Da nun der Dichter noch einiges zu seinen Gunsten vorbrachte und manchen Tadel siegreich widerlegte, schlug der Kaiser vor, man solle über die Frage abstimmen, ob hier ein Meisterwerk vorliege, an dem nichts zu tadeln sei. Alle stimmten für den Dichter, an den die Gräfin Andrassy herantrat, um ihm Glück zu wünschen.
Es wurde jetzt das zweite Frühstück gereicht und man stellte dann Bilder. — Zwischen zwei hochstämmigen Bäumen schlossen sich zwei mächtige Teppiche, hinter welchen die Aufstellung vor sich ging. So oft sich die Teppiche öffneten, bot sich ein entzückendes Bild, in welchem bekannte Scenen aus der griechischen Göttersage dargestellt waren. Die Frauenschönheit feierte Triumphe und umgaukelte unsere Sinne mit einer für Amerikaner unerhörten Freiheit. Ein unermeßlicher Schatz von Juwelen und Prachtgewändern, Gefäßen und Waffen bildete das Beiwerk.
Als der Vorhang für die Aufstellung des letzten Bildes zugezogen wurde, hörte man geschäftig hin und her laufen, es wurde gehämmert und die Pause verlängerte sich eine gute Weile. Man war in gespannter Erwartung. Als die Vorhänge sich öffneten, bot sich uns ein überraschender Anblick dar.
Es war die Darstellung der Anpreisung einer Sklavin, die römischen Patriciern zum Kaufe angeboten wird, nach einem alten Bilde. Durch einengroßen Rahmen und die getroffenen Anordnungen, welche den Raum hinter dem Rahmen abschlossen, als spielte die Scene in einem Gemache, war der Eindruck hervorgerufen, als hätte man das herrliche Gemälde wirklich vor sich. Linker Hand stehen die Verkäufer, einer hinter dem andern, gemeine Menschen, den Blick auf die Käufer gerichtet. Der vordere von den Beiden zieht der Sklavin das Gewand vom Leibe, welches sie festzuhalten sucht, und hält sie roh am Arme, um sie zu verhindern, daß sie sich schamhaft abwende. Der alte Römer, der ihr gegenüber sitzt, ein schönes Gefäß auf den Knieen haltend, mit einem breiten unedlen Kopfe, hat ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, und verräth Bewunderung und mühsam unterdrückte Begierde. Hinter ihm auf der rechten Seite des Bildes, der Sklavin zugewendet, steht ein junger Mann, ein Knie auf den Stuhl gebogen, dessen Lehne er mit beiden Händen hält. Auch sein edles Gesicht ist in den Anblick der reizenden Sklavin versunken. Diese Figur stellte ein junger Prinz vor, der das ganze in's Werk gesetzt.
Die Sklavin war die liebreizende Anselma, die herrliche leuchtende Gestalt der Jungfrau war ebenso entzückend, wie die edle Haltung, die Scham und Keuschheit zum Ausdrucke brachte.
Unser Athem stockte, kein Laut ließ sich vernehmen und geraume Zeit blieb das Bild stehen, um uns Muße zu lassen, alle Einzelnheiten zu bewundern. Es schien, daß man der schönen Anselma freigestellt hatte, die Dauer der Vorstellung zu bestimmen,denn wir glaubten, sie etwas flüstern zu hören, als die Vorhänge rasch zugezogen wurden.
Jubelnder Beifall erscholl. Der junge Patricier kam in seiner römischen Gewandung hervor, während Anselma nach ihrer Wohnung gebracht wurde, und der Kaiser befahl ihm, Anselma zu bitten, den Dank des Monarchen entgegenzunehmen, sobald sie sich würde angekleidet haben.
Das Bild wurde besprochen und ebenso die Kunst des Malers, wie die Sorgfalt der Darstellung und die Schönheit Anselmas gerühmt. Nun kam sie, von dem jungen Manne geleitet, in einem herrlichen Gewande aus elfenbeinfarbigem Stoffe, das nur die Arme unverhüllt ließ, und als sie vor den Kaiser trat, sagte er: “Herzlichen Dank, schöne Anselma, für die Gnade, die du uns erwiesen.” — Doch die Kaiserin erhob sich mit den Worten. “Nicht so, lieber Rudolf, können wir soviel Liebreiz, Anmuth und Güte abdanken;” und sie faßte Anselma an den Schultern, um sie zu küssen. Dann schob sie die Jungfrau vor den Kaiser, daß auch er sie küssen solle, und das that er mit den Worten: “Sind wir nicht Schwester und Bruder?” — “Das sind wir,” sagte Anselma, “so lehrt es uns Jesus von Nazareth und meine Eltern haben mich von frühester Jugend an ermahnt, mich nicht geringer zu halten, als irgend jemand, der auf Erden wandelt.” — “Daran erkenne ich meinen Perger!” sagte der Kaiser lachend, “treu wie Gold, aber voll trotzigen Selbstbewußtseins!” — Darauf ergriff nun ihrerseitsdie Jungfrau die Hände des Kaisers mit den Worten: “Du hast vorhin Deine Schwester geküßt; ich mache von meinem Rechte Gebrauch und küsse meinen Bruder.” — Darauf bog sie sich über den Kaiser. Wir waren begierig, zu sehen, wie sich der Fürst benehmen würde. Er sagte: “Wohlan, ich will Dich schirmen, wie ein Bruder und wer Dich kränkt oder beleidigt, an dem will ich mit eigenen Händen Rache nehmen.” So fand sich der stolze Fürst in die ihm bereitete Lage und benahm dem Vorgange alles Zweideutige.
Es trat jetzt Prinz Lobkowitz an das Mädchen heran, das der Liebling aller geworden war. Es nahm erröthend seinen Arm und er entführte uns die Liebreizende. Da ich meinem Nachbar, einem jungen Künstler zuflüsterte, daß man in Amerika ein Mädchen für beschimpft hielte, das eine solche Rolle in Gegenwart von Männern übernehme, sagte dieser es sei dies auch in Oesterreich bis jetzt nie erhört worden, aber es sei nicht zu zweifeln, daß Anselma nicht ohne die Einwilligung der Frauencurie gehandelt habe, die wohl in Anbetracht des künstlerischen Vorwurfes zugestimmt habe. Darum sei auch Anselma vor jedem Tadel sicher und habe keine Unehre zu fürchten.
Die Gesellschaft brach auf, um auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zu pilgern, wo die Tafel bereitet war. Man speiste diesmal nicht im Garten, sondern es hatte der Haushofmeister die Tafel im Schlosse rüsten lassen. Es waren schon geraumeZeit bedrohliche Wetternachrichten aus Spanien, dem südlichen Frankreich und Italien eingelaufen und nach der Windrichtung war nicht zu zweifeln, daß bald ein Ungewitter losbrechen würde, obgleich wir noch Sterne am Himmel sahen.
Nach dem zweiten Gange prasselte auch ein Regenschauer, begleitet von Donner und Blitz, nieder und da man in den Sälen tafelte, die der Wetterseite gegenüber lagen, konnte man das Naturschauspiel bei offenen Fenstern genießen. Die berühmte meteorologische Reichsanstalt auf der Hohen Warte bei Wien hatte das Auftreten des Gewitters in Lacroma um fünf Minuten zu früh berechnet.
Wir aber reisten bei Morgengrauen ab, weil uns interessante Dinge nach Tulln riefen.
Wir setzten uns am nächsten Abend, Samstags, mit Zwirner im Parke unter einen schattigen Baum und baten um die längst versprochenen Aufschlüsse über die Frauen. Zwirner sagte Folgendes: Man habe ursprünglich in den Tag hinein gelebt und die vorsorgliche Regierung habe sich begnügt, täglich den Geburtenüberschuß bekannt zu geben und allmonatlich eine Uebersicht des wachsenden Mißverhältnisses der Erwachsenen und der erziehungsbedürftigen Jugend ziffermäßig nachzuweisen.
Man begriff sofort, daß man zum Rechten sehen und daß das Volk über eine Gesetzgebung in Ehesachen schlüssig werden müsse. Ein Grübler verwies auf die Bemerkungen Platos in seinem Buche vom Staate und auf die Lehren Christi im Evangelium Matthäus 19, 11. 12, welche er auf seine Weise auslegte. Man verlangte Gesetze und in allen Gemeinden berieth man hin und her, um den richtigen Ausweg zu finden. Da entstand nun die Frauencurie. Die stimmberechtigten Mädchen und Frauen wollten sich in diesen Fragen nicht überstimmen lassenund forderten Abstimmung nach Curien. Diese Curien stimmten später auch noch abgesondert über Mutterrechte und einen Gesammtcodex für den Verkehr der Geschlechter.
Es wurde ermittelt, daß zur Zeit der alten Gesellschaftsordnung von sechs, sieben oder acht Frauenspersonen im Alter von 16-45 Jahren jährlich nureineein Kind zur Welt brachte. Man kannte die ältere Literatur für und wider den Malthusianismus und kannte die Geschichte des Verkehrs der beiden Geschlechter seit Onan, dem Gatten Thamars.
Nach mehrmonatlichen Verhandlungen, Anhörung der Aerzte, und nachdem auch festgestellt worden war, daß durch die vermehrten Geburten vor allem eine bedenkliche Vermehrung der Cretins, Krüppel und voraussichtlich Arbeitsunfähigen herbeigeführt wurden, wurde unter Annahme vieler Detailgesetze beschlossen, daß nur die gesündesten Mädchen und Jünglinge in einer bestimmten, verhältnismäßigen Anzahl zur Ehe zugelassen werden sollten und die anderen Mädchen, wenn sie ein illegitimes Kind zur Welt brächten, in Strafe zu nehmen seien.
“Nun sehen wir doch endlich die Tyrannei eingestanden,” rief Mr. Forest frohlockend aus.
“Es handelte sich um ein offenbares Volksinteresse und die Gesetze wurden vom Volke selbst vorgeschlagen und angenommen und es waren doch unter den Gesetzgebern die von der Ehe Ausgeschlossenen in der Mehrheit, also ist von einer Unfreiheit keine Rede. Uebrigens werdet ihr hören, daß ich nur von einervorübergehenden Phase unserer Gesetzgebung im vorigen Jahrhundert spreche.”
“Aber wie kann ein solches Gesetz aufrecht erhalten werden und welche Unsittlichkeiten muß das im Gefolge habe?”
Zwirner sagte, die künftigen Ehefrauen seien zu jener Zeit, wie auch heute noch, schon als kleine Kinder ausgewählt worden, da die Aerzte ein scharfes Auge hätten für Konstitution und Gesundheit und da auch die Sektionen der Voreltern bekannt wären. Auch auf Schönheit sehe man und nun ließe man den künftigen Ehefrauen die Haare frei wachsen, den anderen schneide man die Haare kurz, und so wüchsen sie auf und erführen in einem Alter, wo noch jedes Verständniß mangelt, was ihnen bestimmt sei. So spielten sie auch ihre Rollen und es falle bis zu einem bestimmten Alter nicht auf, wenn etwa, späterer Beobachtungen wegen, das eine Mädchen, das Flechten trug, geschoren würde, einem anderen, das geschoren war, die Haare in Flechten wüchsen. “Sind die Mädchen einmal schon nahezu reif zur Ehe, haben sie schon Pläne im Kopfe und sich den Hochzeitstag ausgemalt, dann sind allerdings schonende Mittheilungen und Vorstellungen erforderlich, wenn ein Irrthum zu corrigiren ist; aber es muß sich jedes Mädchen fügen. Man sieht sie, ehe die Flechten fallen, mit rothen Augen und sie verlangen auch wohl, vorher in die Fremde gebracht zu werden, weil sie sich vor ihren Gespielinnen schämen, den Haarschmuck zu verlieren, der ihr Stolz war.”
“Wenn eine künftige Braut eines Fehltrittes überwiesen wird, begegnet ihr dasselbe strafweise, es wäre denn, daß ein junger Mann, gewiß der Mitschuldige, vorausgesetzt, daß ihm die Ehe verstattet ist, sich innerhalb acht Tagen erböte, die Ehe mit ihr einzugehen.”
“Nun muß ich auf die ältere Periode unseres gegenwärtigen Volkslebens zurückgreifen und jener Gesetzgebung erwähnen, die außer Kraft gesetzt wurde. Wegen der Geburt eines illegitimen Kindes verfiel damals das Mädchen, wegen Ehebruches die verheirathete Frau, in öffentliche Strafe. Die härteste Strafe war damals, daß man die Schuldige zum Büßerhemde verurtheilte. Es war aus grauer Leinwand und hat den ganzen Leib eingehüllt, nur Mund und Augen sind freigeblieben. In ihrer Schlafkammer allein durfte die Sünderin es ablegen, außer ihrer Kammer nie und außer ihrer Kammer durfte auch niemand mit ihr verkehren, noch über andere, als dienstliche Angelegenheiten mit ihr sprechen. Bei Abstimmungen oder Belustigungen mußte sie hinter allen zurückbleiben. Sonst ist ihr kein Leid widerfahren, aber das Erscheinen dieser Person hatte etwas erschütterndes.”
“Die Schuldigen selbst haben sich bald daran gewöhnt und, wenn es ihnen zu hart schien, konnten sie ja, was wir jedem erlauben, der mit seinem Lose in der Gesellschaft unzufrieden ist, ausscheiden und sich ihren Antheil am Nationalvermögen herausgeben lassen, womit sie aber auf die Vortheile der Gesellschaftverzichteten, und mußten sie dann zusehen, wie sie sich selbst fortbrächten, oder sie konnten in die Colonieen, die wir in Afrika haben, auswandern und so ihr Büßerhemd loswerden. Auch in den Colonieen genießt der Oesterreicher volle Versorgung vom Staate, er ist nicht seinem guten Glücke überlassen und er beginnt dort wie hier mit geregelter Arbeit und gesicherter Lebensstellung, wie wir auch jedem auf Wunsch Grund und Boden und ein Haus in der Colonie zu Lehen geben, wenn er allein oder in Familie leben will. Allein dort ist die Sterblichkeit für Einwanderer so groß, daß wir es für Mord halten würden, jemand zur Auswanderung dorthin zu zwingen. Wollte die Sünderin mit ihren Kindern sonst wohin auswandern, so ermöglichte es der Staat, aber die Liebe zur Heimath ist so groß, daß zu jener Zeit beinahe alle diese schönen Sünderinnen das Büßerhemd vorzogen. Junge Leute wandern übrigens unternehmungslustig zuweilen aus, bevor sie mit den Gesetzen in Widerspruch gerathen, und will ich nur noch bemerken, daß wir wegen Mord oder anderer großer Verbrechen niemals Strafe verhängen, wenn der Verbrecher die Verbannung selbst wählt. Wir wollen, daß die Verbannung härter scheinen solle, als selbst der Tod.”
“Nun muß ich weiters erwähnen, daß übrigens auch damals das Gesetz gegen illegitime Geburten nur im Nothfalle angewendet wurde, wenn nämlich deren Zahl derart überhand nahm, daß es wirklich bedrohlich wurde. Einige tausend solcher Geburten,besonders wenn die Kinder doch kräftig und gesund waren, erschienen nicht als eine Last, die zu großer Strenge berechtigt hätte; es sollte nur Nothwehr geübt werden, wenn große Uebelstände drohten. Sehr oft also wurde ein solches Mädchen nur mit einem Verweise der ältesten Frau im Orte entlassen.”
“Allein selbst diese schonende Anwendung eines Gesetzes, das an eine böse Vergangenheit erinnerte, war unsern Vätern ein Gräuel und so fand sich bald ein Ausweg. Die Hauptgrundsätze sollten beibehalten werden; Fortpflanzung der kräftigsten Menschen innerhalb einer Grenze, die kein zu rasches Anwachsen der Bevölkerung erwarten ließ, Kinderlosigkeit der von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen, Ahndung des Ehebruches einer Frau, die nicht die Scheidung erwirkt hatte; aber wir hoben die alten Strafgesetze auf.”
“Die Frauencurie, von der wir noch zu sprechen haben werden und die ihre geheime Organisation hat und von weiblichen Aerzten vortrefflich und auch über manche uns geheim gebliebene Naturgesetze berathen ist, stellte den Antrag, wir sollten jene Strafgesetze aufheben und alle verwirkten Strafen erlassen; sie wolle sich dafür verbürgen, daß, was das Gesetz beabsichtige, ohne solche Strafen erreicht werde, man möge es aber der Frauencurie überlassen, das so zu bewirken, wie sie es für gut hielte.”
“Aber bei der Auswahl der künftigen Ehefrauen, dem Abschneiden und Wachsenlassen der Haare möge es wie von altersher verbleiben, nur verlange man, daß die Begutachtung der Gesundheit von Mädchennicht von den Aerzten allein, sondern von ihnen in Gemeinschaft mit einer Vertrauensperson der Frauencurie und einer Vertrauensperson der Mutter des Mädchens geschehe, und darauf ist man eingegangen. Wir können damit ganz zufrieden sein; es ist zur feststehenden Sitte geworden, daß kein weibliches Geschöpf das Gesetz übertritt, und ist übrigens das Frauenleben zum Theile ein Geheimniß für uns.”
“Die Frage, was die Nothwendigkeit, das Geschlechtsleben mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, für Folge für die Sittlichkeit mit sich bringe, könnt ihr euch ja zum Theile selbst beantworten, da mir Dr. Kolb erzählt, daß darüber vor euch im hygienischen Congresse verhandelt wurde. Wir pflegen nicht davon zu sprechen, da es Dinge giebt, die man heilig hält und die eine Besprechung bloß der Neugierde wegen nicht gestatten. Wer dazu berufen ist, mag darüber in gelehrten Versammlungen zum Zwecke der Förderung des öffentlichen Wohles sprechen, oder in gleicher Absicht in Fachblättern schreiben, aber ein Gesprächsstoff allgemeiner Art ist dergleichen nicht. Entbindet mich daher von der Aufgabe, mich auf Einzelheiten einzulassen, die unserem Zartgefühle widerstreben. Wir geben uns aber nicht für Heilige aus, wir verabscheuen nichts mehr als den Pharisäismus, wir schweigen nicht, weil wir Gott danken, daß wir nicht sind, wie diese und jene, sondern weil wir uns die Freude am Weibe nicht selbst zerstören wollen.”
“Im Allgemeinen nur sagen wir, daß man vonden Menschen nichts Unmögliches, also Unvernünftiges, hoffen darf; es ist uns nicht gestattet, jemand Lasten aufzubürden, die wir selbst mit dem Finger nicht berühren möchten. Unter vielen Uebeln das kleinste zu wählen, ist in sittlicher Beziehung genug, und Aufgabe der Menschen ist, vorwärts zu streben und unablässig auch für das kleinste Uebel wieder Abhilfe zu suchen, sei es auch, daß wir doch wieder nur ein neues, wenn auch kleineres Uebel fänden. Wir können nur sagen, daß einerseits aus religiöser Schwärmerei, die manche alte Männer zu verbreiten suchen, andererseits aus Schamhaftigkeit sich sehr viele Mädchen von der Geschlechtsliebe ganz zurückziehen. Aber es bestehen gerechte Zweifel, ob das selbst für jene, die der Ehe entsagen mußten, sittlich gerechtfertigt ist. Es wird behauptet, daß sie sich dadurch das Leben verkürzen, und die Schwachheit des anderen Geschlechtes, der unvermählten Männer, erheischt ja auch Schonung.”
“Wie ihr bemerken werdet, sind unsere Mädchen und Wittwen gleichweit von Prüderie, wie von Frechheit entfernt, und ist uns eine anmuthige Geschichte aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts überliefert. Ein fremder Prinz, der für Frauenschönheit schwärmte, war in der Hofburg abgestiegen und unser damaliger Kronprinz hörte, daß jener besonders das goldblonde Loreleyhaar vergöttere. Noch am selben Morgen hatte der Kronprinz festgestellt, daß Oesterreich über 150 der schönsten Mädchen mit langen goldblonden Haaren besitze, die im Alter von 15-18 Jahrenständen, und auf seine Einladung waren alle am nächsten Morgen mit ihren Müttern in Wien angekommen. Am Abend, als die Versammlung im großen, weißen Marmorsaale conversirte, wurde die Mitte des Saales geräumt und Hof und Gäste sich im Kreise auf Stühlen niederzulassen eingeladen, worauf sich Feenmusik hören ließ und durch die geöffnete Saalthüre eine Schaar von Elfen in weißer Tracht und Geschmeide tanzenden Schrittes hereinschwebte, mehrmals den Saal langsam umkreiste und wieder verschwand. Die Mädchen kleideten sich sofort um, um heimzufahren. Niemand durfte folgen. Aber man war wie gelähmt davon, zu sehen, daß die jungen Damen, welchen die goldenen Haare frei um den Rücken flatterten, nicht nur die nackten Füße in goldschimmernden Sandalen stecken hatten, sondern daß auch ihr künstlich drapirtes mattweißes Oberkleid, nur auf der rechten Schulter von einer Agraffe festgehalten, die linke Achsel und Brust frei ließ. Der Kronprinz hatte diese Oberkleider, die ja nicht an den Leib zu schneidern waren, mittlerweile anfertigen lassen und Geschmeide und Sandalen gab es von den Bühnen und in der Schatzkammer in Menge. Die jungen Damen und ihre Mütter waren, an dem Vorschlage überrascht, nach kurzem Besinnen darauf eingegangen und so war es gelungen.
Die Kronprinzessin schmollte, der Kaiser zweifelte, ob man nicht zu weit gegangen sei, aber der fremde Prinz erging sich in lebhaften Danksagungen.
Das Reichsblatt berichtete alles getreulich unddie Curien der Frauen und Mädchen traten sofort zusammen, um zu berathen, was zu thun sei. Die Frauenzeitung, welche von Frauen redigirt und gedruckt, in gut verschlossenen Couverts verschickt, nur von Frauen und Mädchen gelesen wird und in die noch nie ein Männerauge einen Blick geworfen hat, muß vielerlei Bemerkungen und Anträge enthalten haben, bis nach vierzehn Tagen das Verdict der Frauen und Mädchen Oesterreichs verlautbart wurde. Die Elfen und ihre Mütter wurden von aller Schuld freigesprochen, da sie überrascht worden waren. Gerade auf Betreiben der älteren Frauen wurde auch erkannt, die Schicklichkeit sei doch nicht verletzt und man befürchte keine üblen Folgen, da man strenges Regiment führe und nicht dulden werde, daß dergleichen zu weit gehe. Auch wüßte jedes Mädchen in Oesterreich, Bewerber in gebührende Schranken zu weisen, aber daß dergleichen einem fremden Prinzen zu Ehren geschehen und man glauben könnte, von solchem müsse sich eine Oesterreicherin mehr gefallen lassen, als von ihres gleichen, das habe empört und man beauftragte das Reichstribunat, dem Kronprinzen die Mißbilligung auszusprechen. Es verfügte sich auch der älteste Reichstribun im Auftrage seiner Collegen zum Kronprinzen, der die Mittheilung achtungsvoll anhörte und bat, die Frauen und Mädchen in Kenntniß zu setzen, daß er sich schuldig bekenne und dergleichen nicht wieder thun wolle, aber um die Gunst nachsuche, wieder zu Gnaden aufgenommen zu werden. Das meldete wieder pflichtschuldigst dieReichszeitung und zum Zeichen der Versöhnung wurde beschlossen, der Kronprinzessin ein Spitzentuch zu klöppeln, wie ein schöneres noch niemals zu sehen gewesen.”
“In Anlehnung an jene Scene hat sich für die jährliche Brautschau, wo die Ehecandidaten beider Geschlechter, insgesammt unbewacht, aber gewiß in strenger Zucht und Ehren, verkehren, eine Sitte, oder nennen wir es eine Unsitte, herausgebildet, von welcher man aber Fremden nichts verrathen darf.”
Zwirner schien aber seine Gedanken jetzt nicht bei uns zu haben.
Wir schwiegen und gedachten unserer Liebesabenteuer auf der Reise nach Abbazzia. Denn so ganz unbegnadet verläßt ein Reisender nicht leicht das gastfreie Land, wo jede unschädliche Freiheit Duldung findet. Die Wittwen und die Mädchen mit verschnittenen Haaren verkehren frei mit jungen Männern, ohne aber lästige Zudringlichkeit zu dulden. Es ist auch nicht im geringsten anstößig, wenn sie Fremde oder männliche Genossen auf ihre Stube laden, um mit ihnen ungestört zu plaudern, mit ihnen ein Buch zu lesen, ihnen Stickereien oder Zeichnungen zu zeigen und hört man überall in den Frauencorridoren, viele von ihnen wohnen in ihnen besonders vorbehaltenen Corridoren, schäckern, lachen und plaudern und weiß man auch, daß solchen Besuchen eine Einladung vorausgegangen sein muß, so weiß man doch auch, daß daraus noch nicht das geringste gefolgert werden kann und es sich in der Regel nur um eine Höflichkeithandelt. Es gilt das auch keineswegs schon als eine Aufmunterung und meistens folgt dem leisesten Zeichen von Galanterie, die Wünsche verrathen läßt, auf welche die Schöne nicht eingehen will, eine deutliche, aber nicht unfreundliche Ablehnung. Es bleibt die Antwort aus, das Lächeln macht einem leichten Stirnrunzeln Platz, auch heißt es wohl: “Ergehen wir uns lieber im Garten”, und wird dann die Einladung auf die Stube schwerlich wiederholt. Unter zehnmal mag es aber doch einmal vorkommen, daß man fühlt, man dürfe langsam weiter gehen, und so ist es mir, vielleicht auch Mr. Forest, ja auch einmal ergangen, aber wehe mir, wenn jemand hätte errathen können, wer mir hold gewesen. Ich hätte unfehlbar abreisen müssen; Oesterreicher aber, die nicht schweigen können, werden in Bann gethan und Fluch derjenigen, die einem solchen Gunst erweist. Sie wäre vervehmt.
Ich dürfte nicht einmal verrathen, an welchem Orte mir Heil widerfahren war. Das wäre eine schöne Sache, wenn die Welt erführe, die Frauen in dieser oder jener Gegend seien entgegenkommender, als wo anders. Es sehe jeder, wie er's treibe.
Man fühlt es bald heraus, wo man Hoffnung hat, Gunst zu finden, obgleich die Anzeigen einem Dritten nicht erkennbar sind. Nur die Frauen scheinen sich immer zu verstehen; ihre Wege kreuzen sich nie. Dann aber ist es nicht gestattet, täppisch zuzugreifen. Die kleinste Gunst will erworben und erstritten sein; es entspinnt sich ein Kampf, zu dem sich zwar beideTheile stellen, der aber den Sieg verzögert, oft lange verzögert. Das brennendste Verlangen muß der begehrende Mann zu zähmen wissen, will er der Gunst theilhaft werden, deren sich nur jener erfreut, der weiß, und gesteht, daß er sie nicht verdient und daß sie ihm nur als Geschenk gewährt werden kann. Dieses lang hingehaltene Warten erhöht aber auch das Glück und wir lernen in diesem Lande die käufliche Gunst hassen. Wie kann sich ein Mann so erniedrigen, ein Weib zu umarmen, das, von Allen verachtet, sich selbst verachtet?
Giebt uns aber nach langem Zögern ein Blick der Umworbenen Vollmacht, die Thüre zu verriegeln, dann entschädiget uns auch eine unvergleichliche Liebesglut für die Selbstbeherrschung, die wir uns auferlegen mußten, und wer die Umarmung eines Weibes genossen hat, das sich seiner Würde bewußt bleibt, wird niemals an einer Hetäre Gefallen finden.
Eines noch sei erwähnt. Zu ganz hoffnungslosem Werben verleitet uns die Oesterreicherin nie. Das grausame Spielen mit Gefühlen, die unerwidert bleiben sollen, hält das Weib hier zu Lande für eine Verruchtheit. — Die ganze Gesellschaft in Oesterreich durchweht ein so homogener Zug eines lebendigen Gefühls für Würde und Wahrhaftigkeit, daß jeder, der diese Luft einathmet, erzogen wird und er sich bald zurechtfindet in diesem Liede ohne Worte: “Liebe und Frauengunst”, ein Lied, das in Vergessenheit gerathen war in der traurigen Epoche,in der das feile Weib mit dem gleichermaßen feilen Manne verächtliche Buhlschaft trieb.
Man hörte “Zwirner” rufen und dieser erhob sich mit den Worten: “Kommt mit auf meine Stube, wir haben Versammlung.” — Es erwarteten ihn dort acht Altersgenossen, die uns begrüßten und nachdem man fehlende Stühle aus den Nebengemächern herbeigeschafft hatte, wählte man Zwirner zum Obmanne, der die Versammlung eröffnete. Er begann: “Ihr wißt, Freunde, daß zwei Gesetzesvorschläge in Berathung stehen; die Aufhebung des Adels und die Beseitigung der Monarchie. Die nach der Verfassung erforderlichen zwanzig, beziehungsweise vierzig Bezirke haben zugestimmt und der Antrag ist genügend unterstützt. Die Verfassung schreibt vor:” — Zwirner hatte die Verfassungsurkunde mit den beigedruckten Voten sachkundiger Forscher vor sich liegen und es ging daraus hervor, daß der erste Antrag sofort mit einfacher Stimmenmehrheit angenommen werden kann, der Beschluß aber im Falle eingelegten Vetos über ein Jahr erneuert werden muß. Dann kann das Veto nicht wiederholt werden; wird der Antrag aber bei der ersten oder zweiten Abstimmung vom Volke verworfen, so darf er vor Ablauf von zehn Jahren nicht wieder eingebracht werden.
Der zweite Antrag erfordert zur Annahme eine volle Zweidrittelmajorität und es ist zwar kein Veto zulässig, der Beschluß tritt aber erst nach fünf Jahren,wenn es sich bloß um die Absetzung des Kaisers handelt, nur mit Zustimmung der kaiserlichen Familie in Kraft und kann mittlerweile widerrufen werden. Auch setzt der Vollzug des Beschlußes auf Abschaffung der Monarchie voraus, daß innerhalb der nächsten fünf Jahre eine neue Verfassung mit einer Mehrheit von zwei Dritteln aller Stimmen genehmigt wird, wider welchen Beschluß aber auch kein Veto stattfindet.
Die Debatte wurde eröffnet und wurden viele Meinungen vorgebracht.
Ein junger Mann schrie laut, daß der Adel überflüssig sei, die Monarchie könne beibehalten werden. Der Redner war auffallend vernachlässigt und unreinlich und wir erfuhren später, daß er nie in die Adelscirkel sei zugelassen worden, was aber allgemein gebilligt worden war, daher das Tribunat sich seiner nicht annahm.
Ein anderer sagte, es lägen Voten der Professorencollegien und Studentenverbindungen vor, daß man sich an diese Zirkel gewöhnt habe und man sie nicht missen wolle.
Die meisten Stimmen sprachen sich dahin aus, daß der Adel Functionen verrichte, die nicht entbehrt werden könnten und wozu andere Volksgenossen nicht besser geeignet wären. Einige beklagten die Höhe der Civilliste, aber andere fanden nichts zu bemerken; man sehe ja klar, wie sie verwendet werde. Von der Aufhebung der Monarchie wollte niemand hören. Ein Antrag auf Verminderung der Civilliste wurdenicht in Verhandlung gezogen, weil es sich jetzt um andere concrete Angelegenheiten handle und die Verhandlung in diesem Stadium nicht gestört werden solle. Die Mehrheit war gegen beide Anträge.
Als sich Zwirner erhob, fragte ich: “Was sollen nun diese neun Stimmen?” — Zwirner erwiderte hierauf: “Dieselbe Berathung haben alle anderen Genossen und Genossinnen in Oesterreich heute gepflogen und ich werde in einer Stunde mit den Obmännern meiner Section zusammentreten. Jede Gemeinde und jedes Quartier hat sechs bis zehn Sectionen weiblicher und männlicher Staatsbürger, die sich in Urversammlungen gliedern, deren einer ihr beigewohnt habt. Die Obmänner der Urversammlungen berathen dann, tauschen die Berichte über die Urversammlungen aus, erwähnen der vorgebrachten Argumente, vergleichen die Stimmen für und wieder und stellen dann fest, wie viel schwankende Stimmen abgegeben wurden. — Nach eingehender Berathung wird das wahrscheinliche Stimmenergebnis der Sectionen festgestellt und es wählt jede Section den Obmann, der mit den Obmännern der übrigen Sectionen zusammentritt, um noch einmal zu berathen. Der letzteren Versammlung wohnen die Beamten und Tribunen bei und kann die Berathung auch mehreremale an die Urversammlungen zurückgeleitet werden, wenn bis zum vorausbestimmten Abstimmungstage noch genügend Zeit übrig ist. Der Endabstimmung gehen meist noch Versammlungen des ganzen Bezirkes voraus, in welchen man Redner anhört, undkann die Versammlung jedem Redner das Wort entziehen.”
Ich sagte nun: “Und wenn die Regierung die Abstimmung hintertreibt?”
“Das kann sie nicht, weil die Einleitung der Abstimmung Sache des Tribunats ist.”
Ich sah Forest an und dieser war offenbar in Verwirrung. “Und was mag das Endergebniß sein?”'
“Ich habe gar keinen Zweifel, daß Adel und Monarchie beibehalten werden, denn das Volk ist conservativ, wenn es Einrichtungen gilt, die sich nicht als offenbar schädlich erwiesen haben.”
Nun erwähnte Mr. Forest der Bücher von Bellamy, und Michaelis[B]und sagte, daß man in Amerika zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sei. Darauf sagte Zwirner, es werde sich empfehlen, daß wir ihm die Bücher zum lesen geben, und er werde dann seine Meinung sagen.
Er ging in die Sectionsversammlung und überließ uns unseren Gedanken.
Der Sonntagmorgen brach an und gab zunächst wenig Hoffnung auf einen vergnügten Tag, da regnerisches Wetter war und man sich auf die Nothwendigkeit gefaßt machte, die geplanten Ausflüge aufzugeben. Viele hatten zwar vor, nach Wien zu fahren und Museen oder die Ausstellung der neuen Bilder zu besuchen, welche von den Bewerbern um den Malerpreis waren eingesandt worden und welche nach Zuerkennung der Preise am zweitnächsten Sonntage ihre Rundreise um die Kreisstädte machen sollten, weshalb sie dann jahrelang für die Bewohner von Wien und Umgebung nicht mehr zu sehen waren, und es bot ein großes Interesse, sich darüber zu streiten, wer wohl den ersten Preis erlangen würde.
Diesmal hatte sich eines der schönsten Mädchen erklärt, es wolle dem Sieger in diesem Wettstreite seine Hand reichen, wenn es ihm gefalle, ein Anerbieten, das sich nicht zurückweisen ließ, das aber nicht gebilligt wurde, weil es frivol schien, auf das ungewisse sich zu binden, und es ebenso Mißfallen hätteerregen müssen, wenn die Uebermüthige dann ihr Wort nicht erfüllt hätte. Aber man vermuthete, daß es gerade kein Anerbieten auf's Gerathewohl gewesen, sondern daß die Schöne im unerschütterlichen Glauben lebte, der Preis könne nur dem Künstler zufallen, der die Hunnenschlacht eingeliefert hatte, und daß dies der Mann war, auf den sie ein Auge geworfen.
Es gab auch sonst in Wien Gelegenheit genug, sich zu unterhalten, und ebenso konnte man nach St. Pölten fahren, wo es immer etwas für Schaulustige zu sehen gab und heute ein interessantes Stück gegeben wurde, zu welchem man wohl eine Karte erhalten konnte. Die Rückfahrt konnte nach dem Theater noch immer erfolgen und stand der Besuch der Städte an arbeitsfreien Tagen jedermann frei, wenn es sich nicht darum handelte, dort zu übernachten. Die zurückgelegten Eisenbahnmeilen mußte man sich einrechnen lassen.
Die Nachbarorte von Wien waren etwas begünstigt, daher bei einem Wohnungstausche alles nach den Gemeinden des St. Pöltener und des Wienerneustädter Kreises drängte und es ebenso eine Belohnung für große Verdienste war, wenn jemand vom Arbeiterberufe dorthin versetzt wurde, wie es umgekehrt zu den Strafen gerechnet wurde, wenn eine unerbetene Versetzung in entferntere Gemeinden verfügt wurde. Es waren daher auch meistens besonders tüchtige Leute in den Gemeinden dieser Kreise anzutreffen.
Allein die Besuche in Wien blos für den Abend waren doch oft nicht besonders lohnend, denn da alle Arbeiter in drei bis vier Jahren einmal nach Wien beurlaubt wurden und diese Besucher aus entfernteren Gegenden natürlich für alle Genüsse den Vorzug vor jenen hatten, die jeden Sonntag wieder kommen konnten, so konnten diese ihren Zweck in Wien oft verfehlen.
Man schätzte die durchschnittliche Bevölkerung der Hauptstadt auf 350 Tausend. Es waren außer dem Adelsquartiere 350 Wohnquartiere, die für je 1000 Bewohner reichlich Raum hatten; aber zur Noth konnten auch 1200 in jedem Quartiere Aufnahme finden, was 420000 Anwesende ergab. Es kam auch bei besonders interessanten Festen, wenn eine Krönung oder ungewöhnliche Centennarfeier stattfand, vor, daß jedes Plätzchen besetzt war.
Die Bevölkerung bestand größtentheils aus vorübergehenden Besuchern aus der Provinz und dem Auslande. Die täglich nach Wien verkehrenden Züge brachten durchschnittlich 20000 Besucher und eben so viele mochten abreisen. Da die Fremden im Durchschnitte 7 Tage in der Residenz bleiben, so ergab das 140000 wechselnde Besucher. Die Hochschulen hatten an 60000 Studirende, worunter auch etwa 15000 Mädchen inscribirt waren, und dazu konnte man 20000 Professoren, Gelehrte, Künstler und Beamte an den wissenschaftlichen und Kunstanstalten rechnen, dann 70000 Pensionisten des Arbeiterberufes,was schon 290000 ergab, und rechnete man noch Hof, Adel, Beamte, andere Pensionisten, hauswirthschaftliche Arbeiter und Handwerker, worunter besonders viele die verschiedenen Kunstgewerbe als Beruf betrieben, so hatte man 350 Tausend. Diese alle waren für den Abend zu versorgen, an welchem sich niemand langweilen sollte.
Es war also, wie ersichtlich, abgesehen von der Geselligkeit, die man zu Hause fand, niemand in Verlegenheit, seine Zeit auch auswärts und insbesondere auch in der Kreisstadt oder in Wien angenehm zu verbringen, wenn etwa der Sonntag verregnet wurde, und man wartete in Geduld ab, ob es sich aufhellen würde. Aber Zwirner war verstimmt. Er sagte, er wolle mit uns zu Pferde den Kahlenberg besuchen und wir möchten uns ihm überlassen, der Mittag wäre auch vergeben. Es fiel uns auf, daß ihn das Regenwetter so mißgelaunt machte und wir sahen, daß er recht vergnügt aufsprang, als der erste Sonnenstrahl sich zum Fenster hereinstahl und bald darauf die Wolken sich zerstreuten und ein klarer Himmel uns einlud, in's Freie zu gehen. Jetzt war es umso besser, weil es weniger heiß war, und wir bestiegen also um 1/2-8 Uhr morgens unsere Pferde, die uns ohne Schwierigkeit waren angewiesen worden, da wir als bevorzugte Fremde einen Anspruch darauf hatten und übrigens die meisten sich der Eisenbahnen bedienten.
Wir sahen, daß Zwirner, der sein Pferd in scharfen Trab setzte, nicht den beliebten Weg überTulbing einschlug, sondern gegen Königstetten einlenkte, und begriffen alles, als wir von weitem zwei Frauen auf herrlichen Goldfüchsen gewahrten, die uns zu erwarten schienen. Und so war es auch. — Zwirner hatte eine Verabredung mit Lori und seiner Schwester, die noch schöner als ihre Freundin war und sich durch lange aschblonde Flechten auszeichnete. Wir schätzten sie in dem Alter, in welchem Oesterreicherinnen sich zu vermählen lieben. Sie nahm uns rechts und links und unterhielt uns auf das reizendste mit ganz guter englischer Conversation, wobei sie nicht verfehlte, von älteren amerikanischen Autoren, Bret Harte, Prescott, Lawrence Gronlund und anderen zu sprechen. Sie mochte beabsichtigt haben, was sich scheinbar wie von selbst ergab, daß nämlich Zwirner und Lori hinter uns zurückbleiben und sich aussprechen sollten.
Kaum hatten wir Königstetten hinter uns, als die Straße sich rechts nach dem Gebirge wandte und in zahllosen Windungen, die oft beinahe wieder zum Ausgangspunkt zurückführten, die Höhe langsam erklomm. So hatten wir abwechselnd die Berge vor uns, dann wieder den Ausblick in's Thal und auf die Donau und wir hielten zuweilen die Pferde an, als wollten wir die Fernsicht genießen, in Wahrheit aber, um Freund Zwirner zu necken. Aber wenn die schöne Mary auch zwischen uns stille hielt und die Namen der Dörfer nannte, die wir zu unseren Füßen sahen, so glitt doch dann ein feines Lächeln über ihr allerliebstes Gesicht, wenn die Zurückgebliebenenin Gehörweite kamen, und sie wandte ihr Pferd der Straße zu, uns rechtzeitig entführend.
Die Straße führte lange so fort und wir konnten oft vier und fünf Wegschlingen hinter uns überblicken. Die kleinen waldigen Berge, zwischen denen kleine Mulden lagen, die entweder mit Wein bepflanzt waren oder frische Matten trugen, verschoben sich in einem fort und boten die abwechslungsreichsten Bilder. Lange blieb der Tulbinger Kogel rechter Hand sichtbar, endlich aber hatte die Straße die Höhe des Bergüberganges erreicht und führte tief in ein waldreiches Gebiet, von wo kein Ausblick mehr auf den Tullner Boden zu gewinnen war. Zwischen Wäldern und Wiesen ging es mehr als zwei Stunden fort und wir setzten die Pferde ab und zu in scharfen Trab. Endlich verließen wir die Heerstraße, um einen köstlichen Waldweg einzuschlagen, der hoch mit abgefallenem Laub bedeckt, unter jungen Bäumen fortführte, die nur selten ein Stückchen Himmel freiließen und eine herrliche lichtgrüne Wölbung bildeten. Die Bäume mochten in den letzten 150 Jahren wohl oft abgeholzt worden und wieder aufgewachsen sein.
Jetzt führte der Weg wieder in's Freie und auf hochgelegene Wiesen und Mary erzählte uns, daß nach den alten Karten da einstmals ein Bauernhof zum Steinriegel müsse gestanden haben, daß aber solche abgelegene Gehöfte selten mehr vorkämen, weil sich nicht leicht jemand entschließe, dem abwechslungsreichenLeben in der Gemeinde zu entsagen und weil solche Gebäude doch zum Schlupfwinkel für Feinde der Gesellschaft dienen könnten, wenn sie nicht regelmäßig bewohnt würden.
Nun führte unser Weg wieder durch Wald und dann kam ein reizendes langgestrecktes und vielfach gewundenes Thälchen, gebildet von einem schmalen Wiesenstreifen, der auf beiden Seiten von niederen Hügeln begleitet war, die, dicht mit Eichen und Buchen bestanden, förmliche von Grün strotzende Mauern bildeten. Jetzt hatten wir den Gebirgsstock erreicht, dessen nordöstliches Ende der Kahlenberg und Leopoldsberg bilden, und nachdem wir auf einer viel gekrümmten Straße eine ansehnliche Höhe erklommen hatten, ritten wir am Fuße des Hermannskogels herum und dann auf dem Gebirgskamme über Wiesen und durch herrliche Wälder nach dem Endziele unseres Ausfluges, das wir erst nach Mittag erreichten.
Wir ließen die Pferde, welche ziemlich angestrengt worden waren, in den Stall führen und wählten, um unseren Lunch einzunehmen, Plätze auf der Terrasse, von wo man den Ausblick über Wien hat. Da Lori und Mary, wie auch Zwirner, hier wohl bekannt waren, bedurfte es keiner Legitimation und wir erinnerten uns noch unseres ersten Besuches hier oben.
Die drei Oesterreicher traten an die Brüstung, blickten nach der Riesenstadt vor uns und wiesen, im Gespräche vertieft, auf den Tribunatspalast,der ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien und allerdings mit seinen Thürmen aus dem Häusermeer besonders hervorragt.
Sieh' da, die schöne Selma kam, uns das Frühstück zu bringen. Sie grüßte uns heiter. — Wir erkundigten uns, ob die Sachen zurückgekommen wären, die wir uns bei unserem ersten Besuche ausgeborgt hatten, und Selma bejahte und sagte, man habe ihr auch den Gruß bestellt, den ich ihr entrichten ließ. Es sei aber allzu bequem gewesen, das anderen zu überlassen; man führe ja täglich an zwanzig Gespräche zwischen Tulln und dem Kahlenberge, da hätte ich mich wohl auch einmal hinsetzen und mich mit Selma “verbinden” lassen können. Ich entschuldigte mich lachend und sagte, wir hätten mittlerweile eine Reise nach Abbazzia und Lacroma gemacht, sonst würde ich wohl die angenehme Gelegenheit benützt haben. Lächelnd ging sie ihrer Wege, nachdem sie Lori und Mary, welche sich jetzt zu uns wandten, die Hand gereicht hatte. Nach dem Lunch streiften wir über Wiesen und Wälder und wieder zogen sich Lori und Zwirner mit Vorliebe seitwärts. Aber nun schlossen wir uns einem Lawn-tennis-Spiele an, obwohl unsere Freunde mit den anderen Spielgenossen nicht bekannt zu sein schienen. Als aber ein hübscher junger Mann, der wohl ein Auge auf Mary Zwirner geworfen haben mochte, vorschlug, daß wir mit ihm und seinen Genossen einen Tisch für Mittag bestecken sollten, sagte Mary, die seine Aufmerksamkeitennicht beachtete, daß wir in Königstetten speisen wollten.
Nun war es nahezu drei Uhr geworden und wir sollten in Königstetten um fünf Uhr zur Tafel erscheinen. Zwirner und die beiden Mädchen waren etwas beunruhigt. Man hatte nicht bedacht, daß die Entfernung groß war und unsere Pferde schon mehr als fünf Stunden, die edlen Pferde aus dem Marstall von Königstetten mehr als vier Stunden gegangen waren und daß es jetzt gelte, einen scharfen Trab einzuschlagen, wenn wir Königstetten rechtzeitig erreichen wollten, worauf die Oesterreicher sehr bedacht schienen.
Wir befürchteten den Pferden zu viel zuzumuthen, und Zwirner ging mit mir nach dem Stalle, um sich umzusehen. Er erkundigte sich, was sonst für Pferde hier wären, und erfuhr, daß der Arzt und die Lehrer, im ganzen eine Gesellschaft von acht Personen, aus Klosterneuburg zu Pferde heraufgekommen wären. — Zwirner suchte den Arzt auf und erkundigte sich, ob die Klosterneuburger Pferde schon einen weiten Weg gemacht hätten, worauf sich ergab, daß das nicht der Fall war, und die Gesellschaft erbot sich, uns fünf gute Traber zu überlassen und unsere Pferde zu übernehmen, die den Weg nach dem nahen Klosterneuburg umso leichter machen konnten, als die Gesellschaft erst spät abends aufbrechen wollte. Da die jungen Leute jetzt Ferien hätten, würden sich dann am nächsten Tage recht gerne einige von ihnen bereit finden lassen, unsere Pferdenach Hause und die anderen dafür zurückzubringen.
So wurde denn aufgebrochen, und als wir Klosterneuburg hinter uns und die Höhen gegen Kierling erreicht hatten, ging es größtentheils im scharfen Trabe, zuweilen im Galopp über St. Andrä nach Königstetten. Auch dieser Weg war anmuthig und besonders der Abschnitt zwischen Kierling und St. Andrä bot eine reizende Abwechslung. Die Freundinnen waren nun voraus und es war ein Genuß, die herrlichen Gestalten der Mädchen zu schauen, die frohgemuth dahinritten. Wir folgten mit Zwirner, und Lori rief diesem zurück, daß der Fürst und die Fürstin heute ausbesonderer Ursache, wie sie lächelnd betonte, zu Hause geblieben seien und daher Mary nicht, wie beabsichtigt war, die Repräsentation führen werde.
Zwirner ließ die Freundinnen etwas vorausreiten und erklärte uns die Stellung seiner Schwester im Hause Hochberg. Er sagte: “die Heirathskandidatinnen werden in gewisser Beziehung wie Priesterinnen heilig gehalten und die anderen Mädchen sind damit ganz einverstanden und auch von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, daß ihnen ein anderer Beruf bestimmt wäre, den man in früherer Zeit hätte etwa ein “Dienen” nennen können. Es liegt im Interesse aller, die Frauenschönheit zu pflegen und den künftigen Gattinnen und Müttern die Schönheit nicht durch Arbeiten zu verkümmern, die doch immer Spuren zurücklassen müssen, wennselbst alle Kunst angewendet wird, das Gemeine vom Menschen fernzuhalten. Aber die gänzliche Veränderung der Lebensformen hat auch die Beziehungen der Menschen verändert. Jeder erhebt Verdienste und Vorzüge seiner Mitmenschen in den Himmel und thut sich etwas auf andere zugute, die ihm nahestehen, und da es der ganzen Gemeinde zur Ehre gereicht, wenn eine goldene Rose einer Schwester zufällt, so setzen alle Mädchen einen Stolz darein, etwas dazu beizutragen, daß die Schöneren aus ihrem Kreise nichts von ihrer Schönheit einbüßen, und sie selbst verbreiten den Ruf derjenigen, welche sie unter anderen Verhältnissen mit Mißgunst betrachten würden. Dann fällt ja den anderen wieder das Los zu, auf einem anderen Gebiete hervorzuragen, und nicht durch hämisches Herabsetzen der Mitmenschen, sondern durch möglichste Pflege und Entwicklung jener Vorzüge, die einem jedem zu Theil geworden sind, sucht man glücklich zu werden. Darum sind die von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen gerne bereit, sich in die Arbeiten zu theilen, welche einstens verachtet waren, und oft ist nachgewiesen worden, daß es keinen Menschen gibt, der nicht auf irgend einem Gebiete sich auszeichnen könnte. — So ist nun Mary als die schönste von den Schönen in Tulln von ihren Schwestern verzogen worden. Man hat ihren Ruf verbreitet und ihr Zeit gegönnt, ihre gesellschaftlichen Talente zu pflegen, ohne welche Schönheit ein unnützes Ding wäre. Sie ist unzählige malezum Kreisbeamten geladen worden, wo man die Gesellschaft auch mit schönen Mädchen zu zieren bedacht ist, und so wurde sie mit den Hochbergs bekannt, die, wie das sehr häufig vorkömmt, sie baten, in die Familie einzutreten, um an der Hausverwaltung und Repräsentation theilzunehmen, welcher die eigentlichen Familienmitglieder allein nicht gewachsen sind, da die Aufgabe, so vielen Gästen aufzuwarten, eine größere Zahl von Hausgenossen erheischt. Man affiliirt so dem adeligen Hause allerhand ganz und gar unentbehrliche Hilfskräfte, die in freundschaftlicher Weise angeworben werden müssen, weil im Lande niemand für Lohn dient.” — Wir fragten, weshalb Mary dann am ersten Freitag nicht zu sehen gewesen, und erfuhren, daß sie damals die Hausverwaltung übernommen und in den Wirthschaftsräumen zu schaffen hatte, auch gar nicht aufgelegt gewesen sei, sich zu zeigen.
Mit diesem Gespräche ritten wir in den Schloßhof ein, wo galante Herren, es waren besonders viele Künstler für die Sommermonate hier, den Mädchen von den Pferden halfen. Man gab uns Gelegenheit, uns ein wenig zurückzuziehen, und dann ging es zu Tische.
Im großen Saale waren lange Tafeln aufgestellt, und wir waren an dreißig Personen beim Speisen. Das Gespräch war anregend und wir lernten wieder manche interessante Leute kennen.
Da erhob sich gegen Ende der Tafel Fürst Hochberg, um uns zu verkünden, daß zwei glückliche Paareunter uns seien. Professor Lueger habe der reizenden Freundin des Hauses, Mary Zwirner, und deren Bruder seiner eigenen Tochter Lori Hochberg die Liebe gestanden und beide seien erhört worden, und wenn auch die Ceremonie der Brautschau nicht vorausgegangen sei und solche Verbindungen — man möchte sagen: ohne Concurrenz — nicht ganz nach den Sitten des Landes seien, wisse man doch, daß sich den Herzen nicht gebieten lasse, und er lade die Anwesenden ein, das Glas auf das Wohl der künftigen Eheleute zu leeren. — Es war Champagner in den Gläsern und die Mädchen, die uns aufwarteten, fielen den beiden Bräuten um den Hals, wie auch Fürst und Fürstin Hochberg Mary herzlich küßten und beglückwünschten, als wäre sie ihre eigene Tochter. So erklärte sich, was uns am Morgen aufgefallen war, und wir begriffen, daß Zwirner heute seinen olympischen Gleichmuth verloren hatte. Denn Lori war ein herrliches Weib und offenbar dazu angethan, stürmische Liebe zu fordern und zu gewähren.
Zwirner, welcher sich mit Lori nach dem Essen im Garten erging und oft Arm in Arm mit ihr Wege einschlug, auf welchen wir ihnen offenbar nicht folgen sollten, wollte heute nicht aufbrechen, und die Fürstin mußte sich unser annehmen.
Diese Frau war nicht mehr jung, aber auch ihr fehlte es nicht an Spuren vergangener Schönheit. Sie war in einem Dorfe bei Salzburg geboren und es gereichte ihr zum Vergnügen, zu hören, daß wirdort einen Tag zugebracht hätten. Sie erinnerte sich nicht ohne Wehmuth der jungen Tage in jenem Paradiese und schilderte uns die Berge, in welchen sie viele Jahre gewandert war. Besonders rühmte sie die Aussicht von der Schmitterhöhe und, da sie hörte, daß wir die Rückreise über Zell am See und Wörgl nehmen wollten, um über die Schweiz zu reisen, empfahl sie uns, diesen Berg zu besteigen der gar nicht beschwerlich sei. Uebrigens sei die Hohe Salve vielleicht noch vorzuziehen. — Sie unterließ nicht, zu erwähnen, daß man auf allen diesen Bergen übernachten könne.
Mich langweilte das Gespräch mit der Fürstin, die uns nur unterhalten wollte, weil es die Höflichkeit gebot, und ich überließ ihr daher meinen geduldigen Freund Forest, indem ich vorschützte, daß ich einen Handschuh suchen wolle, den ich auf einer Bank im Parke müsse haben liegen lassen. Und so wandte ich meine Schritte nach einem stillen Plätzchen, wo man vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnte, aber einen herrlichen Ausblick über das Thal genoß. Dort wollte ich mich ein wenig mit mir selbst beschäftigen und ließ mich auf einer Bank nieder, die neben dem Kieswege zur Ruhe einlud.
Da hörte ich hinter mir ein Seidenkleid rauschen, eine warme klangvolle Stimme ließ sich vernehmen und ich erkannte Loris mir wohlbekanntes Organ. Sollte ich bleiben oder fliehen? — Es war zu spät, das Knirschen im Kiese hätte mich verrathenund ich hoffte, die Liebesleute würden ihre Schritte bald weiterlenken.
Es kam anders: “Liebster, lassen wir uns auf dieser Moosbank nieder und wiederhole mir das Gelöbniß der Treue.” — “Gerne spreche ich davon, daß mich nichts mehr von dir reißen kann und wir kein anderes Glück kennen wollen, als ein gemeinsames. Aber es scheint mir, daß du nicht das rechte Wort gefunden, wenn du Wiederholung eines Gelöbnisses forderst. Was euch die Keuschheit und Jungfräulichkeit ist, ist dem Manne Wahrhaftigkeit und wir fordern unerschütterliches Vertrauen. Nicht ein Schatten von Zweifel an mir soll deine Seele beflecken, da wir uns versprochen haben.” — “Ich zweifle auch nicht an dir, ich will mich aber berauschen an deinen Verheißungen, daß du ganz und gar nur mein sein willst, daß du die Welt und die Gottheit, die Wahrhaftigkeit und das Schöne, die Kinder selbst, mit welchen uns Mutter Natur beschenken wird, nur in und mit mir, um unser beider willen lieben willst. Ich habe es immer hart gefunden, wenn ich die Worte Christi las: “Mann und Weib seien zwei in einem Fleische.” In welch grausamer Nacktheit stellt er uns das Band vor Augen, das uns an unseren Gatten knüpft. Aber doch nur um das Gebotwechselseitiger, alles umfassender Gattentreue zu begründen und beglückend ist das unermeßliche Opfer, das die Ehe von uns Jungfrauen fordert, wenn sich auch die Seelen der Gatten verbinden. Wir wollen auch zwei sein ineinemFühlen und ineinemDenken. Nie könnte ich mich entschließen, die jungfräuliche Hoheit zum Opfer zu bringen, ausgenommen einem Manne, dem ich die ganze Welt bedeute, der mit mir nur ein einziges Ich bildet. Ganz fordere ich dich und nur dafür gebe ich mich Dir. So heiß auch das Blut in meinen Adern tobt, so hätte doch Sinnlichkeit niemals den Sieg davon getragen über das göttliche Gefühl jungfräulicher Unantastbarkeit. Aber als ich dich zum erstenmale erschaute, ward es mir klar, was die griechische Göttersage bedeutet, daß die Göttinnen zuweilen aus dem Olymp herabsteigen, um einen Sterblichen zu beglücken. Es ist nicht Hochmuth, Geliebter, wenn ich empfinde, als käme ich so zu Dir herab. Nur das Verlangen treibt mich, ein Glück zu gründen, dem nichts zu vergleichen ist, und um dieses Glück zu zeugen und es im Mitempfinden zu genießen und zu vermehren, streife ich ab, was mich über die Menschen erhöht hat. Da ich in deinem Glücke glücklich sein will, kann das Gut nicht groß genug sein, das ich dir mitbringe. Darum danke ich dir auch, daß deine Lippen mich nicht entweiht haben, und weder Auge, noch Mund mit kühner Anmaßung mich beleidigten. Die Stunde der Vereinigung soll dir und in dir mir einen Himmel öffnen.”
“Ich opfere dir meine Gottheit auf und mache dadurch dich zu meinem Gotte, mich zu deiner Magd, aber, um im menschheitlichen Sinne glücklich zu werden und ohne jeden äußeren Zwang, aus eigener Wahl.”—
Nach kurzem Schweigen sagte Freund Zwirner:
“So nehme ich dich auch als das kostbarste, das der Mensch auf seinem Lebenswege finden kann. Aber der Mann gehört doch auch dem Staate und der Welt an.”
“Das sollst auch du, lieber Mann, aber lasse mich an allem theilnehmen, was du erstrebst. Wir müssen nicht nur für unsere persönlichen Interessen gemeinsame Ziele, sondern auch für die Gesellschaft gemeinsame Ideale haben und zu solcher Einigkeit zu gelangen, ehrlich bestrebt sein. Lasse mein Bild dich umschweben, wo immer du bist, und trenne dich nicht von mir, was immer du unternimmst.”
“So wird es sein,” antwortete Zwirner, “auch ich trete nicht mit anderen Gesinnungen in die Ehe. Du weißt doch, Göttliche, wie wir uns erkennen gelernt haben. Ich habe schon oft deine Gedanken wieder darauf gelenkt. Wie ich in der Nacht nach unserer ersten Begegnung, als ich mit mir allein war, dich immer mir zur Seite, dein strahlendes Auge auf mich gerichtet sah. In diesen wachen Träumen enthülltest du dich mir, alle Reize deines süßen Leibes, die Schönheit deines Empfindens, die Reinheit deines Herzens, dein ganzes Selbst glaubte ich vor mir zu sehen und schon in jener Nacht vermählte ich mich dir. Ich hatte keine Ruhe mehr und gleich am folgenden Abende kam ich wieder und bekannte, daß mich dein Bild nicht mehr verlassen habe. Du auch hattest nur von mir geträumt undmich im Traume zu deinem Gatten gemacht und du wußtest, daß ich wieder kommen und um dich werben würde.”
“Da kam eine Woche der Prüfung. Je mehr wir verkehrten und unsere Gedanken austauschten, umso sicherer fühlten wir, daß wir uns nicht getäuscht. Du sagtest mir schon damals wie heute, wie groß du dir das Glück der Ehe vorstelltest und wie die Verbindung der Gatten alles, alles umfassen müsse. So ließest du mich die ganze Welt durch dein Auge sehen und ich ließ dich in mein Herz blicken. Ich fand, daß wir seien wie ein Augenpaar, immer zugleich daran, das Welträthsel zu lösen; niemals suchen die beiden Augen verschiedene Ziele. Und da jubeltest du, daß ich in diesem Bilde den wahren Sinn der Ehe entdeckt. Du verfolgtest den Gedanken weiter und zeigtest mir, wie die Augen, weil sie niemals an ein und dieselbe Stelle im Raume rücken können, der Seele zwei Botschaften bringen, aber doch nur, um die Dinge besser zu erforschen, als es ein Auge allein vermöchte, und wie die Seele die beiden Bilder zu einer Einheit verbinde. Und so sollten wir zu einer Anschauung der Welt gelangen, die dem Einsamen verschlossen bleibt. Auch wir sollten unsere Anschauungen zu einer Einheit verschmelzen lernen. Und sinnig bemerktest du, wie die beiden Augenbilder stark von einander abweichen, wenn wir auf das nächste schauen, und wie sie sich decken, wenn wir uns in das Anschauen der Gestirne versenken; wir solltendaher das unendlich Große, das Ewige und nur dem Geiste nahe nicht aus den Augen lassen.”
“Und so lernten wir an unserem Weltbilde uns selbst wechselseitig erkennen.”
“Nachdem das vorausgegangen, sollte da noch eine Selbsttäuschung möglich sein? Wie könnte uns das Glück irgendwo fehlen, wo wir zusammen weilen?”
“Ich träume für und für von einem unverwelklichen Glücke, das ich in deinen Armen und in einer alles umfassenden Lebensgemeinschaft mit dir finden werde.”
Und da hatten sie sich erhoben und ihre Stimmen erstarben in der Entfernung. — Nun verließ ich meinen Ruheplatz und als ich später im Schlosse den jungen Leuten begegnete, schämte ich mich, daß ich mich zum Mitwisser solcher Seelenergüsse gemacht. Lori reichte mir unbefangen die Hand und wir schieden.
Zwirner war auf dem Heimwege in Gedanken verloren.
Ich erinnerte mich, als wir nach Tulln kamen, daß ich mich mit Selma sollte “verbinden” lassen, und ging nach dem Telephone im Gemeindepalaste, der beinahe verödet war. Ich ließ mich mit dem Kahlenberge in Verbindung setzen und fragte nach Selma, die mich bald darauf anrief und mich begrüßte. — “Schöne Selma, ich freue mich, mit dir zu plaudern.”
“Du kommst mir gerade recht, sage mir doch,was haben denn Lori und Zwirner so gedrängt, nach Königstetten zu kommen?” — “Das ist ein Geheimniß.”
“Warum nicht gar, in Oesterreich hat man keine Geheimnisse.”
“O doch, ich selbst habe ein gar liebes Geheimniß, das ich mit nach Hause nehme.”
“Du scheinst mir ein lockerer Zeisig zu sein.”
“O gar nicht, ich bin im Gegentheile recht beständig.”
“Ich traue dir zu, daß du in nichts beständig bist, als in der Unbeständigkeit.”
“Falscher Verdacht, aber immerhin will ich mich von dir unterweisen lassen, wenn ich noch der Vervollkommnung bedarf.”
“Danke für das Vertrauen, ich habe einen Schüler, dem ich mich ganz widme und der erstaunliche Fortschritte gemacht hat, und wenn ich seine Erziehung vollendet habe, will ich mich zur Ruhe setzen und keine Schüler mehr annehmen.”
“Da bin ich wohl zu spät gekommen?”
Nun höre ich ganz deutlich einen Schmatz durch das Telephon. Den glaube ich erwidern zu sollen; darauf mehrstimmiges Gelächter, und da ich etwas verdrießlich ‘Selma’ rufe, antwortet eine Baßstimme: “Selma ist abgerufen worden, was beliebt?” — “O es ist nichts von Belang; wer spricht?” — “Martin, der gelehrige Schüler.” — “So, so; gute Nacht euch beiden,” — “Wir danken schön.” — “Schluß!” — “Grrrrrg.”—
Ich hätte mir das ersparen können, denn als ich mich recht besann, erinnerte ich mich nicht nur an herrliche über den Rücken fließende dunkle Haare, sondern auch an einen Goldreif an Selmas Ringfinger und ich erfuhr später, daß Selma mit Martin die Flitterwochen auf dem Kahlenberge verbrachte und daß sie entschieden hatte, sie wollten sich nicht ganz dem verliebten Getändel hingeben, sondern in der Wirthschaft Aushilfe leisten. Meine Wege würden mich mit dem Paare wohl nicht mehr zusammenführen und ich dachte, daß das kleine Mißverständniß bald in Vergessenheit gerathen werde.
Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa 16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude, deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und die zwei anderen Flügelsich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt, als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere Empfangsräume für ihre Freunde hatten.
Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen, Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem Wetter immer Badende sehen.
Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden, eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen sich befanden undgroße Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.
Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß, welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s. w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.
Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400 Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine Gemeinde entfallen.
In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte, welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen 60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen. Viele Arbeitsplätze standen leer und mansagte uns, daß während der Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten Kindern und den Kranken zurückblieben.
Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.
Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür, daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung ist in allen Stücken, alsoauch bei den Stoffen, principiell eine gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße einige Unterschiede bedingen.
Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem Unterschleife vorgebeugt werde.
Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material für Privatthätigkeit. Sovon Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib- und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.
Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht widersprechen.
Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei. Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der Arbeiter der älteren Periode zu schildern, — auf Salz, Kohle, Eisen, Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, — wieder in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege niemand Werth darauf. Die ungeheuerenVorräthe an Gold und Silber in Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren Orten gesorgt.
Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien. Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit. Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr geschmackvoll in losenKleidern zu schmücken, die nicht an den Leib gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare. Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. Was sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus meinte, als er sagte: ‘Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze hervorbringt.’[C]