XVII.

Hier sei es erlaubt, meine Erinnerung an Mittheilungen einzuschalten, die ich in Giuliettens Heimat erhalten hatte und die erklären, weshalb diese blühende Schönheit sich die Ehe versagen mußte. Sie hatte das siebzehnte Jahr erreicht, als ihr Mutter und Vater im rüstigen Alter starben. Die Leichenöffnung ergab, daß beide vom Krebs befallen waren, und zwar hatte er beiden dasselbe Organ zerstört. Da in früheren Zeiten die Leichenöffnung noch nicht allgemein war, war die Constitution der Vorfahren nicht in Betracht gezogen worden, als die Eltern Giuliettens sich vermählten. Es wurden aber die Krankengeschichten mehrere Generationen zurück verfolgt und noch wohl erhaltene Photographien verglichen und ging das Gutachten der Aerzte und des Lehrkörpers dahin, daß die erbliche Uebertragung auf die Nachkommen der betreffenden Familien wahrscheinlich sei. Trotz Einsprache Giuliettens und ihrer Wahlmutter wurde ihr und ihren Brüdern und Schwestern die Ehe versagt.

Die Ansiedler wurden zur Wahl berufen, von welcher Giulietta nicht fern bleiben durfte. Ich benützte die Zeit und erbat mir von einer jugendlichen Aufwärterin, die in Abwesenheit ihrer stimmberechtigten Schwestern geschäftig ihres Amtes waltete, dieZuweisung einer Badekammer. Auch wünschte ich, da der Tag glühend heiß gewesen und ich nicht aus den Kleidern gekommen war, frische Wäsche, weshalb die Kleine mir pedantisch Kragenweite und Aermellänge abmaß und mich mit allem Nöthigen versah, auch mit einer Tasche aus Wachstaffet für meine Siebensachen. So kühlte ich mich im Staubbad und kam wie neugeboren in den Garten. Da die Wahl soeben beendet war, strömten die Ansiedler aus dem Verwaltungsgebäude und eben schlug es sieben Uhr.

Ich fragte nach Giuliettens Wohngemach. Die Zimmerwärterin war wohl verständigt worden, daß ich kommen würde, denn sie ließ mich bei Giulietten ein, ohne ihre Erlaubniß einzuholen. Diese war guter Dinge. Sie hatte sich schon wohnlich eingerichtet. Blumen in Töpfen standen am Fenster, alles war nach ihrem Geschmacke zurechtgerückt, das Bett, mit dem Kopfende an der Wand, ragte in die Mitte des Zimmers, eine kunstreich gestickte seidene Decke war darüber gebreitet, die Kissen waren gleichfalls geziert und alles, was zum Schmucke dient, Vorhänge, schwere Teppiche auf dem Ruhebette, gestickte Kissen, waren Erzeugnisse vieljährigen Fleißes meiner geliebten Giulietta, welche sie aus ihrer Heimat hatte mitbringen dürfen.

Beim Eintritte in das Zimmer wurde man das Bett nicht gewahr, weil ein großer dreitheiliger Wandschirm davor stand. Die Rahmen waren aus Holz geschnitten und mit zierlichem Laubwerke umgeben. Die Füllungen waren aus reizendem Strohgeflechtevon Giuliettas Hand. Vor dem Wandschirme stand ein Schaukelstuhl, mit Stickereien belegt. An den Wänden waren schöne Photographien mit Darstellungen von Landschaften aus ihrer Heimat und Bildnisse ihrer Eltern angebracht. Auch hier wiesen die Holzrahmen außerordentlich feine Schnitzereien auf. Sie nannte mir den Künstler, mit dem sie an der Adria aufgewachsen war.

Mit Stolz zeigte mir Giulietta eine herrliche, in Holz ausgeführte Arbeit desselben Künstlers, eine jugendliche Nymphe, die Hände rückwärtsgelegt, und an eine Säule gelehnt, wie sie das Gevögel zu ihren Füßen betrachtet, das die gestreuten Körner aufpickt. Im Munde hat sie ein Weizenkorn, nach dem ein Sperling lüstern blickt, der ihr auf die Schultern geflogen war und bei der nächsten Wendung des Kopfes als begünstigter Liebling darnach haschen zu dürfen hofft.

Die prachtvollen Glieder der Nymphe erschauend warf ich betroffen und zürnend einen Blick auf das Antlitz meiner Schönen und prüfte die Umrisse ihrer jugendlichen Gestalt. Giulietta beantwortete den eifersüchtigen Zweifel, den ich nicht ausgesprochen, indem sie lächelnd sagte: “Der Künstler, ein dalmatinischer Fischer, der seine Ferien alljährlich an den Bildhauerschulen verbringt, aber weder Heimat noch Beruf verlassen will, ist mein Wahlbruder nach den Sitten südlicher Länder. Er weiht mir sein Leben und seine Kunst ohne Wunsch für sich. Ich binüberall seines Schutzes und seiner Rache sicher, wenn ich sie gegen einen Beleidiger anrufe.”

Auch ein paar feingeschliffene Kristallgläser standen auf dem Tische.

Wir saßen am geöffneten Fenster einander gegenüber und plauderten. Manchmal näherte ich meinen Mund ihren Lippen, aber sie bog sich zurück oder hielt mir die Rosenfinger entgegen. Nur einmal that sie, als vergäße sie sich, und da ich die Gelegenheit erhaschte, stellte sie sich böse.

Giulietta nahm, während wir schwätzten, eine Knüpfarbeit zur Hand und da sie sah, daß mich brennender Durst quälte, ließ sie mich eine Caraffe aus der Wasserleitung neben der Thüre mit frischem Wasser füllen, und träufelte mir etwas Fruchtsaft in mein Glas, mir so gewissermaßen Gastfreundschaft in ihrem engen Heim anbietend. Als ich auf ihren Wunsch das Fläschchen mit Fruchtsaft in ihren Schrank stellte, strömte mir der Duft von Rosenblättern entgegen, die sie zwischen ihre Hemdchen und Schürzen gestreut hatte.

Ich suchte meine Giulietta auf ein gefährliches Gebiet zu lenken, erwähnte die Gallerien in Wien und sprach von den Meistern, deren Werke man dort bewundern kann. Von den Bildern Bordones und seinen üppigen Frauen, kam ich auf Rubens' Bilder, dann zu Tizians Diana und Kallisto, um endlich zu Corregios Io zu gelangen, und versuchte ich auf diese Art dem Gespräche eine Wendung zu geben, die Giulietta außer Fassung bringen sollte. Aberdie Schöne ging den Weg dieser Vorstellungen ohne merkliche Erregung mit, indem sie mich beständig im Zaume hielt und mich fühlen ließ, daß ich meine Worte auf die Wagschale legen müsse.

Sie war mit den Bildern nicht unvertraut. Zwar war ihr von ihrem Besuche in Wien nichts im Gedächtnisse geblieben. Sie war damals ein unreifes Kind und man hatte zu jener Zeit den Grundsatz, der später für irrthümlich gehalten wurde, Kinder in Bildersammlungen nicht zu führen, in welchen, wie man glaubte, die Phantasie vergiftet werden könnte. Aber jede Gemeinde hatte zahlreiche Stiche in der Bibliothek und die Sammlungen der Bezirksvororte waren sogar sehr reich. Von jenen Bildern, insbesondere von Correggios Meisterwerken, gab es mehrere Reproductionen und Giulietta hatte sie genau studirt und verglichen. Tizians Diana und Kallisto verwarf sie, die Bilder Rubens' waren nicht nach ihrem Geschmacke, obgleich sie das Genie des Malers bewunderte.

Ich bemerkte, daß Correggios Io das anstößigste Bild sei, das ich kenne. Giulietta sagte, sie theile diese Meinung gar nicht. Das Anstößige entziehe sich dem Beschauer und es wäre eine armselige Phantasie, die es sich hinzudächte. “Dagegen welch zarte Poesie in diesem Doppelbilde. Die nach Regen lechzende Erde als liebendes und empfangendes Weib darzustellen und die Umarmungen des Mannes zu idealisiren durch das Naturbild des allbelebenden Elementarvorganges.” —

Hier flog eine Wolke über die Stirne meiner Freundin, die aus dem Kreislaufe der sich immer verjüngenden Natur ausgeschlossen war. Aber meine Berechnung hatte fehlgeschlagen, denn ich hatte mein Gegenüber nicht mit einer neuen Vorstellung überfallen, sondern auf einen Gegenstand gebracht, mit dem sie vertraut war.

Ich schämte mich meiner Niederlage, aber ich schätzte Giulietta umso höher wegen der Feinheit ihrer Empfindung. Es war etwas eigenes um diese mit ein wenig Seelenschmerz versetzte sprühende Lebenslust.

Sie verlangte, ich solle ihr von meinen Bekannten hier erzählen, mit welchen sie bald auch im geselligen Kreise zusammenkommen würde. Da ich von meinem Mißgeschicke mit Selma — nicht ohne einigen Rückhalt — berichtete, machte sie ein ernstes Gesicht und meinte, ich sei zu gelinde bestraft worden. Die Erwähnung des Liebesglückes der Neuvermählten machte sie verdrießlich, ein Schatten legte sich auf ihre Stirne, und um sie zu zerstreuen, sprang ich schnell ab und schilderte die Streiche des kleinen Gauklers, der so putzige Kunststücke aufgeführt hatte. Jetzt lachte sie. Sie sagte aber dann: “Wir lieben es nicht, wenn einer von uns die Menschengestalt dem Gelächter preisgibt. Wir sind Halbgötter und nicht Hanswurste.”

Ich nannte Dr. Kolb unter meinen Freunden und da wollte sie mehr wissen. Sein Ruf war in ihre Heimath gedrungen, wo die Kunst höher in Ehren stand als irgendwo und besonders die Bildhauerkunstwar gefeiert. Da wußte ich nun, wo ich zu verharren hatte. Ich schilderte auch das verhüllte Bildwerk nach den Mittheilungen meines Freundes; ich verfolgte den begehrenswerten Feind mir gegenüber und brachte ihn in immer größeres Gedränge; schon schossen Feuerblitze aus ihren Augen, ihr Busen wogte stärker, die Lippen bebten, Unruhe bemächtigte sich der Schönen; ich drang immer mehr auf sie ein.

Da unterbrach sie mich, als wollte sie, daß ich innehalten sollte, und sagte: “Freund, eine Bitte! Ich sah im Garten eine halb geöffnete köstliche Rose. Du wirst sie leicht finden. Der Strauch blüht neben der Statue der Göttin der Fruchtbarkeit. Ein Insect hat sich in den innersten Blättern verstrickt, aus welchen es vergeblich den Ausweg sucht, denn ich habe ein Stück eines Spinnegewebes darüber gebreitet. Bringe mir die Rose und den Gefangenen.”

Als ich mich jetzt erhob und über sie beugte, bog sie sich zwar zu mir aufschauend zurück, aber sie breitete, um ihre Wehrlosigkeit zu bekennen, die Arme weit auseinander und drückte ihre Hände an die Mauer, an der sie saß, und da sich unsere Lippen festsogen, ergoß sich sengendes Feuer aus den Sternen der Italienerin in meine Augen. Wie verheißungsvoll ist doch eine Bitte aus schönem Frauenmund!

Ich stürmte in den Garten hinab, konnte aber das Gesuchte eine geraume Zeit nicht finden. Da ich die Statue erblickte, standen Frauen im Gespräche dort und ich wollte den Raub lieber verschieben. Endlich schnitt ich verstohlen die kostbare Rose, diedas Insect noch in ihrem Kelche gefangen hielt, ab und jagte zu Giulietten zurück.

Jetzt aber war mattes Licht im Gemache, das von Wohlgeruch erfüllt war, und Giulietta stand im herabfließenden Hausgewande einer stolzen Römerin, an den Seiten bis zur Hüfte geöffnet, vor meinen entzückten Augen, die noch den Anblick der rosigen Zehen eines göttlichen Frauenfußes erhaschten, der unter dem Saume hervorguckte; und schon lagen wir Brust an Brust. Ihre weichen Arme umstrickten meinen Hals, sie küßte mich stürmisch und dann barg sie ihren Kopf an meinem Busen.

Da erspäht mein Blick zwei Knöpfe auf ihren Schultern. Ich löse sie, das Gewand gleitet mir aus den Fingern. Ich hebe dies köstliche Geschenk der Natur auf meine Arme, trage die Herrliche auf ihr Lager, lege die Rose auf den schimmernden Busen, den ich mit Küssen bedecke, und so überläßt sich dieser Prachtleib mit geschlossenen Augen, das selige Lächeln des Beglückens auf den Lippen, im Wonneschauer erbebend, meinen Umarmungen.

Es war halb neun Uhr, als ich in den Speisegarten kam. Es dämmerte schon und ich suchte einen einsamen Tisch, an dem ich mich niederließ. Lauter Lärm wogte um mich herum, weil die neuen Ansiedler suchten, mit einander bekannt zu werden. Die Mütter nannten mit Stolz die Namen ihrer Kinder; diese jagten sich zwischen den Tischen herum undab und zu hörte man einen warnenden Ruf, dem sogleich aufhorchend entsprochen wurde. Die Aufwärterin, ein junges Mädchen, trat an meinen Tisch, um meine Wünsche zu erfragen. — Bald brachte sie das Abendbrod und ein Glas feurigen Weines. “Du bist unser Gast aus Amerika?” — “Ja wohl.” — “Wie gefallen dir Land und Leute?” — “Vortrefflich, besonders die Leute.” — “Eure tausendjährigen Bäume fehlen uns allerdings.” — Und sie wandte sich zum gehen.

Ich sah mit Wohlgefallen auf die Kinder, die sich in meiner Nähe tummelten. Die Tracht der Kinder war einfach. Bis zum Alter der Selbständigkeit unterschied man die jungen Leute nicht in der Kleidung, etwa nach dem Range der Eltern, und bis zum Eintritte in die Schule trugen Knaben und Mädchen eine ganz einfache Sommertracht, die doch reizend stand. Meistens trugen sie an den Füßen etwas, was halb Schuh, halb Sandale war. Kurze Höschen und ein von einem Gürtel zusammengehaltenes Röckchen von weißem, dünnen Stoff ohne Aermel, dann ein großer Basthut waren die ganze Kleidung, Beine und Arme nackt, der Hals frei; Reinlichkeit, Schönheit und Frohsinn gewannen ihnen alle Herzen. —

Ich sehnte mich nach Giulietta, die herabzukommen versprochen hatte. Wo blieb sie? —

Wir hatten oft dem Treiben der Jugend zugesehen. Die jungen Leute waren, bis die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, in Schaaren, beiläufignach dem Alter gesondert, unter Aufsicht von Frauen oder Mädchen, die älteren Knaben auch oft unter den Befehlen der Lehrer. Es wurde alles mögliche gespielt, nur nicht Krieg. Man spielte Besuch, Schule, Hochzeit, Gericht und Strafe, Häuserbauen, Pfänder, Charaden. Die älteren Knaben versuchten sich im Vortrage über aufgeworfene Fragen, dann wurde gerungen oder um die Wette gelaufen, und dann wählten sich die Knaben vorerst eine Preisrichterin, welche der Sieger küssen durfte.

Bald zerstreuten sich die Kinder auf Befehl der Erzieherin, um in den Wäldern Schwämme und Erdbeeren zu suchen, bald sammelten sie sich wieder auf ein Häuflein, um einer Erklärung oder einer Geschichte zu lauschen, deren jede Erzieherin viele Hunderte für jedes Alter wußte. Dann durfte wieder ein halberwachsenes Mädchen den Bübchen etwas vorlesen, und dann ging es wieder weiter. Regen und Sonnenbrand kümmerte sie gar wenig und wenn sie nach einigen Stunden heimkamen, hatten sie oft das ganze Gemeindegebiet durchstreift.

Große Aufmerksamkeit wendete man daran, den Ortssinn zu entwickeln. Ehe die Kinder in die Schule kamen, hatten sie schon jeden Weg und Steg im ganzen Bezirke inne, wußten überall die kürzesten Verbindungen zu finden, lernten sich in fremden Gegenden orientiren und hatten einen Begriff von der Größe ihres Vaterlandes, das man sie lehrte, als ihren Besitz zu betrachten. Auch mit den heimischen Thieren und Pflanzen und dem Nutzen, densie gewähren, waren sie vom zartesten Alter auf vertraut, wie man auch nicht versäumte, sie am nächtlichen Himmel mit den Sternbildern bekannt zu machen und ihre Liebe zur Natur und insbesondere zur Heimat zu wecken. —

Himmlische Giulietta, zögere nicht länger! — —

Das Erziehungspersonal hatte nur ein beschränktes Strafrecht. Dieses stand der Mutter oder Wahlmutter zu und einem störrigen Kinde wurde angedroht, daß man vor der Mutter Klage führen würde. Dieser wurde dann nach Tisch berichtet und sie verhängte oft die strengste Strafe, nachdem die Erzieherin und etwa andere Kinder Zeugnis abgelegt hatten. War sie zu nachsichtig, so vermied man, ihr Verhalten vor den Kindern zu rügen, aber die Sache kam dann vor den Pädagogen, der seinen Einfluß geltend machte. Nur im Nothfalle wurde von dem Rechte Gebrauch gemacht, der Mutter das Erziehungsrecht abzunehmen. —

Giulietta kam noch immer nicht. — Ich träumte von ihrer Herrlichkeit. Seit ich Anselma geschaut, war ich erst kundig geworden, welchen Inbegriff von Schönheit ein Frauenleib in sich schließt. Giulietta war der Typus der österreichischen Frauen. Augen und Haare waren vom schönsten Glanze, die etwas gebräunte, fleckenlose Haut hatte einen Perlenschimmer und stellenweise leuchtete das blaue Geäder hervor, an der Außenseite der feinen Hände aber trat es deutlich und kräftig zu Tage. Die gleichförmigen enggeschlossenen weißen Zähne bedeckte zum guten Theiledas korallenrothe Zahnfleisch, die breiten Schultern verbanden sich mit zart geschwungenen Bögen, weder zu flach, noch zu steil, dem schlanken Halse, und all diese Pracht war in beständiger anmuthiger Bewegung, wie auch das Mienenspiel unaufhörlich Rede und Gegenrede begleitete. Das Leibchen trug sie wie ein kreuzweise geschlungenes Busentuch, nicht viel mehr als ein Flor; es verrieth die jugendlichen Formen in den Umrissen, stellenweise auch in der Farbe, und es konnte wohl Giulietta noch viele Jahre des Mieders entrathen, das die Oesterreicherin erst trägt, wenn sie zu verblühen beginnt.

Es ist unter ihnen Tradition, daß Mäßigkeit in Allem, besonders in der Liebe — aber auch in der Enthaltsamkeit — die Schönheit bewahrt und daß auch heftige Gemüthsbewegung, Kränkung, Eifersucht, Zorn den Zauber vom Frauenleib nimmt. Auch dieser Glaube ist heilbringend. Und davon geleitet, überließ sich Giulietta nicht allzusehr dem Kummer, der sie doch immer an verlorenes größeres Glück gemahnte. —

Giulietta war noch nicht herabgekommen. Sehnsucht nach ihrem Anblicke quälte mich. —

Sie war zur Vorsteherin einer Strohflechtschule bestimmt worden, da sie in dieser Arbeit eine außerordentliche Geschicklichkeit erworben hatte. Diese Industrie beschäftigte tausende von Mädchen und Frauen im Lande und es sollte eine Schule in Höflein unterhalten werden. Wenn mein Liebling pädagogische und ökonomische Fähigkeiten zeigte, so konnte sie es zum Range eines Pädagogen bringen,womit große Vortheile, insbesondere ein sechswöchentlicher Urlaub, Arbeitsbefreiung vom zurückgelegten fünfzigsten Lebensjahre und etwas größerer Aufwand für Kleidung und Wohnung verbunden waren. Ihrer Schönheit, Anmuth und Bildung wegen hatte die Verwaltung den Auftrag erhalten, ihr allwöchentlich den Zutritt zu den geselligen Abenden der Residenz oder der höheren Beamten anzuweisen, worauf andere nur einigemale des Jahres und während der kurzen Ferien Anspruch hatten. Es war überhaupt Grundsatz der Staatsverwaltung, solche Mädchen, die in ihren Hoffnungen getäuscht worden waren und den Bedürfnissen der Gesellschaft ein so schweres Opfer bringen mußten, durch jede mit der Gerechtigkeit vereinbare Bevorzugung zu entschädigen. Dabei wirkte nicht nur die Frauencurie mit, die sich außer Stande erklärte, ihre Zusagen zu erfüllen, daß die weibliche Hälfte der Gesellschaft sich den allgemeinen Bedürfnissen unterordnen wolle, wenn nicht die größte Rücksicht für die Opfer dieser Interessen geübt würde, sondern es war in allen Theilen der Bevölkerung das Gefühl vorherrschend, daß solche Mädchen besondere Rücksichten verdienen, und mußte es das Bestreben aller werden, Giulietten mit ihrem Schicksale auszusöhnen. —

Wo bleibst Du, Berückende? Willst Du mich verschmachten lassen? Welches Bild gaukelt vor meinen Sinnen? — —

Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte sie ihr Tagewerk in Triest beendet und mit dem nächstenMorgen um sechs Uhr sollte sie ihr neues Amt antreten. Es war wohl vorauszusetzen, daß Giulietta bald ein gern gesehener Gast im Schlosse zu Königstetten sein und im freundschaftlichen Verkehre mit Dr. Kolb stehen würde, wodurch sie in Kurzem mit vielen bedeutenden Personen des Bezirkes bekannt werden konnte. Die Sonntage brachte das kunstsinnige Mädchen wohl in den zahlreichen Museen der Residenz zu und auch an italienischer Musik konnte sie sich satt hören, die in Wien eifrig gepflegt wurde. Es soll uns nicht bange sein um Giuliettens Zukunft. — Noch eine Aufgabe hatte sie übernommen. —

Ein Kleid rauscht in meiner Nähe, ich erwache aus meinem Traume. — Sie ist es nicht.

Wie in allen deutschen Gemeinden gab es auch in Höflein viele Gemeindegenossen, die einige Jugendjahre in einer italienischen Gemeinde zugebracht hatten, um sich die italienische Sprache eigen zu machen, wie andere der ungarischen oder einer slavischen Sprache mächtig waren. Denn es war in Oesterreich beinahe zum Gesetze geworden, daß die Angehörigen aller Nationen sich die deutsche Sprache und die Deutschen wieder eine zweite Reichssprache aneigneten, um die lebendige Verbindung aller Nationen unter einander herzustellen. Und dadurch war Oesterreich in gewisser Hinsicht der geistige Mittelpunkt der Welt geworden, wo alle Völker der Erde ihre geistigen Schätze austauschten und verbanden.

Ja, man hatte auch allen orientalischen Völkern eine Heimstätte errichtet und es wurde allen Culturnationen des Erdkreises ermöglicht, eine Hochschule in Oesterreich zu unterhalten. Die Chinesen, Japanesen und Perser, Araber und Türken hatten ebenso, wie Spanier, Franzosen und Engländer, Dänen und Schweden, Russen und Finnländer, in Wien Hochschulen, die mit den österreichischen Anstalten wetteiferten, und an welchen Oesterreicher gemeinschaftlich mit den Gästen fremder Länder Unterricht ertheilten und genossen.

Die Deutschen aber, welche eine zweite Reichssprache sich eigen gemacht hatten, suchten in ununterbrochener Uebung zu bleiben und unterhielten nach Sprachen gegliederte Vereine, von welchen die Literatur dieser Sprachen verfolgt wurde. Giulietta nun, die ihre Muttersprache in herrlicher Vollkommenheit sprach und schrieb und die italienische Poesie leidenschaftlich liebte und auch selbst improvisirte, sollte dem italienischen Club präsidiren. So hatte sie mir in ihrem Stübchen mitgetheilt. —

Ich fuhr auf aus meinen Träumen. — Es wogte noch fröhliches Leben um mich herum. Alle mieden, wie auf Verabredung, meinen Tisch und wenn die Kinder in meine Nähe kamen, wurden sie weggerufen. Man hatte offenbar bemerkt, daß ich allein sein wolle, und da, wie es schon finster zu werden beginnt, tritt dort Giulietta aus ihrem Wohnhause. Ein züchtiges, hellfärbiges Kleid umschloß die Gestalt der schönen Sünderin, ein goldschimmernderGürtel hielt sie umfangen und im Haare trug sie die noch frische Rose mit dem Gefangenen. Gemächlichen Schrittes näherte sie sich mir und ließ sich mit freundlichem Nicken an meiner Seite nieder.

Die Aufwärterin trat an unseren Tisch und fragte nach Giuliettens Begehren: “Bist du nicht Schwester Giulietta aus Triest?”

“Das bin ich, ich heiße Giulietta Chiari. Wie nennst du dich, Kleine?”

“Ich heiße Josepha Ohnewas und bin von Klosterneuburg herübergekommen. Der Verwaltungsbeamte hat mir aufgetragen, dich für morgen abends in seine Empfangsgemächer zu laden. Er will einige hervorragende Glieder der neuen Gemeinde zusammenführen, damit sie engere Bekanntschaft knüpfen.” — “Sage ihm meinen Dank, ich werde gerne kommen. Und nun reiche mir deine Hand, freundliche Botin, und werde mir eine treue Freundin.” — “Das will ich dir sein,” sagte sie mit einem Händedrucke. —

“Was ist das für ein furchtsames Bübchen?” fragte Giulietta, indem sie freundlich den Knaben am Kinn faßte, der, ängstlich ihr in die Augen schauend, sich an Josephas Rockfalten hielt. — “Es ist meiner Schwester Kind. Sie ist vor wenigen Tagen gestorben, ihr Mann schon früher, und nun ist der Kleine verwaist.” — “Willst du ihn unter deinen Schutz nehmen?” — “Es soll ihm eine Wahlmutter bestellt werden. Ich wurde befragt, ob ich ihn an Sohnesstatt nehmen wolle, aber ich sähe es lieber, wenn diese Sorge nicht auf mich fiele, denn ich werdein einigen Jahren meine eigene Familie gründen und ich halte es nicht für gut, wenn die Mutter eigener Kinder auch Verpflichtungen für ein fremdes Kind zu erfüllen hat.” — “Wolltest du mich zur Mutter haben?” fragte Giulietta den Knaben; dieser aber sagte: “Du bist nicht meine Mutter!” — Giulietta und Josepha sahen sich an, als ob sie sich dieselbe Frage stellen wollten. Diese sagte dann: “Ich habe Vertrauen zu dir. Möchtest du Mutterpflichten auf dich nehmen?” — “Es wäre eine Wohlthat für mich,” sagte Giulietta seufzend. “Doch laß mich den Knaben einige Tage beobachten und besprechen wir uns darüber. Wir müssen uns erst kennen lernen.” — “Ich will es mir bedenken und wir können dann dem Verwaltungsbeamten einen Vorschlag machen. Einstweilen ist Peterchen in meiner Obhut.” — Damit schied Josepha.

Giulietta saß sinnend neben mir. Zuweilen sahen wir uns an, wir sprachen aber nicht.

Nach einer Weile bediente Josepha auch Giulietta und da diese sah, daß mein Glas noch unberührt war, trank sie mir freundlich lächelnd zu. Sie nippte, ich aber leerte mein Glas auf einen Zug bis auf die Neige. Sie sah ernst auf mein leeres Glas und verband damit wohl einen sinnigen Gedanken. Wir verharrten im Schweigen, aber sie ließ es geschehen, daß ich verstohlen ihr dankerfüllt das Händchen drückte. Es war jetzt badefrisch und frostig; ich hätte es gerne warmgehaucht, wenn es hätte ungestraft geschehen können.

Der Tag war gewichen, Stern um Stern flackerte auf, dort im Westen einer im wechselnden Lichte, als ahmte er das Funkeln der Augen meiner Giulietta nach. Es wurde stiller um uns, die Tische wurden abgeräumt. Alles war zur Ruhe gegangen; Giulietta sprach auch jetzt nicht, aber sie schien zu glauben, daß sie den Gast nicht verlassen dürfe. Sie nahm jetzt zögernd, als wäre sie nach einem Kampfe mit sich selbst zu einem Entschlusse gelangt, die Rose aus dem Haare, befreite den Gefangenen und lächelte mir, Vergebung kündend, zu. — Nun sagte ich mit einem Händedrucke — ein Kuß war mir hier durch strenge Sitte verwehrt —: “Gehe auch zur Ruhe, Liebste.” Sie erhob sich, freundlichen Gruß im Auge, und ging. Unter der Thüre wandte sie sich noch einmal langsam um, winkte grüßend und verschwand. Bald darauf erhellte sich das Fenster ihres Gemaches, sie wurde noch einmal sichtbar, dann, nach kurzem Verweilen, fielen die Blenden. — Zu dieser Stunde in ihr Gemach zu dringen, war mir durch unerbittliche Satzungen verboten.

Jetzt erhob ich mich, ging nach den Ställen, zeigte meine Aufenthaltskarte vor und bat die Stallwache um ein feuriges Pferd. So jagte ich, mein Bündelchen am Sattelknopfe befestigt, im Sturme nach meinem Quartier, den flackernden Stern vor mir. Ein junger Mann, der die Nachtwache hatte, grüßte mich, als ich von den Ställen nach der Ansiedlung kam. Ich dankte schweigend und ging nach dem Bibliothekssaale, der, wie alle anderen Räume,offen stand, drehte eine Glühlampe auf und schrieb einige Zeilen an Giulietta. Ich kündete ihr, daß unsere Wege auseinander gingen, ich ihrer aber niemals vergessen würde. Ich bekannte mich unwürdig der königlichen Gunst, mit der sie mich beglückt.

Den Brief warf ich in den Briefkasten für die östliche Fahrt und nun suchte ich mein Lager auf.

Nun war es aber Ernst — wir reisten ab. Mr. Forest und ich hatten uns von dem Beamten verabschiedet und harrten am Bahnhofe des Zuges, der von Wien her kommen sollte, und nun kamen sie alle, unsere neuen Freunde, uns die Hand zu reichen. Die vielen lieben Mädchen und Frauen, die uns bei Tische und sonst bedient hatten, nicht wie Diener, sondern wie Freundinnen und Schwestern, auch Anna, die wir näher kennen gelernt hatten, mit ihrem Jakob, den sie im Rollstuhle vor sich herschob, und der jüngere Zwirner und gar viele liebe Gesichter. Von der schönen Anna forderte ich resolut einen Abschiedskuß und sie sah zuerst Jakob ins Gesicht und dann bot sie mir ihren Mund, aber sie sagte, ein Abschiedskuß sei es nicht. Aufklärungen gab sie nicht. Und wie wir so inmitten vieler Freunde standen, kam Dr. Kolb eilends heran, sich zu verabschieden und uns auch etwas zu überbringen. Es war Zwirners Brief und ein Angebinde.

Zwirner schrieb, er bedauere, uns nicht mehr sehen zu können; er hoffe aber auf Briefe aus Amerikaund auf ein Wiedersehen. Dr. Kolb habe ihm oft von uns geschrieben und er sei darüber beruhigt, daß wir in Oesterreich gut aufgehoben gewesen. Auch hätte uns Dr. Kolb ebenso, wie er, über alles Auskunft geben können und habe sie auch gegeben. Er selbst lebe in süßer Gefangenschaft und wolle auch unsertwegen nicht ausbrechen. Wir möchten das Angebinde annehmen, das uns Dr. Kolb überreichen werde, und fänden wir die glücklichen jungen Eheleute erstens im Plauderstübchen und zweitens im Speisezimmer. Auf Nummer drei und vier dürften wir Anspruch nicht erheben. Neben seiner Unterschrift standen die Worte: “Auch ich bin euch gut und wünsche euch das Beste. Aber meinen Gefangenen gebe ich nicht heraus. Seid mir gegrüßt. Lori Zwirner.” — Das Angebinde waren zwei gleiche Cartons mit Photographieen. Das Carton war in schönem gepreßtem Leder ausgeführt und zeigte vorne vier Medaillons und in der Mitte ein Schild in Bronce. Die Medaillons enthielten kunstreich geschnittene Brustbilder unserer Freunde: Zwirner, Dr. Kolb, Lori und Mary und das Mittelschild die Landschaft, auf die wir so oft von unserem Fenster aus geblickt hatten. Dr. Kolb erklärte uns, daß die Liebhaberei, Medaillen zu schneiden, weit verbreitet sei, und schöne Köpfe, wie die hier dargestellten, zögen oft die Aufmerksamkeit der Künstler in diesem Fache auf sich. Dann erhält das Modell natürlich ein kunstvoll gearbeitetes Exemplar. Von diesen Bildnissen hatte man galvanoplastische Copien gemachtund auf den Cartons angebracht. Ebenso beiläufig verhalte es sich mit der Landschaft und die Cartons selbst seien auf Wunsch des Zwirner angefertigt worden und die Verwaltung habe gestattet, das Ganze den Fremden als Angebinde zu widmen. Die Photographien waren theils von Zwirner eingesandt, theils nach seinem Wunsche besorgt worden. Zwei allerliebste Bilder aus dem “Gefängnisse” in Königstetten, einige Bilder aus dem schon erwähnten Schneideralbum, die Bildnisse des Ehepaares Lueger, des Dr. Kolb, dann der schönen Anna und des Jakob und — vorher mußten wir aber Treue geloben — der “Braut”.

Eben kam der Zug heran. Noch ein rasches Händeschütteln, ein Winken, und wir waren im Wagen, der uns entführen sollte.

Lange fuhren wir schweigend dahin und als wir Tulln aus dem Gesichte hatten, begehrten wir nach Büchern und lehnten uns zurück, um uns in Lectüre zu vertiefen.

Fort ging's nach St. Pölten, wo wir umzusteigen hatten, und weiter über Linz und Salzburg, wo wir diesmal nicht wieder anzuhalten gedachten.

Die Reise ging Tag und Nacht weiter und kamen wir am 4. August morgens nach Meran und von da mittels Wagens und zum Theile zu Fuße gegen 4 Uhr auf die Ortlerspitze. Am Fuße des Gletschers fanden wir im Unterkunfthause viele Fremde und darunter über fünfzig Engländer und Amerikaner. Vom Ortler sprechen wir nicht, er steht am selbenFlecke, wie im neunzehnten Jahrhunderte, und herrscht über alle Berge wie ehemals.

Wir blieben vom 4. August abends bis zum 6. August morgens und setzten dann unsere Reise über Finstermünz und Landeck nach Bregenz fort.

Bevor wir von Oesterreich Abschied nehmen, will ich noch einige Informationen zusammenfassen, welche ich an verschiedenen Orten mir verschaffte und welche in meinem bisherigen Reisebericht keine Aufnahme fanden.

Was die Familie anbelangt, so ist sie durch die Antheilnahme des Staates an der Erziehung keineswegs beseitigt. So lange die Eltern, insbesondere die Mutter, das Recht auf die Erziehung nicht durch Nachlässigkeit oder Mißbrauch verwirken, steht ihnen dieses Recht vorzugsweise zu. Nur eine Oberleitung und Aufsicht haben die staatlichen Organe und wenn die Eltern durch Arbeit oder Abwesenheit oder andere Gründe verhindert sind, die Kinder zu beaufsichtigen, oder ihre erziehliche Thätigkeit auszuüben, geht die Erziehung an die staatlichen Organe über. Bei der Wahl der Aufsichtspersonen und Kinderpflegerinnen haben die Mütter einen entscheidenden Einfluß. Ebenso sind sie es, welche die Pflegerinnen wählen, wenn die Kinder an anderen Orten Erziehung oder Unterricht genießen; sie können testamentarisch Adoptivmütter für den Fall ihres Todes delegiren, sie vertreten die Kinder gegen den Staat und die staatlichen Organe,durch sie werden Belohnungen und Strafen zugetheilt und auch sonst werden die Kinder mit allen ihren Bedürfnissen und Wünschen an die Mutter gewiesen, soweit das überhaupt angeht. Die Weisungen des Arztes bezüglich der körperlichen Erziehung und die des Pädagogen bezüglich der Ausbildung des Geistes und Herzens müssen sie befolgen und das Erziehungsrecht kann ihnen entzogen werden, wenn sie sich Nachlässigkeit oder Mißbrauch zu Schulden kommen lassen. Es steht den Eltern frei, die arbeitsfreie Zeit mit den Kindern in ihren Zimmern zuzubringen und sich dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu entziehen, insoferne darunter die Erziehung nicht leidet. Einblick in dieses Privatleben konnten wir nicht gewinnen, weil wir fremd waren und in den Familienkreis nicht gezogen wurden.

Der Volksschulunterricht beginnt mit dem vollendeten sechsten und endet mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahre. Der Unterricht in den ersten vier Jahrgängen wird Kindern beiderlei Geschlechtes von den weiblichen Aufsichtsorganen ertheilt. Erst vom fünften Jahrgange an werden die Geschlechter getrennt unterrichtet und zwar von eigentlichen Fachlehrern in Classen, die selten mehr als 25 Schüler zählen. Jede Gemeinde hat mit Einschluß des Pädagogen, der die Oberleitung des Erziehungswesen hat, acht Volksschullehrer, und zwar sind diese Lehrkräfte für die Mädchenclassen den Frauen und Mädchen entnommen, unterstehen aber auch dann einem Manne, der das Erziehungswesen leitet. Benachbarte Gemeindensind immer so zu zweien verbunden, daß die Mädchen aus der einen und die Knaben aus der anderen den Unterricht in der Nachbargemeinde empfangen, und werden sie entweder unter gemeinsamer Aufsicht hin- und wieder zurückgebracht oder die Mütter wählen ihnen eine Pflegemutter, bei welcher sie untergebracht werden.

Der Unterricht ist mit productiver Arbeit verbunden und steckt sich das Ziel, nicht nur in alle Zweige des Wissens einzuführen und zum Selbstunterrichte zu befähigen, sondern auch zur Arbeit im Felde und in der Industrie zu qualificieren. In den Ferien werden gemeinschaftliche Ausflüge und Reisen unternommen. Die Schüler älterer Jahrgänge müssen sich am Unterrichte der jüngeren Kinder betheiligen, mit ihnen correpetiren und üben und sind alle Kinder ununterbrochen unter Aufsicht erwachsener Personen. Bei der Berufswahl hat die Mutter,[M]in ihrer Verhinderung der Vater, mitzuwirken, und müssen ihnen alle erforderlichen Informationen ertheilt werden. Der Uebergang zu einem wissenschaftlichen Berufe ist von dem Erfolge der Studien abhängig.

Mit Beendigung des achtzehnten Lebensjahres endet der Schulunterricht und tritt mit der Verpflichtung zur vollen Arbeitsleistung auch Selbständigkeit und Stimmrecht in öffentlichen Angelegenheiten ein.

Der Arzt einer jeden Gemeinde und eines jeden Quartiers hat für die Verhütung und Heilung aller Krankheiten, Beobachtung aller auf die Gesundheit Bezug habenden Daten, dann für Hygiene zu sorgen, Einfluß auf die Vertheilung von Arbeit und Gütern zu üben und die Bevölkerungs-, Mortalitäts- und Morbilitätsstatistik aufzustellen. Er hat alle Gemeindemitglieder einmal des Jahres genau zu untersuchen und tägliche Berichte an den Bezirksarzt zu erstatten, wobei insbesondere Befund und Diagnose für jeden Kranken vorzulegen sind. In zweifelhaften Fällen hat er Abordnung eines Specialarztes zu beantragen und bei chirurgischen Fällen alle bis zum Eintreffen des Operateurs erforderlichen Maßnahmen zu beobachten. Der Gemeindearzt kann vom Krankenbette nie ferngehalten, wohl aber die Beiziehung eines anderen Arztes vom Kranken oder dessen Angehörigen beantragt werden. Der Arzt hat die Geburtshilfe und die Pflege der Zähne, wofür geeignetes ärztliches Personal geringerer Art bestellt ist, zu überwachen, den Einfluß der Arbeit und Lebensweise auf Gesundheit und Lebensdauer zu beobachten, die Ernährungsfrage zu studiren und alle Leichname zu seciren.

Die europäischen Continentalstaaten bilden einengemeinsamen Sanitätsbezirk und werden alle von auswärts kommenden Reisenden einer so genauen Untersuchung unterzogen, daß die Einschleppung von Krankheiten ganz unmöglich ist.

Der Staatsbeamte für die Gemeinden und Quartiere hat die eigentliche Executive, da die Oberbehörden sich zumeist auf Ueberwachung, Entscheidung von Berufungen und allgemeine Leitung zu beschränken haben. Nur das Zeitungswesen gehört in den Bereich der höheren Beamten. Die Beamten repräsentiren auch bei der offiziellen Geselligkeit und können diese Function auch bestimmten anderen Personen übertragen. Sie haben das Disciplinarstrafrecht. Bei schweren Vergehen und Verbrechen gegen das Staatseigenthum, die persönliche Sicherheit und gegen den Staat erkennen Schwurgerichte unter Leitung pensionirter Beamten, welche das Richteramt als Ehrenamt ausüben. Die Gesetzgebung ist einfach und werden die Gesetze in den Volksschulen gelehrt.

Prozesse wegen Ersatzleistung für besondere Belastung — z. B. anläßlich eines Elementarereignisses oder wegen sonstiger Verkürzungen — werden gleichfalls von Schwurgerichten, welche aus Pensionisten des Arbeiterstandes zusammengesetzt sind, unter Leitung höherer pensionirter Beamten entschieden. Ueber Ersatzleistungen von Provinz zu Provinz oder Streitigkeiten zwischen Nationalitäten entscheidet der Kaiser persönlich. Jederzeit gehen Vergleichsversuche voraus. Die Disziplinarstrafen bestehen in Entziehung von solchen Genüssen, welche nicht zum nothwendigenUnterhalte gehören, Herabsetzung des Ranges, Verweigerung des Urlaubes, Verlängerung der Arbeitszeit, die Strafen wegen Vergehen und Verbrechen in der Versetzung in Strafgemeinden, Entziehung des Stimmrechtes, und wird bei den allerschwersten Verbrechen die Todesstrafe verhängt. Den Disciplinarstrafen kann man sich durch Ausscheidung aus dem gesellschaftlichen Verbande gegen Anweisung von Grund und Boden, Baumaterialien, Werkzeugen und Sämereien, den schwereren Strafen durch Auswandern oder freiwillige Verbannung in die österreichische Colonie in Afrika entziehen. Die Arbeit ist bei weitem nicht so vermindert worden, als Bellamy oder sonst ein socialistischer Theoretiker des neunzehnten Jahrhunderts gelehrt hat. Die volle Arbeitsleistung beginnt nicht mit dem 21., sondern mit dem 19. Lebensjahre und dauert für einfache Arbeiter bis zum beendeten 65. Lebensjahre, kürzer für geschickte Arbeiter, Productionsleiter, Lehrer, Aerzte und Beamte. Die tägliche mittlere Arbeitszeit war Anfangs zehn Stunden an 300 Tagen im Jahre und sank erst allmählig auf neun und acht Stunden. Es hat sich erwiesen, daß eine noch weiter herabgesetzte Arbeitszeit nicht genügt hätte, um den Aufwand für eine rationelle physische und geistige Versorgung des Volkes zu bestreiten. Es war nothwendig, den ganz verwilderten Zustand der Gewässer und Waldbestände zu verbessern und zu diesem Ende enorme Investirungen vorzunehmen. Zur Erhöhung des Bodenertrages waren gleichfalls sehr große Anlagenzu schaffen und es mußten nach und nach für die ganze Bevölkerung neue Wohnungsansiedlungen erbaut werden, welche Arbeiten sechzig Jahre in Anspruch nahmen. Oesterreich ist nun vom Welthandel ganz unabhängig und tauscht Güter mit dem Auslande nur aus, wo es zur Vermehrung des Volkswohlstandes dienlich erscheint. Es besitzt zweijährige Reserven von allen Bodenproducten. Die ökonomischen Vortheile des neuen Wirthschaftssystems sind übrigens unermeßliche. Beste Ausnützung aller Arbeitskräfte, größte Stetigkeit der Production, Ersparung der Handelskosten oder jener volkswirthschaftlichen Arbeit, welche den Umsatz der Güter durch Kauf und Verkauf bewirkt, vielfach höhere Ausnützung der Gebrauchsgüter, Ersparung an Capital, bessere Verwerthung der Fäcalien durch stärkere Besiedlung der landwirthschaftlichen Flächen, vollständigere, raschere und kostenlose Gewinnung aller Abfallstoffe, wechselseitige Unterstützung der industriellen und landwirthschaftlichen Arbeit, vor allem aber Erhöhung der körperlichen und geistigen Kräfte des Volkes und demgemäß nicht nur Belebung des Erfindungsgeistes, sondern auch vielfach raschere Einführung erprobter Erfindungen.

Was das Eigenthum betrifft, so herrschen folgende Grundsätze. Die Socialisten des neunzehnten Jahrhunderts, sagt man, seien gemeiniglich von der Ansicht ausgegangen, der Arbeiter müsse Eigenthümer des Arbeitsproductes sein und dadurch in die Lage gesetzt werden, den vollen Ertrag seiner Arbeit aus dem Producte zu ziehen. Da es nun aber klar war,daß, wenn der einzelne Arbeiter für sich producirt, alle Vortheile der Großproduction verscherzt werden, wollte man dem dadurch abhelfen, daß die Arbeiter sich zu Genossenschaften vereinigen. Da auch das nicht viel versprach, da niemand gezwungen werden konnte, einer Vereinigung beizutreten, bestehende Vereinigungen nicht gezwungen werden konnten, neue Mitglieder aufzunehmen, so wollte man Zwangsgenossenschaften derart begründen, daß alle Angehörigen eines Gewerbes auf einem bestimmten Gebiete für gemeinschaftliche Rechnung arbeiten sollten. Dadurch wieder mußte ein Interessenconflict zwischen den einzelnen Productionszweigen entstehen. Wären die Bauern zu einer solchen Genossenschaft vereinigt, so könnten sie alle Gewerbsleute aushungern und in die drückendste Abhängigkeit versetzen, weil die Nahrungsmittel unentbehrlich sind, die Befriedigung aller anderen Bedürfnisse aufgeschoben werden kann. Da wollte man wieder festsetzen, daß jene Produzenten, die ihre Producte zurückhalten, um eine Preissteigerung herbeizuführen, sollten gezwungen werden können, ihre Producte zu verkaufen.[N]— Wozu sollte nun der Producent Eigenthümer seines Productes bleiben, wenn man ihn dann wieder sollte zwingen können, zu verkaufen? Das hätte übrigens gerade bei den landwirthschaftlichen Producten gar keinen Sinn, denn der Bauer braucht Vorräthe für den Hausbedarf und für die Bestellung der Felder, undwer könnte ihm festsetzen, wie viel er verkaufen müsse und wie viel er für sich behalten könne. Alle Versuche, die Wirthschaftsordnung nach dem Principe zu regeln, daß jeder einzelne oder einzelne Berufsgenossenschaften über das ganze Reich oder nach Provinzen, Kreisen &c. für eigene Rechnung produciren sollten, mußten scheitern. Zudem ergeben sich vielerlei Wechselfälle, Viehseuchen, Hagel, Feuer u. s. w., gegen welche wieder Versicherung gewährt werden sollte, und die Verwirrung wurde immer größer, abgesehen davon, daß alles dahinzielte, noch mehr Vertheilungsarbeit hervorzurufen, als man damals ohnehin schon für den Güterumsatz und ein höchst mangelhaftes Versicherungswesen aufwenden mußte.

Eine niemals genügend untersuchte Frage war auch die, wie es mit den Wohngebäuden zu halten wäre. Da der Staat nicht selbst produciren sollte, so konnte er auch auf die Niederlassung der Staatsbürger nicht nur keinen Einfluß nehmen, sondern er konnte nicht einmal rathen, wohin sich jemand wenden sollte, der in die Production eintritt. Man bildete sich auch ein, jeder müsse sein eigenes Haus haben. Abgesehen davon, daß das äußerst unökonomisch ist, daß diese planlose Aufbauung zahlloser Häuser auch die größte Verwirrung in viele öffentliche Anstalten, Schulen, Straßen, Beleuchtung bringen mußte, war auch an ein öffentliches Leben, geordnete Geselligkeit, eine verläßliche Volksabstimmung nicht zu denken, wenn die Ansiedlung nur nach individuellen Impulsensich ausdehnten oder verkümmerten. Und nun, was sollte derjenige thun, der ein Haus gebaut oder erworben hatte, um hier ein Geschäft zu betreiben, wenn er in seinem Berufe nicht fortkommen konnte? Man wollte ihm freien Uebertritt zu anderen Gewerben oder den Wechsel des Wohnsitzes aus Erwerbsgründen ermöglichen; nun war er aber Eigenthümer eines Hauses, das sollte er mit Verlust verkaufen oder es vermiethen und einem Dritten die Verwaltung überlassen. Es war doch klar, daß es vor allem galt, die Glieder des Volkes gegen die Wechselfälle im wirthschaftlichen Leben zu schützen, und man bereitete ihnen unter dem lockenden Namen “Freiheit” zahllose neue Gefahren, eine Zerfahrenheit und Verwirrung, die größer war, als man je erlebt hatte.

Eine Versicherung war überdies zu gewähren für Zufälle, durch die jemand erwerbsunfähig wurde. Es war also auch der Nichtarbeiter zu versorgen. Wenn nun die Arbeitsproducte Eigenthum der Producenten waren, wie sollte da der Erwerbsunfähige erhalten werden? Man mußte wieder die Producenten besteuern, also auch aus diesem Grunde einen Theil ihres Eigenthumes ihnen nehmen. Und wie sollten die Productionsmittel an die Producenten gelangen, wenn sie Staatseigenthum sind, was die Socialisten forderten? Sollte jeder einen gleichen Antheil an Grund und Boden und einen gleichen Antheil an Maschinen erhalten und was waren gleiche Antheile bei der außerordentlichen Verschiedenheit der Ertragsfähigkeit des Bodens? Oder sollteverpachtet werden? Mit Wohn- und Wirthschaftsgebäuden oder ohne selbe, an Einzelne oder Genossenschaften, auf wie lange, unter welchen Bedingungen? Und wer sollte investieren, wie sollte man Raubwirthschaft verhindern?

Das war alles unausführbar; ausführbar war nur die Nachahmung bes Großbetriebes, wie er im neunzehnten Jahrhundert mit so großem Erfolge gedieh, aber nicht für Rechnung eines Einzelnen oder eines Unternehmers, sondern für Rechnung des Staates, der die Niederlassungen nach statistischen Daten erbaute und besiedelte, die Bevölkerung nach dem Arbeitsbedürfnisse vertheilte, die Arbeiten anordnete und vertheilte, producirte, was das Volk brauchte und alle wirthschaftlichen Gefahren auf sich nahm. Jeder mußte nach Kräften an der Herstellung der Gesammtproduction mitwirken und erhielt dafür die Versorgung aus dem Gesammtproducte zugewiesen.

Der Staat also blieb Eigenthümer der Materie durch alle Stadien der Production und betrachtete die Arbeiter, wie sie ehemals der Unternehmer betrachtet hatte; der Arbeiter war besitzlos und blieb besitzlos, das Product gehörte ebenso dem Staate, wie der Grund und Boden und die Urstoffe, und der Arbeiter erhielt nur das zugewiesen, was er verbrauchen mußte, und zwar nur zum Verbrauch, nicht zur Ansammlung von Vorräthen.

Der Unterschied aber gegen früher war der, daß der Staat wieder nur die Gesammtheit der Arbeiter war, daß der Arbeiter als stimmberechtigter Bürgerim Staate herrschte und daß das ganze Product unter die Arbeiter vertheilt werden mußte nach Grundsätzen, die die Gesammtheit der Arbeiter guthieß. Es entfielen alle Abgaben an Parasiten.

Da der arbeitenden Bevölkerung die Wichtigkeit tüchtiger und gewissenhafter Beamten, Lehrer und Aerzte, die Notwendigkeit der Monarchie, die Nützlichkeit der Adelsinstitution, der Ermunterung des Erfindungsgeistes, der Forschung und der Künste, die Notwendigkeit ferners der höheren Entlohnung fleißiger Arbeiter und gewisser gefährlicher und gesundheitsschädlicher Arbeiten einleuchtete, bewilligte sie, daß ein gewisser Bruchtheil des Productes dazu verwendet wurde, aber das sollte ein Zehntel des Gesammtproductes nicht übersteigen, und so konnte niemals eine erhebliche Beeinträchtigung des Einzelnen herbeigeführt werden.

Ein Zehntel des Gesammtproductes war in Oesterreich die Arbeit von 2 200 000 Arbeitern und es ist evident, daß das nicht nur ausreichen mußte, um Krone und Adel, wofür nur ein Procent ausgeworfen wurde, sondern daß es auch genügen mußte, Beamte, Lehrer und Aerzte zu erhalten, die etwas mehr als ein Procent der Bevölkerung ausmachen und auf welche drei bis vier Procent des Productes verwendet werden konnten, was bei ungleicher Vertheilung unter den betreffenden Personen wieder eine glänzende Dotirung der höchsten Stellen verstattete. Der Rest von fünf Procent wieder war übergenug, um Künste und Wissenschaft zu fördern, Erfinder zubelohnen und eine Abstufung in der Entlohnung unter den Arbeitern nach Fleiß, Geschicklichkeit und Opferwilligkeit zu begründen, und endlich, um das Capital zu erhalten und zu vermehren. Der Staat nun konnte aber doch nicht alle Materie bis zum gänzlichen Verbrauche festhalten, weil dadurch jede freie Thätigkeit selbst auf dem Gebiete der geistigen Production wäre unterbunden worden. Das Volk bewilligte also, daß ein Theil des Productes unter der Bezeichnung Consumtibilien vertheilt werde. Auf diese Weise baute Schneider sein Schutzhaus, erzeugte man Photographien, Statuen, Schnitzereien, Modelle für neu erfundene Gegenstände, Werkzeuge und Maschinen &c. &c. An solchen Consumtibilien mußte man gewissermaßen das Eigenthum erwerben können, wenn auch kein volles, denn in Wahrheit gab der Staat sein Eigenthum an nichts auf. Wer in freien Stunden, und nicht im Auftrage des Staates, ein Bild malte, eine Zeichnung anfertigte, ein Werkzeug oder eine Maschine nach seiner Erfindung herstellte, war, da ihm alles dazu erforderliche zum Verbrauche war überlassen worden, ebenso berechtigt, daran zu ändern, es umzugestalten oder auch es dem Verbrauche auszusetzen, als wäre es sein Eigenthum, aber doch nur in Folge einer Gestattung des wirklichen Eigenthümers, der immer der Staat blieb. — Dieser konnte sein Eigenthum auch jederzeit wieder geltend machen, dem Gebrauche und Verbrauche Einhalt zu thun und die Sache wieder zurückfordern, wie dem Staate auch zweifellos das Recht zustand,hinterlassene Briefe eines berühmten Mannes in Anspruch zu nehmen, wenn sie durch die Geschichte des Briefschreibers einen Werth erlangten. Auch war es Niemand erlaubt, etwas ohne Bewilligung des Staates ins Ausland zu schaffen oder irgend etwas zum Gegenstande des Handels zu machen oder gar in der Absicht, jemand zu corrumpiren, anderen geschenkweise zu überlassen. Das wäre nicht nur strafbar gewesen, sondern der geschenkte Gegenstand wäre auch zurückgefordert worden.

Dabei konnte aber die Staatsverwaltung auch nicht willkürlich, sondern immer nur nach dem Volkswillen verfahren. Hätte bei der Vertheilung von Consumtibilien Dr. Kolb soviel Erz, Feuerungsmaterial &c. auf seinen Antheil erhalten können, um eine Statue zu gießen, so würde er oder seine Familie oder die Gemeinde, ein Freund, eine Geliebte bis auf weiteres im ausschließlichen Genusse der Statue verblieben sein, aber die Statue bliebe Eigenthum des Staates und von diesem hinge es ab, ob die Statue etwa auch auf Erben übergehen dürfe.

Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.

Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen. Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.

Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem Hofstaate,schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um, nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken, das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.

Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragenworden. Händeringend stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.

Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen, das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes in Oesterreich vollbracht habe.

Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat, der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte. In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]

Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten. Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht gestatteten.

Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt. Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste ausgestattet und eingerichtetwaren, und befanden sich dort zahllose Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.

Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und dem des großen Speisesaales geleitet.

Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das köstlichste.

Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt, theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der obere Theil desBibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche, sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch angebrachten Bäder.

Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten, und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten, um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen. Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag, dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen gewann. Der Name des Sängers war Rieger.

Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern zuvorzuthun, aber auch mit derzweiten Stelle zufrieden sein konnten, und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.

Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören. Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie auch klangen, doch weithin hörbar waren.

Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: “Jakob, mein Jakob!” und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen wandte, sah manauch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt, zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt hätte, — und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit, die ein sympathischerBariton pries, und am Ende die Wiener, welche abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.

Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so viele hier verbreitet hatte.

So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach Bregenz in unsere Quartiere zurück.

Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen könne.

Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand, indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd und befangen.

Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß, ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte ein. Folgendes war meine Erzählung.

Eine Storchengeschichte.

Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die ‘Kieler Zeitung,’ ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.

Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die ‘Kieler Zeitung,’ ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.

Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome aufzusuchen, sah Peter — so hatte man den Verunglückten getauft — ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem, überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und — mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind — fand sie Gefallen an dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.

Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome aufzusuchen, sah Peter — so hatte man den Verunglückten getauft — ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem, überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und — mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind — fand sie Gefallen an dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.

Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden, entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling. Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren geglaubte Gattin.

Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden, entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling. Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren geglaubte Gattin.

Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen. Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.

Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen. Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.

“Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt ist?”

Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: “Sollte es wahr sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen zu opfern? So wärst Du meine Störchin,” sagte er heiterer auf seine Anna blickend. — “Es ist wohl so,” sagte diese lächelnd, “ich habe nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.”

Nach einigem Besinnen sagte Jakob: “Wenn du meine Störchin bist, mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.” Anna wurde ernst und antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: “Lasse deinen Trotz fahren, liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.”

Anna jubelte auf: “Aber Beine müssen die Jungen haben,” und damit fiel sie dem Kranken um den Hals. “Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite wie du?” —

Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und rief: “Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von Frauenhand sein.”

Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von Giulietta. Hier folgt es:

“Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger, als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren und verändern, ihr seid unersättlich.

Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.

Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt,aber wie könnten wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!


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