Nachwort.

Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens geschaffen zu haben, bleibt mir doch.

Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.

Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und getanzt und ich bin gebetenworden, zu improvisieren. Die Italiener lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der Augenblick gebiert.

Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.

Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde — wozu wir auch die Lehrer rechnen — sind, dem Fortschritte und dem Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig. Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann, und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.

Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören, daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehrgefallen. Er vertraute mir an, daß er den Auftrag habe, — er sagte mir nicht, von wem, — eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten. Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren Gedanken zu.

Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir; man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas wahrhaft Schönes zustande zu bringen.

Wir — Dr. Kolb und ich — werden uns oft treffen, denn ich soll mehr als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und wohl auch in der Residenz genießen.

So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich leben wird.

Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.” —

Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als ichin meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden. Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.

So endete unsere Reise.

Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie anstellen wollte.

Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich hier folgen.

In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin,mich mit den Frauen und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: “Miß Lydia West aus Boston.” — Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war, gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.

Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht, als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand entgegenstreckte, sagte sie: “Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen, deine Wißbegierde zu befriedigen.” Ich dankte lächelnd und wandte mich anderen Frauen zu.

Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: “Erlaube jetzt, daß ich dich entführe nach jenem Hain.” — Sie rief einen Knaben, der in der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf. Lydia verabschiedetesich von mir und rief mir zu, daß wir beim Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht heimkehren wollten.

Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: “Sage mir, Schwester Ellen, ist dir mein Name bekannt?” Ich antwortete mit einem ehrlichen nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, ob Peterchen seiner “Mama” folge. “So ist dein Bruder doch verschwiegen.” — “Hast du ihn näher gekannt?” — “Gewiß, und was er pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.”

Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen, welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. “Innerhalb dieser Grenzen aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen Gesetzebetreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes. So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern, den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.”

“Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen, eine Beziehung zu dem Frauenleben?”

“Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.”

Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.

Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: “Bist du denn verheirathet?”

“Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.”

Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er mir keinen Namen genannt.

“Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat ersich auch der Gunst berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?”

“Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.”

“Nun,” sagte Giulietta, “mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen, denn es ist nurmeinGeheimniß. Höre.”

“An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer, welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte, bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in Betrachtung, ließ mich vom Wassertragen und legte meine Wange auf die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war, um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse, wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach. Obwohl er nun nureinBein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen,daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht, seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde — und doch, da ich sagte: “Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit wählen,” riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn nicht mehr bringen.”

“Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian ruderte mich ans Land.”

“Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.”

“An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste Mal in den Armen eines Mannes!”

“Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen genossen.”

“Eine Woche später trafen wir hier zusammen. — Ich hatte mich von meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen, ihm wieder anzugehören.”

Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, denSchlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr sie fort.

“In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal zurechtweisen.”

“Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus dem Garten holen solle.”

“Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege. Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen, bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine Armeund bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen, ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.”

“Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich, gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.”

“Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine Schwäche.”

“Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?”

“Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ichhabe deinen Bruder großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte. Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.”

“Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?”

“Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und war zweimal um das Glück betrogen worden.”

“Und hast du dich wirklich wiedergefunden?”

“Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell. Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.” — Giulietta wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht, einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. “Dr. Kolb nennt das einen antiseptischen Verband,” sagte Giulietta lachend.

Es war mittlerweile dunkel geworden und alsGiulietta Licht gemacht hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich, da mir Julian davon erzählt. “Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche Pracht umgiebt?”

“Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.”

“War Julian nie hier?”

“Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue, die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesenreizenden Bronceguß übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.”

Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.

“Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter,Matteo Folco,gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren, die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte, hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit, Arbeitoder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne. Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur, die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können. Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke gegenüber nicht zu verantworten, wenn mandas Meisterwerk außer Landes gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig darauf, daß keinMatteo Folcoin ihren Sammlungen fehle.”

“Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?”

“Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden. In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist, und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.”

“Da müssen dir doch die Besuche lästig werden.”

“Wenn ich alle empfangen müßte, die hierher pilgern, das wäre eine Qual! Aber es hängt von mir ab, wen ich zu meiner Stunde vorlassen will. Das Werk wird meistens in den Stunden besichtigt, die ich in der Schule verbringe. Nur berühmte Männer und schöne Frauen, die ich begünstigen will, lasse ich in den Stunden vor, die ich für den Empfang gewählt habe.”

“Das mag dir viel Anregung bieten.”

“Es wird mir vielleicht noch lästig werden, aber jetzt macht mir der Besuch merkwürdiger Menschen noch viel Vergnügen. Für nächste Woche erwarte ich den Besuch des Kaisers und der Kaiserin. Die Erzherzoge waren alle da; aber den Kaiser haben die Jagden und die Empfänge in der Hofburg bisher abgehalten. Nun hat mich die Kaiserin bitten lassen, Tag und Stunde für den kaiserlichen Besuch zu bestimmen. Ich ließ sagen, daß ich sie am nächsten Sonntage um 12 Uhr erwarte, es müsse aber der Kronprinz mitkommen und mir erlaubt sein, ihn zuküssen. Wir sind nämlich dem Prinzen sehr zugethan, weil er den Jakob aus dem Wasser gezogen.”

“Davon erzählte mir Julian.”

“Er soll ein allerliebster Junge sein und ich freue mich, ihn bei mir zu sehen. Die Kaiserin versprach, den Prinzen mitzubringen, meinte aber, den Kuß sollte ich erlassen. Ihr Sohn sei im vierzehnten Jahre, man wolle ihm die Unbefangenheit bewahren. Aber ich bestehe auf meinen Bedingungen; es wird ihm nicht schaden, wenn er bei Zeiten küssen lernt.”

“Du scheinst mir eine Egoistin zu sein.”

“Ellen, wo denkst du hin! Der Prinz muß es sich zur Ehre rechnen, wenn ihn ein schönes Mädchen küßt, und die Kaiserin hat auch nachgegeben.”

“Bei uns würde man einen Dollar Eintrittsgeld bezahlen.”

“Das kann ich mir denken. Nun aber habe ich doch auch allerhand Vortheile. Man sendet mir mancherlei schöne Sachen aus allen Theilen Europas. Teppiche, Vasen, Broncen, kostbare Möbel, Vorhänge und Tapeten haben sich nach und nach angehäuft. Es ist nicht das Kunstwerk allein, das mir Freunde macht, man will mir, so gut es geht, wettmachen, was ich verloren. Freilich ersetzen mir die zahllosen Tropfen von Liebe, die die Mitmenschen auf mich niederträufeln lassen, das weite Meer des Glückes nicht, das ich einmal geträumt habe, aber ich wäre eine Närrin, wollte ich die Freundlichkeiten zurückweisen. — So hat sich nach und nach alles hierverändert, nur das Bett lasse ich mir nicht vertauschen.”

Und unverwandt den Blick auf diese Lagerstätte gerichtet, wandte sie ihr Antlitz mit einem reizenden Lächeln mir zu und küßte mich beinahe inbrünstig.

“Frachtgut,” sagte sie dann, mich etwas coquett anlachend. —

“Ich will es an die Adresse befördern,” sagte ich darauf. “Aber sage, Giulietta, soll Julian wiederkommen?”

“Um Gotteswillen, nein. Das Meer, das uns zusammengeführt, liegt jetzt zwischen uns und so soll es bleiben. Siehst du, ich denke mir, daß Julian sich nicht entschließen konnte, sein Vaterland zu verlassen, und daß er zu gewissenhaft war, mich zur Expatriirung zu bestimmen. Darin liegt ja doch noch keine Kränkung, wenn man es nicht vermag, dem Geliebten das Vaterland zu ersetzen, das Größte was der Mensch besitzt. Käme er wieder, so begänne vielleicht eine neue Reihe von Enttäuschungen, welchen ich nicht gewachsen wäre. Und andererseits denke ich, wenn ich bei dem mein Glück nicht fand, dem ich das kostbarste Geschenk darbrachte, das ich nicht wieder bieten kann, wie sollte ich bei irgend einem Manne auf jene nie verlöschende Gluth der Leidenschaft rechnen, ohne die mir die Liebe eine Unwürdigkeit scheint.”

Ich stellte jetzt die Frage:

“Hast du der Gesellschaft vergeben?”

“Das habe ich allerdings. Zuweilen träume ichvon dem Glücke, das ich mir in jungen Jahren ausgemalt. Mein Giacopo sitzt wieder zu meinen Füßen, er flüstert von unseren Hoffnungen, und rasch zieht Bild um Bild an meiner Seele vorüber. Die Vorbereitung der Trauung, die süße Bangigkeit der Braut, die Hochzeitsfeierlichkeit, die Besitzergreifung vom heißersehnten Glück, die zärtliche Besorgtheit des jungen Gatten; jetzt glaube ich, daß sich ein neues Glück ankünde, ich sehe den Mann frohlocken über meine Botschaft, dann umstehen Frauen mein Bett, bereit, mir beizustehen und jetzt will ich den Sprößling an meine Brust drücken. Da grinst mir ein sieches, unschönes Geschöpf entgegen und mit einem Angstruf werde ich wach. Mache ich dann Licht und sehe den blühenden Schützling neben mir sorglos schlummern, so fühle ich mich wie erlöst.”

“Dr. Kolb pflegt zu sagen: Gut und bös, schön und häßlich streiten sich um die Materie, ohne welche nichts ist. Wir müssen alle Materie für die Schönheit gewinnen, die Erde muß ein Himmel werden. Ich bin dem Schönen zu sehr ergeben, daß ich mich ihm in den Weg stellen möchte.”

Nach einer Pause sagte ich, um Giulietta aus ihren Träumereien zu reißen:

“Julian wird mich fragen, was aus seinen Bekannten geworden ist.”

“Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker gewordenund hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. — Die Hochzeitsferien brachten die ‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu Lasten der Civilliste übernommen. — Aber Jacob wollte auch mit seiner Anna die ‘Jungfrau’ besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken, um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.”

“Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April ihr eigener Sprößling wird aufgenommenwerden. Ihren Mann haben sie zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.”

“Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.”

“Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht. Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung, daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu, aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren, hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog Adolf entstieg mitvielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz, allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten sich königlich unterhalten.”

“Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als spräche ich mit Julian.”

“Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.”

“Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.”

“Wie soll ich das verstehen?”

“Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit.In den ersten Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen. Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien, er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte, daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle. Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde, es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie fühlte aber später doch, die “Lebensart” fordere etwas mehr, und es widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger, zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso weniger konnte sie es über sich bringen, dieMaske fallen zu lassen und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da, im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß, sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles sind.”

“Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.”

“Seid ihr so offen gegenseitig?” fragte ich.

“Die Frauen untereinander schenken sich jedes Vertrauen. Uns Unvermählten gegenüber sind sie sonst verschlossen, wie auch wir den verheiratheten Frauen gegenüber eine geschlossene Kaste bilden. Wir tauschen unsere Erfahrungen sonst nur theoretisch aus und lassen Offenheit nur walten, wo sie durch die Gesetze geboten ist, die wir uns selbst gegeben.”

“Welcher Art sind diese Gesetze?” fragte ich.

“Sie zielen darauf ab, die Männer uns unterthan zu erhalten in allem, was die Liebe betrifft. Sie sollen nicht erkalten, aber auch nicht in stumpfe Sinnlichkeit verfallen, es soll ihnen nicht gelingen, Uneinigkeit unter uns zu säen. Kein Ehemann darf Gehör finden, wenn er sich von seiner Frau wendet, ausgenommen, er erwirkt die Scheidung und wird von der Frauencurie schuldlos befunden.”

“Fürchtet ihr nicht die Geschwätzigkeit der Männer, wenn ihr untereinander keine Geheimnisse habt?”

“Wir führen ein strenges Regiment. Es ist vorgekommen, daß ein Unersättlicher sich, um eine Umworbene willfähriger zu machen, auf Gunstbezeugungen berief, die ihm andere Mädchen erwiesen. Das wurde hart geahndet. Ein solcher Rebell wurde für ein halbes Jahr unter Bann gethan und wir kehrten ihm alle den Rücken, bis er seine Strafe abgebüßt hatte.”

“Sollte sich da keine Schwache unter euch finden, die den Verbrecher heimlich begünstigt?” entgegnen ich.

“Das halte ich für unmöglich. Jede einzelne von uns hat heiligen Respect vor der Curie.”

“Und woran ist denn die Vervehmung erkennbar?”

“Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.”

“Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys gekommen?” forschte ich weiter.

“Ich bin exemt” sagte Giulietta. “Ich gelte für eine Philosophin und Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung, Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem großen Räthsel “Liebe” hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was man mir mittheilt.”

“Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman weiter verlaufen.”

“Ich rechne darauf, daß du und Julian michnicht blosstellen werdet. Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich dein Bruder erwiesen hat.”

“Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben, und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen, die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’ Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach ihr Treue auch in Gedanken.”

“Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere ‘Medizinschwester,’ wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr Vorstellungen. Die junge Frau wurdebleich, die Augen verloren den Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war, es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen. Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört. Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.”

Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein. Giulietta erhob sich: “Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.” Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand entgegenstreckend:“Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?” Da ich Antwort geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor Giulietta sie mir vorgestellt hatte. “Ich habe, bevor wir uns in das Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,” erklärte sie. “Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir werden uns mit Stühlen versorgen müssen!”

Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen, mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel lieben, sie möchten ein Match machen.

Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: “Ich habe auch seit ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.” Die böse Frau hatte ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem anderen,auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. “Ich necke meinen Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist, Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.”

Mittlerweile — Giulietta hatte mit Lori geplaudert — kam das Mädchen von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen. Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen. Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden. Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: “Fertig! Laßt jetzt die Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir brauchen Männer, die uns den Hof machen.”

Die Herren übersiedelten zu uns und währendwir uns ans Genießen machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.

“Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter dem anderen sich kreuzen.”

“Ich glaube,” sagte Mary, “du machst die Rechnung ohne den Wirth, Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus dem Kopfe schlagen.”

“Ich wüßte nicht, Mary,” sagte der Professor “daß wir andere Pläne hätten.”

“Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.”

“Laß hören, ich bin neugierig.”

“Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb, du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen.Für die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt — das heißt, wenn mein gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, — und Dr. Kolb rathe ich, im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen; vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.”

“Jeder bleibe bei seinem Leisten,” sagte Dr. Kolb lachend, “die Mitternachtssonne gebührt den Malern.”

“Und im Herbste schicke ich unseren Doctor auf eine Studienreise nach Griechenland und Kleinasien.”

“Das läßt sich hören,” sagte dieser, “und was ist's mit den Ferienplänen?”

“Ich glaube,” sagte Mary, “mein Mann könnte sich nicht auf sechs Wochen von seiner armen Frau trennen.”

“Bewahre; du mußt mitkommen, sage nur wohin du willst.”

“O bitte, das geht nicht so, deine Frau hat ein Amt.”

“Ich weiß, Frau Bibliothekarin, aber es gibt ja Urlaube.”

“Ich habe mit dem Verwaltungsbeamten gesprochen, aber er will nur von vierzehn Tagen wissen. Er sagt, ich hätte nicht mehr Anspruch, und” — sagte der Schelm, wie zögernd und nachdenklich vor sichhinblickend, — “mein Einfluß reicht nicht so weit, einen österreichischen Beamten zu verführen.”

“Vierzehn Tage, das geht nicht, was fangen wir mit vierzehn Tagen an!”

“Deine kluge Frau hat alles bedacht. Es wird vielleicht meinem Herrn Gemahl belieben, sich der Tage zu erinnern, die er mit seiner Braut in Königstetten verbrachte. Die Hochbergs residieren heuer wieder dort, ihre zweite Tochter vermählt sich und der einzige Sohn ist bei seinem Regimente in Sibirien; da wollen die alten Leute den Sommer in der Nähe Loris verbringen und bis dahin haben sie ja auch ein Enkelchen in Tulln.”

“Du hast recht, ich werde mit der Fürstin sprechen; wir lassen uns dein Zimmerchen zum ehelichen Gemache umgestalten. Weißt du noch, wie ich dir dort zuweilen vorlesen durfte? den wilden Jäger, Ekkehard —” “— und was ich dir losem Werber anderes vorzulesen verwehrte.” “Das stimmt, Gestrenge, — und wie ich im übrigen mit unverzeihlicher Härte behandelt wurde.” — “Ja;” sagte Mary, “aber du sollst heuer dort allein wohnen.” “Was soll das heißen?” “Scheidung von Tisch und Bett, mein Lieber,” sagte Mary lachend. “Divorçons!” “Eine neue Variante,” sagte Lueger schmunzelnd. Mary verrieth nur unmerklich, daß das Wort ihre Heiterkeit errege, und wir blickten so harmlos, wie nur immer möglich. Lori warf nun ein: “Es wird nicht zu hart ausfallen.” “Siehst du,” erklärte jetzt Mary, “ich habe allerlei ausgebrütet.Du sollst deine Ferien haben und ich will dir die Kette etwas verlängern, aber aus den Augen laß ich dich nicht. Ich werde in Tulln wohnen.”

“Und die Bibliothek in Wien besorgen? Wie reimt sich das zusammen?”

“Frage Lori.”

“Wenn du einverstanden bist, guter Professor, so tauscht Mary für die Ferienwochen mit der Bibliotheksverwalterin in Tulln. Ich habe das auf ihren Wunsch ins Reine gebracht. Es ist eine ziemlich alte Wittwe, die den Wunsch hat, einmal Wien recht nach Herzenslust zu genießen. Ihre Tochter ist dort verheirathet und außerdem haben wir Veranstaltungen getroffen, daß ihr alle möglichen Annehmlichkeiten bereitet werden.”

“Das wäre ja vortrefflich, die Verwaltung wird das gewiß erlauben.”

“Hat schon!” sagte Mary.

“Aber jetzt sehe ich nicht ein, wozu die Trennung,” sagte Lueger. “Bleibe bei mir in Königstetten, der Fürst läßt dich täglich nach Tulln fahren und im Wagen zurückbringen.”

“Ich danke schön,” sagte Mary, “du weißt, in welchem Zustande ich mich befinden werde zu jener Zeit. Meinst du, die schöne Mary hat Lust, unter den Damen in Königstetten zu erscheinen mit verzerrtem Gesichte und entstelltem Leibe? — Das nicht. Aber vielleicht wird es,” sagte sie mit heuchlerischer Miene, die Arme über der Brust gekreuzt und das Haupt demüthig vor ihrem “Herrn” gesenkt, “meinemGebieter gefallen, einmal nächtlicher Weile sich aus dem Schlosse wegzustehlen und seine “Magd” zu Tulln aufzusuchen.”

“Vortrefflich! Bei der eigenen Frau fensterln!” lachte der Professor.

“Und wenn sich eine Vermummte abends im Schlosse einschleicht, beim Professor eindringt und demüthig an der Thüre stehen bleibt?”

“Dann wird sie der Professor nicht wieder fortlassen, bis die Lerchen zu schlagen anfangen.”

“Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen, das wird ein “Jux” werden.”

“Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,” sagte der Professor.

Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette gebracht worden.

Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich, wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte, die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man drang nicht weiterin mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause. Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nureinjunger Mann da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich; aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die Wagenlenkung hätte übertragen können.

Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.

Mary sagte: “Jetzt können wir englisch sprechen.” Ich nahm dankbar an und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. “Wenn ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,” sagte Mary unbefangen. “Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern sollen,” sagte Lydia. “Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.” “Seid ihr so streng?” “Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten undnicht langweilig zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.” “Ich habe aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande gehört.” “Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung. Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.” “Das ist wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?” “Ich glaube, unsere Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit größter Schonung.” “Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?” “Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.” “Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!” “Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch ungerecht befunden wird, nachtragen.” “Die Geheimnisse des Ehelebens sind doch gewiß unantastbar,” sagte ich inquisitorisch. “Nicht so ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.” “Was gehen die die Curie an?” “Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurdemir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen. Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht, die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung, und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so — wurde er es auch,” sagte Mary mit reizendem Lächeln, “das heißt inspe.” “Entstehen aus solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?” “Wir sind von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen, und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu schämen, weil niemand davon frei ist.” “Diese Institution erinnert an die Beichte,” sagte ich. “Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede. Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin beraten undvielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen sollten.” “Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.” “Gewiß, dann bezeichnet man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich ihrer als Vermittlerin.”

Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.

Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.

Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis, sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sonderndie Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.”

Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seinerEncyklika de conditione opificum, die in der Erörterung der socialen Frage herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und Vollkommenheit zumWesendes Menschen gehöre (Absatz 4). Und das entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und Christus antwortete darauf: “Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.” Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. “Ihr werden viele Sünden verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.”[P]Johannes sagt von ihm: (11, 5.) “Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria und den Lazarus.” Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftlicheArbeit, denn wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt, ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, — so sagt Christus doch nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.

Wenn Christus sagt: Mann und Weib sind zwei in einem Fleische, so gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt, wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.

Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht, verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in den Magenund nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich, ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die Ehebrecherin?

Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der Nächstenliebe zuwider.

Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christusclassisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer, als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern, sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten, denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.

Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: “Die Frau und der Socialismus”, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt, das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q]— Christus, der dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach, Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere Zurechtweisung ertheilte, als: “Geh' und sündige nicht mehr,” dessen Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll Verachtung der Frauen gepredigt haben,und er, dessen Schlußlehre war: “Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie und besucht sie, wenn sie krank sind,anderen Gottesdienst gibt es nicht” — er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal, er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt: “Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des Himmelreiches willen,” aber er fügt hinzu, “dann werdet ihr hundert Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.”

Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert, daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt,daß die Aufgabe des Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit zu vertheilen[R], daß es also eine irdischeund höchst praktische Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.

Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12: “Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich erhalten,” und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern philosophisch.

Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus spottet über die pharisäische Lehre: “Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an,” und tadelt, “den selbstgewählten Dienst und die Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt zur Sättigung des Fleisches.”

Askese zuübenist ganz und gar nicht christlich und Askese zuforderngeradezu unchristlich.

Irregeführt ist Bebel durch das, was Christus von der Ehe sagt, indem dieser bestätigt, daß es nicht gut heirathen sei. Allein Christus sprach in Räthseln und gerade an diesem Orte erklärte Christus, daß er nicht sagen könne, was er denke. “Wenige verstehendieses Wort” und “wer es fassen kann, der fasse es.” Es ist also gewiß gerade diese Lehre Christi am wenigsten wörtlich zu nehmen und Bebel nimmt sie gerade so brutal wörtlich, wie die russischen Skopzen. Ich glaube, daß Christus nicht im entferntesten meinte,allesollen verschnitten sein, und daß er unter Verschneidung zwar eineEntsagung, aber keineasketischeEntsagung verstand. Ich glaube, Christus meinte, daß sein “Reich” unmöglich sei, wenn alle Familien gründen wollen, er setzte voraus, daßviele, aber keineswegs, daßalledem Familienglücke entsagen würden, damit das “Reich” bestehen könne. Die Entsagung betrifft also die Zeugung, nicht die Liebe. Auch ich glaube, daß der sociale Staat unmöglich ist, wenn nicht ein großer Theil des Volkes der Familie gänzlich entsagt. Ob aber diese Annahme richtig ist, wird erst die Erfahrung zeigen, wenn die neue Ordnung wird eingeleitet sein. Alle Beobachtungen unter den heutigen Verhältnissen sind trügerisch. Aber die Beschränkung der Zeugung war zu allen Zeiten und bei allen Völkern bekannt und selbst bei jenen, die noch im Naturzustande leben, wie Azara von Wilden in Südamerika berichtet. Es giebt zwingende Verhältnisse, die alle Theorie und aprioristische Moral zu Schanden machen und darum möge man ein endgiltiges Urtheil über vieles aufschieben, was ohne Anstellung vielfältiger Beobachtungen nicht beurtheilt werden kann.


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