In welchem für Oliver bessere Fürsorge getragen wird, als er sie noch in seinem ganzen Leben erfahren. Die Geschichte kehrt zu dem lustigen alten Herrn und seinen hoffnungsvollen Zöglingen zurück.
Der Wagen hielt nach ziemlich langer Fahrt vor einem hübschen Hause in einer stillen Straße, nicht weit von Pentonville. Mr. Brownlow ließ Oliver sogleich zu Bett bringen und sorgte mit einem Eifer für Pflege jeder Art, der keine Grenzen kannte. Sein Schützling verfiel in ein heftiges Fieber und erwachte erst nach acht Tagen aus einem langen und unruhigen Traume, wie es ihm schien. «Wo bin ich?» rief er mit schwacher Stimme. «Wer hat mich hierher gebracht?»
Der Vorhang seines Bettes wurde rasch zurückgeschoben, und eine mütterlich aussehende, sauber gekleidete alte Frau beugte sich über ihn und sagte: «Ruhig, mein Söhnchen, du mußt ganz still liegen oder wirst sonst wieder krank werden. Denn du hast an der Schwelle des Todes gestanden; also verhalte dich ja recht ruhig.»
Sie sah so freundlich und liebevoll dabei aus und strich ihm so sorglich das Haar von der Stirn zurück, daß er sich nicht enthalten konnte, seine abgezehrte Hand auf die ihrige zu legen und einige, wenn auch unverständliche Worte gerührten Dankes zu murmeln.
«Was es für ein lieber Kleiner ist!» sagte sie mit Tränen in den Augen. «Wie würde sich seine Mutter freuen, wenn sie so wie ich bei ihm gesessen hätte und ihn jetzt sähe!»
«Vielleicht sieht sie mich,» flüsterte Oliver und faltete seine Hände. «Vielleicht war sie bei mir, Ma'am. Es ist mir fast, als wäre sie hier gewesen.»
«Das macht das Fieber, mein Kind», bemerkte Frau Bedwin.
«Kann wohl sein», erwiderte Oliver nachdenklich; «denn der Himmel ist sehr fern, und die Seligen haben es dort zu gut, als daß sie an das Krankenbett eines armen Knaben herunterkommen sollten. Wenn sie es aber gewußt hat, daß ich krank war, so hat sie gewiß Mitleid mit mir gehabt, denn sie war selbst sehr krank, ehe sie starb. Aber – sie mag wohl nichts von mir wissen, denn wenn sie mich hätte niederschlagen sehen, so würde sie sehr betrübt geworden sein, und ihr Gesicht war immer so froh und vergnügt, wenn ich von ihr geträumt habe.»
Frau Bedwin wischte sich die Augen, brachte ihm zu trinken und ermahnte ihn abermals, ganz still zu liegen, weil er sonst wieder krank werden würde. Er schwieg daher und hielt sich vollkommen ruhig, teils weil er der guten Frau nicht ungehorsam sein wollte, und andernteils, weil er durch das, was er gesagt hatte, bereits vollkommen erschöpft war. Er schlief ein, und als er erwachte, stand ein Herr an seinem Bette, der seinen Puls fühlte. «Nicht wahr, mein Kind, du fühlst dich weit besser?» fragte ihn der Herr.
«Ja, ich danke, Sir!» antwortete Oliver.
«Das wußte ich wohl. Und du bist hungrig – nicht wahr?»
«Nein, Sir.»
«Hm! Ja, ganz recht. Du kannst auch in der Tat keinen Hunger empfinden. Er ist nicht hungrig, Frau Bedwin», sagte der Herr mit sehr weiser Miene.
Frau Bedwin neigte ehrfurchtsvoll den Kopf, wodurch sie andeuten zu wollen schien, daß sie den Doktor für einen äußerst gescheiten Mann hielte. Der Doktor schien vollkommen derselben Meinung zu sein.
«Du bist müde, nicht wahr, mein Sohn?» sagte er.
«Nein, Sir.»
«Nicht?» wiederholte der Doktor; «das freut mich, und ich dachte es wohl. Aber durstig bist du?»
«Ach ja, Sir», erwiderte Oliver.
«Ganz wie ich es erwartet habe. Frau Bedwin, es ist sehr natürlich, daß er Durst fühlt. Sie können ihm ein wenig Tee mit Weißbrot ohne Butter geben. Halten Sie ihn nicht zu warm, Ma'am, und haben Sie acht, daß er nicht zu kalt wird.»
Frau Bedwin knixte, und der Doktor ging. Oliver schlief bald wieder ein, und als er erwachte, war es fast zwölf Uhr. Frau Bedwin sagte ihm gute Nacht und überwies ihn der Pflege einer eingetretenen alten Frau, die in ihrem Bündel ein kleines Gebetbuch und eine große Nachtmütze mitgebracht hatte, sich an den Kamin setzte und sehr bald einschlief.
Oliver lag noch einige Zeit wach. Es herrschte eine feierliche Stille, und als er daran dachte, daß der Tod viele Tage und Nächte über seinem Bette geschwebt hätte und das Gemach auch wohl noch mit Schmerz und Wehe erfüllen könnte, begann er inbrünstig zu beten. Er versank darauf wieder in jenen festen Schlummer, den nur heitere Ruhe nach erduldeten Leiden gibt und aus welchem man nicht ohne Bedauern erwacht. Wenn es der Tod wäre – wer möchte aus ihm wieder aufwachen wollen zu den Mühen und Ängsten des Lebens, zu den Nöten der Gegenwart, den Sorgen um die Zukunft, und zumal den trüben Erinnerungen an die Vergangenheit!
Es war heller Tag, als Oliver die Augen aufschlug, er fühlte sich heiter und froh, die Krise war überstanden, und er gehörte der Welt wieder an. – Nach drei Tagen konnte er, durch Kissen gestützt, in einem Lehnstuhle sitzen. Frau Bedwin ließ ihn in ihr kleines Zimmer hinunterbringen, setzte sich zu ihm an das Feuer und fing vor Freude von Herzen zu schluchzen an.
«Sie sind sehr gütig gegen mich, Ma'am», sagte Oliver.
Sie wollte nichts davon hören und bereitete ihm sorglich ein für seinen Zustand passendes Frühstück. Oliver heftete unterdes seine Blicke auf ein ihm gerade gegenüber an der Wand hängendes Porträt. Sie wurde aufmerksam darauf.
«Magst du gern Bilder leiden, mein Kleiner?»
«Ich habe noch wenige gesehen; aber wie schön und liebevoll das Gesicht der Dame ist!»
«Ah, die Maler machen die Damen immer hübscher, als sie sind, denn sie würden sonst keine Kundschaft haben. Der Mann, der die Konterfeimaschine erfand, hätte vorauswissen können, daß es nichts damit wäre, denn es ist viel zu viel Ehrlichkeit dabei.»
Sie lachte, Oliver aber blieb ernst und fragte: «Wen stellt denn das Bild vor, Ma'am?»
«Ich weiß es nicht, mein Kind; aber sicher niemand, den wir beide kennen. Es scheint dir ja erstaunlich zu gefallen.»
«Ach, es ist gar zu schön!» rief Oliver aus.
«Du fängst doch nicht an, dich zu fürchten?» sagte Frau Bedwin, denn sie gewahrte mit großer Verwunderung, daß Oliver das Porträt mit einer Art von Beben betrachtete.
«O, nein, nein,» erwiderte er rasch; «aber die Augen blicken so traurig, und es ist, als wären sie gerade, wo ich sitze, auf mich geheftet. Es macht mir das Herz schlagen», setzte er mit leiser Stimme hinzu, «als wenn es lebte und zu mir reden wollte und könnte doch nicht.»
«Gott sei uns gnädig!» rief Frau Bedwin bestürzt aus; «sprich nicht so, Kind. Du mußt noch sehr schwach und fieberisch sein. So, so – nun kannst du es nicht mehr sehen.»
Sie drehte bei diesen Worten seinen Stuhl herum; Oliver aber sah im Geiste das Bild so deutlich, als ob es ihm noch immer vor Augen hinge. Er wollte indes die gute alte Frau nicht ängstigen und lächelte ihr freundlich zu, als sie ihm seine Brühe mit Weißbrot brachte. Er hatte kaum einen Löffel voll genossen, als Mr. Brownlow eintrat.
Oliver sah noch sehr blaß und abgezehrt aus; er machte einen vergeblichen Versuch, aufzustehen, um seinem Wohltäter zu danken, dem die Tränen in die Augen traten.
«Armes Kind, armes Kind», sagte er. «Wie befindest du dich heute, mein Lieber?»
«Vortrefflich, Sir», erwiderte Oliver; «und ich bin Ihnen sehr dankbar für alle Ihre Güte.»
«Gutes Kind,» sagte sein Wohltäter, erkundigte sich darauf, was ihm Frau Bedwin zur Stärkung gegeben, und bemerkte: «Brühe – pfui! Ein paar Gläser Portwein würden ihm besser geschmeckt haben – nicht wahr, Tom?»
«Ich heiße Oliver, Sir!» entgegnete der kleine Patient sehr verwundert.
«Oliver! – Wie? – Oliver White?»
«Nein, Sir, Twist – Oliver Twist!»
«Kurioser Name; – warum sagtest du denn dem Richter, daß du White hießest?»
«Das hab' ich ihm ganz und gar nicht gesagt», erwiderte Oliver äußerst verwundert.
Dies sah einer Lüge so ähnlich, daß ihn der alte Herr etwas strenge ansah. Allein es war unmöglich, seine Aussage zu bezweifeln, denn aus allen seinen Zügen leuchtete die klarste Wahrheit hervor. Brownlow meinte, daß ein Mißverständnis obwalten müsse, sein Verdacht schwand gänzlich, und doch vermochte er die Blicke von Oliver nicht abzuwenden, denn abermals drängte sich ihm die Ähnlichkeit des Knaben mit bekannten Zügen auf. Oliver hob flehend die Augen zu ihm empor.
«Sie sind mir doch nicht böse, Sir?»
«Nein, nein; – aber – barmherziger Himmel! Was ist das? Frau Bedwin – sehen Sie, sehen Sie!»
Und während er hastig die Worte sprach, wies er nach dem Bilde über Olivers Lehnstuhl und dann auf Oliver selbst hin. Es konnte keine größere Ähnlichkeit geben; der Knabe war der Dame auf dem Bilde aus den Augen geschnitten.
Oliver gewahrte die Ursache des plötzlichen Ausrufs seines Wohltäters nicht; der Schrecken war ihm zu viel gewesen; er war ohnmächtig geworden. –
Sobald der Baldowerer und Master Bates ihren Zweck erreicht hatten, alle Aufmerksamkeit von sich ab und auf Oliver zu lenken, schlüpften sie in eine Seitengasse, um eiligst nach Hause zurückzukehren. Sobald sie wieder zu Atem gekommen waren, fing Master Bates laut zu lachen an und rief sich und dem Freunde mit grenzenlosem Vergnügen die unendlich spaßhafte Szene in das Gedächtnis zurück, wie der geängstete Oliver gelaufen und überall angerannt war, und wie er selber und der Baldowerer ihn eifrigst mit gehetzt und das Tuch in der Tasche gehabt hatten. Sein Freund unterbrach jedoch bald seinen Redefluß und warf das Bedenken auf, was Fagin dazu sagen würde?
«Was soll er sagen?» meinte Charley.
«Hm!» sagte Jack, pfiff und schnitt sehr bedeutsame Gesichter.
Charley folgte ihm nachdenklich, bald darauf langten sie zu Hause an. Bei dem Geräusch von Fußtritten auf der krachenden Treppe fuhr der lustige alte Herr, der vor dem Feuer saß und sich sein Mittagessen zubereitete, empor. Auf seinem weißen Gesicht lag ein hämisches Lächeln, als er sich umdrehte und mit einem scharfen Blicke unter seinen dichten, roten Augenbrauen hervor sein Ohr der Tür zuwandte und horchte.
«Wie? Was ist das?» murmelte der Jude erschrocken vor sich hin. «Nur zwei? Wo ist der dritte? Sie werden ihn in dem Gedränge doch nicht verloren haben? Horch!»
Die Fußtritte kamen näher und näher; endlich öffnete sich die Tür, und der Baldowerer und Charley Bates traten in das Zimmer.
Der Leser macht einige neue Bekanntschaften.
«Wo ist Oliver?» fragte der Jude, sich drohend erhebend. «Wo ist der Junge?»
Die jugendlichen Diebe sahen ihren Lehrmeister erschrocken über dessen Heftigkeit an und blickten unsicher einander an. Aber sie antworteten nicht.
«Was ist aus dem Jungen geworden?» fragte der Jude, indem er den Baldowerer mit festem Griffe beim Kragen packte und fürchterliche Verwünschungen ausstieß. «Sprich, oder ich erdrossele dich! – Willst du sprechen?» fuhr er fort, als keine Antwort erfolgte, und schüttelte den Baldowerer heftig.
Charley erhob ein jammervolles Geheul, sein Freund riß sich los, ergriff ein Messer und war im Begriff, es dem Juden in die Seite zu stoßen, als die Tür geöffnet wurde und ein Vierter, gefolgt von einem knurrenden, zerbissenen Hunde, eintrat.
«Was gibt's hier, zu allen Teufeln? Spitzbube von Juden, was soll das bedeuten?»
Die grobe, polternde Stimme gehörte einem vierschrötigen Manne von etwa fünfundvierzig Jahren mit einem breiten Gesicht und düster grollendem Blicke an. Sein Bart war seit mehreren Tagen nicht abgenommen und das eine Auge von einem Schlage angeschwollen, den er erst vor kurzem erhalten haben mußte. Arm- und Beinschellen dachte man sich bei der ganzen Erscheinung leicht hinzu.
Er setzte sich gemächlich. «Was sind das hier für Sachen?» fuhr er fort. «Warum mißhandelst du die Jungen, du alter, unersättlicher Filz und Pascher?KIch wundere mich nur, daß sie dir die Kehle nicht abschneiden, was ich unfehlbar tun würde, wenn ich in ihrer Haut steckte. Ich hätt's längst getan, wenn ich dein Lehrling wäre. Freilich – verkaufen hätt' ich deinen Haut- und Knochenkadaver nicht können; du bist zu nichts gut, denn als ein merkwürdiges Stück von Häßlichkeit in Spiritus aufbewahrt zu werden, und sie blasen so große Gläser nicht.»
«Pst, pst! Mr. Sikes,» fiel der zitternde Jude ein, «nicht so laut, nicht so laut!»
«Ich will dich bemistern; du hast immer Teufeleien im Sinn, wenn du damit kommst. Du weißt meinen Namen, und ich werd' ihm keine Unehre machen, wenn die Zeit kommt.»
«Schon gut, schon gut; also Bill Sikes», sagte der Jude kriechend demütig. «Ihr scheint übler Laune zu sein, Bill.»
Bill überhäufte ihn zur Erwiderung abermals mit Vorwürfen und Schimpfwörtern und deutete dabei auf so verdächtige Dinge hin, daß ihn Fagin angstvoll und mit einem Seitenblicke nach den beiden Knaben fragte, ob er wahnsinnig geworden wäre. Bill machte pantomimisch einen Knoten unter seinem linken Ohre, wies durch eine Kopfbewegung über seine rechte Schulter, welche Symbolik der Jude vollkommen zu verstehen schien, forderte ein Glas Branntwein und fügte die Erinnerung hinzu, es aber nicht zu vergiften. Er sagte dies scherzend; hätte er jedoch den satanischen Blick sehen können, mit welchem der Jude sich umwendete, um nach dem Schranke zu gehen, so würde ihm die Warnung keineswegs unnötig erschienen sein.
Nachdem er einige Gläser hinuntergestürzt, ließ er sich herab, die jungen Herren anzureden, was zu einem Gespräch führte, in dessen Laufe ihm Olivers Gefangennehmung umständlich und mit solchen Ausschmückungen erzählt wurde, wie sie der Baldowerer für nötig erachtete.
«Ich fürchte, daß er wird etwas lehmern, wodurch wir kommen in Ungelegenheit», bemerkte der Jude.
«Sehr wahrscheinlich», sagte Bill mit einem boshaften Grinsen. «Du bist verloren, Fagin.»
Der Jude tat, als ob er die Unterbrechung nicht beachtet hätte, behielt Sikes scharf im Auge und fuhr fort: «Ich fürchte nur, wenn mir das Handwerk gelegt würde, möcht's auch noch anderen mehr gelegt werden, und daß die Geschichte ein schlechteres Ende nimmt für Euch, als für mich, mein Lieber.»
Sikes fuhr zusammen und blickte den Juden wütend an, der jedoch die Achseln zuckend gerade vor sich hinstarrte. Nach einem langen Stillschweigen sagte er mit leiserer Stimme: «Wir müssen zu erfahren suchen, was sich auf der Polizei zugetragen hat.»
Fagin nickte beifällig.
«Hat er nichts ausgeschwatzt und ist ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden, so ist nichts zu befürchten, bis er wieder loskommt; dann aber müssen wir seiner so bald wie möglich wieder habhaft zu werden suchen.»
Der Jude nickte abermals. Der Rat war offenbar gut, nur war die Ausführung schwierig, da alle vier Gentlemen einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen hegten, einem Polizeiamte nahezukommen. Sie blickten einander verlegen an, als die beiden jungen Damen eintraten, deren Bekanntschaft Oliver vor einigen Tagen gemacht hatte. Der Fall wurde ihnen vorgetragen, und Fagin sprach seine Zuversicht aus, daß Betsy den Auftrag übernehmen werde. Die junge Dame war zu wohlerzogen und zu feinfühlend, um einem Mitgliede der Gesellschaft geradezu oder vielleicht gar mit Schärfe zu widersprechen oder eine Bitte abzuschlagen. Sie sagte daher keineswegs entschieden nein, sondern begnügte sich mit der Versicherung, daß sie sich hängen lassen wollte, wenn sie's täte.
Der Jude wendete sich an ihre Freundin: «Liebe Nancy, was sagst du?»
«Daß ich mich schönstens hüten werde; also gebt Euch nur weiter keine Mühe, Fagin.»
«Wie soll ich das nehmen?» fiel Sikes grollend ein.
«Just wie ich's gesagt habe, Bill», entgegnete die Dame sehr ruhig.
«Du bist aber eben die rechte Person dazu; es kennt dich hier herum niemand.»
«Und es tut auch gar nicht not, daß mich jemand kennen lernt, was ganz gegen meinen Wunsch wäre.»
«Sie geht, Fagin», sagte Sikes.
«Nein, sie läßt's wohl bleiben», eiferte Nancy.
«Ja, ja, sie geht doch», wiederholte Sikes.
Und er hatte recht. Nancy ließ sich endlich durch Geschenke, Versprechungen und Drohungen bewegen, den Auftrag zu übernehmen. Auch hatte sie in der Tat weniger als ihre Freundin zu besorgen, mit einem ihrer zahlreichen Bekannten zusammenzutreffen, da sie erst seit ganz kurzer Zeit die entlegene, sehr anständige Vorstadt Ratcliffe mit der Gegend von Fieldlane vertauscht hatte. Der Jude staffierte sie aus seinen unerschöpflichen Vorräten so aus, wie es dem Zwecke am angemessensten erschien, und gab ihr einen Korb und einen Hausschlüssel in die Hand.
«Ach, mein Bruder! mein armer, lieber, kleiner Bruder», begann Nancy mit überströmenden Tränen und händeringend zu wehklagen. «Ach, was ist aus meinem Bruder geworden – wo soll ich ihn finden? O haben Sie Erbarmen, liebe Herren, und sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist!»
Ihre Zuhörer waren entzückt; sie hielt inne, blinzelte lächelnd und bedeutungsvoll und verschwand.
«Die Nancy ist 'ne gescheite Dirne», sagte der Jude mit feierlichem, nachdenklichem Kopfnicken zu seinen beiden jungen Freunden, als wenn er sie mahnen wollte, das eben geschaute glänzende Beispiel nachzuahmen.
«Sie ist 'ne Zierde ihres Geschlechts», stimmte Sikes, sein Glas füllend und nachdrücklich auf den Tisch schlagend, ein. «Sie lebe hoch, und möchten ihr alle gleich werden!»
Die Vielgepriesene eilte unterdes nach dem Polizeiamte, wo sie bald, trotz ein wenig natürlicher Schüchternheit, allein und ohne Beschützer die Straßen zu durchwandern, glücklich und ohne Gefährde anlangte. Nach einigen mißlungenen Versuchen wendete sie sich weinend und wehklagend an den Gefängniswärter, von welchem sie in Erfahrung brachte, daß Olivers Unschuld ans Licht gekommen und daß er von dem beraubten Herrn mit fortgenommen worden sei, der in der Gegend von Pentonville wohne, wohin zu fahren er den Kutscher angewiesen habe. Mit dieser Auskunft kehrte sie zum Juden zurück.
Sobald sie ihren Bericht erstattet hatte, rief Bill Sikes hastig seinen Hund, stülpte den Hut auf den Kopf und entfernte sich, ohne sich Zeit zu der Formalität zu nehmen, der Gesellschaft einen guten Morgen zu wünschen.
«Wir müssen ihn ausfindig machen; wir müssen wissen, wo er steckt», sagte der Jude in großer Aufregung. «Charley, geh auf die Lauer, bis du etwas von ihm siehst oder hörst. Beste Nancy, ich muß ihn wiederhaben – ich verlasse mich ganz auf dich und den Baldowerer. Da, da habt ihr Geld. Ich entferne mich heut' abend von hier – ihr wißt, wo ich zu finden bin. Macht, daß ihr fortkommt – ihr dürft keinen Augenblick länger hierbleiben.»
Er stieß alle hinaus, verschloß die Tür hinter ihnen und steckte seine Kostbarkeiten zu sich. «Er hat nichts ausgeschwatzt auf der Polizei», murmelte er; «tut er's aber gegen die Leute, bei denen er sich jetzt aufhält – wir werden ihn wiederbekommen und wollen ihm schon stopfen den Mund.»
In welchem Mr. Grimwig auftritt.
Oliver erholte sich bald wieder von der Ohnmacht, in die er bei dem kurzen Ausrufe Mr. Brownlows gefallen war. Der alte Herr und Frau Bedwin vermieden sorgfältig jedes Gespräch, durch das er wieder an das Bild oder seine Herkunft und Lage hätte erinnert werden können, und suchten ihn auf jede Weise angenehm zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen. Als er jedoch am folgenden Tage wieder in das Zimmer der Haushälterin herunterkam, hob er sogleich die Augen nach der Wand empor, in der Hoffnung, das Bild der schönen Dame zu erblicken. Er sah sich getäuscht; es war entfernt worden. Frau Bedwin hatte ihn jedoch beobachtet.
«Ah!» sagte sie, «es ist nicht mehr da, mein Kind.»
«Ich seh' es, Ma'am!» erwiderte Oliver seufzend. «Warum ist es denn fortgenommen worden?»
«Weil Mr. Brownlow sagte, es schiene dich unruhig zu machen und könnte daher deiner Wiederherstellung schaden.»
«Ach, es machte mich gar nicht unruhig, Ma'am. Ich freute mich, es anzusehen, und hatte es gar zu lieb gewonnen.»
«Nun, nun, mein Kind,» sagte die gute Frau, «es geht dir ja zusehends besser, und es soll schon wieder aufgehängt werden; ich verspreche es dir. Laß uns jetzt aber von anderen Dingen sprechen.»
Sie hatte ihm in seiner Krankheit so viel Liebe erwiesen, daß er sich vornahm, einstweilen nicht mehr an das Bild zu denken. Er hörte ihr daher aufmerksam zu, als sie begann, ihm von ihren wohlgeratenen Kindern und ihrem guten, seligen Ehemann zu erzählen. Sodann wurde Tee getrunken, worauf sie ihn Cribbage spielen lehrte, was er schnell begriff und eifrig mit ihr spielte, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen.
Es folgten nun selige Tage für Oliver. Alles um ihn her war so still, sauber und ordentlich, und jedermann war so liebevoll gegen ihn, daß er fast im Himmel zu sein glaubte. Als er imstande war, sich wieder ordentlich anzukleiden, hatte Mr. Brownlow schon für einen ganz neuen Anzug gesorgt, und da ihm gesagt wurde, er könnte mit seinen alten Kleidern tun, was er wollte, so gab er sie der Magd, die sehr gefällig gegen ihn gewesen war, und sagte ihr, sie möchte sie an einen Juden verkaufen und das Geld behalten. Die Magd machte sogleich Gebrauch von der erhaltenen Erlaubnis, Oliver sah durch das Fenster, wie der Jude seine ganze alte Garderobe zusammenwickelte, einsackte und fortging; und er freute sich nicht wenig darüber, da er nun nicht mehr zu fürchten brauchte, die traurigen Lumpen je wieder anlegen zu müssen.
Es mochte etwa eine Woche vergangen sein, als eines Nachmittags Mr. Brownlow herunterschickte und Oliver zu sich rufen ließ. Frau Bedwin ordnete eiligst den Anzug und das Haar ihres kleinen Pfleglings und begleitete ihn selbst bis an Mr. Brownlows Tür. Das Zimmer war mit Büchern angefüllt, und das einzige Fenster wies in einen kleinen Blumengarten. Mr. Brownlow legte ein Buch aus der Hand und sagte Oliver, er möchte näher kommen und sich setzen. Oliver tat, wie ihm geheißen war, und dachte, wo die Leute wohl gefunden werden könnten, eine solche Menge von Büchern zu lesen, die geschrieben zu sein schienen, um die Welt klüger zu machen – eine Sache, welche fortwährend erfahreneren Leuten zu schaffen macht, als Oliver Twist es war.
«Du siehst hier sehr viel Bücher, nicht wahr, mein Kind?» fragte Mr. Brownlow.
«Ja, sehr viele», erwiderte Oliver; «ich habe noch nie eine solche Menge von Büchern gesehen.»
«Du sollst sie, wenn du dich gut beträgst, auch lesen, was dir noch besser gefallen wird als das bloße Beschauen der Bände – wenn auch nicht immer; denn es gibt allerdings Bücher, an welchen die Einbände bisweilen das Beste sind. Möchtest du wohl ein recht gescheiter Mann werden und selbst Bücher schreiben?»
«Ich möchte lieber in Büchern lesen, Sir», entgegnete Oliver.
«Wie, du möchtest also kein Bücherschreiber sein?» sagte der alte Herr.
Oliver besann sich ein wenig und erwiderte endlich, es bedünke ihn weit besser, ein Buchhändler zu sein, worüber der alte Herr herzlich lachte, und wozu er bemerkte, Oliver habe da etwas sehr Gescheites gesagt. Oliver freute sich über diese Anerkennung, obgleich er durchaus nicht begriff, wodurch er sie verdient haben möchte.
«Sei nur ohne Furcht», sagte der alte Herr; «ich werde dich nicht zum Schriftsteller machen, solange es noch ein anderes ehrliches Geschäft oder Handwerk gibt, das du erlernen kannst.»
«Ich danke, Sir», entgegnete Oliver, und der alte Herr lachte abermals über den großen Ernst, mit dem er antwortete, und sagte ein paar Worte von einem merkwürdigen Instinkt, welche Oliver nicht sehr beachtete, da er sie nicht verstand. Brownlow fuhr darauf in einem womöglich noch freundlicheren, aber zugleich ernsteren Tone, als er gegen Oliver bis dahin angenommen, fort: «Sei jetzt recht aufmerksam auf das, was ich dir sagen werde. Ich denke ohne Rückhalt mit dir zu reden, weil ich überzeugt bin, daß du mich ebensogut verstehen wirst wie viel ältere Personen.»
Oliver erschrak. «Ach!» rief er aus, «sagen Sie nicht, daß Sie mich fortschicken wollen, Sir; weisen Sie mir nicht die Tür, daß ich wieder auf den Straßen umherirren muß. Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben und Ihnen dienen. Schicken Sie mich nicht in das schreckliche Haus zurück, woher ich gekommen bin. Erbarmen Sie sich eines armen, verlassenen Knaben, bester Herr!»
«Mein liebes Kind,» sagte der alte Herr gerührt, «du brauchst nicht zu fürchten, daß ich meine Hand von dir abziehe, solange du mir keine Ursache dazu gibst.»
«Das will ich nie, niemals, Sir!»
«Ich hoffe, daß du es nicht tun wirst, glaube es auch nicht. Ich bin oft getäuscht und betrogen von Leuten, denen ich wohltun wollte, bin aber trotzdem sehr geneigt, dir zu vertrauen, und ich empfinde eine größere Teilnahme für dich, als ich sie sogar mir selbst erklären kann. Die ich am meisten geliebt habe, ruhen längst in ihren Gräbern, und ich habe auch meines Lebens Glück und Zier begraben – nicht aber meine Herzenswärme. Auch herber Kummer hat sie nicht ausgelöscht, sondern nur noch stärker angefacht; wie denn allerdings Schmerz und Leid unser Inneres stets reinigen und läutern sollten.» – Er hatte dies mit leiser Stimme und mehr vor sich hin als zu Oliver gesprochen, der ganz still dasaß und kaum zu atmen wagte. – «Doch ich sagte das nur,» fuhr der alte Herr wieder heiterer fort, «weil du ein junges Gemüt hast, und wenn du weißt, daß ich viel gelitten habe, dich vielleicht noch sorgfältiger hüten wirst, mir abermals wehe zu tun. Du sagst, daß du eine Waise wärest und ganz allein in der Welt daständest. Alles, was ich in Erfahrung habe bringen können, bestätigt deine Angaben. Erzähle mir nun, wer deine Eltern gewesen sind, wo du erzogen und wie du in die Gesellschaft geraten bist, in welcher ich dich gefunden habe. Sage die Wahrheit, und wenn ich finde, daß du kein Verbrechen begangen hast, so soll es dir niemals, solange ich lebe, an einem Freunde fehlen.»
Oliver vermochte vor Schluchzen ein paar Minuten nicht zu antworten, und als er sich endlich gefaßt hatte und seine Erzählung beginnen wollte, ließ sich ein Herr zum Tee anmelden.
«Es ist ein Freund von mir, Mr. Grimwig», sagte Brownlow zu Oliver. «Er hat ein wenig rauhe Manieren, ist aber im Herzen ein sehr wackerer Mann.»
Oliver fragte, ob er hinuntergehen solle, allein Brownlow hieß ihn bleiben, und in demselben Augenblick trat Mr. Grimwig, ein korpulenter alter Herr, gestützt auf einen tüchtigen Handstock – denn er hatte ein etwas lahmes Bein –, schon in das Zimmer. Oliver hatte nie ein so verzwicktes Gesicht gesehen. Grimwig hielt dem Freunde sogleich auf Armeslänge ein Stückchen Zitronenschale entgegen und polterte, dergleichen würde ihm überall in den Weg geworfen. «Ich will meinen eigenen Kopf aufessen, wenn Zitronenschale nicht noch mein Tod ist!» beteuerte er.
Es war seine gewöhnliche Beteuerung; allein wenn die Erfindung, den eigenen Kopf zu verspeisen, auch noch gemacht werden sollte, so würde es einem Herrn, wie Mr. Grimwig war, doch jedenfalls stets sehr schwerfallen, in einer einzigen Mahlzeit damit zustande zu kommen.
Mr. Grimwig erblickte Oliver, trat ein paar Schritte zurück und fragte Brownlow verwundert, wer der Knabe wäre.
«Der Oliver Twist, von welchem ich Ihnen erzählt habe», erwiderte Brownlow.
Oliver verbeugte sich.
«Doch nicht der Knabe, der das Fieber gehabt hat?» sagte Grimwig, sich noch etwas weiter zurückziehend.
«Gehabt hat», wiederholte Brownlow lächelnd.
Grimwig setzte sich, ohne seinen Handstock zur Seite zu stellen, beäugelte den hocherrötenden Oliver durch seine Lorgnette und redete ihn nach einiger Zeit an. «Wie befindest du dich?»
«Danke, Sir, sehr viel besser», erwiderte Oliver.
Brownlow schien zu besorgen, daß sein absonderlicher Freund etwas Unangenehmes sagen möchte, und hieß Oliver daher hinuntergehen und Frau Bedwin ankündigen, daß die Herren den Tee erwarteten. Oliver ging mit Freuden.
«Er ist ein artig aussehender Knabe, nicht wahr?»
«Kann's nicht sagen», entgegnete Grimwig verdrießlich.
«Sie können es nicht sagen?»
«Nein. Ich kann nie einen Unterschied an Knaben entdecken. Ich kenne nur zwei Arten von Knaben – Milchsuppengesichter und Rindfleischgesichter.»
«Zu welcher Art gehört Oliver?»
«Zu den Milchsuppengesichtern. Ich kenne einen Freund, der einen Knaben mit einem Rindfleischgesicht hat – einen schönen Knaben, wie ihn seine Eltern nennen, mit rundem Kopf, roten Wangen und glänzenden Augen – einen abscheulichen Knaben, wie ich ihn nenne – mit einem Körper und Gliedern, die die Nähte seines blauen Anzugs zu sprengen drohen, mit der Stimme eines Matrosen und einem Wolfshunger. Ich kenne ihn – den Bengel!»
«Dann gleicht er Oliver nicht, dem Sie daher nicht zürnen dürfen.»
«Freilich gleicht er dem Oliver nicht, der vielleicht noch schlimmer ist.»
Brownlow hustete ungeduldig, was seinen Freund höchlich zu ergötzen schien.
«Ja, ja, er ist vielleicht noch schlimmer», fuhr Grimwig fort. «Woher stammt er? Wer ist er? Was ist er? Er hat ein Fieber gehabt. Gute Menschen pflegen keine Fieber zu bekommen, wohl aber schlechte. Ich habe einen Menschen gekannt, der in Jamaika aufgehängt wurde, weil er seinen Herrn ermordet hatte. Er hatte sechsmal das Fieber gehabt und wurde deshalb nicht zur Begnadigung empfohlen.»
Grimwig war im innersten Herzensgrunde sehr geneigt, anzuerkennen, daß Oliver ein außerordentlich einnehmender Knabe wäre; allein er liebte noch mehr den Widerspruch, die Zitronenschale hatte ihn gereizt, er war entschlossen, sich von niemand sein Urteil über einen Knaben vorschreiben zu lassen, und hatte sich aus diesen triftigen Gründen von Anfang an vorgenommen, seinem Freunde in allem zu widersprechen. Als Brownlow daher zugestand, daß seine bisherigen Erkundigungen noch ungenügend wären, lächelte Grimwig ziemlich boshaft und fragte, ob die Haushälterin auch wohl regelmäßig das Silbergeschirr nachsähe und wegschlösse, denn er würde sich eben nicht wundern, wenn sie einmal einige Löffel oder dergleichen vermißte, usw.
Brownlow, obgleich selbst etwas heftigen Temperaments, ertrug dies alles sehr gutlaunig, da er die Sonderbarkeiten seines Freundes kannte; und da sich dieser mit dem Tee und den Semmeln zufrieden zeigte, so ging alles weit besser, als man hätte erwarten sollen, und Oliver, der wieder heraufgerufen war, fühlte sich in des sauertöpfischen Herrn Anwesenheit leichter als zuvor. Als das Teegeschirr hinweggeräumt wurde, fragte Grimwig, wann sein Freund den Knaben zu veranlassen gedächte, ihm einen ausführlichen und wahrhaften Bericht über seine Lebensumstände und Schicksale zu erstatten?
«Morgen früh», erwiderte Brownlow. «Ich wünsche dabei unter vier Augen mit ihm zu sein. Komm morgen vormittag um zehn Uhr zu mir herauf, Oliver.»
«Ja, Sir», sagte Oliver. Er antwortete mit einigem Stocken, weil er dadurch in Verwirrung geraten war, daß Mr. Grimwig ihn bei seiner Frage so scharf angesehen hatte.
«Ich will Ihnen etwas sagen», flüsterte Grimwig Brownlow in das Ohr; «er kommt morgen früh nicht herauf zu Ihnen. Ich habe ihn beobachtet. Er betrügt Sie, lieber Freund.»
«Ich schwöre darauf, daß er's nicht tut», entgegnete Brownlow mit Wärme.
«Ich will meinen Kopf aufessen, wenn er's nicht tut.»
«Und ich bürge mit meinem Leben für seine Wahrhaftigkeit.»
«Und ich mit meinem Kopfe für seine Lügenhaftigkeit.»
«Wir werden sehen», sagte Brownlow, seinen Unwillen bemeisternd.
«Ja, ja, wir werden allerdings sehen», wiederholte Grimwig mit einem herausfordernden Lächeln.
Das Schicksal wollte es, daß gerade in diesem Augenblick Frau Bedwin mit einigen Büchern hereintrat, welche Brownlow an demselben Tage von dem mehrerwähnten Buchhändler gekauft hatte. Sie legte sie auf den Tisch und schickte sich an, wieder hinauszugehen.
«Lassen Sie den Ladenburschen noch warten», sagte Brownlow; «er soll etwas mit zurücknehmen – ein Päckchen Bücher und das Geld für die gekauften.»
Der Ladenbursche war aber schon wieder fortgegangen.
«Ah, das ist mir aber sehr unangenehm», fuhr Brownlow fort. «Der Mann braucht sein Geld, und ich würde es auch gern gesehen haben, daß er die Bücher noch heute zurückerhalten hätte.»
«Schicken Sie sie doch durch Oliver», fiel Grimwig mit einem ironischen Lächeln ein. «Sie wissen, er wird sie ohne Zweifel richtig abliefern.»
«Ja, lassen Sie sie mich hintragen, Sir», sagte Oliver eifrig. «Ich will auch den ganzen Weg laufen.»
Brownlow wollte eben erklären, daß er Oliver unter keiner Bedingung hinschicken werde, als ein boshaftes Husten seines Freundes ihn bestimmte, seinen Beschluß abzuändern, um Grimwig der Ungerechtigkeit seines Argwohns zu überführen. Er hieß Oliver die Bücher hintragen und gab ihm zugleich eine Fünfpfundnote, worauf er zehn Schillinge zurückbekommen würde.
Oliver versicherte, er würde in zehn Minuten wieder da sein, verbeugte sich ehrerbietig und eilte hinaus. Frau Bedwin folgte ihm vor die Haustür, gab ihm ausführliche Anweisungen in betreff des nächsten Weges und entließ ihn unter vielen wiederholten Ermahnungen, sich nicht zu überlaufen, sich nicht zu erkälten usf. Es war ihr höchst unangenehm, ihn aus den Augen lassen zu müssen. Sie hätte auf Mr. Brownlow zürnen mögen und sah Oliver nach, bis er an der nächsten Ecke angelangt war, wo er sich noch einmal umwandte und ihr freundlich zunickte.
«Er ist in höchstens zehn Minuten wieder hier», sagte Brownlow und legte seine Uhr auf den Tisch. «Es wird bis dahin dunkel geworden sein.»
«Sie glauben also wirklich, daß er wiederkommt?»
«Sie nicht?» entgegnete Brownlow lächelnd.
In seinem Freunde regte sich der Widerspruchsgeist gerade mit besonderer Lebhaftigkeit, und Brownlows Lächeln verstärkte ihn noch. «Nein!» erwiderte er mit großer Bestimmtheit. «Er steckt in einem nagelneuen Anzuge, hat ein Paket wertvoller Bücher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Tasche; er wird sich sofort wieder zu seinen alten Spießgesellen begeben und Sie auslachen. Ich will meinen Kopf aufessen, wenn er sich jemals wieder hier blicken läßt.»
Er rückte näher an den Tisch, und beide saßen in stummer Erwartung da. Es ist der Bemerkung wert und wirft ein Licht auf die Bedeutung, welche wir unseren eigenen Urteilen beilegen, und den Stolz, mit welchem wir uns auf unsere übereiltesten Schlüsse verlassen, daß Grimwig, obgleich er kein schlechtes Herz hatte, obgleich es ihn wirklich betrübt haben würde, wenn er seinen geschätzten Freund betrogen gesehen, im Augenblick ebenso lebhaft wünschte wie hoffte, Oliver möchte nicht wiederkommen. Aus solchen Widersprüchen ist die menschliche Natur zusammengesetzt!
Es wurde so dunkel, daß die Zahlen auf dem Zifferblatt der Uhr nicht mehr zu erkennen waren; allein die beiden alten Herren saßen fortwährend da und hefteten schweigend die Blicke auf die Uhr.
Was Oliver auf dem Wege zum Buchhändler begegnete.
Olivers Rückkehr wurde beiden Herren immer zweifelhafter, zu Grimwigs Triumph und Brownlows tiefer Betrübnis. Ich hätte nun hier in meinem Prosaepos die kostbarste Veranlassung, die Leser mit vielen weisen Betrachtungen über die offenbare Unklugheit zu unterhalten, seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen ohne Aussicht auf irdischen Lohn, oder vielmehr darüber, wie sehr es die Klugheit erfordere, in einem besonders hoffnungslosen Falle einige Liebe und Menschenfreundlichkeit an den Tag zu legen, und sodann dergleichen Schwachheiten für immer abzulegen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Hält sich der, dem ihr unter die Arme gegriffen, gut und dient ihm euer geleisteter Beistand zum Wohlergehen, so erhebt er euch bis in den Himmel, ihr werdet sehr geachtete Leute und gelangt in den Ruf, unendlich viel Gutes im Verborgenen zu tun, wovon nur der zwanzigste Teil bekannt werde; zeigt er sich als ein Undankbarer und Nichtswürdiger, so habt ihr euch in die vortreffliche Stellung gebracht, daß man euch nachsagt, ihr hättet euch höchst uneigennützig, mildtätig und dienstfertig erwiesen, wäret nur durch erfahrenen Undank und Verrat menschenfeindlich geworden, und man könne euch euer Gelübde nicht verdenken, nie wieder einem Menschenkinde beizuspringen, um nicht durch abermalige Täuschungen verletzt zu werden. Ich kenne eine Menge Personen, welche die angegebene Klugheitsregel befolgt haben, und kann versichern, daß sie in der allgemeinsten und natürlich verdientesten Achtung stehen.
Brownlow gehörte indes zu ihrer Zahl nicht, denn er blieb hartnäckig dabei, Gutes zu tun um des Guten selbst und um der Herzensberuhigung und Freude willen, die es ihm gewährte. Täuschungen raubten ihm sein Vertrauen und seine Milde und seine Menschenfreundlichkeit nicht, und Undankbarkeit von seiten einzelner führte ihn nicht zu dem Entschlusse, sich dafür an der ganzen leidenden Menschheit zu rächen. Ich werde daher die fraglichen vielen weisen Betrachtungen unangestellt lassen, und sollte dieser Grund ungenügend erscheinen, so kann ich noch hinzufügen, daß es obendrein gänzlich außer meiner ursprünglichen Absicht liegt.
Im finsteren Gastzimmer einer kläglichen Winkelschenke, gelegen in der schmutzigsten Gasse von Little Saffron Hill, saß bei einem Bierkruge und Branntweinglase ein Mann, in welchem trotz des herrschenden Halbdunkels kein irgend erfahrener Polizeiagent Bill Sikes verkannt haben würde. Zu seinen Füßen lag sein weißer, rotäugiger Hund, und sei es, daß Bill seine Zeit nicht besser anzuwenden wußte, oder daß er seine üble Laune an irgendeinem Gegenstande auszulassen wünschte, genug, er versetzte dem Tiere einen derben Fußtritt. Dem Hunde mißfiel der offenbare Mutwille dieser Behandlung so sehr, daß er nach seines Herrn Beinen schnappte, Bill ergriff wütend das Schüreisen und sein Messer, als die Tür sich auftat und der Hund hinausschoß. Zu einem Streite gehören dem Sprichworte gemäß zwei, und Bill setzte daher den einmal begonnenen sogleich mit dem Eintretenden fort.
«Verdammter Jude, was trittst du zwischen mich und meinen Hund?» schrie er ihm entgegen.
«Ich wußt's ja nicht, mein Lieber, wußt's ja nicht, daß Ihr wolltet dem Hunde zu Leibe», erwiderte Fagin demütig.
«Spitzbube, hast du den Lärm nicht gehört?»
«So wahr mir Gott gnädig ist, nein, Bill, nicht 'nen einzigen Laut.»
«Ja freilich, du hörst nichts, gar nichts», entgegnete Sikes höhnisch; «ebenso wie du selbst ein und aus schleichst, ohne daß man dich hört. Ich wollte nur, daß du jetzt der Hund wärst.»
«Warum denn?» fragte Fagin mit einem gezwungenen Lächeln.
«Weil die Regierung, die das Leben solcher Halunken schützt, wie du einer bist, und die nicht halb so viel Mut haben wie die schlechtesten Hunde, jedermann erlaubt, seinen Hund abzuschlachten, wenn's ihm beliebt – darum!» erwiderte Sikes, sein Messer mit einem sehr bedeutungsvollen Blicke wieder einsteckend.
Der Jude rieb sich die Hände, setzte sich an den Tisch und zwang sich, über die Spaßhaftigkeit seines Freundes zu lachen, jedoch war ihm offenbar dabei nicht besonders wohl zumute.
«Grinse nur, ja grinse nur», sagte Sikes, ihn mit verächtlichem Trotze anblickend; «über mich sollst du doch nicht lachen, es müßte denn unter der Nachtmütze sein am Galgen. Ich habe die Hand oben, Fagin, und will verdammt sein, wenn ich dir den Daumen nicht auf'm Auge halte. Baumele ich, baumelst du auch; also hüte dich vor mir und trag' hübsch Sorge für mich.»
«Schon gut, mein Lieber», fiel der Jude ein; «ich weiß das alles; Gewinn und Gefahr ist gemeinschaftlich bei uns.»
«Hm!» murrte Sikes, als wenn er dächte, der Gewinn möchte wohl zumeist auf des Juden Seite sein. «Was hast du mir denn aber zu sagen?»
«'s ist alles in den Schmelztiegel gewandert und glücklich wieder heraus – da ist Euer Anteil. Ihr erhaltet eigentlich mehr, als Ihr solltet, mein Lieber; doch da ich weiß, daß Ihr mir schon mal wieder sein werdet gefällig, und –»
«Haltet ein mit dem Schwätzen», unterbrach ihn Sikes ungeduldig. «Wo ist's? Her damit!»
«Ja, ja doch, Bill; gönnt mir nur Zeit. Da ist's», versetzte Fagin, zog ein altes, baumwollenes Taschentuch hervor, knöpfte einen Knoten auf und reichte Sikes ein Päckchen, der es öffnete und die Goldstücke hastig zu zählen anfing.
«Ist das alles?» fragte Sikes.
«Ja, alles.»
«Hast du auch das Päckchen nicht aufgemacht auf dem Wege und ein paar Stück verschluckt? Stell dich nur nicht beleidigt – hast's ja schon oft getan. Greif an den Bimbam.»
Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber nicht weniger abstoßend und spitzbübisch aussah. Sikes wies stumm nach dem leeren Kruge hin. Jener verstand den Wink und ging wieder hinaus, jedoch nicht, ohne Fagin vorher einen Blick zugeworfen zu haben, den dieser durch ein kaum bemerkbares Kopfschütteln beantwortete. Sikes hatte sich zufällig gebückt; hätte er den Blick des einen und das Kopfschütteln des anderen Juden gewahrt, so möchte er der Meinung gewesen sein, daß ihm diese Pantomimen nichts Gutes bedeuteten.
«Ist niemand hier, Barney?» fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.
«Bloß Miß Nancy.»
«Schick sie herein!» sagte Sikes.
Barney blickte Fagin fragend an, ging und kehrte gleich darauf mit Nancy zurück.
«Du bist auf der Spur, Nancy, nicht wahr, mein Engel?» fragte Bill und reichte ihr ein gefülltes Glas.
«Ja, Bill», erwiderte die junge Dame, nachdem sie das Glas geleert hatte; «hab' aber Mühe genug gehabt. Er ist krank gewesen und –»
Nancy bemerkte ein Augenzwinkern Fagins, das eine Warnung vor übergroßer Mitteilsamkeit zu bedeuten schien. Sie brach ab und fing an von anderen Gegenständen zu reden. Nach zehn Minuten bekam Fagin einen Husten, worauf Nancy erklärte, daß es Zeit sei, zu gehen. Sikes sagte, daß er sie eine Strecke begleiten wolle, da er denselben Weg habe. Sie entfernten sich daher miteinander. Der Hund folgte in einiger Entfernung. Fagin sah Sikes durch das Fenster nach, schüttelte die geballte Faust hinter ihm, murmelte eine grimmige Verwünschung, setzte sich mit einem schauerlichen Grinsen wieder an den Tisch und war bald darauf in die Lektüre des Londoner Polizeiblattes vertieft.
Oliver befand sich unterdes auf dem Wege zum Buchhändler, ohne zu ahnen, daß er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er geriet in eine Nebengasse unweit Clerkenwell, bemerkte seinen Irrtum erst, als er sie bereits über die Hälfte durchwandert hatte, und hielt es für das beste, um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte, auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts und dachte an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen Dick daran teilnehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: «O mein lieber kleiner Bruder!» aus seinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines jungen Mädchens.
«Lassen Sie mich los!» rief Oliver, sich sträubend. «Wer sind Sie? Was halten Sie mich an?»
Die einzige Antwort darauf war ein Schwall lauter Klagen von seiten des jungen Mädchens, das einen kleinen Korb und einen Hausschlüssel in der Hand hatte.
«O gütiger Himmel!» rief das Mädchen aus. «Endlich hab' ich dich gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab' ich um deinetwillen ausgestanden! Gott sei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!»
Das junge Frauenzimmer brach in eine Tränenflut aus und schien so heftige Krämpfe zu bekommen, daß ein paar mitleidige Frauen einen dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, daß er zu einem Doktor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr große Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien, erwiderte, daß seine Meinung nicht dahin ginge.
«Nein, nein, laßt mich nur», rief jetzt auch das junge Mädchen; «ich fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh sogleich mit mir, mein böser kleiner Liebling.»
«Was gibt's denn?» fragte eine der umstehenden Frauen.
«Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner und Landstreicher begeben, daß seine Mutter fast vor Kummer gestorben wäre.»
«O du kleiner Taugenichts! – Mach, daß du nach Hause kommst, du ungeratener Bengel!» riefen die Weiber.
«Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!» rief Oliver in großer Angst. «Ich habe weder Schwester noch Eltern. Ich bin eine Waise und wohne in Pentonville.»
«Ach du gütiger Himmel, wie trotzig er schon geworden ist!» schluchzte das junge Mädchen.
«Ei, Nancy!» rief Oliver, der jetzt erst ihr Gesicht sah, im höchsten Erstaunen aus.
«Sie sehen, er kennt mich», sagte Nancy. «Helfen Sie mir ihn nach Hause bringen, liebe Leute; seine Eltern und wir alle sterben sonst noch vor Kummer über ihn.»
«Zu allen Teufeln, was ist das hier?» schrie ein aus einem Bierladen hervorstürzender Mann. «Oliver, Satansbrut, komm augenblicklich mit nach Hause zu deiner armen Mutter. Sofort kommst du mit!»
«Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht, Hilfe, Hilfe!» rief Oliver, indem er sich unter dem festen Griff des Mannes verzweifelt wand.
«Hilfe!» polterte Sikes. «Ich will dir gleich helfen. Was sind das für Bücher? – Ohne Zweifel gestohlen – her damit!»
Er entriß ihm das Päckchen und versetzte ihm damit einen heftigen Schlag auf den Kopf.
«So ist's recht; das wird ihn schon wieder zur Besinnung bringen!» riefen die Weiber.
«Sollt's auch meinen», rief der Mann, gab Oliver noch ein paar Schläge auf den Kopf und packte ihn beim Kragen. «Komm, du kleiner Taugenichts! Hier, Tyras, paß auf ihn auf! Paß auf!»
Noch geschwächt von seiner Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Überraschende des ganzen Vorganges, in Schrecken gesetzt durch das Knurren des Hundes und die Brutalität des baumstarken Mannes, und überwältigt durch den Beifall, den die Umstehenden seinen Angreifern gaben – was konnte das geängstete Kind tun? Es war dunkel geworden, die Gasse sah an sich selbst schon verdächtig aus, Hilfe war nirgends zu erblicken, Widerstand nutzlos. Ohne recht zu wissen, wie ihm geschah, fühlte sich Oliver durch ein Labyrinth von engen Straßen geschleppt, und sein jeweiliges Rufen verhallte um so mehr, da er so schnell fortgerissen wurde, daß er keinen Augenblick zu Atem kommen konnte; doch würde es auch von niemand beachtet worden sein.
Die Gaslampen waren angezündet; Frau Bedwin erwartete mit herzpochender Ungeduld, daß die Haustür sich auftun sollte; die Magd war zwanzigmal die Straße hinuntergelaufen, um nach Oliver auszusehen; die beiden alten Herren saßen beharrlich im Dunkeln neben der zwischen ihnen liegenden Uhr.
Was sich mit dem entführten Oliver begab.
Die engen Straßen und Gäßchen mündeten endlich auf einen weiten, offenen Platz, um den rings Stallungen standen zum Zeichen, daß hier ein Viehmarkt war. Sikes verlangsamte seinen Schritt, als sie diese Gegend erreichten, da das Mädchen völlig außerstande war, den Laufschritt, den sie bisher angeschlagen hatten, länger auszuhalten. Sich an Oliver wendend, befahl er ihm barsch, Nancys Hand zu fassen.
«Hörst du nicht?» brummte Sikes, als Oliver zögerte und sich umsah.
Sie befanden sich in einem finsteren, ganz abgelegenen Stadtteil, und Oliver sah nur zu gut ein, daß Widerstand nutzlos war. Er streckte seine Hand aus, die Nancy fest mit der ihrigen umklammerte.
Der Abend war dunkel und feucht; die Lichter in den Läden konnten kaum gegen den Nebel ankämpfen, der immer dichter wurde und die Straßen und Häuser in ein undurchdringliches Grau hüllte. Sie hatten Smithfield erreicht, als tiefe Glockenschläge die Stunde verkündeten. Sikes und Nancy standen bei den ersten Schlägen still und wandten sich nach der Richtung um, aus welcher die Töne erschallten.
«Acht Uhr, Bill», sagte Nancy, als die Glocke aufhörte zu schlagen.
«Ich habe selbst Ohren», erwiderte Sikes mürrisch.
«Ich möchte wohl wissen, obsiees schlagen hören können?» fuhr Nancy fort.
«Natürlich können sie's», sagte Sikes. «Es war um Bartholomäi, als ich in DobesLgesteckt wurde, und auf dem ganzen Markt schnarrte keine Pfennigtrompete, die ich nicht gehört hätte. Nachdem ich für die Nacht eingeschlossen war, machte der Lärm und das Getöse draußen das vermaledeite alte Gefängnis so still und einsam, daß ich mir den Kopf hätte einrennen mögen an den BastelnM.»
«Die armen Kerls! Ach, Bill, was sie für schmucke junge Leute sind!»
«Ja, ja, so sprecht ihr Weibsbilder alle!» erwiderte Sikes in einem Anfluge von Eifersucht. «Schmucke junge Leute! Doch sie sind so gut wie tot, also mag's gleichviel sein.»
Er faßte den Knaben wieder fester und trieb zur Eile an.
«Noch einen Augenblick», sagte das Mädchen; «ich würde nicht vorbeilaufen, wenn Ihr's wär't, der zum Galgen herausgeführt würde, wenn's wieder acht schlägt. Ich würde auf und nieder travallen, bis ich niedersänke, und wenn fußhoher Schnee läge, und ich hätte kein warmes Tuch, mich einzuhüllen.»
«Das sollte mir wohl viel helfen», bemerkte der nichtsentimentale Sikes. «Könnt'st du mir nicht ä KulmNund ä zwanzig Ellen KabotO'neinpraktizieren, so möcht'st du fünfzig Meilen laufen oder ganz zu Hause bleiben, es wäre mir alles nichts nütze. Vorwärts, steh' hier nicht länger und paternellePnicht!»
Das Mädchen brach in ein Gelächter aus, ergriff Olivers Hand, und sie eilten weiter. Oliver fühlte, daß ihre Finger zitterten, und als sie an einer Gaslampe vorüberkamen, sah er, daß ihr Gesicht totenblaß war.
Sie lenkten nach einer halben Stunde in eine enge, schmutzige Gasse ein, die fast ganz von Trödlern bewohnt zu sein schien, und standen vor einem verschlossenen Laden still. Das Haus schien unbewohnt zu sein und sah halb verfallen aus. Über der Tür war eine Tafel angenagelt, auf welcher zu lesen war, daß das Haus zu vermieten sei; sie schien jedoch dort schon jahrelang befestigt gewesen zu sein.
Nancy bückte sich, und Oliver hörte den Ton einer Glocke. Sie gingen auf die entgegengesetzte Seite der Straße und stellten sich unter eine Laterne. Ein Geräusch ließ sich hören, als ob ein Fenster vorsichtig in die Höhe geschoben würde, und gleich darauf öffnete sich geräuschlos die Tür. Mr. Sikes packte den erschrockenen Knaben jetzt ohne Umstände beim Kragen, und im nächsten Augenblick befanden sich alle drei im Innern des Hauses. Hier war es stockfinster. Sie warteten, bis die Person, die sie eingelassen hatte, die Tür wieder verschlossen und mit einer Sicherheitskette verwahrt hatte.
«Ist jemand hier?» fragte Sikes.
«Nein!» erwiderte eine Stimme, die Oliver bekannt vorkam.
«Ist der Alte hier?» fragte der Dieb.
«Ja,» antwortete die Stimme, «und er wird sicher sehr erfreut sein, Sie zu sehen.»
«Machen Sie Licht,» versetzte Sikes, «oder wir brechen uns den Hals oder treten auf den Hund. Nehmen Sie Ihre Beine in acht, wenn Sie es tun.»
«Bleiben Sie einen Augenblick stehen; ich werde Licht bringen», erwiderte die Stimme. Man hörte, wie sich der Sprecher entfernte, und eine Minute später erschien die Gestalt John Dawkins', genannt der «gepfefferte Baldowerer». Der junge Herr gab nur durch ein spöttisches Grinsen kund, daß er Oliver wiedererkannt habe, und bat die Besucher, ihm eine Anzahl Stufen hinunter zu folgen. Sie gingen durch eine leere Küche und traten in ein niedriges, dumpfiges Gemach ein. Ein lautes Gelächter schallte ihnen entgegen. Charley Bates wälzte sich im eigentlichen Sinne vor Vergnügen über den gar zu kostbaren Spaß auf dem Boden, riß sodann Jack Dawkins das Licht aus der Hand, hielt es Oliver dicht vor das Gesicht und beschaute ihn von allen Seiten, während ihm Fagin scherzhafterweise tiefe Verbeugungen machte und der Baldowerer, der von ernsterem Wesen war und sich nicht leicht der Heiterkeit überließ, wenn es Geschäfte zu verrichten galt, sorgfältig seine Taschen durchsuchte.
«Ich freue mich unendlich, Sie so wohl zu sehen, mein Lieber», sagte der Jude. «Der Gepfefferte soll Ihnen geben einen anderen Anzug, damit Sie den sonntäglichen nicht verderben gleich. Warum schrieben Sie's nicht, daß Sie kommen wollten – wir hätten dann treffen können noch bessere Vorbereitungen – aber Sie sollen dennoch etwas Warmes bekommen zum Abendbrot.»
Jetzt lächelte sogar der Baldowerer; da er jedoch in diesem Augenblicke die Fünfpfundnote hervorzog, so ist es zweifelhaft, ob der Witz Fagins oder die erfreuliche Entdeckung seine Heiterkeit erregte.
«Holla, was ist das?» rief Sikes und trat auf den Juden zu, als derselbe die Banknote hinnahm. «Diese ist mein, Fagin!»
«Nein, nein, mein Lieber», entgegnete der Jude. «Mein, Bill, mein; Ihr sollt die Bücher haben.»
«Bekomm' ich und Nancy sie nicht,» sagte Sikes, mit entschlossener Miene den Hut aufsetzend, «so bring' ich den Buben wieder zurück.»
Der Jude fuhr empor und Oliver gleichfalls, obgleich aus einem ganz anderen Grunde; er hoffte, der Streit würde damit enden, daß man ihn wieder nach Pentonville zurückbrächte. Allein Sikes entriß dem Juden unter Schelten und Drohen die Banknote, faltete sie kaltblütig zusammen und knüpfte sie in den Zipfel seines Halstuchs.
«'s ist für unsere Mühe und noch nicht halb genug», sagte er. «Behaltet Ihr die Bücher, wenn Ihr gern lest, und wo nicht, schlaget sie los!»
«Es sind prächtige Bücher; nicht wahr, Oliver?» fiel Charley Bates ein, als er die klägliche Miene gewahrte, mit der Oliver zu seinen Peinigern emporblickte.
«Sie gehören dem alten Herrn», sagte Oliver händeringend, «dem lieben, guten alten Herrn, der mich in sein Haus nahm und mich pflegen ließ, als ich todkrank lag. O bitte, schicken Sie sie zurück, schicken Sie ihm die Bücher und das Geld zurück! Behalten Sie mich hier mein Leben lang, aber bitte, bitte, schicken Sie sie nur zurück. Er wird glauben, daß ich sie gestohlen hätte – und die alte Dame und alle, die so freundlich gegen mich waren werden es denken. O haben Sie Erbarmen und schicken Sie die Bücher und das Geld zurück!»
Oliver fiel vor dem Juden auf die Knie nieder und hob flehend und ganz in Verzweiflung die Hände zu ihm empor.
«Der Bube hat recht», sagte Fagin, listig umherblickend und die buschigen Augenbrauen zusammenkneifend. «Du hast recht, Oliver, hast ganz recht; sie werden allerdings glauben, daß du sie gestohlen hast. Ha, ha, ha!» kicherte er und rieb sich die Hände; «es hätte sich ganz unmöglich treffen können besser, und wenn wir noch so gut gewählt hätten die Zeit.»
«Versteht sich», fiel Sikes ein; «ich wußt's gleich im selbigen Augenblick, als ich ihn durch Clerkenwell mit den Büchern unterm Arm daherkommen sah. 's ist nun alles gut. Es müssen schwachköpfige Betbrüder sein – hätten ihn sonst gar nicht zu sich genommen; und sie werden auch keine Nachfrage anstellen, aus Furcht, daß sie ihn anklagen müßten und ihn gerumpeltQzu sehen. Wir haben ihn jetzt fest genug.»
Oliver hatte unterdes bald Sikes, bald Fagin angesehen, als wenn er ganz betäubt wäre und kaum verstände, was gesprochen wurde; allein bei Bills letzten Worten sprang er plötzlich empor und stürzte unter einem Geschrei nach Hilfe aus der Tür hinaus, daß die nackten Wände des Hauses davon widerhallten.
«Halt den Hund zurück, Bill,» schrie Nancy, eilte vor die Tür und verschloß sie, als der Jude mit seinen beiden Zöglingen Oliver nachgestürzt war; «halt den Hund zurück; er reißt ihn in Stücke!»
«Ist ihm gerade recht!» rief Sikes und suchte sich von dem Mädchen loszumachen. «Laß mich los, oder ich renn dir den Kopf gegen die Wand!»
«Ist mir alles gleichviel, Bill, ist mir alles gleichviel», schrie das Mädchen, sich heftig gegen ihn sträubend; «er soll nicht von dem Hunde zerrissen werden, und wenn es mein Tod ist!»
«So!» tobte Sikes; «sollst nicht lange warten auf deinen Tod, wenn du nicht im Augenblick ablässest!»
Er schleuderte sie in die fernste Ecke des Gemachs, gerade als der Jude, Jack und Charley den Flüchtling wieder hereinschleppten.
«Was gibt's hier?» fragte Fagin.
«Ich glaube, die Dirne ist toll geworden», erwiderte Sikes in Wut.
«Nein, ich bin nicht toll», rief Nancy blaß und atemlos dazwischen; «nein, Fagin, glaubt's nicht!»
«Dann sei ruhig – willst du wohl?» sagte der Jude mit drohender Gebärde.
«Das will ich auch nicht!» erwiderte Nancy mehr schreiend als redend. «Was willst du nun?»
Mr. Fagin war mit den Sitten und Gebräuchen der Spezies von Menschenkindern hinlänglich bekannt, welcher Miß Nancy angehörte, um sich ziemlich überzeugt zu fühlen, daß es einigermaßen gefährlich sein würde, die Unterhaltung mit ihr für den Augenblick fortzusetzen. Er wendete sich daher, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft abzulenken, zu Oliver.
«Du wolltest also fortlaufen, mein Lieber?» sagte er, einen Knotenstock aufhebend, der am Kamine lag; «wolltest rufen die Polizei – nicht wahr, mein Schatz? Ich will dich von der Krankheit kurieren, lieber Engel!»
Er hatte bei diesen Worten Oliver beim Arme gefaßt, versetzte ihm einen Schlag über den Rücken und hob den Knotenstock wieder empor, als Nancy auf ihn zustürzte, ihm den Stock aus der Hand riß und in das Feuer schleuderte.
«Ich leid's nimmermehr, Fagin!» schrie sie. «Ihr habt den Knaben, und was wollt Ihr mehr? Laßt ihn – laßt ihn zufrieden, oder ich tue etwas an Euch, das mich vor meiner Zeit an den Galgen bringt!» Sie stampfte bei dieser Drohung heftig mit den Füßen und blickte mit verbissenen Lippen, geballten Fäusten und blaß vor Zorn und Wut abwechselnd den Juden und Sikes an.
«Ah, Nancy!» sagte der Jude nach einer kurzen, verlegenen Pause beschwichtigend; «du – du übertriffst dich wirklich heute abend selbst – ha, ha, ha! – spielst ganz prachtvoll deine Rolle, liebes Kind!»
«So!» entgegnete Nancy; «nehmt Euch nur in acht, daß ich sie nicht zu gut für Euch spiele. Ich sage es Euch vorher, Ihr werdet Euch sehr schlecht dabei stehen!»
Es gibt wenige Männer, die sich nicht gern enthielten, ein in Wut geratenes und obendrein von nichtsachtender Verzweiflung beseeltes Frauenzimmer noch mehr zu reizen. Der Jude sah ein, daß es ihm nichts helfen könne, sich noch länger zu stellen, als wenn er Nancys Zorn für bloß erkünstelt hielte, fuhr unwillkürlich einige Schritte zurück und blickte halb zitternd, halb verzagend nach Sikes. Dieser mochte glauben, sein persönliches Ansehen fordere es, Nancy baldigst wieder zur Vernunft zu bringen, und begann daher seine Operationen mit zahlreichen und kräftigen Drohungen und Verwünschungen, wobei er den Beweis lieferte, daß er es in diesem Genre in der Tat zur Meisterschaft gebracht hatte. Als sie keinen sichtbaren Eindruck machten, ging er zu noch überzeugenderen Argumenten über. «Was soll das bedeuten, Dirne?» tobte er unter Hinzufügung einer Verwünschung, die die Blindheit so gewöhnlich als die Masern machen würde, wenn der Himmel sie nur halb so oft wahr machte, als man sie auf Erden hört. «Was willst du damit bezwecken? Weißt du, zum Geier, wer du bist – was du bist?»
«O ja, ja; ich weiß es nur zu gut!» erwiderte Nancy unter krampfhaftem Lachen, dabei den Kopf hin und her wiegend, um gleichgültig zu erscheinen, was ihr jedoch schlecht gelang.
«Dann sei ruhig, oder ich werde dich auf 'ne lange Zeit zum Stillschweigen bringen.»
Sie lachte abermals, blickte flüchtig nach Sikes, wendete das Gesicht ab und biß sich die Lippen blutig.
«Du bist mir die Rechte, dich auf die menschenfreundliche und honette Seite zu legen!» fuhr er verächtlich fort. «Der Bursch würde 'ne saubere Freundin an dir haben, wozu du dich aufwirfst!»
«Und beim allmächtigen Gott, ich bin es!» rief sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; «und ich wollte lieber, daß ich auf der Straße tot niedergefallen oder in das Gefängnis geworfen wäre, statt derer, denen wir so nahe waren, als daß ich mich dazu hergegeben hätte, ihn hierher zu bringen. Er ist von heute abend an ein Dieb, ein Lügner, ein Mörder, ein Teufel und alles, was nur schlecht und verworfen heißen mag; – ist das nicht genug für den alten Halunken – muß er ihn obendrein schlagen?»
«Hört, Bill,» fiel der Jude dringend und nach dem mit gespanntem Ohr zuhörenden Knaben hindeutend ein, «wir müssen freundliche Worte gebrauchen, freundliche Worte, Bill.»
«Freundliche Worte!» schrie das in seiner Wut schrecklich aussehende Mädchen; «freundliche Worte, Ihr Schuft! Ja, die verdient Ihr auch von mir! Ich habe gestohlen für Euch, als ich noch nicht halb so alt war wie dies Kind hier, und bin in demselben Geschäft und demselben Dienst seit zwölf Jahren gewesen; wißt Ihr das nicht? Sprecht, wißt Ihr es nicht?»
«Ja, ja doch», erwiderte der Jude besänftigend; «du hast ja aber auch davon dein Brot.»
«Freilich, ich habe mein Bettelbrot davon,» schrie sie immer heftiger, «und die kalten, nassen, schmutzigen Straßen sind meine Wohnung; und Ihr seid der ruchlose Mann, der mich Tag und Nacht hinaustreibt und mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich im Grabe liege.»
«Ich füge dir ein Leid zu,» versetzte der Jude, durch diese Vorwürfe gereizt, «ein Leid, das schlimmer ist als das, von dem du sprichst, wenn du noch ein Wort sagst.»
Nancy erwiderte nichts mehr, zerraufte aber in einem Übermaß von Leidenschaft ihr Haar, stürzte auf Fagin zu, und auf seinem Gesichte würden ohne Zweifel sichtbare Spuren ihrer Rache zurückgeblieben sein, hätte nicht Sikes eben noch zur rechten Zeit ihre Arme festgehalten. Sie bemühte sich vergeblich, sich von ihm loszureißen, und sank in Ohnmacht. «Es ist nun alles wieder in Ordnung», bemerkte Sikes, sie in eine Ecke tragend. «Sie besitzt außerordentliche Körperkräfte, wenn sie sich in diesem Zustand befindet.» Der Jude wischte sich die Stirn und lächelte, und sowohl er wie Sikes und die Knaben schienen den ganzen Vorfall als einen gewöhnlichen, im Geschäft häufig vorkommenden zu betrachten.
«Es ist doch das Schlimmste, mit Weibern zu tun zu haben», bemerkte der Jude, den Stock wieder beiseite stellend; «aber sie sind schlauer als wir, und wir können ohne sie nicht fertig werden. Charley, bringe Oliver zu Bett.»
«Nicht wahr, Fagin, er soll morgen seine besten Kleider nicht tragen?» fragte Charley Bates grinsend, und der Jude verneinte, Charleys liebliches Grinsen erwidernd. Master Bates schien sich seines Auftrages höchlich zu freuen, führte Oliver in das anstoßende Gemach, in welchem einige Betten der Art standen, wie er sie bereits kennen gelernt, und zog mit unbezwinglichem Gelächter die alten Kleidungsstücke hervor, die sich Oliver so gefreut hatte, ablegen zu dürfen, und die Fagin auf die erste Spur seines Aufenthaltes bei Mr. Brownlow gebracht hatten.
«Zieh' die Sonntägischen aus,» sagte Charley, «ich will sie Fagin zum Aufheben geben. Welch' ein prächtiger Spaß!»
Der arme Oliver gehorchte widerstrebend und wurde darauf von Charley im Dunkeln gelassen und eingeschlossen. Master Bates' Gelächter und die Stimme Betsys, die nach einiger Zeit erschien, und ihre Freundin zum Bewußtsein zurückzurufen sich bemühte, wären gar wohl geeignet gewesen, ihn unter anderen Umständen wach zu erhalten; allein er war erschöpft und unwohl und schlief daher bald ein.