Chapter 3

62Dann nehm' ich's auf mich selbst, dich völlig los zu sprechenVon jeder andern Forderung,Und der soll mir zuvor den Nacken brechen,Der mehr verlangt! So einzeln und so jungDu hier mich siehst, was du bereits erfahren,Verkündigt laut genug, daß einer mit mir istDer mehr vermag als alle deine Schaaren.Wähl' itzt das beste Theil, wofern du weise bist!

63Indeß, an Kraft und Schönheit einem BotenDes Himmels gleich, der jugendliche Held,Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten,So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt:Beugt Rezia von fern, mit glühend rothenEntzückten Wangen, liebevollDen schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der KnotenVon all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.

64Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen,So fängt der alte Schach wie ein Beseßner anZu schrey'n, zu stampfen und zu pochen,Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn.Die Helden all' in tollem Eifer springenVon ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun,Und Lanzen, Säbel, Dolche dringenAuf Mahoms Feind von allen Seiten ein.

65Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in EileDer Männer einem rasch die Stange aus der Hand,Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule,Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand.Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen,Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr;Schon zappeln viel am Boden um ihn her,Die seinem Grimm zu nah gekommen.

66Der gute Scherasmin, der an der Thüre fernZum Schutz der Schönen steht, glaubt seinen ersten HerrnIm Schlachtgedräng zu sehn, und überläßt voll FreudeSich einen Augenblick der süßen Augenweide:Doch bald zerstreut den angenehmen WahnDes Fräuleins Angstgeschrey; er sieht der Helden Rasen,Sieht seines Herrn Gefahr, setzt flugs das Hifthorn anUnd bläst, als läg' ihm ob die Todten aufzublasen.

67Die ganze Burg erschallt davon und kracht;Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht,Gespenster lassen sich wie schnelle Blitze sehen,Und unter stetem Donner schwanktDes Schlosses Felsengrund. Der Heiden Herz erkrankt;Sie taumeln Trunknen gleich, Gehör, Gesicht vergehen,Der schlaffen Hand entglitschen Schwert und Speer,Und gruppenweis' liegt alles starr umher.

68Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen,Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen;Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer,Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr.Auf einmahl schweigt der Sturm; ein lieblich säuselnd WehenErfüllt den Sahl mit frischem Lilienduft,Und, wie ein Engelsbild ob einer Todtengruft,Läßt Oberon sich itzt auf einem Wölkchen sehen.

69Ein lauter Schrey des Schreckens und der LustEntfährt der Perserin; ein unfreywillig GrauenBekämpft in ihr das schüchterne Vertrauen.Die Arme über ihre BrustGefaltet, steht sie glühend nebenDem Jüngling da, dem sie ihr Herz gegeben,Und wagt, der süßen Schuld jungfräulich sich bewußt,Zu ihrem Retter kaum die Augen aufzuheben.

70Gut, Hüon, spricht der Geist, du hast dein EhrenwortGelöst, ich bin mit dir zufrieden.Zum Ritterdank ist dir dieß schöne Weib beschieden!Doch, eh' ihr euch entfernt von diesem Ort,Bedenke Rezia, wozu sie sich entschließet,Eh' sie vielleicht mit unfruchtbarer ReuDie rasche Wahl verführter Augen büßet!Zu bleiben oder gehn läßt ihr das Schicksal frey.

71So vieler Herrlichkeit entsagen,Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward,Um sich, auf ungewisse Fahrt,Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu wagen;Zu leben ihm allein, mit ihm den UnbestandDes Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tragen,(Und ach! oft kommt der Schlag von einer lieben Hand!)Da lohnt sich's wohl, vorher sein Herz genau zu fragen.

72Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt,Noch steht's bey dir den Wunsch der Liebe zu betrügen.Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe liegen;Sie leben wieder auf, so bald mein Stab sie weckt.Der Sultan wird dir gerne, was geschehen,Verzeihn, trotz dem was er dabey verlor,Und Rezia wird wieder wie zuvorVon aller Welt sich angebetet sehen.

73Hier schwieg der schöne Zwerg. Und, bleicher als der Tod,Steht Hüon da, das Urtheil zu empfangen,Womit ihn Oberon, der Grausame! bedroht.In Asche sinkt das Feuer seiner Wangen.Zu edel oder stolz, vielleicht ein zweifelnd HerzMit Liebesworten zu bestechen,Starrt er zur Erde hin mit tief verhaltnem Schmerz,Und läßt nicht einen Blick zu seinem Vortheil sprechen.

74Doch Rezia, durchglüht von seinem ersten Kuß,Braucht keines Zunders mehr die Flamme zu erhitzen.Wie wenig däucht ihr noch was sie verlassen muß,Um alles was sie liebt in Hüon zu besitzen!Von Scham und Liebe roth bis an die Fingerspitzen,Verbirgt sie ihr Gesicht und einen ThränengußIn seinem Arm, indem, hoch schlagend von Entzücken,Ihr Herz empor sich drängt, an seines sich zu drücken.

75Und Oberon bewegt den LilienstabSanft gegen sie, als wollt' er seinen SegenAuf ihrer Herzen Bündniß legen,Und eine Thräne fällt aus seinem Aug' herabAuf beider Stirn. So eil' auf Liebesschwingen,Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen steht bereit,Bevor das nächste Licht der Schatten Heer zerstreut,Euch sicher an den Strand von Askalon zu bringen.

76Er sprach's, und eh' des letzten Wortes LautVerklungen war, entschwand er ihren Augen.Wie einem Traum entwacht, steht Hüons schöne Braut,Den süßen Duft begierig aufzusaugen,Der noch die Luft erfüllt. Drauf sinkt ein scheuer BlickAuf ihren Vater hin, der wie in TodesschlummerZu starren scheint. Sie seufzt, und wehmuthsvoller KummerMischt Bitterkeit in ihres Herzens Glück.

77Sie hüllt sich ein. Herr Hüon, dem die LiebeDie Sinne schärft, sieht nicht so baldIhr Herz beklemmt, ihr schönes Auge trübe,So drückt er sie mit zärtlicher Gewalt,Den rechten Arm um ihren Leib gewunden,Zum Sahl hinaus.—Komm, spricht er, eh' die NachtUns überrascht, und jeder Arm erwacht,Den, uns zu Lieb', der Geist mit Zauberschlaf gebunden.

78Komm, laß uns fliehn, eh' uns den Weg zur FluchtEin neuer Feind vielleicht zu sperren sucht,Und sey gewiß, sind wir nur erst geborgen,Wird unser Schützer auch für diese Schläfer sorgen.Dieß sprechend trägt er sie mit jugendlicher KraftDie Marmortrepp' hinunter bis zum Wagen,Den Oberon zu ihrer Flucht verschafft,Und eine süßre Last hat nie ein Mann getragen.

79Die ganze Burg ist furchtbar still und leerWie eine Gruft, und Leichen ähnlich liegenIn tiefem Schlaf die Hüter hin und her;Nichts hemmt der Liebe Flucht; der Wagen wird bestiegen:Doch traut das Fräulein sich dem Ritter nicht allein;Mit Scherasmin steigt auch die Amme hastig ein.Sie, die zum ersten Mahl so viele Wunder siehet,Die arme Frau weiß nicht wie ihr geschiehet.

80Wie wird ihr da sie rückwärts schautUnd sieht, an Pferde Statt, vier Schwanen vor dem Wagen,Regiert von einem Kind!—Wie schaudert ihr die Haut,Da sie empor gelupft und durch die Luft getragenSich fühlt, und kaum zu athmen sich getraut,Und nicht begreifen kann, wie, ohne umzuschlagen,So schwer bepackt, der Wagen sich erhebt,Und, steter als ein Kahn, auf leichten Wolken schwebt!

81Als endlich gar die Nacht sie überfiel,Was Wunder, daß die Furcht zuletzt die Scham besiegte,Und Fatme so gedrang an Scherasmin sich schmiegte,Als wie zum Schlaf an ihren lieben Pfühl!Vermuthlich daß der Mann dazu sich willig fügte;In solchen Fällen mischt das Herz sich gern ins Spiel:Jedoch gereicht zum Ruhm des wackern Alten,Daß er wie reines Gold dieß Feuer ausgehalten.

82Ganz anders war das junge Paar gestimmt,Das Amor itzt mit seiner Mutter SchwanenDavon zu führen schien. Ob auf gewohnten BahnenDen Lauf ihr Zauberfuhrwerk nimmt,Ob durch die Luft, ob's rollet oder schwimmt,Ob langsam oder schnell, mit Pferden oder Schwanen,Sanft oder hart, mit oder ohne Fahr,Sie werden nichts von allem dem gewahr.

83Ein neuer Wonnetraum, ein seliges EntzückenIns Paradies, dünkt sie ihr gegenwärt'ger Stand;Sie können nichts, als stumm, mit nimmer satten Blicken,Sich anschaun, eins des andern warme HandAns volle Herz in süßer Inbrunst drücken,Und, während Himmel und Erd' aus ihren Augen schwand,Und sie allein noch übrig waren, fragen:Ist's, oder träumt uns noch? Sind wir in Einem Wagen?

84"So war's kein Traum als ich im Traum dich sah?(Rief jedes aus) So war es Rezia?War's Hüon? und ein Gott hat dich mich finden lassen?Du mein?—ich dein?—Wer durft' es hoffen, wer?So wundervoll vereint, uns nimmer nimmermehrZu trennen? Kann das Herz so viele Wonne fassen?"Und dann von neuem stets einander angeblickt,Von neuem Hand um Hand an Mund und Herz gedrückt!

85Vergebens hüllt die Nacht mit dunstbeladnen FlügelnDen Luftkreis ein; dieß hemmt der Liebe Sehkraft nicht:Aus ihren Augen strahlt ein überirdisch Licht,Worin die Seelen selbst sich in einander spiegeln.Nacht ist nicht Nacht für sie; ElysiumUnd Himmelreich ist alles um und um;Ihr Sonnenschein ergießet sich von innen,Und jeder Augenblick entfaltet neue Sinnen.

86Allmählich wiegt die WonnetrunkenheitDas volle Herz in zauberischen Schlummer;Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer,Die Seele dünkt vom Leibe sich befreyt,In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen!So inniglich von ihm durchathmet und durchdrungen!Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloßSich fühlend—Aber, o dieß Eins, wie grenzenlos!

Sechster Gesang.

1Kaum fing Aurora an die Schatten zu verjagen,Und schloß dem Tag mit ihrer RosenhandDie Pforten auf, so hielt der Schwanenwagen,Nicht weit vom seebespülten StrandVon Askalon, im Schirm von hohen Palmenbäumen,Auf einmahl still. Ein sanfter StoßWeckt unser doppelt Paar, dieß aus des Schlummers Schooß,Und jenes aus der Liebe wachen Träumen.

2In süßem Schrecken bebt die Sultanstochter auf,Indem zum ersten Mahl, vom Morgen angestrahlet,Das Weltmeer grenzenlos sich in ihr Auge mahlet.Voll Wunders schweift in ungehemmtem LaufDer ausgedehnte Blick auf diesen Wasserhöhen;Die Unermeßlichkeit scheint vor ihr aufgethan:Doch, mitten in der Lust kommt sie ein Schaudern an,Im Unermeßlichen sich selbst so klein zu sehen.

3Ein grauer Flor umnebelt ihren Blick.Wo bin ich? ruft sie. Doch, Herr Hüon, der am WagenMit offnen Armen steht ins Grüne sie zu tragen,Bringt den verschwebten Geist schnell zu sich selbst zurück.Sey, spricht er, ohne Furcht, mein Leben,(Indem er seinen Mund von Lieb' und Sehnsucht warmAuf ihren Busen drückt, den stille Seufzer heben)Sey ohne Furcht, du bist in meinem Arm.

4Mit Wonne fühlt sie sich itzt wieder ganz umgebenVon ihrer Liebe, ganz in seinen Arm versenkt,Und junger Efeu kann am Stamm nicht brünst'ger klebenAls sie um seinen Leib die runden Arme schränkt.So eilt er mit der süßen BeuteDen Palmen zu; setzt dann auf weiches MoosSie in den Schatten hin, sich selbst an ihre Seite,Und tauschte seinen Platz um keines Sultans Loos.

5Bald findet auch mit Fatme sich bey ihnenSein Alter ein, entschlossen, er und sie,Bis auf den letzten Hauch dem lieben Paar zu dienen.Kaum hatte Scherasmin im GrünenBey seinem Herrn, und Fatme nah am KnieDer jungen Dame Platz genommen,Schnell, wie ein Blitz der Fantasie,Kam durch die Luft der schöne Zwerg geschwommen.

6Aus seinen Augen brach durch sanft bewölkten GramDer Freundschaft mildes Licht, und als er näher kam,Sahn sie ein Kästchen, dicht besetzt mit Edelsteinen,In seinem linken Arm wie eine Sonne scheinen.Freund Hüon, sprach der Geist, nimm dieß aus meiner Hand,Wiewohl dich Karl dazu ausdrücklich nicht verpflichtet:Wenn du ihn wiedersiehst, so dien' es ihm zum Pfand,Daß du, was er begehrt, buchstäblich ausgerichtet!

7Ihr merkt, (wiewohl in Rezia's GegenwartNicht schicklich war es laut zu offenbaren)Daß des Kalifen Zähn' und Bart,In Baumwoll' eingepackt, in diesem Kästchen waren.Es hatte, während daß der Sultan noch erstarrtIn seinem Lehnstuhl lag, von Oberons unsichtbarenTrabanten einer sich behend ans Werk gemacht,Und alles, ohne Scher' und Pelikan, vollbracht.

8Eilt nun, so fuhr er fort, bevor euch nachzujagenDer Sultan Zeit gewinnt! Dort auf der Rhede liegtEin Schiff, das ohne Harm in sechs bis sieben TagenMit euch bis nach Lepanto fliegt;Dort findet ihr, so bald ihr angekommen,Ein andres schon bereit, das nach Salern euch bringt;Und dann, so schnell als Lieb' und Sehnsucht euch beschwingt,Geraden Wegs den Lauf nach Rom genommen!

9Und tief, o Hüon, sey's in deinen Sinn geprägt:So lange bis der fromme Papst SylvesterAuf eurer Herzen Bund des Himmels Weihung legt,Betrachtet euch als Bruder und als Schwester.Daß der verbotnen süßen FruchtEuch ja nicht vor der Zeit gelüste!Denn wisset, daß im Nu, da ihr davon versucht,Sich Oberon von euch auf ewig trennen müßte.

10Er sagt's, und seufzt, und stiller Kummer schwilltIn seinem Aug'; er heißet sie ihm nahen,Und küßt sie auf die Stirn; und als sie aufwärts sahen,Zerfloß er wie ein WolkenbildAus ihrem Blick. Der goldne Tag verhülltSein Antlitz; traurig rauscht's, wie Seufzer, durch die Palmen,Und Land und Meer scheint, dumpf und tief erstillt,In trübem Duft gestaltlos zu verqualmen.

11Ein seltsam Weh, ein stilles Bangen drücktDas holde Paar; sie sehn mit blassen WangenEinander an; im offnen Mund ersticktWas jedes sprechen will; sie wollen sich umfangeneUnd ein geheimes Grau'n hält ihren Arm. AlleinIn einem Pulsschlag stürzt der dumpfe Nebel nieder,Lacht alles wie zuvor in goldnem Sonnenschein,Und Muth und Freude kehrt in ihre Herzen wieder.

12Sie eilen nach dem Schiff, und finden's, hoch erfreut,Zur Reise schon versehn und zierlich eingerichtetDurch ihres Schützers Gütigkeit.Ein frischer Landwind weht, der Anker wird gelichtet,Das Seevolk jauchzt. Die Barke, vogelschnell,Durchschneidet schon mit ausgespannten FlügelnDie blaue Flut; die Luft ist rein und hell,Und glatt das Meer um sich darin zu spiegeln.

13Sanft wiegend schwimmt, gleich einem stolzen Schwan,Das Schiff dahin, zum Wunder aller SöhneDes Oceans, auf kaum gefurchter Bahn.So eine Fahrt hat noch kein Mensch gethan,Rief jeder aus. Der Ritter und die SchöneStehn, Arm in Arm geschlungen, Stunden langAuf dem Verdeck, und schau'n; und jede neue SceneIst Opium für ihren Liebesdrang.

14Und wenn sie in die unabsehbarn FlächenHinaus sehn, wo in Luft der Wellen Blau zerrinnt,Fängt Hüon an von seinem Land zu sprechen,Wie schön es ist, wie froh darin die Leute sind,Und wie von Ost zum West die SonneDoch auf nichts holders scheinen kannAls auf die Ufer der Garonne;Und alles dieß beschwört sein alter Lehensmann.

15Dem hüpft das Herz, so oft er seinem liebenGaskogne Hymnen singen kann!Die schöne Rezia, wiewohl ihr dann und wannViel Worte unverständlich blieben,Horcht unverwandt; denn das, wovon ihr nichts entgeht,Was mit unsäglichem Behagen,So neu ihr's ist, ihr Herz unendlich leicht versteht,Ist—was ihr Hüons Augen sagen.

16Ein sanfter Druck der warmen Hand,Ein Seufzer, der das volle Herz entladet,Ein leiser Kuß, der Rosenwang' entwandt,Und, o ein Blick, in Amors Thau gebadet,Was überzeugt, gewinnt und rührt wie dieß?Was geht so schnell, trotz dem behendsten Pfeile,Von Herz zu Herz, trifft so gewißDen Zweck, und macht so wenig lange Weile?

17In Seelgesprächen dieser ArtVerlor das Wortgespräch sich stets bey unsern beiden.Oft schlichen sie, um Zeugen zu vermeiden,In ihr Gemach, und standen da gepaartAm offnen Fenster, oder saßenAuf ihrem Sofa. Doch, auch dann nicht ganz allein;Die Amme wenigstens muß stets zugegen seyn;Denn Hüon selber bat ihn nie allein zu lassen.

18Noch immer wiederhallt der schreckenvolle TonDes strengen "laßt euch nicht gelüsten"In seinem Ohr; denn wißt, sprach Oberon,Daß wir uns sonst auf ewig trennen müßten.Wie meinte das der Geist? Es war ein tiefer SinnIn seinem Blick, der immer ernster, immerBewölkter ward; ach! Thränen schwammen drin,Und sein Gesicht verlor den sonst gewohnten Schimmer.

19Dieß schwellt mit Ahnungen des guten Ritters Herz.Er traut sich selbst nicht mehr; der Liebe leichtster ScherzErweckt die Furcht, ob Oberon ihn verdamme.Indessen frißt die eingeschloßne FlammeSich immer tiefer ein. Die Luft, worin er lebt,Ist Zauberluft, weil Rezia sie theilet;Ihr Athem weht darin, ihr holder Schatten schwebtUm jeden Gegenstand, auf dem sein Auge weilet.

20Und, o Sie selbst glänzt ihn im Morgenlicht,Im Abendroth, im sanften SchattentageDes Mondes an. In welcher schönen Lage,In welcher Stellung reitzt ihr Nymfenwuchs ihn nicht?Der Schleier, der vor allen fremden AugenSie dicht umhüllt, fällt im Gemach zurück,Erlaubt sogar dem furchtsam kühnen BlickSich, Bienen gleich, in Hals und Busen einzusaugen.

21Er fühlt die süße Gefahr. O, soll es möglich seyn,Du Schönste, ruft er oft, bis Rom es auszuhalten,So wickle dich in sieben Schleier ein!Verstecke jeden Reitz in tausend kleine Falten;Laß über dieses Arms lebend'ges ElfenbeinDie weiten Ärmel bis zur Fingerspitze fallen,Und ach! Freund Oberon, vor allenVerwandle bis dahin mein Herz in kalten Stein!

22Es war, wiewohl ihm oft die Kräfte schier versagen,Des Ritters ganzer Ernst, den Sieg davon zu tragenIn diesem Kampf. Es däucht' ihn groß und schönDas schwerste Abenteu'r der Tugend anzugehn,Schon groß und schön, es nur zu wagen,Und zehnfach schön und groß, es rühmlich zu bestehn.Allein, die Möglichkeit so einen Feind zu dämpfen,Der immer stärker wird, je mehr wir mit ihm kämpfen?

23Nichts ist, was diesem Feind so bald gewonnen giebt,Als bey der Schönen, die man liebt,Sich dem Gefühl stillschweigend überlassen.Zum Glück erinnert sich Herr Hüon seiner Pflicht,Nach ritterlichem Brauch, sich mit dem UnterrichtDer Sultanstochter zu befassen.Denn ach! das arme Kind lag noch im Heidenthum,Und glaubt' an Mahomed, unwissend zwar warum.

24Der Ritter, sie von dieser Pest zu heilen,Eilt was er kann, (die Liebe hieß ihn eilen)Sein Bißchen Christenthum der Holden mitzutheilen.An Eifer gab er keinem Märt'rer nach;Er war an Glauben stark, wiewohl an Kenntniß schwach,Und die Theologie war keineswegs sein Fach;Sein Pater und sein Credo, ohne Glossen,In diesen Kreis war all sein Wissen eingeschlossen.

25Doch was vielleicht an Licht und GründlichkeitDer Lehre fehlt, ersetzt des Lehrers Feuer:Herr Hüon, standsgemäß ein Feind von Wörterstreit,Handhabt das Werk gleich einem Abenteuer,Und was er glaubt, beschwört er hoch und theuer,Erbötig, dessen RichtigkeitDem ganzen Heidenthum mit seinem blanken EisenZu Wasser und zu Land handgreiflich zu erweisen.

26Groß ist in des Geliebten MundDer Wahrheit Kraft; das Herz, voraus mit ihm in Bund,Horcht ihm mit Lust und lehrbegier'gem Schweigen.Was ist so leicht zu überzeugenAls Liebe? Ein Blick, ein Kuß ist ihr ein Glaubensgrund.Die Schöne, ohne sich in Fragen zu versteigen,Glaubt ihrem Hüon nach, und macht in kurzer ZeitIhr Kreuz an Stirn und Brust mit vieler Fertigkeit.

27Das heil'ge Bad der Christen zu empfangenStand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint)Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor VerlangenZu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangenUnd jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint.Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind,der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnenFür die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.

28Die schöne Rezia, die nun Amanda hießSeitdem sie in den ChristenordenGetreten war, gewann nicht nur das Paradies,Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden.Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlichSein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens,Des Herzens und des HändedrückensKein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;

29Vergebens stellt sich Fatme gegenüber:Der gute Paladin in seinem SeelenfieberVergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr.Der Alte hätte sich zu Tode winken können,Die Wonn', in die er ganz versunken war,Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen,Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen,Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.

30Auch Rezia, seitdem sie von AmandenDen Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den BandenDes Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißtNun desto leichter Königswürde,Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist.Die Rückerinnerung, die sonst wie eine BürdeZuweilen noch an ihrem Nacken hing,Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.

31Sie ist nun ganz für Hüon neu geboren,Gab alles, was sie war, für ihn,Gab einen Thron um Liebe hin,Und fühlt' in seinem Arm, sie habe nichts verloren.Sie gab sich weg, und ist Amande, nunFür Liebe nur, durch Liebe nur zu leben,Hat in der Welt nichts andres mehr zu thunNichts andres zu empfangen noch zu geben.

32Der wackre Scherasmin, der das verliebte PaarIn solcher Stimmung sieht, erschrickt vor ihren Blicken.Er wird darin ich weiß nicht was gewahr,Das lüstern ist verbotne Frucht zu pflücken.Ein Zeuge drückte sie, das sah er offenbar.Sie küßten sich, so bald er nur den RückenEin wenig kehrt, so rasch, so durstiglich,Und wurden roth, so bald sein Auge sie bestrich.

33Im Spiegel seiner eignen JugendSieht er nur allzu gut was beide nicht mehr sahn;Sieht, einer Motte gleich, die unerfahrne TugendSich ahnungslos der schönen Flamme nahn.Wie lieblich zieht der Glanz, die sanfte Wärme an!Durch ihre Unschuld selbst betrogenUmtaumelt sie das Licht in immer kleinern Bogen,Und plötzlich ach! verbrennt sie ihre Flügel dran.

34In dieser Noth läßt der getreue Alte(Mit Fatmen ingeheim zu diesem Zweck vereint)Nichts unversucht, was ihm ein Mittel scheint,Daß wenigstens bis Rom des Ritters Weisheit halte;Ihm fällt bald dieß bald jenes ein,Sie zu beschäftigen, zu stören, zu zerstreun;Zuletzt schlägt er, da alle Mittel fehlen,Zur Abendkürzung vor, ein Mährchen zu erzählen.

35Ein Mährchen nennt' er es, wiewohl es freylich mehrAls Mährchen war. Ihm hatt' es ein KalenderZu Basra einst erzählt, als er die MorgenländerNach seines Herren Tod durchirrte, lang' vorher,Eh' in die Kluft des Libans aus den WogenDer stürmevollen Welt er sich zurückgezogen:Und da es itzt in ihm gar lebhaft sich erneut,Glaubt er, es sey vielleicht ein Wort zu rechter Zeit.

36Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert JahrenLebt' an den Ufern des TessinEin Edelmann, an Weisheit ziemlich grün,Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren;Von Podagra und Gicht, der späten bittern FruchtZu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht;Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahren,Und in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.

37Dem war, nachdem er lang' sein sündliches VergnügenDaran gehabt, im HagestolzenstandAuf Amors freyer Bürsch' Berg auf Berg ab im LandHerum zu ziehn, und, wo er Eingang fand,Bey seines Nächsten Weib zu liegen;Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen,Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand,Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.

38Mit viel Geschmack und wohl verkühltem BlutSucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette,Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte,Zumahl zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut,Unschuldig, sittsam, unerfahren,Keusch wie der Mond und frey von aller eiteln Lust,Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren,Von Farbe rosenhaft, und rund von Arm und Brust.

39Von allen drey und dreyßig Stücken,Womit ein schönes Weib, sagt man, versehen ist,Hätt' er kein einzigs gern an seiner Braut vermißt,Am wenigsten das Aug', in dessen FeuerblickenEin feuchtes Wölkchen schwimmt, die kleine weiche Hand,Die Lippen, die dem Kuß entgegen schwellen,Das runde Knie, der Hüften schöne Wellen,Und unter sanftem Druck den süßen Widerstand.

40Der gute alte Herr, beym Kauf so schöner Waare,Vergaß nur Eins—die fünf und sechzig Jahre,Die seinen Kopf bereits mit Schnee bestreun.Zwar macht' er, aus geheimer Vorempfindung,Ausdrücklich zum Beding der ehlichen Verbindung,Sie sollte reitzvoll, warm, und alles das, alleinFür ihn, und kalt wie Eis für jeden andern bleiben:Allein, wer wird für Sie die Klausel unterschreiben?

41Rosette that's. Rosette war ein Kind,War auf dem Land, dem Veilchen gleich, im SchattenVerborgen aufgeblüht, war froh und leicht gesinnt,Und sah in ihrem künftigen Herrn und GattenNichts als den Mann der sie zur großen Dame macht,Ihr reiche Kleider gab und tausend schöne Sachen,Die Kindern, wie sie war, bey Tage Kurzweil machen;An andres hatte noch ihr Herzchen nie gedacht.

42Die Hochzeit ward demnach mit großer Pracht vollzogen.Der edle Bräut'gam, zwar ein wenig steif und schwer,Stapft an Rosettens Hand gar ehrenfest einher,Und wähnt sein Taufschein hab' um zwanzig ihn belogen.Was Augen hat läuft schaarenweis' herbeyDen prächt'gen Kirchgang anzustaunen;Ein stattlich Paar! hört man zu beiden Seiten raunen;Sie gleichen sich—wie Januar und May.

43Rosettens Unschuld war (wie in dergleichen FällenGewöhnlich ist) des alten Gangolfs Stolz:Er schien am zweyten Tag vor hohem Muth zu schwellen,Und schritt einher gerader als ein Bolz.Es war der letzte Trieb von einem dürren Holz!Die Übel, die sich gern zu grauer Liebe gesellen,Begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen;Je wärmer Röschen ward, je mehr ihr Alter schmolz.

44Indeß verdoppelt er auf andre Art die ProbenVon seiner Zärtlichkeit, beschenkt sie täglich schierMit neuem Modekram, mit Spitzen, schönen Roben,Juwelen, kurz, mit allem was er ihrAn Augen ansehn kann. Es koste was es wolle,Was ihr Vergnügen macht, das ist für ihn Genuß;Er fordert nichts dafür als höchstens einen Kuß;Mit Einem Wort, er spielt die—Alten-Mannes-Rolle.

45Rosette, jugendlich vergnügt mit ihrem Loos,Spart auch dagegen nichts den Alten zu vergnügenNach seiner Art; setzt sich auf seinen SchooßSo viel er will, und läßt auf seinem Knie sich wiegen,Läßt aus Gefälligkeit ihn tändeln wie er kann,Pflegt seiner, liebevoll, in seinem Unvermögen;Und, wandelt ihn (wie oft) die Schlafsucht an,Darf er sein schweres Haupt auf ihren Busen legen.

46So lebten sie in Eintracht manches JahrZusammen, keusch und treu wie fromme Turteltauben,So treu ergeben Sie, und Er so voller Glauben,Daß jedermann dadurch erbauet war.Der gute Mann vergaß bey ihren ScherzenSein Podagra und seine Rückenschmerzen,Und seinetwegen bloß beklagt' in ihrem HerzenDie junge Frau sein zehntes Stufenjahr.

47Allein, es kam; und ach! zu ihrem großen Leide,Ein Übel kam mit ihm auf Gangolfs graues Haupt,Das seiner liebsten AugenweideDen armen Greis auf lebenslang beraubt.Nie wird er wieder sich an ihren Blicken sonnen,Nie wieder sehn dieß reitzende Oval,Wovon zu Engeln und MadonnenSo mancher Mahler gern die sanften Züge stahl!

48Wer sollt' ihm nun die lange Zeit vertreiben,Dem armen blinden Mann, hätt' er Rosetten nicht?Was würd' aus ihm, wär's ihr nicht süße Pflicht,Untrennbar Tag und Nacht an ihn geklebt zu bleiben,Ihm immer Arm und AugenlichtZu leihn, für ihn zu lesen und zu schreiben,Zu fragen was ihm fehlt, und, quälet ihn die Gicht,Mit leichter warmer Hand ihm Knie und Fuß zu reiben?

49Rosette, immer sanft, gefällig, mitleidsvoll,Entrichtet ohne Zwang und MurrenDer Ehstandspflicht auch diesen schweren Zoll;Aufmerksam stets, (wiewohl bey seinem KnurrenIhr heimlich oft die Gall' ein wenig schwoll)Daß ja ihr Alter nichts zu klagen haben soll.Zum Unglück fing er itzt, trotz ihrem guten Willen,In seinem Sorgestuhl die schlimmste aller Grillen.

50Der ärgste Feind, der je sich aus der Hölle schlichDie Sterblichen zu necken und zu quälen,Fuhr in den armen Mann, und plagt' ihn jämmerlich.Alt, schwach und blind, wie konnt' er sich verhehlen,Rosette sey, so sehr sie einem Engel glich,Doch nur ein Weib? Konnt's an Versuchern fehlen?Die Welt ist rings umher von offnen Augen voll,Und ach! das Auge blind, das sie beleuchten soll!

51So jung, so schön, so ganz aus lauter LiebeszunderGewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?Wo sah man je so frische Wangen blühn?Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?Zwar ist sie tugendhaft; sie wird ja freylich fliehn:Doch, wenn sie auf der Flucht nun glitschte? wär' es Wunder?Der Grund, worauf sie flieht, ist hell geschliffner Stahl,Und ach! die Einmahl fällt, die fällt für allemahl.

52Selbst ihre Tugenden, ihr sanftgefällig Wesen,Ihr leichter Sinn, stets froh und guter Ding',Was sonst an ihr das liebste ihm gewesen,Die holde Scham sogar, womit sie ihn umfing,Und was ihm sonst von ihren tausend Reitzen,Entschleiert und verschont, sein Seelenspiegel weist,Das alles hilft itzt nur dem Argwohn, der ihn beißt,Sich in sein wundes Herz noch tiefer einzubeitzen.

53Der Sklaverey, worin das gute junge WeibSeit dieser Zeit verlechzt, ist keine zu vergleichen.Stets angeschnallt an seinen siechen Leib,Darf sie ihm Tag und Nacht nicht von der Seite weichen.Mißtrauisch aufgeschreckt von jedem leisen Wort,Trägt er die Augen nun an seinen Finger-Enden,Und Nachts liegt eine stets von seinen knot'gen HändenBald da, bald dort auf ihr, aus Furcht sie schleich' ihm fort.

54So sanft Rosette war, so fiel doch solch BetragenIhr schwer aufs Herz. Er nennt es Liebe zwar:Allein sie sah zu wohl nur, was es war,Und fing, anstatt sich fruchtlos zu beklagen,Zu überlegen an. So neben einem MannVon siebenzig, mit Gicht und Stein beladen,Durchs Leben, wie durch einen Sumpf, zu waden,Und noch gequält dazu, däucht ihr ein harter Bann.

55Gar vieles, was sie sonst geduldig übersehen,Scheint in dem Licht, worin sie jetzt es sehen muß,Höchst widerlich und gar nicht auszustehen.Sein Zärtlichthun ist jetzt ihr herzlichster Verdruß,Sein Scherz unleidlich plump, und ekelhaft sein Kuß;Wagt er noch mehr, so möchte man vergehen!Und sie, o grausam! sie ist jung und schön für ihn,Und was ihm unnütz ist, muß sie sich selbst entziehn!

56Und was entschädigt sie? Der Stadt gesellige Freuden,Tanz, Schauspiel, alles das ist ihr verbotne Frucht!Von niemand wird ihr altes Schloß besucht;Als gingen Geister drin, scheint jeder es zu meiden.Ein großer Garten hoch mit einer Mau'r umfaßt,Ist alles was sie hat—im Kreis sich zu bewegen;Zum Träumen kann sie da an einen Baum sich legen,Und dann sogar ist ihr der blinde Mann zur Last.

57Ein junger Edelknecht, in Gangolfs Schloß erzogenUnd über seinen Stall gesetzt,Wird itzt zum ersten Mahl betrachtenswerth geschätzt.Er hatte zwar schon lange sich verwogen,Mit schmachtender Begier die Dame anzusehn,Und oft gesucht ihr's mündlich zu gestehn,Doch, da sie stets dem Anlaß ausgebogen,Auch wieder ehrfurchtsvoll zurücke sich gezogen.

58Jetzt aber, da Verdruß und GramUnd lange Weil' bey Tag, und noch langweil'gers WachenBey Nacht, Zerstreuungen ihr zum Bedürfniß machen,Kein Wunder, daß sie jetzt die Sache anders nahm.Es däucht ihr hart, in ihren schönsten TagenSo gänzlich allem Trost des Lebens zu entsagen;Und Walter, dessen Blick nun wieder Muth bekam,War unermüdet, sich zum Tröster anzutragen.

59Sein Eifer wächst je mehr er Raum gewinnt.Er fleht; sie weigert sich: doch unvermerkt entspinntSich ein Verständniß zwischen ihnen,Wovon die Augen bloß die Unterhändler sind;Denn Gangolf war nicht an den Ohren blind,Und öfters kann ein Ohr für hundert Augen dienen.Der Alte spitzt die seinen gleich und lauschtWenn von Rosettens Kleid nur eine Falte rauscht.

60Ein solcher Zwang verkürzt die KomplimenteDes Widerstands, und in sehr kurzer ZeitSind Walter und die Dame schon so weitDaß nur die Frage ist, wie man sich nähern könnte?Von ihrem Drachen, den sein Husten Tag und NachtNicht ruhen läßt, gebannet und bewacht,Was wird die junge Frau ersinnen,Um etwas Raum und Zeit für Walter zu gewinnen?

61Noth schärft den Witz. Indem sie hin und herAuf Wege denkt, erwählt, verwirft, im bestenViel Schwierigkeiten sieht, fällt ihr von ungefährEin Birnbaum ein mit stufengleichen Ästen,Der, an der Rasenbank im Garten, wo sich rundUm einen Marmorbrunnen HeckenVon Myrten ziehn, hoch überhangend stund,Den Schattensitz vor Sonnengluth zu decken.

62Zu diesem anmuthsvollen Ort,Den laue Lüftchen stets umfliegen,Pflegt oft, zur Sommerszeit, wenn alles lechzt und dorrt,Mit seinem Weibchen sich der Alte zu verfügen,Um an des Brunnens kühlem BordEin Stündchen oder zwey auf ihrem Schooß zu liegen—Zum Garten hat jedoch den Schlüssel er allein,Und außer ihm und ihr kam keine Seel' hinein.

63Was nun zu thun, den Schlüssel zu bekommen,Den stets im Unterkleid der Alte bey sich führt?Der wird beym Schlafengehn ganz sachte weggenommen,Und, während daß der Mann sein Ave psalmodiert,In Wachs gedrückt, sodann am nächsten MorgenDer Abdruck unvermerkt in Walters Hand gespielt,Und ein Postskript dazu, das ihm den Baum empfiehlt;Das übrige wird Walter schon besorgen.

64Nun, was geschah? Es war ein schöner warmer TagZu End' Augusts, als unsern blinden AltenDie Sonne lockt, wie er zuweilen pflag,Die Mittagsruh im Myrtenrund zu halten.Komm, meine Taube, spricht zu seinem andern IchDer graue Tauber, komm, mein Röschen, führe michZu jenem stillen Grund, wo, seit er uns verbunden,Der Gott der Eh' so oft uns Arm in Arm gefunden.

65Rosette winkt, und Walter schleicht voran;Die Gartenthür wird leise aufgethanUnd wieder zugemacht; dann geht es an ein FliegenDem Brunnen zu; der Birnbaum wird erstiegen,Und, wo der breit'ste Ast sich sanft gebogen krümmt,Des Weibchens Thron im dichtsten Laub bestimmt.Der Alte kommt indeß, mit ungewissen Tritten,An seines Röschens Arm allmählich angeschritten.

66Weil nun der Mund beynah das einz'ge blieb,Das noch, in viel und mancherley Gebrechen,Ihm Dienste that, so war, von seiner Lieb'Und von dem Paradies des Ehstands ihr zu sprechen,Gewöhnlich das, womit er ihr die Zeit vertrieb.Er mischte dann, vielleicht sie zu bestechen,Von ihren Reitzungen viel Poesie hinein,Und meistens kam ein Stück von Predigt hinter drein.

67Aus diesem Ton war's unterwegs gegangen,Und, da sie glücklich nun beym Brunnen angelangt,(Wo, wie ihr wißt, der schöne Birnbaum prangt)Da hatte Gangolf auch, nachdem er ihr die WangenGestreichelt, und (wiewohl vom Husten stark geplagt)Viel zärtliches und süßes vorgesagt,Die Predigt eben angefangen,Die ihr im Angesicht des Birnbaums schlecht behagt.

68Ist, sprach er—da er so, die Stirn an ihrer Brust,Im Schatten bey ihr saß, und an dem runden, weichen,Atlaßnen Arm sanft auf und ab zu streichenNicht müde ward—ist wohl der Unschuld unsrer Lust,Der Ruh, dem süßen Trost, dem alle Freuden weichen,Dem Glück geliebt zu seyn, geliebt und sich bewußtMan sey es würdig—kurz, dem was du fühlen mußtWenn du mich liebst, ein Glück auf Erden zu vergleichen?

69O sprich, mein Röschen,—hier begannDer alte Herr noch zärtlicher zu streicheln—Doch rede frey und ohne alles Heucheln,(Denn einer höret uns, den niemand täuschen kann)Darf sich auch wohl dein armer blinder Mann,Der dich so zärtlich liebt, darf sich dein Gangolf schmeicheln,Daß du ihn wieder liebst? daß er dein Alles ist,Dein ganzes Herz erfüllt, wie du sein Alles bist?

70Zwar freylich, wollten wir die alten Sagen schätzen,Wär' einem Mann nichts minder zu verzeihn,Als an ein Weib sein ganzes Herz zu setzen,Zu bau'n auf ihre Treu', zu trauen ihrem Schein.Längst lehrten uns, aus Tonnen und von Thronen,Der Narr Diogenes, die weisen Salomonen,Es sey des Weibes Herz kein zuverlässig Gut,Und ihrer List nichts gleich als ihre Wankelmuth.

71Nichts von den weltlichen GeschichtenZu sagen, sehn wir nicht sogar das heil'ge BuchDen Ruhm der Weibertreu' von Anbeginn vernichten?Kam auf die Menschheit nicht durchs erste Weib der Fluch?Von seinen Töchtern ward der fromme Loth betrogen;Die Kinder Gottes selbst, schon vor der großen Flut,Verbrannten sich, von Weibern angezogen,Die Fittiche an ihrer strafbarn Gluth.

72Die Delila'n, die Jaeln, JesabellenUnd Bathseba'n, und wie ihr Nahme heißt,Ist unvonnöthen dir im Reihen aufzustellen,Wiewohl die Schrift sie nicht der Treue halben preist:Doch diese Judith, die den tapfern, frommen, altenFeldmarschall Holofern erst in die Arme schlingt,Erst liebetrunken macht, und dann ums Leben bringt,Wer kann dabey der Thränen sich enthalten?

73Wär' aber auch der Weiber größte ZahlAn Lastern noch so reich, an Tugend noch so kahl,Dir, meine Einz'ge, Auserwählte,Dir, meines Alters Trost und meiner Augen Licht,Dir trau' ich's zu, du bliebst getreu an deiner Pflicht,Und fehltest nicht, wenn auch die beste fehlte.Dein Gangolf, der so rein, so treu dich liebt,Wird, o gewiß! von dir so grausam nie betrübt?

74Wozu, versetzt mit schuldbewußten WangenDie junge Frau, und zieht den Schwanenarm,Womit sie um den Gürtel ihn umfangen,Mißmüthig weg—wozu, versetzt sie rasch und warm,All' diese Litaney? Womit in meinem LebenHab' ich dazu Gelegenheit gegeben?Wie? soll ich glauben, daß dein Herz an meiner Treu'Nur einen Augenblick zu zweifeln fähig sey?

75Unglückliche! ist dieß für alle meine LiebeZuletzt der Lohn? Wem gab ich ganz mich hin?Der Unschuld ersten Kuß, der Jugend erste Triebe,Wer hatte sie?—Und ach! daß ich zu zärtlich bin,Ist mein Verbrechen nun! Ein Herz ist ihm verdächtigDas keinen andern kennt, für ihn nur stärker schlug!Hoffärt'ger, hast du nicht an diesem Sieg genug?Auch quälen mußt du mich? O grausam! niederträchtig!

76Hier hielt sie ein, als ob der übermäßige SchmerzDie Stimm' in ihrer Brust erstickte;Und schluchzend fiel der Greis ihr um den Hals und drückteDas treue Weib reumüthig an sein Herz.O weine nicht, mein Liebchen, o verzeiheWas Liebe nur gefehlt! Ich wollte nicht VerdrußDir machen; o verzeih, und gieb mir einen Kuß!Bey Gott! ich zweifle nicht an meines Röschens Treue!

77So seyd ihr! sprach Rosett', indem sie seinem KußSanft sträubend sich entzog, so seyd ihr Männer alle!Erst lockt ihr uns so schmeichelnd in die Falle,Und habt ihr uns, macht ruhiger GenußStatt frischem Blut bey euch nur böse Galle.Weh dann der armen Frau, die euch befried'gen muß!Das Flämmchen selbst, das ihr so eifrig angeblasen,Giebt euch zum Argwohn Stoff, und macht euch heimlich Rasen.

78Der gute Mann, den sehr zur ungelegnen ZeitSein Hüftweh überfällt, weiß seinem armen LeibeSonst keinen Rath, als dem getreuen WeibeBetheurungen zu thun von seiner Zärtlichkeit,Und daß der Schatten nur von Argwohn himmelweitVon seinem Herzen sey und bleibe.Somit bestätigt denn der neue FriedensschlußVon beiden Theilen sich mit einem süßen Kuß.

79Das wackre Ehpaar sank, aus Leerheit oder FülleDes Herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe Stille.Rosette seufzt. Der Alte fragt, warum?Nichts, sagt sie wieder seufzend, und bleibt stumm.Er dringt in sie. "Sey unbesorgt, mein Lieber,Es ist ein Lüstern nur, und geht vielleicht vorüber."—Ein Lüstern?—Ich versteh'!—Wie glücklich machtest duMein Alter noch!—Sie schweigt und seufzt noch eins dazu.

80Da hätten wir die Frucht von deinem kalten Baden,Fuhr Gangolf fröhlich fort. Sag' an! es könnte dir,Wenn du's verhielt'st, und dem Verborgnen schaden!O! spricht sie, sähest du den schönen Birnbaum hier,So frisch von Laub, so strotzend voll beladenMit reifer goldner Frucht! die Äste brechen schier!Ich sagte nichts, aus Furcht du möchtest zürnen,Allein—ich gäb' ein Aug' um eine dieser Birnen!

81Ich kenn' ihn wohl, den Baum; er trägt im ganzen LandDie beste Frucht, versetzt der gute Blinde:Doch, sprich, wie machen wir's? Kein Mensch ist bey der Hand,Es ist ein Erntetag, das ganze HofgesindeIm Feld zerstreut—der Baum ist hoch, und ichBin schwach und blind—O wäre nur der BengelDer Walter hier!—"Mir fällt was ein, mein Engel,Wir brauchen niemand sonst, spricht sie, als dich und mich.

82"Wär'st du so gut, und wolltest mit dem RückenNur einen Augenblick fest an den Stamm dich drücken,So wär's ein leichtes mir, hier von des Rasens SaumDir auf die Schulter mich zu schwingen;Von da ist's vollends auf den BaumZum ersten Ast zwey kleine Spangen kaum;Ich bin im Klettern und im SpringenVon Kindheit an geübt—gewiß, es wird gelingen."

83Von Herzen gern, versetzt der blinde Mann;Und doch, mein Kind, wenn du zu Schaden kämest?Es bräch' ein Ast? was könnt' ich Armer dannZu deinem Beystand thun?—Wie, wenn du dich bequemestZu warten?—"Sagt' ich nicht, daß ich nicht warten kann?Ich sehe wohl, daß du des kleinen Diensts dich schämest;Um alles wollt' ich dir nicht gern beschwerlich seyn!Und doch, wer sieht uns hier? Wir sind ja ganz allein!"

84Was war zu thun? Es konnte leicht das LebenVon einem Erben gar bey dieser LüsternheitGefährdet seyn; kurz, halb mit ZärtlichkeitHalb mit Gewalt, muß Gangolf sich ergeben.Er stämmt sich an, hilft selbst dem Weibchen auf,Und vom geduld'gen Kopf des guten alten NarrenSchwingt sich Rosette frisch zum lüft'gen Sitz hinauf,Wo ihrer, unterm Laub, verstohlne Freuden harren.

85Nun saß von ohngefähr, da alles dieß geschah,Auf einer Blumenbank, dem guten blinden AltenVorüber, Oberon, um mit Titania,Der Feenkönigin, hier Mittagsruh zu halten:Indeß die zefyrgleiche SchaarDer Elfen, ihr Gefolg, zerstreut im ganzen GartenUnd meist versteckt in Blumenbüschen war,Um Schlummernd dort den Mondschein zu erwarten.

86Unsichtbar saßen sie, und hörten alles an,Was zwischen Mann und Frau sich eben zugetragen.Zum Unglück, daß sie auch die Birnbaumsscene sahn!Dem Elfenkönig gab dieß großes Mißbehagen.Da, sprach er zu Titanien, sieht man nunWie wahr es ist, was alle Kenner sagen!Was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun,Ein Weib die Stirne hat zu wagen?

87Ja wohl, Freund Salomon, bekennt dein weiser Mund:"Ein einzler Biedermann wird immer noch gesehen;Doch wandre einer mir ums weite ErdenrundNach einem frommen Weib, er wird vergebens gehen!"Siehst du, Titania, im Birnbaum dort verstecktDas ungetreue Weib des blinden Mannes spotten?Sie glaubt sich in der Nacht, die seine Augen deckt,So sicher als in Plutons tiefsten Grotten.

88Allein, bey meinem Thron, bey diesem Lilienstab,Und bey der furchtbarn Macht, die mir das Reich der ElfenMit diesem Zepter übergab,Nichts soll ihr ihre List, nichts seine Blindheit helfen!Nein, ungestraft in Oberons AngesichtSich ihres Hochverraths erfreuen soll sie nicht!Ich will den Staar von Gangolfs Augen schleifen,Und auf der frischen That soll sie sein Blick ergreifen!

89So? willst du das? versetzt mit raschem SinnUnd Wangen voller Gluth die Feenkönigin;So soll mein Schwur dem deinen sich vermählen!So schwör' auch ich, so wahr ich KöniginDes Elfenreichs und deine Gattin bin,Es soll ihr nicht an einer Ausflucht fehlen!Ist Gangolf etwa ohne Schuld?Ist Freyheit euer Loos, und unsers nur Geduld?

90Doch, ohne sich an ihren Zorn zu kehren,Macht Oberon, was er geschworen, wahr.Berührt von seinem Lilienstabe, klärenSich Gangolfs Augen auf, verschwunden ist der Staar.Erstaunt, entzückt beginnt er auszuschauen,Sieht hin, und schüttelt sich als führ' ein WespenschwarmIhm in die Augen, sieht, o Himmel! soll er trauen?Sein treues Röschen, ach! in eines Mannes Arm!

91Es kann nicht seyn! er hat nicht recht gesehen;Ihn blendete das lang' entwöhnte Licht;Unmöglich kann sich so das beste Weib vergehen!Er schaut noch einmahl hin—Das nehmliche GesichtDurchbohrt sein Herz. Ha, schreyt er, wie besessen,Verrätherin, Sirene, Höllngezücht,Du scheuest dich vor meinen Augen nichtDer Ehr' und Treu' so schändlich zu vergessen?

92Rosette, wie vom Donner aufgeschreckt,Fährt ängstlich auf, indem mit einem ZauberschleierEin unsichtbarer Arm den blassen Buhler deckt.Was für ein seltsam AbenteuerStellt, denkt sie, just in diesem Nu, so sehrZur Unzeit, das Gesicht des alten Unholds her?Doch, nach dem Wort der Königin der Elfen,Fehlt ihr's an Witze nicht, sich aus der Noth zu helfen.

93Was hast du, lieber Mann? ruft sie herab vom Baum,Was tobst du so?—"Du fragst noch, Unverschämte?"Ich Arme! wie? du giebst dem Argwohn Raum?So lohnst du mir, daß mich dein Nothstand grämte,Daß ich, da nichts mehr half, durch schwarzer Kunst GewaltMit einem Geist in MannsgestaltUm dein Gesicht zu ringen mich bequemte,Und, dir zu Lieb', im Kampf den rechten Arm mir lähmte?

94Was Dank verdient, machst du sogar zu Schuld,Und schämst dich nicht mir solch ein Lied zu singen?Ha, schrie er, hier verlör' Sankt Hiob die Geduld!Was ich gesehen nennst du ringen?So möge mir dieß neu geschenkte LichtDes Himmels Wunderhand bewahren,Und du, treuloses Weib, mögst du zur Hölle fahren,Wie mir ein ehrlich Wort zu deiner That gebricht!

95Wie? ruft sie aus, so kann mein Gangolf sprechen?Weh mir! ach! zu gewiß muß etwas, was es sey,An meinem Zauberwerk gebrechen;Dein Aug' ist offenbar noch nicht von Wolken frey!Wie könnt'st du sonst mit solchen harten RedenDein treues Weib zu morden dich entblöden?Dein Sehen kann kein wahres Sehen seyn;Es ist das Flimmern nur von ungewissem Schein.

96O daß es möglich wär' mich selbst zu hintergehen!Spricht Gangolf; wohl dem Mann den nur ein Argwohn plagt!Ich Unglücksel'ger hab's gesehen!Gesehen was ich sah!—Dem Himmel sey's geklagt!Ward je ein Weib unglücklicher geboren?(Schreyt die Verrätherin mit einem Thränenguß)O daß ich diesen Schmerz noch überleben muß!Mein armer Mann hat den Verstand verloren!

97Und welcher Mann von zärtlichem GemüthVerlör' ihn nicht, trotz allen seinen Sinnen,Der Thränengüsse aus so schönen Augen rinnenUnd eine solche Brust von Seufzern schwellen sieht?Der Alte kann nicht länger widerstehen:"Gieb dich zufrieden, Kind, ich war zu rasch, zu warm;Verzeih, und komm herab in deines Gangolfs Arm,Es ist nun sonnenklar, ich hatte falsch gesehen!"

98Da hörst du's nun! spricht zu TitaniaDer Elfenfürst: was er mit Augen sahSchwemmt eine Thräne weg! Dein Werk ist's; triumfiere!Doch hör' auch nun den heiligsten der Schwüre!Ich glaubte mich geliebt, und fand mein Glück darin.Es war ein Traum—Dank dir, daß ich entzaubert bin!Hoff' nicht ein Thränchen werd' auch mich umnebeln können,Von nun an müssen wir uns trennen!

99Nie werden wir, in Wasser noch in Luft,Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer GruftBey Zauberschätzen wacht, einander mehr begegnen.Mich drückt die Luft in der du athmest! Fleuch;Und wehe dem verräthrischen GeschlechteVon dem du bist, und weh dem feigen LiebesknechteDer eure Ketten schleppt! ich haß' euch alle gleich!

100Und wo ein Mann in eines Weibes Stricken,Als wie ein taumelnder lusttrunkner Auerhahn,Sich fangen läßt, und liegt und girrt sie an,Und saugt das falsche Gift aus ihren üpp'gen Blicken,Wähnt, Liebe sey's was ihr im Schlangenbusen flammt,Und horcht bethört der lächelnden Sirene,Traut ihren Schwüren, glaubt der hinterlistigen Thräne,Der sey zu jeder Noth, zu jeder Qual verdammt!

101Und bey dem furchtbarn Nahmen sey's geschworenDer Geistern selbst unnennbar bleiben muß,Nichts wende diesen Fluch und meinen festen Schluß:Bis ein getreues Paar, vom Schicksal selbst erkohren,Durch keusche Lieb' in Eins zusammen fließt,Und, probefest in Leiden wie in Freuden,Die Herzen ungetrennt, auch wenn die Leiber scheiden,Der Ungetreuen Schuld durch seine Unschuld büßt.

102Und wenn dieß edle Paar schuldloser reiner SeelenUm Liebe alles gab, und unter jedem HiebDes strengesten Geschicks, auch wenn bis an die KehlenDas Wasser steigt, getreu der ersten Liebe blieb,Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb':Titania, ist dieß, ist alles dieß geschehen,Dann werden wir uns wiedersehen!

103So sprach der Geist und schwand aus ihrem Blick.Vergebens lockte sie mit liebevoller Stimme,Nachfliehend, ihn in ihren Arm zurück!Nichts kann des raschen Worts, das er in seinem GrimmeGesprochen, hätt' er gleich es selber nun beweint,Nichts kann ihn seines Schwurs entbinden,Bevor, nach dem Beding, der ganz unmöglich scheint,Zwey Liebende, wie er's verlangt, sich finden.

104Seit dieser Zeit hat bis zu unsern TagenSich Oberon in eigener GestaltNie mehr gezeigt, und (wie die Leute sagen)Bald einen Berg, bald einen dicken Wald,Bald ein verlaßnes Thal zu seinem AufenthaltGewählt, wo Liebende zu stören und zu plagenAll sein Vergnügen ist: und daß er nur für euchDas Gegentheil gethan, ist einem Wunder gleich.

105Hier endigte der Alte mit Erzählen;Und Hüon nimmt Amanden bey der Hand:Wenn, spricht er, nur ein Paar getreu verliebter SeelenZu Oberons und Titaniens Ruhe fehlen,So schwebt des Schicksals Werk an der Vollendung Rand.War er's nicht selbst, der uns so wunderbar verband?Er, sonst der Liebe Feind, hat uns in Schutz genommen:Die Proben—o die laßt je eh'r je lieber kommen!

106Amande legt an Antworts-StattDes Jünglings Hand ans Herz mit seelenvollen Blicken.Ihr, die so viel für ihn gethan, gegeben hat,Was blieb ihr noch mit Worten auszudrücken?Und eine Scene von EntzückenErfolgt daraus, wobey der gute ScherasminDes schönen Mährchens Frucht, trotz allem seinem Nicken,Auf einmahl zu verlieren schien.

107Zwar noch verbarg der Unschuld keuscher SchleierDen Liebenden die wachsende Gefahr,Und ihre Zärtlichkeit ergoß sich desto freyer,Je reiner ihre Quelle war.Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer;Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar.Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören,Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören!

Siebenter Gesang.

1Inzwischen ward, nach sieben heitern Tagen,Das liebenswürd'ge Heldenpaar,Dem jedes Element durch Oberon günstig war,Ans Ufer von Lepanto hingetragen.Hier lagen, wie Herr Hüon gleich vernimmt,Zwey leicht geflügelte Pinassen segelfertig,Die eine nach Marsiliens Port bestimmt,Die andre Reisender nach Napoli gewärtig.

2Der junge Herr, des Alten WachsamkeitUnd Mentorblicks ein wenig überdrüssig,Ist über diesen Dienst des Zufalls sehr erfreutUnd ungesäumt ihn zu benutzen schlüssig.Freund, spricht er, Jahr und Tag geht noch vielleicht dahin,Eh' mir's gelegen ist mich in Paris zu zeigen:Du weißt daß ich vorerst nach Rom versprochen bin,Und dieser Pflicht muß jede andre schweigen.

3Indessen liegt mir ob, den Kaiser sehn zu lassen,Daß ich mein Wort erfüllt. Du bist mein Lehensmann,Vollbringe du für mich, was ich nicht selber kann;Besteige flugs die eine der Pinassen,Die nach Marseille steu'rt; dann eile sonder RastNach Hof, und übergieb, den Kaiser zu versöhnen,Dieß Kästchen mit des Sultans Bart und Zähnen,Und sag' ihm an, was du gesehen hast:

4Und daß, so bald ich erst des heil'gen Vaters SegenZu Rom gehohlt, mich nichts verhindern soll,Die Sultanstochter auch zu Füßen ihm zu legen.Fahr wohl, mein alter Freund! der Wind bläst stark und voll,Die Anker werden schon gelichtet,Glück auf die Reis', und, hast du mein Geschäft verrichtet,So komm und suche mich zu Rom im Lateran;Wer weiß, wir langen dort vielleicht zusammen an.

5Der treue Alte sieht dem Prinzen in die Augen,Wiegt seinen grauen Kopf, und nähme gar zu gernDie Freyheit, seinen jungen HerrnMit etwas scharfem Salz für diese List zu laugen.Doch hält er sich. Das Kästchen, meint er zwar,Hätt' ohne Übelstand noch immer warten mögen,Bis Hüon selbst im Stande warDem Kaiser in Person die Rechnung abzulegen.

6Indessen da sein Fürst und Freund darauf beharrt,Was kann er thun als sich zum Abschied anzuschicken?Er küßt Amandens Hand, umarmt mit nassen BlickenDen werthen Fürstensohn, den seine GegenwartNoch kaum erfreute, nun begann zu drücken,Und Thränen tröpfeln ihm in seinen grauen Bart.Herr, ruft er, bester Herr, Gott laß' euch's wohl ergehen,Und mögen wir uns bald und fröhlich wiedersehen!

7Dem Ritter schlug sein Herz, da zwischen seinem FreundUnd ihm die offne See stets weiter sich verbreitet.Was that ich! ach! wozu hat Raschheit mich verleitet!Wo hat mit seinem Herrn ein Mann es je gemeintWie dieser Mann? Wie hielt er in GefahrenSo treulich bey mir aus! O daß ich es zu spätBedacht! Wer hilft mir nun wenn mir der Rath entgeht?Und wer in Zukunft wird mich vor mir selbst bewahren?

8So ruft er heimlich aus, und schwört sich selber nunUnd schwört es Oberon, (von dem er, ungesehen,Um seine Stirn das leise geist'ge WehenZu fühlen glaubt) sein äußerstes zu thunIm Kampf der Lieb' und Pflicht mit Ehre zu bestehen.Sorgfältig hält er nun sich von Amanden fern,Und bringt die Nächte zu, starr nach dem Angelstern,Die Tage, schwermuthsvoll ins Meer hinaus zu sehen.

9Die Schöne, die den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt,So ganz verwandelt sieht, ist desto mehr verlegen,Da sie davon sich keine Ursach' denkt.Doch mehr, aus Zärtlichkeit, von ihrem UnvermögenIhn aufzuheitern als an ihrem Stolz gekränkt,Setzt sie ihm Sanftmuth bloß und viel Geduld entgegen.Das Übel nimmt indeß mit jeder Stunde zu,Und raubet ihm und ihr bey Tag und Nacht die Ruh.

10Einst um die Zeit, da schon am sternevollen HimmelIn Thetis Schooß der funkelnde ArkturSich senkt'—es schwieg am Bord das lärmende Getümmel,Und kaum bewegte sich, wie eine WeitzenflurAuf der sich Zefyr wiegt, der Ocean; die LeuteIm Schiffe, allzumahl des tiefsten Schlummers Beute,Verdünsteten den Wein, der in den Adern rann,Und selbst am Ruder nickt der sichre Steuermann;

11Auch Fatme war zu ihres Fräuleins FüßenEntschlummert: nur von Deinem Augenlied,O Hüon, nur von Deinem Busen flieht,O Rezia, der Schlaf!—Die armen Seelen büßenDer Liebe süßes Gift. Wie wühlt sein heißer BrandIn ihrem Blut! und ach! nur eine dünne WandTrennt sie; sie glauben fast einander zu berühren,Und nicht ein Seufzer kann sich ungehört verlieren.

12Der Ritter, dem der lang' verhaltne DrangZur Marter wird, dem jede bittre Zähre,Die seine Grausamkeit Amandens Aug' entzwang,Auf seinem Herzen brennt, er seufzt so laut, so bang,Als ob's sein letzter Athem wäre.Sie, die mit Lieb' und Scham schon eine Stunde rang,Kann endlich länger nicht die Lind'rung sich versagen,Zu forschen was ihn quält, und Trost ihm anzutragen.

13Im weißen Schlafgewand, dem schönsten Engel gleich,Tritt sie in sein Gemach, mit zärtlichem ErbarmenIm keuschen Blick, mit furchtsam offnen Armen.Ihm ist, als öffne sich vor ihm das Himmelreich.Sein Antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich,Wird feuerroth; sein Puls, der kaum so trägeUnd muthlos schlich, verdoppelt seine Schläge,Und hüpfet wie ein Fisch im spiegelhellen Teich.

14Allein gleich wieder wirft ihn Oberons Wort danieder;Und da er schon, durch ihre Güte dreist,An seine Brust sie ziehen will, entreißtEr schnell sich ihrem Kuß, sich ihrem Busen wieder;Will fliehn, bleibt wieder stehn, kommt rasch auf sie zurückIn ihre Arme sich zu stürzen,Und plötzlich starrt er weg, mit wildem rollendem Blick,Als wünscht' er seine Qual auf einmahl abzukürzen.

15Sie sinkt aufs Lager hin, hoch schlägt ihr volles HerzDurchs weichende Gewand, und stromweis' stürzt der SchmerzAus ihren schmachtenden vor Liebe schweren Augen.Er sieht's, und länger hält die Menschheit es nicht aus:Halb sinnlos nimmt er sie (werd' auch das ärgste draus!)In seinen Arm, die glüh'nden Lippen saugenMit heißem Durst den Thau der Liebe auf,Und ganz entfesselt strömt das Herz in vollem Lauf.

16Auch Rezia, von Lieb' und Wonne hingerissen,Vergißt zu widerstehn, und überläßt, entzückt,Und wechselweis' ans Herz ihn drückend und gedrückt,Sich ahnungslos den lang' entbehrten Küssen.Mit vollen Zügen schlürft sein nimmer satter MundEin herzberauschendes wollüstiges VergessenAus ihren Lippen ein; die Sehnsucht wird vermessen,Und ach! an Hymens Statt krönt Amor ihren Bund.

17Stracks schwärzt der Himmel sich, es löschen alle Sterne;Die Glücklichen! sie werden's nicht gewahr.Mit sturmbeladnem Flügel braust von ferneDer fessellosen Winde rohe Schaar;Sie hören's nicht. Umhüllt von finsterm GrimmeRauscht Oberon vorbey an ihrem Angesicht;Sie hören's nicht. Schon rollt des Donners drohnde StimmeZum dritten Mahl, und ach! sie hören's nicht!

18Inzwischen bricht mit fürchterlichem SausenEin unerhörter Sturm von allen Seiten los;Des Erdballs Axe kracht, der Wolken schwarzer SchooßGießt Feuerströme aus, das Meer beginnt zu brausen,Die Wogen thürmen sich wie Berge schäumend auf,Die Pinke schwankt und treibt in ungewissem Lauf,Der Bootsmann schreyt umsonst in sturmbetäubte Ohren,Laut heult's durchs ganze Schiff, weh uns! wir sind verloren!

19Der ungezähmten Winde Wuth,Der ganze Horizont in einen HöllenrachenVerwandelt, lauter Gluth, des Schiffes stetes Krachen,Das wechselsweis' bald von der tiefsten FlutVerschlungen scheint, bald, himmelan getrieben,Auf Wogenspitzen schwebt, die unter ihm zerstieben:Dieß alles, stark genug die Todten aufzuschrecken,Mußt' endlich unser Paar aus seinem Taumel wecken.

20Amanda fährt entseelt aus des Geliebten Armen;Gott! ruft sie aus, was haben wir gethan!Der Schuldbewußte fleht den Schutzgeist um Erbarmen,Um Hülfe, wenigstens nur für Amanden, an:Vergebens! Oberon ist nun der Unschuld Rächer,Ist unerbittlich nun in seinem Strafgericht;Verschwunden sind das Hifthorn und der Becher,Die Pfänder seiner Huld; er hört, und rettet nicht.

21Der Hauptmann ruft indeß das ganze Volk zusammen,Und spricht: Ihr seht die allgemeine Noth;Mit jedem Pulsschlag wird von Wasser, Wind und FlammenDem guten Schiff der Untergang gedroht.Nie sah ich solchen Sturm! Der Himmel scheint zum Tod,Vielleicht um Eines Schuld, uns alle zu verdammen;Um Eines Frevlers Schuld, zum Untergang verflucht,Den unter uns der Blitz des Rächers sucht.

22So laßt uns denn durchs Loos den Himmel fragenWas für ein Opfer er verlangt!Ist einer unter euch dem vor der Wage bangt?Wo jeder sterben muß hat keiner was zu wagen,Er sprach's, und jedermann stimmt in den Vorschlag ein.Der Priester bringt den Kelch; man wirft die Loose drein;Rings um ihn her liegt alles auf den Knieen;Er murmelt ein Gebet, und heißt nun jeden ziehen.

23Geheimer Ahnung voll, doch mit entschloßnem Muth,Naht Hüon sich, den zärtlichsten der BlickeAuf Rezia gesenkt, die bang und ohne Blut,Gleich einem Gypsbild steht. Er zieht, und—o Geschicke!O Oberon! er zieht mit frost'ger bebender HandDas Todesloos. Verstummend schaut die MengeAuf ihn; er liest, erblaßt, und ohne WiderstandErgiebt er sich in seines Schicksals Strenge.

24Dein Werk ist dieß, ruft er zu Oberon empor;Ich fühl', obwohl ich dich nicht sehe,Erzürnter Geist, ich fühle deine Nähe!Weh mir! du warntest mich, du sagtest mir's zuvor,Gerecht ist dein Gericht! Ich bitte nicht um Gnade,Als für Amanden nur! Ach! Sie ist ohne Schuld!Vergieb ihr! Mich allein beladeMit deinem ganzen Zorn, ich trag' ihn mit Geduld!

25Ihr, die mein Tod erhält, schenkt eine fromme ZähreDem Jüngling, den der Sterne Mißgunst trifft!Nicht schuldlos sterb' ich zwar, doch lebt' ich stets mit Ehre;Ein Augenblick, wo ich, berauscht von süßem Gift,Des Worts vergaß, das ich zu rasch geschworen,Der Warnung, die zu spät in meinen bangen OhrenItzt wiederhallt—das allgemeine LoosDer Menschheit, schwach zu seyn—ist mein Verbrechen bloß!

26Schwer büß' ich's nun, doch klaglos! denn, gereuenDes liebenswürdigen Verbrechens soll mich's nicht!Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen!Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.Was kann ich sonst als Liebe dir erstatten,O du, die mir aus Liebe alles gab?Nein! diese heil'ge Gluth erstickt kein Wellengrab!Unsterblich lebt sie fort in deines Hüons Schatten.

27Hier wird das Herz ihm groß; er hält die blasse HandVors Aug', und schweigt. Und wer im Kreise stand,Verstummt; kein Herz so roh, das nicht bey seinem FalleAuf einen Augenblick von Mitleid überwalle.Es war ein Blitz, der im Entstehn verschwand.Sein Tod ist Sicherheit, ist Leben für sie alle;Und da der Himmel selbst zum Opfer ihn ersehn,Wer dürfte, sagen sie, dem Himmel widerstehn?

28Der Sturm, der, seit dem ersten AugenblickeDa Hüon sich das Todesurtheil sprach,Besänftigt schien, kam itzt mit neuem Grimm zurücke.Zersplittert ward der Mast, das Steuer brach.Laßt, schreyt das ganze Schiff, laßt den Verbrecher sterben!Der Hauptmann nähert sich dem Ritter: junger Mann,Spricht er, du siehst daß dich Verzug nicht retten kann,Stirb, weil es seyn muß, frey, und rett' uns vom Verderben!

29Und mit entschloßnem Schritt naht sich der PaladinDem Bord des Schiffs. Auf einmahl stürzt die Schöne,Die eine Weile her lebloser Marmor schien,Gleich einer Rasenden durch alles Volk auf ihn:Es weht im Sturm ihr Haar wie eines Löwen Mähne;Mit hoch geschwellter Brust und Augen ohne ThräneSchlingt sie den starken Arm in liebevoller WuthUm Hüon her, und reißt ihn mit sich in die Flut.

30Verzweifelnd will, ihr nach, die treue Fatme springen.Man hält sie mit Gewalt. Sie sieht die holden Zwey,So fest umarmt, wie Reben sich umschlingen,Schnell fortgewälzt nur schwach noch mit den Wogen ringen;Und da sie nichts mehr sieht, erfüllt ihr AngstgeschreyDas ganze Schiff. Wer kann ihr wiederbringenWas sie verliert? Mit ihrer KöniginIst alles was sie liebt und hofft auf ewig hin.

31Indessen hatte kaum die aufgebrachten WogenDes Ritters Haupt berührt, so legt, o Wunder! SichDes Ungewitters Grimm; der Donner schweigt; entflogenIst der Orkane Schaar; das Meer, so fürchterlichKaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur GlätteDes hellsten Teichs, wallt wie ein Lilienbette:Das Schiff setzt seinen Weg mit Rudern munter fort,Und, nur zwey Tage noch, so ruht's im sichern Port.

32Wie aber wird es dir, du holdes Paar, ergehen,Das, ohne Hoffnung, nun im offnen Meere treibt?Erschöpft ist ihre Kraft; Besinnen, Hören, SehenVerschwunden—das Gefühl von ihrer Liebe bleibt.So fest umarmt, als wären sie zusammenGewachsen, keines mehr sich seiner selbst bewußt,Doch immer noch im andere athmend, schwammenSie, Mund auf Mund, dahin, und Brust an Brust.

33Und kannst du, Oberon, sie unbeklagt erbleichen,Du, einst ihr Freund, ihr Schutz, kannst sie verderben sehn?Du siehst sie, weinst um sie,—und läßt dich nicht erweichen?Er wendet sich und flieht—es ist um sie geschehn!Doch, sorget nicht! Der Ring läßt sie nicht untergehn,Sie werden unverletzt den nahen Strand erreichen;Sie schützt der magische geheimnisvolle Ring,Den Rezia aus Hüons Hand empfing.

34Wer diesen Ring besitzt, das allgewaltige SiegelDes großen Salomon, dem löscht kein ElementDas Lebenslicht; er geht durch Flammen ungebrennt;Schließt ihn ein Kerker ein, so springen Schloß und RiegelSo bald er sie berührt; und will er von TridentIm Nu zu Memfis seyn, so leiht der Ring ihm Flügel:Nichts ist was der, der diesen TalismanAm Finger hat, durch ihn nicht wirken kann.


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