VII
Über das gewaltige Bild des Sees, der ihn umschrankenden Alpen und des Himmels, der kein blaues Gewölbe war, sondern ins Unbestimmte verschwebender Äther, schien Silberstaub ausgeschüttet, der, von der Luft getragen, ruhig in ihr stand.
Das gab der Landschaft die Zartheit und das Unwahrscheinliche einer Vision. Vielleicht konnte sie sich jeden Augenblick in Dunst auflösen. Die dünnen Farben, die hinter dem Silberstaub angedeutet schienen, konnten ganz verlöschen, das blasse Blau dort oben, das tiefere hier unten versiegen. Und das, was zwischen beiden Welten von leichtem Blau stand, die phantastischen Silhouetten, die Riesenberge eines fernen Traumlandes sein mochten, konnten sich in nichts auflösen.
Dies Gemälde, das leise auf schimmernden, weißgrauen, rosig angehauchten Flor hingetuscht schien, hatte in der Nähe des Ufers einige kräftigere Töne. Da schuppten auf der überdünsteten Flut stählern blitzende Lichter auf und verloschen sofort wieder. Sie hielten dem Blick nicht stand. Sie zuckten da und dort und überall.
Die herbe Morgenluft roch nach Wasser. Aber es war auch der kräuterige Duft in ihr aus den Tannenwäldern, die den felsigen Berghängen grüne Farbe gaben.
Auf der Anlegebrücke von Territet standen wartende Menschen. Der Dampfer kam von Montreux her, und mit ihm sollte die Fahrt, an Villeneuve und der Rhonemündung vorbei, an all die Küstenorte des französischen Ufers gehen. Es war ein buntes Gemisch von Gestalten: Touristen im bekannten Aufzug der praktischen Häßlichkeit; Badegäste in blütenweißer Eleganz, Landleute mit Sack und Pack.
Frau Gervasius, in einem sandfarbenen Schneiderkleid, mit einem lila Hut voll Blumen und Fittichen, wirkte fast wie die ältere Schwester der beiden jungen Damen, was ihr Gatte auch schmunzelnd attestiert hatte.
Renate und Jutta hatten kurze weiße Kleider an und einfache flotte Strohhüte. Der Morgenkühle halber trug die junge Frau noch einen rohseidenen Staubmantel. Und es war niemand auf der Brücke, der die schlanke, blasse Frau nicht mit einem bewundernden Blick gestreift hätte.
Auch der Geheimrat, im Panamahut und hellgrauen Anzug von allerbestem Schnitt, wirkte, ohne es zu ahnen, sehr auffallend. Die weltmännische und diskrete Vornehmheit seiner Erscheinung war auf den ersten Blick ganz und gar Durchschnitt bester Gesellschaft. Aber sowie man das bartlose, kluge und sehr durchgearbeitete Gesicht und die scharfen Augen hinter den Brillengläsern sah, dachte man: das ist jemand!
Er fühlte sich höchst behaglich als Hüter seiner drei Damen und legte eine Kunst an den Tag, die Ferienstimmung zu genießen, daß man mit ihm guter Laune werden mußte, man mochte wollen oder nicht.
Und Jutta — wollte eigentlich nicht!
Sie verstand sich selbst nun vollends gar nicht.
In dieser neuen Umwelt, wo die Schönheiten jubelten wie allzu rauschende Musik, betäubten wie allzu starker Wein, hier, wo alles fast brutal auf die Sinne eindrang und sich ihrer bemächtigte — hier schien es Jutta, als seien die letzten Monate voll Kampf und Not nur ein Traum gewesen.
Und sie glaubte es sich schuldig zu sein, unter ihrer Wirklichkeit fortwährend zu leiden. Sie begriff nicht, daß das menschliche Herz sich gegen einen gleichmäßig fortdauernden Druck wehrt und ihn zeitweise abstoßen muß, um überhaupt weiter schlagen zu können.
Der Geheimrat gab sich besondere Mühe mit ihr, das merkte sie bald. Dafür wollte sie dankbar sein, ihm das Lächeln zeigen, das er zu sehen wünschte. Die Güte hatte auch etwas Beschämendes — sie war wie ein Geschenk an die unrichtige Adresse. Denn Jutta spürte wohl: man ging von dem Glauben aus, daß sie sich nach ihrem Gatten sehne. Daß sie unter einem zwar starken, aber ganz klaren Gefühl leide.
Und sie versuchte die Wahrheit tief zu verstecken ...
Acht Tage hatte man sich der tatenlosen Freude ergeben, hier zu sein. Das Bewußtsein: Ferien! genügte. Das Auge war von dem in jeder Beleuchtung neuen Bild bis zur Anstrengung beschäftigt.
Aber bei dem Hinaufschauen war besonders den beiden Jungen, Renate und Jutta, der Wunsch gekommen, all diese lieblichen Stätten, die sich im blauen Seewasser spiegelten, nach und nach zu besuchen.
Und heute waren Geheimrats in der Morgenfrühe von Caux mit der Drahtseilbahn herabgekommen, und Jutta, ihr Kindchen in Marthas eifervolle Hut gebend, hatte sich im scharfrasselnden Einspännerchen herabfahren lassen.
Nun standen sie hier und sahen in den dünnflüssigen, silbrigen Schimmer des Morgenbildes hinaus, indes mit emsigem Puckern und geschwätzigem Rauschen das Dampfschiff herankam, mit dem derben Weiß seines Ölfarbenanstriches ein plumper Fleck in all dem zarten Zusammenklingen und Ineinanderfließen.
„Merkwürdig,“ sagte Jutta, „es ist mir, als wäre es ein großes Erlebnis, daß wir nun an das andere Ufer fahren. Ich hatte eine förmliche Sehnsucht danach.“
„Das ist vielen Menschen eigen,“ bemerkte der Geheimrat, „sie sehnen sich immer ansandereUfer. Und fühlen sich um was betrogen, wenn sie da angekommen sind. Das sind die mit den wandernden Seelen. Sollte meine liebe verehrte neue Freundin auch solche Wanderseele haben?“ fragte er neckend.
Jutta wurde rot.
Sie sprach ein paar ableugnende Worte. Der Lärm, den der Dampfer machte, verschlang sie. Das Wasser brodelte grünweiß. Man wurde ein bißchen gedrängt und gestoßen und fand sich dann in einer Reihe, wie auf der Schulbank sitzend, wieder. Das Sonnensegel war gespannt. Man saß sehr angenehm. Renate schob leise ihren Arm in den der Freundin. Der Geheimrat hatte Jutta rechts, seine Frau links.
„Die Vorstellung kann unsertwegen beginnen,“ sagte er. „Wir haben bezahlt und warten auf das Klingelzeichen!“
Die Schiffsirene stieß einen greulichen Wutlaut aus, und wie ein störrisches Pferd begann das Boot sein Hinterteil zu drehen. Die Ufer glitten. Sie lagen im Schatten. Nur dort, über Villeneuve hinaus, in der östlichen Ecke des Sees, kam aus dem Rhonetal ein Sonnenstrom, er brach heraus zwischen den himmelanragenden Schranken der Gebirge, die ihn zu leiten und zu bändigen schienen, als seien sie ein Riesenkanal des Lichtes. Und im Bande dieses Sonnenstromes wälzte sich die gelbe, weißkochende Wassermenge des Flusses und strudelte hinein in das Blaugrün des Sees. Ein kurzer Kampf der Farben, umschäumt von aufbrodelndem Gischt. Und dann hatte der Riesenmund den breiten Faden des Stromes ganz verschluckt.
Eine Zeitlang unterhielten Jutta und Renate sich damit, an der schroffen, bewaldeten Bergwand, hinter dem wasserumspülten, klobigen, grauen Gemäuer des alten Schlosses Chillon, das Dach und ein paar Fenster ihrer Pension herauszufinden.
Aber die Landschaft drehte sich, als sei sie eine Wandeldekoration, die um den festen Mittelpunkt des Schiffes sich in langsamem Schwung hinziehe. Und das kleine Baufragment, das zwischen den Wipfeln herausgeschaut hatte wie ein Gesicht, das halb über den Zaun guckt, verschwand.
Im selben Moment bekam Jutta eine Angstempfindung. Weil sie das Dach nicht mehr sah, unter dem ihr Kind schlief ... Vielleicht deshalb. Sie wußte es nicht. Sie fuhr auf.
„Könnte ich aussteigen, könnte ich zurück, mir ist mit einem Male, als müßte etwas geschehen ...“
„Aber, liebe Frau! Ihre Martha ist eine Perle, die paßt wie ein Wachthund auf,“ tröstete die Geheimrätin.
„Pomade!“ mahnte der Geheimrat und ergriff Juttas Arm. „Nur immer Pomade!“
Er wußte ja Bescheid mit den grundlosen Nervositäten von Frauen.
Renate drückte sich schmeichelnd an die Freundin.
„Das Kind ist unruhiger, als es früher war,“ sprach Jutta vor sich hin.
„Die neue Nahrung ...“
„O nein — das kann nicht sein ... ich habe den Apparat mit — ich mische und sterilisiere die Milch selbst — ganz nach Vorschrift — heute bin ich um fünf aufgestanden, um es noch vorher zu machen.“
„Sie sind eine prächtige Mutter!“ lobte Frau Gervasius, „aber übertrieben muß man auch nicht mit der Angst sein.“
„Ja — ja — es ist Unsinn ...“ murmelte die junge Frau ...
Der feine Silberduft über dem See und den nahen Ufern löste sich mehr und mehr auf. Nur die Ferne blieb in der zarten Ungewißheit, in bläulich heller Verschwommenheit.
Jetzt kam Bouveret. Im Schatten lag es. Man sah ausdrucksvolle weiße Hausgesichter unter dunkelgrünen Kastanienriesen. Und dahinter das aufsteigende Massiv des Gramont.
Am Ufer ging die Straße hin, steigend und fallend, je nachdem sie dem Gelände den Raum abtrotzen konnte. Wie Spielzeug, von Maultieren gezogen, die Führer als kleine Figürchen daneben, bewegten sich Karren auf der Straße entlang.
Der feine Turm von St. Gingolph kam in Sicht. Am abschüssigen Ufer klammerte sich das Städtchen an die Felsen.
Die Reisenden saßen schweigend und nahmen die Bilder in sich auf. Gervasius’ hatten nicht die Angewohnheit der Ellbogen und der stimmkräftigen Bewunderung. Sie stießen sich nicht auffordernd an und sagten nicht mit Augenaufschlag „o Gott“ zu den überraschenden Schönheitsakzenten. Sie fühlten von selbst, einer auf den anderen die Stärke seiner Empfindung übertragend, daß sie gemeinsam sich dankbar und staunend erhoben.
Einmal sahen Mutter und Tochter sich an und wußten, daß sie sich nicht nur mit ihren Blicken trafen. „Wäre Emmich hier,“ dachte Renate. „Wie wollte ich ihr gönnen, daß sie Emmich hier hätte,“ dachte die Mutter.
Und Jutta spürte, daß sie, obgleich Arm in Arm mit der Freundin sitzend, doch allein war.
Die beklemmende Unruhe, die sie vorhin so jäh und grundlos überfallen, wollte nicht still werden. Sie wußte gewiß, in einem starken Vorgefühl: es wird etwas passieren.
Sie wollte es niederzwingen. Ja, wirklich — es war Unsinn — was sollte denn geschehen?
Das Kind war gut betreut.
War vielleicht der ferne Mann von einem Unheil bedroht? Ja, ein kleiner, unscheinbarer Wanderer war unterwegs nach ihm — der Brief — er reiste jetzt über Länder und Meere und brachte ihm Kummer ... Aber es waren erst vierzehn Tage, seit sie ihn geschrieben hatte ... Er war noch ahnungslos ...
Die tausend Gefahren, mit denen sein Beruf jeden Tag den Mann bedrohte, waren in Juttas Vorstellung infolge der Gewohnheit nicht mehr etwas so schreckhaft Deutliches, daß sie dadurch beunruhigt wurde ...
Ich bin nervös, fühlte Jutta.
Sie dachte mit Vorsatz immer vorbei an dem einen, dem vielleicht in Wahrheit all ihre Unruhe galt.
Gerade in diesen Tagen konnten ihre Gedanken ihn nicht präzise suchen.
„Wir werden, wir dürfen uns nicht sehen. Aber ich bin immer in Ihrer Nähe —“ hatte er gesagt.
Bei ihrer Ankunft in der Pension hatte sie einige wenige Zeilen von ihm gefunden. Aus Genf. Zeilen, in denen alles, was zu sagen war,zwischenden Worten stand. Und er berichtete ihr, daß er eine kleine Reise zu machen habe, dann nach Genf zurückkehren und von dort über Bonneville nach Chamonix fahren wolle.
„Mit ängstlichem Vorsatz an mir von fern vorüber ...“ dachte sie. Ihn in der Gegend zu wissen, hatte zugleich etwas Beruhigendes und Aufreizendes.
Und manchmal schien ihr, als sei ja nun schon alles anders geworden, als sei der Zwang, sich meiden zu müssen, aufgehoben, weil sie ihrem Mann die Wahrheit gestanden ...
Emsig rauschte das Schiff. Die Uferbilder zogen langsam vorbei wie Schaustücke, in denen alle Reize gehäuft erscheinen.
Man näherte sich dem Ziel. Evian lagerte sich lachend und imposant an dem hier breiteren Rand hin. Am Kai, der sich über die Stadt hinaus zur Promenade verlängerte, standen die Platanen in endloser Reihe. Ihre dicken, hellen, bizarr moosgrün- und braungefleckten Stämme glichen einer unabsehbaren Säulenlinie. Weiße, palastähnliche Bauten reihten sich dahinter aneinander. Straßeneingänge öffneten sich zu emporführenden Gassen mit schmalen Bürgersteigen. Die Stadt schien sich steigend bis zum Prunkgebäude eines Hotels zu gipfeln.
Munteres und malerisches Leben war am Strand. Fischerbarken lagen da, auf denen eifrig hantiert wurde — in schweren Körben schaffte man die silberschuppige Frühbeute landwärts. Segeljachten, schlank und leicht, mehr für Spiel als für ernsten Sport, fast nur wie große Skier anzusehen, wiegten sich leise an ihren Ringen. Ein Dampfschiff löste sich gerade strudelnd von der Brücke, um dem ankommenden Platz zu machen. Auf der Anlegebrücke und auf dem Kai standen und gingen Badegäste. Sehr helle Farben beherrschten das ganze Bild, und es schien, als käme vom See her ein beständig vibrierender Reflex und gäbe ihm flimmernde Unruhe und vermenge doch zugleich alle Farbenwerte auf das unentwirrbarste.
Der Geheimrat übersprach noch einmal das Programm: „Also ihr, meine Damen, ihr tut das eurem Herzen doch allernächste: ihr guckt euch die Läden an ... Pariser Ableger — leider — Frau, ich baue auf deine vielbewährte Selbstbeherrschung ... zügle die Gelüste deiner Tochter. Um dein Ansehen zu wahren, sage ich nicht: auch deine eigenen! Eine Mutterhatkeine Gelüste — wenigstens in der Meinung der Kinder. Sie, meine verehrte Frau, haben Ihr Baby nicht bei sich — können also so unvernünftig sein, wie es Ihnen beliebt.“
„Papa, ich hab’ nur noch zwanzig Franken — aber die geb’ ich aus, wenn ich was Niedliches für Emmich finde.“
„Wenn du meinst, daß rauhe Seemänner geeignete Empfänger für Niedlichkeiten sind! Und wenn du sicher bist, morgen eine neue Geldquelle zu finden ...“
„Todsicher!“ und Renate hängte sich in ihres Papas Arm, um ihm vorweg seine angestammten Bankierspflichten angenehm zu machen.
„Ich sehe mir mal unterdessen die hydrotherapeutische Anstalt und die Bäder an. In einer Stunde können wir uns oben im Hotel treffen. Aber mehr als das akademische Viertel gebe ich euch nicht. Wenn ihr dann nicht da seid, esse ich allein.“
„Wir sind präzise,“ versprachen Frau Gervasius und Jutta aus einem Munde.
So trennte man sich. Der Geheimrat ging den Kai entlang, an dessen äußerstem Ende, auf hohem Sockel, der General Dupas mit feldherrnmäßiger Geste den bronzenen Arm in die Seite stemmte, während hinter seinem metallenen Dreimaster die duftige Ferne blaß dämmerte. Hier am Kai lagen die Anstalten, die der Geheimrat besuchen wollte.
Sehr langsam wanderten die Damen in die Stadt hinauf. Sie sahen bald: die Prachtbauten am Ufer waren wie eine neue Fassade vor einem alten Haus. Drinnen im Städtchen, im krassen Gegensatz zu allem breiten architektonischen Prunk, gab es noch schmale, düstere, kleine Gassen. Und ganz eng war die, die sich auf mittlerer Höhe hinzog und Laden an Laden zeigte. Wäre dieser merkwürdige Rahmen nicht gewesen: die Gasse mit dem bedrängten Raum, die Fronten kümmerlicher Häuser, die Schmalseite der Auslagen: man hätte sich wirklich nach Paris versetzt fühlen können. So viel Luxus lag hinter den Fenstern für Käufer bereit: Schmuck und Antiquitäten und alles, was überkultivierte Menschen zur Pflege ihres Körpers etwa brauchen könnten.
Eine weltstädtische Menge drängte sich in der schmalen, verschatteten Straße. Sie hatte den ausgesprochenen Charakter der Pariser auf Reisen. Merkwürdige Morgenanzüge sah man bei den Herren — Rock, Weste und Sakko von drei verschiedenen Farben und Stoffen; viele trugen auch nur das seidene, farbige Hemd mit buntem Gürtel unter dem Rock, den die Hände, die in den Hosentaschen stachen, zurückrafften. Andere waren ganz in Weiß gekleidet. Die Eleganz der Damenwelt hatte mehr Einheitlichkeit und war von einer farbenfröhlichen Grazie bestimmt. Man stand in lachenden Gruppen zusammen und war unbegreiflich laut. Man flanierte hin und her.
Die drei Damen standen vor den Schaufenstern. Frau Gervasius schlug vor, man wolle straßauf, straßab erst einmal alle Auslagen betrachten.
Die Verlockungen waren stark. Überall schien eine Fülle großartiger Gegenstände für die volle Börse bereit; überall auch eine unübersehbare Menge von entzückenden Kleinigkeiten, an denen überraschend niedrige Preise standen.
Aber wenn die kauflustige Renate dann in den Laden selbst kam, erwies es sich, daß man gar nichts fand. Das Schöne war phantastisch teuer, das Wohlfeile von plattem Geschmack, spielerisch, von übler Unechtheit des Materials. Auch zeigte es sich, daß sich in den Magazinen keine Vorräte häuften, daß eigentlich, außer den im Fenster ausgestellten, nichts da war. Renate zeigte Enttäuschung und Ungeduld, die ihre Mutter und Jutta zu teilen begannen. Man mußte doch irgend etwas finden ...
Und in dem Shoppingeifer vergaßen die Frauen Zeit und Hunger.
Bis es plötzlich der Geheimrätin zum Bewußtsein kam, daß es gewiß lange zwölf Uhr sei. Natürlich! Nun hieß es rennen.
„Papa darf nicht den Triumph unserer Unpünktlichkeit haben.“
„Ach, Mama, es ist gleich halb eins,“ sagte Renate.
Nun, wenn die Sache also doch verloren war, konnte man sich die Eile bergan sparen.
In schicklichem Tempo wanderten sie die Wege zur Terrasse des Hotels hinan.
Da oben, unter der weit vorspringenden, orange und weiß gestreiften Markise, an deren Fransenbehang ein Lüftchen entlang spielte und leise Bewegung unterhielt und die vielen gedeckten Tischchen in den Schutz ihres Schattens nahm, da oben saß der Geheimrat barhäuptig. Sein Panamahut hing an einem Pfeiler der Glaswand, die hinten in seinem Rücken war.
Er war aber nicht allein.
„Papa ißt richtig schon,“ schrie Renate beinahe.
„Wer mag da bei ihm sitzen?“ fragte sich die Geheimrätin — „er findet auch überall Bekannte.“
„Vielleicht hat einer der Ärzte aus der Anstalt sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit Papa mal zu sprechen,“ meinte Renate. „Ja, wahrhaftig — Papa ißt ...“
Jutta sah es auch: der Geheimrat schien zu speisen —ersprach aber nebenbei zu dem Herrn, der den emporsteigenden Damen den Rücken zuwandte ...
Ein hochgewachsener Herr — im ganz hellen Vormittagsanzug — einen modisch zurechtgebogenen, kleinen Panama auf dem blonden Kopf.
Und Jutta folgte den beiden Frauen mit schweren Füßen, mit versagenden Knien.
Dennsiewußte es auf der Stelle, wer das sein müsse ... sie wußte es, noch ehe sie wirklich die Ähnlichkeit der Silhouette hatte mit festem Blick nachprüfen können ...
Nun hatten sie die oberste Terrasse erreicht. Und der Geheimrat winkte ihnen schon mit der Hand entgegen.
Sie schritten über den fast leeren Platz, durch die Gasse der noch unbesetzten Tische, denn die Speisestunde der ständigen Gäste lag ein wenig später.
Der Geheimrat erhob sich. Mit ihm der andere — den Gelehrten weit überragend.
„Herr Legationsrat!“ sagte Frau Gervasius überrascht. „Welch ein Zufall.“
Der Geheimrat, der den in der am Kai spazierenden Menge von ihm Aufgefischten wohlwollend und gewissermaßen vorführend am Arm gefaßt hielt, nahm die Antwort vorweg.
„Zufälle negiere ich. Auch hier. Nichts konnte natürlicher sein, als daß ich Herrn von Gamberg traf ...“
„Der von seinem neuen Vorgesetzten zu einer Besprechung herberufen wurde,“ ergänzte Gamberg selbst und küßte den Damen die Hand. „Exzellenz Plaß braucht hier die Kur.“
Nun hielt er Juttas Hand in der seinen. Er fühlte: ihre kalten Finger zitterten ... Ihre Blicke trafen sich. Die seinen hatten ihr sagen wollen: „vergib — dies ist nicht meine Schuld.“ Er las in dem ihren eine vollkommene Fassungslosigkeit.
Um ihr zu helfen, wandte er sich gleich sehr lebhaft an die Geheimrätin, die schon eifrig fragte, ob die Gräfin Plaß auch hier sei, und ob sie die zwanglose Liebenswürdigkeit des Umganges sich bewahrt habe, mit der sie früher in Kopenhagen alle Menschen zu bezaubern verstand.
„Papa, ich finde es schändlich, daß du ohne uns zu essen begannst.“
„Mein Kind,“ sprach der Geheimrat, „ich hatte euch das akademische Viertel gelassen. Es war überschritten. Zu Hause habe ich nichts zu sagen. Ich genieße es als Ferienerholung, meine Herrenstellung zu betonen.“
„Alles dreht sich zu Hause um ihn, einfach alles,“ versicherte lachend die Geheimrätin.
Inzwischen entdeckte Renate aber, daß ihr Papa keineswegs das Menü des Gabelfrühstücks in Angriff genommen hatte, sondern sich zur Beruhigung seines dringlichen Appetits nur mit einigen Ölsardinen befaßt haben konnte.
Man scherzte lebhaft, und der Geheimrat sprach von Pseudomännlichkeit, die sich zu keiner freien Herrentat mehr aufzuraffen vermöge und nur leer drohe. Jutta sah auch, daß fünf Gedecke auf dem Tisch standen, und begriff, daß Herbert die nächsten Stunden mit ihnen verbringen werde.
Sie hörte es auch gleich.
„Aus der Dringlichkeit, mit der ich Herrn von Gamberg einlud, mit uns zu frühstücken, muß er geschlossen haben, wie schlecht es mir allein unter drei Frauen geht. Macht-, willen-, hilflos — ganz und gar.“
„Glauben Sie ihm kein Wort,“ sagte Jutta. Sie hatte sich in die Hand bekommen — ihre Miene, ihre Stimme.
„Mit Frau und Tochter würde ich schon fertig. — Als man mir verhieß, ich dürfe unsere Freundin ein wenig mitan— ich sage nicht:in! — meinen Vaterarm nehmen, war ich sehr befriedigt. — Nicht wahr? Das versteht sich. Wer so viel mit brüchigem Weibstum sich abplagen muß, kann wohl schmunzeln, wenn er mal eine schöne Dame behüten darf. Aber mit dieser schönen Dame werde ich auf das unerhörteste tyrannisiert! Immer, wenn ich zu irgendeiner Sache keine Neigung habe, heißt es: aber Papa — wegen Frau Jutta mußt du ... Und muß dies und muß das. Und mußte heute früh um sieben Uhr vom Hochgebirge niedersteigen, weil die schöne Dame Sehnsucht ans andere Ufer hat.“
Und diese Klage wurde eine Huldigung durch Ton und Blick. Man lachte.
Der Geheimrat unterbrach den Vortrag über seine schlechte Stellung durch eine Frage.
„Sollte Frau von Falckenrott in ihrer ahnungsvollen Nervosität vorausgefühlt haben, daß sie hier einen besseren Kavalier fände, als ich einer bin? Bei der neuen Freundin abgesetzt! Bei der Tochter abgesetzt! Frau, mein vielenttäuschtes Herz flüchtet zu dir.“
„Ich bin aber keine Lustspielfrau, die verzeihend im Schlußbild die Arme öffnet, wenn der Schwerenöterfaut de mieuxreuig begeistert ausruft: Alte!“
Jutta saß mit blassen Lippen. Sie wußte, der Geheimrat scherzte harmlos. Er jonglierte gern ein bißchen mit einer Neckerei.
Und doch traf es sie. Ja, sie hatte es gewußt ... daß man einem Erlebnis entgegenfahre ... Solch drohendes Vorgefühl hatte sie jäh übermannt.
Die Mahlzeit wurde aufgetragen. Gang um Gang. Sie war für feinschmeckerische Menschen gefällig anzusehen und zu essen. Der schwerflüssige, duftende Ivorne, der die Feurigkeit des weißen Bordeaux mit der Poesie der Rheinweine vereint, leuchtete gelbgolden in den feinen Gläsern.
Ein linder Hauch, kaum Wind zu nennen, spielte durch die Luft und blies ihre Hitze fort.
Drunten stieg das am Hang klebende Gehocke der Häuser nieder und wurde von den Wipfeln der Platanen wie von einem grünen Strich gegen den See abgegrenzt.
Der blaute weit hinaus, eine Fläche von durchleuchtetem Glas. Und ganz fern, mehr geahnt als gesehen, am Jenseitsufer, schimmerte Lausanne.
Der Himmel war nun ein saphirnes Gewölbe geworden und prangte in den Vollfarben der Mittagshöhe. Ja, das war eine gute Ferienstunde. Aber vielleicht wurde sie doch nur von dem Ehepaar in ihrer völligen Schönheit genossen.
Renate verstummte allmählich. Und Jutta hatte sich von vornherein nur gezwungen, zuweilen ein karges Wort, das unbefangen klingen sollte, in die Unterhaltung zu werfen.
Die führte nun Herr von Gamberg mit dem Geheimrat unter der aufmerksamen und mitsprechenden Teilnahme seiner Frau. Sie redeten eifrig über einige politische Fragen, die eben den Tag bewegten.
Renate sah die Freundin an. Wie blaß sie wieder war. Und ein wenig senkrecht zusammengezogen war die Stirn — zwischen den Brauen, über der Nasenwurzel stand wieder diese Falte, die dem Gesicht jenen Ausdruck strenger Leiden gab ...
„Wüßte ich nur, was diese unruhige und geheimnisvolle Traurigkeit bedeutet,“ dachte sie. „Sie hat doch auch gejubelt — damals, als sie Braut wurde ... und gedacht, sie könne immer froh bleiben in Liebe, auch wenn er weit, weit fort sei.“
Es war so beängstigend, zu sehen, daß Liebe nicht immer zum Glück führt ...
Und seltsam beklemmend mischte sich dies in die starke Sehnsucht, die sie nach dem fernen Verlobten hatte ...
Zuweilen ging ihr Blick von dem bleichen, ausdrucksvollen Gesicht fort und verlor sich in die Weite ... und all die weitgespannte Schönheit, die dann auf sie zuzuwallen schien, überwältigte sie. Wo war Emmich jetzt?
Tränen traten in ihre Augen ...
Jutta sah vor sich hin. Sie horchte der ruhevollen, männlichen Stimme und dem politischen Gespräch nach, ohne bestimmte Worte aufzunehmen. Ihr, der heimlich Zitternden, tat es wohl, zu spüren: der Mann beherrschte sich und die Lage.
Allmählich stieg ein heißes Glücksgefühl in ihr auf. Er war da ...
Das Leben hieß nicht mehr: warten!
Ungern schnitt der Geheimrat in die für ihn harmonische Stunde mit einem Gedanken an die davonlaufende Zeit hinein. Aber Programme, sagte er, müßten innegehalten werden, wenn man von Zug- und Dampferverbindungen abhinge, und wenn eine junge, übersorgliche Mutter schon bei Antritt der Fahrt von allerlei Ängsten befallen wurde, also gewiß Wert darauf lege, pünktlich heimzukommen.
Und dabei sah er Jutta herzlich und zugleich voll Achtung an.
„Diesen Mann geben wir aber nicht sogleich wieder frei,“ bestimmte er heiter, indem er seine Hand auf Gambergs Schulter legte. „Ihre Rückreise nach Genf hängt von gar nichts ab als von Ihrer Laune. Ihren Botschafter haben Sie ausführlich gesprochen, Ihrer Botschafterin einige Tage lang getreulich die Schleppe getragen. Was zieht Sie nach Chamonix? Ich rate Ihnen dringlich ab. Ich versichere Sie, der Montblanc ist schon im Begriff grau zu werden vor Entsetzen über all die Hotelküchendüfte, die das Tal zu seinen Füßen erfüllen. Wegen der durchrasenden Autos können Sie kaum auf der Straße spazieren gehen. Auf den Höhen aber ist Jahrmarkt. Ein Schützenfest ist eine Nachtstille gegen den Trubel auf Montanvert am Mer de glace. Bleiben Sie hier, oder vielmehr — kommen Sie zu uns nach Caux, oder nehmen Sie Wohnung in Glion, da sind Sie halbwegs zwischen uns und Ihrer Frau Cousine, die übrigens keine verwandtschaftlichen Gefühle an den Tag legt. Sonst würde sie ihre Überredungskünste spielen lassen ...“
„Ja, wirklich,“ sagte die Geheimrätin anstatt ihrer. „Bleiben Sie ein paar Tage in unserer Nähe. Ich meine auch, es würde die oft so ernste Stimmung unserer lieben Freundin aufheitern, wenn Sie sich einmal mit einem Verwandten aussprechen kann.“
Er fühlte: dieser Aufforderung mußte augenblicklich Antwort werden — entweder ein freundlich begründetes Nein oder ein zwangloses, unauffälliges Ja.
Er sah Jutta an ...
Und er sah in ihren Augen ein heißes, dringendes: Bleibe!
„Die Gemeinde Chamonix wird Sie verklagen, Herr Geheimrat, weil Sie den Zustrom von Fremden ablenken,“ sprach er; „nach solcher Schilderung würden Sie mich ja für geschmacklos halten, wenn ich nicht mit Ihnen führe.“
Man stand auf. Der Geheimrat ging ins Hotel, um zu bezahlen und den Weg nach dem Bahnhof zu erfragen.
„Weit. Heiß. Ansteigend!“ verkündete er dann. „Also Wagen.“
Und es schien, daß Gervasius’, ohne Worte darüber zu wechseln, aus einer selbstverständlichen Annahme heraus, es für Juttas Wunsch hielten, mit dem Mann zu fahren, der ein wenig ihr Verwandter, aber jedenfalls auch ein Jugendbekannter war.
Die Geheimrätin verteilte die fünf Personen auf die beiden vorfahrenden offenen Wagen, und so stiegen Jutta und Gamberg in den zweiten, während im ersten der Geheimrat, auch gegen die eigene junge Tochter galant, auf dem schmalen Rücksitz sich unterbrachte, wobei sein Panamahut sich am Rocksaum des Kutschers scheuerte.
Bergab und -auf zog sich das weißstaubige Band der chauffierten Straße, über zehn Minuten hatte man zu fahren. Die Stadt blieb zurück. Ab und zu klebte eine Villa am jäh zum Wasser sich senkenden Hang; mit ihrem Dach und ihren obersten Stockwerken sah sie über den Waldessaum empor, mit ihrem Fundament wurzelte sie tief darunter im Felsen. In der beizenden Helle lag tiefab der See, und ein Silbergeriesel ging in zartem Gleichmaß der Bewegung über seine Fläche.
Jutta fühlte sich wie betäubt. Ihr war, als sei dies mehr, als sie zu bewältigen vermöge: der Überreichtum dieser Landschaft und darin die Nähe des geliebten Mannes ...
„Verzeihen Sie mir — ich habe diese Begegnung nicht gesucht ...“
Er nahm ihre Hand und drückte sie und ließ sie rasch wieder.
„Ich weiß es.“
„Und ich habe Ihren Blick verstanden? Nun, da es sich so getroffen hat — nun darf ich in Ihrer Nähe bleiben?“
„Ja.“
„Wenige Tage — geschenkte Tage — die Gegenwart der gütigen, vornehmen Menschen, die Ihre Freunde sind, gibt uns diese Freiheit.“
„Ja.“
Sie wußten es beide: tausend Rücksichten waren ihnen auferlegt, sie durften nicht in stolzer Leidenschaft, die Welt verachtend, aufeinander zustreben.
Nicht Feigheit band sie — Achtung vor einem, der fern war und noch an sein Glück glaubte.
Sie dachten beide an ihn. Das zwang sich ihnen auf, ungesucht, fast gegen ihren Wunsch. Kein Gedanke hatte ihn gestreift, als sie gespannt, in jener unerträglichen Steigerung der Sehnsucht zueinander, die die Gegenwart ahnungsloser und hemmender Menschen großstachelt, bei Tisch zusammengesessen. Da war ihr Blut schwer gewesen vor Angst, daß sie auseinandergehen müßten, ohne sich zeugenlos sprechen zu können.
Und kaum war ihnen das bißchen Einsamkeit geschenkt, das ein offener, emsig die Straße entlang klappernder Wagen gibt, so waren sie wie beherrscht von dem einen Gedanken an den Mann ...
„Ich habe an Malte geschrieben,“ sagte sie, aus diesen Gedanken heraus.
„Die Wahrheit?“ fragte er rasch.
Schon fühlten sie beide, als ob es eine solche gäbe ...
Und waren doch vor drei Wochen in quälender Ungewißheit auseinandergegangen, damit ihre Seele sich Klarheit suche ...
„Ich habe ihm gesagt, daß ich glaube, mein Herz sehnt sich nicht mehr nach ihm ...“
„O — du ...“
Es riß den Mann hin — ihm war, als habe sie sich mit diesen Worten ihm schon versprochen ...
Er preßte ihre Hand — vereint blieben ihre Hände in den Falten ihres Kleides, auf dem Sitz zwischen ihnen ...
„Aber er,“ flüsterte Jutta, „er weiß es noch nicht ... Wie seltsam ... wie es alles schwer macht ...“
„Ja. Hart. Für ihn und uns. Phantastisch fast ... wie das Fallen eines Sterns — wenn das Auge es erblickt, ist der Sturz längst vorbei ...“
Er sah in schwerem Sinnen vor sich hin.
Und Juttas Gedanken wanderten dem kleinen papiernen Unheilsboten nach ...
„Solange er nichtweiß, was ich ihm sagte, habe ich es noch nicht fürihngesagt,“ dachte sie.
„Mein Leben ist nun, als schwebe es haltlos,“ sann sie weiter, „haltlos zwischen zwei Zuständen. Ich habe etwas hinausgerufen — aber der Schall ist noch nicht angekommen.“
Und mit ihrem ganzen Wesen horchte sie gleichsam ins Unbestimmte hinaus ...
Wie das alle Nerven anstrengte und überreizte ...
„Aber wir wollen uns dieser Tage freuen,“ sprach Herbert.
„Schön ist es ... schön ...“ und mit einem furchtsamen Ausdruck, erschauernd setzte sie hinzu: „Fast zu schön.“
Das Üppige aus dieser Umwelt kam auf sie zu wie lauter Versuchung.
Sie sahen sich an.
„Du bist mein!“ sagte sein Blick mit einer ruhigen, großen Bestimmtheit.
Um sie her ging aber der Tag und seine Regie weiter. Für dieses Mal war der Geheimrat der Spielleiter. Und er stand schon da, um Jutta die Hand zum Aussteigen zu reichen, als der Wagen am niedrigen, langgestreckten Bahnhofsbau vorfuhr.
Man war ein wenig knapp vor Einfahrt des von Thonon kommenden Zuges angelangt. Und nun wurde in aller Hast, beim Einsteigen und noch aus dem Coupéfenfter heraus, besprochen, daß also Herr von Gamberg morgen — nein, nicht schon morgen, er müsse sich bei Exzellenz Plaß abmelden und in der Tat ein Wiedersehen mit seinen Koffern in Genf feiern — schön, also übermorgen mit Frau Jutta und den drei Gervasius zusammen einen Ausflug nach Rocher de Naye machen werde. Er könne in dem Hotel absteigen; es liege zehn Minuten von Juttas Pension entfernt und gleich ihr scheinbar im Bergwald versteckt, während man doch einen zauberischen Blick über den See habe.
Der Geheimrat, um seine derzeitige Befehlshaberstellung auszukosten, wie er sagte, ordnete alles genau an: wann Herr von Gamberg übermorgen früh mit dem Wagen Frau Jutta abholen solle, um mit ihr nach Glion hinaufzufahren, wo man die Zahnradbahn nach Rocher de Naye zu nehmen habe; sie, die drei Gervasius, würden an der Station zur Stelle sein und sich zu den Freunden gesellen.
Neben dem Kopf des Geheimrats, der das Fenster besetzt hielt, sah Jutta ein wenig von dem auf dem Bahnsteig Zurückgebliebenen. Und dann schien er einfach fortzugleiten, als schöbe man ihn wie ein Versatzstück weiter. Der Zug rollte davon.
Sie sank, eine ganz Erschöpfte, in eine Ecke der Polsterbänke.
„Wir sind allein. Also jedem eine Ecke zur verspäteten Mittagsruhe bis Bouveret,“ befahl der Geheimrat, dem es selbst sehr um ein halbes Stündchen in Gedankenlosigkeit und mit geschlossenen Augen zu tun war.
Ja, denken, denken — nicht mit Blick und Lachen und Wort heucheln müssen, ersehnte Jutta.
Jeder saß in seiner Ecke. Renate blinzelte noch einigemal lustig zu ihrem Vater hinüber, weil er aus seiner Tasche ein frisches weißes Tuch nahm, entfaltete und über seinen Kopf deckte, ehe er wagte, ihn anzulehnen. Seine Tochter wußte: er pflegte ungefähr in jeder Tasche ein Tuch zu haben, und sie neckte ihn mit seinem Widerwillen gegen Dinge, an denen jedermann seine Spuren lassen konnte, und meinte: „Papa, du solltest auch im Leben die Gummihandschuhe tragen, die du beim Operieren anhast.“
Er drohte ihr mit dem Finger und sagte: „Du Krabbe!“
Dann waren sie alle still, und die Geheimrätin schlief sogar mit bemerkbaren Atemzügen, von denen ihr Mann nachher verleumderisch sagte, es wäre Schnarchen gewesen.
Jutta besann sich — ja, es war kein Phantasieerlebnis — sie hatte ihn gesehen, gesprochen, den Druck seiner Hand gefühlt. Er würde kommen — all diese betäubende Schönheit der Welt war wie ein tumultuarisches Vorspiel gewesen, alles würde nun klar und groß und sicher: er kam! ...
Aber wie: wenn es ihn reute? Wenn er nur zum Schein, um nicht durch eine Weigerung aufzufallen, weil ihm keine Gründe zur Hand gewesen waren, gesagt hatte: ich komme!
Wenn nun morgen ein Telegramm käme — ein Brief — eine Telephonnachricht — daß er fortbliebe!
Aus Vorsicht — wegen der Welt — um auch nicht von fern den Anlaß zu einem Gerede zu geben? Oder aus Rücksicht auf Malte? ...
„Oh,“ dachte Jutta leidenschaftlich, „ich habe ihm ja die Wahrheit gesagt, ich bin ja frei ... frei ist wieder mein Weg ins Leben ... Maltemußgefühlt haben, daß es eine Vorbereitung war zu der unerschütterlichen Forderung: gib mich frei.“
Ganz vergessen war es plötzlich, daß der ferne Mann ja noch nicht wußte ... Er und seine Ansprüche und sein Dasein waren nichts. Es gab nur eines: die bedrängende Furcht, daß Herbert ausbleiben könne ...
„Wie soll ich diese Spannung ertragen,“ dachte sie.
Sie fürchtete sich vor dem Abend, vor der Nacht.
Zwischen der Langsamkeit der Stunden und der leidenschaftlichen Ungeduld in ihrer Brust klaffte eine Disharmonie, die beklemmend war.
Auf dem Dampfschiff, zwischen Bouveret und Territet, bat Jutta flehentlich: „Darf Renate bei mir bleiben? Ich bringe sie selbst morgen hinauf. In der Pension ist ein Zimmer frei.“
„Ach ja,“ stimmte diese bei, „wir können dann zu Fuß hinauf — es muß herrlich sein durch den Wald und über die Alm — weißt du, Mama — die so in der Mulde liegt, mit der silbergrauen Hütte auf dem grünen Grund.“
„Kind, du hast ja keine Sachen mit.“
„Jutta leiht mir alles — und Kamm und Schwamm und Zahnbürste kaufen wir gleich in Territet.“
„Federleicht ist mein Gepäcke,“ zitierte der Geheimrat. Seine Frau hatte noch Bedenken. Wahrscheinlich aus mütterlicher Politik, meinte er, um ihre Zustimmung als wichtigen Akt erscheinen zu lassen.
Sie hatten dann beinahe ein Gefühl wie Mädchen, die die Schule schwänzen, als sie, nach Abfahrt der Eltern, noch in Territet herumliefen.
So jung waren sie in ihrer Stimmung — auch Jutta — plötzlich ganz voll übermütiger Jugend.
Dann fuhren sie im Einspännerchen bergan, durch düstere und doch heiße Tannenstrecken. Bis sie zur Pension kamen, wo Jutta ein Wiedersehen mit der Kleinen feierte, als läge eine lange Trennung hinter ihr.
Sie konnte das Kind noch für die Nacht zurechtmachen und es waschen und tränken und Martha loben, daß nichts passiert sei, und dem kleinen Wesen, das zufrieden lag und mit seinen tiefen, rätselvollen Blicken guckte, erzählen, daß Mutti einen herrlichen Tag erlebt habe ... alles bekam Baby zu hören, in ausführlichen, flüsternden Worten, die von heimlichem Jubel durchglüht waren. Bis Baby die Augen zufielen ...
Da verlosch auch die Jubelstimmung im Herzen der Frau.
Nur Unruhe blieb und das Gefühl, als habe plötzlich alles eine enttäuschende Wendung genommen.
Man wurde zum späten Diner in den Speisesaal gerufen. Da waren noch einige Pensionäre, allerhand Menschen, denen Jutta die kargen Höflichkeiten gönnte, die erforderlich sind, wenn man unter dem gleichen engen Dach schläft, an einem Tisch miteinander speist. Mit angezogenen Ellbogen saßen sie und handhabten die Bestecke geziert, aßen Brotbrocken zwischen den Gängen und erstatteten einander Bericht über die Ausflüge, die sie, jeder für sich, gemacht hatten. Und alles war von einer so unaussprechlichen Leere und Gleichgültigkeit erfüllt. Und wenn einer der Tischgenossen eine Bemerkung von bescheidener Heiterkeit machte, lächelte man wichtig, als sei es amüsant.
Bei jeder Mahlzeit, die Jutta noch hier eingenommen, hatte sie die Furchtbarkeit dieses Zwangs gefühlt, mit zusammengewürfelten Menschen zu sitzen und Blick und Miene auf diese Leerheit abzustimmen. Förmlich verzehrt hatte sie sich vor Verlangen nach ihren einsamen Mahlzeiten in ihrem eigenen hübschen Speisezimmer ... Aber das gab es ja nicht mehr — dahin war keine Rückkehr — sie selbst hatte es zerstört ...
Heute ertrug es sich gut. Die liebe Renate war da. In ihrer köstlichen Unbefangenheit, die sich durch Farcen nicht gestört fühlte, weil sie sie als solche noch nicht erkannte.
Und dann kam der Abend.
Auf Juttas Balkon saßen sie und staunten in die rasch wachsende Dämmerung hinaus. Dieses merkwürdig schwebende Grau wuchs von allen Seiten in die Welt hinein, es schien aus der Fläche des Sees emporzusteigen, es wallte leise vom Himmel herab, es breitete sich aus den Bergwänden hervor und wurde tiefer und tiefer. Am weiten Kreis der Ufer blitzten Lichterketten, und in ihnen war ein Verlöschen und Wiederaufzucken, als spielten da unsichtbare Finger auf leuchtenden Tasten. Blanke Raupen krochen über die dunkle Fläche des Sees, fremdartige Raupen, deren Sirenenschrei bis hier herauf tönte durch die feierlich weite Stille. Aus dem Rhonetal, das in dem Schwarz der gigantischen Gebirgsmauern hinweggelöscht schien, kam, wie aus einem Tunnelmund, ein Zug mit feurigem Zyklopenauge und verschwand sogleich wieder dem Blick, weil er den Weg nah am Fuß des Hanges entlang nahm.
Jutta mußte an eine andere Sommernacht denken. An jene ferne, da sie im purpurnen Dunkel des Parks, in seinem schwülen Rosenduft, sich von zwei Armen umschlossen gefühlt hatte ...
Ganz deutlich, durch die Kraft ihrer Sehnsucht Gegenwart geworden, spürte sie den Kuß auf ihren Lippen ... seinen Kuß.
Und aus der weiten, heißen Sommernacht, aus ihrem von Liebesgeheimnissen überfüllten Schweigen stieg ein Rausch auf und verführte die Frau. Sie vergaß ihre Ehe. Ihr Kind. Alles.
Die Jungfräulichkeit war ihrer Seele zurückgegeben und sehnte sich nach Erfüllung und nach all dem wonnigen Erleben des Weibtums.
Phantastische Vorstellungen bedrängten sie.
Wie — wenn er nur gesagt hatte „übermorgen“, um zu verstecken, daß er meinte: „diese Nacht!“ Wenn er dort zwischen dem Dunkel der Stämme wartete — von Sehnsucht ruhelos wie sie, von Verlangen krank wie sie ...
Heiße Reue kam. Weshalb nahm ich mir eine Gefährtin mit hinein in diese Sommernacht?!
Wär’ ich allein! Vielleicht rief’ er leise: komm — komm ... Und ich huschte hinab zu ihm — in seine Arme — an seinen Mund ...
Purpurn war wieder die Sommernacht, und ein heimliches Brennen war in ihr, das alle Nerven anspannte und alles Leben steigerte, so daß es schien, als müsse ein Blitzstrahl der Erlösung niederflammen — irgendwoher ...
Sie zitterte — sie seufzte. Und legte die Stirn auf die harte Kante des Geländers.
Da fühlte sie einen Arm um ihre Schultern, eine Wange legte sich gegen ihr Haar, und ganz leise, vor Zärtlichkeit und Mitleid förmlich vorsichtig, fragte die junge Stimme: „Sehnst du dich so sehr nach deinem Mann ...“
Jutta fuhr empor.
Ihre Leidenschaft vergaß alles: Verschwiegenheit, Schonung, Vernunft ...
Sie warf sich in die Arme des Mädchens und brach in Tränen aus.
„Nein — nicht nach ihm — zurück sehn’ ich mich — zurück in meine Jugend — noch einmal möcht’ ich über mein Leben entscheiden — frei — wissend. — Ach Kind — geliebtes Kind — wir verstehen uns selbst ja nicht — nichts wissen wir von uns — nichts — als bis es zu spät ist ...“
„Du liebst Malte nicht mehr?“ fragte Renate entsetzt — fast lautlos.
„Nein! Ich weiß nicht — nein — gewiß nicht — ich weiß jetzt nicht: habe ich ihn je geliebt? Aber siehst du — dies dumpfe Gefühl von Täuschung — von Enttäuschung, das mag in hundert Frauen schlummern — im Untergrund ihres Wesens liegt es — und kommt nie herauf. Niemals, denn der Mann ist ja immer da, mit seinen Rechten, seinen Ansprüchen, seiner Gegenwart, die zugleich immer die Vergangenheit und die Zeit erster, holder Illusionen frisch hält. Da kann das nicht erwachen, nicht wachsen, geschweige denn laut werden. Andere Frauen sind nicht so lange allein und können sich nicht umsehen und nicht besinnen. Aber ich ... ich habe Zeit gehabt — Einsamkeiten hab’ ich gehabt — allein waren wir, ich und mein Kind — —“
Sie begann von neuem zu weinen.
Es tat wohl, zu weinen — es war zugleich wie Anklage und Trost — als ließe sich mit diesen leidenschaftlichen Tränen das Glück ertrotzen ...
Und Renate weinte mit ihr — sie weinte aus Furcht vor dem Leben und aus Entsetzen darüber, daß große Liebe enden kann. Und gegen die ihre kam, wie ein Gespenst, eine drohende Unsicherheit heran ...
***
„Und was macht sie jetzt?“ fragte der Geheimrat.
„Schreibt.“
„Du hättest sie zwingen sollen, sich aufs Bett zu legen.“
„Zwang auf erregte oder abgespannte Nerven ausüben wollen, halte ich für ganz verkehrt.“
„Im allgemeinen wohl. Aber wenn wie hier die Ursache am Tage liegt ...“
Die Geheimrätin stickte auf einem hellgrauen, in Taschenform zugeschnittenen Stück Brokat das Blumenmuster nach. Die dazu nötigen blassen, grünen und rosa Seidenfäden lagen auf dem Tisch.
Das hohe Halbrund einer Koniferenwand umschrankte ihren Platz, von dem aus, zwischen den Rahmenpfeilern zweier glatt verschnittenen Tujas, sie das paradiesische Stück Welt überblicken konnte.
Jetzt wandelte die Gestalt ihres Mannes, der seine Zigarette rauchte, als Vordergrundfigur immerfort hin und her vor der Fernsicht, deren Reize in diesem Moment die Geheimrätin übrigens ganz kalt ließen. Ihretwegen hätten sich da tellerplatte märkische Kartoffelfelder anstatt des Genfersees hinbreiten können. Denn sie dachte an gar nichts als an ihre Tochter und deren unbegreiflichen, höchst beunruhigenden Gemütszustand.
„So,“ sagte sie jetzt und beäugte mit größter Genauigkeit den dornenbesetzten Rosenstengel, den sie eben fertig bekommen hatte. „So? ... für dich liegt die Ursache am Tage ...?“
Er stand still.
„Nun, sie waren von der Pension bergan gestiegen und hatten dazu beinahe drei Stunden gebraucht. Es war heiß gewesen, sie brachen zu spät auf und kamen fast in die Mittagsglut hinein. Sowie nun Renée zu dir ins kühle und schummrige Zimmer kommt, löst sich die Übermüdung in einen Tränenausbruch.“
„Ach Mann — wir kennen doch das Kind besser — die kann doch acht Stunden wandern und kommt ebenso lustig an, wie sie ausgegangen ist, und schmaust wie ’n Bauernjunge und braucht keinen Schlaf ... Und heut: nicht mal zum Lunch wollte sie — ins Zimmer mußte man ihr das Essen bringen — und aß nichts — und immer von neuem kamen Tränen. Und Jutta hält sich gar nicht auf — nimmt sofort den Zug bergab, der, ihr offenbar sehr gelegen, noch gerade zu erwischen war — voll Eile zu ihrem Kind zurückzukommen. Na ja, sie ist ja ’ne treue kleine Mutter ... Aber diesmal, weißt du — diesmal wirkte es doch etwas wie schlechtes Gewissen.“
„Schlechtes Gewissen! Ich bitte dich! Inwiefern?“
„Ach — ich bekomm’ so ein Gefühl: Jutta Falckenrott ist kein Umgang für Renée. Sie setzt ihr was in den Kopf. Beunruhigt ihr Gemüt. Nimmt ihr was von ihrer Unbefangenheit. Und die ist doch schließlich das Beste, was die Jugend hat. Die hab’ ich unserem Kind gehütet und geschont ... Und nun zerstört mir eine fremde Hand das alles.“
Voll Sorge und Unmut war sie, und immer flinker gingen dabei Nadel und Faden auf und nieder.
Das mochte der Geheimrat aber durchaus nicht haben. Er wollte nicht nur die Worte, er wollte auch die Blicke seiner Frau, wenn er mit ihr sprach. Er setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihr einfach die Stickerei fort.
„In dem Augenblick, wo sich das Kind verlobte, gabst du sie dem Leben und lauter fremden Händen hin,“ sagte er voll tiefen Ernstes.
„Und sie zerstören mir, was ich gebildet habe,“ schluchzte sie auf.
Er zog sie voll Güte an sich.
„Denke nicht so klein von deiner mütterlichen Arbeit,“ sprach er, „ich vertraue ihr, ihren Resultaten und dem gesunden Wesen unserer Tochter besser.“
Sie trocknete eifrig ihre Tränen, schluckte und wollte sachlich sein.
„Man sieht wohl: die arme Frau ist voll heimlicher Erregung. Die sehnt sich krank nach ihrem Mann. Es ist Unsinn, daß sie nicht zu ihm gereist ist. So kleine Kinder haben an jeder Pflegerin dasselbe. Die großen Kinder — die sind’s, die einen notwendig brauchen ... Ja, und was ich sagen wollte ... Nun fürcht’ ich — wirkt das entweder wie von selbst hinüber auf Renée, oder die Frau klagt ihr leidenschaftlich was vor und verleidet dem Kind schon vorweg den Beruf des Mannes.“
„Du kannst recht haben,“ gab er ihr zu, „ich glaube sogar: du hast recht. Aber sieh: wenn die freudige Zuversicht unserer Renate überhaupt zu erschütternist, ist es da nicht gesünder, sie kämpft das jetzt mit sich durch? Zu dieser oder jener Klarheit hin?“
„O Gott ... du willst sagen?“ fragte sie erschreckt.
„Nichts will ich sagen als dies: wenn Renate erkennt, daß sie nicht in fester Haltung die Opfer zu bringen vermag, die ihres Mannes Beruf vielleicht einmal von ihr verlangen kann, dann ist sie nicht wertvoll oder nicht reif genug, ihn zu heiraten. Sie muß sich sagen, daß sie nicht nur den Mann heiratet, den sie liebt, daß sie sich zugleich auch gewissermaßen einer großen Sache angliedert, die etwas von ihr verlangt. Hat sie dazu nicht die Kraft, ist es besser, sie tritt zurück. So sehr wir das auch um des Mannes willen beklagen müßten. Denn ich mag ihn leiden. Und ich denke: du auch.“
Eine Pause entstand. Dann sagte die Geheimrätin zaghaft, mit einer förmlich kleinen Stimme: „Vielleicht ist sie doch nur von dem Bergansteigen übermüdet ...“
„Sieh, sieh — meine kluge Frau ...“ dachte der Geheimrat, und in seinen geistvollen Zügen kamen wieder allerlei kleine Boshaftigkeiten auf und sprühten aus seinen Blicken. Er lächelte in einem Gemisch von Güte und Spott. Und mit dem sechsten Sinn, den sie für ihren Mann und seine Kritik hatte, spürte sie, was in ihm vorging, und wie ihre Frauenseele vor ihm lag mit all ihren unbewußten und unlogischen Zickzackempfindungen.
Ja, ganz und gar fühlte sie sich wie von durchsichtigem Glas vor ihm. Und das beschämte sie ein wenig und beglückte sie unaussprechlich. Sie kuschelte sich noch enger an ihn und drückte ihre Wange fester gegen seine Schulter, als wolle sie durch dies nahe Anschmiegen sagen: gibt es wohl einen besseren Platz auf der Welt als diesen!
Er saß still und hatte ein gutes Gefühl von Liebe und auch von Respekt.
Oben in ihrem Zimmer aber beugte sich die junge Renate über ihren Schreibtisch, der ganz im Schatten stand. Schräge, feine Lichtlinien gingen durch diesen Schatten und streiften über den blonden Kopf, über das Papier und über die Tuchplatte des Tisches. Die Stäbe der Persienne schlossen nicht eng aneinander und ließen all diese schmalen Bänder von Sonnenschein durch.
Renate schrieb an ihren Verlobten. Sie konnte gar nicht anders, als Emmich alle Not ihres Herzens darlegen. Auf eine merkwürdige Art war ihr, als litte sie die Leiden der anderen Frau mit — als sei dies etwas Allgemeines — ein Frauenlos, das ganz gewiß auch ihrer harre, vor dem es kein Entrinnen gab, und dem sie schon voll Angst entgegenklagte.
Die herzhafte und gesunde Sehnsucht, die sie nach dem geliebten Mann empfand, wurde das Fundament, darauf sich ganz unkontrollierte und verworrene Empfindungen aufbauten. — Die Sorgen vor allem, daß es ihr ergehen könne, ja müsse wie der lieben armen Freundin.
Das Mitleid mit dieser wandelte sich, indem die Feder es beschrieb, unversehens in die Furcht vor eigenen Erlebnissen und Enttäuschungen, die sich bis zu Zweifeln an der Sicherheit ihrer Liebe steigerten.
Sie bedachte ihre Worte nicht sehr. Sie folgte nur dem zwingenden Bedürfnis nach möglichst erschöpfender und befreiender Aussprache.
Sie unterschied noch nicht zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten und wußte nicht, daß gerade die, die lautlos nur auf dem Papier stehen, wuchtigere und härtere Stimme haben können als die anderen, deren Klang ein Blick begleitet ...
Es tat ihr wohl zu schreiben. Es tröstete mehr als alle liebevollen Reden Juttas. Denn Jutta hatte leidenschaftlich bereut, ihren Gemütszustand der jungen Freundin offenbart zu haben. Aber Renate meinte unter Tränen: „Wäre es sonst Freundschaft?!“
Und alles, was Jutta gesagt hatte, um ihr Geständnis zu mildern, um glauben zu machen, es sei ja ein ganz ungewöhnlicher Einzelfall — alles hatte Renate nur bekümmerter gemacht. Es war eben jene Art von Abwiegeln gewesen, die mehr steigert als alles Aufwiegeln. Aber das wußte Renate natürlich nicht.
Sie wußte nur: Jutta ist unglücklich, und ich werde es ganz gewiß auch werden.
Aber nebenher ging auch eine entschlossene und mutvolle Empfindung, dies Unglück ertragen zu wollen ...
Sie las den langen Brief nicht wieder durch. Ihre Feder war all diese vielen Zeilen entlanggelaufen wie über eine Brücke, die zu „ihm“ führte. Und als unter den vielen Bogen das Schlußwort stand „Deine Renate“, da war ihr: ich bin da!
Und nun erst legte sie sich auf ihr Bett, weil ihr die Eltern befohlen hatten, sie solle sich ausruhen. Sie war noch gewohnt zu gehorchen und ordnete ihre Pflichten jetzt in drolliger Naivität so, daß sie erst ihren Stimmungen nachgab und dann artig war.
Als die Mutter später hereingeschlichen kam, fand sie ihr liebes, schönes Kind fest schlafend, mit verschränkten Armen, gerunzelter Stirn und einem leidvollen Zug um den Mund ... so wie Menschen schlafen, denen ihre Erregungen noch in die Träume hinein Schrecknisse bringen.
Und noch vor kurzem hatte dies Gesicht im Schlummer immer den kindlichen Ausdruck aus allerfrühesten Jugendtagen zurückgewonnen ...
Ergriffen stand sie und dachte: „Nein — es ist kein Kindergesicht mehr ...“ An der Türspalte lauschte ihr Mann. Sie trat von dem Bett hinweg, um ihm den Blick freizugeben.
Lange sah er die Tochter an. Seine Augen funkelten — von dem Naß, das sie füllte. Denn dieser spöttische Mann war merkwürdig weich dem Weh und Ach der Frauen gegenüber. — Wie sollte es ihn nicht bekümmern, daß sein Liebling sich mit Schatten herumplagte.
Still gingen die Eheleute fort. Sie sprachen sich gegeneinander nicht über ihre Empfindungen aus. Aber sie wußten es nun beide: ihre Tochter war ein Mensch geworden, der seine Erlebnisse für sich hat.
Das war der Lauf der Welt.
Sie sagten es sich im stillen und wollten philosophisch darüber lächeln ... Und ein ganz merkwürdiges Gefühl von Altwerden erwuchs ihnen daraus ... Die Erkenntnis: unsere Nachfahren recken sich schon neben uns empor ... Denn vielleicht mehr noch als durch eigene Freuden zeigen Kinder durch eigene Leiden, daß sie nun ihren Lebensgang für sich haben ...
***
Am anderen Tag schien alles wieder im Gleichmaß zu sein. Der Geheimrat sah: „das Kind ist doch etwas blaß und hat einen gespannten Zug im Gesicht — hoffentlich merkt meine Frau es nicht.“ Die Geheimrätin dachte: „Keiner soll mir ausreden, daß das Kind Kummer hat, es ist Unruhe in ihrem Blick — hoffentlich merkt mein Mann es nicht.“
Und sie waren, ohne es selbst zu wissen, um ihre Tochter herum wie Hofstaaten um eine Prinzessin.
Renate spürte erhöhte Liebe und Pflegsamkeit. Und das tat so wohl, ein bißchen schmerzlich wohl — machte weich — stimmte zu gerührter Dankbarkeit. Sie hing sich mit kleinen Zärtlichkeiten an die Eltern — machte dem Papa förmlich den Hof, schenkte ihm Tee ein, strich ihm Brötchen, hielt das Zündholz für die Zigarette, war mit dem Sitz seiner Krawatte nicht zufrieden, obgleich der Geheimrat sich einbildete, ein Künstler im Krawattenknüpfen zu sein; der Mama konnte sie nicht so viele kleine Dienste tun, aber sie streichelte ihr manchmal ganz grundlos und unvermutet die Hand und nickte ihr zu.
Trotz dieser gesteigerten Temperatur in der gegenseitigen Hingegebenheit vermieden die Eltern jede Frage. Mit einer Delikatesse ohnegleichen gingen sie ganz an den unbegreiflichen und starken Gemütserschütterungen vorbei, die sie gestern an der Tochter beobachtet hatten.
Man mußte die Verabredungen innehalten, die vorgestern mit Herrn von Gamberg in Evian besprochen worden waren. Der Geheimrat selbst hatte sie angeregt, und obgleich seine Frau wünschte, daß die Tour unterblieb, weil ihr jede Stimmung dafür fehle, so fand er doch, daß ihrerseits eine Absage unmöglich sei, da keinerlei Krankheit oder drohende Wetter Hindernisse hergäben.
Um elf Uhr standen sie bereit auf dem kleinen, schmalen Bahnsteig im Schattenstreifen, den das von dünnen Eisensäulen getragene Dach hergab. Der Geheimrat in seinem grauen Anzug und Panamahut; seine Damen in hellen, kurzen Kleidern, wie zu flotten Märschen bereit. Aber er hatte vorweg die Parole ausgegeben: Anstrengungen erlaube ich heute nicht!
Der Himmel war sehr blau, wenn auch nicht ganz wolkenlos. Es sah aber schön aus, wenn die großen Wolkenschatten rasch über die besonnten Grashalden der Gebirgsabhänge zogen oder ganze Strecken der Tannenwälder plötzlich verdüstert erschienen. Droben der Felsgipfel des Rocher de Naye erhob sich unumwölkt in die glänzende Luft; man erkannte hier unten die kleine flatternde Fahne des Hotels dort oben.
Hart am Bahnsteig entlang, über den eisernen Schwellen und der gezahnten Schiene, zogen sich die dicken Drahtseile hin. Sie vibrierten heftig. Und nun kroch auch der aus zwei Wagen bestehende Zug herauf, ganz steil kam er empor wie ein kleines Ungetüm, das mit klammernden Organen keuchend bergan klimmt.
Ja, und da war Jutta. Sie errötete. Herr von Gamberg und sie saßen — zwei Touristen scheinbar — unbefangen — unter den vielen Menschen, die gedrängt die blanken Holzbänke der offenen Wagen einnahmen.
Sie grüßten schon von weitem höflich, so wie sie der in Reih’ und Glied stehenden Familie Gervasius ansichtig wurden — grüßten lachend, mit winkender Hand, mit gelüftetem Hut.
Und Jutta wurde rot ... Sie fühlte es, zu ihrer größten Verlegenheit. Und begriff sich nicht ... „Merkwürdig,“ dachte sie, „solch sinnloses Erröten.“
Jutta Falckenrott fühlte undeutlich, daß Erröten vielleicht niemals sinnlos ist, daß aus uneingestandenen Wünschen, Wissen, Schuldgefühlen, Befürchtungen — kurz aus ganz starken, aber im dunkeln bleibenden Unterströmungen die Aufwallungen kommen, die das Blut in die Wangen jagen.
Fahrgäste stiegen aus. Andere, die neben Gervasius’ auf dem Bahnsteig gewartet hatten, stiegen mit ein. In dem Hin und Her konnte man nicht Plätze nebeneinander erobern. Der Zufall drückte jeden irgendwohin. Mutter und Tochter saßen sich gegenüber vorn im Wagen. Der Geheimrat hatte noch ein Unterkommen in dem Abteil bei Jutta und dem Legationsrat gefunden. Das gefiel ihm gut, der schönen Frau gegenüberzusitzen. Sie interessierte ihn in jeder Hinsicht.
Im allgemeinen konnte keine Frau mit ihm verkehren, ohne ihm geschwind etwas vorzuklagen und gewissermaßen einen ärztlichen Rat so nebenbei von ihm zu erfischen. In der allerhöchsten Gesellschaft, in Ballsälen, auf Diners bekamen ihn die Damen in einer Fensternische, in einer Saalecke fest, und brachten das Gespräch auf ihre Kinder oder auf ihre Leiden. In aller Unschuld knöpften sie ihm kleine Gratiskonsultationen ab. Und es war schon vorgekommen, daß er, wenn die Betreffende zu zudringlich wurde und — sehr häßlich war, mit seinem allerschlimmsten Lächeln gesagt hatte: „Meine Gnädige, auch hier kostet ein derartiges Gespräch mit mir zwanzig Mark. Denn die Konsultationen beim Punsch Romain und bei Gänseleberpastete gehen zugunsten meiner armen Kranken.“
Jutta hatte ihm noch nie etwas vorgeklagt, und das mochte er haben. Auch war sie sehr intelligent und sprach gut. Das mochte er auch haben, denn immer wieder fiel es ihm auf, wie wenig gewandt deutsche Frauen ihre Muttersprache meisterten. Es gab die Gewählten und Gezierten. Und es gab die Nachlässigen. Aber frei und sicher aus dem unendlichen Wortschatz schöpfen, gewandte Sätze formen, das verstanden nur sehr, sehr wenige.
Sie war auch sehr schön, und das mochte er drittens haben. Weil er von Berufs wegen mit so viel Unästhetischem umzugehen hatte, konnte er große Freude an geschmackvoll gemeisterter Schönheit finden. Und er sah: Jutta brachte die ihre voller Harmonie zur Geltung.
Ihre seelischen Unruhen, die er ja erraten mußte, von denen auch sein Schwiegersohn voll Sorge gesprochen, beschäftigten ihn ebenfalls. Und so hätte er alles in allem wohl wissen mögen, was für ein Mensch sie eigentlich sei.
Er taxierte, so wie er’s ihr auch vorgestern auf der Brücke gesagt: eine wandernde Seele.
Eine von den Sehnsüchtigen, für die es nie und nirgendwo eine wahre Erfüllung gibt. Die sich ermatten in der ewigen Begierde nach einem Glück, das ihnen nur in ungewissen Linien vorschwebt.
Und das tat ihm leid.
Denn er wußte: die Art hat es schwer mit sich. Besonders wenn sie vornehm und anständig bleiben will.
Er hatte gesehen, wie Jutta errötete, als man einander ansichtig wurde.
„Ei, ei,“ dachte er.
Doch schlechtes Gewissen? Wegen Renée? Fühlt, weiß sie, daß sie ihr was in den Kopf setzte?
Es war doch recht unbehaglich. Er mochte im allgemeinen nicht, wenn Frauen sich so leidenschaftlich befreundeten, wie Jutta und Renate es getan hatten. Er hatte noch nie gesehen, daß junge Wesen dadurch klarer und zufriedener geworden waren. So ein bißchen Freundschaft obenhin, zum Lachen und zur Freude — ja. Aber Unreife sollen nicht miteinander in die Nebel und Abgründe des Lebens hinabwollen — das war immer eine unbekömmliche Geschichte; sie machen sich gegenseitig nur furchtsam. Frauenfreundschaft ist nur was für Geprüfte, dachte er.
In seiner munteren Art fragte er allerlei und erfuhr vom Legationsrat von Gamberg denn auch, daß dieser gestern abend erst mit dem letzten Zug von Genf über Lausanne eingetroffen sei, so spät, daß er sich nicht mehr habe erlauben dürfen, sich noch bei Jutta zu melden. Dafür habe er sich heute morgen mit fast unbescheidener Pünktlichkeit in der Pension eingestellt.
Und während dieses Berichtes sah er, Gamberg zuhörend und nach Gleichgültigem fragend, immer beobachtend Jutta an.
Sie fühlte es. Und errötete wieder. Ihr war, als durchschaue dieser kluge Mann sie ganz und gar. Sähe es ihr an, daß sie wieder bis in die Nacht hinein auf ihrem Balkon sich in Erwartung und Verlangen zerquält — daß ihr Schauer über die Haut rieselten, wenn in den nahen Tannen leise ein Schritt klang — daß ihr Herz rasend schlug, als sie einmal glaubte, wie einen Hauch nur, ihren Namen rufen zu hören — daß sie entnervt, fiebernd, von Ungeduld zermürbt, monoman immer dachte: „Käme er doch — käme er doch ...“ Aber er war nicht gekommen ...
Ihre Unruhe hatte das Kind förmlich angesteckt. Es schrie in der Nacht. Das war nicht mehr vorgekommen seit den allerersten Wochen. Es wurde so gut genährt und gehalten, daß es schlief, schlief, still, mit stetigem Atem, fast ohne sich zu rühren ...
Und heute morgen, als Herbert kam — früher als sie ihn erwartet hatte — da sah sie ihn nicht allein. An den Tischen auf der kleinen Terrasse frühstückten auch die anderen Gäste der Pension und saßen interessiert und bewachten Mienen und Worte. Daheim in ihren Pflichtkreisen waren sie vielleicht tüchtige und angenehme Menschen. Im Nichtstun aber offenbarten so viele ihre Inhaltlosigkeit. Es war gerade, als ob nur die Bewegungen der anderen Menschen ihnen ein wenig Bewegung bringen könnten ... und sie lauerten hungrig.
Dies erzählte Jutta jetzt. Und indem sie dem geliebten Mann zu verstehen geben wollte, daß sie ihm unter vier Augen Unendliches zu sagen gehabt hätte, machte sie eine humoristische Darstellung daraus.
„Ja,“ sagte der Geheimrat, „früher dacht’ ich manchmal, man kennt einen Menschen nicht, ehe man nicht mit ihm in der Arbeit zusammen war. Hiervon bin ich abgekommen. Arbeit hebt so sehr, daß auch Unbedeutende von ihr zu etwas gemacht werden können. Beobachte jemand beim Faulenzen, und du wirst wissen, ob du einen Menschen von höherer Kultur vor dir hast. Die Arbeitsstunde zügelt, die Feierstunde entzügelt. Da zeigt sich’s, ob einer blöde, leer, roh oder von feinsten Bedürfnissen ist.“
Der kleine Zug kroch unterdes steil bergan. Die Landschaft, indem sie zurückzusinken schien, wurde immer gewaltiger.
Voraus erhoben sich zwei kolossale Höcker: links das grasbenarbte Horn des Jaman, links der willkürlich gebuckelte Gipfel des Rocher de Naye.
Man besprach die „Aussicht auf Aussicht“. Das unermeßliche Blau erschien schöner und tiefer, weil weiße Wolken darüber hinwegsegelten — so vereinzelt — jede in stolzer Verlassenheit. Und unter ihr auf dem mächtigen Stück Erdenrücken und seinem bizarr gehaltenen Riesenmantel von Wäldern, Almen, Felsenkahlheit zogen ihre Schatten lautlos mit.
Jutta konnte von ihrem Platz aus, an etlichen Lodenhüten vorbei, gerade Renate ins Gesicht sehen und signalisierte ihr nun zu: sie möge auf die ziehenden Schatten achten.
Der Geheimrat erkundigte sich nach dem Ergehen des Töchterleins.
„O gut ...“ sagte Jutta. Ihr war, als dürfe sie nicht erzählen: es schrie die Nacht — als heiße es ihre eigene Unruhe eingestehen.
Herr von Gamberg fragte, ob alle jungen Mütter sich so um ihre kleinen Kinder abmühten; heute morgen habe er, kaum daß Frau Jutta ihm fünf Minuten am Frühstückstisch geschenkt hatte, noch allein warten müssen, weil sie vor der Abfahrt noch die Kleine versorgen wollte.
„Leider ist es nicht allgemein,“ sagte der Geheimrat.
„Meine Verantwortung ist aber auch besonders groß.“
„Weil der glückliche Vater dieses Wickelkindes das Zipfelchen Vaterland in China festhält?“ fragte der Geheimrat spaßig.
„Weil es ...“ sie brach ab. Sie hatte wieder und abermals sagen wollen: weil es nur mein Kind ganz allein ist ...
Sie fühlte sich ein wenig beruhigt, weil es ihr gelungen war, das Wort noch auf der Lippe zurückzuhalten ... Vor diesem klugen Mann hätte sie es merkwürdigerweise nicht aussprechen mögen.
Gamberg ahnte, was in ihr vorging — sein Wissen von ihr befähigte ihn, die abgebrochenen Worte sich zu ergänzen.
Er vermied es, sie anzusehen.
Sie fühlten voneinander: Diese unerhörte Erregung war jäh wieder da, die ihnen die Gegenwart von Menschen zur Qual machte. Die ihre Nerven bis zur Unerträglichkeit anspannte.
Nun verschlang ein Tunnel den keuchenden kleinen Zug, der, in seine seltsam klappernden und surrenden Geräusche förmlich eingehüllt, lärmvoll durch die Dunkelheit klomm, das Gebiß seines kleinen Mittelrades hart in die Eisenzähne der Schiene schlagend. Unter dem von eisigem Hauch durchschauerten Gewölbe führten all die Schallwellen einen wühlenden Kampf miteinander.
Und in dieser lauten Dunkelheit, die jedermann benahm, so daß alles Aufmerken nur auf sie gerichtet war, fühlte Jutta einen kurzen, starken Händedruck.
Er sollte ihr zu ihren unterbrochenen, nicht vollendeten Worten Tröstliches sagen.
Sie verstand ... Wie tat ihr das wohl. Ihr Verlangen, sich mit ihm aussprechen zu können, wuchs.
Jenseits des Tunnels empfing sie eine andere Welt. Eine, die kein Lächeln hatte und keinen Glanz. Die Starrheit eines von Steingeröll fast übersäten, im Schatten liegenden Hochtals, dessen längliches Rund Felsenschroffen umstanden. Und aus ihm heraus führte ein zweiter Tunnel in die kühne Freiheit des breiten, gebuckelten Gipfels des Rocher de Naye.
Da war Leben — nur zu viel Leben; Licht — nur zu beizendes Licht. Und außer dieser seltsamen Hochstation von Hotel, Terrassen, Aussichtstribünen und Menschengewimmel auf grüner Vegetationsnarbe die weite, ungeheure Welt.
Es wirkte, als sei vielleicht ein Ballon von da unten emporgestiegen und habe hier ein ungewähltes Stück Zivilisation abgesetzt. Nun schnurrte das gewohnheitsmäßig seine Funktionen ab, auf die es eingestellt war. Der Gegensatz schrie, wie Farben schreien, die nicht zueinander passen.
Vom Zug hasteten die Touristen zum Gerüst der Aussichtstribüne, als würden sie den Anfang des Schauspiels versäumen, für das sie voll bezahlt hatten, wenn sie sich nicht eilten. Kellner standen in der Tür des Hotels und taxierten, wie viele von den Vorbeiströmenden wohl zum Lunch kommen würden. Im riesigen Speisesaal, aus Holz und Glas, warteten die Tische wie zu schützenfestlicher Generalabspeisung.