noch immer muß ich lachen, wenn’s mir wieder einfällt.“

„Du hast viel Talent, aus dem Leben ein Vergnügen zu machen,“ sagte Jutta.

„Gottlob. Deshalb würde ich auch zum Beispiel nie mit einem kleinen Kind reisen. Liebes — ernsthaft — findest du es richtig?“

„Warum sollte es nicht richtig sein?“ fragte Jutta überrascht, „ich gehe ja mit dem Kind in ein Klima, das besser ist als das von Kiel.“

„Klima? — Na ja, das wohl. — Na, das ist auch deine Sache. Also, Liebes: warum ich hauptsächlich komme: wir planen ein Abschiedsfest für dich.“

„Nein,“ bat Jutta mit heißem Gesicht, offenkundig entsetzt. „Das tut mir nicht an.“

„Sonnabend muß es sein, dann sind die Schiffe im Hafen.“

„Ich flehe dich an ... nein. Ich käme nicht.“

Und zuletzt mußte Lisbeth Rosenfeld das Unfaßliche wohl einsehen: Jutta wollte kein Fest.

Aber da ihr während der Debatte einfiel, daß man ja ebensogut zu Ehren von Renate und Emmich, vor Abreise der Braut, ein paar Freunde zum Abendessen bitten könne, tröstete sie sich. Wenn ihr nur von irgendwoher aus der Ferne eine Fiedel im Ohr klang, war sie mit der Welt und sich zufrieden.

Das war also Lisbeth.

Und Renate kam und wollte durchaus helfen. Sonst, sagte sie, müsse sie der Mama tüchtig an die Hand gehen, wenn die in den Vorbereitungen zur großen Ferienreise stecke. Aber diesmal heiße es: Du bist Braut, hast Festtage. Und so habe Mama Heinz und Fips ganz allein wegbesorgt, und sie seien schon mit ihren Pensionseltern nach Sylt abgereist. Mama sei doch unbegreiflich tüchtig, klug und aufopfernd.

Voll Begeisterung für die Eigenschaften ihrer Mutter sagte sie es.

Nun sei es merkwürdig still im Haus. Störenden Lärm dürften Heinz und Fips ja nie machen, aber es wäre immer solch drolliges, unterdrücktes Rumoren. Und man könne gar nicht beschreiben, was für ehrliche und couragierte Jungens es seien.

Vor zärtlicher Schwesterliebe glänzten ihr die Augen.

Jutta wollte aber nicht erlauben, daß man ihr beistehe: fremde Hände könnten nie helfen; ehe man sie leite, habe man alles selbst getan.

Die junge Braut bedurfte aber irgendwie der Nähe der neuen Freundin. Hier fand sie für alle ihre Fragen und all ihr unersättliches Interesse am Beruf des Verlobten gewissermaßen sachverständige Antworten. Sie sagte: Papa necke sie schon sehr. Ehedem habe er sich für einen leidlich unterrichteten und autoritativen Mann auf einigen nicht unwesentlichen Gebieten des Wissens gehalten, aber jetzt sehe er ein, daß er sich vor seiner Tochter nicht mehr behaupten könne, weil ihm die Abzeichenunterschiede zwischen einem Steuermannsmaat und einem Obermaschinenmaat nicht geläufig seien.

Sie erzählte es mit strahlendem Lächeln, verliebt in den munteren Humor ihres berühmten Papas.

Jutta dachte: „So viel fröhliche und zärtliche Harmonie in einer Familie habe ich noch nie gesehen.“

Und weiter dachte sie: „Warum verläßt das holde Geschöpf diesen ihren sicheren, hellen, warmen Platz — zu welchen Schicksalen? Ach, das Leben fängt für uns erst richtig an, wenn wir es als Frauen verantwortlich zu tragen haben.“

Aus ihrem eigenen schweren Herzen heraus hätte sie warnen mögen: bleibe die lachende und behütete, geliebte Tochter deiner Eltern — noch lange, lange ...

Renate dachte nicht daran, daß sie vielleicht störe, indem sie zwischen den Körben und Koffern herumsaß. Zuweilen löste sich aus der Fülle der Dinge, die hier geschichtet und verpackt wurden, eine Kleinigkeit los, die ihr als Schatz in den Schoß fiel: da waren ein paar Jugendbilder: Emmich Hochhagen als Leutnant z. S, ein Gruppenbild: Emmich, Rosenfeld und Malte, mit noch fünf Kameraden, als Seekadetten in den Steinbrüchen bei Syrakus; ein silberner, schmaler Becher, unter dessen Boden eingraviert stand: E. H. s. l. M. v. F. Und noch viele andere kameradschaftliche Erinnerungen an das gemeinsame Leben der Freunde.

Renate lachte alles an — machte aus jeder Sache eine Quelle der Freude. Alles sprach doch von ihm.

Aber schließlich wurde sie still. Der ernsthafte und schweigende Eifer, mit dem die junge Frau ihr Heim zerstörte, bedrückte sie.

Sie fing an, sich allerlei träumenden, vergleichenden Gedanken zu ergeben.

Als Kind hatte sie einmal eine große, sehr schöne Spieldose gehabt, auf der sich beim Klang der Töne Tänzerpaare anmutsvoll bewegten. Ihr fiel eines Tages ein, die Paare umzustellen, neu zu ordnen. Sie nahm die Mechanik auseinander. Als sie dann mit großer Sorgfalt neu zusammengefügt wurde, klangen die zarten Töne nicht mehr, und die Tänzerpaare kreisten nicht wieder. Das fiel ihr jetzt so wunderlich deutlich ein. Und in ihrem Ohr war ganz genau die zierliche, leise, melancholische Melodie des alten Wiener Walzers — ja, in Moll war sie gesetzt gewesen ...

„Jutta,“ begann sie etwas scheu, „tut es dir nicht weh? Ich meine: daß dies hier nun alles aufhört? Es war so hübsch. Und es hatte doch eine Geschichte für dich — hatte es nicht?“

Jutta richtete sich von der Kommodenschublade auf, über die sie gebückt gestanden. Sie strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Ja, es tut weh.“

Der Ton war hart und kurz.

Warum? wollte Renate fragen, warum denn sich selbst weh tun?

Ach, immer weniger konnte sie es begreifen. Die Geschichte ihrer eigenen Liebe war noch so jung und für Fremde ganz alltäglich; aber dennoch hütete sie schon in ihrem Schubfach Erinnerungskleinode, von denen sie sich um keinen Preis getrennt hätte: das waren doch nicht Tisch- und Tanzkarten, nicht welke Blumen und Schiffsbänder — das waren eben Dokumente ihrer Herzenserlebnisse.

Und hier warfen die Hände, die ihn selbst errichtet, den ganzen Tempelbau zusammen?

Aber sie wagte nicht näher nachzufragen. Jutta dachte angstvoll: ich muß es ihr irgendwie erklären. Ihr war, als gehe hier ein Unrecht vor, und eine junge unschuldige Seele werde des Zeuge.

„Ja, weil dieses Heim Geschichte, zu viel Geschichte für mich hat, mag ich nicht mehr darin bleiben,“ sprach sie. „Ich habe mich in der letzten Zeit sehr unglücklich darin gefühlt.“

„Das kann es geben,“ dachte Renate bestürzt. Zwischen ihr und dem Leben hingen goldene Schleier. Sie hatte immer gewähnt: Glück, wenn man es einmal besaß, hat ewige Kraft, wirkt in alle Zukunft hinein — läßt nie Leere aufkommen.

Immer kam Renate in strahlender Fröhlichkeit. Und still, das ganze Wesen von Mitleid und Nachdenklichkeit erfüllt, ging sie davon.

Aber für ihr wie für jedes junge Herz hatte alles geheimnisvoll und leidenschaftlich Traurige eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Jeden Tag kam sie deshalb wieder. Emmich hatte sein Bordkommando angetreten und war wochentags mit der „Thuringia“ zu Schießübungen auf See.

Die Geheimrätin ließ die Tochter gern gehen. Sie begriff: Kameradenfrauen — das war nun neu und wichtig für Renate. Und dann hatte sie auch Mitleid für Frau von Falckenrott. „Die ist ja krank vor Sehnsucht nach ihrem Mann,“ dachte sie herzlich.

Und Renate hatte so viel köstliche Gesundheit in sich. Die mußte jeder kranken Seele wohltun. Gerade die Geheimrätin hätte wissen können, daß die Kranken zuweilen die Gesunden vergiften ...

Nun war es keine Häuslichkeit mehr. Nun waren es nur noch Wände, vor denen die Stücke aus Holz und Polsterwerk standen, die vom Möbelhändler aus zu einer Einrichtung gehören.

Lauter klang der Schrei des Kindes in diesen kahlen Räumen. Und es war der jungen Mutter, als sei dringende Klage darin.

Härter hallte der Schritt vom teppichlosen Estrich wider. Ein Wanderschritt ...

Von den Wänden sahen merkwürdige helle Flächen. In den mildgetönten Tapeten gab es Quadrate, hoch und quer, klein und groß — da war das Papier noch stärker gefärbt — all diese Stellen halfen dem Gedächtnis, dort noch die Bilder zu sehen, die doch nicht mehr dahingen.

Alles, was auf Borden, in Schranknischen, auf Ziertischen gestanden an indischem Silber, chinesischem Porzellan, japanischem Cloisonné, war zwischen Heu in tiefen Kisten verschwunden.

Nur auf dem sonst schon kahlen Schreibtisch stand einsam das Bild des Mannes, der einmal hier der Hausherr gewesen war.

Es sah in all die Unwirtlichkeiten hinein.

Und Jutta wagte nicht, es anzutasten.

Vor diesem Bild hatte sie einst gesessen und sehnsuchtsvoll Lebendigkeit hineingesehen — bis ihr war, als leuchte aus diesen Augen Liebe, als kämen, vernehmbar, herzliche Trostesworte aus diesem Mund.

Dann waren Zeiten gekommen, in denen sie scheu an dem Bild vorbeisah.

Und zuletzt Tage, in denen es sie beleidigte, weil es nur noch die ungünstigen Ähnlichkeiten mit der Mutter aufzuzeigen schien.

„Was sind Karikaturen?“ dachte Jutta; „gar nichts Gefährliches sind sie. Sie entadeln uns wohl wie unter huschendem Blitz diesen oder jenen charakteristischen Zug; aber die Übertreibung löst alles so auf, daß das Komische einem doch die wahre Erscheinung nicht verdirbt. Verderblich sind nur die Ähnlichkeiten mit dem Banalen. Ein geliebter Mensch kann ohne Gefahr einem Raubvogel, aber darf nicht einem Haushuhn ähnlich sehen.“

Nun stand das Bild da und forderte einen Entschluß.

Es konnte hier nicht bleiben. Wenige Stunden noch, und derbe Männerfäuste würden den Schreibtisch forttragen.

Ich will es nicht mitnehmen, fühlte Jutta. Ihr war: dann reist die ganze Vergangenheit mit und alle diese marternden Fragen, die mich nicht zur Klarheit kommen lassen.

Sie wollte ja ganz frei sein. Ihr Frauenleben sollte noch einmal von vorn anfangen. Durch den Brief an Malte, deuchte ihr, hatte sie ihre seelische Freiheit auf eine ehrliche Art zurückgenommen.

Sie mußte noch einmal über sich entscheiden, ob sie ihres Mannes Frau wieder werden wollte — konnte — wenn er heimkam. —

Und wußte doch schon unter all diesen Gedanken, daß sie es nicht wollte — nicht konnte.

Nein, das Bild mußte zurückbleiben.

Es sollte gleichsam mit begraben werden in dieser tiefen Kiste, darin all die bunten und anmutigen Dinge ruhten, die ihm gehört hatten.

Und plötzlich, in all diese Empfindungen, die überschwer waren von Not um diehöchstenDinge ihres Lebens — ganz plötzlich tat es ihr leid, daß all die hübschen fremdländischen Sachen ihr nicht mehr mit gehören würden. Sie stand wie benommen vor Staunen, fast vor Entsetzen. Das gab es? Durch das von Trauer ganz erfüllte Gemüt konnte solcher Gedanke gehen? ...

Blitzte die Wahrheit vom ewig Gestrigen warnend auf? Würde sie immer und immer, und ginge sie ganz aus Maltes Leben fort, die phantastisch bunten und doch so traulichen Räume vor sich sehen, in denen sie mit ihm gewohnt hatte?

Wozu hatte sie sie dann zerstört? Sie begriff mit einem Male das Uneingestandene: sie hatte gewähnt, etwas ganz auslöschen zu können, als sei es niemals dagewesen. Und wußte jetzt: das kann man nicht ...

Sie nahm sich zusammen. Raffte sich aus der jammervollen Wehmut auf, die sie fassungslos machen wollte. Und schlug das einsame Bild sorgsam in Seidenpapier, damit es geschont und geschützt läge zwischen dem Heu, obenauf in der Kiste, die schon fast voll war von den hübschen bunten Dingen ...

Mit zitternden Händen mußte Jutta ein wenig umhertasten — ob nicht da unter dem Heu verborgen kantige Gegenstände waren, die das Glas des Bildes durchstoßen konnten ...

Nun war ein Platz geschaffen — eine sichere kleine Mulde — wie ein Bett ...

Sie paßte das Bild hinein ... da konnte es wohl sicher liegen ... Jahre und Jahre ... denn wer wußte, ob der Mann, dem dies alles gehörte, jemals den — Mut haben würde, diesen Kistendeckel, diesen — Sargdeckel zu öffnen ...

Sie schluchzte auf — sie stand noch zaudernd. — Und nahm das Bild und ging raschen Ganges, es in ihren Reisekoffer zu verstecken ...


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