17. Kapitel.

Olivers Schicksal bleibt fortwährend günstig.

In jedem guten Melodrama, in dem viel von Hauen und Stechen die Rede ist, wechseln auf der Bühne komische und tragische Szenen so regelmäßig wie die roten und weißen Lagen eines Stücks durchwachsenen Specks. Diese Abwechselungen erscheinen uns abgeschmackt, sind indes keineswegs unnatürlich. Die Übergänge im wirklichen Leben von wohlbesetzten Tischen zu Sterbebetten oder von Trauer- zu Festtagskleidern sind nicht minder schroff oder gefühlverletzend – wir aber sind beschäftigte Mitspielende statt bloßer Zuschauer, was einen unermeßlichen Unterschied bildet; den Schauspielern sind die plötzlichen Übergänge nicht auffällig, sie haben sozusagen keine Augen für dieselben, die von den Zuschauern verkehrt, unnatürlich, extravagant genannt werden. Verdamme mich daher nicht zu voreilig, geneigter Leser, wenn du in meinem Buche einen häufigen Wechsel des Schauplatzes und der Szenen findest, sondern erzeige mir die Gunst, zu prüfen, ob ich recht oder unrecht dabei gehabt habe. Meine Erzählung soll meiner Absicht nach wahr sein und ohne unnötige Abschweifungen auf ihr Ziel lossteuern. Ich bitte, folge mir für jetzt vertrauensvoll nach der Stadt, in welcher mein kleiner Held das Licht der Welt erblickte.

Mr. Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause mit der wichtigsten Miene heraus, und durchschritt die Straßen mit einer Haltung und einem Wesen, daß man es ihm sogleich ansah, sein Inneres war von Gedanken erfüllt, zu groß, um sie aussprechen zu können. Er hielt sich nicht unterwegs auf, um sich mit den kleinen Krämern und anderen, die ihn anredeten, in herablassender Weise zu unterhalten, sondern erwiderte ihre Begrüßungen nur mit einer hoheitsvollen Handbewegung, und hemmte seinen würdevollen Schritt erst, als er vor der Anstalt stand, in der Mrs. Mann die Armenkinder mit parochialer Sorgfalt pflegte.

«Dieser verwünschte Kirchspieldiener!» sagte Mrs. Mann zu sich selbst, als sie das bekannte Rütteln an der Pforte hörte. «Ob er nicht schon in aller Herrgottsfrühe herauskommt! Schau, Mr. Bumble, soeben habe ich an Sie gedacht. Ja, verehrter Herr, es ist mir ein wirkliches Vergnügen, Sie wieder einmal zu sehen! Treten Sie, bitte, näher.»

Der erste Satz war zu Susanne gesprochen worden, die Freudenbezeigungen dagegen zu Mr. Bumble, als die gute Dame die Gartenpforte öffnete und ihn mit großer Höflichkeit und Ehrerbietung ins Haus nötigte.

«Mrs. Mann,» sagte Mr. Bumble, indem er sich mit großer Feierlichkeit und Würde auf einen Stuhl niederließ, «Mrs. Mann, Ma'am, ich biete Ihnen einen guten Morgen.»

«Ich danke Ihnen und biete Ihnen auch meinerseits einen guten Morgen», erwiderte Mrs. Mann freundlich lächelnd; «ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir.»

«So – so, Mrs. Mann,» antwortete der Kirchspieldiener; «man ist in der Parochie nicht immer auf Rosen gebettet.»

«Ach ja, das ist man in der Tat nicht», versetzte die Dame, und alle Armenkinder würden ihr laut beigepflichtet haben, falls sie ihre Worte gehört hätten.

«Ein Leben im Dienste der Parochie», fuhr Mr. Bumble fort, «ist ein Leben voller Mühseligkeiten und Plagen, Ma'am; aber alle öffentlichen Charaktere, darf ich wohl sagen, müssen unter Verfolgungen leiden.»

Mrs. Mann, die nicht genau wußte, was der Kirchspieldiener meinte, erhob ihre Hände mit einem Seufzer des Einverständnisses.

«Ach ja,» bemerkte Mr. Bumble, «Sie haben wohl ein Recht zu seufzen, Ma'am.»

Da Mrs. Mann fand, sie habe richtig gehandelt, seufzte sie von neuem, offenbar zur Befriedigung des «öffentlichen Charakters»; denn Mr. Bumble sagte, ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend: «Mrs. Mann, ich gehe nach London.»

«Was Sie sagen, Mr. Bumble!» erwiderte Mrs. Mann erstaunt.

«Nach London, Ma'am,» wiederholte der Kirchspieldiener unerschütterlich, «und zwar in einer Postkutsche. Ich und zwei Arme, Mrs. Mann.»

«Sie benutzen eine Postkutsche, Sir?» fragte Mrs. Mann. «Ich glaubte, es wäre immer üblich, Arme auf offenen Karren zu verschicken.»

«Das geschieht, wenn sie krank sind», entgegnete der Kirchspieldiener; «wir setzen die kranken Armen bei Regenwetter auf offene Karren, damit sie sich nicht erkälten. Die Postkutsche nimmt diese beiden außerdem um ein sehr Billiges mit, und wir finden, es kommt uns um zwei Pfund wohlfeiler zu stehen, wenn wir sie in ein anderes Kirchspiel schaffen können, als wenn wir sie hier begraben müssen. Hahaha! – Aber wir vergessen das Geschäft, Ma'am,» fuhr er ernst werdend fort; «hier ist das Kostgeld für den Monat.»

Mr. Bumble holte eine kleine Rolle mit Silbergeld aus seiner Brieftasche hervor und bat um eine Quittung; Mrs. Mann schrieb sie sofort.

«Ich danke Ihnen recht sehr, Mr. Bumble; ich bin Ihnen in der Tat für Ihre Liebenswürdigkeit sehr verbunden.»

Mr. Bumble nickte gnädig in Anerkennung der Höflichkeit Mrs. Manns, und erkundigte sich sodann nach dem Befinden der Kinder.

«Gott segne ihre lieben kleinen Herzchen», erwiderte Mrs. Mann bewegt; «sie befinden sich den Umständen angemessen wohl, die lieben Kleinen! Natürlich bis auf die zwei, die vergangene Woche gestorben sind, und den kleinen Dick.»

«Geht es mit dem Jungen immer noch nicht besser?» fragte Mr. Bumble. Mrs. Mann schüttelte den Kopf.

«Er ist ein schlecht beanlagtes, lasterhaftes Parochialkind mit üblen Angewohnheiten», sagte Mr. Bumble ärgerlich. «Wo ist er?»

«Ich werde ihn Ihnen in einer Minute herbringen, Sir», gab Mrs. Mann zur Antwort.

Nach einigem Suchen wurde Dick entdeckt und nach gründlicher Säuberung unter der Pumpe Mr. Bumble vorgeführt.

Das Kind war bleich und mager; seine Wangen waren eingesunken und seine Augen groß und fieberisch glänzend. Die armselige Parochialkleidung, die Livree seines Elends, hing schlotternd um seinen schwächlichen Körper, und seine jungen Glieder waren welk wie die eines alten Mannes.

«Wie geht es dir?» fragte Mr. Bumble den Knaben, der zitternd dastand und seine Augen nicht vom Fußboden zu erheben vermochte.

«Ich glaube, daß ich bald sterben muß,» erwiderte der kleine Patient, «und ich freue mich auch recht darauf, denn ich habe ja keine Freude hier. Sagen Sie doch Oliver Twist, wenn ich erst tot bin, ich hätte ihn sehr lieb gehabt und tausendmal an ihn gedacht, wie er allein und hilflos umherwandern müßte –»

Er hatte die Worte mit einer Art von Verzweiflung gesprochen, ohne sich durch Frau Manns pantomimische Drohungen irren zu lassen; doch erstickten endlich Tränen seine Stimme.

«Frau Mann,» bemerkte Bumble, «ich sehe wohl, der eine ist wie der andere. Sie sind samt und sonders durch den Taugenichts Oliver Twist verführt und verdorben worden. Ich werde dem Direktorium Anzeige von dem Falle machen, damit strengere Maßregeln angeordnet werden. Lassen Sie ihn sogleich wieder hinausbringen!»

Dick wurde in den Kohlenkeller gebracht, und Bumble begab sich wieder zur Stadt zurück, wo er sich in kürzester Frist reisefertig machte und mit den beiden nach London zu schaffenden Armen die bestellten Außenplätze der Postkutsche einnahm. Die beiden Armen klagten viel über Kälte; Bumble hüllte sich dicht in seinen Mantel, philosophierte ziemlich mißvergnügt über den Undank und die unablässigen unzufriedenen Klagen der Menschen und fühlte sich erst wieder recht behaglich, als er in dem Gasthause, in welchem die Kutsche anhielt, sein gutes Abendessen eingenommen, seinen Stuhl an den Kamin gestellt hatte, sich niederließ und ein Zeitungsblatt zur Hand nahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er gleich darauf nachstehenden Artikel fand:

«Fünf Guineen Belohnung.

Am vergangenen Donnerstag abend hat sich ein Knabe namens Oliver Twist aus seiner Wohnung in Pentonville entfernt und mit oder ohne seine Schuld nichts wieder von sich hören lassen. Es werden hierdurch demjenigen fünf Guineen geboten, der eine Mitteilung zu machen geneigt und imstande ist, die zur Wiederauffindung des besagten Oliver Twist führen kann, oder über denselben, seine Herkunft usw. genauere Auskunft gibt.»

Diesem Anerbieten folgte eine genaue Beschreibung Olivers und Mr. Brownlows Adresse. Bumble las dreimal mit großem Bedacht, faßte darauf rasch seinen Entschluß und war nach wenigen Minuten auf dem Wege nach Pentonville. Im Hause Mr. Brownlows angelangt, kündigte er sogleich den Zweck seines Besuchs an. Frau Bedwin war außer sich vor Freude und Rührung, erklärte, es immer gewußt und gesagt zu haben, daß Oliver bald wiedergefunden werden würde, brach in Tränen aus, und die Magd eilte zu Mr. Brownlow hinauf, der ihr gebot, den Angemeldeten augenblicklich hereinzuführen.

Bumble trat ein, und Mr. Grimwig, der sich zufällig bei seinem Freunde befand, faßte ihn scharf in das Auge und rief aus: «Ein Kirchspieldiener – so wahr ich lebe, ein Kirchspieldiener!»

«Ich bitte, lieber Freund, jetzt keine Unterbrechung», sagte Brownlow. «Setzen Sie sich, Sir. – Sie kommen zu mir infolge der Anzeige, die ich in verschiedenen Blättern habe einrücken lassen?»

«Ja, Sir.»

«Sie sind ein Kirchspieldiener?»

«Ja, Sir», erwiderte Bumble stolz.

«Wissen Sie, wo sich das arme Kind gegenwärtig befindet?» fragte Brownlow ziemlich ungeduldig.

«Nein, Sir.»

«Was wissen Sie denn aber von ihm? Reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen haben. Was wissen Sie von ihm?»

«Sie werden wohl eben nicht viel Gutes von ihm wissen!» fiel Grimwig kaustisch ein, nachdem er Bumbles Mienen sorgfältig geprüft hatte.

Bumble erkannte sogleich mit großem Scharfsinn den Wunsch des Herrn, Ungünstiges über Oliver zu vernehmen, und antwortete durch ein feierlich-bedenkliches Kopfschütteln.

«Sehen Sie wohl?» sagte Grimwig zu Brownlow mit einem triumphierenden Blicke.

Brownlow sah Bumble besorgt an, und forderte ihn auf, was er von Oliver wüßte, in möglichst kurzen Worten mitzuteilen. Bumble räusperte sich und begann. Er sprach mit umständlicher Weitschweifigkeit; der kurze Sinn von allem, was er vorbrachte, war, Oliver sei ein armer Kirchspielknabe von armen und lasterhaften Eltern, habe von seiner Geburt an nur Falschheit, Bosheit und Undankbarkeit gezeigt und seiner Gottlosigkeit dadurch die Krone aufgesetzt, daß er einen mörderischen und feigherzigen Angriff auf einen harmlosen Knaben gemacht habe und darauf seinem Lehrherrn entlaufen sei.

«Ich fürchte, daß Ihre Angaben nur zu wahr sind», sagte Brownlow traurig; «hier sind die fünf Guineen. Ich würde Ihnen gern dreimal so viel gegeben haben, wenn Sie mir etwas Vorteilhafteres über den Knaben hätten sagen können.»

Hätte Brownlow das früher gesagt, so würde Bumble seinem Bericht wahrscheinlich eine ganz andere Färbung gegeben haben. Es war jedoch zu spät, er schüttelte daher mit bedeutsamer Miene den Kopf, steckte die fünf Guineen ein und ging.

Mr. Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Grimwig ihn nicht noch mehr betrüben mochte. Er zog endlich heftig die Klingelschnur. «Frau Bedwin,» sagte er, als die Haushälterin eintrat, «der Knabe, der Oliver, war ein Betrüger.»

«Das kann nicht sein, Sir; kann nicht sein», entgegnete Frau Bedwin nachdrücklich.

«Ich sage Ihnen aber, daß es so ist. Wir haben soeben einen genauen Bericht über ihn angehört. Er ist von seiner ersten Kindheit an durch und durch verderbt gewesen.»

«Und ich glaube es doch nicht, Sir – nimmermehr, Sir», erwiderte Frau Bedwin bestimmt.

«Ihr alten Weiber glaubt an nichts als an Quacksalber und Lügengeschichten», fiel Grimwig mürrisch ein. «Ich hab's von Anfang an gewußt. Warum hörten Sie nicht sogleich auf meine Meinung und meinen Rat? Sie würden es sicher getan haben, wenn der kleine Schelm nicht am Fieber krank gelegen hätte!»

«Er war kein Schelm,» entgegnete Frau Bedwin sehr unwillig, «sondern ein sehr liebes, gutes Kind. Ich verstehe mich auf Kinder sehr wohl, Sir, seit vierzehn Jahren, Sir; und wer nie Kinder gehabt hat, darf gar nicht mitreden über sie – das ist meine Meinung, Sir!»

Mr. Grimwig lächelte nur, und Frau Bedwin war im Begriff, fortzufahren, allein Brownlow kam ihr zuvor.

«Schweigen Sie!» sagte er mit einer Entrüstung in Ton und Mienen, die freilich seinen Gefühlen vollkommen fremd war. «Sie erwähnen den Knaben nie wieder; ich habe geklingelt, um Ihnen das zu sagen. Hören Sie – nie – niemals, und unter keinerlei Vorwande. Sie können gehen – und wohl zu merken, ich habe im Ernst gesprochen!»

In Mr. Brownlows Hause waren betrübte Herzen an diesem Abende, und Oliver zagte das Herz gleichfalls, als er seiner gütigen Beschützer und Freunde gedachte. Es war indes gut für ihn, daß er nicht wußte, was sie über ihn gehört; er hätte die Nacht vielleicht nicht überlebt.

Wie Oliver seine Zeit in der sittenverbessernden Gesellschaft seiner achtungswürdigen Freunde zubrachte.

Als am folgenden Morgen der Baldowerer und Charley Bates zu ihren gewöhnlichen Geschäften ausgegangen waren, benutzte Mr. Fagin die Gelegenheit, Oliver einen langen Sermon über die schreiende Sünde der Undankbarkeit zu halten, deren er sich, wie ihm Fagin klärlich bewies, in einem sehr hohen Maße schuldig gemacht, indem er sich absichtlich von seinen liebevollen und treuen Freunden entfernt, ja sogar ihnen zu entfliehen versucht habe, nachdem sie so viele Mühe und Kosten aufgewandt hätten, ihn wieder zurückzubringen. Der alte Herr legte großes Gewicht auf den Umstand, daß er Oliver zu sich genommen und verpflegt habe, als derselbe in Gefahr gewesen wäre, Hungers zu sterben, und erzählte ihm die ergreifende und schreckliche Geschichte eines jungen Burschen, dem er unter ähnlichen Umständen aus gewohnter Menschenfreundlichkeit seinen Beistand habe angedeihen lassen, der sich aber des ihm erwiesenen Vertrauens unwürdig gezeigt, sich mit der Polizei in Rapport zu setzen versucht habe und im Old-Bailey-Gerichtshofe verurteilt und gehenkt worden sei. Der alte Herr bemühte sich durchaus nicht, seinen Anteil an der Katastrophe zu verheimlichen, sondern beklagte es mit Tränen in den Augen, daß es durch die Verkehrtheit und Verräterei des jungen Burschen nötig geworden, ihn als ein Opfer fallen zu lassen, und demnach mit Zeugnissen gegen ihn aufzutreten, die, wenn auch nicht vollkommen in der Wahrheit begründet, doch unumgänglich gewesen wären, wenn seine (Fagins) und einiger erlesener Freunde Sicherheit nicht hätte gefährdet werden sollen. Der alte Herr schloß damit, daß er ein sehr unerfreuliches Gemälde von den Unannehmlichkeiten des Gehenktwerdens entwarf und mit großer Freundschaftlichkeit und Höflichkeit die Hoffnung ausdrückte, niemals genötigt zu werden, Oliver Twist einer so widerwärtigen Operation zu unterwerfen.

Dem kleinen Oliver erstarrte das Blut in den Adern, während er den Worten des Juden zuhörte. Die darin enthaltenen dunklen Drohungen waren ihm nicht ganz unverständlich. Er wußte bereits, daß die Gerechtigkeit selbst den Unschuldigen für schuldig halten konnte, wenn er sich mit dem Schuldigen in Gemeinschaft befunden hatte; und daß tief angelegte Pläne, unbequeme Mitwisser oder zum Schwatzen Geneigte zu verderben, von dem alten Juden wirklich geschmiedet und ausgeführt wären, dünkte ihn keineswegs unwahrscheinlich, als er sich des Streites entsann, den Fagin mit Sikes gehabt. Als er furchtsam die Augen aufschlug und seine Blicke denen des Juden begegneten, fühlte er, daß seine Blässe und sein Zittern dem schlauen Bösewicht nicht entgangen waren und daß sich derselbe innerlich darüber freute.

Der Jude lächelte boshaft, klopfte Oliver die Wangen und sagte ihm, wenn er sich ruhig verhielte und sich des Geschäfts annähme, so würden sie sicher noch sehr gute Freunde werden. Er griff darauf zum Hute, zog einen alten, geflickten Oberrock an, ging hinaus und verschloß die Tür hinter sich.

So blieb sich Oliver während des ganzen Tages und während noch vieler nachfolgender Tage vom frühen Morgen bis Mitternacht selbst überlassen, und die langen Stunden vergingen ihm gar traurig, denn er gedachte natürlich fortwährend seiner gütigen Freunde in Pentonville und der Meinung, welche sie von ihm gefaßt haben müßten. Am siebenten oder achten Tage ließ der Jude die Tür des Zimmers unverschlossen, und Oliver durfte frei im Hause umhergehen. – Das ganze Haus war äußerst schmutzig und öde; die Zimmer im oberen Stockwerke waren ohne Mobilien, geschwärzt und mit Spinngeweben überdeckt; indes schloß Oliver aus dem Täfelwerke und den Resten alter Tapeten und anderer Verzierungen, daß sie vor langer Zeit von reichen Leuten bewohnt gewesen sein müßten, so kläglich sie auch jetzt aussahen. Oft, wenn er leise in ein Zimmer eintrat, liefen die Mäuse erschreckt in ihre Löcher zurück; sonst aber sah und hörte er kein lebendiges Wesen, und manches Mal, wenn er es müde war, aus einem Gemach in das andere zu wandern, schmiegte er sich in den Winkel des Flurs an der Haustür, um den Menschen so nahe wie möglich zu sein, und erwartete horchend und mit Beben die Rückkehr des Juden oder der Knaben.

In allen Zimmern waren die Fensterläden fest mit Schrauben verwahrt und ließen nur wenig Licht durch kleine, runde Löcher ein, was die Zimmer noch düsterer machte und sie mit seltsamen Schattengestalten füllte. Ein hinteres Dachstübchen hatte ein mit starken Stäben verwahrtes Fenster ohne Läden. Oliver schaute stundenlang traurig hinaus, obwohl er nichts sehen konnte als eine verworrene, gedrängte Masse von Dächern, geschwärzten Schornsteinen und Giebeln. Bisweilen zeigte sich auf ein paar Augenblicke in der Dachluke eines fernen Hauses ein nur undeutlich zu erkennendes Gesicht; allein es verschwand bald, und da das Fenster von Olivers Observatorium vernagelt und durch Regen und Rauch von Jahren trüb und blind gemacht worden war, so war es ihm nur möglich, die Formen ferner Gegenstände undeutlich zu erkennen, und er konnte nicht daran denken, sich bemerkbar zu machen, zumal auch die Nachbarschaft sicher nicht die achtbarste und vertrauenerweckendste war.

Eines Nachmittags kehrten der Baldowerer und Charley Bates nach Hause zurück, um sich auf eine Abendunternehmung vorzubereiten, die es erfordern mochte, daß sie sich sorgfältiger als gewöhnlich ankleideten. Der Baldowerer gebot Oliver, ihm die Stiefel zu reinigen, und Oliver war froh, nur einmal Menschen zu sehen und sich nützlich machen zu können, wenn es ohne Verletzung der Redlichkeit geschehen konnte. Während er beschäftigt war, dem Geheiß Folge zu leisten, wobei Jack auf einem Tische saß, blickte der junge Gentleman zu ihm hernieder, seufzte und sagte halb zerstreut und halb zu Charley Bates: «'s ist doch Jammer und Schade, daß er kein Kochemer ist.»

«Ah,» sagte Charley Bates, «er weiß nicht, was ihm gut ist.»

«Du weißt wohl nicht mal, Oliver, was ein Kochemer ist?» fragte der Baldowerer.

«Ich glaube es zu wissen», erwiderte Oliver schüchtern; «ein Dieb – bist du nicht ein Dieb?»

«Ja,» sagte Jack, «und ich rechn' es mir zur Ehre. Ich bin ä Dieb; Charley ist's, Fagin ist's, Sikes ist's; Nancy und Betsy sind gleichfalls Diebinnen. Wir sind samt und sonders Diebe, bis herunter zu Sikes Hund, und der geht noch über uns alle.»

«Und ist kein Angeber», bemerkte Charley Bates.

«Er würde in der Zeugenloge nicht mal bellen, um sich nicht zu verraten oder verdächtig zu machen», fuhr Jack fort. «Doch das hat nichts zu schaffen mit unserm Musjö Grün.»

«Warum begibst du dich nicht unter Fagins Oberbefehl, Oliver?» fiel Charley ein.

«Könntest doch dein Glück so schön machen», setzte Jack hinzu, «und von deinem Gelde leben wie ein Gentleman, wie ich's zu tun denke im nächstkommenden fünften Schaltjahr und am zweiundvierzigsten Dienstag in der Fastenwoche.»

«Es gefällt mir nicht», sagte Oliver furchtsam. «Ich wollte, daß Fagin mich fortgehen ließe.»

«Das wird Fagin bleiben lassen», bemerkte Charley.

Oliver wußte dies nur zu gut, und in der Meinung, es möchte gefährlich sein, seine Gedanken noch offener auszusprechen, fuhr er seufzend in seinem Geschäfte fort.

«Schäme dich!» hub der Baldowerer wieder an. «Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Ich möchte um nichts in der Welt meinen Freunden zur Last fallen, am wenigsten, ohne 'nen Finger zu rühren, um ihnen zum wenigsten meine Erkenntlichkeit zu beweisen.»

«Es ist wahrhaftig zu gemein und niedrig», sagte Charley Bates, einige seidene Taschentücher hervorziehend und in eine Kommode legend.

«Es wäre mir ganz unmöglich!» rief Jack Dawkins, sich in die Brust werfend, aus.

«Und doch könnt ihr eure Freunde im Stich lassen», bemerkte Oliver mit einem halben Lächeln, «und zusehen, daß sie für Dinge bestraft werden, die ihr getan habt.»

«Es geschah bloß aus Rücksicht gegen Fagin», erwiderte Jack kaltblütig. «Die SchodererRwissen, daß wir gemeinschaftlich arbeiten, und er hätte in Ungelegenheit kommen können, wenn wir nicht davongelaufen wären. Schau hier», setzte er hinzu, griff in die Tasche und zeigte Oliver eine Handvoll Schillinge und Halbpence. «Wir führen ä flottes Leben, und was tut's, woher das Geld dazu kommt? Da, nimm hin; wo's her ist, da ist noch mehr von der Sorte. Du willst nicht? O Dümmling, Dümmling aller Dümmlinge!»

«Er ist ä Bösewicht, nicht wahr, Oliver?» fiel Charley Bates ein. «Er wird noch geschnürt werden, nicht wahr?»

«Ich weiß nicht, was das ist», sagte Oliver.

Charley Bates nahm sein Taschentuch, knüpfte es sich um den Hals und stellte die Hängeoperation pantomimisch und vollkommen kunstgerecht dar. «Das ist's», sagte er endlich unter schallendem Gelächter.

«Du bist schlecht erzogen,» bemerkte Jack Dawkins ernsthaft; «indes wird Fagin doch schon noch etwas aus dir machen, oder du wärst der erste, der sich ganz unbrauchbar gezeigt. Also fang nur, je eher, desto lieber, an, denn du wirst mitarbeiten im Geschäft, eh' du's meinst, und verlierst nur Zeit, Oliver.»

Charley Bates fügte noch mehrere moralische Betrachtungen hinzu, schilderte mit glühenden Farben die zahllosen Annehmlichkeiten des Lebens, das sie, er und Jack, führten, und bemühte sich mit einem Worte auf das eifrigste, Oliver zu überzeugen, daß er nichts Besseres tun könne, als baldmöglichst um Fagins Gunst durch dieselben Mittel zu werben, die er und Jack zum gleichen Zwecke angewendet.

«Und vor allen Dingen, NollyS,» sagte Jack, als sie den Juden kommen hörten, «bedenk' das: nimmst du keine Schneichen und Zwiebeln –»

«Was hilft's, daß du so zu ihm redest?» unterbrach Charley; «weiß er doch nicht, was du damit sagen willst!»

«Nimmst du keine Taschentücher und Uhren,» fuhr der Baldowerer, zu Olivers Fassungskraft sich herablassend, fort, «so tut's der erste beste andere, und der hat was davon, und du hast nischt, da du doch ein ebenso gutes Recht dazu hast.»

«'s ist ganz klar – ja, ja – ganz klar,» sagte der Jude, der unbemerkt von Oliver eingetreten war, «klar wie die Sonne, mein Kind. Glaub' dem Baldowerer; er kennt den Katechismus seines Geschäfts aufs Haar.»

Das Gespräch wurde indes für jetzt abgebrochen, da Fagin mit Miß Betsy und einem Gentleman angelangt war, den Oliver noch nicht gesehen hatte und den der Baldowerer Tom Chitling nannte, als er eintrat, nachdem er draußen ein wenig verweilt, um mit der Dame einige Galanterien zu wechseln.

Tom Chitling war älter an Jahren als der Baldowerer, da er etwa achtzehn Winter zählen mochte, bezeigte demselben aber eine Ehrerbietung, woraus man klärlich sah, daß er sich bewußt war, an Genie und Geschäftserfahrung ihm untergeordnet zu sein. Tom hatte kleine, blinzelnde Augen und ein pockennarbiges Gesicht und trug eine Pelzkappe, eine Jacke aus dunklem Tuch, fettige Barchenthosen und eine Schürze. Er sah in der Tat ziemlich abgerissen aus, entschuldigte sich jedoch bei der Gesellschaft damit, daß «seine Zeit» erst seit einer Stunde aus gewesen sei, daß er seine Uniform sechs Wochen getragen und noch nicht daran habe denken können, die Garderobe zu wechseln. Er schloß mit der Bemerkung, daß er zweiundvierzig Tage angestrengt gearbeitet, und «bersten wolle, wenn er in der ganzen Zeit 'nen Tropfen gekostet und nicht so trocken sei wie ein Sandfaß».

«Was meinst du, Oliver, woher der junge Mensch wohl kommt?» fragte der Jude grinsend, während Charley eine Branntweinflasche auf den Tisch stellte.

«Ich – ich kann's nicht sagen, Sir», erwiderte Oliver.

«Wer ist denn der?» fragte Tom Chitling, Oliver verächtlich anblickend.

«Ein junger Freund von mir, mein Lieber», antwortete Fagin.

«Dann hat er's gut genug», bemerkte Tom, dem Juden einen bedeutsamen Blick zuwerfend. «Kümmere dich nicht darum, Bursch, woher ich komme; es gilt 'ne Krone, wirst bald genug selber da sein!»

Es wurde gelacht, Fagin flüsterte mit Tom, alle versammelten sich am Kamine, der Jude forderte Oliver auf, sich zu ihm zu setzen, und lenkte das Gespräch auf Gegenstände, von welchen er erwarten konnte, daß seine Zuhörer den lebhaftesten Anteil daran nehmen würden; nämlich die großen Vorteile des Geschäfts, die Talente des Baldowerers, die Liebenswürdigkeit Charleys und die Freigebigkeit Fagins. Als sie erschöpft waren und Tom Chitling gleichfalls Zeichen der Erschöpftheit an den Tag legte (denn das Besserungshaus ermüdet sehr nach einigen Wochen), entfernte sich Miß Betsy, und die übrigen begaben sich zur Ruhe.

Von diesem Tage an wurde Oliver nur noch selten allein gelassen und in eine fortwährende enge Verbindung mit Jack und Charley gebracht, die mit dem Juden täglich das alte Spiel spielten – Fagin wußte am besten, ob zu ihrer eigenen oder Olivers Belehrung und Vervollkommnung. Zu anderen Zeiten erzählte ihnen Fagin Geschichten von Diebstählen und Räubereien, die er in seinen jüngeren Tagen begangen, und mischte so viel Merkwürdiges, Spaßhaftes und Drolliges ein, daß Oliver sich oft nicht enthalten konnte, herzlich zu lachen und den Beweis zu liefern, daß er trotz seiner besseren Gefühle Wohlgefallen an diesen Geschichten fand.

Kurzum, der schlaue alte Jude hatte den Knaben sozusagen im Netze und war, nachdem er ihn durch Einsamkeit und die Qual derselben dahin gebracht, jede Gesellschaft seinen traurigen Gedanken in einem so öden, finsteren Hause vorzuziehen, eifrig darüber aus, seinem Herzen das Gift langsam einzuflößen, das, wie er hoffte, die Farbe desselben verändern und es für immer schwärzen sollte.

In welchem ein verhängnisvoller Plan besprochen und beschlossen wird.

Es war ein kalter, feuchter und stürmischer Abend, als der Jude seinen eingeschrumpften Leib in einen Oberrock einhüllte, den Kragen über die Ohren zog, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und sich aus seiner Höhle entfernte. Er blieb vor der Haustür stehen, bis sie inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte darauf mit leisen und flüchtigen Schritten die Straße hinunter.

Das Haus, in welches Oliver gebracht worden war, befand sich nahe bei Whitechapel; der Jude stand an der nächsten Ecke ein paar Augenblicke still, schaute forschend umher und schlug sodann die Richtung nach Spitalfields ein.

Auf dem Pflaster lag dicker Schlamm, und ein dichter Nebel machte die Dunkelheit noch dunkler. Für den Ausflug eines dämonischen Wesens, wie es der Jude war, konnten Zeit, Wetter und alle Umgebungen nicht passender sein. Der greuliche Alte glich, während er verstohlen durch Nacht und Nebel und Kot dahineilte, einem ekelhaften Gewürm, das in nächtlicher Finsternis aus seinem Verstecke herauskriecht, um wühlend im Schlamme ein leckeres Mahl nach seiner Art zu halten.

Er setzte seinen Weg durch viele enge und winklige Gassen fort, bis er Bethnal Green erreichte, wandte sich dann nach links und verschwand in einem wahrhaften Labyrinth schmutziger Winkel, Straßen und Gassen jenes zahlreich bevölkerten Stadtviertels, ohne jedoch ein einziges Mal zu irren oder fehlzugehen, lenkte endlich in eine Sackgasse ein, klopfte an die Tür eines Hauses und wurde, nachdem er ein paar Worte durch das Schlüsselloch geflüstert, eingelassen und hinaufgeführt.

Als er auf den Griff einer Tür faßte, knurrte ein Hund, und eine grobe Mannsstimme fragte, wer da wäre.

«Ich bin's, Bill, ich, mein Lieber», antwortete der Jude hineinschauend.

«So bringt Eur'n Leichnam 'rein», sagte Sikes. «Lieg' still, dumme Bestie! Kennst den Teufel nicht, wenn er'n Überrock anhat?»

Der Hund schien in der Tat durch Fagins Verhüllung getäuscht zu sein; denn sobald der Jude den Oberrock aufknöpfte, legte er sich, mit dem Schweife wedelnd, wieder nieder.

«Nun?» sagte Sikes.

«Ja – nun», erwiderte der Jude. «Ah, Nancy.»

Er schien etwas verlegen und zweifelhaft zu sein, wie er von Miß Nancy empfangen werden würde, denn er hatte seine junge Freundin seit dem Abend noch nicht wiedergesehen, an welchem sie so leidenschaftlich für Oliver aufgetreten war. Das Benehmen der jungen Dame machte jedoch bald aller Ungewißheit ein Ende. Sie schob ihren Stuhl zur Seite und forderte Fagin auf, ohne Groll oder noch viel Worte sich mit an den Kamin zu setzen, denn es wäre ein kalter Abend.

«Ja, 's ist bitter kalt, liebe Nancy», sagte Fagin und begann seine knöchernen Hände über dem Feuer zu wärmen. «'s ist, als wenn der Wind einem wehte durch und durch bis ins Innerste.»

«Das muß wirklich scharf sein, was bis an dein Herz dringt», bemerkte Sikes. «Gib ihm 'nen Tropfen zu trinken, Nancy. Alle Donnerwetter, mach geschwind! Man wird ganz übel davon, das alte Gerippe so schaudern zu sehn wie'n häßliches Gespenst, das eben aus'm Grabe gestiegen ist.»

Nancy holte schnell eine Flasche aus dem Schranke; Sikes schenkte ein Glas Branntwein ein und hieß den Juden es austrinken; Fagin berührte es jedoch nur mit den Lippen und setzte es wieder auf den Tisch.

«Ausgetrunken, Spitzbube!» rief Sikes.

«Habe schon genug, danke, Bill!»

«Wie – was? Fürchtest dich, daß wir dir ä Streich spielen?» fragte Sikes, seine Augen scharf auf den Juden richtend.

Mit einem heiseren, verächtlichen Brummen ergriff Mr. Sikes das Glas und goß den Inhalt in die Asche; dann füllte er es von neuem und stürzte es hinunter.

Fagin blickte im Zimmer umher, nicht aus Neugierde, denn es war ihm wohlbekannt, sondern unruhig, verstohlen, argwöhnisch, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war. Das Gemach war sehr schlecht möbliert. Nur der Inhalt des Schrankes schien anzudeuten, daß es von einem gewöhnlichen Arbeiter bewohnt würde; auch sah man nichts Verdächtiges, mit Ausnahme einiger schwerer Knüttel, die in einem Winkel standen, und eines «Lebensretters», der über dem Kaminsimse hing.

«Was hast du zu sagen, verdammter Jude?» fragte Sikes. «Weshalb bist du hergeschlichen?»

«Wegen des BayesTin Chertsey, Bill», erwiderte der Jude, dicht zu ihm rückend und flüsternd.

«Nun – und was weiter?»

«Ah – Ihr wißt ja recht gut, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy, er weiß es recht gut?»

«Nein, er weiß es nicht», fiel Sikes höhnisch ein, «oder will es nicht wissen, was dasselbe ist. Sprich rein 'raus, nenn' die Dinge beim rechten Namen und stell' dich nicht an, als wenn du nicht der erste gewesen wärst, der an den Einbruch gedacht hat.»

«Pst, Bill, pst!» sagte Fagin, der sich vergebens bemüht hatte, Sikes zum Stillschweigen zu bringen; «es wird uns jemand hören, mein Lieber, es wird uns jemand hören!»

«Laß hören, wer will!» tobte Sikes; «'s ist mir alles gleich.»

Er sprach jedoch die letzten Worte schon weniger laut und heftig, da ihm der Gedanke kam, daß es dochnichtgleich wäre oder sein könnte.

«Seid doch ruhig, Bill,» sagte der Jude besänftigend. «Es war ja nur meine Vorsicht – weiter nichts. Also wegen des Bayes in Chertsey, mein Lieber. Wann soll's sein, Bill – wann soll's sein? Solch Silberzeug, Bill, solch Silberzeug!» setzte er händereibend und mit leuchtenden Augen hinzu.

«Gar nicht», erwiderte Sikes trocken.

«Gar nicht?» wiederholte der Jude und lehnte sich erstaunt auf seinem Stuhle zurück.

«Nein, gar nicht», sagte Sikes; «zum wenigsten kann's nicht so ausgeführt werden, wie wir meinten.»

«Dann ist's nicht geschickt und ordentlich angegriffen», versetzte der Jude, vor Verdruß erblassend. «Aber Ihr spaßt nur, Bill.»

«Ich lasse mich lieber hängen, als daß ich mit dir spaße, altes Gerippe. Toby Crackit hat sich seit vierzehn Tagen die erdenklichste Mühe gegeben, aber keinen von der Dienerschaft –»

«Ihr wollt doch nicht sagen, Bill,» unterbrach ihn der Jude ungeduldig, doch aber ruhiger in dem Maße, als Sikes wieder heftig zu werden anfing; «Ihr wollt doch nicht sagen, daß keiner von den beiden Bedienten könnte werden gewonnen, zu machen Kippe?»

«Das will ich allerdings sagen», antwortete Sikes. «Sie sind seit zwanzig Jahren bei der alten Frau im Dienst gewesen und würden's nicht tun für fünfhundert Pfund.»

«Aber die weibliche Dienerschaft, mein Lieber – läßt sich die auch nicht beschwatzen?»

«Nein!»

«Wie – auch nicht vom schmucken, geriebenen Toby Crackit?» entgegnete der Jude ungläubig. «Bedenkt doch nur, wie die Weibsen sind, Bill!»

«Nein, auch nicht von Toby Crackit», erwiderte Sikes. «Er hat die ganze Zeit, daß er's Bayes umschlichen, falsche Knebelbärte und 'ne gelbe Weste getragen; hat aber alles nicht helfen wollen.»

«Er hätt's versuchen sollen mit 'nem Schnurrbart und Soldatenhosen, mein Lieber», sagte der Jude nach einigem Besinnen.

«Das hat er auch schon getan, und 's ist ebenso vergeblich gewesen.»

Der Jude machte eine verdrießliche und verlegene Miene dazu, versank auf ein paar Minuten in tiefes Nachsinnen und sagte endlich mit einem schweren Seufzer, wenn man sich auf Toby Crackits Berichte verlassen könnte, so fürchte er, daß der Plan aufgegeben werden müsse. «'s ist aber sehr betrübend, Bill,» setzte er, die Hände auf die Knie stützend, hinzu, «so viel zu verlieren, wenn man einmal den Sinn hat gesetzt darauf.»

«Freilich,» sagte Sikes, «'s ist ganz verdammt ärgerlich!»

Es folgte ein langes Stillschweigen. Der Jude war in tiefe Gedanken verloren, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrhaft satanischer Spitzbüberei an. Sikes blickte ihn von Zeit zu Zeit verstohlen von der Seite an, und Nancy heftete, aus Furcht, den Wohnungsinhaber zu erzürnen, die Augen auf das Feuer, als wenn sie bei allem, was gesprochen worden, taub gewesen wäre.

«Fagin,» unterbrach Sikes endlich die allgemeine Stille, «schafft's fünfzig Füchse extra, wenn's durch Einbruch vollbracht wird?»

«Ja!» rief der Jude, wie aus einem Traume erwachend.

«Abgemacht?» fragte Sikes.

«Ja, mein Lieber,» erwiderte der Jude, indem er ihm die Hand reichte; und jede Muskel seines Gesichts gab Zeugnis, wie freudig und lebhaft er durch diese Frage überrascht worden war.

Sikes schob die Hand des Juden verächtlich zurück und fuhr fort: «Dann mag's geschehen, sobald du willst, Alter. Toby und ich sind vorgestern über die Gartenmauer g'wesen und haben die Türen und Fensterläden untersucht. Die Bayes ist nachts verrammelt wie'n Dobes; wir haben aber 'ne Stelle gefunden, wo wir leise und mit Sicherheit schränkenUkönnen.»

«Wo ist denn die Stelle, Sikes?» fragte der Jude sehr gespannt.

«Man geht über den Rasenplatz,» flüsterte Sikes, «und dann –»

«Nun, und dann?» unterbrach ihn der Jude, sich ungeduldig vorbeugend.

«Dann –» sagte der Schränker, brach jedoch kurz ab, denn Nancy gab ihm, kaum den Kopf bewegend, einen Wink, nach des Juden Gesicht zu sehen. «'s ist ganz gleich, wo die Stelle ist», fuhr er fort. «Ich weiß, daß du's nicht kannst ohne mich; aber man tut wohl daran, sich auf Nummer Sicher zu setzen, wenn man mit dir zu tun hat.»

«Nach Eurem Belieben, Bill, nach Eurem Belieben», erwiderte der Jude, sich auf die Lippen beißend. «Könnt Ihr's mit Toby allein, und braucht Ihr weiter keinen Beistand?»

«Nein; bloß ein Dreheisen und 'nen Knaben. Das Eisen haben wir, den Buben mußt du uns schaffen.»

«'nen Knaben!» rief der Jude aus. «Ah, dann ist's ein Paneel – wie?»

«Es kann dir gleichviel sein, was es ist», erwiderte Sikes. «Ich brauche 'nen Buben, und er darf nicht groß sein. Wenn mir nur nicht der von Ned, dem Schornsteinfeger, durch die Lappen 'gangen wäre! Er hielt ihn mit Absicht klein und schmächtig und lieh ihn aus für'n Billiges. Aber so geht's, der Vater wird gerumpeltV, und wie der Blitz ist der Verein für verlassene Kinder da und nimmt den Jungen aus 'nem Geschäft, darin er Geld hätte verdienen können, lehrt ihn Lesen und Schreiben, und der Bube wird dann Lehrling, Gesell, endlich Meister,» sagte Sikes mit steigendem Zorn über einen so unrechtmäßigen Verlauf, «und so geht's mit den meisten; und hätten sie immer Geld genug, was sie Gott Lob und Dank nicht haben, so würden wir nach ein paar Jahren keinen einzigen Jungen mehr im Geschäft halten.»

«Ja, ja», stimmte der Jude ein, der unterdes überlegt und nur die letzten Worte gehört hatte. «Bill!»

«Was gibt's?»

Der Jude deutete verstohlen auf Nancy hin, die noch immer in das Feuer schaute, und gab Sikes durch Zeichen seinen Wunsch zu erkennen, mit ihm allein gelassen zu werden. Sikes zuckte ungeduldig die Achseln, als wenn er die Vorsicht für überflüssig hielte, forderte indes Nancy auf, ihm einen Krug Bier zu holen.

«Ihr seid nicht durstig, Bill», sagte Nancy mit der vollkommensten Ruhe und schlug die Arme übereinander.

«Ich sage dir, ich bin durstig!» entgegnete Sikes.

«Dummes Zeug! Fahrt fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill; ich kann's auch hören.»

Der Jude zögerte, und Sikes sah etwas verwundert bald ihn, bald das Mädchen an.

«Brauchst dich vor dem alten Mädchen nicht zu scheuen, Fagin», sagte er endlich. «Hast sie lange genug gekannt und kannst ihr trauen, oder der Teufel müßte drin sitzen. Sie wird nicht mosernW; nicht wahr, Nancy?»

«Ihr sollt's wohl meinen», erwiderte sie, ihren Stuhl an den Tisch schiebend und den Kopf auf die Ellbogen stützend.

«Nein, nein, liebes Kind», fiel der Jude ein; «ich weiß das sehr wohl; nur –» Er hielt wieder inne.

«Nun, was denn nur?» fragte Sikes.

«Ich weiß nur nicht, ob sie nicht vielleicht wieder werden würde unwirsch, mein Lieber, wie vor einigen Abenden», erwiderte Fagin.

Bei diesem Geständnisse brach Nancy in ein lautes Gelächter aus, stürzte ein Glas Branntwein hinunter, erklärte unter mehrfachen kräftigen Beteuerungen, daß sie alles hören könne, wolle und werde und so standhaft, mutvoll und treu sei wie eine oder einer. – «Fagin,» sagte sie lachend, «sprecht nur ohne Umschweife zu Bill von Oliver!»

«Ah! Du bist ein so gewitztes Mädchen, wie ich je eins gesehen», versicherte der Jude und klopfte sie auf die Wange. «Ja, ich wollte wirklich sprechen von Oliver; ha, ha, ha!»

«Was ist mit ihm los?» fragte Sikes.

«Daß er der Knabe ist, den Ihr braucht, mein Lieber», erwiderte der Jude in einem heiseren Flüstern, den Finger an die Nase legend und mit einem fürchterlichen Grinsen.

«Der Oliver?!» rief Bill aus.

«Nimm ihn, Bill», sagte Nancy. «Ich tät's, wenn ich an deiner Stelle wäre. Mag sein, daß er nicht so gepfifft und dreist ist wie einer von den andern; aber das ist auch nicht nötig, wenn du ihn bloß dazu brauchen willst, daß er dir 'ne Tür aufmacht. Verlaß dich darauf, er ist petachtX, Bill.»

«Ich weiß, daß er's ist», fiel Fagin ein. «Er ist in den letzten Wochen geschult gut, und 's ist Zeit, daß er anfängt, für sein Brot zu arbeiten; außerdem sind die andern alle zu groß.»

«Ja, die rechte Größe hat er», bemerkte Sikes nachdenklich.

«Und er wird alles tun, wozu Ihr ihn nötig habt, Bill», sagte der Jude. «Er kann nicht anders – nämlich, wenn Ihr ihn nur genug haltet in Furcht und Schrecken.»

«Das könnte geschehen – und nicht bloß zum Spaß. Ist was nicht richtig mit ihm, wenn wir einmal erst am Werk sind – alle Teufel! – so siehst du ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Bedenk' das, eh' du ihn schickst.»

Er hatte ein schweres Brecheisen unter dem Bette hervorgezogen und schüttelte es unter drohenden Gebärden.

«Ich habe alles bedacht», erwiderte der Jude entschlossen. «Ich hab' ihn beobachtet, meine Lieben, wie ein Falke die Augen auf ihn gehabt. Laßt ihn nur erst wissen, daß er einer der Unsrigen ist; laßt ihn nur erst wissen, daß er gewesen ist ein Dieb, und er ist unser – unser auf sein Leben lang! Oho! Es hätte nicht besser können kommen!» Er kreuzte die Arme über der Brust, zog den Kopf zwischen die Schultern und umarmte sich gleichsam selbst vor Behagen und Freude.

«Unser!» höhnte Sikes. «Du willst sagen: dein.»

«Könnte vielleicht sein, mein Lieber», sagte der Jude kichernd. «Wenn Ihr's so wollt, Bill, mein.»

Sikes warf seinem angenehmen Freunde finster-grollende Blicke zu. «Und warum bemühst du dich denn so sehr um das Kreidegesicht,» sagte er, «da du doch weißt, daß jede Nacht fünfzig Buben im Common GardenYdormenZ, unter denen du die Wahl hast?»

«Weil ich sie nicht gebrauchen kann, mein Lieber», erwiderte der Jude ein wenig verwirrt. «Sie sind's nicht wert, daß man's versucht mit ihnen, denn wenn sie in Ungelegenheiten geraten, steht ihnen geschrieben auf der Stirn, was sie sind und was sie haben getan, und sie gehen mir alle kapores. Aber mit diesem Knaben, wenn er nur gebraucht wird geschickt, kann ich ausrichten mehr als mit zwanzig von den anderen. Außerdem,» fügte er wieder in vollkommener Fassung hinzu, «außerdemhaben wirihn dann fest jetzt, wenn er uns wieder entwischen könnte, undermuß bleiben mit uns im selben Boot, gleichviel wie er gekommen ist hinein; ich habe Macht genug über ihn, wenn er nur ein einziges Mal ist gewesen bei 'nem Schränken – mehr brauch' ich nicht. Und wieviel ist das besser, als wenn wir müßten den armen, kleinen Knaben über die Seite schaffen, was würde gefährlich sein – und wodurch wir verlieren würden viel!»

Sikes schwebte eine starke Mißbilligung bei Fagins plötzlicher Anwandlung von Menschlichkeit auf den Lippen, Nancy kam ihm jedoch durch die Frage zuvor, wann der Einbruch geschehen sollte.

«Ja, Bill, ja – wann soll es sein?» fragte auch der Jude.

«Ich hab's mit Toby auf übermorgen nacht verabredet,» antwortete Sikes mürrisch, «wenn ich ihm keine anderweitige Nachricht zugehen lasse.»

«Gut», sagte der Jude; «es wird doch kein Mondschein sein?»

«Nein», erwiderte Sikes.

«Ist auch bedacht alles wegen Fortschaffens der SechoreAA?» fragte Fagin.

Sikes nickte.

«Und wegen –»

«Ja, ja, 's ist alles verwaldiwertAB,» unterbrach ihn Sikes; «scher dich nur nicht weiter drum. Bring' den Buben lieber morgen abend her. Ich werde 'ne Stunde nach Tagesanbruch auf und davon sein. Und dann halt's Maul und stelle den Schmelztiegel bereit; das ist alles, was du zu tun hast.»

Nach einigem Hin- und Herreden, woran alle drei tätigen Anteil nahmen, wurde beschlossen, daß Nancy am folgenden Abend Oliver herbringen solle. Fagin hielt dafür, daß er Nancy am ersten folgen würde, wenn er etwa abgeneigt wäre. Ebenso wurde feierlich verabredet, daß der Knabe zum Zweck der beabsichtigten Unternehmung Sikes unbedingt übergeben werden solle, und zwar so, daß derselbe mit ihm nach Gutdünken verfahren dürfe, ohne dem Juden für irgendeinen Unfall, der ihn treffen könnte, oder irgendeine Züchtigung verantwortlich zu sein, die sein Beschützer etwa für notwendig erachten möchte; auch sollte der letztere alle seine Angaben nach seiner Rückkehr durch Toby Crackits Zeugnis bestätigen lassen. Sikes bekräftigte vorläufig den edlen Bund und die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen durch ein Glas Branntwein nach dem andern, was die Wirkung hatte, daß er zuerst lärmte und sodann einschlief. Der Jude hüllte sich darauf wieder in seinen Überrock, sagte Nancy gute Nacht und faßte sie scharf ins Auge, während sie ihm zur Erwiderung gleichfalls wohl zu schlafen wünschte und ihre Blicke den seinigen begegneten. Sie waren vollkommen fest und ruhig. Das Mädchen war so treu und verläßlich in der Sache, wie Toby Crackit nur selbst sein konnte. Er warf Sikes, unbemerkt von ihr, noch einen Blick des Hasses und der Verachtung zu und ging, durch die Zähne murmelnd: «So sind sie alle. Das Schlimmste an den Weibsbildern ist, daß die größte Kleinigkeit aufweckt in ihnen ein längst vergessenes Gefühl – und das Beste, daß es nicht währt lange. Hi, hi, hi! Ich wette 'nen Sack voll Gold auf den Mann gegen das Kind.»

Unter diesen angenehmen Gedanken ging Fagin seines Weges durch Schmutz und Kot hin bis zu seiner düsteren Wohnstätte. Der Baldowerer war aufgeblieben und erwartete ungeduldig die Rückkehr des Juden.

«Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen», war die erste Frage, die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.

«Schon seit mehreren Stunden», versetzte der Baldowerer, indem er eine Tür aufstieß. «Hier ist er.»

Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte – nicht mit einem Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem, aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu verdrängen.

In welchem Oliver Sikes überliefert wird.

Als Oliver am folgenden Morgen erwachte, war er nicht wenig verwundert, ein Paar neue Schuhe mit starken, dicken Sohlen an der Stelle seiner alten, sehr beschädigten zu erblicken. Anfangs freute er sich der Entdeckung, weil er sie als eine Vorläuferin seiner Befreiung ansah; allein er gab bald alle Gedanken dieser Art auf, als er sich allein mit dem Juden zum Frühstück setzte, der ihm, und zwar auf eine Weise, die ihn mit Unruhe erfüllte, sagte, daß er am Abend zu Bill Sikes gebracht werden solle.

«Soll – soll ich denn dort bleiben?» fragte Oliver angstvoll.

«Nein, nein, Kind, du sollst nicht dort bleiben», antwortete der Jude. «Wir würden dich gar nicht gern missen. Sei ohne Furcht, Oliver; du sollst wieder zurückkehren zu uns. Ha, ha, ha! Wir werden nicht sein so grausam, dich fortzuschicken, mein Kind. Nein, beileibe nicht!» Der alte Mann, der sich über das Feuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, sah sich bei diesen spöttischen Worten um und kicherte, wie um zu zeigen, er wisse es, daß Oliver gern entfliehen würde, wenn er könnte.

«Ich glaube, Oliver,» fuhr er, die Blicke auf ihn heftend, fort, «du möchtest wissen, weshalb du sollst zu Bill – nicht wahr, mein Kind?»

Oliver verfärbte sich unwillkürlich, denn er gewahrte, daß der Jude in seinem Innern gelesen, erwiderte indes dreist, daß er es allerdings zu wissen wünsche.

«Nun, was meinst du wohl, weshalb?» fragte Fagin, der Antwort ausweichend.

«Ich kann es nicht erraten, Sir», erwiderte Oliver.

«Pah! So warte, bis Bill dir's sagt», versetzte Fagin, sich mißvergnügt abwendend, denn er hatte in Olivers Mienen wider Verhoffen nichts entdeckt, nicht einmal Neugierde.

Die Wahrheit ist indessen, daß der Knabe allerdings sehr lebhaft zu wissen wünschte, zu welchem Zwecke er Sikes überliefert werden sollte, aber durch Fagins forschende Blicke und sein eigenes Nachsinnen zu sehr außer Fassung geraten war, um für den Augenblick noch weitere Fragen zu tun. Später fand sich keine Gelegenheit dazu, denn der Jude blieb bis gegen Abend, da er sich zum Ausgehen anschickte, sehr mürrisch und schweigsam.

«Du kannst brennen ein Licht», sagte er und stellte eine Kerze auf den Tisch; «und da ist ein Buch, worin du kannst lesen, bis sie kommen, dich abzuholen. Gute Nacht!»

«Gute Nacht, Sir», erwiderte Oliver schüchtern.

Der Jude ging nach der Tür und sah über die Schulter nach dem Knaben zurück; dann stand er plötzlich still und rief ihn beim Namen.

Oliver blickte auf, der Jude wies nach dem Lichte hin und befahl ihm, es anzuzünden. Oliver tat, wie ihm geheißen wurde, und sah, daß Fagin mit gerunzelter Stirn aus dem dunkleren Teile des Gemachs forschend die Augen auf ihn heftete.

«Hüte dich, Oliver, hüte dich!» sagte der Alte, warnend die rechte Hand emporhebend. «Er ist ein brutaler Mann und achtet kein Blut, wenn seins ist heiß. Was sich auch zuträgt, sprich kein Wort und tu', was er dir sagt. Nimm dich in acht! – wohl in acht!» Er hatte die letzten Worte mit scharfer Betonung gesprochen, sein finsterer, drohender Blick verwandelte sich in ein greuliches Lächeln, er nickte und ging.

Oliver legte den Kopf auf die Hand, als er allein war, und sann mit pochendem Herzen den eben vernommenen Worten nach. Je länger er über die Warnung des Juden nachdachte, in eine desto größere Ungewißheit geriet er über ihren eigentlichen Sinn und Zweck. Er konnte sich nichts Böses oder Unrechtes bei seiner Sendung zu Sikes denken, das nicht ebensogut geschehen oder erreicht werden konnte, wenn er bei Fagin blieb. Nach langem Nachsinnen kam er zu dem Schlusse, daß er ausersehen sein möchte, Sikes als Aufwärter zu dienen, bis man einen besser dazu geeigneten Knaben gefunden hätte. Er war zu sehr an Leiden und Dulden gewöhnt und hatte zu viel gelitten in dem Hause, in welchem er sich befand, als daß ihn die Aussicht auf eine Veränderung des Schauplatzes seiner Widerwärtigkeiten sehr hätte betrüben können. Er blieb noch eine Weile in Gedanken verloren, putzte seufzend das Licht und fing an in dem Buche zu lesen, das ihm der Jude zurückgelassen.

Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, die das Blut zu Eis erstarren ließen, von Raubmorden, die auf offener Landstraße verübt worden waren, von Leichen, die man vor den Augen der Menschen in den tiefen Brunnen und Schächten verborgen hatte, ohne daß es jedoch gelungen wäre, sie für die Dauer unten zu halten, so tief sie auch liegen mochten, und zu verhüten, daß sie nach vielen Jahren ans Tageslicht kamen und die Mörder durch ihren Anblick so sehr um alle Besinnung brachten, daß sie ihre Schuld eingestanden und am Galgen ihr Leben endeten. Ferner las er hier von Menschen, die in der Stille der Nacht in ihrem Bette liegend von ihren eigenen bösen Gedanken zu so gräßlichen Mordtaten, wie sie selbst sagten, aufgestachelt wurden, daß es einen kalt überlief und einem die Glieder matt am Leibe niedersanken, wenn man es las. Die fürchterlichen Beschreibungen waren so lebensgetreu und packend, daß die schmutzigen Seiten ihm mit Blut bespritzt erschienen und die Worte, die er las, in seinen Ohren widerhallten, als würden sie in hohlem Murmeln von den Geistern der Ermordeten geflüstert.

In wahnsinniger Angst schloß Oliver endlich das Buch und schleuderte es von sich, fiel auf die Knie nieder und flehte den Himmel an, ihn vor solchen Untaten zu bewahren und ihn lieber sogleich sterben als so fürchterliche Verbrechen begehen zu lassen. Er wurde allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den Gefahren, in welchen er sich befand, und, falls einem armen, verstoßenen Knaben, der nie Elternliebe und Schutz gekannt, Beistand und Hilfe aufgehoben wäre, daß sie ihm jetzt zuteil werden möchte, wo er allein und verlassen von Schuld und Ruchlosigkeit umringt war.

Er lag noch, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Knien, als ein Geräusch ihn aufschreckte. Er sah sich um, erblickte eine Gestalt an der Tür und rief: «Wer ist da?»

«Ich – ich bin es», erwiderte eine bebende Stimme.

Er hob das Licht empor und erkannte Nancy.

«Stell das Licht wieder auf den Tisch», sagte sie, das Gesicht abwendend; «die Augen tun mir weh davon.»

Oliver sah, daß sie sehr blaß war, und fragte sie mitleidig, ob sie krank wäre. Sie warf sich auf einen Stuhl, so daß sie ihm den Rücken zukehrte, und rang die Hände, antwortete aber nicht.

«Gott verzeih' mir die Sünde!» rief sie nach einiger Zeit aus; «es ist meine Absicht nicht gewesen – ich habe nicht – habe nicht von fern daran gedacht!»

«Ist ein Unglück vorgefallen?» fragte Oliver. «Kann ich dir helfen? Wenn ich es kann, so will ich's auch, gern, gern!»

Sie wiegte sich unter fortwährendem heftigen Händeringen hin und her, faßte sich an die Kehle, als ob sie etwas würgte, und keuchte atemlos.

«Nancy!» rief Oliver bestürzt; «was ist dir denn?»

Sie schlug krampfhaft mit den Händen auf ihre Knie und mit den Füßen auf den Boden und hüllte sich darauf schaudernd dicht in ihren Schal. Oliver schürte das Feuer an, sie setzte sich an den Kamin, schwieg noch eine Zeitlang, hob endlich den Kopf empor und blickte umher.

«Ich weiß nicht, wie mir bisweilen wird», sagte sie und stellte sich, als wenn sie eifrig beschäftigt wäre, ihr Haar wieder zu ordnen; «ich glaube, jetzt kommt's von der dumpfen Luft hier im Zimmer. Bist du bereit, mit mir zu gehen, Nolly?»

«Soll ich mit dir fortgehen, Nancy?» fragte Oliver.

«Ja; ich komme von Bill Sikes», erwiderte sie. «Du sollst mit mir gehen.»

«Wozu denn?» fragte Oliver zurückschreckend.

«Wozu?» wiederholte sie, schlug die Augen auf und wandte das Gesicht ab, sobald sie Olivers Blicken begegneten. «Oh! zu nichts Bösem.»

«Das glaube ich dir nicht», sagte er. Er hatte sie genau beobachtet.

«So ist's gelogen, und glaub', was du willst», erwiderte sie und zwang sich zu lachen. «Zu nichts Gutem also.»

Oliver entging es nicht, daß er einige Gewalt über Nancys bessere Gefühle hatte, und wollte sich schon an ihr Mitleid mit seiner hilflosen Lage wenden; allein es fiel ihm ein, daß es kaum elf Uhr wäre, daß noch viele Leute auf den Straßen sein müßten, und daß ihm ja wohl der eine oder andere Glauben schenken würde, wenn er ihn um Beistand anspräche. Er trat vor, als ihm dieser Gedanke durch den Sinn flog, und erklärte hastig und verwirrt, daß er bereit sei.

Nancy hatte ihn indes scharf im Auge behalten, erraten, was in seinem Innern vorging, und ihr bedeutsamer Blick ließ ihn gewahren, daß sie ihn durchschaut.

«Pst!» sagte sie, beugte sich herunter zu ihm, blickte vorsichtig umher und wies nach der Tür. «Du kannst dir nicht helfen. Ich habe mir deinetwegen alle mögliche Mühe gegeben, aber vergeblich. Du bist umstellt und wirst scharf bewacht, und kannst du jemals loskommen, so ist es jetzt nicht die Zeit.»

Sie war offenbar erregt, Oliver war davon betroffen und blickte ihr sehr verwundert in das Gesicht. Sie schien die Wahrheit zu reden, war blaß und zitterte heftig.

«Ich habe dich schon einmal vor übler Behandlung geschützt, will es auch künftig tun und tue es jetzt», fuhr sie fort; «denn wenn ich dich nicht holte, würden dich andere zu Sikes bringen, die viel unglimpflicher mit dir umgehen möchten. Ich habe mich dafür verbürgt, daß du ruhig und still sein würdest, und bist du es nicht, so wirst du nur dir selbst und obendrein mir schaden, vielleicht an meinem Tode schuld sein. Sieh hier! – dies alles hab' ich für dich schon ertragen, so wahr Gott sieht, daß ich's dir zeige.»

Sie wies ihm mehrere braune und blaue Streifen und Flecke an ihrer Schulter und den Armen und sprach rasch weiter: «Denk daran, und laß mich nicht eben jetzt noch mehr um deinetwillen leiden. Wenn ich dir helfen könnte, würde ich's gern tun, ich habe aber die Macht nicht. Sie wollen dir kein Leides zufügen, und was sie dich zwingen zu tun, ist nicht deine Schuld. Pst! jedes Wort, was du sprichst, ist soviel als ein Schlag für mich. Gib mir die Hand – geschwind, deine Hand!»

Oliver reichte ihr mechanisch die Rechte, sie blies das Licht aus und zog ihn nach. Die Haustür wurde rasch und leise von jemand geöffnet und ebenso schnell hinter ihnen wieder verschlossen. Vor dem Hause stand ein Mietswagen, sie schob ihn hinein und ließ die Fenster herunter. Der Kutscher bedurfte keiner Weisung, sondern fuhr augenblicklich im raschesten Trabe davon.

Nancy hielt fortwährend Olivers Hand fest und flüsterte ihm Trost, Warnungen und Versprechungen in das Ohr. Alles war so überraschend gekommen, daß er kaum Zeit hatte, seine Gedanken zu sammeln, als der Wagen schon vor dem Hause hielt, in welchem der Jude am vergangenen Abend Sikes aufgesucht hatte.

Einen einzigen kurzen Augenblick schaute Oliver umher, und ein Hilferuf schwebte ihm auf den Lippen. Allein die Straße war öde und menschenleer. Nancys bittende Stimme tönte in seinem Ohr, und während er noch unentschlossen war, befand er sich schon im Hause und hörte dasselbe sorgfältig verriegeln. Sikes trat mit einem Lichte oben an die Treppe und begrüßte das Mädchen ungewöhnlich heiter und mild.

«Tyras ist mit Tom nach Hause gegangen», sagte er; «er würde im Wege gewesen sein.»

«Das ist schön», erwiderte Nancy.

«Du hast ihn also?» bemerkte Sikes, als sie in das Zimmer eintraten.

«Ja, hier ist er.»

«Ging er ruhig mit?»

«Wie ein Lamm.»

«Freue mich, es zu hören,» sagte Sikes, Oliver finster anblickend, «um seines jungen Leichnams willen. Komm her, Bursch, daß ich dir nur gleich 'ne gute Lehre gebe, je eher, desto besser.»

Er setzte sich an den Tisch, und Oliver mußte sich ihm gegenüber hinstellen.

«Weißt du, was dies ist?» fragte er, eine Taschenpistole zur Hand nehmend.

Oliver bejahte.

«Dann schau hier. Dies ist Pulver, dies 'ne Kugel und das ein Pfropfen.» – Sikes lud die Pistole mit großer Sorgfalt und sagte, als er fertig war: «Nun ist sie geladen.»

«Ja, Sir, ich sehe es», erwiderte Oliver bebend.

Sikes faßte die Hand des Knaben mit festem Griffe und setzte ihm den Pistolenlauf an die Schläfe. Oliver konnte einen Angstschrei nicht unterdrücken.

«Nun merk wohl, Bursch,» sagte Sikes, «sprichst du ein einziges Wort, wenn du mit mir außer dem Hause bist, ausgenommen um zu antworten, wenn ich dich frage, so hast du ohne weiteres die ganze Ladung im Hirnkasten; also wenn du gesonnen sein solltest, ohne Erlaubnis zu sprechen, so sag erst dein letztes Gebet her. Soviel ich weiß, wird niemand besondere Nachforschung deinethalben anstellen, wenn dir der Garaus gemacht ist; 's ist also bloß zu deinem Besten, daß ich mir so viel Mühe gebe, dir ä Licht aufzustecken. Hast's gehört?»

Jetzt nahm Nancy das Wort und sagte sehr nachdrücklich und Oliver etwas finster anblickend, wie um ihn aufzufordern, ihr so aufmerksam als möglich zuzuhören: «Das Lange und Kurze von dem, was du sagen willst, ist dies, Bill: Wenn er dich stört bei dem, was du vorhast, so wirst du ihm, damit er nichts ausschwatzen kann, eine Kugel durch den Kopf schießen und die Gefahr auf dich nehmen, dafür zu baumeln, wie du diese Gefahr wegen sehr vieler anderer Dinge auf dich nimmst, die du im Geschäft jede Woche deines Lebens tust.»

«Ganz recht!» bemerkte Sikes wohlgefällig. «Die Weibsen verstehen sich drauf, alles mit den wenigsten Worten zu sagen, ausgenommen, wenn sie zanken und schimpfen, wo sie's desto länger machen und die Worte nicht sparen. Jetzo aber, nun er Bescheid weiß, schaff was zum Abendessen, und dann wollen wir noch ä bissel dormenAC, eh' wir losgehen.»

Nancy gehorchte, deckte den Tisch und verschwand auf ein paar Minuten; dann kehrte sie mit einem Krug Porter und einer Schüssel Hammelfleisch zurück, die sie auf den Tisch stellte. Sikes aß und trank tüchtig und warf sich auf das Bett, nachdem er Nancy geboten, ihn Punkt fünf Uhr zu wecken, und Oliver, sich auf die Matratze neben seinem Bette zu legen. Nancy schürte das Feuer und setzte sich an den Kamin, um die bestimmte Zeit nicht zu verfehlen.

Oliver wachte noch lange und meinte, daß Nancy ihm vielleicht noch ein paar Worte zuflüstern würde; allein sie regte sich nicht, und er schlief endlich ein.

Als er erwachte, stand Teegeschirr auf dem Tische; Sikes steckte verschiedene Sachen in die Taschen seines über einer Stuhllehne hängenden Überrocks, und Nancy war beschäftigt, das Frühstück zu bereiten. Der Tag war noch nicht angebrochen, und das Licht brannte noch; der Regen schlug gegen die Fenster, und der Himmel sah schwarz und wolkig aus.

Sikes trieb Oliver zur Eile an, der hastig sein Frühstück einnahm, worauf ihm Nancy ein Halstuch umband; Sikes hing ihm einen großen, groben Mantel über die Schultern, faßte ihn bei der Hand, zeigte ihm den Kolben der Pistole und ging mit ihm fort, nachdem er sich von Nancy verabschiedet hatte.

Oliver drehte sich an der Tür um, in der Hoffnung, einen Blick von Nancy zu erhalten, die sich jedoch schon wieder an den Kamin gesetzt hatte und regungslos in das Feuer schaute.


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