Chapter 4

35Er kann den Mond von seiner Stelle rücken;Auf offnem Markt, im hellsten Sonnenschein,Hüllt ihn, so bald er will, auch selbst vor Geisterblicken,Ein unsichtbarer Nebel ein.Soll jemand vor ihm stehn, er darf den Ring nur drücken,Es sey, den er erscheinen heißt,Ein Mensch, ein Thier, ein Schatten oder Geist,So steht er da, und muß sich seinem Winke bücken.

36In Erd' und Luft, in Wasser und in Feuer,Sind ihm die Geister unterthan;Sein Anblick schreckt und zähmt die wildsten Ungeheuer,Und selbst der Antichrist muß zitternd ihm sich nahn.Auch kann durch keine Macht im Himmel noch auf ErdenDem, der ihn nicht geraubt, der Ring entrissen werden:Die Allgewalt, die in ihm ist, beschütztSich selbst und jede Hand, die ihn mit Recht besitzt.

37Dieß ist der Ring der dich, Amanda, rettet,Dich, und den Mann, der, durch der Liebe BandUnd deiner Arme Kraft an deine Brust gekettet,Unwissend wie, an eines Eilands StrandDich und sich selbst, o Wunder! wiederfand.Zwar hat euch hier der Zufall hart gebettet;Die ganze Insel scheint vulkanischer Ruin,Und nirgends ruht das Aug' auf Laub und frischem Grün.

38Doch, dieß ist's nicht, was in den taumelnden MinutenDer ersten Trunkenheit die Wonnevollen rührt.So unverhofft, so wunderbar den FlutenEntronnen, unversehrt an trocknes Land geführt,Gerettet, frey, allein, sich Arm in Arm zu finden,Dieß übermäßig große GlückMacht alles um sie her aus ihren Augen schwinden:Doch ruft ihr Zustand bald sie zum Gefühl zurück.

39Durchnäßt bis auf die Haut, wie konnten sie vermeidenSich ungesäumt am Strande zu entkleiden?Hoch stand die Sonn' und einsam war der Strand.Allein, indeß ihr triefendes GewandAn Felsen hängt, wohin dem Sonnenstrahl entfliehen,Der deine Lilienhaut, Amanda, dörrt und sticht?Der Sand brennt ihren Fuß, die schroffen Steine glühen,Und ach! kein Baum, kein Busch, der ihr ein Obdach flicht!

40Zuletzt entdeckt des Jünglings bangen AugenSich eine Felsenkluft. Er faßt Amanden aufUnd fliegt mit ihr dahin, trägt eilends Schilf zu HaufUnd altes Moos (der Noth muß alles taugen)Zur Lagerstatt, und wirft dann neben ihr sich hin.Sie sehn sich seufzend an, und saugenEins aus des andern Augen Trost, für jede NothDie gegenwärtig drückt und in der Zukunft droht.

41O Liebe, süßes Labsal aller LeidenDer Sterblichen, du wonnevoller RauschVermählter Seelen! welche FreudenSind deinen gleich?—Wie schrecklich war der Tausch,Wie rasch der Übergang im Schicksal dieser beiden!Einst Günstlinge des Glücks, von einem FürstenthronGeschleudert, bringen sie das Leben kaum davon,Das nackte Leben kaum, und sind noch zu beneiden!

42Der schimmerreichste Sahl, mit Königspracht geschmückt,Hat nicht den Reitz von dieser wilden GrotteFür Rezia—und Er, an ihre Brust gedrückt,Fühlt sich unsterblich, wird zum GotteIn ihrem Arm. Das halb verfaulte Moos,Worauf sie ruhn, däucht sie das reichste Bette,Und duftet lieblicher, als wenn Schasmin und Ros'Und Lilienduft es eingebalsamt hätte.

43O daß er enden muß, so gern das Herz ihn nährt,Der süße Wahn! Zwar unbemerkt sind ihnenZwey Stunden schon entschlüpft: doch, die Natur begehrtNun andre Kost. Wer wird sie hier bedienen?Unwirthbar, unbewohnt ist dieser dürre Strand,Nichts das den Hunger täuscht wird um und um gefunden;Und ach! ergrimmt zog Oberon die HandVon ihnen ab—der Becher ist verschwunden!

44Mit unermüdetem Fuß besteigt der junge MannDie Klippen rings umher, und schaut so weit er kann:Ein schreckliches Gemisch von Felsen und von KlüftenBegegnet seinem Blick, wohin er thränend blinkt.Da lockt kein saftig Grün aus blumenvollen Triften,Da ist kein Baum, der ihm mit goldnen Früchten winkt!Kaum daß noch Heidekraut und dünne BrombeerheckenUnd Disteln hier und da den kahlen Grund verstecken.

45So soll ich, ruft er aus, und beißt vor wilder PeinSich in die Lippen, ach! so soll ich denn mit leerenTrostlosen Händen wiederkehren,Zu ihr, für die mein Leben noch alleinErhaltenswürdig war? Ich, ihre einzige Stütze,Ich, der mit jedem HerzensschlagIhr angehört, bin nur um einen einzigen TagIhr Leben noch zu fristen ihr nicht nütze!

46Verschmachten soll ich dich vor meinen Augen sehn,Du Wunder der Natur, so liebevoll, so schön!Verschmachten! Dich, die bloß um meinetwillenSo elend ist! für mich so viel verließ!Dir, der dein Stern das schönste Loos verhieß,Eh' dich des Himmels Zorn in meine Arme stieß,Dir bleibt (hier fing er an vor Wuth und Angst zu brüllen)Bleibt nicht so viel—den Hunger nur zu stillen!

47Laut schrie er auf in unnennbarem Schmerz;Dann sank er hin, und lag in fürchterlicher Stille.Doch endlich fällt ein Strahl von Glauben in sein Herz:Er rafft sich aus des Trübsinns schwarzer Hülle,Spricht Muth sich ein, und fängt mit neuem Eifer anZu suchen. Lang' umsonst! Schon schmilzt im OceanDer Sonnenrand zu Gold—auf einmahl, o Entzücken!Entdeckt die schönste Frucht sich seinen gier'gen Blicken.

48Halb unter Laub versteckt, halb glühend angestrahlt,Sah er an breit beraubten Ranken,Melonen gleich, sie auf die Erde wanken,Einladend von Geruch, und wunderschön bemahlt.Wie hält er reichlich sich für alle Müh bezahlt!Er eilt hinzu, und bricht sie; glänzend dankenZum Himmel seine Augen auf,Und Freudetrunkenheit beflügelt seinen Lauf.

49Amanden, die drey tödtlich lange StundenAn diesem öden Strand, wo alles Furcht erweckt,Wo jeder Laut bedroht und selbst die Stille schreckt,Sich ohne den, der nun ihr Alles ist, befunden,Ihr war ein Theil der langen Zeit verschwunden,Zum Lager, wie es hier die Noth der Liebe deckt,Mit ungewohntem Arm vom Ufer ganze LagenVon Meergras, Schilf und Moos der Höhle zuzutragen.

50Matt wie sie war, erschöpfte diese MühNoch ihre letzte Kraft; es brachen ihr die Knie;Sie sinkt am Ufer hin, und lechzt mit dürrem Gaumen.Vom Hunger angenagt, von heißem Durst gequält,An diesem wilden Ort, wo ihr's an allem fehlt,Wie angstvoll ist ihr Loos! Wo mag ihr Hüon säumen?Wenn ihn ein Unfall traf? vielleicht ein reißend Thier?Es nur zu denken, raubt den Rest von Leben ihr!

51Die schrecklichsten der MöglichkeitenMahlt ihr die Fantasie mit warmen Farben vor.Umsonst bemüht sie sich mit ihrer Furcht zu streiten,Ein Wellenschlag erschreckt ihr unglückahnend Ohr.Zuletzt, so schwach sie ist, keicht sie mit Müh emporAuf eines Felsen Stirn, und schaut nach allen Seiten,Und mit dem letzten SonnenblickEntdeckt sie ihn—Er ist's! er kommt zurück!

52Auch Er sieht sie die Arme nach ihm breiten,Und zeigt ihr schon von fern die schöne goldne Frucht.Von keiner schönern ward, in jenen KindheitszeitenDer Welt, das erste Weib im Paradies versucht.Er hält, wie im Triumf, sie in den letzten StrahlenDer Sonn' empor, die ihre glatte HautMit flammengleichem Roth bemahlen,Indeß Amanda kaum den frohen Augen traut.

53So läßt sich unsrer Noth der Himmel doch erbarmen!Ruft sie, und eine große Thräne blinktIn ihrem Aug'; und eh' die Thräne sinktIst Hüon schon in ihren offnen Armen.Ihr schwacher Ton, und daß sie halb entseeltAn seinen Busen schwankt, heißt ihren Retter eilen.Sie lagern sich; und, weil ein ander Werkzeug fehlt,Braucht er sein Schwert die schöne Frucht zu theilen.

54Hier zittert mir der Griffel aus der Hand!Kannst du, zu strenger Geist, in solchem JammerstandNoch spotten ihrer Noth, noch ihre Hoffnung trügen?Faul, durch und durch, und gallenbitter warDie schöne Frucht!—Und bleich, wie in den letzten ZügenEin Sterbender erbleicht, sieht das getäuschte PaarSich trostlos an, die starren Augen offen,Als hätt' aus heitrer Luft ein Donner sie getroffen.

55Ein Strom von bittern Thränen stürzt mit WuthAus Hüons Aug': von jenen furchtbarn Thränen,Die aus dem halb gestockten BlutVerzweiflung preßt, mit Augen voller Gluth,Und gichtrisch zuckendem Mund und grimmvoll klappernden Zähnen.Amanda, sanft und still, doch mit gebrochnem Muth,Die Augen ausgelöscht, die Wangen welk, zu ScherbenDie Lippen ausgedörrt—Laß, spricht sie, laß mich sterben!

56Auch Sterben ist an deinem Herzen süß;Und Dank dem Rächer, der in seinem Grimme,So streng er ist, doch diesen Trost mir ließ!Sie sagt's mit schwacher halb erstickter Stimme,Und sinkt an seine Brust. So sinkt im Sturm zerknicktDer Lilie welkend Haupt. Von Lieb' und Angst verrücktSpringt Hüon auf, und schließt die theure SeeleIn seinen Arm, und trägt sie nach der Höhle.

57Ach! Einen Tropfen Wassers nur,Gerechter Gott! schreyt er, halb ungeduldig,Halb flehend, auf—Ich, ich allein, bin schuldig!Mich treff' allein dein Zorn! mir werde die NaturRingsum zum Grab, zum offnen Höllenrachen!Nur schone Sie! O leit' auf einer Quelle SpurDen dunkeln Fuß! Ein wenig Wassers nur,Ihr Leben wieder anzufachen!

58Er geht aufs neu zu suchen aus, und schwört,Sich eher selbst, von Durst und Hunger aufgezehrt,In diesen Felsen zu begraben,Eh' er mit leerer Hand zur Höhle wiederkehrt.Er, ruft er weinend, der die jungen RabenDie zu ihm schrey'n erbarmend hört,Er kann sein schönstes Werk nicht hassen,Er wird gewiß, gewiß, dich nicht verschmachten lassen!

59Kaum sprach er's aus, so kommt's ihm vorAls hör' er wie das Rieseln einer QuelleNicht fern von ihm. Er lauscht mit scharfem Ohr;Es rieselt fort—Entzückt dankt er empor,Und sucht umher; und, bey der schwachen HelleDer Dämmerung, entdeckt er bald die Stelle.In eine Muschel faßt er auf den süßen Thau,Und eilt zurück, und labt die fast verlechzte Frau.

60Gemächlicher des Labsals zu genießen,Trägt er sie selbst zur nahen Quelle hin.Es war nur Wasser—doch, dem halb erstorbnen SinnScheint Lebensgeist den Gaum hinab zu fließen,Däucht jeder Zug herzstärkender als WeinUnd süß wie Milch und sanft wie Öhl zu seyn;Es hat die Kraft zu speisen und zu tränken,Und alles Leiden in Vergessenheit zu senken.

61Erquickt, gestärkt, und neuen Glaubens vollErstatten sie dem, der zum zweyten MahleSie nun dem Tod entriß, des Dankes frohen Zoll;Umarmen sich, und, nach der letzten Schale,Strickt unvermerkt, am Quell auf kühlem Moos,Der süße Tröster alles KummersDas Band der müden Glieder los,Und lieblich ruhn sie aus im weichen Arm des Schlummers.

62Kaum spielt die MorgendämmerungUm Hüons Stirn, so steht er auf, und eiletAuf neues Forschen aus; wagt manchen kühnen SprungWo den zerrißnen Fels ein jäher Absturz theilet;Spürt jeden Winkel durch, stets sorgsam daß er jaDen Rückweg zu Amanden nicht verliere,Und kummervoll, da er für Menschen und für ThiereDas Eiland überall ganz unbewohnbar sah.

63Ihn führt zuletzt südostwärts von der HöhleEin krummer Pfad in eine kleine Bucht;Und im Gebüsch, das eine FelsenkehleUmkränzt, entdeckt sich ihm, beschwert mit reifer Frucht,Ein Dattelbaum. So leicht, wie, auf der FluchtZum Himmel, eine arme SeeleDie aus des Fegfeu'rs Pein und strenger Gluth entrann,Klimmt er den Baum hinauf als stieg' er himmelan;

64Und bricht der süßen Frucht so viel in seine TaschenSich fassen ließ, springt dann herab und fliegt,Als gält's ein Reh in vollem Lauf zu haschen,Das holde Weib, das stets in seinem Sinne liegt,So wie sie munter wird, damit zu überraschen.Noch lag sie, als er kam, schön in sich selbst geschmiegt,In sanftem Schlaf; ihr glühn wie Rosen ihre Wangen,Und kaum hält ihr Gewand den Busen halb gefangen.

65Entzückt in süßes Schau'n, den reinsten Liebsgenuß,Steht Hüon da, als wie der GeniusDer schönen Schläferin; betrachtet,Auf sie herab gebückt, mit liebevollem GeitzDas engelgleiche Bild, den immer neuen Reitz;Dieß ist, die, ihm zu Lieb', ein Glück für nichts geachtet,Dem, wer's erreichen mag, sonst alles, unbedingt,Was theu'r und heilig ist zum frohen Opfer bringt!

66"Um einen Thron hat Liebe dich betrogen!Und, ach! wofür?—Du, auf dem weichen SchooßDer Asiat'schen Pracht wollüstig auferzogen,Liegst nun auf hartem Fels, der weite HimmelsbogenDein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos;Vor Wittrung unbeschützt und jedem Zufall bloß,Noch glücklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben,Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betäuben!

67"Und Ich—der, in des Schicksals strenger Acht,Mit meinem Unglück, was mir nähert, anzusteckenVerurtheilt bin—anstatt vor Unfall dich zu decken,Ich habe dich in diese Noth gebracht!So lohn' ich dir was du für mich gegeben,Für mich gewagt? Ich Unglücksel'ger, nunDein Alles in der Welt, was kann ich für dich thun,Dem selbst nichts übrig blieb als dieses nackte Leben?"

68Dieß quälende Gefühl wird unfreiwillig laut,Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut.Das erste was sie sieht, ist Hüon, der, mit BlickenIn denen Freud' und LiebestrunkenheitDen tiefern Gram nur halb erdrücken,In ihren Schooß des Palmbaums Früchte streut.Die magre Kost und eine MuschelschaleVoll Wassers macht die Noth zu einem Göttermahle.

69Zum Göttermahl! Denn ruhet nicht ihr HauptAn Hüons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen,Die süße Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt,Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen?So rechnet ihm die Liebe alles an,Und schätzt nur das gering, was sie für ihn gethan.Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln,Läßt sie ihr schönes Aug' ihm lauter Freude funkeln.

70Er fühlt den Überschwang von Lieb' und EdelmuthIn ihrem zärtlichen Betragen;Und mit bethräntem Aug' und Wangen ganz in GluthSinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen,Ruft er, mich selbst nicht hassen, nichtVerwünschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmertDie mir das Leben gab, verwünschen jenes LichtAls ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?

71Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn,Von jedem Glück herab gestürzt zu sehn,Von jedem Glück, das dir zu Bagdad lachte,Von jedem Glück, das ich dich hoffen machteIn meinem väterlichen Land!Erniedrigt—dich!—zu diesem dürftigen Stand!Und noch zu sehn, wie du dieß alles ohne KlagenErträgst—Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!

72Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sichIhm öffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset,Amanda an: Laß, spricht sie, Hüon, michAus dem geliebten Mund was meine Seele hassetNie wieder hören! Klage dichNicht selber an, nicht den, der was uns drücketUns nur zur Prüfung, nicht zur Strafe zugeschicket;Er prüft nur die er liebt, und liebet väterlich.

73Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe,Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon?Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe,Vorsehung, Schicksal, Oberon,Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben!Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben!Wer führt' aus Bagdad unversehrtUns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?

74Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den WogenEntrannen, sprich, wer anders als die MachtDie uns beschützt, hat uns bisher bedacht?Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen,Das Wasser, das in dieser bangen NachtMein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht!Gewiß auch dieses Mahl, das unser Leben fristet,Hat eine heimliche wohlthät'ge Hand gerüstet!

75Wofür, wenn unser UntergehnBeschlossen ist, wofür wär' alles dieß geschehn?Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fühle was ich glaube,Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt,Läßt uns dem Elend nicht zum Raube.Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert,So laß uns fest an diesem Glauben halten;Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!

76Doch, laß das ärgste seyn! Sie ziehe ganz sich ab,Die Wunderhand, die uns bisher umgab;Laß seyn, daß Jahr um Jahr sich ohne Hülf' erneue,Und deine liebende getreueAmande finde hier auf diesem Strand ihr Grab;Fern sey es, daß mich je, was ich gethan, gereue!Und läge noch die freye Wahl vor mir,Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!

77Mir kostet's nichts von allem mich zu scheidenWas ich besaß; mein Herz und deine Lieb' ersetztMir alles; und, so tief das Glück herab mich setzt,Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neidenDie sich durch Gold und Purpur glücklich schätzt.Nur, daß Du leidest, ist Amandens wahres Leiden!Ein trüber Blick, ein Ach, das dir entfährt,Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.

78Sprich nicht von dem was ich für dich gegeben,Für dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot,That's für mich selbst, der zehenfacher TodNicht bittrer ist als ohne dich zu leben.Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir,Hilft meine Liebe dir ertragen;So schwer es sey, so unerträglich—hierIst meine Hand!—ich will's mit Freuden tragen.

79Mit jedem Auf—und NiedergehnDer Sonne soll mein Fleiß sich mit dem deinen gatten;Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehnIn jeder Arbeit, nie ermatten!Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhöhn,Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten.So lang' ich dir zum Trost, zum Glück genugsam bin,Tauscht' ich mein schönes Loos mit keiner Königin.

80So sprach das beste Weib, und drückt mit keuschen LippenDas Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund;Und mit dem Kuß verwandeln sich die KlippenUm Hüon her; der rauhe FelsengrundSteht wieder zum Elysium umgebildet,Verweht ist jede Spur der nackten Dürftigkeit;Das Ufer scheint mit Perlen überstreut,Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen übergüldet.

81Von neuem Muth fühlt er sein Herz geschwellt.Ein Weib wie dieß ist mehr als eine Welt.Mit hoher himmelathmender WonneDrückt er dieß volle Herz an ihre offne Brust,Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne,Zu Zeugen seines Schwurs: "Ich schwör's auf diese Brust,Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue,Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!

82"Wenn je dieß Herz, worin dein Nahme brennt,Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt,Dich je, so lang' dieß Prüfungsfeuer währet,Durch Kleinmuth quält, durch Zagheit sich entehret,Je lässig wird, geliebtes Weib, für dichDas äußerste zu leiden und zu wagen:Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich,Und möge Meer und Land die Zuflucht mir versagen!"

83Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen KußDas engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe,Und stärken wechselsweis' einander im Entschluß,So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend übe,Mit festem Muth und eiserner GeduldAuf beßre Tage sich zu sparen,Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld,Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.

84Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht,Die ihren Palmbaum trug, mit großem Fleiß durchsucht,Und fünf bis sechs von gleicher Art gefunden,Die hier und da voll goldner Trauben stunden.Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich,Dünkt mit dem kleinen Schatz sich unermeßlich reich;Bey süßem Scherz und fröhlichem DurchwandernDes Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.

85Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit BleyAn Füßen, braucht's ihn wieder zu ersetzen,Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Bedürfniß neu.Arm kann die Liebe sich bey Wenig glücklich schätzen,Bedarf nichts außer sich, als was Natur bedarfDen Lebensfaden fortzuspinnen;Doch, fehlt auch dieß, dann nagt der Mangel doppelt scharf,Und die allmächtigste Bezaubrung muß zerrinnen.

86Mit Wurzeln, die allein der Hunger eßbar macht,Sind sie oft manchen Tag genöthigt sich zu nähren.Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey NachtZur Höhle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren,Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest,Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen WasserrabenErbeutet, alles, was das Glück ihn finden läßt,Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.

87Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kränkt.Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen,An deren Werth man im Besitz nicht denkt,Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Nöthen ringen.Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind,Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind,Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben,Und wie des Winters Frost fünf Monden von sich treiben?

88Schon ist der Bäume Schmuck der spätern Jahrszeit Raub,Schon klappert zwischen dürrem LaubDer rauhe Wind, und graue Nebel hüllenDer Sonne kraftberaubtes Licht,Vermischen Luft und Meer, und ungestümer brüllenDie Wellen am Gestad, das kaum ihr Wüthen bricht;Oft, wenn sie grimmbeschäumt den harten Fesseln zürnen,Spritzt der zerstäubte Strom bis an der Felsen Stirnen.

89Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen BuchtNun höher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden,Umringet sie von allen EndenDes dürren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht.Ein Umstand kommt dazu, der sie mit süßen SchmerzenUnd banger Lust in diesem JammerstandBald ängstigt, bald entzückt—Amanda trägt das PfandVon Hüons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.

90Oft, wenn sie vor ihm steht, drückt sie des Gatten HandStillschweigend an die Brust, und lächelnd hält sie ThränenZurück im ernsten Aug'. Ein neues zartres BandWebt zwischen ihnen sich. Sie fühlt ein stilles SehnenVoll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen;Was innigers als was sie je empfand,Ein dunkles Vorgefühl der mütterlichen Triebe,Durchglüht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.

91Dieß süße Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich,Sie werde nicht von Dem verlassen werden,Der was er schafft in seinem großen ReichAls Vater liebt. Gern trägt sie die BeschwerdenDes ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sieVor Hüons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie,Läßt lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen,Und nährt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.

92Zwar er vergaß des hohen Schwures nicht,Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen:Doch desto tiefer liegt das drückende Gewicht;Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht.Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren,Als dieses rührende Gesicht?Zeigt die gehoffte Hülf' in kurzer Zeit sich nicht,So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.

93Schon viele Wochen lang verstrichKein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den RückenDer Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken,Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sichDie Augen ab, im Schooß der grenzenlosen HöhenMit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspähen;Die Sonne kam, die Sonne wich,Leer war das Meer, kein Fahrzeug ließ sich sehen.

94Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmöglich zwar,Doch, was ist dem der um sein Alles kämpfetUnmöglich? Würde Jedes HaarAuf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedämpfet.Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt,War eine Seite noch ihm gänzlich unbekannt;Ein fürchterlich Gemisch von Klippen und RuinenBeschützte sie, die unersteiglich schienen.

95Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt,Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Hügel;Und wären's Alpen auch, so hat die Liebe Flügel.Vielleicht, daß ihm das Wagestück gelingt,Daß sein hartnäck'ger Muth durch alle diese wildeVerschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt,Der ihn in fruchtbare Gefilde,Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.

96Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen,Verbirgt er ihr das ärgste der Gefahren,In die er sich, zu ihrer beider Heil,Begeben will. Sie selbst trägt ihren TheilVon Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden,Als, lebe wohl! so voll gepreßt war beidenDas Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht,Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.

97Da steht er nun am Fuß der aufgebirgten Zacken!Sie liegen vor ihm da wie Trümmern einer Welt.Ein Chaos ausgebrannter Schlacken,In die ein Feuerberg zuletzt zusammen fällt,Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen,In wilder ungeheurer Pracht,Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern NachtHerunter dräun, bald in die Wolken pochen.

98Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg!Oft muß er Felsen an sich mit den Händen winden,Oft, zwischen schwindlig tiefen Schlünden,Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg;Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln FelsenstückeIhm Weg und Licht, er muß, so müd' er ist, zurücke,Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrißner HandEr fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.

99Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will,Ruft die entflohnen LebensgeisterAmandens Bild zurück. Schwer athmend steht er still,Und denkt an Sie, und fühlt sich neuer Kräfte Meister.Es bleibt nicht unbelohnt, dieß echte Heldenherz!Allmählich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten,Und gegen das, was er bereits erstritten,Ist, was zu kämpfen ihm noch übrig ist, nur Scherz.

Achter Gesang

1Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl,Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln,In stiller Dämmerung ein kleines schmales Thal.Ein Schauder überfällt den mattenErschöpften Wanderer, indem sein wankender SchrittDieß düstre Heiligthum der Einsamkeit betritt;Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.

2Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad,Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke.Tief unter ihr rollt über FelsenstückeEin weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad.Herr Hüon schreitet unverdrossenDen Berg hinan, auf den die Brücke führt,Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen,Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.

3Der Pfad auf dem er hergekommenWird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrückt!Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt,Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)—Der Anfang ist von einem schmalen GangDer durch den Felsen sich um eine Spindel windet,Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.

4Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen,So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen,Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar.Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten,Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz.Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganzNatürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.

5Doch Hüon—schwach vor Hunger, und erstarrtVor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen,Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt,Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,Auf einmahl überrascht von einem weißen Bart—Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.

6Der Eremit, kaum weniger betroffenAls Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück;Doch spricht er, schnell gefaßt: Hast du, wie mich dein BlickUnd Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffenAus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich thun,Gequälter Geist? wie kann ich für dich büßen,Um jenen Port dir aufzuschließenWo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?

7So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangenAls Hüon schien, war der Verstoß, in denDer alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,Und als der Greis aus Hüons Mund vernommenWas ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schonIhm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;

8Und führt ihn ungesäumt zu einem frischen Quell,Der, rein wie Luft und wie Krystallen hell,Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet;Und während Hüon ruht und seinen Durst hier stillet,Eilt er und pflückt in seinem kleinen GartenIn einen reinlichen Korb die schönsten Früchte ab,Die, für den Fleiß sie selbst zu bauen und zu warten,Nicht kärglich ihm ein milder Himmel gab;

9Und hört nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen,Wie einem, der sich nicht zwey Flügel angeschraubt,Es möglich war die Felsen zu ersteigen,Wo, dreyßig Jahre schon, er sich so einsam glaubtAls wie in seinem Grab. "Es ist ein wahres ZeichenDaß euch ein guter Engel schützt;Allein, setzt er hinzu, das nöthigste ist itztDem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.

10"Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt,Daß ohne mich ihn niemand leicht entdeckt,Soll in der Hälfte Zeit, die du herauf zu dringenGebrauchtest, dich zu ihr, zurück euch beide bringen.Was meine Hütte, was mein kleines ParadiesZu eurer Nothdurft hat, ist herzlich euch erboten.Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld süß,Und reiner fließt das Blut bey Kohl und magern Schoten."

11Herr Hüon dankt dem gütigen alten Mann,Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen;Und, daß der Rückweg ihn nicht irre machen kann,Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen.Noch eh' ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt,Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen,Wo sie mit durstigen weit ausgehohlten ZügenDen milden Strom des reinsten Himmels trinkt.

12In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen,Glaubt sie versetzt zu seyn; ihr ist als habe sieDen Himmel nie so blau, so grün die Erde nie,Die Bäume nie so frisch belaubt gesehen:Denn hier, in hoher Felsen SchutzDie sich im Kreis um diesen Lustort ziehen,Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz,Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen blühen.

13Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem GeniusDes heil'gen Orts, fällt vor dem eisgrau'n AltenAmanda hin, und ehrt die dürre Hand voll Falten,Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuß.In unfreiwilligem ErgußMuß ihn ihr Herz für einen Vater halten:Die Furcht ist schon beym zweyten Blick verbannt;Ihr ist, sie hätten sich ihr Leben lang gekannt.

14In seinem Ansehn war die angeborne Würde,Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint;Sein offner Blick war aller Wesen Freund,Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre BürdeDen Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schau'n;Der innre Friede ruht auf seinen Augenbrau'n,Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.

15Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur,Hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweg gewaschen.Fiel' eine Kron' ihm zu, und es bedürfte nurSie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier,Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.

16Alfonso nannt' er sich, bevor er aus den WogenDer Welt geborgen ward, und Leon war das LandDas ihn gebar. Zum Fürstendienst erzogen,Lief er mit Tausenden, vom Schein wie sie betrogen,Dem Blendwerk nach, das immer vor der HandIhm schwebte, immer im Ergreifen ihm entschwand,Dem schimmernden Gespenst, das ewig Opfer heischet,Und, gleich dem Stein der Narr'n, die Hoffnung ewig täuschet.

17Und als er dergestalt des Lebens beste ZeitIm Rausch des Selbstbetrugs an Könige verpfändet,Und Gut und Blut, mit feur'ger WilligkeitUnd unerkannter Treu', in ihrem Dienst verschwendet,Sah er ganz unverhofft, im schönsten MorgenrothDer Gunst, durch schnellen Fall sich frey von seinen Ketten;Noch glücklich, aus der SchiffbruchsnothDas Leben wenigstens auf einem Bret zu retten.

18In diesem Sturm, der alles ihm geraubt,Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte)Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt,Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Hütte.Laß, Himmel, diese mir! war nun die einz'ge Bitte,Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt.Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben;Allein, sein Schicksal war, auch dieß zu überleben.

19Drey Söhn', im vollen Trieb der ersten Jugendkraft,Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre,Sie wurden durch die Pest ihm plötzlich weggerafft.Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre.Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint,Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund!Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebetIst Grab—von allem Grab, was er, was ihn geliebet.

20Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum,Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen.Wie hätt' ihm itzt die Hütte, wo er kaumNoch glücklich war, nicht schrecklich werden sollen?Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum,Fortunens Spielraum, frey ihr Rad herum zu rollen!Was soll er länger da? Ihm brach sein letzter Stab,Er hat nichts mehr zu suchen—als ein Grab.

21Alfonso floh in dieses unwirthbareVerlaßne Eiland, floh mit fast zerstörtem SinnIn dieß Gebirg, und fand mehr als er suchte drin,Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluß der Jahre,Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, derIhn nicht verlassen wollt', die einz'ge treue SeeleDie ihm sein Unglück ließ, begleitet' ihn hierher,Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhöhle.

22Allmählich hob sein Herz sich aus der trüben FlutDes Grams empor; die Nüchternheit, die Stille,Die reine freye Luft, durchläuterten sein Blut,Entwölkten seinen Sinn, belebten seinen Muth.Er spürte nun, daß, aus der ew'gen FülleDes Lebens, Balsam, auch für seine Wunden, quille.Oft brachte die Magie von einem SonnenblickAuf einmahl aus der Gruft der Schwermuth ihn zurück.

23Und als er endlich dieß Elysium gefunden,Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt,Ein milder Genius, recht wie für ihn, gepflanzt,Fühlt' er auf einmahl sich von allem Gram entbunden,Aus einer ängstlichen traumvollen FiebernachtAls wie zur Dämmerung des ew'gen Tags erwacht.Hier, rief er seinem Freund, vom unverhofften SchauenDes schönen Orts entzückt, hier laß uns Hütten bauen!

24Die Hütte ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit,Zur Nothdurft erst versehn, dann zur Gemächlichkeit,Wie sie dem Alter eines WeisenGeziemt, der minder stets begehret als bedarf.Denn, daß Alfons, als er den ersten Plan entwarfVon seiner Flucht, sich mit Geräth und Eisen,Und allem was zur Hülle nöthig war,Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.

25Und so verlebt' er nun in Arbeit und GenußDes Lebens späten Herbst, beschäftigt seinen Garten,Den Quell von seinem Überfluß,Mit einer Müh, die ihm zu Wollust wird, zu warten.Vergessen von der Welt,—und nur, als an ein SpielDer Kindheit, sich erinnernd aller PlageDie ihm ihr Dienst gebracht,—beseligt seine TageGesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefühl.

26Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefährte.Er blieb allein. Doch desto fester kehrteSein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin,Der, was er einst geliebt, itzt alles angehörte,Der auch er selbst schon mehr als dieser angehörte.Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem äußern SinnWie in ihr erstes Nichts die Körper sich verlieren,Fühlt' er an seiner Wang' ein geistiges Berühren.

27Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen.Ihm wird als fühl' er dann die dünne Scheidwand fallen,Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;Sein Innres schließt sich auf, die heil'ge Flamme brenntAus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen LichteDer unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.

28Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubtEntschlummert sind. Wenn dann die MorgensonneDen Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibtDie vorige Stimmung noch. Ein Glanz von HimmelswonneVerkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfülltSie durch und durch; und überall, in allenGeschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.

29So fließt zuletzt unmerklich Erd' und HimmelIn seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.In dieser tiefen Ferne vom GetümmelDer Leidenschaft, in dieser heil'gen NachtDie ihn umschließt, erwacht der reinste aller SinneDoch—wer versiegelt mir mit unsichtbarer HandDen kühnen Mund, daß nichts unnennbars ihm entrinne?Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.

30So war der fromme Greis, vor dem mit KindestriebenAmanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwöhntZu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,Ein menschlich Angesicht—erlabt nun an dem lieben,Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich,Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicketSprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;

31Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt,Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben,Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben;Wem nicht an wenig g'nügt, den macht kein Reichthum satt:Ihr werdet hier, so lang' die Prüfungstage währen,Nichts wünschenswürdiges entbehren.

32Er sagte dieß, weil ihm der erste Blick gezeigtWas er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt.Denn beide, hatte gleich das Elend ihre BlütheHalb abgestreift, verriethen durch GestaltUnd Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte,Doch sichrer einen Werth, dem selbst die AllgewaltDes Glücks nichts rauben kann vom reinen VollgehaltDer innern angebornen Güte.

33Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstlich Licht,Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,Und beide können noch sich des Gedankens nichtEntschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.

34Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn,Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen,Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre HerzenSich an ein Menschenherz nur desto stärker an.Es war so sanft das Herz des guten Alten,So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein,Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn seynUnd länger sich vor ihm verborgen halten.

35Der junge Mann, im Drang der DankbarkeitUnd des Vertrau'ns, (zumahl da ihn zu fragenSein Wirth noch immer säumt) eröffnet ungescheutIhm seinen Nahmen, Stand, und was, seit jener Zeit,Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen,Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen;Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht,Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;

36Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen,Die ihn beym ersten Blick mit Rezia vereint;Wie er mit ihr aus Babylon entronnen,Und das Verbot, das sein erhabner FreundIhm auferlegt, und wie, so bald er dessenIn einem Augenblick von Liebesdrang vergessen,Die ganze Natur sich gegen sie empörtUnd ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.

37Wohl, spricht der edle Greis, wohl dem, den sein GeschickSo liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet,Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet,Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste ErdenglückErwartet ihn. Auf Herzen wie die euernZürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir,Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir;Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!

38Und wie verdien' ich sie? mit welchem Opfer still'Ich seinen Zorn? fragt Hüon rasch den Alten;Ich bin bereit, es sey so schwer es will!Was kann ich thun?—Freywillig dich enthalten,Antwortet ihm Alfons; was du gesündigt hastWird dadurch nur gebüßt.—Der junge Mann erblaßt.Ich fühl' es, spricht der Greis mit sanft erröthender Wange;Allein, ich weiß von wem ich es verlange!

39Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann:"Hier hast du meine Hand!" Mehr ward kein Wort gesprochen.Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen,Sich selbst das Zeugniß geben kann,Er habe sein Gelübde nicht gebrochen!Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann.Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröthen,Oft Rezia's standhaftem Ernst vonnöthen.

40Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis)Die Sinne mit der Pflicht im Frieden,Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden;Nichts bringt sie leichter aus dem GleisAls müß'ge Träumerey. Um der zuvor zu kommen,Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht,Die scharfe Axt zur Hand genommen,Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.

41Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten,Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten,Dann zum Kamin, der immer lodern muß,Und für den Herd, den nöthigen ÜberflußVon fettem Kien und klein gespaltnen FichtenHoch an den Wänden aufzuschichten,Dieß und viel andres giebt dem Prinzen viel zu thun:Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.

42Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen,Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen;Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an,Und in der halben Zeit hätt' es ein Knecht gethan.Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister;Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah,So wehet der Gedank', es ist für Rezia,Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.

43Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegtDer edle Greis, der mit noch festem TritteDie schwere Last von achtzig Jahren trägt,Der Ruhe nicht; nur daß er von der HütteSich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht,Der nicht in seinem lieben GartenIhn dieß und das zu thun beschäftigt sieht.Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.

44Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nichtMit stillem Blick ihr Ebenbild umweben,Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht,Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben,Die Königstochter gern sich jeder niedern PflichtDer kleinen Wirthschaft untergeben:Auch was sie nie gekannt, viel minder je gethan,Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!

45Oft schürzt sie, ohne mindsten HarmDaß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere,Beym Wassertrog, vor ihrer Hüttenthüre,Den schlanken schwanenweißen Arm.Die Freud' (ihr süßer Lohn) den väterlichen AltenUnd den geliebten Mann in einem Stand zu halten,Der von dem Drückendsten der Armuth sie befreyt,Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.

46Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer)Der heil'ge Greis, der von der Arbeit kehrt,Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reinerUnd inniger, als würd' ihr dreymahl mehr verehrtAls sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bey SternenlichteDie Nacht sie alle drey am Feuerherd vereint,Und auf Amandens lieblichem Gesichte,Das halb im Schatten steht, die Flamme wiederscheint:

47Dann ruht, mit stillem liebevollenEntzückten Blick, der junge Mann auf ihr,Und seine Seele schwillt, und süße Thränen rollenDie dunkle Wang' herab. Tief schweiget die Begier!Sie ist ein überirdisch WesenDas ihm zum Trost erscheint—er ist beglückt genugDaß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug,In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!

48Oft sitzen sie, der fromme freundliche GreisIn ihrer Mitt', Amanda seine rechteIn ihrer linken Hand, und hören halbe NächteIhm zu, von seiner langen Lebensreis'Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen.Vom Antheil, den die warmen jungen SeelenAn allem nehmen, wird's ihm selber warm dabey,Dann werden unvermerkt aus zwey Geschichten drey.

49Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören,Der, wenn die Flur in dumpfer Stille trau'rt,Im Schneegewölk mit Eulenflügeln lau'rt,Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören,Die er von ungefähr in einem Winkel fand,Lang' ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt:Doch scheint das schnarrende Holz von Orfeus Geist beseelet,So bald sich Rezia's Gesang mit ihm vermählet.

50Oft lockte sie ein heller Wintertag,Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte,Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag,Und itzt die Abendsonn' ihn wie in Purpur tauchte,Dann lockte sie der wunderschöne GlanzIm reinen Strom der kalten Luft zu baden.Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganzDurchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!

51Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbey.Und nun erwacht aus ihrem langen SchlummerDie Erde, kleidet sich aufs neuIn helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummerVerödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehnDer prächt'gen Laubgewölb' und hohen SchattengängeDes Tempels der Natur, steht wieder voll und schön,Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.

52Mit Blumen decket sich der Busen der Natur,Aufblühend lacht der Garten und die Flur;Man hört die Luft von Vogelsang erschallen;Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden KrystallenDer Quellen rieseln wieder reinAm frischen Moos herab; den immer dichtern HainDurchschmettert schon, im lauen Mondenschein,Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.

53Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt,Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle SteigeIm Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige.Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt,An einem blüh'nden Baum, und freuet sich des WebensUnd Sumsens und Gedrängs und allgemeinen LebensIn seinem Schooß—und drückt mit vorempfundner LustEin lieblich Kind im Geist an ihre Brust;

54Ein lieblich Kind, das ihre MutterliebeMit jedem süßen Reitz verschwenderisch begabt,Sich schon voraus an jedem zarten Triebe,Der ihm entkeimt, sich schon am ersten Lächeln labt,Womit es ihr die Leiden alle danketDie sie so gern um seinetwillen trug,Sich labt an jedem schönen ZugWorin des Vaters Bild sanft zwischen ihrem schwanket.

55Allmählich wird der wonnigliche TraumVon schüchternen BeängstigungenUnd stillem Gram, den sie vor Hüon kaumVerbergen kann und doch verbirgt, verdrungen.Ach Fatme, denkt sie oft, und Thränen stehen ihrIm Auge, wärest du in dieser Noth bey mir!Getrost, o Rezia! Das Schicksal, das dich leitet,Hat dir zu helfen längst die Wege vorbereitet!

56Titania, die Elfenkönigin,Sie hatte seit dem Tag, da Trotz und WidersinnSo unvermuthet sie um Oberons Herz betrogen,Sich in dieß nehmliche Gebirg zurückgezogen.Mit dem Gemahl, der ihr durch einen Schwur entsagt,Den unterm unbegrenzten BogenDes himmlischen Azurs kein Geist zu brechen wagt,Mit seiner Lieb' und ihm war all' ihr Glück entflogen.

57Zu spät beweint sie nun die eitle, rasche ThatDes Augenblicks; fühlt mit beschämten WangenDie Größe ihrer Schuld, den schweren HochverrathDen sie an ihm und an sich selbst begangen.Vergebens kämpft ihr Stolz der stärkern ZärtlichkeitEntgegen!—Ach! sie flöge himmelweit,Und würfe gern, um ihr Vergehn zu büßen,In Thränen sich zu des Erzürnten Füßen.

58Was hälf' es ihr? Er schwor, in Wasser noch in Luft,Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer GruftBey Zauberschätzen wacht, ihr jemahls zu begegnen!Vergebens käm' ihn selbst die späte Reue an;Auf ewig fesselt ihn der Schwur den er gethan.Ihn auszusöhnen bleibt ihr keine Pforte offen!Denn von der einz'gen, ach! was ist von der zu hoffen?

59Sie ist auf ewig zu. Denn nur ein liebend Paar,Wie keines ist, wie niemahls eines warNoch seyn wird, schließt sie auf. Von schwachen AdamskindernZu hoffen eine Treu', die keines Sturmwinds StoßErschüttert, eine Treu', die keine Probe mindern,Kein Reitz betäuben kann? Unmöglich! HoffnungslosSinkt in der fernsten Zukunft dunkeln SchooßIhr thränenschwerer Blick; nichts kann ihr Elend mindern!

60Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der TanzIm Mondenlicht, verhaßt in seinem RosenkleideDer schöne May. Ihr schmückt kein MyrtenkranzDie Stirne mehr. Der Anblick jeder FreudeReißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das LeerDer weiten Luft im Sturmwind hin und her,Find't nirgends Ruh, und sucht mit trübem BlickeNach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermuth schicke.

61Zuletzt entdeckt sich ihr im großen OceanDieß Eiland. Aufgethürmt aus schwarzen ungeheuernRuinen, lockt es sie durch seine Schwärze anDen irren Flug dahin zu steuern.Es stimmt zu ihrem Sinn. Sie taumelt aus der LuftHerab, und stürzet sich in eine finstre Gruft,Um ungestört ihr Daseyn wegzuweinen,Und, unter Felsen, selbst, wo möglich, zu versteinern.

62Schon siebenmahl, seitdem TitaniaDieß traurige Leben führt, verjüngte sich die ErdeIhr unbemerkt. Als wie auf einem OpferherdeLiegt sie auf einem Stein, den Tod erwartend, da;Der Tag geht auf und sinkt, die holde SchattensonneBeleuchtet zauberisch die Felsen um sie her;Vergebens! strömten auch die Quellen aller WonneAuf einmahl über sie, ihr Herz blieb wonneleer.

63Das einz'ge, was ihr noch, mit einem Traum des SchattensVon Trost, ihr ewig Leid versüßt,Ist, daß vielleicht der Zustand ihres GattensDem ihren gleicht, und Er vielleicht noch härter büßt.Gewiß, noch liebt er sie! und o! wofern er liebet,Er, durch sich selbst verdammt zum Schöpfer ihrer PeinUnd seiner eignen Qual, wie elend muß er seyn!So elend, daß sie gern ihm ihren Theil vergiebet!

64Doch, da für jede Seelenwunde,Wie tief sie brennt, die Zeit, die große Trösterin,Den wahren Balsam hat: so kam zuletzt die StundeAuch bey Titania, da ihr verdumpfter SinnSich allgemach entwölkt, ihr Herz geduld'ger leidet,Und ihre Fantasie in Grün sich wieder kleidet;Sie giebt den Schmeicheley'n der Hoffnung wieder Raum,Und was unmöglich schien wird itzt ihr Morgentraum.

65Auf einmahl grauet ihr vor diesen düstern Schlünden,Worin sie einst sich gern gefangen sah;Schnell muß aus ihrem Aug' ein Theil der Klippen schwinden,Und ein Elysium steht blühend vor ihr da.Auf ihren leisen Ruf erschienenDrey liebliche Sylfiden, die ihr dienen;Ein schwesterliches Drey, das ihren Gram zerstreut,Und der Verlaßnen, mehr aus Lieb' als Pflicht, sich weiht.

66Das Paradies, das sich die ElfenköniginIn diese Felsen schuf, war eben das, worinAlfonso schon seit dreyßig Jahren wohnte;Und, ihm unwissend, war's die Grotte, wo sie thronte,Woraus ihm, durchs Gebüsch vom Nachtwind zugeführt,Der liebliche Gesang, gleich Engelsstimmen, hallte;Sie war's, die ungesehn bey ihm vorüber wallte,Wenn er an seiner Wang' ein geistig Weh'n verspürt.

67Auch unsre Liebenden, vom Tag an, da die WogenAn dieses Eiland sie getragen, hatte sieBemerkt, und täglich spät und frühErkundigung von ihnen eingezogen.Oft stand sie selbst, wenn jene sich alleinVermeinten, ungesehn, sich näher zu belehren;Und was sie hört' und sah gab ihr den Zweifel ein,Ob sie vielleicht das Paar, das sie erwartet, wären.

68Je länger sie auf ihr Betragen merkt,Je mehr sie sich in ihrer Hoffnung stärkt.Sind Hüon und Amanda die getreuenProbfesten Seelen nicht, die Oberon begehrt,So mag sie ihrer nur auf ewig sich verzeihen!Von nun an sind sie ihr wie ihre Augen werth,Und sie beschließt, mit ihren kleinen FeenDem edlen jungen Weib unsichtbar beyzustehen.

69Die Stunde kam. Von dumpfer BangigkeitUmher getrieben, irrt Amanda im Gebüsche,Das um die Hütten her ein liebliches GemischeVon Wohlgeruch zum Morgenopfer streut.Sie irret fort, so wie der schmale Pfad sich windet,Bis sie sich unvermerkt vor einer Grotte findet,Die ein Geweb von Efeu leicht umkränzt,Auf dessen dunkelm Schmelz die Morgensonne glänzt.

70Alfonso hatte oft vordem hinein zu gehenVersucht, und allemahl vergebens; eben dießWar seinem alten Freund, war Hüon selbst geschehen,So oft er, um des Wunders sich gewißZu machen, es versucht. Sie hatten nichts gesehen:Sie fühlten nur ein seltsam Widerstehen,Als schöbe sich ein unsichtbares Thor,Indem sie mit Gewalt eindringen wollten, vor.

71Schnell überfiel sie dann ein wunderbares Grauen;Sie schlichen leise sich davon,Und keiner wollte sich der Probe mehr getrauen.Man weiß nicht, ob Amanda selbst es schonZuvor versucht; genug, sie konnte dem Gedanken,Die erste, der's geglückt, zu seyn,Nicht widerstehn; sie schob die EfeurankenMit leichter Hand hinweg, und—ging hinein.

72Kaum sah sie sich darin, so kam ein heimlich ZitternSie an; sie sank auf einen weichen SitzVon Rosen und von Moos. Itzt fühlt sie, Blitz auf Blitz,Ein schneidend Weh Gebein und Mark erschüttern.Es ging vorbey. Ein angenehm ErmattenErfolgte drauf. Es ward wie MondesscheinVor ihrem Blick, der stets in tiefre SchattenSich taucht', und, sanft sich selbst verlierend, schlief sie ein.

73Itzt dämmern liebliche verworrene GestaltenIn ihrem Innern auf, die bald vorüber fliehn,Bald wunderbar sich in einander falten.Ihr däucht, sie seh' drey Engel vor ihr knien,Und ihr verborgene Mysterien verwalten,Und eine Frau, gehüllt in rosenfarbnem Licht,Steh' neben ihr, so oft der Athem ihr gebrichtEin Büschel Rosen ihr zum Munde hin zu halten.

74Zum letzten Mahl beklemmt ihr höher schlagend HerzEin kurzer sanft gedämpfter Schmerz;Die Bilder schwinden weg, und sie verliert sich wieder.Doch bald, erweckt vom Nachklang süßer LiederDer halb verweht aus ihrem Ohr entflieht,Schlägt sie in ihrem Traum die Augen auf, und siehtDie Drey nicht mehr, sieht nur die Königin der FeenIn Rosenglanz sanft lächelnd vor ihr stehen.

75Auf ihren Armen liegt ein neu geboren Kind.Sie reicht's Amanden und verschwebetVor ihren Augen, wie im MorgenwindEin Wölkchen schmilzt aus Blumenduft gewebet.Im gleichen Nu entwacht Amanda ihrem Traum,Und streckt die Arme aus, als wollte sie den SaumDes rosigen Gewandes noch erfassen;Umsonst! sie greift nach Luft, sie ist allein gelassen.

76Doch, einen Pulsschlag noch, und wie unnennbar großIst ihr Erstaunen, ihr Entzücken!Kaum glaubt sie dem Gefühl, kaum traut sie ihren Blicken!Sie fühlt sich ihrer Bürde los,Und zappelnd liegt auf ihrem sanften SchooßDer schönste Knabe, frisch wie eine Morgenros'Und wie die Liebe schön! Mit wonnevollem BebenFühlt sie ihr Herz sich ihm entgegen heben.

77Sie fühlt's, es ist ihr Sohn!—Mit Thränen inniger LustGebadet, drückt sie ihn an Wange, Mund, und Brust,Und kann nicht satt sich an dem Knaben sehen.Auch scheint der Knabe schon die Mutter zu verstehen.Laßt ihr zum mindsten den GenußDes süßen Wahns! Er schaut aus seinen hellen AugenSie ja so sprechend an—und scheint nicht jeden KußSein kleiner Mund dem ihren zu entsaugen?

78Sie hört den stillen Ruf—wie leise hörtEin Mutterherz!—und folgt ihm unbelehrt.Mit einer Lust, die, wenn sie neiden könnten,Die Engel, die auf sie herunter sahn,Die Engel selbst beneidenswürdig nennten,Legt sie an ihre Brust den holden Säugling an.Sie leitet den Instinkt, und läßt nun an den FreudenDes zartsten Mitgefühls ihr Herz vollauf sich weiden.

79Indessen hat im ganzen Hain umherIhr Hüon sie gesucht, zwey ängstlich lange Stunden,Und, da er nirgends sie gefunden,Führt ihn zuletzt sein irrer Fuß hierher.Er nähert sich der unzugangbar'n Grotte;Nichts hält ihn auf, er kommt—o welch ein Augenblick!Und sieht das holde Weib, mit einem LiebesgotteAn ihrer Brust, vertieft, verschlungen in ihr Glück.

80Ihr, denen die Natur, beym Eingang in dieß Leben,Den überschwenglichen ErsatzFür alles andre Glück, den unverlierbar'n Schatz,Den alles Gold der Aureng-ZebenNicht kaufen kann, das beste in der WeltWas sie zu geben hat, und was ins beßre LebenEuch folgt, ein fühlend Herz und reinen Sinn gegeben,Blickt hin und schaut—Der heil'ge Vorhang fällt!

Neunter Gesang.

1Es ist nun Zeit, uns auch nach Fatmen umzuschauen,Die wir, seit Rezia mit Hüon sich ins MeerGestürzt, im Schiff, allein und alles Trostes leerGelassen, Tag und Nacht das Schicksal ihrer FrauenBeweinend, und ihr eignes freylich auch.Denn ach! sie weint, sie schreyt, sie rauft ihr Haar vergebens;Er ist verweht, mit einem einzigen HauchVerweht, der ganze Bau der Ruhe ihres Lebens.

2Was soll nun aus ihr werden, so alleinIn einem Schiff, von zügellosen SöhnenDes rauhen Meers umringt, die ihren Jammer höhnen,Mit frechen Augen schon, berauscht in feurigem Wein,Verschlingen ihren Raub—was wird ihr Schicksal seyn?Zum Glück erbarmet sich der schutzberaubten SchönenEin unverhoffter Sturm, der in der zweyten NachtDie See zum Tummelplatz empörter Wogen macht.

3Die Pinke treibt, indeß ein allgemeines ZagenDas Volk entnervt, auf ungewissem MeerHerum gejagt, bald west—bald südwärts hin und her;Bis, da der Winde Wuth in sieben schrecklichen TagenErschöpft ist, an den Strand von Tunis sich verschlagenDer Hauptmann sieht. Den Zufall, der ihn sehrZur Unzeit überrascht, in Vortheil zu verwandeln,Beschließt er Fatmen hier als Sklavin zu verhandeln.

4Denn Fatme, die kaum vier und dreyßigmahlDen May sein Blumenkleid entfaltenGesehn, war eine aus der ZahlDer lange blühenden Gestalten,Die nicht so leicht verwittern noch veralten,Und die mit Reitzen von Gewicht,Viel Feu'r im Blick, viel Grübchen im Gesicht,Euch für den Rosenglanz der Jugend schadlos halten.

5Des Königs Gärtner kam durch Zufall auf den Platz,Wo alles das um hundert SultaninenZu kaufen war. Es schien Bemerkung zu verdienen.Er trat hinzu, besah's und fand es sey ein Schatz.Sein grauer Kopf ward nicht zu Rath gezogen.Es fehlte, dünkt ihn, nichts in seinem GulistanAls eben dieß. Das Gold wird hurtig vorgewogen,Und Fatme duldet still was sie nicht ändern kann.

6Indeß verfolgt mit stets gewognem WindeDer treue Scherasmin den anbefohlnen Lauf.Kaum nahm Massiliens Port ihn wohlbehalten auf,So setzt er sich zu Pferd, und eilt so schnell, als stündeSein Leben drauf, zum Kaiser nach Paris.Er hatte schon den Märt'rerberg erstiegenUnd sah im Morgenroth die Stadt noch schlummernd liegen,Als plötzlich sich sein Kopf an einen Zweifel stieß.

7"Halt, sprach sein Geist zu ihm, und eh' wir weiter traben,Bedenke wohl was du beginnst, mein Sohn!Zwar sollte das dein weiser Schädel schonZu Askalon erwogen haben,Obgleich der Wind, der dort in Hüons Segel blies,Dir wenig Zeit zum Überlegen ließ.Doch, wenn wir ehrlich mit einander sprechen wollen,Du hättest damahls dich ganz anders sträuben sollen.

8"Denn, unter uns gesagt, es ist doch offenbarKein Menschensinn in dieser Ambassade.Den Kaiser, der vorhin uns nie gewogen war,Erbittert sie gewiß im höchsten Grade.Am Ende wär' es nur ums reiche Kästchen Schade!Denn, wahrlich, mit der Hand voll Ziegenhaar,Und mit den Zähnen da, Gott weiß aus welchem Rachen,Wird deine Excellenz sehr wenig Eindruck machen.

9"Ja, wenn Herr Hüon selbst, mit stattlichem GeleiteVon Reisigen, Trabanten und so fort,Und mit der Tochter des Kalifen an der SeiteHerein geschritten wär', und hätte selbst das WortGeführt, und mit gehörigen Grimassen,Wie einem Ritter, Duc und PairGeziemt, auf rothem Sammt, von goldnen Quasten schwer,Die Sachen überreicht—da wollt' ich's gelten lassen!

10"Da kommt des Aufzugs Pracht, die Fei'rlichkeit, der GlanzDer Sultanstochter, an der Hand des stolzen Gatten,Kurz, jeder Umstand kommt dem andern da zu Statten,Und trägt das Seine bey, die Sache rund und ganzZu machen. Karlen bleibt nichts weiter einzuwenden,Er hat den Glauben in den Augen und in Händen;Der Ritter hat sein Wort gehalten als ein Mann,Und fordert frey was ihm kein Recht versagen kann.

11"Das alles geht auf einmahl in die Brüche,Freund Scherasmin, wenn du nicht klüger bistAls der dich abgeschickt. Wohlan, was Raths? was istZu thun?—Das beste wär', auf allen Fall, er schlicheMit seinem Kästchen sich ganz sachte wieder abEh' jemand ihn bemerkt, und ritt' im großen TrabGeraden Wegs nach Rom, dem Freyport aller Frommen,Wo hoffentlich sein Herr inzwischen angekommen."

12So sprach zu Scherasmin sein beßrer Genius:Und da er ihm nach langem ÜberlegenNichts klügers, wie ihn dünkt, entgegenZu setzen hatte, war sein endlicher Entschluß,Der guten Stadt Paris das Schulterblatt zu weisen,Und sporenstreichs nach Rom zu seinem Herrn zu reisen.Er übersteigt die Alpen, langet an,Und gleich sein erster Gang ist—nach dem Lateran.

13Allein, umsonst ermüdet er mit FragenNach seinem Herrn den Schweizer, der die Wach'Am Thore hat, umsonst das ganze Vorgemach,Kein Mensch kann ihm ein Wort von Ritter Hüon sagen.Vergebens rennet er die Stadt von Haus zu HausUnd alle Kirchen und Spitäler fragend aus,Und schildert ihn vom Fersen bis zur ScheitelDen Leuten vor,—all' seine Müh ist eitel.

14Vier ewige Wochen lang, und dann noch zwey dazu,Verweilt er sich in stets betrognem Hoffen,Läßt keinen Tag sich selbst noch andern RuhMit Forschen, ob sein Prinz denn noch nicht eingetroffen;Und, da kein Warten hilft, beginnt er überlautDen großen Schwur des Baskenvolks zu fluchen,Und schwört, so weit der Himmel blaut,In einem Pilgerkleid den Ritter aufzusuchen.

15Was konnt' er anders thun? Sein Geld war aufgezehrt,Und eine Perle nur vom Kästchen anzugreifen,(Das billig hundertfachen WerthIn Hüons Augen hat, weil's Oberon ihm verehrt)Eh ließ er sich den Balg vom Leibe streifen!Von einem Pilgersmann wird weder Gold begehrtNoch Silbergeld; er kann mit MuschelschalenUnd Litaney'n die halbe Welt bezahlen.

16So bettelt nun zwey Jahre lang und mehrDer treue unverdroßne AlteSich durch die Welt, die Länge und die Quer',Und macht an jedem Port, auf jeder Insel Halte,Fragt überall vergebens seinem HerrnUnd seiner Dame nach—bis ihn zuletzt sein Stern,Und ein geheimer Trieb, der seine Hoffnung schüret,Nach Tunis vor die Thür des alten Gärtners führet.

17Er setzt sich dort auf eine Bank von Stein,Um, müd' und schwach von langem Fasten,Im Schatten da ein wenig auszurasten,Und eine Sklavin bringt ihm etwas Brot und Wein.Sie sieht dem Mann im braunen PilgerkleideErstaunt ins Aug', und er der Sklavin ebenfalls,Und, sich mit einem Schrey des Schreckens und der FreudeErkennend, fallen sie einander um den Hals.

18Bist du es, Fatme? ruft an ihrer nassen WangeDer Pilger freudig aus; ist's möglich?—Ach! schon langeLieß Scherasmin die Hoffnung sich vergehn!Ist's möglich daß wir uns zu Tunis wieder sehn?Was für ein Wind hat euch in diese HeidenlandeVerweht? Und wo ist Hüon und Amande?Ach, Scherasmin, schreyt Fatme laut, und brichtIn Thränen aus—Sie sind—Ich Arme!—Frage nicht!

19Was sagst du? ruft der Alte—Gott verhüte!Was sind sie? Sprich!—"Ach, Scherasmin, sie sind -!"Mehr bringt sie nicht heraus! Das stockende GeblüteErstickt die Red' in ihrer Brust—Sie sind?—O Gott! schluchzt Scherasmin, und weinet wie ein KindAn Fatmens Hals—In ihrer vollen Blüthe!Das ist zu hart! Allein mir schwante lang' vorherNichts gutes! Fatme—ach, die Probe war zu schwer!

20So bald die gute Frau zum kläglichen BerichteNur wieder Athem hat, erzählt sie Stück für Stück,Von seiner Abreis' an bis auf den AugenblickDer Schreckensnacht—da, beym auffackelnden LichteDer Blitze, Rezia durch alles Volk, das dichteAuf Hüon drängt, sich stürzt, den Arm in LiebeswuthUm den Geliebten schlingt und in die wilde FlutIhn mit sich reißt,—die traurige Geschichte.

21Drauf sitzen sie wohl eine Stunde langBeysammen, sich recht satt zu klagen und zu weinen,Und beide sich, aus treuem Liebesdrang,Zum Preis des schönsten Paares zu vereinen,Das je die Welt geziert. Nein, ruft sie vielmahls, nie,Nie werd' ich eine Frau, wie diese, wieder sehen!Noch ich, ruft Scherasmin in gleicher Melodie,Je einem Fürstensohn wie Er zur Seite stehen!


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