22Zuletzt, nachdem er sich wohl dreymahl sagen lassenWie alles sich begab, geht ihm ein schwacher ScheinVon Glauben auf, und läßt ihn Hoffnung fassen,Sie könnten beide doch vielleicht gerettet seyn.Je mehr er es bedenkt, je minder geht ihm ein,Daß Oberon auf ewig sie verlassen.In allem dem, was er für sie gethan,War Absicht, wie ihn däucht, und ein geheimer Plan.
23Bey diesem schwachen Hoffnungsschimmer,Der wie ein fernes Licht in tiefer Nacht ihm scheint,Entschließt er sich, von Fatmen nun sich nimmerZu trennen, und, mit ihr durch gleichen Schmerz vereint,Des Schicksals Aufschluß hier in Tunis abzuwarten.Durch ihren Vorschub tauscht er Pilgerstab und KleidMit einem Sklavenwamms und einem Grabescheid,Und dient um Tagelohn im königlichen Garten.
24Indessen Fatme und der wackre ScherasminDie Blumenfelder, die sie bauen,Wie ihrer Lieben Grab, mit Thränen oft bethauen;Sieht Hüon, seit sein prüfend Schicksal ihnIn jene Einsied'ley voll Anmuth und voll GrauenVerbannt, nicht ohne Gram den dritten Frühling blühn.Unmöglich kann er noch sein Heldenherz entwöhnen,Ins Weltgetümmel sich mit Macht zurück zu sehnen.
25Der kleine Hüonnet, das schönste MitteldingVon mütterlichem Reitz und väterlicher Stärke,Das je am Hals von einer Göttin hing,Und wahrlich doch zu anderm TagewerkeBestimmt, als mit der Axt auf seiner Schulter einstIns Holz zu gehn, vermehrt nur seinen Kummer.Auch dich, o Rezia, in Nächten ohne Schlummer,Belauscht dein Engel oft, wenn du im Stillen weinst.
26Tief fühlt ihr beid' in dieser Jugendblüthe,Daß Abgeschiedenheit euch unnatürlich ist,Fühlt Kraft zu edlerm Thun in eurer Brust, vermißtDes Heldensinns, der unbegrenzten GüteGleich unbegrenzten Kreis!—Umsonst bemühn sie sichDie Thräne, die dem abgewandten Aug' entschlich,Dem alten Vater zu verhehlen;Ihr Lächeln täuscht ihn nicht, er liest in ihren Seelen.
27Und ob ihm diese Welt gleich nichts mehr ist, doch stelltEr sich an Ihren Platz, in das was sie verloren,Was ihnen zugehört, wozu sie sich geborenEmpfinden—fühlt aus Ihrer Brust, und hältDie Thräne für gerecht, die sie vor ihm aus LiebeVerbergen, tadelt nicht die unfreiwilligen Triebe,Und frischt sie nur, so lang' als ihren LaufDas Schicksal hemmt, zu stillem Hoffen auf.
28An einem Abend einst—das Tagwerk war vollbracht,Und alle drey, (Amande mit dem KnabenAuf ihrem Schooß) um an der herrlichen PrachtDes hellgestirnten Himmels sich zu laben,Sie saßen vor der Hütt' auf einer Rasenbank,Versenkten sich mit ahnungsvollem GrauenIn dieses Wundermeer, und blickten stillen DankZu ihm, der sie erschuf—gen Himmel aufzuschauen:
29Da fing der fromme Greis, mit mehr gerührtem TonAls sonst, zu reden an von diesem ErdenlebenAls einem Traum, und vom HinüberschwebenIns wahre Seyn.—Es war, als wehe schonEin Hauch von Himmelsluft zu ihm herüber,Und trag' ihn sanft empor indem er sprach.Amanda fühlt's; die Augen gehn ihr über,Ihr ist's, als sähe sie dem Halbverschwundnen nach.
30Mir, fuhr er fort, mir reichen sie die HändeVom Ufer jenseits schon—Mein Lauf ist bald zu Ende;Der eurige beginnet kaum, und viel,Viel Trübsal noch, auch viel der besten Freuden,(Oft sind's nur Stärkungen auf neue größre Leiden)Erwarten euch, indeß ihr unvermerkt dem ZielEuch nähert. Beides geht vorüber,Und wird zum Traum, und nichts begleitet uns hinüber;
31Nichts als der gute Schatz, den ihr in euer HerzGesammelt, Wahrheit, Lieb' und innerlicher Frieden,Und die Erinnerung, daß weder Lust noch SchmerzEuch je vom treuen Hang an eure Pflicht geschieden.So sprach er vieles noch; und als sie endlich sichZur Ruh begaben, drückt' er, wie sie dünkte,Sie wärmer an sein Herz, und eine Thräne blinkteIn seinem Aug', indem er schnell von ihnen wich.
32In eben dieser Nacht, von dunkeln VorgefühlenDer Zukunft aufgeschreckt, erhob TitaniaDie Augen himmelwärts—und alle Rosen fielenVon ihren Wangen ab, indem sie stand, und sahUnd las. Sie rief den lieblichen Gespielen,Mit ihr zu sehen, was in diesem Nu geschah,Und wie zu unglückschwangern ZügenAmandens Sterne schon sich an einander fügen.
33Und, dicht in Schatten eingeschleiert, fliegtSie schnell dem Lager zu, wo zwischen Mandelbäumen(Der Knabe neben ihr) die Königstochter liegt,Aus ihrem Schlaf von ahnungsvollen TräumenOft aufgestört. Titania berührtDie Brust der Schläferin (damit die Unruh schweigeDie in ihr klopft) mit ihrem Rosenzweige,Und raubt den Knaben weg, der nichts davon verspürt.
34Sie kommt zurück mit ihrem schönen Raube,Und spricht zu ihren Grazien: Ihr sehtDas grausame Gestirn, das ob Amanden steht!Eilt, rettet dieses Kind in meine schönste Laube,Und pfleget sein, als wär's mein eigner Sohn.Drauf zog sie aus dem Kranz um ihre StirneDrey Rosenknospen aus, gab jeder holden DirneEin Knöspchen hin, und sprach: Hinweg, es dämmert schon!
35Thut wie ich euch gesagt, und alle Tag' und StundenSchaut eure Rosen an; und wenn ihr alle dreyZu Lilien werden seht, so merket dran, ich seyMit Oberon versöhnt und wieder neu verbunden.Dann eilet mit Amandens Sohn herbey,Denn mit der meinen ist auch ihre Noth verschwunden.Die Nymfen neigten sich und flohnIn einem Wölkchen schnell hinweg mit Hüons Sohn.
36Kaum war der Morgen aufgegangen,So sucht mit bebendem unruhigem VerlangenAmanda ihren Freund, der seine Lagerstatt,Fern von Alfons und ihr, in einem Felsen hat.So hastig eilt sie fort, daß sie (was nie geschehenSeitdem sie Mutter war) vor lauter Eil' vergißt,Nach ihrem Sohn, der noch ihr Schlafgeselle ist,Und ruhig (glaubt sie) schläft, vorher sich umzusehen.
37Sie findet ihren Mann, im Garten irrend, auf,Und beide nehmen auf der Stelle,Was sie besorgen sich verbergend, nach der ZelleDes alten Vaters ihren Lauf.Wie klopft ihr Herz, indem sie seinem LagerSich langsam nahn! Er liegt, die Hände auf sein HerzGefaltet, athemlos, sein Antlitz bleich und hager,Doch edel jeder Zug, und rein, und ohne Schmerz.
38Er schlummert nur, spricht Rezia, und legtDie Hand, so leicht daß sie ihn kaum berühret,Auf seine Hand—und, da sie kalt sie spüretUnd keine Ader mehr sich regt,Sinkt sie in stiller Wehmuth auf den blassenErstarrten Leichnam hin; ein Strom von Thränen brichtAus ihrem Aug' und badet sein Gesicht:O Vater, ruft sie aus, so hast du uns verlassen!
39Sie rafft sich auf, und sinkt an Hüons Brust,Und beide werfen nun sich bey der kalten HülleDer reinsten Seele hin, in ehrfurchtsvoller Stille,Und sättigen die schmerzlich süße LustZu weinen,—drücken oft, um endlich wegzugehen,Auf seine Hand der Liebe letzten Zoll,Und bleiben immer, nie gefehlter Regung voll,Bey dem geliebten Bild, als wie bezaubert, stehen.
40Es war als sähen sie auf seinem AngesichtDie Dämmerung von einem neuen Leben,Und wie von reinem HimmelslichtDen Widerschein um seine Stirne weben,Der schon zum geist'gen Leib den Erdenstoff verfeint,Und um den stillen Mund, der ebenVom letzten Segen noch sich sanft zu schließen scheint,Ein unvergängliches kaum sichtbar's Lächeln schweben.
41Ist dir's nicht auch (ruft Hüon, wie entzückt,Amanden zu, indem er aufwärts blickt)Als fall' aus jener Welt ein Strahl in deine Seele?So fühlt' ich nie der menschlichen NaturErhabenheit! noch nie dieß Erdenleben nurAls einen Weg durch eine dunkle HöhleIns Reich des Lichts! nie eine solche StärkeIn meiner Brust zu jedem guten Werke!
42Zu jedem Opfer, jedem StreitNie diese Kraft, nie diese MunterkeitDurch alle Prüfungen mich männlich durchzukämpfen!Laß seyn, Geliebte, daß der Trübsal vielNoch auf uns harrt—sie nähert uns dem Ziel!Nichts soll uns muthlos sehn, nichts diesen Glauben dämpfen!So spricht er, sich mit ihr von diesem heiligen OrtEntfernend—und ihn nimmt das Schicksal gleich beym Wort.
43Denn, wie sie Hand in Hand nun wiederHervor gehn aus der Zell', und ihre AugenliederErheben—Gott! was für ein Anblick stelltSich ihren Augen dar! In welche fremde WeltSind sie versetzt! Verschwunden, ganz verschwundenIst ihr Elysium, der Hain, die Blumenflur.Versteinert stehn sie da. Ist's möglich? Keine Spur,Sogar die Stätte wird nicht mehr davon gefunden!
44Sie stehn an eines Abgrunds Rand,Umringt, wohin sie schaudernd sehen,Von überhangenden gebrochnen Felsenhöhen;Kein Gräschen mehr, wo einst ihr Garten stand!Vernichtet sind die lieblichen Gebüsche,Der dunkle NachtigallenwaldZerstört! Nichts übrig, als ein gräßliches GemischeVon schroffen Klippen, schwarz, und öd', und ungestalt!
45Zu welchen neuen JammerscenenBereitet sie dieß grause Schauspiel vor?Ach, rufen sie, und heben, schwer von Thränen,Den kummervollen Blick zum heil'gen Greis empor:"Ihm wurde dieß Gebirg in Frühlingsschmuck gekleidet,Dieß Eden Ihm gepflanzt; um Seinetwillen nurGenossen wir's; und Schicksal und NaturVerfolgen uns aufs neu', so bald er von uns scheidet!"
46Ich bin gefaßt, ruft Rezia, und schlingtEin Ach zurück das ihrer Brust entsteiget.Unglückliche! der Tag, der all dieß Unglück bringt,Hat dir noch nicht das schrecklichste gezeiget!Sie eilt dem Knaben zu, den sie vor kurzem, süßNoch schlummernd, (wie sie glaubt) verließ!Er ist ihr letzter Trost; des Schicksals härtsten SchlägenGeht sie getrost, mit ihm auf ihrem Arm, entgegen.
47Sie fliegt dem Lager zu, wo erAn ihrer Seite lag, und, wie vom Blitz getroffen,Schwankt sie zurück—der Knab' ist weg, das Lager leer."Hat er sich aufgerafft? Fand er die Thüre offenUnd suchte sie? O Gott! wenn er verunglückt wär'?Entsetzlich!—Doch vielleicht hat um die Hütte her,(So denkt sie zwischen Angst und Hoffen)Vielleicht im Garten nur der Kleine sich verloffen?"
48Im Garten? ach! der ist nun felsiger Ruin!Sie stürzt hinaus, und ruft mit bebenden LippenDen Knaben laut beym Nahmen, suchet ihnRingsum, mit Todesangst, in Höhlen und in Klippen.Der Vater, den ihr Schreyn herbey gerufen, sprichtUmsonst den Trost ihr zu, woran's ihm selbst gebracht:"Er werde sich gewiß in diesen FelsgewindenGesund und frisch auf einmahl wieder finden."
49Zwey Stunden schon war alle ihre MühVergeblich. Ach! umsonst, laut rufend, irren sieTief im Gebirg umher, besteigen alle Spitzen,Durchkriechen alle Felsenritzen,Und lassen sich, um wenigstens sein GrabZu finden, kummervoll in jede Kluft hinab:Ach! keine Spur von ihm entdeckt sich ihrem Blicke,Und von den Felsen hallt ihr eigner Ton zurücke.
50Das Unbegreifliche des Zufalls, daß ein KindVon seinem Alter sich verliere,An einem Ort, wo weder wilde ThiereNoch Menschen (wilder oft als jene) furchtbar sind,Mehrt ihre Angst; doch nährt es auch ihr Hoffen:"Es kann nicht anders seyn, er hat sich nur verloffen,Und schlief vielleicht auf irgend einem SteinVom Wandern müd', in seiner Unschuld ein."
51Aufs neue wird der ganze Felsenrücken,Wird jeder Winkel, jeder StrauchDer ihn vielleicht versteckt, durchsucht mit Falkenblicken.Die Unruh treibt sogar, wie unwahrscheinlich auchDie Hoffnung ist ihn dort lebendig aufzuspüren,Sie bis zum Strand herab, wo, unter dem GemischVon aufgethürmtem Sand und sumpfigem Gebüsch,Sie endlich unvermerkt einander selbst verlieren.
52Auf einmahl schreckt Amandens OhrEin ungewohnter Ton. Ihr däucht, es glich dem SchalleVon Stimmen. Doch, weil's wieder sich verlor,Und sie bey einem Wasserfalle,Der mit betäubendem Getöse übern RandVon einem hohen FelsenbogenHerunter stürzt, sich ziemlich nah befand,Glaubt sie, sie habe sich betrogen.
53Ihr schwanet nichts von größerer Gefahr,Ihr einziger Gedank' ist ihres Sohnes Leben:Und plötzlich, da sie kaum um einen Hügel, nebenDem Wasserfall, herum gekommen war,Sieht sie, bestürzt, von einer rohen SchaarSchwarzgelber Männer sich umgeben,Und hinter einem hohen RiffErblickt sie in der Bucht ein ankernd Ruderschiff.
54Sie hatten kurz zuvor, um Wasser einzunehmen,Vor Anker hier gelegt, und waren noch damitBeschäftigt: als, mit schnell gehemmtem Schritt,Auf einmahl eine Frau vor ihre Augen tritt,Gemacht beym ersten Blick die schönsten zu beschämen.Erstaunen schien sie alle schier zu lähmen,An diesem öden Ort, den sonst der Schiffer fleucht,Ein junges Weib zu sehn, die einer Göttin gleicht.
55Der Schönheit Anblick macht sonst rohe Seelen milder,Und Tieger schmiegen sich zu ihren Füßen hin:Doch diese fühlen nichts. Ihr stumpfer RäubersinnBerechnet sich den Werth der schönsten Frauenbilder(Von Marmor oder Fleisch, gleich viel!) mit kaltem BlutBloß nach dem Marktpreis, just wie andres Kaufmannsgut.Hier, ruft der Hauptmann, sind zehn tausend SultaninenMit Einem Griff, so gut wie hundert, zu verdienen.
56Auf, Kinder, greifet zu! So ein Gesicht wie dießGilt uns zu Tunis mehr als zwanzig reiche Ballen:Der König, wie ihr wißt, liebt solche Nachtigallen;Und dieser wilden hier gleicht von den Schönen allenIn seinem Harem nichts. Ihr reicht Almansaris,Die Königin, so schön sie ist, gewißDas Wasser kaum. Wie wird der Sultan brennen!Der Zufall hätt' uns traun! nicht besser führen können.
57Indeß der Hauptmann dieß zu seinem Volke sprach,Steht Rezia, und denkt zwey Augenblicke nachWas hier zu wählen ist. "Sind diese Leute Feinde,So hilft die Flucht mir nichts, da sie so nahe sind:Vielleicht daß Edelmuth und Bitten sie gewinnt.Ich geh' und rede sie als Freunde,Als Retter an, die uns der Himmel zugesendet.Vielleicht ist's unser Glück, daß sie hier angeländet."
58Dieß denkend, geht, mit unschuldsvoller RuhIm offnen Blick, und mit getrosten Schritten,Das edle schöne Weib auf die Korsaren zu:Allein sie bleiben taub bey ihren sanften Bitten.Die Sprache, die zu allen Herzen spricht,Rührt ihre eisernen entmenschten Seelen nicht.Der Hauptmann winkt; sie wird umringt, ergriffen,Und alles läuft und rennt, die Beute einzuschiffen.
59Auf ihr erbärmliches Geschrey,Das durch die Felsen hallt, fliegt Hüon voller SchreckenDen Wald herab, zu ihrer Hülf' herbey.Ganz außer sich, so bald ihm was es seyDie Bäume länger nicht verstecken,Ergreift er in der Noth den ersten knot'gen SteckenDer vor ihm liegt, und stürzt, wie aus der Wolken SchooßEin Donnerkeil, auf die Barbaren los.
60Sein holdes Weib zu sehn, die mit blutrünst'gen ArmenSich zwischen Räubertatzen sträubt,Der Anblick, der zu Tiegerwuth ihn treibt,Macht bald den Eichenstock in seiner Faust erwarmen.Die Streiche fallen hageldichtAuf Köpf' und Schultern ein mit stürzendem Gewicht.Er scheint kein Sterblicher; sein Auge spritzet Funken,Und sieben Mohren sind schon vor ihm hingesunken.
61Bestürzung, Scham und Grimm, von einem einz'gen MannDen schönen Raub entrissen sich zu sehen,Spornt alle andern an, auf Hüon los zu gehen,Der sich, so lang' er noch die Arme regen kann,Unbändig wehrt; bis, da ihm im GedrängeSein Stock entfällt, die überlegne Menge(Wiewohl er rasend schlägt und stößt und um sich beißt)Ihn endlich übermannt und ganz zu Boden reißt.
62Mit einem Schrey gen Himmel sinkt AmandeIn Ohnmacht, da sie ihn erwürgt zu sehen glaubt.Man schleppt sie nach dem Schiff, indeß das Volk am StrandeAuf den Gefallnen stürmt, und tobt und Rache schnaubt.Ihm einen schnellen Tod zu geben,Wär's auch der blutigste, däucht sie Gelindigkeit:Nein, ruft der Hauptmann aus, um desto längre ZeitDer Tode grausamsten zu sterben, soll er leben!
63Sie schleppen ihn tief in den Wald hinein,So weit vom Strand, daß auch sein lautstes SchreynKein Ohr erreichen kann, und binden ihn mit StrickenUm Arm und Bein, um Hals und Rücken,An einen Baum. Der Unglücksel'ge blicktZum Himmel auf, verstummend und erdrücktVon seines Elends Last; und laut frohlockend fahrenMit ihrem schönen Raub nach Tunis die Barbaren.
Zehnter Gesang.
1Schon sinkt der Tag, und trauernd wirft die Nacht(Ach! nicht vertraulich mehr in süßer HerzensfülleVon Liebenden und Freunden zugebracht)Mitleidig ihre trübste HülleUms öde Eiland her, wo aus der tiefen StilleNun keinen Morgen mehr der Freude Lied erwacht;Nur ein Verlassener von allem was er liebetDer Pflichten schrecklichste durch stilles Dulden übet.
2Ihn hört Titania, in ein Gewölk verhüllt,Tief aus dem Wald herauf in langen Pausen ächzen,Sieht den Unglücklichen in stummer Angst verlechzen,Und wendet sich von ihm. Denn, ach! vergebens schwilltIhr zartes Herz von innigem Erbarmen.Ein stärk'rer Zauber stößt mit unaufhaltbar'n ArmenSie weg von ihm; und wie sie überm StrandDahin schwebt, blinkt vor ihr ein Goldreif aus dem Sand.
3Amanda hatte ihn, im Ringen mit den SöhnenDes Raubes, unvermerkt vom Finger abgestreift.Die Elfenkönigin, indem sie ihn ergreift,Erkennt den Talisman, dem alle Geister fröhnen.Bald, ruft sie freudig, ist das Maß des Schicksals voll!Bald werden wieder dich die Sterne mir versöhnen,Geliebter! Dieser Ring verband uns einst; er sollZum zweyten Mahl zu meinem Herrn dich krönen!
4Inzwischen hatte man im Schiff, mit großer Müh,Amanden, die in Ohnmacht lag, ins LebenZurück gerufen. Kaum begonnte sieDie schweren Augen trostlos zu erheben;So fiel vor ihr der Hauptmann auf die Knie,Und bat sie, sich dem Gram nicht länger zu ergeben:Dein Glück ist's, sprach er, bloß, wovon ich Werkzeug bin;In wenig Tagen bist du unsre Königin.
5Besorge nichts von uns, wir sind nur dich zu schützenUnd dir zu dienen da: dich, Schönste, zu besitzenIst nur Almansor werth, der dir an Reitzen gleicht.Er wird beym ersten Blick in deinen Fesseln liegen;Und, glaube meinem Wort, du wirst ihn mit VergnügenZu deinen Füßen sehn. Der Hauptmann spricht's, und reicht(Um allen Argwohn, den sie hegen mag, zu stillen)Ein reiches Tuch ihr dar, sich ganz darein zu hüllen.
6Der ist des Todes, (fährt er fort,Mit einem Blick und Ton, der alles Volk am BordErzittern macht) der je des Frevels sich verwägetUnd seine Hand an diesen Schleier leget!Betrachtet sie von diesem AugenblickAls ein Juwel, das schon Almansorn angehöret.Er sagt's, und zieht, damit sie ungestöretDer Ruhe pflegen kann, kniebeugend sich zurück.
7Amanda, ohne auf des Räubers Wort zu hören,Bewegungslos, betäubt von ihrem Unglück, sitzt,Die Hände vor der Stirn, die Arme aufgestütztAuf ihre Knie', mit starren, thränenleeren,Erloschnen Augen da. Ihr Jammer ist zu großIhn auszusprechen, ihn zu tragenIhr starkes Herz zu zart. Ach! diesen letzten StoßErträgt sie nicht! Sie sinkt, doch sinkt sie ohne Klagen.
8Sie schaut nach Trost sich um, und findet keinen; leerUnd hoffnungslos, und Nacht, wie ihre Seele,Ist alles, alles um sie her;Die ganze Welt verkehrt in eine Mörderhöhle!Sie starrt zum Himmel auf—auch DerHat keinen Trost, hat keinen Engel mehr!Am Abgrund der Verzweiflung, wo sie schwebet,Steht noch der Tod allein, der sie im Sinken hebet.
9Mitleidig reicht er ihr die abgezehrte Hand,Der letzte, treuste Freund der Leidenden! Sie steigetHinab mit ihm ins stille Schattenland,Wo aller Schmerz, wo aller Jammer schweiget;Wo keine Kette mehr die freye Seele reibt,Die Scenen dieser Welt wie Kinderträume schwinden,Und nichts aus ihr als unser Herz uns bleibt:Da wird sie alles, was sie liebte, wiederfinden!
10Wie ein verblutend Lamm, still duldend, liegt sie da,Und seufzt dem letzten Augenblick entgegen:Als, in der stillen Nacht, sich ihr TitaniaTrost bringend naht. Ein unsichtbarer RegenVon Schlummerdüften stärkt der schönen DulderinMatt schlagend Herz, und schläft den äußern SinnUnmerklich ein. Da zeigt sich ihr im TraumgesichteDie Elfenkönigin in ihrem Rosenlichte.
11Auf! spricht sie, fasse Muth! Dein Sohn und dein GemahlSie athmen noch, sind nicht für dich verloren.Erkenne mich! Wenn du zum dritten MahlMich wieder siehst, dann ist, was Oberon geschworen,Erfüllt durch eure Treu'. Ihr endet unsre Pein,Und wie Wir glücklich sind, so werdet Ihr es seyn.Mit diesem Wort zerfließt die Göttin in die Lüfte,Doch wehen, wo sie stand, noch ihre Rosendüfte.
12Amand' erwacht, erkennt an ihrem DuftUnd Rosenglanz, die nur allmählich schwanden,Die göttergleiche Frau, die in der Felsengruft,Gleich unverhofft, ihr ehmahls beigestanden.Gerührt, beschämt von diesem neuen Schutz,Ergreift ihr Herz mit dankbarlichem BebenDieß Pfand von ihres Sohns und ihres Hüons Leben,Und beut mit ihm nun jedem Schicksal Trutz.
13Ach! wüßte sie, was ihr (zu ihrem Glücke)Verborgen bleibt, wie trostlos diese NachtIhr unglücksel'ger Freund, mit siebenfachem StrickeAn einen Eichenstamm gebunden, zugebracht,Wie bräch' ihr Herz!—Und Er, vor dessen AugenblitzeNichts dunkel ist, der gute Schutzgeist, weilt?Er steht, am Quell des Nils, auf einer Felsenspitze,Die, ewig unbewölkt, die reinsten Lüfte theilt.
14Den ernsten Blick dem Eiland zugekehrt,Wo Hüon schmachtet, steht der Geisterfürst, und hörtSein Ächzen, das aus tiefer FerneZu ihm herüber bebt,—schaut nach dem Morgensterne,Und hüllt sich seufzend ein. Da nähert, aus der SchaarDer Geister, die theils einzeln, theils in Ringen,ihn überall begleiten und umschwingen,Sich einer ihm, der sein Vertrauter war.
15Erblassend, ohne Glanz, naht sich der Sylfe, blicktIhn schweigend an, und seine Augen fragenDem Kummer nach, der seinen König drückt;Denn Ehrfurcht hält ihn ab die Frage laut zu wagen.Schau auf, spricht Oberon. Und mit dem Worte weistIn einer Wolke, die mit ausgespanntem FlügelVorüber fährt, sich dem bestürzten GeistDes armen Hüons Bild als wie in einem Spiegel.
16Versunken in der tiefsten Noth,An seines Herzens offnen WundenVerblutend, steht er da, verlassen und gebundenIm öden Wald, und stirbt den langen Martertod.In diesem hoffnungslosen StandeSchwellt seine Seele noch das zürnende Gefühl:"Verdient' ich das? verdiente das Amande?Ist unser Elend nur den höhern Wesen Spiel?
17"Wie untheilnehmend bleibt bey meinem furchtbarn Leiden,Wie ruhig alles um mich her!Kein Wesen fühlt mit mir; kein Sandkorn rückt am MeerAus seinem Platz, kein Blatt in diesen LaubgebäudenFällt meinetwegen ab. Ein scharfer Kiesel wär'Um meine Bande durchzuschneidenGenugsam—ach! im ganzen Raum der ZeitIst keine Hand, die ihm dazu Bewegung leiht!
18"Und doch, wenn meine Noth zu wendenDein Wille wär', o Du, der mich dem Tod so oftEntrissen, wenn ich es am wenigsten gehofft,Es würden alle Zweig' in diesem Wald zu HändenAuf deinen Wink!"—Ein heil'ger Schauder blitztDurch sein Gebein mit diesem Himmelsfunken;Die Stricke fallen ab; er schwankt, wie nebeltrunken,In einen Arm, der ihn unsichtbar unterstützt.
19Es war der Geist, dem Oberon die GeschichteDes treuen Paars im Bilde sehen ließ,Der diesen Dienst ihm ungesehn erwies.Der Sohn des Lichts erlag dem kläglichen Gesichte.Ach! rief er, inniglich betrübt,Und sank zu seines Meisters Füßen,So strafbar als er sey, kannst du, der ihn geliebt,Vor seiner Noth dein großes Herz verschließen?
20Der Erdensohn ist für die Zukunft blind,Erwiedert Oberon: wir selbst, du weißt es, sindDes Schicksals Diener nur. In heil'gen Finsternissen,Hoch über uns, geht sein verborgner Gang;Und, willig oder nicht, zieht ein geheimer ZwangUns alle, daß wir ihm im Dunkeln folgen müssen.In dieser Kluft, die mich von Hüon trennt,Ist mir ein einzigs noch für ihn zu thun vergönnt.
21Fleug hin, und mach' ihn los, und trag' ihn auf der Stelle,So wie er ist, nach Tunis, vor die SchwelleDes alten Ibrahim, der, nahe bey der Stadt,Die Gärten des Serai's in seiner Aufsicht hat.Dort leg' ihn auf die Bank von Steinen,Hart an die Hüttenthür, und eile wieder fort:Doch hüte dich ihm sichtbar zu erscheinen,Und mach' es schnell, und sprich mit ihm kein Wort.
22Der Sylfe kommt, so rasch ein Pfeil vom BogenDas Ziel erreicht, bey Hüon angeflogen,Löst seine Bande auf, beladet sich mit ihm,Und trägt ihn, über Meer und Länder, durch die LüfteBis vor die Thür des alten Ibrahim;Da schüttelt er von seiner starken HüfteIhn auf die Bank, so sanft als wie auf Pflaum.Dem guten Ritter däucht was ihm geschieht ein Traum.
23Er schaut erstaunt umher, und sucht sich's wahr zu machen:Doch alles was er sieht bestätigt seinen Wahn.Wo bin ich? fragt er sich, und fürchtet zu erwachen.Indem beginnt, nicht fern von ihm, ein HahnZu krähn, und bald der zweyte und der dritte;Die Stille flieht, des Himmels goldnes ThorEröffnet sich, der Gott des Tages geht hervor,Und alles lebt und regt sich um die Hütte.
24Auf einmahl knarrt die Thür, und kommt ein langer MannMit grauem Bart, doch frisch und roth von Wangen,Ein Grabscheit in der Hand, zum Haus heraus gegangen;Und beide sehn zugleich, was keiner glauben kann,Herr Hüon seinen treuen AltenIn einem Sklavenwamms—der gute ScherasminDen werthen Herrn, den er für todt gehalten,In einem Aufzug, der nicht glückweissagend schien.
25Ist's möglich? rufen alle beideZu gleicher Zeit—"Mein bester Herr!"—"Mein Freund!""Wie finden wir uns hier?"—Und, außer sich vor Freude,Umfaßt der alte Mann des Prinzen Knie, und weintAuf seine Hand. Ihn herzlich zu umfangenBückt Hüon sich zu ihm herunter, hebtIhn zu sich auf, und küßt ihn auf die Wangen.Gott Lob, ruft Scherasmin, nun weiß ich daß ihr lebt!
26Was für ein guter Wind trug euch vor diese Schwelle?Doch zum Erzählen ist der Ort hier nicht geschickt;Kommt, lieber Herr, mit mir in meine Zelle,Eh' jemand hier beisammen uns erblickt.Auf allen Fall seyd ihr mein Neffe Hassan, (flüstertEr ihm ins Ohr) ein junger HandelsmannVon Halep, der die Welt zu sehn gelüstert,Und Schiffbruch litt, und mit dem Leben nur entrann.
27Ja, leider! blieb mir nichts, seufzt Hüon, als ein LebenDas keine Wohlthat ist!—Das wird sich alles geben,Erwiedert Scherasmin, und schiebt sein KämmerleinIhm hurtig auf, und schließt sich mit ihm ein.Da, spricht er, nehmet Platz; bringt dann auf einem TellerDas beste, was sein kleiner VorrathskellerVermag, herbey, Oliven, Brot und Wein,Und setzt sich neben ihn, und heißt ihn fröhlich seyn.
28Mein bester Herr, daß wir, nach allen StreichenDie uns das Glück gespielt, so unvermuthet hierZu Tunis, vor der HüttenthürDes Gärtners Ibrahim uns finden, ist ein Zeichen,Daß Oberon ganz unvermerkt und stillUns alle wiederum zusammen bringen will.Noch fehlt das Beste; doch, zum Pfande für Amanden,Ist wenigstens die Amme schon vorhanden.
29Was sagst du? ruft Herr Hüon voller Freuden.Demselben Ibrahim, dem ich bedienstet bin,Dient sie als Sklavin hier, erwiedert Scherasmin.Wie wird das gute Weib die Augen an euch weiden!Drauf fängt er ihm Bericht zu geben an,Was er in all' der Zeit gelitten und gethan,Und was ihn, unverrichter Sachen,Bewogen, von Paris sich wieder wegzumachen.
30Und wie er ihn zu Rom im Lateran gesucht,Und, seiner dort viel Wochen ohne FruchtErwartend, unvermerkt sein Bißchen Geld verzettelt,Darauf, mit Muscheln ausstaffiert,Sich durch die halbe Welt als Pilger durchgebettelt,Bis ihn sein guter Geist zuletzt hierher geführt,Wo Fatme, die er unverhofft gefunden,Auf beßre Zeit mit ihm zu harren sich verbunden.
31Zum Glück ist immer unversehrt(Setzt er hinzu) das Kästchen mitgezogen,Das euch der schöne Zwerg zu Askalon verehrt;Denn, wie ich sehe, Horn und Becher sind entflogen.Verzeiht mir, lieber Herr! ich traf den wunden Ort;Es war nicht hübsch an mir so frey heraus zu platzen:Die Freude, daß ich euch gefunden, macht mich schwatzen;Allein, ihr kennt mein Herz, und weiter nun kein Wort!
32Der edle Fürstensohn drückt seinem guten AltenDie Hand, und spricht: Ich kenne deine Treu',Sollst alles wissen, Freund! ich will dir nichts verhalten;Allein, vor allem, steh in Einem Ding mir bey.Das Kästchen, das du mir erhalten,Ist an Juwelen reich. Denkst du nicht auch, es seyAm besten angewandt, mir eilends Pferd und WaffenUnd ritterlichen Schmuck in Tunis anzuschaffen?
33Es sind zwölf Stunden kaum, seit eine RäuberschaarAmanden mir entriß, mir, der am ödsten StrandeAllein mit ihr und unbewaffnet war.Sie führen sie vielleicht in diese Mohrenlande,Nach Marok oder Fez, gewiß nach einem Platz,Wo Hoffnung ist, sie theuer zu verkaufen:Allein kein Harem soll mir meinen höchsten SchatzEntziehen, sollt' ich auch die ganze Welt durchlaufen.
34Der Alte sinnt der Sache schweigend nach."Die Gegend, wo ihr euch mit Rezia befunden,Ist also wohl nur wenig StundenVon hier entfernt?"—Nicht daß ich wüßte, sprachDer junge Fürst; vielleicht sind's tausend Stunden:Mich trug, unendlich schnell, ich weiß nicht wer,(Doch wohl ein Geist) aus einem Wald hierher,Wo mich das Räubervolk an einen Baum gebunden.
35Das hat, ruft jener aus, kein andrer Arm gethanAls Oberons. Ich selber, spricht der Ritter,Ich trau' ihm's zu, und nehm's als ein Versprechen an,Er werde mehr noch thun. So bitterDie Trennung ist, so schreckenvoll das BildDes holden Weibs in wilden Räuberklauen;Dieß neue Wunder, Freund, erfülltMein neu belebtes Herz mit Hoffnung und Vertrauen.
36Der müßte ja ganz herzlos, ganz von Stein,Und ohne Sinn, und gänzlich unwerth seynDaß sich der Himmel seinetwegenBemühe, (hätt' er auch von dem die Hälfte nurErfahren, was mir widerfuhr)Wer Kleinmuth und Verdacht zu hegenNoch fähig wär'. Es geh' durch Feuer oder FlutMein dunkler Weg, ich halte Treu' und Muth.
37Nur, lieber Scherasmin, wenn's möglich ist, noch heuteVerschaffe mir ein Schwert und einen Gaul.Zu lang' entbehr' ich beides!—an der SeiteDer Liebe zwar—doch itzt, in dieser WeiteVon Rezia, däucht mir mein Herzblut stehe faulAls wie ein Sumpf, bis ich die schöne BeuteDen Helden abgejagt. Ihr Leben und mein Glück,Bedenk' es, hängt vielleicht an einem Augenblick.
38Der Alte schwört ihm zu, es soll' an ihm nicht liegenDes Prinzen Ungeduld noch heute zu vergnügen.Doch unverhofft hält seines Eifers LaufAm ersten Abend schon ein leidiger Zufall auf.Denn Hüon fühlte von so viel Erschütterungen,Die Schlag auf Schlag gefolgt, auf einmahl sich bezwungen,Und brachte, matt und glühend, ohne Ruh,Die ganze Nacht in Fieberträumen zu.
39Die Bilder, die ihm stets im Sinne lagen,Beleben sich; er glaubt mit einem SchwarmVon Feinden sich ergrimmt herum zu schlagen;Dann sinkt er kraftlos hin, und drückt im kalten ArmDie Leiche seines Sohns; bald kämpft er mit den Fluten,Hält die versinkende Geliebte nur am SaumDes Kleides noch; bald, selbst an einen BaumGebunden, sieht er sie in Räuberarmen bluten.
40Erschöpft von Grimm und Angst stürzt er aufs Lager hinMit starrem Blick. Dem treuen ScherasminKommt seine Wissenschaft in dieser Noth zu Statten.Denn dazumahl war's eines Knappen AmtDie Heilkunst mit der Kunst der Ritterschaft zu gatten.Ihm war sie schon vom Vater angestammt,Und viel geheimes ward auf seinen langen ReisenIhm mitgetheilt von Rittern und von Weisen.
41Er eilt, so bald der schöne MorgensternAm Himmel bleicht, (indeß bey dem geliebten HerrnAls Wärterin sich Fatme emsig zeiget)Den Gärten zu, worin noch alles ruht und schweiget;Sucht Kräuter auf, von deren WunderkraftEin Eremit auf Horeb ihn belehret,Und drückt sie aus, und mischet einen Saft,Der binnen kurzer Frist dem stärksten Fieber wehret.
42Ein sanfter Schlaf beginnt schon in der zweyten NachtAuf Hüons Stirne sich zu senken.Mit liebevoller Treu' gepfleget und bewacht,Und reichlich angefrischt mit kühlenden Getränken,Fühlt er am vierten Tag so gut sich hergestellt,Um sich, so bald der Mond die laue Nacht erhellt,In einem Gärtnerwamms, womit man ihn versehen,Mit Scherasmin im Garten zu ergehen.
43Sie hatten in den Rosenbüschen,Nah an der Hütte, noch nicht manchen Gang gethan,So kommt die Amme (die, was neues aufzufischen,Sich oft dem Harem naht) mit einer Zeitung an,Die kräft'ger ist als irgend ein LaudanDes Kranken Blut und Nerven zu erfrischen:Es sey, versichert sie, beynahe zweifelsfreyDaß Rezia nicht fern von ihnen sey.
44Wo ist sie? wo? ruft Hüon mit EntzückenUnd Ungeduld, auffahrend—Hurtig! sprich!Wo sahst du sie?—Gesehn? erwiedert Fatme, ich?Das sagt' ich nicht; allein, ich lasse mich zerstückenWenn's nicht Amanda ist, die diesen Abend hierGelandet. Höret nur, was die Minute mirDie Jüdin Salome, die ebenVom innern Harem kam, für ganz gewiß gegeben.
45Kurz, sprach sie, vor der AbendzeitLieß auf dem hohen Meer sich eine Barke sehen;Sie flog daher mit Vogelsschnelligkeit,Die Segel schien ein frischer Wind zu blähen.Auf einmahl stürzt aus wolkenlosen HöhenZickzack ein feur'ger Strahl herab,Und mit dem ersten Stoß, den ihm ein Sturmwind gab,Sieht man das ganze Schiff in voller Flamme stehen.
46An Löschen denkt kein Mensch in solcher Noth.Das Feuer tobt. Vom fürchterlichsten TodUmschlungen, springt aus seinem FlammenrachenWer springen kann, und wirft sich in den Nachen.Der Wind macht bald sie von dem Schiffe los,Treibt sie dem Ufer zu; doch, eine ViertelstundeVom Strand, ergreift den Kahn ein neuer Wirbelstoß,Und stürzt ihn um, und alles geht zu Grunde.
47Die Leute schrey'n umsonst zu ihrem Mahom auf,Arbeiten, mit der angestrengten StärkeDer Todesangst, umsonst sich aus der Flut herauf:Nur eine einz'ge Frau, die sich zum AugenmerkeDer Himmel nahm, entrinnet der Gefahr,Wird auf den Wellen, wie auf einem Wagen,Ganz unversehrt, und unbenetzt sogar,Dem nahen Ufer zugetragen.
48Von ungefähr stand mit AlmansarisDer Sultan just auf einer der TerrassenDes Schlosses, die hinaus ins Meer sie sehen ließ,Erwartungsvoll den Ausgang abzupassen.Ein sanfter Zefyr schien die Frau herbey zu wehn.Doch, um sich nicht zu viel auf Wunder zu verlassen,Winkt itzt Almansaris, und hundert Sklaven gehnBis an den Hals ins Meer, der Schönen beyzustehn.
49Man sagt, der Sultan selbst sey an den Strand gekommen,Und habe sie, von einem Idschoglan,Der aus dem strudelnden Schaum bis zur Terraß' hinanSie auf dem Rücken trug, selbst in Empfang genommen.Man konnte zwar nicht hören was er sprach,Doch schien er ihr viel höfliches zu sagen,Und, weil's an Zeit und Freyheit ihm gebrach,Sein Herz ihr, wenigstens durch Blicke, anzutragen.
50Wie dem auch sey, dieß ist gewiß,(Fährt Fatme fort) daß sich AlmansarisDer schönen Schwimmerin gar freundlich und gewogenBewiesen hat, und ihr viel schönes vorgelogen,Wiewohl der Fremden seltner ReitzIhr gleich beym ersten Blick Almansors Herz entzogen;Und daß sie ein Gemach bereitsIm Sommerhaus der Königin bezogen.
51Angst, Freude, Lieb' und Schmerz, mahlt, während Fatme spricht,Sich wechselsweis' in Hüons Angesicht.Daß es Amanda sey, scheint ihm, je mehr er denket,Je minder zweifelhaft. Es zeigt sich sonnenklar,Daß Oberon, wiewohl noch unsichtbar,Die Zügel seines Schicksals wieder lenket.Wohlan denn, Freunde, rathet nun,Was meinet ihr? was ist nunmehr zu thun?
52Dem Sultan mit Gewalt Amanden zu entreißen,Das würde Roland selbst nicht wagen gut zu heißen,Erwiedert Scherasmin; wiewohl es rathsam ist,Uns insgeheim, auf alles was geschehenUnd nicht geschehen kann, mit Waffen zu versehen.Doch vor der Hand versuchen wir's mit List!Wie, wenn ihr, da ihr euch doch nicht des Grabens schämet,Bey Ibrahim als Gärtner Dienste nähmet?
53Gesetzt, er macht auch Anfangs Schwierigkeit,Er sieht euch schärfer an, und schütteltSein weises Haupt; mir ist dafür nicht leid:Ein schöner Diamant hat manches schon vermittelt.Laßt diese Sorge mir, Herr Ritter! Zwischen heutUnd morgen sehn wir euch, trotz aller Schwierigkeit,Zu einem Gärtnerschurz betitelt;Das weit're überlaßt dem Himmel und der Zeit.
54Der Vorschlag däucht dem Ritter wohl ersonnen,Und wird nun ungesäumt und klüglich ausgeführt.Der alte Ibrahim ist bald so gut gewonnen,Daß er den Paladin zum Neffen adoptiert,Zu seinem Schwestersohn, der von Damask gekommen,Und in der Blumenzucht besonders viel gethan;Kurz, Hüon wird zum Gärtner angenommen,Und tritt sein neues Amt mit vielem Anstand an.
Eilfter Gesang.
1Die Hoffnung, die ihr schimmerndes GefiederUm Hüon wieder schwingt, Sie, die er einzig liebt,Bald wieder sein zu sehn, die goldne Hoffnung giebtIhm bald den ganzen Glanz der schönsten Jugend wieder.Schon der Gedanke bloß, daß sie so nah ihm ist,Daß dieses Lüftchen, das ihn kühlet,Vielleicht Amandens Wange kaum geküßt,Vielleicht um ihre Lippen kaum gespielet;
2Daß diese Blumen, die er brichtUnd mahlerisch in Kränz' und Sträuße flicht,Um in den Harem sie, wie üblich ist, zu schicken,Vielleicht Amandens Locken schmücken,Ihr schönes Leben vielleicht an ihrer lieblichen BrustVerduften,—der Gedank' erfüllt ihn mit Entzücken;Das schöne Roth der Sehnsucht und der LustFärbt wieder seine Wang' und strahlt aus seinen Blicken.
3Die heiße Tageszeit vertritt das Amt der NachtIn diesem Land, und wird verschlummert und verträumet.Allein, so bald der Abendwind erwacht,Fragt Hüon, den die Liebe munter macht,Schon alle Schatten an, wo seine Holde säumet?Er weiß, die Nacht wird hier mit Wachen zugebracht;Doch darf sich in den Gärten und TerrassenNach Sonnenuntergang nichts männlichs sehen lassen.
4Die Damen pflegen dann, beym sanften MondesglanzBald paarweis', bald in kleinen Rotten,Die blühenden Alleen zu durchtrotten;Und ziert die Fürstin selbst den schönen Nymfenkranz,Dann kürzt Gesang und Saitenspiel und TanzDie träge Nacht; drauf folgt in stillen GrottenEin Bad, zu dem Almansor selbst (so scharfGilt hier des Wohlstands Pflicht) sich niemahls nähern darf.
5Amanden (die, wie unser Ritter glaubte,Im Harem war) zu sehn, blieb keine Möglichkeit,Wofern er nicht sich um die Dämm'rungszeitIm Garten länger säumt als das Gesetz erlaubte.Er hatte dreymahl schon die unruhvollste NachtIn einem Busch an dem vorbey zu gehenWer aus dem Harem kam genöthigt war, durchwacht,Gelauscht, geguckt, und ach! Amanden nicht gesehen!
6Fußfällig angefleht von Fatme, IbrahimUnd Scherasmin, ihr und sein eignes LebenSo offenbar nicht in Gefahr zu geben,Wollt' er, wiewohl der Sonnenwagen ihmZu schnell hinab gerollt, am vierten Abend (ebenZur höchsten Zeit) sich noch hinweg begeben,Als plötzlich, wie er sich um eine Hecke dreht,Almansaris ganz nahe vor ihm steht.
7Sie kam, gelehnt an ihrer Nymfen eine,Um, lechzend von des Tages strengem Brand,Im frischen Duft der PomeranzenhaineSich zu ergehn. Ein leichtes Nachtgewand,So zart als hätten Spinnen es gewebet,Umschattet ihren Leib, und nur ein goldnes BandSchließt's um den Busen zu, der durch die dünne WandMit schöner Ungeduld sich durchzubrechen strebet.
8Nie wird die Bildnerin NaturEin göttlicher Modell zu einer Venus bauenAls diesen Leib. Sein reitzender KonturFloß wellenhaft, dem feinsten Auge nurBemerklich, zwischen dem GenauenUnd Überflüssigen, so weich, so lieblich hin,Schwer war's dem kältsten Josefssinn,Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!
9Es war in jedem Theil, was je die FantasieDer Alkamenen und LysippenSich als das Schönste dacht' und ihren Bildern lieh;Es war Helenens Brust, und Atalantens Knie,Und Leda's Arm, und Erigonens Lippen.Doch bis zu jenem Reitz erhob die Kunst sich nie,Der stets, so bald dazu die Lust in ihr erwachte,Sie zur Besiegerin von allen Herzen machte.
10Der Geist der Wollust schien alsdannMit ihrem Athem sich den Lüften mitzutheilen,Die um sie säuselten. Von Amors schärfsten PfeilenSind ihre Augen voll, und wehe dann dem Mann,Der mit ihr kämpfen will! Denn, könnt' er auch entgehenDem feurig schmachtenden Blick, der ihn so lieblich kirrt,Wie wird er diesem Mund voll Lockungen, wie wirdEr seinem Lächeln widerstehen?
11Wie dem Sirenenton der zauberischen Stimme,Der des Gefühls geheimste Saiten regt?Der in der Seele Schooß die süße Täuschung trägt,Als ob sie schon in Wollustseufzern schwimme?Und wenn nun, eh' vielleicht die Weisheit sich's versah,Verräth'risch jeder Sinn, zu ihrem Sieg vereinigt,Den letzten Augenblick der Trunkenheit beschleunigt:O sagt, wer wäre dann nicht seinem Falle nah?
12Doch, ruhig! Fern ist noch und ungewiß vielleichtDer Schiffbruch, der uns itzt fast unvermeidlich däucht.Zu fliehen—sonst auf alle FälleDas klügste—ging in diesem AugenblickNicht an—sie war zu nah—wiewohl an Hüons StelleEin wahrer Gärtner doch geflohen wär'. Zum Glück,Hilft, falls sie fragt, ein Korb mit Blumen und mit Früchten,Den er im Arme trägt, ihm eine Antwort dichten.
13Natürlich stutzt die schöne Königin,In ihrem Wege hier auf einen Mann zu treffen.Was machst du hier? fragt sie den PaladinMit einem Blick, der jedem andern NeffenDes alten Gärtners tödtlich war.Doch Hüon, unterm Schirm gesenkter Augenlieder,Läßt auf die Kniee sich mit edler Ehrfurcht nieder,Und stellt den Blumenkorb ihr als ein Opfer dar.
14Er hatte, (spricht er) bloß es ihr zu überreichen,Die Zeit versäumt, die allen seines gleichenDie Gärten schließt. Hat er zu viel gethan,So mag sein Kopf den raschen Eifer büßen.Allein die Göttin scheint in einen mildern PlanVertieft, indeß zu ihren FüßenDer schöne Frevler liegt. Sie sieht ihn gütig an,Und scheint mit Mühe sich zum Fortgehn zu entschließen.
15Den schönsten Jüngling, den sie jemahls sah—und schönWie Helden sind, mit Kraft und Würde—fremdeDer Farbe nach—in einem Gärtnerhemde—Dieß schien ihr nicht natürlich zuzugehn.Gern hätte sie mit ihm sich näher eingelassen,Hielt' nicht der strenge Zwang des Wohlstands sie zurück.Sie winkt ihm endlich weg; doch scheint ein Seitenblick,Der ihn begleitet, viel, sehr viel in sich zu fassen.
16Sie schreitet langsam fort, stillschweigend, dreht sogarDen schönen Hals, ihm hinten nachzusehen,Und zürnt, daß er dem Wink so schnell gehorsam war.War er, den Blick, der ihn erklärte, zu verstehen,Zu blöde? Fehlt's vielleicht der reitzenden GestaltAn Seele? Trügt das ungeduld'ge FeuerIn seinem Auge? Macht Gefahr ihn kalt?Wie, oder sucht' er hier ein andres Abenteuer?
17Ein andres?—Dieser Zweifel hülltIhr plötzlich auf, was sie sich selber zu gestehenErröthet. Unruhvoll, verfolgt von Hüons Bild,Irrt sie die ganze Nacht durch Lauben und Alleen,Horcht. Jedem Lüftchen das sich regtEntgegen, jedem Blatt, das an ein andres schlägt:Still! spricht sie zur Vertrauten, laß uns lauschen!Mir däucht, ich hörte was durch jene Hecke rauschen.
18Es ist vielleicht der schöne Gärtner, sprichtDie schlaue Zof': er ist, wofern mich alles nichtAn ihm betrügt, der Mann sein Leben dran zu setzen,Um hier, im Hinterhalt, an einen Busch gedrückt,Mit einem Anblick sich noch einmahl zu ergetzen,Der ihn ins Paradies verzückt.Wie wenn wir ihn ganz leise überraschten,Und auf der frischen That den schönen Frevler haschten?
19Schweig, Närrin, spricht die Haremskönigin;Du faselst, glaub' ich, gar im Traume?Und gleichwohl richtet sie geraden Wegs zum Baume,Woher das Rauschen kam, die leichten Schritte hin.Es war ein Eidechs nur gewesen,Der durchs Gesträuch geschlüpft.—Ein Seufzer, halb erstickt,Halb in den Strauß, den sie zum Munde hielt, gedrückt,Bekräftigt was Nadin' in ihrem Blick gelesen.
20Unmuthig kehrt sie um, und mit sich selbst in Zwist,Beißt sich die Lippen, seufzt, spricht etwas, und vergißtBeym dritten Wort schon was sie sagen wollte,Zürnt, daß Nadine nicht die rechte Antwort giebt,Und nicht erräth, was sie errathen sollte;Die schöne Dame ist, mit Einem Wort—verliebt!Sogar ihr Blumenstrauß erfährt's—wird, ohn' ihr Wissen,Zerknickt, und, Blatt für Blatt, verzettelt und zerrissen.
21Drey Tage hatte nun das Übel schon gewährt,Und war, durch Zwang und Widerstand genährt,Mit jeder Nacht, mit jedem Morgen schlimmerGeworden. Denn, so bald der AbendschimmerDie bunten Fenster mahlt, verläßt sie ihre Zimmer,Und streicht, nach Nymfen-Art, mit halb entbundnem Haar,Durch alle Gartengäng' und Felder, wo nur immerDen Neffen Ibrahims zu finden möglich war.
22Allein, vergebens lauscht' ihr Blick, vergebens pochteIhr Busen Ungeduld: der schöne Gärtner ließSich nicht mehr sehn, was auch die Ursach' heißen mochte.Unglückliche Almansaris!Dein Stolz erliegt. Wozu dich selbst noch länger quälen,(Denkt sie) und was dich nagt Nadinen, die gewißEs lange merkt, aus Eigensinn verhehlen?Verheimlichung heilt keinen Schlangenbiß.
23Sie wähnt, sie suche Trost an einer Freundin Busen;Doch was sie nöthig hat ist eine Schmeichlerin.In dieser Hofkunst war Nadine Meisterin.Der Saft von allen PompelmusenIn Afrika erfrischte nicht so gutDer wollustathmenden Sultanin gährend Blut,Als dieser Freundin Rath und zärtliches Bemühen,Den Mann, den sie begehrt, bald in ihr Netz zu ziehen.
24Um Mitternacht und bey verschloßnen ThürenIhn in den Theil des Harems einzuführenWorin Almansaris ganz unumschränkt befahl,Schien nicht so schwierig, seit der Sultan, ihr Gemahl,Der Leidenschaft zur schönen Zoradinen(Wie sich die junge Fremde hießDie durch ein Wunder jüngst an diesem Strand erschienen)Ganz öffentlich und frey sich überließ.
25Die Amme hatte sich im Schließen nicht betrogen;Es war Amanda selbst, die aus der Räuber MachtTitania durch einen Blitz gezogenUnd unverletzt an diesen Strand gebracht.Ihr wißt, was sich begab als sie ans Land gekommen;Wie ihr Almansor stracks sein flüchtig Herz geweiht,Und wie mit neidischer verstellter ZärtlichkeitAlmansaris sie aufgenommen.
26Der Sultan war vielleicht der allerschönste MannAuf den die Sonne je geschienen,Und wußte dessen sich so siegreich zu bedienen,Daß ihm noch nie ein weiblich Herz entrann.Zum ersten Mahl bey dieser ZoradinenVerlor er seinen Ruhm. Für Sie ist nur Ein MannAuf Erden; Sie hat keine Augen, keinenGedanken, keinen Sinn, als nur für diesen Einen.
27Die Würde ohne Stolz, die edle Sicherheit,Die anstandvolle, unterstellteGleichgültigkeit und ungezwungne Kälte,Womit sie ihn, der hier befehlen kann, so weitVon sich zu halten weiß, daß er, wie sehr er brennet,Ihr kaum durch einen stummen BlickZu klagen wagt,—dieß alles sieht und nennetAlmansaris der Buhlkunst Meisterstück.
28Gewohnt, des Sultans Herz nach ihrer Lust zu drehen,Zu herrschen über ihn, im Harem unbeschränktZu herrschen, könnte sie den Zepter ungekränktVon dieser Fremden aus der Hand sich spielen sehen?Zwar leiht sie ihrem Haß ein lächelndes Gesicht,Und thut als zweifle sie an Zoradinen nicht;Doch überall ist's in des Harems MauernVerborgner Augen voll, die all ihr Thun belauern.
29Allein, seitdem des schönen Gärtners ReitzMit Amors schärfstem Pfeil ihr stolzes Herz durchdrungen,Hat Lustbegier die Eifersucht verschlungen.Ihr Ehrgeitz weicht nun einem süßern Geitz,Dem Geitz nach seinem Kuß. Ihn wieder zu besiegenIst nun ihr einz'ger Stolz. Mag doch die ganze WeltZu Zoradinens Füßen liegen,Wenn Sie nur den sie liebt in ihren Armen hält!
30Sie selbst befördert nun den Anschlag—Zoradinen,Entfernt von ihr, in einem andern TheilDes Harems, den Almansor schon in Eil'Für sie bereiten ließ, anständ'ger zu bedienen:Der Fremden wahrer Stand, wiewohl sie ihn noch nichtGestanden, mache dieß zu einer Art von Pflicht;Beym ersten Anblick könn' es keinem Aug' entgehen,Sie sey gewohnt nichts über sich zu sehen.
31Indem Almansaris, mit lust'ger Höflichkeit,Auf diese Weise sich in ihren eignen ZimmernVon einer Zeugin, die ihr lästig ist, befreyt,Läßt, ohne sich um sie, und wie sie sich die ZeitVertreiben kann und will, im mindesten zu kümmern,Almansor, der nun ganz sich seiner Liebe weiht,Ihr freyen Raum, Entwürfe auszubrüten,Wozu im Harem ihr sich hundert Hände bieten.
32Unmäßig grämt indeß der schöne Gärtner sich,Daß ihm—der schon seit mehr als sieben TagenDie Mauern, wo Amanda trau'rt, umschlich,(Denn daß sie trau'rt, das kann sein eignes Herz ihm sagen)Das holde Weib auch durch ein Gitter nurZu sehn, nur ihres leichten Fußes Spur,(Er würd' ihn, o gewiß! aus tausenden erkennen!)Die unmitleidigen Gestirne noch mißgönnen.
33Er wirft sich unmuthsvoll bey seinen Freunden hin:"Könnt ihr, wenn ihr mich liebt, denn keinen Weg ersinnen,Nur einen einz'gen Mund im Harem zu gewinnen,Der meinen Nahmen nur und daß ich nah ihr binIns Ohr ihr flüstre?"—Still! da kommt mir was zu Sinn,Ruft Fatme aus: Ihr sollt ihr einen Mahneh schicken!Geht nur, die Blumen, die uns nöthig sind, zu pflücken;In dieser Sprache bin ich eine Meisterin.
34Und Hassan eilt, wie Fatme ihm befohlen,Ein Myrtenreis, und Lilien, und Schasmin,Und Rosen und Schonkilien herzuhohlen.Drauf heißt sie ihn ein Haar aus seinen Locken ziehn,Nimmt dünnen goldnen Draht, und windetUnd dreht das Haar mit ihm zusammen, bindetDen Strauß damit, und drein ein Lorberblatt,Worauf er A und H, verschränkt, gekritzelt hat.
35Nun, spricht sie, wenn ich's noch mit Zimmetwasser netze,So ist's der schönste Brief, den je ein HerzensdiebVon eurer Art an seine Liebste schrieb.Wollt ihr, daß ich's geschwind euch übersetze?Verliere keine Zeit, ruft Hüon, tausend Dank!Du kannst nicht bald genug mir eine Antwort bringen;Die Liebe schütze dich und laß' es dir gelingen!Geh, wir erwarten dich auf dieser Rasenbank.
36Die gute Fatme ging. Allein, weil ihr kein ZimmerIm innern Theil des Harems offen stand,So lief der Strauß durch manche Sklavenhand,Und ward zuletzt (wie sich der Zufall immerIn alles ungebeten mischt)Durch einen Irrthum von Nadinen aufgefischt,Und ihrer Königin, nachdem sie erst durch FragenDas Wie und Wann erforscht, frohlockend zugetragen.
37Weil Fatme diesen Brief gebracht,Die Sklavin Ibrahims, so konnte der VerdachtAuf keinen andern als den schönen Hassan fallen;Und daß er aus des Harems Schönen allenDer Schönsten gelten muß, scheint eben so gewiß,Zumahl nach dem was jüngst sich zugetragen.Was könnte denn das A und H sonst sagen,Als—Hassan und Almansaris?
38Und hätte sie, wiewohl es nicht zu glauben,Auch eine Nebenbuhlerin;Nur desto mehr Triumf für ihren stolzen Sinn,Der Feindin mit Gewalt die Beute wegzurauben!Die Eifersucht, die dieß auf einmahl rege macht,Vereinigt sich mit andern sanftern Trieben,Nicht länger als bis auf die nächste NachtDen schönen Sieg, nach dem sie dürstet, zu verschieben.
39Indessen kommt, entzückt von ihres Auftrags Glück,Und ohne Argwohn, hintergangenZu seyn, fast athemlos, mit glühend rothen WangenVor Freud' und Hastigkeit, die Amme nun zurück.Ihr Blick ist schon von fern als wie ein SonnenblickAus Wolken, die sich just zu theilen angefangen.Herr Ritter (raunt sie ihm ins Ohr) was gebt ihr mir,So öffnet heute noch sich euch die Himmelsthür?
40Mit Einem Wort, ihr sollt Amanden sehen!Noch heut, um Mitternacht, wird euch die kleine ThürIns Myrtenwäldchen offen stehen:Der Sklavin, die euch dort erwartet, folget ihrGetrost wohin sie geht, und fürchtet keine Schlingen;Sie wird euch unversehrt an Ort und Stelle bringen.Das gute Weib, dem nichts von Arglist schwant,Verläßt sich auf den Weg, den sie ihm selbst gebahnt.
41"Wie hoch, o Fatme! bin ich dir verbunden!Ruft Hüon aus—Ich soll sie wiedersehn!Noch diese Nacht! Und wär's, durch tausend WundenUnmittelbar von Ihr in meinen Tod zu gehn,Kaum würde weniger die Nachricht mich erfreuen!"Mein bester Herr, ich habe guten Muth;Die Sterne sind uns hold, ihr werdet sie befreyen,(Spricht Scherasmin) und alles wird noch gut!
42Gebt mir drey Tage nur, um heimlich eine PinkeZu miethen, die nicht fern in einer sichern BuchtVor Anker liegen soll, bereit, beym ersten Winke,So bald der Augenblick zur FluchtUns günstig wird, frisch in die See zu stechen.Noch läßt's das Kästchen uns an Mitteln nicht gebrechen;Nur Gold genug, so ist die Welt zu Kauf;Ein goldner Schlüssel, Herr, schließt alle Schlösser auf!
43Indeß daß unser Held die Zeit von seinem GlückeMit Ungeduld an seinem Pulse zählt,Und, weil sein Puls mit jedem AugenblickeBehender schlägt, sich immer überzählt,Seufzt, nicht geduldiger, die reitzende Sultane,Gerüstet schon zum Sieg, die Mitternacht herbey.Gefällig bot der Zufall ihrem PlaneDie Hand, und machte sie von allen Seiten frey.
44Ein großes Fest, der schönen ZoradinenZu Ehren im Palast vom Sultan angestellt,Wobey die Odalisken all' erschienen,Gab ihr in ihrem Theil des Harems offnes Feld.Daß sich Almansaris für überflüssig hältBey dieser Lustbarkeit, schien keinem ungebührlich:Im Gegentheil, man fand das Kopfweh sehr natürlich,Das, wie gebeten, sie auf einmahl überfällt.
45Die Stunde ruft. Der schöne Gärtner nahetSich leise durchs Gebüsch der kleinen Gartenthür.Wie klopft sein Herz! Ihm fehlt der Athem schier,Da eine weiche Hand im Dunkeln ihn empfahet,Und sanft ihn nach sich zieht. Stillschweigend folgt er ihr,Mit leisem Tritt, bald auf bald ab, durch engeSich oft durchkreuzende lichtarme Bogengänge,Und nun entschlüpft sie ihm vor einer neuen Thür.
46Wo sind wir? flüstert er und tappt mit beiden Händen.Auf einmahl öffnet sich die Thür. Ein matter Schein(Wie wenn sich, zwischen MyrtenwändenMit Efeu überwölbt, in einem FrühlingshainDer Tag verliert) entdeckt ihm eine Reihe ZimmerDie ohne Ende scheint; und, wie er vorwärts geht,Wird unvermerkt das matte Licht zu Schimmer,Der Schimmer schnell zum höchsten Glanz erhöht.
47Er steht betroffen und geblendetVon einer Pracht, die alles, was er ieGesehn, beschämt; so sehr ist Gold und Lapis Lazuli,Und was Golkond und Siam reiches sendet,Mit stolzer Üppigkeit hier überall verschwendet.Doch unbefriedigt sucht sein liebend Auge—Sie.Wo ist Sie? seufzt er laut. Kaum ist sein Ach! entflogen,So wird, in einem Blitz, ein Vorhang weggezogen.
48Zu beiden Seiten rauscht der reiche Goldstoff auf,Und welch ein Schauspiel zeigt sich seinen starren Blicken!Ein goldner Thron, und eine Dame drauf,So wie ein Bildner sich, verloren in Entzücken,Die Liebesgöttin denkt. Zwölf Nymfen, jede jungUnd voller Reitz, wie Amors Schwestern, schwebenIn Gruppen rings umher,—um, gleich der Dämmerung,Den steigenden Triumf der Sonne zu erheben.
49Von rosenfarbner Seide kaumBeschattet, schienen sie, zu ihrer Dame Füßen,Wie Wölkchen, die in einem DichtertraumUm Cythereens Wagen fließen.Sie selbst, im reichsten Putz und mit Juwelen ganzBelastet, zeigt ihm bloß, daß all dieß bunte FunkelnNicht fähig ist, den angebornen GlanzVon ihrer Schönheit zu verdunkeln.
50Herr Hüon, (der sich nun der Gärtner Hassan nennt)So wie sein Auge sich zu ihr erhebt—erkenntAlmansaris, erschrickt, verwirrt sich, wankt zurücke.Dieß allverblendende wollüst'ge Traumgesicht,Was soll es ihm?—Er sieht Amanden nicht!Sie suchte hier sein Herz, Sie suchten seine Blicke.Almansaris, die sehr verzeihlich irrt,Glaubt, daß ihr Glanz allein ihn blendet und verwirrt.
51Sie steigt vom Thron herab, kommt lächelnd ihm entgegenUnd nimmt ihn bey der Hand, und scheint bereit, für ihnDie Majestät, vor der ihm schwindelt, abzulegen,Und allen Vortheil bloß von ihrem Reitz zu ziehn.Unmerklich wird ihr Anstand immer freyer;In ihren Augen brennt ein lieblich lodernd FeuerUnd spielt elektrisch sich in seinen Busen ein;Sie drückt ihm sanft die Hand, und heißt ihn fröhlich seyn.
52Halb unentschlossen scheint sein Blick ihr was zu sagen:Sie winkt die Nymfen weg, und weg ist auch sein Muth;Er scheint zu furchtsam nur die Augen aufzuschlagen.Die Scene ändert sich. Ein zweyter Vorhang thutSich auf. Almansaris führt ihren blöden HirtenIn einen andern Sahl, wo rings umher die WandBekleidet war mit Rosen und mit Myrten,Und mit Erfrischungen ein Tisch beladen stand.
53Beym Eintritt werden sie mit Sang und Klang empfangen,Aus Saiten und Gesang ertönt der Freude Geist;Und Hassan setzt, wie ihm's die Dame heißt,Ihr gegenüber sich. Erröthendes VerlangenUnd schöne Ungeduld bekennet, furchtsam dreist,In ihrem schwimmenden Blick, auf ihren glühenden Wangen,Ihm seinen Sieg: allein, aus seinen Augen brichtWie aus Gewölk ein traurig düstres Licht.
54Zwar irrt, nicht blöde mehr, sein Blick von freyen StückenAuf ihren Reitzungen umher;Doch nicht aus Liebe, nicht mit schmachtendem Entzücken,Nicht, wie sie wünscht, vom Thau wollüst'ger Thränen schwer.Er ist zerstreut, er scheint sie zu vergleichen,Und jeder Reitz, der ihm nachstehend sich enthüllt,Mahlt nur lebendiger Amandens edles Bild,Und muß, beschämt, dem keuschen Reitze weichen.
55Vergebens reicht sie ihm den blinkenden BokalMit einem Blick, der Amors ganzen KöcherIn seinen Busen schießt. Beym frohsten GöttermahlReicht ihrem Herkules den vollen NektarbecherMit süßerm Lächeln selbst die junge Hebe nicht.Umsonst! Mit frostigem GesichtNimmt er den Becher an, den kaum ihr Mund berührte,Und trinkt, als ob er Gift auf seiner Zunge spürte.
56Die Dame winkt; und schnell schlingt sich die SchwesterschaarDer Nymfen, die vorhin den goldnen Thron umgaben,In einen Tanz, der Todte auf der Bahr'Mit neuen Seelen zu begaben,Und Geister zu verkörpern fähig war.In Gruppen bald verweht, bald wieder Paar und Paar,Sieht Hüon hier die lieblichsten GestaltenIn tausendfachem Licht freigebig sich entfalten.
57Vielleicht zu deutlich nur, scheint alles abgezieltBegierden ihm und Ahnungen zu geben:Er fühl' es immerhin, denkt sie, wenn er nur fühlt,Wie reich das Schauspiel ist das hier die Schönheit spielt!Wie reitzend ist der Arme leichtes Schweben,Der Hüften üppiger Schwung, der Knöchel wirbelnd Beben!Wie schmachtend fallen sie, mit halb geschloßnem Blick,Als wie in süßen Tod itzt stufenweise zurück!
58Unwillig fühlt die überraschten SinnenDer edle Mann in dieser Gluth zerrinnen.Er schließt zuletzt die Augen mit Gewalt,Und ruft Amandens Bild zum mächt'gen Gegenhalt;Amandens Bild, aus jener ernsten Stunde,Als er, den Druck noch warm auf seinem MundeVon ihrem Kuß, zu Dem, der die NaturErfüllt und trägt, den Eid der Lieb' und Treue schwur.
59Er schwöret ihn, aufs neue, in GedankenAuf seinen Knie'n vor diesem heil'gen Bild:Und plötzlich ist's als hielt' ein Engel seinen SchildVor seine Brust, so matt und kraftlos sankenDer Wollust Pfeile von ihr ab.Almansaris, die Acht auf alles gabWas ihr sein Blick verrieth, klopft schnell in ihre Hände,Und macht in einem Wink dem üpp'gen Tanz ein Ende.
60Und ob sie gleich mit Müh kaum über sich gewann,Dem marmorharten jungen MannIn ihren Armen nicht Empfindung abzuzwingen,Versucht sie doch noch eins, das schwerlich fehlen kann:Sie läßt sich ihre Laute bringen.Auf ihrem Polstersitz mit Reitz zurück gelehnt,Und, zum Bezaubern fast, durch ihre Gluth verschönt,Was wird ihr durch die Gunst der Musen nicht gelingen?
61Wie rasch durchläuft in lieblichem GewühlDer Rosenfinger Flug die seelenvollen Saiten!Wie reitzend ist dabey aus ihrem offnen weitenRückfallenden Gewand der schönen Arme Spiel!Und, da aus einer Brust, die Weise zu bethörenVermögend war, das mächtige GefühlSich in Gesang ergießt, wie kann er sich erwehrenAuf seinen Knie'n die Göttin zu verehren?
62Süß war die Melodie, bedeutungsvoll der Sinn.Es war das Lied von einer Schäferin,Die lange schon ein Feu'r, das keine Rast ihr gönnet,Verbarg—doch nun dem allgewalt'gen DrangNicht länger widersteht, und dem, der sie bezwang,Erröthend ihre Pein und seinen Sieg bekennet.Das Lied stand zwar im Buch; allein, so wie sie sang,Singt keine, die nicht selbst in gleichen Flammen brennet.
63Hier weicht die stolze Kunst der siegenden Natur;So lieblich girrt der Venus Taube nur!Die Sprache des Gefühls, so mächtig ausgesprochen,Der schönen Töne klarer FlußDurch kleine Seufzerchen so häufig unterbrochen,Der Wangen höhers Roth, des Busens schnellers Pochen,Kurz, alles ist vollströmender ErgußDer Leidenschaften, die in ihrem Innern kochen.
64Im Übermaß von dem was sie empfandFällt ihr zuletzt die Laute aus der Hand.Die Arme öffnen sich—Doch, Hüon, dem es graute,Greift eilends noch im Fallen nach der LauteWie ein Begeisterter, und stimmt mit mächt'gem TonDie Antwort an, gesteht, daß eine andre schonSein Herz besitzt, und daß im Himmel und auf ErdenIhn nichts bewegen kann ihr ungetreu zu werden.
65Fest war sein Ton, und unbestechlich strengSein edler Blick. Die Zaubrerin, wider Willen,Fühlt seine Obermacht. Sie blaßt, und Thränen füllenIhr zürnend Aug'; die Lust kommt ins GedrängMit ihrem Stolz. Sie eilt sich zu verhüllen;Verhaßt ist ihr das Licht, der weite Sahl zu eng:Mit einem kalten Blick auf ihrenRebellen, winket sie, ihn schleunig abzuführen
66Die Gipfel glänzten schon im ersten Purpurlichte,Als unser Held, die Stirn in finstern GramGehüllt, zurück zu seinen Freunden kam.Erschrocken lasen sie in seinem AngesichteBeym ersten Blick die Hälfte der Geschichte.Unglückliche, spricht er zu Fatmen, die vor SchamZur Erde sinkt, wohin war dir dein Sinn entflogen?Doch—dir verzeih' ich gern—du wurdest selbst betrogen.
67Und als er drauf, was ihm in dieser NachtBegegnet war, erzählt, faßt er den guten AltenVorn an der Brust, und schwört: ihn soll die ganze MachtVon Afrika nicht länger halten,Mit Schwert und Schild, wie einem RittersmannGeziemt, in den Palast zu dringen,Und seine Rezia dem Sultan abzuzwingen.Du siehst nun, spricht er, selbst, was ich mit List gewann!
68Zu seinen Füßen fleht ihm Scherasmin, und langeVergebens, nur drey Tage noch dem ZwangeDer nöthigen VerborgenheitSich in Geduld zu untergeben,Und nicht durch einen Schritt, den selbst die TapferkeitVerzweifelt nennt, sein und Amandens LebenZu wagen; bittet nur um diese kurze Zeit,Um jedes Hinderniß von seiner Flucht zu heben.
69Auch Fatme fleht auf ihren Knieen, strecktIhr Haupt der Rache dar, wofern sie zu AmandenIhm binnen dieser Frist den Zugang nicht entdeckt.Sie schwört, zum zweyten Mahl soll kein Betrug zu SchandenSie machen—Kurz, der Ritter selber fühlt,Daß ihm sein Unmuth nicht den besten Weg empfiehlt:Er giebt sein Wort, und kehret in den GartenZurück, um seines Diensts und des Erfolgs zu warten.
Zwölfter Gesang.
1Indessen sucht auf Polstern von DamastAlmansaris, mit Amors wildstem FeuerIn ihrer Brust, umsonst nur eine Stunde Rast.Ist's möglich, oder hat das schnöde AbenteuerDer letzten Nacht ihr nur geträumt? Ein MannVerachtet dich, Almansaris? Er kannDich sehen und für eine andre brennen,Kann dich verschmähn, und darf es dir bekennen?
2Zur Wuth treibt der Gedanke sie;Sie schwört sich grenzenlose Rache.Wie häßlich wird er ihr! Ein Ungeheu'r, ein DracheIst lieblicher, als ihre FantasieDen Undankbaren mahlt—Wie lang'?—In zwo MinutenIst sie des vorigen sich schon nicht mehr bewußt:Bald soll er tropfenweis' im Staub vor ihr verbluten,Bald drückt sie ihn entzückt an ihre Brust.
3Nun steht er wieder da in seiner ganzen Schöne,Der erste aller Erdensöhne,Ein Held, ein Gott!—Unmöglich ist er nurDer Neffe Ibrahims; in seinem ganzen Wesen,In seinem Ton und Anstand ist die SpurVon dem, was er umsonst verbergen will, zu lesen;Wo ist der Stempel der Natur,Der einen König macht, sichtbarer je gewesen?