Chapter 2

27Nun ging's dem Ritter just wie euch.Er hatte sich, nach Angulaffers Nahmen,Ein Unthier vorgestellt aus Titans rohem Samen,Den wilden Erdensöhnen gleich,Die einst, den Göttersitz zu stürmen,Den hohen Pelion zusammt den Wurzeln ausDer Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzuthürmen:Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus.

28Habt ihr das Götterwerk von Glykon je gesehen,Den großen Sohn der langen Wundernacht,Im Urbild, oder nur in Gypse nachgemacht,So denkt, ihr seht den Mann leibhaftig vor euch stehen,Der in der schönen MondscheinsnachtDie arme Angela aufs äußerste gebracht.Ihn hätte, wie er lag, von unsern neuern AltenDer Schlauste für ein Bild vom Herkules gehalten;

29Für einen Herkules in Ruh,Als er dem Augias den Marmorstall gemistet;So breit geschultert, hoch gebrüstetLag Angulaffer da; auch traf die Kleidung zu.Der Ritter stutzt: denn in den AlterthümernLag seine Stärke nicht; und so, vorm keuschen BlickDes Tages, im Kostum der Heldenzeit zu schimmern,Däucht ihm ein wahres Heidenstück.

30Nun, flüstert ihm die Jungfrau, edler Ritter,Was zögert ihr? Er schläft. Den Ring, und einen Hieb,So ist's gethan!—"Dazu ist mir mein Ruhm zu lieb.Ein Feind, der schlafend liegt, und nackter als ein Splitter,Schläft sicher neben mir: erst wecken will ich ihn."So macht euch wenigstens zuvor des Ringes Meister,Spricht sie. Der Ritter naht, den Reif ihm abzuziehn,Und macht, unwissend, sich zum Oberherrn der Geister.

31Der Ring hat, außer mancher KraftDie Hüon noch nicht kennt, auch diese Eigenschaft,An jeden Finger stracks sich biegsam anzufügen;Klein oder groß, er wird sich dehnen oder schmiegenWie's nöthig ist. Der Paladin begafftDen wundervollen Reif mit schauerlichem Vergnügen,Faßt drauf des Riesen Arm, und schüttelt ihn mit MachtSo lang' und stark, bis er zuletzt erwacht.

32Kaum fängt der Riese sich zu regen an, so fliehetDie Tochter Balazins mit einem lauten Schrey.Herr Hüon, seinem Muth und Ritterstande treu,Bleibt ruhig stehn. Wie ihn der Heide siehet,Schreyt er ihn grimmig an: Wer bist du, kleiner Wicht,Der meinen Morgenschlaf so tollkühn unterbricht?Dein Köpfchen muß, weil du's von freyen StückenMir vor die Füße legst, dich unerträglich jücken?

33Steh auf und waffne dich, versetzt der Paladin,Dann, Prahler, soll mein Schwert dir Antwort geben!Der Himmel sendet mich zur Strafe dich zu ziehn;Das Ende naht von deinem Sündenleben.Der Riese, da er ihn so reden hört, erschricktIndem er seinen Ring an Hüons Hand erblickt.Geh, spricht er, eh' mein Blut beginnt zu sieden,Gieb mir den Ring zurück und ziehe hin in Frieden.

34Ich nahm dir nur was du gestohlen ab,Und dem er angehört werd' ich ihn wieder geben,Spricht Hüon; ich verschmäh' ein so geschenktes Leben;Steh' auf und rüste dich, und komm mit mir herab!"Du hättest mich im Schlaf ermorden können,Versetzt der Reck' in immer sanfterm Muth;Du bist ein Biedermann; mich dau'rt dein junges Blut;Gieb mir den Ring, den Kopf will ich dir gönnen."

35Feigherziger, ruft Hüon, schäme dich!Vergebens bettelst du! Stirb, oder, wenn du LebenVerdienst, verdien' es ritterlich!Jetzt springt der Unhold auf, daß selbst die Mauern beben;Sein Auge flammet wie der offne Höllenschlund,Die Nase schnaubt, Dampf fährt aus seinem Mund;Er eilt hinweg den Panzer anzulegen,Der undurchdringlich ist selbst einem Zauberdegen.

36Der Ritter steigt herab, und ungesäumt erscheintGanz in verlupptem Stahl sein trotzig sichrer Feind,Der in der Wuth vergaß, daß vor des Ringes BlitzenIhn keine Zauberwaffen schützen.Allein der erste Stoß, den Hüons gutes SchwertAuf seinen Harnisch führt, giebt ihm die Todeswunde;Das Blut schießt wie ein Strom den Hals empor, und sperrtDes Athems Weg in seinem weiten Schlunde.

37Er fällt, wie auf der Stirn des Taurus eine FichteIm Donner stürzt; der Thurm, das Feld umherErbebt von seinem Fall; er fühlt sich selbst nicht mehr,Sein starrend Auge schließt auf ewig sich dem Lichte,Und den verruchten Geist, von Frevelthaten schwer,Schon schleppen Teufel ihn zum schrecklichen Gerichte.Der Sieger wischt vom blutbefleckten StahlDas schwarze Gift, und eilt zur Jungfrau in den Sahl.

38Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen,Ruft Angela, indem sie sich entzücktZu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt:Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt,O Himmelskönigin, sey es hiermit versprochen,Der erste Sohn, mit dem ich in die WochenEinst komme, werd', in klarem dichtem Gold,So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!

39Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben,Erwiedert ihren Dank mit aller HöflichkeitDer guten alten Ritterzeit,Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben,Doch desto derber war, und besser Farbe hielt.Des Ritters große Pflicht war Jungfrau'n zu beschützen,Und, wenn sein Herz sich gleich unangemuthet fühlt,Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen.

40Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genugGehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen;Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen,Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögenAls Junons Pfau in seinem Schweife trug,So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug,Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Geberden,An Großheit und an Reitz, der erste Mann auf Erden.

41Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglichDer zwischen ihm und ihrem Herzen stünde;Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich,Und bloßes Sehn ist freylich keine Sünde.Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust,So sanft spielt noch um ihre junge BrustDer süße Trug; denn, was sie sicher machteWar, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte.

42Ein Glück für dich, unschuldige Angela,Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen ZunderZum Fangen fand. Und freylich war's kein Wunder:Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah,Der seinige auf halbem Weg entgegen,So war's der Blick von einem Haubenkopf;Er hätt' auf einen Blumentopf,Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen.

43Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein MagnetNach Bagdad zieht, scheint allen seinen BlickenDie scharfe Spitze abzuknicken,Und macht, daß jeder Reitz an ihm verloren geht.Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne VaseVon Amors eigner Hand gedreht;Vergebens schließt die sanft erhobne NaseSich an die glatte Stirn in stolzer Majestät;

44Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem DoppelhügelVon frischem Schnee, um den ein Nebel graut,Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre HautSo rein und glatt als wie ein Wasserspiegel,Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut;Vergebens hat ihr königliches SiegelDie Schönheit jedem Theil so sichtbar aufgedrückt,Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt.

45Kurz, Angela mit allen ihren ReitzenIst ihm vergebens schön und jung;Und, ferne nach VerlängerungDer holden Gegenwart zu geitzen,Wünscht er mit jedem AugenblickIn ihres Bräut'gams Arm recht herzlich sie zurück,Und kann zuletzt sich nicht entbrechen,Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen.

46Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach,Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen:Als ein Getös von Reisigen und RossenIm Hof der Burg sie plötzlich unterbrach.Schon trampelt's laut die langen WendelstiegenHerauf. Die junge Frau erschrickt—"Wer kann es seyn?"Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen,Denn, siehe da! Alexis tritt herein.

47Ihm war, zwar etwas spät, zu SinneGestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sey,Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne,Indessen, weit vom Schuß, mit seiner ReitereyEr, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frey,Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne:Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?)Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn.

48Demnach, so hatt' er, stracks als ihm sein Ohr gesungen,Mit seiner Ritterschaft zu Pferde sich geschwungen,Und kam in vollem Trab, falls etwa die GefahrDurch Hüons Tapferkeit bereits vorüber war,Die Schöne in Empfang zu nehmen,Dem fremden Ritter Gottes LohnZu wünschen, und—ein wenig sich zu schämen,(Denkt ihr) allein, er war ein Prinz von Libanon.

49Herr Hüon, unverhofft des Umwegs überhobenMit Angela zurück ins Palmenthal zu gehn,Läßt von den schönen Herr'n sich in die Wette loben,Und fühlt sich just dabey so gut, als ob man ihnGescholten hätt'. Und nun, die Wohlthat zu vollenden,Wird, durch des Ringes Kraft, von unsichtbaren HändenMit allem was den Gaum ergetztEin großer runder Tisch in Überfluß besetzt.

50Ah, ruft die schöne Braut, schier hätt' ich es vergessen:Herr Ritter, ehe wir zum EssenUns setzen, geht und schließt mit eigner Hand geschwindDes Riesen Harem auf; denn funfzig Jungfern sindNoch außer mir in diesem Thurm verwahret;Der schönste Mädchenflor, ein wahres Tulpenbeet!Er hatte sie für seinen MahomedZu Opfern, denk' ich, aufgesparet.

51Der Harem thut sich auf, und zeigt, in vollem PutzUnd buntem lieblichem Gewimmel,Ein wahres Bild von Mahoms lust'gem Himmel.Herr Hüon läßt die Damen all' im SchutzDer schönen Herr'n, und ist schon weit davon geritten,Da hinter ihm noch alles lärmt und schnarrt,Die Ehre seiner GegenwartSich wenigstens zur Tafel auszubitten.

52Schon schlich, indeß in Grau das Abendroth zerfloß,Der stille Mond herauf am Horizonte,Als Hüon, weil sein Gaul nicht länger laufen konnte,An einem schönen Platz zu ruhen sich entschloß.Er sieht sich auf der grünen ErdeNach einem Lager um, indessen für die PferdeSein Alter sorgt. Auf einmahl steht, ganz nah,Ein prächtiges Gezelt vor seinen Augen da.

53Ein reicher Teppich liegt, so weit es sich verbreitet,Auf seinem Boden ausgespreitet,Mit Polstern rings umher belegt,Die, wie beseelt von innerlichem Leben,Bey jedem Druck sanft blähend sich erheben.Ein Tisch von Jaspis, den ein goldner Dreyfuß trägt,Steht mitten drin, und, was dem essenslust'gen MagenZum Göttertisch ihn macht, das Mahl ist aufgetragen.

54Der Ritter bleibt wie angefroren stehn,Winkt Scherasmin herbey, und fragt ihn, was er sehe?O, das ist leicht, erwiedert der, zu sehn:Freund Oberon ist sichtlich in der Nähe.Wir hätten ohne ihn die Nacht,Anstatt uns nun in Schwanenflaum zu senken,Auf unsrer Mutter Schooß so sanft nicht zugebracht.Das nenn' ich doch an seine Freunde denken!

55Kommt, lieber Herr, nach dieser langen FahrtSchmeckt Ruhe süß; laßt hurtig euch entgürten!Ihr seht, der schöne Zwerg hat keinen Fleiß gespart,Wiewohl im Flug, uns herrlich zu bewirthen.Herr Hüon folgt dem Rath. Sie lagern beide sichHalb sitzend um den Tisch, und schmausen ritterlich;Auch wird, beym Sang Gaskonscher froher Lieder,Der Becher fleißig leer und füllt sich immer wieder.

56Bald löset unvermerkt des Schlafes weiche HandDer Nerven sanft erschlafftes Band.Indem erfüllt, wie aus der höchsten Sfäre,Die lieblichste Musik der Lüfte stillen Raum.Es tönt als ob ringsum auf jedem BaumEin jedes Blatt zur Kehle worden wäre,Und Mara's Engelston, der Zauber aller Seelen,Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen.

57Allmählich sank die süße Harmonie,Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum SäuselnDer sanftsten Sommerluft, wenn kaum sich je und ieEin Blatt bewegt und um der Nymfe KnieIm stillen Bache sich die Silberwellen kräuseln.Der Ritter, zwischen Schlaf und Wachen, höret sieStets leiser wehn, bis unter ihrem WiegenDie Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen.

58Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe HahnAurorens Rosenpferde wittert,Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert.Ihm däucht, er geh' auf unbekannter Bahn,Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde;Auf einmahl steht vor ihm ein göttergleiches Weib,Im großen Auge des Himmels reinste Milde,Der Liebe Reitz um ihren ganzen Leib.

59Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken,Er, der zum ersten Mahl itzt Amors Macht empfand,Und athemlos, entgeistert vor Entzücken,Sein Leben ganz in seinen Blicken,Im Boden eingewurzelt stand,Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand,Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet,Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet.

60Betäubt, in fühlbar'm Tod, lag er am Ufer daIn seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüreDaß eine warme Hand sein starres Herz berühre.Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sahDie Schöne abermahl zu seiner Seite stehen,Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht,Und dreymahl schöner, wie ihm däucht,Und holder als er sie zum ersten Mahl gesehen.

61Stillschweigend schauten sie einander beide an,Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten,Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten.Ihm ward in ihrem Aug' ein Himmel aufgethan,Wo sich in eine See von LiebeDie Seele taucht. Bald wird das Übermaß der LustZum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbar'n TriebeIn ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust.

62Er fühlt der Nymfe Herz an seinem Busen schlagen,Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm!Und—plötzlich hört es auf zu tagen,Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen,Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm;Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem ArmIm Wirbelwind die Nymfe fortgerissenUnd in die Flut des nahen Stroms geschmissen.

63Er hört ihr ängstlich Schrey'n, will nach—o Höllenpein!Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken,Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein;Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken,Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken,Und kann nicht schreyn, nicht, wie der Liebe WuthIhn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut.

64Herr! ruft ihm Scherasmin, da er sein banges SchnaubenVernimmt, erwacht, erwacht! ein böser TraumSchnürt euch die Kehle zu.—Fort, Geister, macht mir Raum,Schreyt Hüon, wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben?Und wüthend fährt er auf aus seinem Traumgesicht;Noch klopft von Todesangst umfangenSein stockend Herz, er starrt ins TageslichtHinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen.

65Das war ein schwerer Traum, ruft ihm der Alte zu:Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken?Ein Traum? seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken,Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens RuhAuf ewig raubt!—"Das wolle Gott verwehren,Mein bester Herr!—Sag' mir im Ernste, (sprichtDer Ritter ernstvoll) glaubst du nichtDaß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?

66Man hat Exempel, Herr,—und wahrlich, seit ich euchBegleite, läugn' ich nichts, erwiedert ihm der Alte.Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleichGestehen soll, so sag' ich frey, ich halteNicht viel von Träumen. Fleisch und BlutHat, wenigstens bey mir, sein Spiel so oft ich träume:Dieß wußten unsre Alten gut,Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime.

67Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures TraumsVertrautet, könnt' ich euch vielleicht was bessers reimen.Das will ich auch, spricht Hüon, ohne Säumen.Kaum röthet noch den Gipfel jenes BaumsDer Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke.Nur reiche mir zuvor den Becher her,Damit ich meine Geister stärke:Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.

68Indeß der wundervolle BecherDen Ritter labt, sieht ihn der Alte, still,Als einer an, dem's nicht gefallen will,Den wackern Sohn des braven Siegwins schwächer,Als einem Manne ziemt, zu sehn.Ey (denkt er bey sich selbst, kopfschüttelnd) im ErwachenNoch so viel Werks aus einem Traum zu machen!Doch, weil's nun so ist, mag's zum Frühstück immer gehn!

Vierter Gesang.

1Der Paladin beginnt nun seine TraumgeschichteWie folget: Was du auch, mein guter Scherasmin,Von dem, was ich dir itzt berichte,Im Herzen denken magst, so ist's doch kein Gedichte,Daß ich, Gott sey es Dank! noch stets an Leib und Sinn,So wie du hier mich siehst, ein reiner Jüngling bin.Nie hat vor diesem Tag in meinem ganzen LebenMein unbefangnes Herz der Liebe Raum gegeben.

2Es waren zwar der schönen Jungfrauen vielAn meiner Mutter Hof, und an Gelegenheiten,Die einen Knaben leicht zur Tändeley verleiten,Gebrach es nicht, zumahl beym Pfänderspiel:Da gab's wohl manchmahl auch ein Strumpfband aufzulösen;Allein der schönste Fuß ließ meine FantaseyIn stolzer Ruh; und wär's Genevrens Fuß gewesen,Es war ein Fuß, mehr dacht' ich nicht dabey.

3Daß ich von Kindheit an so viele offne BusenUnd bloße Schultern sah, mocht' auch mit Ursach' seyn.Gewohnheit gleicht in diesem Stück Medusen,Und für das Schönste selbst verkehrt sie uns in Stein.Allein, was half mir's, frey gebliebenZu seyn bis in mein zweymahl zehntes Jahr?Auch meine Stunde kam! Ach, Freund! mein Schicksal warIm Traum zum ersten Mahl zu lieben.

4Ja, Scherasmin, nun hab' ich sie gesehn,Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkohren;Gesehen hab' ich sie, und, ohne Widerstehn,Beym ersten Blick mein Herz an sie verloren.Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann! ein HirngespenstKann nicht so tiefe Spuren graben!Und wenn du tausendmahl mich einen Thoren nennst,Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben.

5O hättest du den holden Engel dochGesehn wie ich!—Zwar, wenn ich mahlen könnte,Ich stellte sie dir hin, so glühend wie sie nochVor meiner Stirne schwebt, und bin gewiß, sie brennteDein altes Herz zu einer Kohle aus.O daß nur etwas mir geblieben wär', das LebenVon ihr empfing! ach! nur der BlumenstraußAn ihrer Brust! was wollt' ich nicht drum geben!

6Denk dir ein Weib im reinsten Jugendlicht,Nach einem Urbild von dort obenAus Rosengluth und Lilienschnee gewoben;Gieb ihrem Bau das feinste Gleichgewicht;Ein stilles Lächeln schweb' auf ihrem Angesicht,Und jeder Reitz, von Majestät erhoben,Erweck' und schrecke zugleich die lüsterne Begier:Denk alles, und du hast den Schatten kaum von ihr!

7Und nun, sanft angelockt von ihren süßen Blicken,Dieß holde Weib, das nur die LuftgestaltVon einem Engel schien, an meine Brust zu drücken,Zu fühlen, wie ihr Herz in meines überwallt,Ist's möglich, daß ich vor EntzückenNicht gar verging?—Nun komm, und sprich mir kalt,Es war ein Traum! Wie schal, wie leer und todt ist nebenSo einem Traum mein vorigs ganzes Leben!

8Noch einmahl, Scherasmin, es war kein SchattenspielIm Sitz der Fantasie aus Weindunst ausgegohren!Ein unbetrügliches GefühlSagt mir, sie lebt, sie ist für mich geboren.Vielleicht war's Oberon, der sie erscheinen ließ.Ist's Wahn: o laß ihn mir! die Täuschung ist so süß!Doch, nichts von Wahn! Kann solch ein Traum betrügen,O so ist alles Wahn! so kann die Wahrheit lügen!

9Der Alte wiegt sein zweifelreiches Haupt,Wie wenn man euch ein Wunderding erzählet,Wovon ihr nichts im Herzen glaubt,Wiewohl euch Grund es wegzuläugnen fehlet.Was denkst du? fragt der Ritter.—Das ist's justWas mich verlegen macht, versetzt der Unverliebte:Ich hätte freylich wohl zu manchem Einwurf Lust;Allein was hälf's am End', als daß ich euch betrübte?

10Nur, vor der Hand, weil euer fürstlich WortEuch einmahl gegen Karl verbindet,So, dächt' ich, setzten wir den Zug nach Bagdad fort.Vielleicht daß unterwegs der Zauber wieder schwindet;Vielleicht daß Oberon dabey sein bestes thut,Und unversehens sich die Traumprinzessin findet.Inzwischen, lieber Herr, thut euch die Hoffnung gut,So hofft! Man macht dabey zum mindsten rothes Blut.

11Weil dieß der Knappe spricht, steht mit gesenkter StirneDer Ritter da; denn plötzlich hatte sichIn seinem liebeskranken HirneDie Scene umgekehrt. Ach, spricht er, täusche michNicht auch mit falschem Trost! Feindselige GestirneSind über mir. Was kann ich hoffen? Sprich!Der Sturm, der sie von meiner Brust gerissen,Läßt, leider, mich zu viel von meinem Schicksal wissen.

12Entrissen ward sie mir! Noch streckt sie aus der FlutDie Arme gegen mich—noch stockt vor Angst mein Blut—Und ach! wie an den Grund mit KettenGeschmiedet, stand ich da, ohnmächtig sie zu retten!Das war im Traum, spricht Scherasmin: wofürEuch ohne Noth mit schwarzer Ahnung grämen?Ein Traum läßt nie von Art. Das beste, glaubet mir,Ist's, sich daraus nur was uns freut zu nehmen.

13Daß euch im Traum ein wohl gewogner GeistDie künft'ge Königin von euerm Herzen weist,Das hat er gut gemacht! So etwas läßt sich glauben,Und kurz, wir nehmen's nun für bare Wahrheit an.Allein den Strom, den Wirbelwind, die SchraubenAn Hand und Fuß, die hat der Traum hinzu gethan.Mir selbst ist oft in meinen jüngern Jahren,Wenn mich der Alp gedrückt, dergleichen widerfahren.

14Da, zum Exempel, läuft ein schwarzer Zottelbär,Indem ich wandeln geh', der Himmel weiß woher,Mir in den Weg; ich greif' im Schrecken nach dem DegenUnd zieh', und zieh'—umsonst! Ein plötzlich UnvermögenStrickt jede Sehne mir in allen Gliedern los;Zusehens wird der Bär noch siebenmahl so groß,Sperrt einen Rachen auf so gräßlich wie die Hölle;Ich flieh' und ängst'ge mich, und kann nicht von der Stelle.

15Ein andermahl, wenn ihr von einem AbendschmausNach Haus zu gehen träumt, bey einem alten GadenVorbey; auf einmahl knarrt ein kleiner Fensterladen,Und eine Nase guckt herausSo lang als euer Arm. Ihr sucht, halb starr vor Schrecken,Ihr zu entfliehn, und vorn und hinten stehnGespenster da, die ins Gesicht euch sehn,Und feur'ge Zungen weit aus langen Hälsen recken.

16Ihr drückt in Todesangst euch seitwärts an die WandDie gegenüber steht—und eine dürre HandFährt durch ein rundes Loch euch eiskalt übern Rücken,Und sucht an euch herum, euch da und dort zu zwicken.Ein jedes Haar auf euerm Kopfe kehrtDie Spitz' empor, zur Flucht ist jeder Weg verwehrt,Die Gasse wird zusehens immer enger,Stets frostiger die Hand, die Nase immer länger.

17Dergleichen, wie gesagt, begegnet oft und viel;Allein, am End' ist's doch ein bloßes Possenspiel,Das Nachtgespenster sich in unserm Schädel machen;Die Nase sammt der Angst verschwindet im Erwachen.Ich dächt' an euerm Platz dem Ding nicht weiter nach,Und hielte mich an das, was mir der Zwerg versprach.Frisch auf! Mir ahnet was! Es müßte übel enden,Wenn wir die Dame nicht in Bagdad wiederfänden.

18Bey diesem Worte springt der Ritter, angewehtVon frischem Muth, empor, als hätt' ihm nichts geträumt.Der Morgenluft entgegen wiehernd, stehtSein Renner schon gesattelt und gezäumet.Er schwingt sich auf, und wie er aus dem FeldZurücke schaut, verschwunden ist das Zelt:In einem Wink erhob sich's aus dem Rasen,In einem Wink war alles weggeblasen.

19Sie zogen nun dem Lauf des hohen Eufrats nach,Von Palmen und Gebüsch vorm Sonnenstrahl geborgen,Durchs schönste Land der Welt, stillschweigend, keiner sprachEin Wort, wiewohl's an Stoff zum Reden nicht gebrach;Denn jeder war vertieft in andre Sorgen.Die reine Luft, der angenehme Morgen,Der Vögel Lustgesang, des Stromes stiller Lauf,Weckt beider Fantasie aus leisem Schlummer auf.

20Der Ritter sieht in ihrem ZauberspiegelNichts sehenswerth als das geliebte Bild.Er mahlt die Göttin sich auf seinen blanken Schild,Erklimmt auf ihrer Spur des Taurus schroffsten Hügel,Steigt, sie erfragend, bis in Merlins furchtbars Grab,Bekämpft die Riesen und die Drachen,Die um das Schloß, worin sie schmachtet, wachen,Und kämpfte sie der ganzen Hölle ab.

21Indessen er, in eingebildeter Wonne,Die schwer errungne Braut an seinen Busen drückt,Sieht unvermerkt ans Ufer der Garonne,Wo er als Kind den ersten Strauß gepflückt,Von Eufrats Ufern weg der Alte sich verzückt.Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts SonneSo mild als da, wo sie zuerst mir schien,So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!

22Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,Sey immerhin unscheinbar, unbekannt,Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen,Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt;O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen,Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!

23In solcher Träumerey schwind't unvermerkt der RaumDer sie von Bagdad trennt, bis itzt die MittagshitzeIn einen Wald sie treibt, der vor der Gluth sie schütze.Noch ruhten sie um einen alten Baum,Wo dichtes Moos sich schwellt zum weichen Sitze,Und Oberons Pokal erfrischt den trocknen Gaum;Als, eben da er sich zum dritten Mahle füllet,Ein gräßliches Geschrey in ihre Ohren brüllet.

24Sie springen auf. Der Ritter faßt sein SchwertUnd fleugt dahin, woher die Zetertöne schallen!Und sieh! ein Sarazen zu Pferd,Von einem Löwen angefallen,Kämpft aus Verzweiflung noch, erschöpft an Kraft und Muth,Mit matter Faust. Schon taumelt halb zerrissenSein Roß, und wälzt mit ihm in einem Strom von BlutSich um, und hat vor Angst die Stange durchgebissen.

25Grimmschnaubend stürzt der Löw' auf seinen Gegner los,Aus jedem Blick schießt eine Feuerflamme.Indem fährt Hüons Stahl ihm seitwärts in die Wamme.Der Thiere Fürst, den solch ein Gruß verdroß,Erwiedert ihn mit einer langen Schramme,Nach der des Ritters Blut aus tausend Quellchen floß:Hätt' Angulaffers Ring nicht über ihm gewaltet,Ihn hätt' auf Einen Zug der Löw' entzwey gespaltet.

26Herr Hüon rafft, was er an Kraft vermag,Zusammen, (denn sein Tod blitzt aus des Löwen Blicke)Und stößt sein kurzes Schwert mit Macht ihm ins Genicke.Vergebens schwingt sich noch der Schweif zu einem Schlag,Von dem, wofern der Ritter nicht zurückeGesprungen wär', er halb zerschmettert lag;Vergebens dräuet noch die fürchterliche Tatze;Ein Streich von Scherasmin erlegt ihn auf dem Platze.

27Der Sarazen (den reichen Steinen nach,Die hoch auf seinem Turban blitzen,Ein Mann von Wichtigkeit) schien noch vor Angst zu schwitzen.Die Ritter führen ihn am Arme ganz gemachDen Räumen zu, in deren Schirm sie lagen;Man reicht zur Stärkung ihm den goldnen Becher dar,Und auf Arabisch spricht der Alte: Herr, fürwahr,Ihr habt dem Gott der Christen Dank zu sagen!

28Mit schelem Auge nimmt der Held' aus Hüons HandDen Becher voll, und wie er an der Lippen RandIhn bringt, versiegt der Wein, und glühend wird der BecherIn seiner Faust, der innern Schalkheit Rächer!Er schleudert ihn laut brüllend weit von sich,Und stampft, und tobt, und lästert fürchterlich.Herr Hüon, dem es graut ihm länger zuzuhören,Zieht sein geweihtes Schwert, den Helden zu bekehren.

29Allein, der Schalk, der übermannt sich hält,Hat keine Lust zur Gegenwehr zu stehen;Wie ein gejagter Strauß läuft er ins nahe Feld,Wo beide Pferd' im Grase weiden gehen.Risch schwingt er sich auf Hüons Klepper, faßtIhn bey der Mähn', und mit verhängten ZügelnRennt er davon, in solcher Angst und Hast,Als säß' er zwischen Sturmwindsflügeln.

30Das Abenteu'r war freylich ärgerlich;Allein was half's, dem Lecker nachzulaufen?Zum Glücke war ein Ding, das einem Maulthier glich,Im nächsten Dorf um wenig Geld zu kaufen.Das arme Thier, durchsichtiger als Glas,Schien kaum belebt genug, bis Bagdad auszureichen;Doch däucht's dem Alten noch auf dessen Rückgrat baßAls seinem Herrn zu Fuße nachzukeichen.

31So setzten beide nun nach dem gewünschten PortDen ritterlichen Zug so gut sie konnten fort.Der Sonnenwagen schwebt schon an des Himmels Grenzen,Auf einmahl sehen sie, von fern im weiten Thal,Gekrönt mit Thürmen ohne Zahl,Der Städte Königin im Abendschimmer glänzen,Und, durch ein Paradies von ewig frischem Grün,Den breiten Strom des schnellen Tigers fliehn.

32Ein wundersam Gemisch von Schrecken und Entzücken,Geheime Ahnungen, und fremde Schauer drückenDes Ritters Herz, da ihm der Schauplatz auf sich thut,Wo mehr sein Wort und angestammter MuthAls Karls Gebot, ihn treibt ein Wagstück zu bestehen,Wovon kaum möglich ist ein besser Ziel zu sehenAls jähen Tod. Gewiß war immer die Gefahr,Doch schien sie nie so groß als da sie nahe war.

33Er sieht mit ihren goldnen Zinnen,Gleich einer Götterburg, in furchtbar stolzer PrachtDer Emirn Burg, den Thron, der Asien zittern macht,Und spricht zu sich: Und Du, was gehst du zu beginnen?Er stutzt. Doch bald stärkt wieder seine SinnenDes Glaubens Muth, der ihn so weit gebracht,Und eine Stimme scheint ihm leise zuzugehen,Er werde die er liebt in jenen Mauern sehen.

34Auf, ruft er, Scherasmin, spann alle Segel auf!Du siehst das Ziel von meinem langen Lauf;Wir müssen Bagdad noch vor dunkler Nacht erreichen.Nun geht's im schärfsten Trott, daß Roß und Reiter keichen.Der Knapp' gießt seinem Thier mitleidig etwas WeinAus Oberons Becher auf die Zunge:Da, spricht er, trink, du guter treuer Junge,Der Becher trocknet nicht für deines gleichen ein.

35Er hatte Recht. Kaum saugt des Maulthiers ZungeSo lechzend als ein ausgebrannter SteinDen süßen Thau des Zaubergoldes ein,So schießt mit allbelebendem SchwungeEin Feuerstrom durch Adern und Gebein;Von neuer Kraft gespannt, erfrischt an Herz und Lunge,Läuft's, einem Windspiel gleich, mit ihm davon,Und eh' der Tag erlischt sind sie in Babylon.

36Noch irrten sie in seinen ersten GassenUnkundig in der Dämm'rung hin und her,Als Fremde, die sich bloß vom Zufall leiten lassen:Da kam des Wegs von ungefährAn ihrem Stab ein Mütterchen gegangen,Mit grauem Haar und längst verwelkten Wangen.He Mutter, seyd so gut, schreyt Scherasmin sie an,Und weiset uns den Weg zu einem Han.

37Die Alte bleibt gestützt auf ihre Krücke stehen,Und hebt ihr wankend Haupt, die Fremden anzusehen.Herr Fremdling, spricht sie drauf, von hier ist's ziemlich weitZum nächsten Han; doch, wenn ihr müde seydUnd wenig euch genügt, so kommt in meine Hütte;Da steht euch Milch und Brot, und eine gute SchütteVon frischem Stroh zu Dienst, und Gras für euer Vieh;Ihr ruhet aus, und zieht dann weiter morgen früh.

38Mit großem Dank für ihr gastfreundliches ErbietenFolgt Hüon nach. Ihm däucht kein Lager schlecht,Wo Freundlichkeit und Treu' der offnen Thüre hüten.Die neue Baucis macht in Eil die Streu zurecht,Wirft Quendel und OrangenblüthenAus ihrem Gärtchen drauf, trägt fette Milch voll SchaumUnd saft'ge Pfirschen auf, und Feigen frisch vom Baum,Beklagend, daß ihr jüngst die Mandeln nicht geriethen.

39Dem Fürsten dünkt, er hab' in seiner LebenszeitNie so vergnüglich Mahl gehalten.Was der Bewirthung fehlt, ersetzt der guten AltenVertrauliche Geschwätzigkeit.Die Herren, spricht sie, kommen ebenZu einem großen Fest.—"Wie so?"—Ihr wißt es nicht?Es ist das einz'ge doch was man in Bagdad spricht;Die Tochter unsers Herrn wird morgen ausgegeben.

40"Des Sultans Tochter? Und an wen?"Der Bräutigam ist einer von den NeffenDes Sultans, Fürst der Drusen, reich und schön,Und auf dem Schachbret soll ihn keiner übertreffen;Mit Einem Wort, ein Prinz, den alle WeltDer schönen Rezia vollkommen würdig hält.Und doch—gesagt im engesten Vertrauen—Sie ließe lieber sich mit einem Lindwurm trauen.

41Das nenn' ich wunderlich, versetzt der Paladin,Ihr werdet's uns so leicht nicht glauben machen."Ich sag' es noch einmahl, eh' die Prinzessin ihnSo nahe kommen läßt, umarmt sie einen Drachen,Da bleibt's dabey!—Mir ist von langer HandDas Wie und Wann der Sache wohl bekannt.Zwar hab' ich reinen Mund gar hoch versprechen müssen;Doch, gebt mir eure Hand, so sollt ihr alles wissen.

42"Es wundert euch vielleicht, wie eine Frau, wie ich,Zu solchen Dingen kommt, die selbst dem FürstenstammeVerborgen sind und sonsten männiglich?So wisset denn, ich bin die Mutter von der AmmeDer schönen Rezia, bey der sie alles gilt,Wiewohl schon sechzehn volle JahreVerflossen sind, seit Fatme sie gestillt;Nun merkt ihr leicht, woher ich manchmahl was erfahre.

43"Man weiß, daß schon seit Jahren der Kalif,Auf seine Tochter stolz, nicht seltenAn Festen, die er gab, sie mit zur Tafel rief,Wo schöner Männer viel sich ihr vor Augen stellten.Allein auch das weiß Stadt und Land,Daß keiner je vor ihr besonders Gnade fand;Sie schien sie weniger mit mädchenhaftem GrauenAls mit Verachtung anzuschauen.

44"Indessen ward geglaubt, sie könne Babekan(So heißt der Prinz, den sich zum TochtermannDer Sultan auserwählt) vor allen andern leiden.Nicht, daß beym Kommen oder ScheidenDas Herz ihr höher schlug; ihn nicht mit Fleiß zu meidenWar wohl das höchste, was er über sie gewann:Allein, sie war doch sonst für niemand eingenommen;Die Liebe, dachte man, wird nach der Hochzeit kommen.

45"Jedoch, seit einem ZwischenraumVon wenig Wochen, hat sich alles umgekehret.Seitdem kann Rezia den armen Prinzen kaumVor Augen sehn. Ihr ganzes Herz empöretSich, wenn sie nur von Hochzeit reden höret;Und, was unglaublich ist, so hat ein bloßer TraumDie Schuld daran."—Ein Traum? ruft Hüon ganz in Feuer;Ein Traum? ruft Scherasmin, welch seltsam Abenteuer!

46Ihr träumte, fährt die Alte fort,Sie werd' in Rehgestalt an einem wilden OrtVon Babekan gejagt. Sie lief, von zwanzig HundenVerfolgt, in Todesangst herab von einem Berg;Ihm zu entfliehen war die Hoffnung schon verschwunden!Da kam ein wunderschöner ZwergIn einem Faëton, den junge Löwen zogen,In vollem Sprung entgegen ihr geflogen.

47Der Zwerg in seiner kleinen HandHielt einen blüh'nden Lilienstängel,Und ihm zur Seite saß ein fremder junger Fant,In Ritterschmuck, schön wie ein barer Engel;Sein blaues Aug' und langes gelbes HaarVerrieth, daß Asien nicht sein Geburtsland war;Doch, wo er immer hergekommen,Genug, ihr Herzchen ward beym ersten Blick genommen.

48Der Wagen hielt. Der Zwerg mit seinem LilienstabBerührte sie; stracks fiel die Rehhaut ab:Die schöne Rezia, auf ihres Retters Bitten,Stieg in den Wagen ein, und setzt' erröthend mittenSich zwischen ihn und den, dem sich ihr Herz ergab,Wiewohl noch Lieb' und Scham in ihrem Busen stritten.Der Wagen fuhr nun scharf den Berg hinan,Und stieß vor einen Stein, und sie erwachte dran.

49Weg war ihr Traum, doch nicht aus ihrem HerzenDer Jüngling mit dem langen gelben Haar.Stets schwebt sein Bild, die Quelle süßer Schmerzen,Bey Tag und Nacht ihr vor, und seit der Stunde warDer Drusenfürst ihr unerträglich.Sie konnt' ihn ohne Zorn nicht hören und nicht sehn.Man gab sich alle Müh die Ursach' auszuspähn;Umsonst, sie blieb geheim und stumm und unbeweglich.

50Nur ihre Amm' allein, von der ich, wie gesagt,Die Mutter bin, wußt' endlich Weg' zu finden,Das seltsame Geheimniß, das sie nagt,Aus ihrer Brust heraus zu winden.Allein ihr wißt, ob mit vernünft'gen GründenEin Schaden heilbar ist, der heimlich uns behagt?Die arme Dame war sich selber gram, und wollteDaß Fatme dennoch stets dem Übel schmeicheln sollte.

51Indessen kam der Tag, vor dem so sehr ihr graut,Stets näher. Babekan, um bey der spröden BrautIn beßre Achtung sich zu schwingen,Ließ wenig unversucht; nur wollte nichts gelingen.Sie war bekanntlich stets den Tapfern sehr geneigt,Er hatte sich noch nie in diesem Licht gezeigt:Laß, sprach er zu sich selbst, uns eine That vollbringen,Der Unempfindlichen Bewundrung abzuzwingen!

52Nun setzte seit geraumer ZeitEin ungeheures Thier das ganze Land in Schrecken:Es fiel bey hellem Tag in Dörfer und in Flecken,Und würgte Vieh und Menschen ungescheut.Man sagt, es habe Drachenflügel,Und Klauen wie ein Greif und Stacheln wie ein Igel,Sey größer als ein Elefant,Und wenn es schnaube, fahr' ein Sturm durchs ganze Land.

53Seit Menschendenken war kein solches Thier erschienen,Auch stand ein großer Preis auf dessen Kopf gesetzt;Allein weil jedermann den seinen höher schätzt,Hat niemand Lust das Schußgeld zu verdienen.Nur Babekan hielt's des Versuches werth,Durch eine kühne That der Schönen Stolz zu dämpfen.Er geht im Pomp zum Sultan, und begehrtVergünstigung, den Löwen zu bekämpfen.

54Und als ihm's der, wiewohl nicht gern, gewährt,Bestieg er heute früh vor Tag sein bestes Pferd,Und ritt hinaus. Was weiter vorgegangenIst unbekannt. Genug, er kam, zu gutem Glück,Auf einem fremden Gaul, ganz leise, sonder PrangenUnd ohne eine Klau' vom Ungeheu'r zurück.Man sagt, er habe stracks, so bald er heim gekommen,Sich hingelegt und Bezoar genommen.

55Bey allem dem sind nun mit unerhörter PrachtDie Zubereitungen zum Hochzeitfest gemacht;Unfehlbar wird es morgen vor sich gehen,Und Rezia sich in der nächsten NachtIn Babekans verhaßten Armen sehen.—Eh' dieß geschieht, fuhr Hüon rasch heraus,Eh' soll das große Rad der Schöpfung stille stehen!Der Ritter und der Zwerg sind, glaubt mir, auch vom Schmaus.

56Die Alte wundert sich des Wortes, und betrachtetGenauer, was sie erst nicht sonderlich geachtet,Des Fremden blaues Aug' und langes gelbes Haar,Und seinen Ritterschmuck, und daß er nur gebrochenArabisch sprach, und daß er schöner warAls je ein Mann, der in die Augen ihr gestochen:Das rasche Wort, das er gesprochen,Und diese Ähnlichkeit! es däucht ihr sonderbar.

57Wo kam er her? warum? wer ist er? zwanzig FragenZu diesem Zweck, die schon auf ihrer Zunge lagen,Erstickte Hüons Ernst. Er that als wäre RuhIhm noth, und legte sich auf seiner Streu zurechte.Die Alte wünscht, daß ihm was süßes träumen möchte,Und trippelt weg, und schließt die Thüre nach sich zu.Allein wurmstichig war die Thür und hatte Spalten,Und Vorwitz juckt das Ohr der guten Alten.

58Sie schleicht zurück, und drückt so fest sie kannIhr lauschend Ohr an eine Ritze,Und horcht mit offnem Mund und hält den Athem an.Die Fremden sprachen laut, und, wie es schien, mit Hitze;Sie hörte jedes Wort; nur, leider! war kein SinnFür eine alte Frau von Babylon darin:Doch kann sie dann und wann, zum Trost in diesem Leiden,Den Nahmen Rezia ganz deutlich unterscheiden.

59Wie wundervoll mein Schicksal sich entspinnt!(Rief Hüon aus) Wie wahr hat Oberon gesprochen,Schwach ist das Erdenvolk und für die Zukunft blind!Karl denkt, er habe mir gewiß den Hals gebrochen;Auf mein Verderben zielt sein Auftrag sichtlich ab,Und blindlings thut er bloß den Willen des Geschickes:Der schöne Zwerg reckt seinen Lilienstab,Und leitet mich im Traum zur Quelle meines Glückes.

60Und daß (spricht Scherasmin) die Jungfrau, die im TraumDas Herz euch nahm, gerade die InfanteDes Sultans ist, die Karl zu eurer Braut ernannte;Daß alles so sich schickt, und daß auch Sie im Traum,Wie ihr in sie, in Euch entbrannte,So etwas glaubte man ja seinen Augen kaum!Und doch, spricht Hüon, hat's die Alte nicht erfunden;Den Knoten hat das Schicksal selbst gewunden.

61Nur wie er aufzulösen sey,Da liegt die Schwierigkeit!—Mich sollte das nicht plagen,Erwiedert Scherasmin: Herr, darf ich ungescheutEuch meine schlechte Meinung sagen?Ich macht' es kurz und schnitt' ihn frisch entzwey.Dem Junker linker Hand ließ' ich den Luftpaß freyUnd dem Kalifen seine Zähne,Und hielte mich an meine Dulcimene.

62Bedenkt's nur selbst, in ihrer GegenwartDie Ceremonie mit Kopfab anzufangen,Hernach vier Backenzähn' und eine Hand voll BartDem alten Herren abverlangen,Und vor der Nas' ihm gar sein einzig Kind umfangen,Bey Gott! das hat doch wahrlich keine Art!Das Schicksal kann unmöglich wollenDaß wir das Ziel uns selbst so grob verrücken sollen.

63Zum Glück, daß Oberon das beste schon versah.Das Hauptwerk ist doch wohl, dem HasenVon Bräutigam das Fräulein wegzublasen;Und dazu hilft die schöne ReziaGewiß uns selbst, so bald sie von der AltenBerichtet ist, das gelbe Haar sey da.—Mir liegt indessen ob, zwey frische Klepper, nahBeym Garten des Serai's, zur Flucht bereit zu halten.

64Herr Scherasmin, (versetzt der Ritter) wie es scheint,Entfiel euch, daß ich Karln mein Ehrenwort gegeben,Dem, was er mir gebot, buchstäblich nachzuleben?Da geht kein Jot davon, mein Freund!Was draus entstehen kann, das mag daraus entstehen!Mir ziemt es nicht so was voraus zu sehen.Im Fall der Noth (erwiedert Scherasmin)Muß doch zuletzt der Zwerg uns aus dem Wasser ziehn.

65Allmählich schlummert der Alte unter diesenGesprächen ein. Von Hüons Augen bleibtDer süße Schlaf die Nacht hindurch verwiesen.Gleich einem Kahn auf hohen Wogen, treibtSein ahnend Herz mit ungeduldigem SchwankenAuf ungestüm sich wälzenden Gedanken:So nah dem Port; so nah, und doch so weit!Es ist ein Augenblick, und däucht ihm Ewigkeit.

Fünfter Gesang.

1Auch dich, o Rezia, floh, auf deinen weichen Schwanen,Der süße Schlaf. Du sahst in Klippen dichVerfangen, woraus dir einen Pfad zu bahnenUnmöglich schien. Verhaßt und fürchterlichIst dir das festliche Roth am morgendämmernden Himmel,Verhaßt der Tag, der dich an Hymens Altar winkt.Lang' wälzt sie seufzend sich um, bis endlich, vom innern GetümmelDer Seele betäubt, ihr Haupt herab zum Busen sinkt.

2Sie schlummert ein, und, ihren Muth zu stützen,Webt Oberen ein neues TraumgesichtVor ihre Stirn. Sie glaubt, bey Mondeslicht,In einer Laube der Gärten des Harems zu sitzen,In Fantasieen der Liebe versenkt.Ein süßes Weh, ein lieblich banges SehnenHebt ihre Brust, ihr Auge schwimmt in Thränen,Indem sie hoffnungslos an ihren Jüngling denkt.

3Die Unruh treibt sie auf. Sie läuft, mit hastigen SchrittenUnd suchendem Blick, durch Busch und Blumengefild,Eilt athemlos zu allen grünen Hütten,Zu allen Grotten hin; ihr Auge, zärtlich wildUnd thränenvoll, scheint das geliebte BildVon allen Wesen zu erbitten:Oft steht sie ängstlich still, und lauschtWenn nur ein Schatten wankt, nur eine Pappel rauscht.

4Zuletzt, indem sie sich nach einer Stelle wendetWo durch der Büsche Nacht ein heller Mondschein bricht,Glaubt sie—o Wonne! wenn kein falsches SchattenlichtIhr gern betrognes Auge blendet—Zu sehen was sie sucht. Sie sieht und wird gesehn;Sein Feuerblick begegnet ihren Blicken.Sie eilt ihm zu, und bleibt, in schauerndem Entzücken,Wie zwischen Scham und Liebe, zweifelnd stehn.

5Mit offnen Armen fliegt er ihr entgegen.Sie will entfliehn, und kann die Kniee nicht bewegen.Mit Müh verbirgt sie noch sich hinter einen Baum,Und in der süßen Angst zerplatzt der schöne Traum.Wie gerne hätte sie zurück ihn rufen mögen!Sie zürnt sich selbst und dem verhaßten Baum;Vergebens suchet sie sich wieder einzuwiegen,Ihm nachzusinnen bleibt ihr einziges Vergnügen.

6Die Sonne hatte bald den dritten Theil vollbrachtVon ihrem Lauf, und immer war's noch NachtBey Rezia; so groß war ihr Ergetzen,Den angenehmen Traum noch wachend fortzusetzen.Doch da sie gar zu lang' kein Lebenszeichen giebt,Naht endlich Fatme sich dem goldnen Bette, schiebtDen Vorhang weg, und findet mit ErstaunenDie Dame wach, und in der besten aller Launen.

7Ich hab' ihn wieder gesehn, o Fatme, wünsche mir Glück,Ruft Rezia, ich hab' ihn wieder gesehen!—Das wäre! spricht die Amm', und sucht mit schlauem BlickHerum, als dächte sie den Vogel auszuspähen.Das Fräulein lacht: "Ey, ey, wie ist dein Witz so dick!Man dächte doch, das sollte sich verstehen!Ich sah ihn freylich nur im Traum; alleinEr muß gewiß hier in der Nähe seyn.

8"Mir ahnt's, er ist nicht fern, und sprich mir nichts dagegen,Wenn du mich liebst!"—So schweig' ich!—"Und warum?Was wäre denn am Ende so verwegenAn meiner Hoffnung? Sprich! wie sollt' ich sie nicht hegen?"Die Amme seufzt und bleibt noch immer stumm."Was übersteigt der Liebe Allvermögen?Der Löwenbändiger, der mich beschützt, ist sie;Und retten wird sie mich, begreif' ich gleich nicht wie.

9"Du schweigst? du seufzest? Ach! zu wohl nur, gute Amme,Versteh' ich was dein Schweigen mir verhehlt!Du hoffest nichts für meine Flamme!Ich selbst, ich hoffe nur weil beßrer Trost mir fehlt.Die Stunde naht; schon klirren meine Ketten,Und mein Verderben ist gewiß;Ein Wunder nur, o Fatme, kann mich retten,Ein Wunder nur! wo nicht—so kann es dieß!"

10Bey diesem Worte zieht mit feur'gem BlickeSie aus dem Busen einen Dolch hervor."Siehst du? Dieß macht mir Muth! dieß hebt mich so empor!Mit diesem hoff' ich alles vom Geschicke!"Die Amme schwankt an ihren Stuhl zurücke,Wird leichenblaß, und zittert wie ein Rohr.Ach! ist dieß alles, so erbarmeSich Gott!—ruft sie, und weint und ringt die Arme.

11Das Fräulein drückt die Hand ihr auf den Mund:Still, spricht sie, fasse dich! und steckt in ihren BusenDen Dolch zurück. Du weißt, im weiten ErdenrundIst nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen.Eh' Der mich haben soll, eh' soll ein giftiger MolchIn meine Brust die scharfen Zähne schlagen!Kommt mein Geliebter nicht, den Raub ihm abzusagen,Was bleibt mir übrig als mein Dolch?

12Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen,So hört man am Tapetenthürchen pochen,Das aus dem Schlafgemach in Fatmens Kammer führt.Sie geht, und kommt nach einer kleinen WeileSo schnell zurück, daß sie vor lauter EileUnd Freudentrunkenheit den Athem fast verliert."Nun sind wir aller Noth entbunden!Triumf! Prinzessin, Triumf! der Ritter ist gefundener

13Im Nachtgewand, das wie ein Nebel kaumDen schönen Leib umwallt, fährt jene aus den LackenUnd fällt entzückt der Amme um den Nacken:"Gefunden? Wo? wo ist er? O mein Traum,So logst du nicht?"—Die Amme, selbst vor FreudenGanz außer sich, hat kaum noch so viel Sinn,Die wonnetaumelnde halb nackte TräumerinIn großer Eil' ein wenig anzukleiden.

14Herein gerufen wird sodannDie Alte, selbst ihr Mährchen zu erzählen.Die gute Mutter fängt beym Ey die Sache an,Und läßt es nicht am kleinsten Umstand fehlen;Kein Zug, kein Wort das ihrem Gast entrann,Wird im Gemählde weggelassen.Er ist's, er ist's! wir haben unsern Mann,Ruft Fatme aus; es kann nicht besser passen!

15Die Alte wird von neuem ausgefragt,Muß drey—und viermahl wiederhohlenWas er gethan, gesagt und nicht gesagt;Muß immer wieder ihn vom Haupt bis zu den SohlenAbschildern, Zug für Zug—wie gelb und lang sein Haar,Wie groß und blau sein schönes Augenpaar;Und immer ist noch etwas nachzuhohlenDas in der Eil' ihr ausgefallen war.

16Indeß sich so um zwanzig Jahre jüngerDie Alte schwatzt, entspannt der hohe LockenbauDer schönen Braut sich unter Fatmens Finger.Mit Perlen, glänzender als Thau,Wird schneckengleich ihr schwarzes Haar durchflochten,Ohr, Hals und Gürtel schmückt so schimmerndes Gestein,Daß ihren Glanz im SonnenscheinDie Augen kaum ertragen mochten.

17Vollendet stellt nunmehr, von ihrer NymfenschaarZum Fest geschmückt und bräutlich angekleidet,Gleich einer Sonne sich die Königstochter dar,Und lieblich wie ein Reh, das unter Rosen weidet.Kein Auge sah sie ungeblendet an,Wiewohl sie jetzt nur Mädchenaugen sahn:Nur sie allein schien nichts davon zu wissen,Wie neben ihr die Sterne schwinden müssen.

18Das Feuer, das aus ihren Augen strahlt,Die Ungeduld, das lauschende VerlangenDas ihre Lippen schwellt und ihre zarten WangenMit ungewohntem Purpur mahlt,Setzt ihre Jungfrau'n in Erstaunen.Ist dieß die widerspenst'ge Braut,(Beginnen sie einander zuzuraunen)Der gestern noch so sehr vor diesem Tag gegraut?

19Indessen sammeln sich die Emirn und Wessire,Geschmückt zum Fest, im stolzen Hochzeitsahl.Gerüstet steht das königliche Mahl,Und, bey Trompetenklang, tritt aus der goldnen ThüreDes heiligen Palasts, von Sklaven aller ArtUmflossen, der Kalif mit seinem grauen Bart.Der Drusenfürst, noch etwas blaß von Wangen,Kommt stattlich hinter ihm als Bräutigam gegangen.

20Und gegenüber thut die Thür von ElfenbeinSich aus dem Harem auf, und, schöner als die FrauenIn Mahoms Paradies, tritt auch die Braut herein.Ein Schleier zwar, gleich einem silbergrauenGewölke, wehrt dem EngelsangesichtDen vollen Glanz allblendend zu enthüllen;Und dennoch scheint ein überirdisch LichtBey ihrem Eintritt stracks den ganzen Sahl zu füllen.

21Dem Drusen schwillt und sinket wechselsweis'Sein Herz, indem sein Aug' an ihren Reitzen hanget:Er sucht im ihrigen was er zu sehn verlanget;Allein, ein Blick, so kalt wie Alpeneis,Ist alles was er sieht. Doch, dem Bethörten schmeicheltDie Eitelkeit, die Selbstbetrügerin,Daß Rezia den spröden Blick nur heuchelt:O (denkt er) all der Schnee schmilzt über Nacht dahin!

22Ob er zu viel gehofft soll kein Geheimniß bleiben.Doch, ohne jetzt unnöthig zu beschreiben,Wie drauf, nachdem der Imam das GebetGesprochen, man beym Schall der Pauken und der ZinkenZur Tafel sich gesetzt, erst Seine Majestät,Dann rechter Hand die Braut, der Bräutigam zur linken,Und hundert Dinge, die von selber sich verstehn,Ist's Zeit, auch wieder uns nach Hüon umzusehn.

23Der hatte, wie ihr euch erinnert, seine Nacht,Von Ungeduld erhitzt, von Ahnungen umgaukelt,Auf seiner Streue nicht viel sanfter zugebracht,Als einer, den der Sturm in einem Mastkorb schaukelt.Kaum aber hat dem Tag in seine goldne BahnAurorens Rosenhand die Pforten aufgethan,So senkt sich nebelgleich ein Dunst von Mohn—und Flieder-Und Lilienduft auf seine Augen nieder.

24Er schlummert ein, und schläft in Einem ZugNoch immer fort, da schon des Sonnenwagens FlugDen Himmel halb getheilt. Sein Alter ging indessenUm von der Burg die Lage auszuspähn,Und zum Entführungswerk das nöth'ge vorzusehn;Derweil, am kleinen Herd, zu ihrem MittagsessenDie gute Wirthin Anstalt macht,Halb mürrisch, daß ihr Gast so lange nicht erwacht.

25Sie schleicht zuletzt, um wieder durch die SpaltenZu gucken, an die Thür, und trifft (zu gutem GlückFür ihren Vorwitz) just den ersten Augenblick,Da Hüons Augen sich dem goldnen Tag entfalten.Frisch, wie der junge May sich an den Reihen stelltWenn mit den Grazien die Nymfen Tänze halten,Hebt sich mit halbem Leib empor der schöne Held,Und rathet, was zuerst ihm in die Augen fällt?

26Ein Kaftan, wie ihn nur die höchsten Emirn tragen,Wenn sich der Hof zu einem Feste schmückt,Auf goldbeblümtem Grund mit Perlen reich gestickt,Liegt schimmernd vor ihm da, um einen Stuhl geschlagen;Ein Turban drauf, als wie aus Schnee gewebt,Und, um ihn her, den Emir zu vollenden,Ein diamantner Gurt, an dem ein Säbel schwebt,So reich, daß Scheid' und Griff ihm fast die Augen blenden.

27Zum ganzen Putz, von Fuß zu Haupt,Den Stiefelchen aus übergüld'tem LederBis zu dem Demantknopf der hohen StraußenfederAm Turban, mangelt nichts. Der gute Ritter glaubt,Ihm träume noch. Woher kann solcher Staat ihm kommen?Die Alte steht erstaunt. Das geht durch Zauberey,Ruft sie; ich hätte doch sonst was davon vernommen!Der Zwerg, spricht Scherasmin, ist ganz gewiß dabey!

28Der Ritter glaubt es auch, und denkt: Durch all' die HeldenIm Vorhof macht mir dieß zum Hochzeitsahle Bahn.Und flugs ist Kaftan, Gurt, und alles umgethan;Die Wirthin spudet sich, ihn recht heraus zu kleiden."Allein was fangen wir mit diesem Turban an?Das schöne gelbe Haar sein'twegen abzuschneiden?Nicht um die Welt!—Doch still! es geht ja wohl hinein;Er scheint ja recht mit Fleiß dazu gewölbt zu seyn!"

29Herr Hüon stand nunmehr, bis auf die lilienglatteBartlose Wange, wie ein wahrer Sultan da,Indem das Mütterchen ihn um und um besahUnd immer noch an ihm zu putzen hatte.Drauf, als der treue ScherasminIhm was ins Ohr geraunt, beginnt er fortzugehen,Reicht einen Beutel Gold der Wirthin freundlich hin,Und nun, lebt wohl, auf Wiedersehen!

30Nichts halb zu thun ist edler Geister Art.Ein reich gezäumtes Roß steht vor der Thür der Alten,Und neben ihm zwey Knaben, schön und zart,In Silberstück, die ihm die goldnen Zügel halten.Herr Hüon schwingt sich auf; die Knaben frisch voran,Und führen ihn auf einem Seitenwege,Am Strome hin, durch blühende Gehäge,Bis sie der hohen Burg sich gegenüber sahn.

31Schon ist er durch den ersten Hof gezogen,Im zweyten steigt er ab, und geht zum dritten ein.Er scheint ein Hochzeitgast vom ersten Rang zu seyn,Und überall, von diesem Schein betrogen,Macht ihm die Wache Platz. Er schreitet frey und stolzDaher, und nähert sich dem Thor von Ebenholz.Zwölf Mohren, Riesen gleich, stehn mit gezücktem EisenDie Unberechtigten vom Eingang abzuweisen.

32Allein des Ritters Staat und königlicher BlickDrückt, wie er sich der hohen Pforte zeiget,Die Säbelspitzen schnell zurück,Die fernher sich entgegen ihm geneiget.Die Flügel rauschen auf. Hoch schlägt sein Heldenherz,Indem sie hinter ihm sich wieder wehend schließen.Drauf führt ein Säulengang, an welchen Gärten stießen,Ihn noch zu einer Thür von übergüld'tem Erz.

33Ein großer Vorsahl war's, mit Sklaven aller FarbenKombabischen Geschlechts erfüllt,Die ewig hier am Quell der Freude darben,Und, da ein Mann, von Emirsglanz umhüllt,In ihre hohlen Augen schwillt,Mit Blicken, die in Knechtsgefühl erstarben,Die Arme auf die Brust ins Kreuz gefaltet, stehn,Und kaum so muthig sind ihm hintennach zu sehn.

34Schon tönen Cymbeln, Trommeln, Pfeifen,Gesang und Saitenspiel vom Hochzeitsahle her;Schon nickt des Sultans Haupt von Weindunst doppelt schwer,Und freyer schon beginnt die Freude auszuschweifen;Der Braut allein theilt sich die Lust nicht mitDie in des Bräut'gams Augen glühet:Als, eben da sie starr auf ihren Teller siehet,Herr Hüon in den Sahl mit edler Freyheit tritt.

35Er naht der Tafel sich, und alle AugenbrauenZiehn sich erstaunt empor, den Fremden anzuschauen.Die schöne Rezia, die ihre Träume denkt,Hält auf den Teller noch den ernsten Blick gesenkt;Auch der Kalif, den Becher just zu leerenBeschäftigt, läßt sich nichts in seinem Opfer stören:Nur Babekan, den seines nahen FallsKein guter Geist verwarnt, dreht seinen langen Hals.

36Sogleich erkennt der Held den losen Mann von gestern,Der sich vermaß der Christen Gott zu lästern:Er ist's, der links am goldnen Stuhle sitztUnd seinen Nacken selbst der Straf' entgegen bieget.Rasch, wie des Himmels Flamme, blitztDer reiche Säbel auf, der Kopf des Helden flieget,Und hoch aufbrausend überspritztSein Blut den Tisch, und den, der ihm zur Seite lieget.

37Wie der Gorgone furchtbars HauptIn Perseus Faust den wild empörten SchaarenDas Leben stracks durch seinen Anblick raubt;Noch dampft die Königsburg, noch schwillt der Aufruhr, schnaubtDie Mordlust ungezähmt im Busen der Barbaren;Doch Perseus schüttelt kaum den Kopf mit Schlangenhaaren,So starrt der Dolch in jeder blut'gen Hand,Und jeder Mörder steht zum Felsen hingebannt:

38So stockt auch hier, beym Anblick solcher keckenVerrätherischen That, des frohen Blutes LaufIn jedem Gast. Sie fahren allzuhauf,Als sähn sie ein Gespenst, von ihren Sitzen auf,Und greifen nach dem Schwert. Allein, gelähmt vom Schrecken,Erschlafft im Ziehn der Arm, und jedes Schwert blieb stecken;Ohnmächt'gen Grimm im starren Blick,Sank sprachlos der Kalif in seinen Stuhl zurück.

39Der Aufruhr, der den ganzen Sahl empöret,Schreckt Rezien aus ihrer Träumerey:Sie schaut bestürzt sich um, was dessen Ursach' sey;Und, wie sie sich nach Hüons Seite kehret,Wie wird ihm, da er sie erblickt!Sie ist's, sie ist's ruft er, und läßt entzücktDen blut'gen Stahl und seinen Turban fallen,Und wird von ihr erkannt, wie seine Locken wallen.

40Er ist's, beginnt auch sie zu rufen, doch die SchamErstickt den Ton in ihrem Rosenmunde.Wie schlug das Herz ihr erst, da er geflogen kam,Im Angesicht der ganzen TafelrundeSie liebeskühn in seine Arme nahm,Und, da sie, glühend bald, bald blaß wie eine Büste,Sich zwischen Lieb' und jungferlichem GramIn seinen Armen wand, sie auf die Lippen küßte!

41Schon hatt' er sie zum zweyten Mahl geküßt;Wo aber nun den Trauring her bekommen?Zum Glücke, daß der Ring an seinem Finger ist,Den er im Eisenthurm dem Riesen abgenommen.Zwar, wenig noch mit dessen Werth vertraut,Schien ihm, dem Ansehn nach, der schlecht'ste kaum geringer;Doch steckt er ihn aus Noth itzt an des Fräuleins Finger,Und spricht: So eign' ich dich zu meiner lieben Braut!

42Er küßt mit diesem Wort die sanft bezwungne SchöneZum dritten Mahl auf ihren holden Mund.Ha! schreyt der Sultan auf, und knirscht und stampft den GrundVor Ungeduld, ihr leidet daß der HundVon einem Franken so mich höhne?Ergreift ihn! Zaudern ist Verrath!Und, tropfenweis' erpreßt, versöhneSein schwarzes Blut die ungeheure That!

43Auf einmahl blitzen hundert KlingenIn Hüons Aug', und kaum erhascht er noch,Eh' sie im Sturm auf ihn von allen Seiten dringen,Sein hingeworfnes Schwert. Er schwingt es dräuend. DochDie schöne Rezia, von Lieb' und Angst entgeistert,Schlingt einen Arm um ihn, macht ihre Brust zum SchildDer seinigen—der andre Arm bemeistertSich seines Schwerts. Zurück, Verwegne, schreyt sie wild.

44Zurück! es ist kein Weg zu diesem BusenAls mitten durch den meinen! ruft sie laut;Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut,Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen.Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu,Zurück!—O schone sein, mein Vater! und, o du,Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben,O spart mein Blut in euer beider Leben!

45Umsonst! des Sultans Wuth und DräunNimmt überhand, die Heiden dringen ein.Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen,Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich SchreynDurchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützenNoch übrig, als sein Horn von Elfenbein?Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem HaucheDen schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.

46Auf einmahl fällt der hoch gezückte StahlAus jeder Faust; in raschem Taumel schlingenDer Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen;Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl,Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen;Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl:Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen,Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.

47Der ganze Divan dreht im KreisSich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzenDen Takt dazu; und, wie auf glattem Eis,Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen.Noch Stand noch Alter wird gespart;Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren,Faßt seinen Großwessir beym Bart,Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.

48Die nie erhörte SchwärmereyLockt bald aus jedem VorgemacheDer Kämmerlinge Schaar herbey,Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache.Sie all' ergreift die lust'ge Raserey:Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey;Die Gärtner selbst in ihren bunten SchürzenSieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.

49Als eine, die kaum ihren Augen glaubt,Steht Rezia, des Athems fast beraubt.Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente,Wo nichts als dieß uns beide retten könnte!Ein guter Genius ist mit uns, Königin,Versetzt der Held. Indem kommt durch die HaufenDer Tanzenden sein treuer ScherasminMit Fatmen gegen sie gelaufen.

50Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine ZeitDem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit,Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offenUnd unbewacht; was säumen wir?Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen,Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier.Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen,Erst muß das Schwerste noch geschehen.

51Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort;Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten:"Warum verziehn? warum am steilen BordDes Untergangs verziehn? O laß mit FlügelschrittenUns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt,Der unsrer Feinde Sinne bind't!"Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit BlickenVoll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.

52Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach;Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach,Kein Faden war an allen Tänzern trocken,Und, in der athemlosen BrustGeschwellt, begann das dicke Blut zu stocken.Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust.Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne,Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.

53Mit jedem Augenblick fällt, starr und ohne Sinn,Da, wo rings um die Wand sich Polster schwellend heben,Ein Tänzer nach dem andern hin.Emirn und Sklaven stürzen zappelnd nebenGöttinnen des Serai's, so wie's dem Zufall däucht,Als ob ein Wirbelwind sie hingeschüttelt hätte,So daß zugleich auf Einem RuhebetteDer Stallknecht und die Favoritin keicht.

54Herr Hüon macht die Stille sich zu Nutze,Die auf dem ganzen Sahle ruht;Läßt seine Königin, nah bey der Thür, im SchutzeDes treuen Scherasmin, dem er auf seiner HutZu seyn gebeut; giebt ihm auf alle FälleDas Horn von Elfenbein, und naht sodann der Stelle,Wo der Kalif, vom Ball noch schwach und matt,Auf einen Polsterthron sich hingeworfen hat.

55In dumpfer Stille liegt mit ausgespannten FlügelnLeis' athmend die Erwartung rings umher.Die Tänzer all', von Schlaf und Taumel schwer,Bestreben sich die Augen aufzuriegeln,Den Fremden anzusehn, der sich, nach solcher That,Mit unbewehrter Hand und bittenden GeberdenDem stutzenden Kalifen langsam naht.Was, denkt man, wird aus diesem allen werden?

56Er läßt sich auf ein Knie vor dem Monarchen hin,Und mit dem sanften Ton und kalten Blick des HeldenBeginnt er. "Kaiser Karl, von dem ich Dienstmann bin,Läßt seinen Gruß dem Herrn der Morgenländer melden,Und bittet dich—verzeih! mir fällt's zu sagen hart!Doch, meinem Herrn den Mund, so wie den Arm, zu lehnen,Ist meine Pflicht—um vier von deinen BackenzähnenUnd eine Hand voll Haar aus deinem Silberbart."

57Er spricht's und schweigt, und steht gelassenDes Sultans Antwort abzupassen.Allein, wo nehm' ich Athem her, den GrimmDes alten Herrn mit Worten euch zu schildern?Wie seine Züge sich verwildern,Wie seine Nase schnaubt? mit welchem UngestümEr auf vom Throne springt? wie seine Augen klotzen,Und wie vor Ungeduld ihm alle Adern strotzen?

58Er starrt umher, will fluchen, und die WuthBricht schäumend jedes Wort an seinen blauen Lippen."Auf, Sklaven! reißt das Herz ihm aus den Rippen!Zerhackt ihn Glied für Glied! zapft sein verruchtes BlutMit Pfriemen ab! weg mit ihm in die Flammen!Die Asche streut in alle Winde aus,Und seinen Kaiser Karl, den möge Gott verdammen!Was? Solchen Antrag? Mir? In meinem eignen Haus?

59"Wer ist der Karl der gegen Mich sich brüstet?Und warum kommt er nicht, wenn's ihnSo sehr nach meinem Bart und meinen Zähnen lüstet,Und wagt's, sie selber auszuziehn?"Der Mensch muß unter seiner MützeNicht richtig seyn, versetzt ein alter Kan:So etwas allenfalls begehrt man an der SpitzeVon dreymahl hundert tausend Mann.

60Kalif von Bagdad, spricht der RitterMit edlem Stolz, laß alles schweigen hier,Und höre mich! Es liegt schon lange schwer auf mir,Karls Auftrag und mein Wort. Des Schicksals Zwang ist bitter:Doch seiner OberherrlichkeitSich zu entziehn, wo ist die Macht auf Erden?Was es zu thun, zu leiden uns gebeut,Das muß gethan, das muß gelitten werden.

61Hier steh' ich, Herr, ein Sterblicher wie du,Und steh' allein, mein Wort, trotz allen deinen Wachen,Mit meinem Leben gut zu machen:Doch läßt die Ehre mir noch einen Antrag zu.Entschließe dich von Mahomed zu weichen,Erhöh' das heil'ge Kreuz, das edle Christenzeichen,In Babylon, und nimm den wahren Glauben an,So hast du mehr, als Karl von dir begehrt, gethan.


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