V.

Am anderen Morgen, Samstag, schliefen wir etwas länger und da die Fremdenzimmer in dem Flügel der Wohnhäuser untergebracht sind, in welchem die alten Leute wohnen, welche Ruhe haben wollen, so hörten wir nicht den Schall der Gongs, womit sonst überall Jung und Alt allmorgentlich um 5 Uhr spätestens aus den Federn gejagt wird.

Der Morgen war heiter und wir gingen, nachdem wir das Wohnhaus verlassen hatten, schwimmen, kamen aber schon um 7 Uhr in den Speisesaal, wo ein Dutzend hübscher Mädchen den Dienst versahen und jenen das Frühstück brachten, die sich verspätet hatten. Da wir an Zwirners Tische Platz nehmen wollten, kam ein alter Herr zu uns, nannte sich Dr. Kolb und entbot uns einen Gruß von Freund Zwirner, der schon längst über Feld gefahren sei und uns heute nicht mehr sehen könne, da er abends zu Hochberg wolle und uns eine Wiederholung des Besuches dort nicht zumuthen könne.

Während wir uns an das Frühstück machten, sagte Dr. Kolb, er wolle uns Gesellschaft leisten,was der Hauptberuf der alten Herren den Fremden gegenüber sei, und er bäte, aus dem Metropolitananzeiger, der nur für Wien und Umgebung herausgegeben werde, uns zu informiren, was uns von den abendlichen Genüssen am meisten Vergnügen bereiten könne. Er habe gehört, daß wir Geschichtsforscher seien und wenn uns ein halb wissenschaftlicher Vortrag Interesse bieten könne, so empfehle er die Rubrik: “Wissenschaftliche Vorträge” zu studiren. Der Vorschlag gefiel uns und wir nahmen jeder ein Heft zur Hand, um nach einiger Berathung einen Vortrag des Professors Lueger über Franz Josef den Standhaften und seine Zeit im alten Universitätsgebäude am Franzensring zu wählen. Dr. Kolb zollte dem Vorschlage Beifall und empfahl uns, in seiner Begleitung nach Wien zu fahren und einmal eine erste Rundfahrt zu unternehmen, da wir dieser Stadt viele Tage würden widmen müssen. Da ferners der Vortrag um sieben Uhr abends beginne und kaum vor halb zehn Uhr geschlossen würde, so wolle er uns ein Quartier in der Stadt besorgen, wo wir die Nacht zubringen könnten. Er wolle sich uns ganz widmen und uns am nächsten Morgen, Sonntags, zurückbringen. Das war uns angenehm und Dr. Kolb entfernte sich auf kurze Zeit, um bald darauf mit der Nachricht zurückzukommen, Wien sei einer bevorstehenden Regatta wegen überfüllt, und er habe uns daher nicht in den der Universität zunächst gelegenen Quartieren Herberge verschaffen können, aber im Dritten Gumpendorfer Quartier hätte er dreiSchlafzimmer belegt. Solche Festlichkeiten lockten immer viele Menschen nach Wien, aber trotzdem würde in den Sommermonaten Platz genug sein, da Hof und Adel, Studenten und Lehrkräfte, ja auch viele Pensionisten fortzögen, um heim zu eilen oder in den Bergen kühle Wohnungen aufzusuchen. Diese Zeit aber benütze man doch wieder, um junge Leute aus allen Theilen des Reiches nach Wien zu bringen. Man halte es für bildend, die Jugend mit der Weltstadt bekannt zu machen; es gebe das auch Gelegenheit, Fleiß zu belohnen und Unfleiß zu bestrafen, da jede Gemeinde einen Theil der zur Wiener Reise bestimmten Altersklasse strafweise ausschließe, und in Vielen werde ein wahrer Feuereifer für die Schule wachgerufen, wenn sie das herrliche Wien zum erstenmal schauen und hören, daß die besten Schüler an die Hochschule kämen und dann fünf Jahre in der Hauptstadt zubringen könnten.

Die Eisenbahn brachte uns bald nach dem Franz-Josefs-Bahnhofe und Dr. Kolb rieth uns, die Straßenbahn, und nicht die Stadtbahn zu benützen, die man am Ausgange des 19. Jahrhunderts gebaut, aber dann wieder theilweise verlegt habe, um die Störungen zu beseitigen, welche dadurch in die harmonischen Veduten waren gebracht worden. Wir folgten seinem Rathe und bestiegen einen Straßenbahnwagen, der den Weg von dort zum Schottenring, dann im Kreise um den ganzen Ring machte und wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrte. Solche Wagen gingen von jedem äußeren Bahnhofe aus, weil sichdie Gepflogenheit herausgebildet hatte, daß jeder Ankömmling seinen ersten Besuch mit dieser Rundfahrt einleite; denn es war eine über den ganzen Erdkreis verbreitete Legende, daß man nichts Schöneres sehen könne.

Wir nahmen auf der Imperiale des Wagens Platz, der weder mit Pferden bespannt war, noch von einer barbarischen, qualmenden Straßenlocomotive bewegt, sondern pneumatisch betrieben wurde, indem der neben dem Kutscher angebrachte Windkessel an jeder Haltstelle aus den pneumatischen Röhren mit Druckluft versorgt wurde.

Wir bemerkten, daß die Stadt beinahe aus gleichen Quartieren zusammengesetzt war; sie glichen in ihrer Hauptanlage Tulln und anderen kleinen Gemeinden. Vier große Wohngebäude umschlossen immer einen Palast, der für Verwaltung, Lese- und Speisesäle bestimmt war; dazwischen liefen Gartenanlagen mit Schwimmbassins und nur zwei oder drei Flügel der äußeren Gebäude reichten bis zu den Straßen, die zum großen Theile mit Straßenbahnwagen befahren wurden. Lastwagen fuhren nirgends auf der Straße und Equipagen schossen nur zuweilen an uns vorüber, wie auch einige Radfahrer lautlos vorbeiglitten. Nur die Ringstraße bildete, wie in alter Zeit, eine breite gepflasterte Fläche. Sonst waren überall schmale Trottoirs angebracht und in vielen Straßen, welche von Equipagen gar nicht befahren werden durften, war nur eine ununterbrochene Gartenanlage zu sehen. Es fielen die Straßenbahnschienen, die in die Wiesenplätzegelegt waren und die Schlangenwege kreuzten, kaum auf. Um diesen Betrieb zu ermöglichen, liefen vor den Rädern Schienenräumer einher, welche nicht nur Steinchen auswarfen, sondern auch Gräser und Halme beiseite schoben. Die Wechsel konnte der Wagenlenker während des Fahrens von seinem Sitze aus stellen, da vor jeder Weiche ein Riegel zwischen den Schienen angebracht war, der durch vom Sitze aus verstellbare, am Wagen angebrachte Bolzen nach rechts oder links geschoben werden konnte.

Als wir in die Ringstraße einbogen, sahen wir uns gegenüber das schöne ehemalige Börsengebäude, von Theophil Hansen erbaut, unverwittert in rother Farbe leuchten und da man schon seit mehr als hundert Jahren dort nicht mehr schacherte, war das Haus in ein Unterrichtsgebäude verwandelt worden, wie das ehemalige Polizeigebäude rechter Hand jetzt als Studentenherberge dient. Dr. Kolb machte uns auf die Ballustrade aufmerksam, welche die ehemalige Börse krönt, und sagte, wir hätten bei Leibe nicht zu fürchten, daß die Säulchen brächen und den Vorübergehenden auf die Köpfe fielen, denn man baue in Wien für die Ewigkeit. Er deutete auf das ehemalige Polizeigebäude gegenüber und erzählte, dort stände aus alter Zeit im Hofe ein grün gestrichener Wagen mit Gittern und Zellenwänden, dessen Bestimmung man sich nicht klar machen könne; man vermuthe, daß er zum Transporte von Thieren gedient habe. Es sei ein Ausschreiben ergangen, dieses historische Räthsel zu lösen. Er belehrte uns übrigens,daß von den Wohngebäuden, die im 19. Jahrhunderte an der Ringstraße standen, nur mehr wenige vorhanden wären, da viele Häuser reicher Bürger längst niedergerissen und öffentliche Gebäude an deren Stelle errichtet worden seien. Eine Ausnahme bildete das Sühnhaus, übrigens ein Stiftungshaus zur Erinnerung an den schrecklichen Brand eines Theaters, das an derselben Stelle stand. Das Sühnhaus ist ein schöner Bau, entworfen von Meister Schmidt, dem Dombaumeister des 19. Jahrhunderts. “Hier seht ihr die Votivkirche, vom Architekten Ferstel entworfen. Dieser Bau wurde vom nachmaligen Kaiser Max, von welchem ihr wohl heute abend in der Vorlesung hören werdet, gegründet zur Erinnerung an die Errettung des Kaisers Franz Josef, den ein politischer Schwärmer mit Mordwaffen angefallen hatte, und hier steht schon die gleichfalls vom Baumeister Ferstel stammende älteste deutsche Universität dieser Stadt, in der man neben wirklichen Wissenschaften nur mehrGeschichteder Theologie undGeschichteder Jurisprudenz vorträgt, weil diese angeblichen Wissenschaften nur Requisite des Classenstaates waren. Die Rampe beweist deutlich, daß die Studenten des 19. Jahrhunderts mit Vieren in die Vorlesung fuhren.”

“Wie haltet ihr es jetzt mit der Religion?” wollte Mr. Forest fragen; aber Dr. Kolb bat uns, ihn nicht zu unterbrechen, weil es gelte, die Wandelbilder zu erläutern.

“Hier links das sogenannte Burgtheater, vonMeister Hasenauer, — man nannte diese Herren im verrückten 19. Jahrhunderte alle Barone oder Freiherren. Der junge Mann, der dort hoch oben auf der Mauer sitzt, als wäre er von des Nachbars Garten herübergestiegen, wo er Kirschen gestohlen, ist der Gott Apollo, und da wir zu nahe am Theater vorüberfahren, entgehen euch kostbare Merkwürdigkeiten, die auf dem Dache angebracht sind. Nämlich ein allerliebstes Lusthäuschen, um das sich ein munterer Blasengel dreht, der im Uebereifer immer dorthin bläst, wohin ohnedies der Wind zieht. Ferners stehen auf zwei Dachreitern je zwei waghalsige Genien, welche Kränze zum Kaufe auszubieten scheinen, aber nicht herabsteigen, sondern uns hinauflocken wollen. Im Hintergrunde des Parkes rechter Hand steht das ehemalige Rathhaus mit dem Reiterbild Franz Josef des Standhaften über dem Portal und dem kupfernen Wächter auf der Thurmspitze. Auch vom Gemeinderathe und Bürgermeister jener entschwundenen Epoche weiß man nichts mehr. Die Archive aber erzählen wunderliche Dinge über die städtische Verwaltung und die kleinlichen Geschäfte, welche von einer Unzahl von Magistratsräthen, Sekretären und Praktikanten besorgt werden mußten. Der Rathssaal ist noch erhalten und die Castellane zeigen den Sitz, von dem aus Dr. Karl Lueger, ein Ahne unseres Professors, gegen den damaligen Bürgermeister, Dr. Johann Nepomuk Prix, der auch als Baron gestorben sein soll, donnerte, aber vergeblich, denn Dr. Karl Lueger war immer Führereiner Minorität, die er sich unter den verschiedensten Bezeichnungen zusammenzutrommeln wußte. Da er aber weder im Rathhause auf den Bürgermeisterstuhl, noch im Abgeordnetenhause, das wir hier sehen, auf die Ministerbank kommen konnte, hat er in alten Tagen alle Mandate eigensinnig von sich gewiesen. — Das Abgeordnetenhaus ist auch von Theophil Hansen erbaut, den ich euch als Erbauer des ehemaligen Börsengebäudes nannte. Im ehemaligen Rathhause wohnen heute die obersten Volkstribunen mit ihren Sekretären und das Abgeordnetenhaus dient zuweilen zu parlamentarischen Versammlungen, wenn das Volk über größere technische Projekte nicht durch gemeindeweise Abstimmung entscheiden will und aus jedem Kreise drei Abgeordnete mit Vollmacht entsendet.”

“Sonst tagen unausgesetzt gelehrte Versammlungen und europäische Congresse in diesem Bau, weil die Sitzungssäle und Conferenzzimmer dazu geeignet sind. Man erzählt sich übrigens, daß die Sitzungssäle im vorigen Jahrhunderte gänzlich umgebaut werden mußten, weil eine Spezialität dieses Hauses die war, daß man in jenen Sälen sein eigenes Wort nicht verstand, geschweige denn einer längeren Rede hätte folgen können. Auch das ehemalige Abgeordnetenhaus ist von vorzüglichem Material erbaut und ihr müßt nicht glauben, daß die Stufen, die da hinanführen, oder die Postamente etwa dem Wetter nicht trotzen könnten oder gar große Stücke herausfielen und häßliche Löcher entstünden, wenn es friert. Allerdingswird das meiste im Winter in warme Decken gehüllt und mit Brettern bedeckt, was aber auch einen reizenden Anblick gewährt. Der Bau hat auch eine meteorologische Bestimmung, denn inmitten der Marmorbildsäulen, die um den Rand des Daches herumstehen, hat man eine gewaltige Esse angebracht, aus der immer dicker Rauch hervorqualmt, den der Wind der einen oder der anderen Statuenkolonne in den Rücken weht. Daran kann sich der Wiener an den Fingern abzählen, woher der Wind weht, und schlägt der Wind dann um, so steigen die Hauswärter hinauf und machen die Statuen wieder blank. Hier links schimmert durch die Bäume des Volksgartens die Statue des Dichters Grillparzer herüber, etwas sonderbar von einem Ofenschirm begleitet, mit dem man sich aber gerne aussöhnt, wenn man die herrlichen Hautreliefs darauf von Meister Weyr betrachtet. Und nun kommen wir zur Hofburg, in welcher der Kaiser residirt, mit dem Forum, den Museen, und im Hintergrunde, an der Stelle des ehemaligen Hofstallgebäudes, seht ihr den Centralregierungspalast. Die Museen hat der berühmte Baumeister Semper entworfen und auch theilweise gebaut, den Bau aber nach seinem Tode Meister Hasenauer beendet. Von diesem wahrscheinlich, dessen Phantasie immer das Beste auf den Dächern anzubringen wußte, stammen die großen Kuppeln, die je von vier reizenden Kindern begleitet sind, welche wahrscheinlich die Aufgabe haben, sich zu großen Kuppeln auszuwachsen und dann der Reihe nacheinzurücken, wenn die großen einstürzen. Statuen sieht man überall. Entweder sind sie als Säulenheilige auf ungeheuren Postamenten angebracht und legen rühmliche Proben von Schwindelfreiheit ab, oder sie stehen knapp hinter der Dachrinne am Rande der Dächer und sehen neugierig auf die kleinen Leute herunter, welche auf der Straße herumlaufen. Es ist das gewissermaßen ökonomisch, denn man erspart die Tafel, auf welche man zu schreiben pflegt: “Man bittet, die Statuen nicht zu berühren und ihnen nicht mit den Schirmen die Nasen abzustoßen.” Die Anordnung der Statuen hatte im 19. Jahrhundert offenbar einen militärischen Charakter. Auf dem Abgeordnetenhause sind sie in Linien ausgezogen und man meint, den Major anreiten zu sehen, der mit dem Säbel winkt, der Flügelmann solle das Knie und der dritte Mann dort die rechte Hand hereinnehmen. Bei der Votivkirche stehen die Heiligen und Apostel eingepreßt nebeneinander, als gälte es ein Carré zu bilden, um gegen eine berittene Legion Teufel Stand zu halten. Das wird aber, ich zweifle nicht, in den Gesetzen der Schönheit vollkommen begründet sein.”

“Uebrigens, Freunde,” sagte Dr. Kolb lachend, “wir lieben unser Wien und wenn wir einiges daran tadeln, hoffen wir, daß unsere Gäste die Schönheiten nicht übersehen werden, von welchen zu sprechen uns nicht zusteht. Wir haben in Wien zwar eine böse Zunge, aber ein gutes Herz und in bösen Zeitenhaben sich die Wiener oft mit einem Scherz über großes Unglück hinweggeholfen.”

“Wie ihr seht, ist das ganze ungeheuere Forum, das früher durch Mauern und ein monumentales Thor abgetheilt war, mit Reiterstatuen und mit den Bildsäulen berühmter Männer besetzt, die im Wettstreit ihre Nebenbuhler besiegt und erste Preise davongetragen haben. Es regt das nicht wenig den Ehrgeiz an. Lasset euch nicht die herrlichen und weltberühmten Mosaiken entgehen, die die ganze Fläche dieses Riesenraumes durchziehen und an welchen fünfzig Jahre gearbeitet wurde.”

Nun zeigte uns Dr. Kolb auf einem polychromen Kunstblatte die Abbildungen der Mosaiken, die wir später auf unserer Fußwanderung näher in Augenschein nehmen sollten, und wir fuhren an der alten Oper, einem nicht sehr geschmackvollen großen Baue, und vielen neu errichteten öffentlichen Bauten vorbei, die einen viel großartigeren Charakter zeigten, als die Bauten der älteren Periode, dann den Donaukanal entlang wieder zur alten Börse zurück, um nun auszusteigen und im nächstgelegenen Quartier, wo wir uns legitimirten, das zweite Frühstück einzunehmen. Dann pilgerten wir zu Fuß nach der Votivkirche, besahen den Hofraum der Universität mit den zahllosen Standbildern und Büsten berühmter Lehrer, erfreuten uns im Rathhausparke an den Spielen der Kinder, die da zu tollen pflegen, betraten das alte Rathhaus und den Sitzungssaal, wo auf dem Pulte des Dr. Lueger die letzte Rede dieses Mannes,der sich seinerzeit als Volksredner und durch unermüdliche parlamentarische Thätigkeit großes Ansehen erworben hatte, angeheftet zu lesen war, und hörten in einem Berathungssaale des alten Abgeordnetenhauses von der Gallerie aus den Verhandlungen eines hygienischen Congresses zu, zu welchem einem Anschlage zufolge nur Männer Zutritt hatten, um dann das Forum in Augenschein zu nehmen. Dr. Kolb führte uns vor eine in der Mitte des Forums aufgestellte im Sonnenlichte spiegelnde Säule und sagte: “Das ist die Schandsäule der begrabenen Wirthschaftsordnung, die auf Privatbesitz und Handel aufgebaut war.” — Diese Säule hat einen Durchmesser von einem Meter[A]und eine Höhe von 9,23475 Meter und ist aus purem Golde. Die Inschrift lautet:

“Diesen werthlosen Goldklumpen hat Oesterreich im Jahre 1893 aus Frankreich und England bezogen und sich dafür zu einem Jahrestribut an Nahrungsmitteln für 50000 Menschen verpflichtet.”

“Diese Säule, deren Bewachung im 19. Jahrhunderte eine Armee erfordert hätte, steht unangefochten und unbewacht seit dem Jahre 1943 auf dieser Stelle. Am Fuße dieser Säule hat jeder Regent bei Antritt der Regierung vor versammeltem Volke den Schwur zu leisten, daß er die Rückkehr zur alten Wirthschaftsordnung verhindern und nach keinem persönlichen Eigenthume streben wolle.”

Wir wunderten uns, daß man das Gold nicht doch ausmünze, um Waaren aus Amerika oder China zu beziehen, wo noch Gold im internationalen Handel verwendet wird, aber Dr. Kolb belehrte uns darüber, daß nunmehr auch das Gold, wie ehemals das Silber nur in beschränktem Maße ausgemünzt werde und demnach auch das Gold als Metall keinen erheblichen Werth mehr habe. Würden aber die europäischen Staaten ihre alten Goldvorräthe auf den Markt bringen, so müßte das Metall auch im Welthandel auf ein Fünftel herabsinken. Man behalte sich also vor, das vorhandene Gold zu Schmuck und Geräthen zu verarbeiten, aber vorläufig thue es bessere Dienste in der greifbaren Demonstrirung seiner Werthlosigkeit.

Es war nahezu 5 Uhr, als wir mit dieser Besichtigungzu Ende gekommen waren, und als wir den Straßenbahnwagen besteigen wollten, händigte uns ein Fremdenführer, deren es überall auf der Straße gibt und die angesehene Leute sind, welche in Pension stehen und für die Erlaubniß, sich in Wien niederzulassen, kleine Nebendienste verrichten, je ein Prachtalbum mit der Aufschrift: “Erinnerung an Wien” ein, in welchem herrliche Bilder aus Wien, besonders die polychromen Darstellungen der Mosaiken des Forums, enthalten sind. Auf dem Album war der Tag unseres dortigen Besuches eingetragen und mit der Unterschrift der obersten Staatsverwaltung beglaubigt, daß dieses Album dem fremden Gaste, — dessen Namen einzutragen frei stand, — am Tage seines Besuches auf dem Forum war ausgehändigt worden.

Wir fuhren in unser Quartier, wo wir viele Amerikaner trafen, speisten, badeten und dann ein wenig auf unseren Zimmern ruhten, um nach halb sieben Uhr wieder den Waggon zu besteigen und nach der alten Universität zu fahren. Wir kamen durch die berühmte Säulenhalle, welche glänzend erleuchtet war, über die rechtsseitige Stiege mit den breiten Absätzen und broncenen Candelabern in einen Corridor, wo Fürst Hochberg grüßend an uns vorüberhuschte, der dievenia legendihatte und von Königstetten hereingefahren war, um einen Vortrag über Buddhaismus zu halten und lenkten unsere Schritte nach dem Saale XXXIX, wohin eben viele Besucher strömten. Die Sitzplätze, etwa hundert,füllten sich rasch und lautlos, denn es war keine Vorlesung für Studirende, sondern für das große Publikum, und mit dem Schlage sieben Uhr trat Professor Lueger eilends ein und bestieg sein Pult an der Schmalwand, wohin scharfes Licht fiel, während im selben Augenblicke der Saal sich verfinsterte.

Der Professor begann:

“Geehrte Zuhörer! Ich habe heute einen Vortrag über Franz Josef den Standhaften zu halten, der über 70 Jahre, vom Jahre 1848 bis tief in das 20. Jahrhundert hinein, regierte und als 18 jähriger Jüngling die Regierung unseres Reiches übernahm. Er war vom besten Willen beseelt, ritterlich gesinnt und, da er das Reich in größter Unordnung vorfand und selbes aus einer beinahe mittelalterlichen Verfassung in eine ganz veränderte Gestaltung hinüberzuführen hatte, nahm er den Wahlspruch an: ‘Viribus unitis.’ — Wie ihr sehen werdet, behielt er, was er sich vorgesetzt hatte, zwar unverrückt im Auge, aber das Ziel schien lange unerreichbar und viele verzweifelten an dem Unternehmen, mitten unter Staaten, die nach dem damaligen Zuge der Zeit sich national abrundeten, ein Reich zu kitten, das ein Endchen Italien, ein Stück Deutschland und ein großes Stück Slavien umfaßte und ein ugrofinnisches Reich eingeschlossen umfing, welches zwar keine centrifugale Tendenz haben konnte, aber allen Verschmelzungsversuchen einen störrischen Nacken entgegensetzte und auf seinem Territorium Deutsche und Slaven minorisirte, wie man damals ironisch sagte, nämlichden Willen der geringeren Zahl einer uneinigen Mehrheit auf constitutionellem Wege tyrannisch aufzwang. Wir lachen heute über die politischen Winkelzüge von damals, da wir gelernt haben, über die nationalen Unterschiede hinwegzukommen; aber es ist ein psychologisch merkwürdiges Bild, dieser zähe und gleichmüthige Fürst im Kampfe mit so vielen Nationen und Natiönchen, die alle nach der Hegemonie trachteten oder eifersüchtig darauf waren, dem Uebergewichte anderer zu entgehen, und wie der Schiffer oft, um die Ladung zu retten, Ballast auswerfen muß, hat Kaiser Franz Josef I., der wegen seines Sieges über unglaubliche Schwierigkeiten nach seinem Tode mit dem geschichtlichen Namen “der Standhafte” ausgezeichnet wurde, oft Opfer bringen müssen, nicht ohne mehr als einmal am Rande von Klippen in stürmischer Zeit vorüberzusegeln, die ihm das Steuer brachen, während die Masten über Bord fielen.”

Nach dieser Einleitung entwickelte der Professor die Geschichte Oesterreichs bis zum Regierungsantritte des Kaisers Franz Ferdinand, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundertes hinein regierte und der vierte Vorfahr des gegenwärtig regierenden und im Jahre 1980 geborenen Kaisers Rudolf Max war. Der Redner schilderte den Sieg Franz Josefs über die italienische und ungarische Insurrektion und den vorübergehenden Sieg über die Politik der Hohenzollern, ging dann zur Vermählung des Kaisers Franz Josef mit der bairischen Prinzessin Elisabeth über, zergliederte die Politik des MinistersBach, der zuerst vergöttert wurde und nach seinem Sturze in völlige Vergessenheit gerieth, zeigte die Oktroyierung, dann Aufhebung der ersten Gesammtverfassung, den grollenden Widerstand der ungarischen Nation, erwähnte den Mordanfall des Ungarn Libeny, der Anlaß bot, die Entstehung der nahegelegenen Votivkirche zu erwähnen, die man vom Hörsaale aus im Abendlicht träumerisch stehen sah, und sagte dann, daß die Regierung bis zum Jahre 1859 erfolgreich schien, als Sardinien im Vereine mit Frankreich, das der verschmitzte Napoleon III. regierte, in Waffen aufstand und Kaiser Franz Josef, nachdem er mit der Schlacht bei Solferino den Feldzug verloren glaubte, mit Verlust einer Provinz Frieden schloß. Wir hörten dann die ersten Versuche schildern, zu constitutionellen Formen wirklich überzugehen, den Trotz der Ungarn, die ihre alte Sonderverfassung begehrten, die Sistierung der Verfassung, den unglücklichen Feldzug gegen Italien und Preußen und dann wieder die erneuerte Aufnahme der bis dahin erfolglosen Bestrebungen. Daran knüpften sich einige höchst dramatische Episoden aus dem Leben des Kaisers und aus der Geschichte seiner Familie, die Verbrennung einer Prinzessin aus der Familie des Erzherzogs Albrecht, das verunglückte Unternehmen des Erzherzogs Ferdinand Max, der auszog, ein Reich in Amerika zu gründen, und, als Aufwiegler verurtheilt, bei Queretaro den Ehrgeiz mit dem Leben bezahlte, die Figur der Kaiserin Charlotte, welche ihr Leben im Wahnsinn endete, den plötzlichen undnie ganz aufgeklärten Tod des hoffnungsvollen Kronprinzen Rudolf, wodurch der Kaiser um den einzigen direkten männlichen Erben gebracht wurde, und wir sahen den berühmten Habsburger unter all diesen Stürmen ungebrochen auf dem hin- und hergeworfenen Schiffe ausharren, über seiner Pflicht seines unermeßlichen persönlichen Leids vergessend, bis ihn neue Keulenschläge des Schicksals trafen, als er, großmüthig seinen nicht schuldlosen Gegnern die Hand zum Bunde reichend, in den fürchterlichsten Krieg verwickelt wurde, den die Welt gesehen, und wie er, obwohl er am Schlusse wieder siegreich seine Stellung behauptete, mit blutendem Herzen sehen mußte, wie russische Reiterschaaren im gesegneten Oesterreich hausten, ganze Provinzen verwüstet wurden, rauchende Trümmer ganz Polen und halb Ungarn bedeckten und die Bevölkerung des eben wieder aufblühenden Reiches decimirt wurde, so daß Oesterreich erst zu Anfang des 21. Jahrhunderts wieder die Bevölkerungsziffer vom Jahre 1890 erreichte. Während dieses letzten Sturmes, der auch Deutschland, Frankreich und Italien an den Rand des Abgrundes brachte und die Thorheit der Oesterreich feindlichen Politik ein zweitesmal erwies, war Oesterreich so erschöpft worden, daß die alte Gesellschaftsordnung sich nicht mehr halten ließ und eine neue eingeleitet werden mußte, die dem Staate unerschöpfliche Hilfsquellen eröffnete, weil sie dem Selbsterhaltungstriebe der Staaten alle jene wirthschaftliche Macht verlieh, welche vordem in den Händen einer tollen Plutokratiedazu diente, kindische Privatlaunen zu befriedigen.

Die fesselnde Schilderung dieser merkwürdigen Regierungsepoche verfolgte das Auditorium mit ungetheilter Aufmerksamkeit, und nachdem die ganz natürliche Veränderung der Gesellschaftsordnung in ihrer Entstehung, ihrem Fortschritte und ihrer schließlich siegreichen Durchführung dargelegt worden war, folgte eine psychologische Skizze des Monarchen jener Epoche die als ein philosophisches Cabinetstück zu betrachten war und frenetischen Beifall entfesselte. Der Vortragende zeigte die Ursachen, warum dieser merkwürdige Fürst solange und am meisten in Oesterreich verkannt wurde und welche Charakterstärke und welches antike Pflichtgefühl dazu gehörte, unter solchen Verhältnissen auszuharren. So groß auch nach dem Urtheile aller Zeitgenossen und dem Zeugnisse aller, die mit dem Kaiser arbeiteten, seine vielseitigen Talente und seine politische Begabung waren, so war doch sein Charakter noch weit mehr anzustaunen. Die unerreichte Selbstbeherrschung und die Versöhnlichkeit dieses Monarchen, wodurch mehr alseinboshafter Gegner überwunden wurde, sowie die Arbeitskraft und Ausdauer, die Franz Josef I. in persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten bewies, haben ihm den Beinamen des Standhaften erworben.

Zum Schluße erwähnte Professor Lueger, wie wir von Dr. Kolb wissen, ein Urenkel des Dr. Karl Lueger, dessen Andenken uns Chroniken und Spottlieder seiner Gegner erhalten haben, einerLegende über das Haus Habsburg. Er sagte, man behaupte, daß schon Kaiser Josef II. und nach seinem Beispiele Kaiser Franz Josef I. eine geheime Geschichte ihrer Regierung und der damit zusammenhängenden politischen Ereignisse und Familienerlebnisse schrieben, die niemand als dem jeweilig regierenden Familienoberhaupte zugänglich war. Sie wurde mit dem umfassendsten Urkundenmateriale belegt und der regierende Fürst suchte in den begleitenden Memoiren sich selbst auf das gewissenhafteste klar zu machen und den Nachfolgern zu überliefern, inwieweit Irrthum, Uebereilung und Leidenschaft des Regenten Antheil hatten an den Unglücksfällen, die das Reich und das Haus trafen. So bildete sich die Dynastie selbst und erzog sich zu einem Amte, das an Schwierigkeit seines gleichen nicht hatte auf dem ganzen Erdenrunde und seit Entstehung des Menschengeschlechtes. Die beschränkten Zeitgenossen des Monarchen hatten aber diese Schwierigkeiten niemals in Rechnung gezogen, sondern Erfolg an Erfolg gemessen, als ob jede Aufgabe gleich schwierig wäre.

Take it all in all, he was a man!

Der Professor schloß und verabschiedete sich mit einer freundlichen Handbewegung; der Saal erglänzte wieder in strahlendem Lichte und wir wollten eben über die Rampe nach einem Straßenbahnwagen eilen, als wir vom Hauspersonale benachrichtigt wurden, daß ein heftiger Regen niederprassle und wir über Stiege VI den Ausgang nach der Universitätsstraßenehmen möchten, wo die Waggons unter einer gedeckten Vorhalle anfuhren. Es waren über fünfzig bereit, welche alle Besucher der Abendvorlesungen, an tausend Fahrgäste, aufnehmen konnten, und wir theilten uns nach einem sinnreichen Verfahren in Gruppen nach Quartieren, wozu anwesende Ordner die Anleitung gaben. Als die Gumpendorfer Quartiere an die Reihe kamen, nahmen wir Platz, um heimzufahren. In der Mitte der Gumpendorfer Quartiere hielten wir unter einer gedeckten Halle aus Eisen und Glas und kamen durch eine unterirdische gedeckte Verbindung nach unserem Quartier. Man sagte uns, daß man von jedem Hause nach jedem Hause, auch zu den Palästen in der ehemaligen inneren Stadt, dem jetzigen Adelsviertel, bei schlechtem Wetter trockenen Fußes kommen könne und daß die Straßenbahnwagen zwar nicht über die Grenze des Adelsviertels verkehrten, aber zur Zeit der Empfänge Wagen genug aufgestellt seien, welche die Gäste von den Aussteigehallen nach der Burg oder den Palästen der Adeligen beförderten. Es sei das zwar eine nicht geringe Arbeit, da oft an 50,000 Menschen zu befördern wären, aber es seien über 1000 Wagen zur Verfügung und sie hätten nur kurze Strecken zurückzulegen. Uebrigens gehe man daran, die Tramway durch dieses Viertel, das nur ein großer, mit Palästen gezierter Park sei, zu führen, da man die Erfahrung gemacht habe, daß dieses Verkehrsmittel pneumatisch betrieben unddie Schienen durch Gärten geführt werden könnten, ohne diese zu verunstalten.

Nach dem Abendmahle stiegen wir über eine der hohen Treppen in das erste Stockwerk, wo wir uns leicht zurecht fanden, weil der Grundriß aller dieser öffentlichen Gebäude ähnlich ist, und gelangten in den Bibliothekssaal, der die Mitte des ersten Stockwerkes einnimmt und von kleineren Sälen umgeben ist, welche in den Gemeinden großentheils als Schulzimmer benützt werden, aber in den hauptstädtischen Quartieren als Spielzimmer, kleinere Lesecabinete und zu Vorlesungen vor kleinem Auditorium dienen. Der Bibliothekssaal, der seinem eigentlichen Zwecke nur entzogen wird, wenn wichtige politische Versammlungen der ganzen Gemeinde oder Schlußabstimmungen stattfinden, ist hoch hinauf mit Bücherschränken bekleidet, in welchen sich auch Repositorien für Karten und Stiche befinden, und der in diesem Saale angestellte Ordner zeigte uns, daß die Bibliothek schon 10136 Bände zähle. Wir nahmen einige amerikanische Zeitungen und Bücher, womit wir uns in ein leerstehendes Nebengemach zurückzogen, um zu lesen. Es erregte unsere Aufmerksamkeit, daß dieser kleine Saal, zu dem nur eine einzige Thüre führte, eine kleine Bibliothek enthielt, und in den Kästen sich nur blau gebundene Werke befanden. Dr. Kolb sagte uns, daß alle Bücher, die etwas enthalten, was vor Kindern und jungen Leuten geheimgehalten werden müsse, in blauen Bänden zur Aufstellung käme und daß auch solche Zeichnungenund dergleichen auf dieselbe Art kennbar gemacht würden. Solche Bücher, Zeichnungen, Modelle &c. würden in der kleinen Bibliothek verwahrt, zu welcher die jüngeren Leute und Kinder keinen Zutritt hätten, und es könne aus dieser Bibliothek nur an zuverlässige Personen etwas verliehen werden. Die Frauen wieder bänden ihre Geheimliteratur roth und in ihren Privatlesesaal hätten auch Männer keinen Zutritt. Uebrigens stehe der Antrag in Verhandlung, Kindern gegenüber größere Offenheit walten zu lassen, da man erwarte, daß sich auch da die Vernünftigkeit eines Abhärtungssystemes erweisen werde, vorausgesetzt, daß es schon vor Eintritt der Pubertät zur Geltung kommt.

Wir geriethen nach einer Weile wieder in ein Gespräch mit Dr. Kolb, der uns Aufschluß über das Bibliothekswesen und den Bücherverlag gab. Er sagte, die Reichscentralbibliotheksverwaltung zähle 300 ständige Beamte. Diese könnten aber natürlich nicht die unermeßliche Menge der immer aus dem Auslande zuströmenden Werke lesen und sich so auf dem Laufenden erhalten, daß sie jedermann Aufschluß geben könnten, der sich über einen Zweig der Wissenschaft oder Literatur orientiren wolle. Sie hätten genug mit der Katalogisierung und alljährlichen Ergänzung der gedruckten Kataloge und deren Neuherausgabe, welche alle 10 Jahre stattfindet, zu thun, auch liege ihnen die Bücherversendung aus den Centralbibliotheken und die Oberaufsicht über die Provinzbibliotheksverwaltungen ob, die wieder ineinem ähnlichen Verhältnisse zu den Kreisbibliotheken stünden. Die Kataloge seien gedruckt, umfaßten viele Bände und würden in jedem Lesesaale aufgestellt. Wie Gemeinde-, Bezirks-, Kreis- und Provinzbibliotheken zu dotieren sind, ergebe sich von selbst aus bibliothekstechnischen Grundsätzen und würden übrigens aus jeder Bibliothek Bücher versendet, wenn sie entbehrt werden können. In Wien sei ein Röhrensystem errichtet, wodurch es möglich wird, in kürzester Zeit Bücher aus den Hauptbibliotheken in die Lesesäle der Quartiere zu befördern. Dazu bediene man sich der Pneumatik. Die Menschenarbeit bestehe nur darin, die Bücher in die Wagen zu legen und diese in die Mündung der Röhren einzuführen. Jede Centralbibliothek habe 35 Lesesäle zu bedienen. In den Gebäuden der Centralbibliotheken selbst seien zahlreiche Arbeitszellen errichtet, in welchen Gelehrte, Künstler und auch andere Personen sich eine Handbibliothek zusammenstellen lassen können, um ungestört arbeiten zu können.

Wir berechneten, wieviele Bücher Oesterreich brauche, wenn mehr als 40000 Lesesäle, die Oesterreich besitzt, mit so großen Mengen von Büchern dotirt sind, und noch so bedeutende Reservoirs in großen Centralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, daß die Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur die Bezirksbibliotheken, deren es 2000 gäbe, reichhaltig ausgestattet seien. — Zwirner habe ihm übrigens erzählt, daß nach seinen Forschungen schon im 19. JahrhunderteDeutschland allein jährlich über 6000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, daß die Bücher meist jahrelang bei Buchhändlern müssig standen, dann kaum einmal gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert. Die Jahresproduktion betrage jetzt in Oesterreich alljährlich 40 Millionen Bände, also etwa viermal soviel, als im 19. Jahrhunderte in Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs 20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den letzten 20 Jahren constant blieb, so ergebe das allein für diese Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten inländischen und ausländischen Werke auf 50000. — Außerordentlich verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen Werken 45000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit, die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen,aber Dr. Kolb versicherte, er habe bei Zwirner einen Waarenkatalog von einem gewissen Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaaren und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren. Viel mehr als das könne man für die Literatur thun. Uebrigens werden chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schluße des Katalogs erwähnt.

Wir glaubten, eine Jahresproduction von 40 Millionen Bänden müßte die nationalen Papiervorräthe erschöpfen, aber auch das widerlegte Dr. Kolb, indem er darauf verwies, daß man den Papierverbrauch in Oesterreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2 Kilogramm per Kopf der Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminiren.

Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns Zwirner erschöpfende Mittheilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3000 Werke mit 40 Millionen Einzelbänden jährlich präliminirt und sei das Verlagsrecht gewissermaßen budgetmäßig auf Civilliste, Reich, Provinzen, Kreise aufgetheilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40 jährigen Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichenVerlags in 1000 Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuscript der Centralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuscripte an die Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich auch direct an die Civilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c. wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei, könne 1000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne jemandes Erlaubniß einzuholen.

Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50000 Mitglieder in allen Theilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen Wissenschaften und Literaturzweigen in Sectionen und Unterabtheilungen gliedere.

Die Regierung stelle dem Vereine ein Centralbureau, das sich derzeit in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken. Letztere Werke müßten die Mitglieder, welche sie verfaßt haben, selbst setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.

Der Verein habe dagegen der Regierung gewisseDienste zu leisten. Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle Vereinsthätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.

Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt, war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die Straße führte und zeigte, daß eben jetzt der Lastenverkehr beginne, der Waaren und Vorräthe von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe und dann den Unrath wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten an 60-70000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die Oesterreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Theil Dienst, trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirthschaftliche Arbeiten, den Briefdienst u. s. w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Aeltere wähle sich den Standort, der ihm gefällt, und dieJüngeren müßten die zugewiesenen Arbeiten übernehmen.

Eben waren die Unrathsgefäße weggefahren worden und die jüngeren Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Canälen. Dr. Kolb regte den Gedanken an, daß wir uns die Canäle besehen sollten. Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Canäle sind mehr als mannshoch, ganz trocken betonirt, können mit Glühlampen erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler Geruch kaum wahrzunehmen. Die Canäle stehen nämlich mit mächtigen Essen in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem setzt man vor dem Abstieg in den Canal einen mächtigen Ventilator in Bewegung.

Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei, mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr. Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der Zustände entziehe.

Es war Sonntag Morgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu wandern, um verläßliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen, wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob wir denn keine Cigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch, ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrath mehr. Der Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten wir in jedem Speisesaale Cigarren beziehen, da man jawisse, daß die Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst wäre es ja nicht gemüthlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen Speisesaale und erhielten richtig Cigarren für den Tag, nachdem die Daten der Aufenthaltskarte waren notirt worden. Das war uns sehr lieb, wir mußten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere Cigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei. Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der Mühe werth wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke darin enthalten seien, so müßten wir uns an die Hausverwaltung wenden. Wir verlangten aber für heute nicht darnach, denn es drängte die Zeit und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem und jenem, ob man hierzufrieden sei, hatten zu nichts geführt und obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen Getümmel erkennen, daß es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.

Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir, da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem Centralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Berathungszimmern und Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die alle Hände voll zu thun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.

Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote in's Wasser gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den Ruderern zur Seite fahren wollten.

Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben. Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen vertraut, Fremden gebe man eine Kartemit Provinzen und Kreisen, woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrothe Mütze, hellrotes Wamms und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte, die Farben seien von dunkelroth beginnend nach dem Prisma geordnet und zwar: dunkelroth, hellroth, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb u. s. f., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben. Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als dunkelroth-hellroth, hellroth-dunkelorange, u. s. w. bis zu schwarzroth wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches sei, sei die Kappe dunkelroth und da Sct. Pölten der zweite Kreis sei, — Wien bilde den ersten, — sei das Wamms hellroth, nachdem Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich das Band, das von den Schultern flattert.

Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem Gemeindepalaste.

Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte hielt eine Ansprache, mit einem Hurrah ging's zu Tische und da fehlte es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, daß er im Einzelkampfe den Meisterpreis erringenwerde. Die erschienenen Ruderer waren alle Meister in der Kunst, wohl trainirt und hatten bei kleineren Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war, daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens Momentphotographien auf, wodurch die Beurtheilung erleichtert wurde.

An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf telegraphisch nach Sct. Pölten und von dort über Wien weiter in die Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so daß man im ganzen Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: “Graz hat Vorsprung,” dann: “Linz kommt heran,” und “Pest überholt alle,” bis zuletzt Tulln, wie erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner stieg aus dem Boote und eilte dieTreppe der Frauentribüne hinan, um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin überreichte.

Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wußten, daß der Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg empfangen solle, und wir waren froh, daß unser Dampfer das rechte Ufer entlang fuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten. Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug bestieg, der ihn erwartete.

Wir zweifelten nicht, daß der Lorbeerkranz, der übrigens in den Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen Siegespreis.

Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen, weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.

Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering, wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist, wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären. Manbat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben, weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei, die hier Stärkung fänden.

In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen, da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere, todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu retten war.

Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz, aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß der Communismus auch seinGutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige Stunden verweilen würden.

Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.

Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in Graz zugestellt erhalten würden.

Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden Personen. Es waren drei angeklagt. — Ein 15jähriges Mädchen hatte sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen. Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite dieNachtwache hatte, war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.

Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.

Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.

Die Matrone aber wurde am härtesten bestraft, weil sie im Amte war und die Schuld einer Person hatte verhehlen wollen, die unter ihrer Aufsicht stand.

Sie traf zunächst dieselbe Strafe, wie die beiden anderen, außerdem aber verlor sie das Amt und dessen Vortheile, und wurde zu dreijährigem Nachdienen verurtheilt. Das seit vielen Jahren vorwurfsfrei bekleidete Amt gab ihr gesetzlichen Anspruch, nach dem vollendeten sechzigsten Lebensjahre in Ruhestand versetzt zu werden, und ihre Zeit wäre in zwei Jahren um gewesen. Nun sollte sie nicht nur weitere fünf Jahre dienen, wie der einfache Arbeiter, sondernnoch drei Jahre nachdienen, also erst nach vollendetem achtundsechzigsten Jahre arbeitsfrei werden.

Sie brach in Thränen aus und bat um Milderung. Der Beamte solle bedenken, daß ihr Sohn ein berühmter Arzt in Graz sei und sich bald vermählen werde; sie habe gehofft, zu ihm ziehen zu können und Enkel auf ihren Knieen zu wiegen. Sie habe doch nur aus Herzensgüte gefehlt.

Der Beamte entgegnete ihr, daß ein anvertrautes Amt gewissenhaft geübt werden müsse, und sie selbst müsse wünschen, daß Strenge walte, denn auch ihr Leben sei jederzeit von der Pflichttreue anderer abhängig. Sie habe das Leben von mehr als zweihundert Menschen in Gefahr gebracht und der Schade, der hätte verhütet werden können, sei auf mindestens 300 Arbeitsjahre zu schätzen.

Da traten die beiden jungen Uebelthäter vor und erboten sich, je vier Jahre Arbeitszeit auf sich zu nehmen, damit die Alte davon befreit werde.

Der Beamte lachte über diesen Vorschlag und sagte, sie seien junges Blut und dächten leichtsinnig von einer Last, die sie für ihre alten Tage auf sich nehmen. Er wisse, wie man ganz anders davon denke, wenn man alt geworden. Auch hingen sie noch von jenen ab, in deren Gewalt sie stünden, und dann stehe es nicht in Uebereinstimmung mit den Gesetzen, daß Freiwillige für einen Straffälligen eintreten. Endlich sei es der Verwaltung nicht gleichgiltig, wann die Arbeit geleistet werde, die einen theilweisen Ersatz schaffen soll.

Die Matrone erklärte nun, an den Bezirksbeamten berufen zu wollen, und bat den Tribun, sich ihrer Berufung anzuschließen. Da dieser aber die Bitte abschlug, hatte die Arme geringe Hoffnung, daß ihre Berufung Erfolg haben werde. Viele bezeigten ihr Mitleid, aber man fand das Urtheil doch gerecht und nicht übermäßig hart.

Die obdachlos Gewordenen waren schon versorgt und theilweise in benachbarten Ortschaften untergebracht und für den zweiten Tag waren schon alle Arbeitsleute bestellt, um den Bau in kürzester Frist wiederherzustellen.

In Graz erhielten wir alles Versprochene pünktlich übergeben.

Nichts von der Adelsberger Grotte, dem herrlichen Miramare, den Kriegsschiffen.

Oesterreich hat kein Heer mehr, da längst ein Abrüstungstraktat in Europa besteht; aber man unterhält eine sehr bedeutende Seewehr. Alle Continentalstaaten, welchen im Osten Rußland gegen Subsidien und Mannschaften vollen Schutz sichert, haben einen Küstenschutzverband verabredet und unterhalten nicht nur Küstenbefestigungen, sondern auch eine starke Marine, theils zum Schutze gegen England, das von Gibraltar bis zum rothen Meere aus allen Meeren und Inseln verdrängt worden ist, theils zum Schutze gegen die Raubstaaten in Argentinien und China, von wo aus die Piraterie schamlos betrieben wird.

Wir erkundigten uns, ob die Seeleute für den Handels- und Marinedienst ausgehoben würden, underfuhren, daß man dazu, wie auch für die Truppen, welche in Sibirien dienen, nur jene Freiwilligen nehme, welche dafür die geringste Entschädigung fordern. Natürlich könnten sie kein Handgeld fordern, aber sie begnügten sich meist damit, daß ihnen ein Friedensjahr für 18, ein Kriegsjahr für 24 Monate gerechnet würde.

Auch von Abbazzia und dem großen Feuerwerke, das dort zu Ehren fremder Gäste stattfand, brauchen wir wohl nicht zu berichten. Wohl aber will ich einiges von unserem kurzen Besuche am kaiserlichen Hoflager auf der Insel Lacroma erwähnen.

Wir fuhren am Freitag um drei Uhr auf einer kaiserlichen Yacht vom Festlande auf die Insel hinüber. Der Hof mied sonst die südlichen Gegenden in den Sommermonaten, aber auf den Wunsch der Frauen der kaiserlichen Familie hatte man heuer versucht, den Aufenthalt im Süden dadurch erträglich zu machen, daß man der Natur trotzte. Man schlief vom Morgen bis zum Abende und stand um sechs Uhr abends auf. Die ganze Insel und die weitläufigen Schloßgebäude waren die Nacht über feenhaft beleuchtet. Man hielt die Mittagstafel um zwei Uhr morgens.

Der Kaiser und die Kaiserin blieben auf den Schlössernincognitound verkehrten wie geladene Gäste. Die Repräsentation führte diesmal ein Graf Andrassy mit seiner reizenden jungen Frau. Es war aber bereits für Samstag die Uebersiedlung des Hoflagers nach der Rosenburg bei Horn festgesetzt.

Da die Bewohner der Schloßgebäude noch im tiefsten Schlafe lagen, führte mich, — Forest hatte sich einem anderen Begleiter angeschlossen, — eine Aufwärterin, die Tochter des Schloßverwalters, Anselma, in die kaiserlichen Gemächer, die den Besuchern geöffnet waren. Eine Brise vom Meere her kühlte die Luft ab und wir durchwanderten die weitläufigen Räume. Anselma lüftete zuweilen die schweren Verhänge, um mich nach den Gärten und Wäldern blicken zu lassen.

Dann kamen wir nach dem Cabinete, wo der Kaiser seine Amtsgeschäfte erledigt, und dem Secretariate. In das Arbeitszimmer des Kaisers und das Secretariat führen die elektrischen Drähte. In letzterem zeigte mir meine Führerin die Phonographen mit einer Anzahl von einzulegenden Rollen und sie sagte, daß um sieben Uhr abends die Sitzung des Ministerrathes und der Reichstribunen am Forum in Wien begänne und da finde eine genaue Aufnahme der Referate und abgegebenen Voten durch die Phonographen statt. Jene würden von den Secretären im Nu schriftlich übertragen und beinahe gleichzeitig mit den Verhandlungen vom Cabinetschef dem Kaiser vorgelesen, der seine Entscheidungen bekannt gebe und oft Aufklärungen fordere, oder Aufschub anordne, wenn er schriftliche Vorlagen für nöthig halte.

Die Amtsgeschäfte des Kaisers werden meist in einer Stunde erledigt.

Ich erkundigte mich, um was sich diese Verhandlungendrehten, und Anselma sagte, es würden immer die wichtigsten Vorkommnisse der letzten Tage besprochen. Sie könne mir darüber Aufschluß geben, da man keine Amtsgeheimnisse kenne und vor den Hausgenossen verhandle, die in den Amtsräumen beschäftigt sind. Gestern sei der Brand in Bruck a. d. Mur zur Sprache gekommen und habe besondere Aufmerksamkeit erregt, weil seit vielen Jahren kein so großes Schadenfeuer sich ereignet habe und die bedenkliche Thatsache vorlag, daß amtliche Pflichten verletzt wurden. Man hatte vom frühen Morgen an Berichte über das Ereigniß auf telegraphischem Wege eingeholt und der Statthalter in Graz war persönlich nach der Unglücksstätte abgegangen. Das Ministerium habe befunden, daß der Verwaltungsbeamte ohne alles Verschulden sei und daß sowohl sein Disciplinarerkenntniß, als auch seine Verfügungen wegen Wiederherstellung der Gebäude und ununterbrochenen Betriebes der Produktion volle Anerkennung verdienen, weshalb seine Beförderung bei nächster Gelegenheit ihm zugesagt wurde.

Meine Begleiterin zeigte mir zahllose Kunstwerke der verschiedensten Art und machte mich aufmerksam, daß alles, was die Privatgemächer des Kaisers bergen, von der Hand der Mitglieder der kaiserlichen Familie herrühre. Seit Jahrhunderten erlerne jeder Erzherzog ein Gewerbe und die Erzeugnisse seiner Arbeit, wohl selten ohne Beihilfe geschulter Arbeiter zu Stande gebracht, werden in den Wohnungen der Familie aufgespeichert. Aber auch der Kunst widmeten sichviele Erzherzoge und zähle die Familie der Habsburger nicht nur Schriftsteller und Compositeure, sondern auch Maler, Bildhauer, Medailleure. Dazu die Kunstfertigkeiten der Frauen.

Man hörte klingeln und Anselma lud mich ein, die Gemächer zu verlassen, weil sich der Kaiser eben ankleide, und dann den Weg in sein Arbeitszimmer nehme. Sie führte mich auf mein Zimmer und ich setzte mich in Stand, um mich beim Frühstücke einführen zu lassen.

Der Verkehr war zwanglos. Graf und Gräfin Andrassy wurden so behandelt, als wären sie die Herren des Schlosses. Der Kaiser, dessen Ansprache man abzuwarten hatte, sprach mit mir, als ihm mein Name auf seinen Wunsch war genannt worden, ungezwungen über Amerika. Er sprach von dem Präsidenten unserer Union, “seinem brüderlichen Freunde,” und erkundigte sich nach den Eindrücken, die ich in Oesterreich gewonnen. Ich sagte, daß ich davon sehr befriedigt sei und weit mehr Aesthetik im öffentlichen Leben fände, als bei uns. Das freue ihn zu hören, sagte der Kaiser; es sei, fügte er lächelnd bei, wie die Geschichte berichtet, nicht immer so gewesen. Gerade die Aufgabe des Monarchen sei es, auf Wohlanständigkeit im geselligen und öffentlichen Leben hinzuwirken. Denn politische Aufgaben habe die Staatsverwaltung kaum je mehr zu lösen. Der Reichthum von Jahrhunderten, den die Dynastie und der Adel im Auftrage des Volkes verwalte, müsse dazu dienen, den Schönheitssinn bei allen zu entwickeln,so daß dieser auch alle Umgangsformen und die Beziehungen unter den Staatsbürgern beherrsche. “Das leiseste Unrecht, ja eine bloße Rücksichtslosigkeit verletzt unser Gefühl und man beeilt sich, jedem Genugthuung zu geben, bevor er sie gefordert; man könnte sagen, wir haben ein verweichlichtes Gemüth. — Aber entschuldige, junger Freund, ich muß jetzt die Gräfin Andrassy zu mir bitten, um zu fragen, wie sie geruht hat.” — Wie ich mich grüßend erhob, schritt eben die Gräfin, dem freundlichen Nicken des Kaisers folgend, auf ihn zu.

Später sah ich den Kaiser im Gespräche mit Arbeitern aus mehreren Provinzen, die zur Besichtigung der Insel und Baulichkeiten gekommen waren und gleich jedem anderen Oesterreicher Zutritt am Hoflager hatten. Ich verstand nicht, wovon die Rede war, da der Kaiser nach alter Habsburger Sitte mit jedem in dessen Muttersprache spricht.

Die Habsburger müssen ein Gehirn haben, das hundertjährige Anpassung an eigenthümliche Bedürfnisse ganz absonderlich entwickelt hat. Auch der gegenwärtige Kaiser spricht zehn lebende Sprachen und beherrscht sie in Rede und Schrift. Er war von frühester Jugend auf von Männern und Frauen umgeben, die in den verschiedensten Idiomen mit ihm verkehrten; er lebte abwechselnd unter den verschiedensten Völkern seines Landes, er liest, schreibt, verhandelt in allen diesen Sprachen, und auch in einigen der wichtigsten außerösterreichischen Cultursprachen mit voller Sicherheit. Dazu besitzt er einungewöhnliches Personengedächtniß und Menschenkenntniß. Man behauptet, daß er die Namen, persönlichen Verhältnisse und den Beruf von mehr als zwanzig Tausend Bewohnern Oesterreichs kenne und nur in den seltensten Fällen bedürfe es einer Nachhilfe der Personen, die seine Umgebung bilden, um sein Gedächtniß auf die richtige Fährte zu bringen, wenn er jemanden nach langen Jahren wieder sieht. Man liest es ihm an den Augen ab, wenn es nothwendig ist.

Eben hörte ich ihn lustig ausrufen: “Ei, die Gräfin Taaffe! Schon wieder ausgekniffen von Ellischau?”

“Wir haben eine gar zu lederne Gesellschaft in Ellischau zusammengewürfelt bekommen,” sagte die junge Dame heiter. Aber der Kaiser hielt ihr lachend den Mund zu; er fürchtete einen medisanten Bericht und dergleichen durfte der Monarch gar nicht anhören. Es war aber nur eine Verlegenheitsausrede der allerliebsten Frau, einer jugendlichen schlanken Blondine. Sie war von der Kaiserin wiederholt zu geheimen Berathungen berufen worden. Die Kaiserin beabsichtigte, ihrem Gemahl ein Bildwerk aus Marmor nach ihren Ideen meiseln zu lassen. Sie war eine Schwester des Grafen Eduard Taaffe und dessen Frau eine Schwester des Künstlers, der die Arbeit auszuführen gebeten wurde.

Es sollte das Bildwerk eine dahinschreitende Venus vorstellen, die von Liebesgöttern ihrer Gewänder beraubt wird. Von den Räubern war ihr einer inden Nacken geflogen, kniet auf ihren Schultern und verschließt ihr mit seinen Kinderhänden die Augen. Die Göttin greift nach seinen Armen, um sich zu befreien, und diesen Augenblick benutzen die Mitverschworenen, ihr die Schulterbänder, den Gürtel und die Schuhriemen zu lösen.

Die Fürstin wollte mit dem Meister nicht selbst verkehren; sie fürchtete, es könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine Porträtstatue aus dem Kunstwerke werden, was der Kaiser übel vermerkt haben würde. Beschreibungen, Zeichnungen und Modelle wanderten hin und her und der Künstler — wir kannten ihn genau — hatte sich der Sache mit allem Eifer bemächtigt. Seine Ideen vervollständigten die Angaben der Kaiserin und führten daher zu Controversen.

Der Künstler wollte, daß die Ideenassociation des Beschauers berücksichtigt werde. Man solle denken können, daß die Göttin ihren Weg ungehindert fortsetzen werde, von bewundernden Amoretten umflattert. Das bedingte eine andere Einrichtung der Gewandung, als die Kaiserin geplant hatte, und der Künstler wollte noch einen Zephyr zu Hilfe nehmen, der die lose Gewandung an die Glieder der Göttin weht und die Hülle entführen helfen soll.

Von diesen Machenschaften wußte der Kaiser nichts und es war bereits ein herrlicher Block von milchweißem Marmor aus Griechenland für die Civilliste erworben worden, worüber die Beamten des Hofes und der Centralregierung unter Beiziehungdes Hoftribunes — die Ungarn nannten ihn den Tribuna latere— verhandelt hatten.

Eigenthümlich war das Auftreten der Hausgenossen. Es war schwierig, die alte Hofetiquette zu brechen und die Gleichberechtigung der Menschen zur vollen Geltung zu bringen, obgleich ja Christus gezeigt hatte, wie das Bedienen der Mitmenschen mit der vollen Menschenwürde zu vereinbaren sei, da er seinen Dienern die Füße wusch. Es war noch immer nicht erreicht worden, daß die aufwartenden Personen in der Gesellschaft gleich berechtigt verkehren konnten. Es waren alle Arbeiten der Hofhaltung durch mancherlei Behelfe veredelt worden. Man hatte ferner nur wohlgestaltete Mädchen und Jünglinge im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren an den Hof gezogen, die ein gewisses Maß von Ehrerbietung schon wegen ihrer Jugend bezeigen durften. Die Kleidung war natürlich würdig und erinnerte nichts weniger als an eine untergeordnete Stellung. In heißen Landstrichen liebte man, die Tracht der Römer und Griechen zu verwenden, wo es anging. Nur wenn die Hausgenossen Dienst hatten, legte man sich gegenseitig etwas Reserve auf. Niemand aber versäumte, jeden Wunsch mit einer freundlichen Bitte einzuleiten, und der Kaiser selbst vergaß nie, jede Handreichung mit einem “Danke, lieber Freund” oder “Vielen Dank, schönes Kind” zu erwidern. Hatten die Hausgenossen ihren dienstfreien Tag, so verkehrten sie seit einigen Jahren vollauf gleichberechtigt in der Gesellschaft. Das verdankte man dem Einflussedes Hoftribuns, der ein Ungar war und seit Jahren darum gekämpft hatte, daß man das Ceremoniell umändere, denn er pflegte zu sagen: “Jeder Ungar ist ein König.”

Der Kaiser aber wurde durch diesen edlen Stolz seiner Mitbürger nicht herabgewürdigt, sondern offenbar erhöht.

Nach dem Frühstück schlenderten wir in den Anlagen umher, machten Bootfahrten in Gesellschaft vieler Herren und Frauen, die uns, weil wir fremde waren, auszeichneten, und wir sahen den Fischern zu, welche ihre Netze auswarfen. Weit hinaus in's Meer warfen die Bogenlichter ihren hellen Schein, als wir endlich gegen elf Uhr heimkehrten, um an der Gesellschaft theilzunehmen. Es versammelten sich über hundert Personen im großen Park, wo auf einem weiten Platze kostbare Teppiche aufgebreitet waren, auf welchen man sich, wenn man nicht auf Stühlen oder Bänken Platz nehmen wollte, im Halbkreise lagerte.

Im Mittelpunkte der Gesellschaft saßen Kaiser und Kaiserin, dann Graf und Gräfin Andrassy, die mittlerweile zur Besichtigung einer Ausstellung nach dem Festlande gefahren waren, und dem Programme gemäß wurde ein berühmter Vorleser eingeladen, das Werk eines Dichters, der anwesend war, vorzutragen. Es war eine poetische Erzählung aus dem neunzehnten Jahrhunderte, von unbeschreiblicher Feinheit der Charakteristik und der Darstellung.

Als die Vorlesung beendet war, leitete der Kaiserdie Debatte ein und so sehr er auch das Werk lobte, sprach er doch einige Bedenken aus. Der Dichter vertheidigte sich und eröffnete Gesichtspunkte, die dem Kaiser entgangen waren. Man wollte das Urtheil der Frauen hören und eine junge Frau fand mehreres unzart. Das gab nun Anlaß, zu erörtern, ob der Dichter es an Zartheit hatte fehlen lassen oder ob er innerhalb der Grenzen des reinsten Schönheitssinnes nur berichtet habe, was zum Verständnisse der Zeit und der Menschen jener Periode, sowie, um den Gang der Handlung zu begreifen, nothwendig war.

Das Gespräch drohte allgemein zu werden, aber der Kaiser bat, einen parlamentarischen Vorgang einzuhalten, da es sich um ein Werk handle, welches Hoffnung habe, bei der nächsten Preisvertheilung den Lorbeer zu erringen. Literaten, Professoren und besonders auch Schauspieler wurden aufgefordert, ihre Anschauung zu äußern.

Der Vorleser selbst sprach sich rühmend aus. Er sagte, daß gerade er zu einem Urtheile berufen sei, da sich ein gutes Werk leichter lese und es den Vorleser mit fortreiße. Das gelte besonders von einem neuen Werke, das der Recitator noch nicht kennt. Wäre irgend etwas dunkel, irgend eine Andeutung zu schwer zu verstehen oder etwas am unrechten Orte beschrieben, so würde der Vorleser auf Schwierigkeiten stoßen, eine vollendete Wiedergabe zu bieten; auch lese sich nur das leicht, was mitvollendeter Beherrschung der Sprache verfaßt und auf einen fließenden Vortrag berechnet sei.


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