21. Kapitel.

Der Aufbruch.

Es war ein unfreundlicher Morgen, als sie auf die Straße hinaustraten. Es ging ein scharfer Wind, und es regnete stark. Auf der Straße standen große Pfützen, und die Rinnsteine waren überfüllt. Am Himmel zeigte sich ein schwacher Schimmer des kommenden Tages, der aber das Düstere der Szene eher verstärkte als verminderte, da das trübe Licht nur dazu diente, das der Straßenlaternen zu dämpfen, ohne einen wärmeren oder lichteren Farbenton in das Grau der nassen Dächer und schmutzigen Straßen zu bringen. Es schien noch niemand in diesem Stadtviertel aufgestanden zu sein; die Fensterläden der Häuser waren noch fest verschlossen, und niemand ließ sich auf den öden, schmutzigen Straßen blicken.

Der Tag brach erst an, als sie sich Bethnal Green näherten. Viele Laternen waren schon gelöscht; dann und wann fuhr ein Marktwagen langsam daher, oder es rollte eine Postkutsche vorüber. Die Schenken standen schon offen und waren hell erleuchtet. Allmählich begannen sich auch einige Läden zu öffnen. Hier kamen Gruppen von Arbeitern, die zur Werkstatt oder Fabrik gingen, dort Männer und Frauen mit Fischkörben auf dem Kopfe, mit Gemüse beladene Eselkarren, Fleischerwagen mit geschlachtetem Vieh, Milchfrauen mit ihren Kannen – ein ununterbrochener Menschenstrom, der zu Fuß oder zu Wagen in die östlichen Vorstädte hineinflutete. Als sie sich der City näherten, wurde der Lärm und der Verkehr immer stärker; als sie die Straßen zwischen Shoreditch und Smithfield durchschritten, war er zu einem sinnbetäubenden Gewühl angeschwollen. In Shoreditch und Smithfield war lautes Getümmel und Gedränge. Es war Markttag. Oliver war vor Erstaunen außer sich. Er meinte, ganz London wäre aus einer ganz besonderen Veranlassung in Bewegung. Welch eine Geschäftigkeit, welch ein Gewühl, Rufen, Lärmen, Zanken und Streiten – jeden Augenblick neue Gegenstände, neue Gesichter und Menschenknäuel.

Sikes zog seinen Begleiter rastlos fort, beachtete kaum, was Oliver die Sinne verwirrte, nickte nur dann und wann einem begegnenden Bekannten einen Gruß zu und lenkte nach Holborn ein. Er trieb zur Eile an, Oliver vermochte, fast atemlos, kaum Schritt mit ihm zu halten und wurde so rasch fortgerissen, daß es ihm fast war, als wenn er über die Erde dahinschwebte. Auf der Straße nach Kensington hielt Sikes einen leeren Karren an und forderte den Eigentümer auf, ihn selbst und seinen Knaben bis Isleworth mitzunehmen. Er war mit dem Kärrner bald einig und hob Oliver in den Karren, wobei er nicht vergaß, bedeutsam auf seine Rocktasche zu schlagen.

Nachdem sie durch Kensington, Hammersmith, Chiswick, Kew Bridge und Brentford gefahren waren, ließ Sikes halten, stieg mit Oliver aus, wartete, bis der Fuhrmann vollständig aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, und setzte dann mit Oliver seine Wanderung fort. Sie wandten sich erst nach links, dann nach rechts und kamen an vielen großen Gärten und schönen Villen vorüber, kehrten aber die ganze Zeit über nur einmal ein, um einen Schluck Bier zu trinken. Endlich erreichten sie eine Stadt, und Oliver sah an der Wand eines Hauses mit großen Buchstaben den Namen «Hampton» geschrieben. Sie warteten einige Stunden zwischen den Feldern und wandten sich dann nach der Stadt zurück; Sikes kehrte in einem alten, verfallenen Wirtshause mit einem verblichenen Schilde ein und bestellte ein Mittagessen beim Küchenfeuer.

Die Küche war ein alter, niedriger Raum mit einem großen Balken quer über die Decke und hochlehnigen Bänken in der Nähe des Feuers, auf denen mehrere rauh aussehende Männer rauchend und trinkend saßen. Sie beachteten Oliver gar nicht und Sikes sehr wenig, und da letzterer ebenfalls wenig Notiz von ihnen nahm, so saß er mit seinem kleinen Gefährten ganz allein in einer Ecke, ohne sich durch ihre Anwesenheit im geringsten stören zu lassen.

Sie aßen etwas kaltes Fleisch und blieben so lange sitzen, während Sikes sich den Genuß von drei bis vier Pfeifen gönnte, daß Oliver ganz sicher glaubte, sie würden heute nicht weitergehen. Da er von der weiten Wanderung ermüdet und so früh aufgestanden war, so wurde er schläfrig und versank endlich, überwältigt von den Strapazen und dem Tabakrauch, in tiefen Schlummer.

Es war schon ganz dunkel, als er durch einen Rippenstoß, den ihm Sikes versetzt hatte, geweckt wurde. Als er sich genügend ermuntert hatte, um aufrecht sitzen und sich umschauen zu können, sah er seinen würdigen Begleiter mit einem Fuhrmann, der ziemlich betrunken zu sein schien und nach Shepperton wollte, bei einem Glase Ale zusammensitzen und hörte, wie er ihn fragte, ob er ihn und den Knaben mitnehmen wolle. Der Fuhrmann willigte ein, und als es Zeit zum Abfahren war, hob Sikes Oliver in den Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte und in scharfem Trabe aus der Stadt rasselte.

Der Abend war sehr dunkel. Ein dichter Nebel stieg von dem Flusse und dem moorigen Boden ringsherum auf und breitete sich über die nassen Felder aus. Dazu war es schneidend kalt; alles war düster und schwarz. Kein Wort wurde gesprochen; denn der Fuhrmann war schläfrig geworden, und Sikes befand sich nicht in der Stimmung, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Oliver saß zusammengekauert in einer Ecke des offenen Wagens, von Unruhe und Angst gepeinigt, und die riesigen Bäume, die wie in wilder Freude über die Trostlosigkeit der Gegend ihre Zweige heftig hin und her bewegten, kamen ihm wie gespenstische Wesen vor.

Als sie an der Kirche in Sunbury vorüberfuhren, schlug es sieben Uhr. Sie mochten noch zwei oder drei Meilen gefahren sein, als Sikes abstieg und, Oliver bei der Hand fassend, weiterging. Er kehrte, was der müde Knabe erwartet hatte, in Shepperton nicht ein, sondern ging durch den Schlamm, die Finsternis und düstere Gassen und über öde, offene Plätze weiter, bis sich die Lichter einer Stadt in geringer Entfernung zeigten. Sie gelangten an eine Brücke, und Sikes lenkte in einen Uferweg ein. Oliver erschrak heftig; er glaubte, daß Sikes ihn an diesen einsamen Ort gebracht hätte, um ihn zu ermorden. Er wollte sich schon niederwerfen, um verzweifelt für sein junges Leben zu kämpfen, als sie vor einem einzelnen, verfallenen Hause standen. Licht war darin nicht sichtbar; es schien unbewohnt zu sein. Sikes trat leise an die Tür, legte die Hand auf den Griff, und beide standen auf dem dunklen Hausflur.

Der Einbruch.

«Wer da?» rief eine laute heisere Stimme.

«Mach keinen solchen HamoreAD», sagte Sikes, während er die Tür verriegelte. «Ä ChandelAE, Toby!»

«Aha, mein guter Chawwer», erwiderte dieselbe Stimme; «ä Chandel, Barney, ä Chandel! Führ den Herrn 'nein, Barney; wach aber erst auf, wenn dir's recht ist.»

Man hörte, daß irgend etwas Gewichtiges nach jemand geworfen wurde und sodann auf die Erde fiel.

«Hörst nicht?» rief dieselbe Stimme. «Da steht Bill Sikes draußen im Dunkeln, und du dormst, als wenn du 'nen Schlaftrunk g'soffen hätt'st und nichts Stärkeres. Wirst du jetzt munter, oder soll ich dich mit'm eisernen Leuchter wecken?»

Endlich schlürfte der Kellner im Hotel von Saffron Hill mit Licht heran und begrüßte Sikes mit wirklicher oder erkünstelter Freude. Sikes stieß Oliver voran in ein niedriges, düsteres Gemach mit einigen gebrechlichen Stühlen, einem Tische und einem sehr schlechten Bette, auf welchem ein Mann ausgestreckt und aus einer langen Tonpfeife rauchend lag. Er trug einen dunkelbraunen Rock mit großen Metallknöpfen, ein orangefarbenes Halstuch, eine buntfarbige Weste und hellbraune Beinkleider. Mr. Crackit (denn er war es) hatte dünnes, rötliches, in Locken gedrehtes Haar, durch das er von Zeit zu Zeit mit schmutzigen, beringten Fingern hindurchfuhr. Er war etwas über Mittelgröße, und seine Beine schienen ziemlich dünn zu sein, wodurch indes keineswegs die Bewunderung und Zufriedenheit vermindert wurde, womit er oft genug seine hohen Stiefel beäugelte. «Bill, geliebter Freund,» rief er Sikes entgegen, «ich freue mich, dich zu sehen. Fürchtete fast schon, daß du's aufgegeben hätt'st, in welchem Fall ich's auf meine eigene Faust versucht haben würde. Was der Teufel!» setzte er, als er Oliver erblickte, erstaunt hinzu, richtete sich zum Sitzen empor und fragte, wer der Knabe wäre.

«Nun, 's ist eben der Knabe», erwiderte Sikes und setzte sich an den Kamin.

«Einer von Fagin seinen», bemerkte Barney grinsend.

«Von Fagin, so?» rief Toby, nach Oliver hinblickend, aus. «Was für'n prachtvoller Junge er werden wird für die Taschen der alten Damen in Kirchen und Kapellen! Sein PonumAFist so gut wie 'n Kap'tal für ihn.»

«So schweig doch still – 's ist schon mehr als zuviel Schwätzens davon», unterbrach ihn Sikes ungeduldig und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Toby Crackit lachte ausgelassen und starrte Oliver lange verwundert an.

«Gebt uns zu essen und zu trinken – es wird uns Courage machen – mir wenigstens», sagte Sikes. «Setz dich ans Feuer, Bursch, und ruh dich aus, du gehst noch mit uns aus heute nacht, wenn auch eben nicht weit.»

Oliver sah ihn in stummer und furchtsamer Verwunderung an, setzte sich ans Feuer und stützte, kaum wissend, was um ihn her und mit ihm vorging, den schmerzenden Kopf auf die Hände. Der jüdische Jüngling trug Speisen und Getränk auf, und Toby und Sikes tranken auf ein glückliches Schränken. Toby füllte ein Glas, reichte es Oliver und forderte ihn auf, es auszutrinken. Der Knabe versicherte, nicht trinken zu können, und bat mit jammervollen Mienen, ihn damit zu verschonen. Toby ließ sich jedoch nicht abweisen.

«Hinunter damit!» rief er. «Meinst du, ich wüßte nicht, was dir gut ist? Bill, sag's ihm, daß er trinkt!»

«Soll ich dich lehren, gehorsam zu sein?» sagte Sikes, die Hand in die Tasche steckend. «Gott verdamm' mich, wenn mir der Bube nicht mehr Beschwerde macht, als ein ganz Dutzend Baldowerer. Trink aus, Galgenstrick, oder –!»

Erschreckt durch die drohenden Gebärden der beiden Männer, stürzte Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde sofort von einem heftigen Husten befallen, worüber Toby und Barney in ein lautes Gelächter ausbrachen und sogar der grämliche Sikes den Mund verzog.

Nachdem Sikes seinen Hunger gestillt hatte (Oliver konnte außer einer Rinde Brot, die er zu essen gezwungen wurde, nichts zu sich nehmen), legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver blieb auf seinem Stuhle am Feuer sitzen, und Barney streckte sich, in eine Decke gehüllt, dicht neben dem Kamine aus.

Sie schliefen oder schienen zu schlafen, denn es regte sich niemand außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen in das Feuer zu werfen. Oliver verfiel in einen dumpfen Schlummer, der von schweren, ängstlichen Träumen beunruhigt wurde, bis Toby aufsprang und erklärte, es sei halb zwei Uhr. Im nächsten Augenblicke waren die beiden anderen auf den Beinen, und alle drei waren eifrig dabei, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die beiden Schränker zogen sogleich ihre Überröcke an und verhüllten sich mit Tüchern bis über den Mund. Barney füllte eiligst ihre Taschen mit mehreren Gegenständen an, die er aus einem Schranke holte.

«Barney, meine LuppertsAG», sagte Toby Crackit.

«Da sind sie. Ihr habt sie selbst geladen.»

«Ja, ja. Die WurmerAH.»

«Die hab' ich», fiel Sikes ein.

«ChlamonesAI, Drehbarsel, HänenehresAJ, nichts vergessen?» fragte Toby, ein kleines Brecheisen einsteckend.

«Alles da», antwortete Sikes. «Barney, die grandige Makel. Es ist höchste Zeit.»

Barney reichte ihm und Toby große Knotenstöcke und legte Oliver den Mantel um.

«Jetzt also», sagte Sikes, seine Hand ausstreckend.

Oliver, der durch die ungewohnte Anstrengung, die schlechte Luft und das ihm aufgezwungene Getränk völlig betäubt war, legte seine Hand mechanisch in die Sikes'.

«Nimm seine andere Hand, Toby», sagte Sikes. «Schau nach, Barney, ob alles sicher ist.»

Der Kellner ging vor die Tür und kehrte mit der Meldung zurück, daß alles still sei. Die beiden Schränker eilten hinaus und zogen Oliver mit sich fort.

Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort, dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er wankte und fiel auf die Knie nieder.

«Steh auf!» flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der Tasche; «steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!»

«Oh, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!» rief Oliver; «lassen Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder nach London kommen – nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!»

Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn fort nach dem Hause.

«Pst!» flüsterte er; «das ist hier nichts. Ist's nicht anders und soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf, was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.»

Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.

«Jetzt hör' und merk, du kleiner Teufelsbraten!» flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das Gesicht. «Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne, geh leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. – Ist die Waschhaustür offen, Toby?»

Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: «Sie steht weit offen, und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat, im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! Wie hübsch ihn Barney gestern abend weggelockt hat!»

So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen. Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter das Fenster, die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus hinein.

«Nimm die Leuchte», flüsterte er ihm zu. «Siehst du die Stufen da vor dir?»

Oliver keuchte, mehr tot als lebendig, ein mattes «Ja». Sikes wies mit der Pistole nach der Haustür hin und erinnerte ihn, daß er ihn bis zur Haustür fortwährend in Schußweite hätte und ihn niederschießen würde, wenn er sich verweilte oder auch nur einen Schritt zur Seite ginge.

«'s ist in 'ner Minute geschehen», flüsterte er Oliver zu. «Sobald ich dich loslasse, tu, was dir geheißen ist. Pst!»

«Was ist denn?» fragte Toby.

Sie horchten.

«Nichts», sagte Sikes und ließ Oliver los. «Jetzt vorwärts!»

Der Knabe hatte sich indes wieder einigermaßen gesammelt und den raschen und festen Entschluß gefaßt, wenn es auch sein Tod wäre, den Versuch zu machen, auf dem Hausflur zur Seite zu springen und Lärm zu machen. Von diesem Gedanken erfüllt, ging er bebend vorwärts.

«Komm zurück!» schrie Sikes plötzlich laut; «zurück, zurück!»

Erschreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Totenstille und ein lautes Geschrei, ließ Oliver die Laterne fallen und stand still, ohne zu wissen, ob er vorwärts gehen oder entfliehen sollte. Das Geschrei wiederholte sich, es zeigte sich ein Licht – es war ihm, als sähe er bestürzte, halb angekleidete Männer an der Tür – es schwamm ihm vor den Augen – ein Gewehr blitzte auf – ein Donner traf sein Ohr – er taumelte zurück. Sikes faßte ihn sogleich beim Kragen, feuerte nach den zurückweichenden Männern und zog ihn durch das Fenster.

«Drück den Arm dichter an den Leib», flüsterte er, während er ihn durchzog. «Toby, ein Tuch! Sie haben ihn getroffen. Geschwind! Höll' und Teufel, wie der Bursch blutet!»

Oliver war sich dunkel bewußt, daß der Lärm im Hause immer mehr zunahm und daß er rasch fortgetragen wurde. Das Geräusch verlor sich in der Ferne, die Sinne entschwanden ihm gänzlich, es war ihm, als wenn eine kalte Hand sein Herz umfaßte, es schlug, und er sah und hörte nichts mehr.

Welches das Wesentliche einer anmutigen Unterredung zwischen Mr. Bumble und einer Dame enthält und zugleich dartut, daß sogar ein Kirchspieldiener in einigen Punkten empfänglich sein kann.

Der Abend war bitter kalt, und ein heftiger, schneidender Wind trieb dichte Schneewirbel durch die Luft. Es war ein Abend für die Wohlbehäbigen, beim lustigen, prasselnden Feuer Gott zu danken, daß sie daheim waren, und für die heimatlosen Elenden und Hungrigen, sich niederzulegen und zu sterben. Ach! viele solcher Auswürflinge der Gesellschaft schließen zu solchen Stunden die Augen auf unseren öden, verlassenen Straßen, und sie können dieselben, was auch ihr Verbrechen gewesen sein mag, kaum in einer schlimmeren Welt wieder öffnen.

So sah es draußen aus, als Mrs. Corney, die Vorsteherin des Armenhauses, in welchem Oliver Twist das Licht der Welt erblickt hatte, sich in ihrem kleinen Zimmer an ihren behaglichen Kamin setzte und wohlgefällig ihren kleinen runden Teetisch überblickte, und als sie gar von dem Tische nach der Feuerstelle hinsah, wo der denkbar kleinste aller Kessel ein leises Lied mit leiser Stimme sang, wuchs augenscheinlich ihre innere Befriedigung, und zwar in einem solchen Grade, daß Mrs. Corney lächelte.

«Ja,» sagte sie, indem sie ihren Arm auf den Tisch stützte und sinnend ins Feuer blickte, «ich bin überzeugt, wir haben alle volle Ursache, dankbar zu sein. Volle Ursache, wenn wir es nur anerkennen wollten.»

Sie schüttelte betrübt den Kopf, als wenn sie die geistige Blindheit der Armen beklagte, die es nicht erkannten, und fing an, ihren Tee zu bereiten, indem sie mit ihrem silbernen Löffel (Privateigentum!) tief in eine zinnerne Teebüchse fuhr.

Wie geringe Dinge das Gleichgewicht unserer schwachen Gemüter stören können! Der schwarze Teetopf war sehr klein und leicht gefüllt, das Wasser lief über und verbrannte ein wenig ihre Hand.

«Oh, über den verwünschten Topf!» sagte sie, ihn hastig aus der Hand setzend. «Das kleine dumme Ding hält nur ein paar Tassen. Wem ist er nütze – ausgenommen einer armen, einsamen, verlassenen Frau, wie ich es bin! Ach, ach!»

Bei diesen Worten sank die würdige Dame auf ihren Stuhl und dachte, abermals den Arm auf den Tisch gestützt, über ihr Geschick nach. Der kleine Topf und die einzelne Tasse hatten traurige Erinnerungen an Mr. Corney (der noch nicht länger als fünfundzwanzig Jahre tot war) erweckt. Sie war davon ganz überwältigt.

«Ich bekomme niemals einen anderen,» sagte sie kummervoll und mißmutig; «bekomme niemals einen anderen – wie ihn!»

Wir können nicht entscheiden, ob sich dieser Stoßseufzer auf ihren Seligen oder den Teetopf bezog, auf welchen zum wenigsten ihre Blicke gerichtet waren, und der also auch gemeint sein konnte. Sie hatte kaum die erste Tasse gekostet, als leise geklopft wurde.

«Herein!» rief Mrs. Corney ärgerlich. «Sicher will eins der alten Weiber sterben. Sie sterben immer, wenn ich bei Tisch sitze oder meine Tasse Tee trinke. Bleiben Sie nicht da draußen stehen; Sie lassen sonst die kalte Zugluft herein. Was ist denn schon wieder los?»

«Nichts, Ma'am, nichts», antwortete eine Männerstimme.

«Himmel! sind Sie es wirklich, Mr. Bumble?» rief die Dame jetzt weit freundlicher aus.

«Zu Diensten, Ma'am», erwiderte Bumble, der draußen stehengeblieben war, um seine Schuhe zu reinigen und den Schnee von seinem Hute zu schütteln, und der jetzt eintrat, in der einen Hand seinen dreieckigen Hut und in der anderen ein Bündel. «Darf ich die Tür schließen, Ma'am?»

Mrs. Corney zögerte verschämt, zu antworten, weil es als eine Ungeschicklichkeit angesehen werden konnte, wenn sie mit Mr. Bumble bei geschlossener Tür eine Unterredung unter vier Augen hätte, und Bumble benutzte die Zögerung, um die Tür ohne erhaltene Erlaubnis zu schließen.

«Schlechtes Wetter, Mr. Bumble», bemerkte die Matrone.

«Ja, ja, Ma'am,» sagte Bumble, «schlechte Witterung für das Kirchspiel. Wir haben heute nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käse weggegeben, und das Armenpack ist doch nicht zufrieden. Da ist ein Mann, der in Anbetracht seiner Frau und einer zahlreichen Familie ein großes Brot und ein ganzes Pfund Käse erhielt, und bedankte er sich, bedankte er sich wohl? Prosit die Mahlzeit! Er bettelte obendrein um Kohlen, und wenn's auch nur ein Taschentuch voll wäre, sagte er. Und was wollte er mit den Kohlen? Seine Käse darüber rösten und dann wiederkommen und um noch mehr betteln! So machen sie's, Ma'am – so machen sie's alle. Geben Sie ihnen eine Schürze voll Kohlen, und sie werden übermorgen wiederkommen und eine neue haben wollen – die Frechdachse! Vorgestern kam ein Mann, der kaum einen Fetzen auf seinem Leibe hatte (hier schlug Mrs. Corney verschämt die Augen nieder) – Sie sind verheiratet gewesen, Ma'am, und so kann ich's wohl sagen – in des Direktors Haus, als der Herr gerade eine Mittagsgesellschaft hatte, und bat um Unterstützung. Da er nicht fortgehen wollte und die Gesellschaft belästigte, ließ ihm der Direktor ein Pfund Kartoffeln und ein Maß Hafermehl reichen. ‚Mein Gott,‘ sagte der undankbare Bösewicht, ‚was soll ich damit? Sie könnten mir ebensogut 'ne eiserne Brille geben.‘ – ‚Sehr wohl,‘ erwiderte ihm der Direktor, die Spende wieder an sich nehmend. ‚Ihr werdet hier sonst nichts bekommen.‘ – ‚Dann sterb' ich auf der offenen Straße‘, sagte der Landstreicher. ‚Das werdet Ihr wohl bleiben lassen‘, sagte der Direktor. Der Bettler ging und starb auf der Straße. Was sagen Sie zu 'nem solchen Eigensinne, Mrs. Corney?»

«Es übersteigt alle Begriffe», versetzte die Dame. «Aber halten Sie als ein Mann von Erfahrung die Unterstützungen außerhalb des Armenhauses nicht für sehr nachteilig, Mr. Bumble?»

«Mrs. Corney,» erwiderte der Kirchspieldiener mit dem Lächeln bewußter Überlegenheit, «es ruht vielmehr in ihnen des Kirchspiels Schutz und Sicherheit. Ihr großes Prinzipium ist, den Armen just das zu geben, dessen sie nicht bedürfen; sie werden es dann überdrüssig, wiederzukommen. Deshalb, Mrs. Corney, ist in den impertinenten Zeitungen so oft die Rede davon, daß arme Kranke mit Käse unterstützt würden, was jetzt im ganzen Lande die Regel ist. Dies sind jedoch Dienstgeheimnisse, wovon zu reden jedermann verboten sein sollte, ausgenommen uns Kirchspielbeamten. Mrs. Corney,» fügte Bumble, sein Bündel öffnend, hinzu, «dies ist echter Portwein von bester Qualität, den das Kollegium für die Kranken abzuziehen befohlen hat.»

Er stellte die beiden mitgebrachten Flaschen auf die Kommode, steckte sein Tuch bedächtig in die Tasche und schickte sich zum Fortgehen an. Die mitleidige Dame bemerkte, es wäre recht kaltes Wetter, und fragte ihn schüchtern, ob ihm nicht beliebe, ein Schälchen Tee anzunehmen. Er legte sogleich den Hut wieder aus der Hand, nahm an dem kleinen, runden Tische Platz, lächelte und blickte Mrs. Corney so zärtlich an, daß sie verlegen wegsehen und den Teekessel anblicken mußte. Sie schenkte ihm ein, er breitete sein Taschentuch über die Knie und fing an zu trinken und zu essen, seinen Genuß von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer begleitend, was jedoch seinem Appetit keineswegs schadete, sondern denselben vielmehr zu stärken schien.

«Ich sehe, Ma'am,» sagte er nach ziemlich geraumer Zeit, «Sie haben eine Katze und auch kleine Kätzchen.»

«Sie glauben gar nicht, wie lieb ich sie habe, und wie vergnügt und lustig sie bei mir sind, Mr. Bumble.»

«Mrs. Corney, ich muß sagen: jede Katze, die bei Ihnen und täglich um Sie wäre und Sie nicht lieb hätte, müßte ein Esel sein.»

«Ah, Mr. Bumble!»

«Es ist die Wahrheit, und ich würde sie mit Vergnügen ersäufen.»

«Mr. Bumble, was Sie für ein hartherziger Mann sind!»

«Ein hartherziger Mann?» wiederholte Bumble mit einem zärtlichen Seufzer, ergriff und drückte Mrs. Corneys kleinen Finger, rückte ein wenig um den Tisch herum und rückte immer näher, bis sein Stuhl dicht neben dem Stuhle Mrs. Corneys stand, die nicht fortrücken konnte, weil sie sonst dem Kamin zu nahe gekommen sein würde, was zwischen den beiden Feuern die noch gefährlichere Nähe war. Rechts konnten ihre Kleider Feuer fangen, links nur ihr Herz; rechts konnte sie auf den Rost, links nur in Mr. Bumbles Arme fallen. Sie war eine kluge und umsichtige Frau, berechnete ohne Zweifel die möglichen Folgen, blieb ganz still sitzen und schenkte Mr. Bumble noch eine Tasse Tee ein.

«Ein hartherziger Mann, Mrs. Corney?» sagte Bumble, seinen Tee umrührend und ihr in das Angesicht schauend; «sind Sie eine hartherzige Frau?»

«Mein Gott! Was für eine Frage für einen unverheirateten Mann!» rief die Matrone aus. «Was wollen Sie damit sagen, Mr. Bumble?»

Bumble trank bis auf den letzten Tropfen aus, verspeiste eine geröstete Butterschnitte, entfernte die Krumen von seinen Knien, wischte sich die Lippen und küßte die Matrone bedächtig.

«Mr. Bumble!» rief die keusche Dame flüsternd; denn ihr Schrecken war so groß, daß ihr die Stimme fast versagte: «Mr. Bumble, ich werde schreien!»

Bumble sagte gar nichts, sondern legte langsam und mit Würde den Arm um ihren Leib. Da sie die Absicht, schreien zu wollen, bereits angekündigt hatte, so würde sie bei dieser neuen Keckheit natürlich geschrien haben; allein es wurde unnötig, indem hastig an die Tür geklopft wurde, worauf Bumble ebenso eilig aufsprang und mit großer Vehemenz die Portweinflaschen abzustäuben anfing. Mrs. Corney rief: «Herein!» Eine alte Frau steckte den Kopf in das Zimmer und verkündete, daß die alte Sarah im Sterben läge.

«Was geht es mich an!» entgegnete Mrs. Corney verdrießlich. «Kann ich sie am Leben erhalten?»

«Das kann freilich niemand, Ma'am; ihr ist nicht mehr zu helfen. Ich habe viel Kranke sterben sehen, kleine Kinder wie Männer in ihren besten Jahren, und weiß es auf ein Haar, wann der Tod im Anzuge ist. Jedoch ist sie unruhig in ihrem Geist und sagt, daß sie Ihnen noch etwas Notwendiges anzuvertrauen hätte. Sie könnte nicht ruhig sterben, eh' Sie nicht bei ihr gewesen wären, Ma'am.»

Die würdige Matrone murmelte eine beträchtliche Anzahl von Verwünschungen gegen die alten Frauen, die niemals sterben könnten, ohne absichtlich ihre Vorgesetzten zu belästigen, hüllte sich in einen wärmenden Mantel, bat Bumble, zu bleiben, bis sie wieder da wäre, und entfernte sich verdrießlich und keifend mit der an sie abgeschickten alten Frau.

Was Mr. Bumble tat, als er sich allein sah, war etwas unerklärlich. Er öffnete nämlich den Schrank, zählte die Teelöffel, wog die Zuckerzange, prüfte einen Milchgießer, ob er auch von echtem Silber wäre, setzte, nachdem er seine Wißbegier befriedigt, den dreieckigen Hut auf und fing an, sehr gravitätisch im Zimmer umherzutanzen, nahm darauf den Hut wieder ab, setzte sich an den Kamin, blickte umher und nahm offenbar im Geist ein Inventar über die im Zimmer befindlichen Mobilien auf.

Welches sehr kurz ist, aber doch für wichtig befunden werden könnte.

Die Alte, welche die Ruhe des Zimmers Mrs. Corneys gestört hatte, war keine unpassende Todesbotin. Die Jahre hatten ihren Leib gekrümmt, alle ihre Glieder zitterten, denn sie war vom Schlage gerührt worden, und ihr runzliges, entstelltes Antlitz glich mehr einer grotesk-phantastischen Zeichnung als einem Werke aus den Händen der Natur.

Ach! wie wenige alte Gesichter gibt es, die uns durch ihre Schönheit erfreuen! Angst, Sorgen und Kümmernisse der Welt verwandeln das menschliche Antlitz, wie sie die Herzen umwandeln, und erst wenn jene schlummern und für immer vorüber sind, schwinden die unruhig bewegten Wolken und verhüllen und verdunkeln den hellen Himmel nicht mehr. Es ist sehr häufig bei den Gesichtern der Toten der Fall, daß sie selbst in ihrer Erstarrung den längst vergessenen Ausdruck schlummernder Kinder wieder annehmen und die Züge der Kinderjahre wieder bekommen, so ruhig und friedlich wieder werden, daß diejenigen, die sie in ihrer Kindheit gekannt, mit Ehrfurchtsschauern an ihren Särgen niederknien und den Engel schon auf Erden schauen.

Die Alte humpelte ihrer keifenden Vorgesetzten voran, blieb endlich keuchend stehen, um Atem zu schöpfen, und Mrs. Corney nahm ihr das Licht aus der Hand und ging allein in das Zimmer der Sterbenden, in welchem eine Lampe düster brannte. Am Krankenbette saß eine andere alte Frau, und am Kamine stand der Lehrling des Apothekers und Doktors und schnitt einen Zahnstocher aus einem Federkiel.

«Ein kalter Abend, Mrs. Corney», bemerkte der junge Herr, als die Dame eintrat.

«Sehr kalt, in der Tat, Sir», erwiderte die Vorsteherin im höflichsten Tone.

«Sie sollten bessere Kohlen von Ihren Lieferanten verlangen», sagte der Apothekerlehrling; «diese hier taugen absolut nichts für ein so kaltes Wetter.»

«Das ist Sache des Kollegiums, Sir», erwiderte die Dame.

Hier wurde das Gespräch durch das Stöhnen der Kranken unterbrochen.

«Oh,» sagte der junge Mann, indem er sein Gesicht dem Bette zugewandt, «mit der ist's vorbei.»

«Wirklich?» fragte die Matrone.

«Ich würde mich darüber wundern, wenn sie noch eine Stunde lebte. Heda, schläft sie, Alte?»

Die Wärterin nickte. Der Lehrling machte Gebrauch von seinem Zahnstocher, während sich Mrs. Corney stumm an das Bett setzte, und schlich nach einigen Minuten auf den Zehen hinaus. Gleich darauf erschien auch die Wärterin wieder, die Mrs. Corney gerufen hatte, winkte der anderen, und beide setzten sich an den Kamin und fingen leise miteinander zu sprechen an.

«Hat sie noch mehr gesagt, Anny, wie ich fort war?»

«Kein Sterbenswörtchen.»

«Hat sie den gewärmten Wein getrunken, den ihr der Doktor verordnete?»

«Sie konnte keinen Tropfen hinunterbringen; ich trank ihn daher selbst aus, und er hat mir sehr gut geschmeckt.»

«Ich weiß die Zeit noch sehr wohl, da sie's ebenso gemacht und hinterher weidlich darüber gelacht hat.»

«Freilich; sie war 'ne lustige alte Seele, hat manch liebe Leiche angekleidet und so hübsch ausstaffiert wie 'ne Wachspuppe. Ich hab' ihr mehr als hundertmal dabei geholfen.»

Mrs. Corney hatte ungeduldig auf das Erwachen der Schlummernden gewartet, stand auf, trat zu den beiden alten Megären und fragte ärgerlich, wie lange sie denn eigentlich warten sollte.

«Nicht lange mehr, Mistreß. Wir brauchen nicht lange auf den Tod zu warten. Geduld, Geduld! er wird uns allen bald genug kommen.»

«Halten Sie den Mund und sagen Sie mir, Martha, hat die Patientin früher auch schon so gelegen?»

«Oft genug.»

«Wird's aber nicht wieder tun», fiel die andere Wärterin ein; «ich meine, sie wird nur noch einmal wieder aufwachen, und wohl zu merken, Mrs. Corney, nur auf eine kurze Zeit.»

«Ob sie auf eine lange oder kurze Zeit erwacht, sie wird mich nicht hier finden. Ihr alle beide, belästigt mich nicht noch einmal um nichts und wieder nichts, sonst geht's euch schlecht. Ich habe durchaus nicht die Verpflichtung, alle alten Weiber im Hause sterben zu sehen, und was noch mehr sagen will, ich mag's und will's nicht. Merkt euch das, ihr unverschämten alten Schlumpen! Habt ihr mich noch einmal zur Närrin, so nehmt euch in acht, das sag' ich euch.»

Sie ging hinaus, als ein Schrei der beiden Wärterinnen, die wieder an das Bett getreten waren, sie zum Stillstehen brachte. Die Kranke hatte sich kerzengerade emporgerichtet und streckte die Arme nach ihnen aus. «Wer ist da?» rief sie mit hohler Stimme.

«Pst, pst! Legen Sie sich nieder», sagte eine der Wärterinnen.

«Ich lege mich lebendig nimmermehr, nimmermehr wieder nieder», rief die Patientin. «Ich will mit ihr sprechen. Kommen Sie, Mrs. Corney, daß ich Ihnen ins Ohr flüstern kann.»

Sie faßte die Vorsteherin beim Arme und drückte sie auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, nieder und war im Begriff, zu sprechen, als sie bemerkte, daß die beiden Wärterinnen so nahe wie möglich herangetreten waren, um zu horchen, und sagte mit matter Stimme: «Schicken Sie sie hinaus – geschwind, o geschwind!»

Mrs. Corney befahl ihnen, hinauszugehen, und die Sterbende fuhr fort: «Hören Sie mich nun an! In diesem selbigen Zimmer – diesem selbigen Bette lag einst eine hübsche, junge Frau. Sie ward mit blutenden Füßen, staub- und schmutzbedeckt ins Haus gebracht, wurde von einem Knaben entbunden und starb. Ich war ihre Wärterin. Ich will mich besinnen – in welchem Jahre war es doch?»

«Auf das Jahr kommt's nicht an», unterbrach Mrs. Corney ungeduldig. «Was haben Sie mir von ihr zu sagen?»

«Was ich von ihr zu sagen habe – oh, ich weiß es wohl», murmelte die Sterbende, richtete sich plötzlich mit gerötetem Gesicht und vorspringenden Augen wieder empor und schrie fast: «Ich bestahl sie! Sie war noch nicht kalt – noch nicht kalt – als ich's tat.»

«Sie bestahlen sie? – Um Gottes willen, was nahmen Sie ihr?»

«Es – das einzige, was sie hatte. Sie bedurfte Kleider, um sich vor der Kälte zu schützen, und Speise, um nicht Hungers zu sterben, hatte es aber trotzdem aufbewahrt, trug es im Busen; und es war von Gold, und sie hätte sich damit vom Tode erretten können.»

«Gold! – Weiter, weiter, Frau. Wer war die Mutter – wann starb sie?»

«Sie gab mir den Auftrag, es aufzubewahren, und vertraute mir als der einzigen Frau, die um sie war. Ich stahl es ihr schon in Gedanken, als sie's mir zeigte; und vielleicht bin ich auch am Tode des Kindes schuld! Man würde den Knaben besser behandelt haben, wenn man alles gewußt hätte.»

«Alles gewußt! – Sprechen Sie, sprechen Sie!»

«Der Knabe ward seiner Mutter so ähnlich, daß ich immer an sie denken mußte, wenn ich ihn sah. Ach, die Ärmste! – und sie war so jung – und so sanft und geduldig! Ich muß Ihnen aber noch mehr sagen – noch viel mehr; – hab' ich's Ihnen noch nicht alles gesagt?»

«Nein, nein, nein – nur schnell – oder es wird zu spät werden!»

«Als die Mutter ihren Tod herannahen fühlte, flüsterte sie mir ins Ohr, wenn das Kind am Leben bliebe, so würde der Tag erscheinen, wo es sich beim Nennen des Namens seiner Mutter nicht beschimpft achten, und Freunde finden –»

«Wie wurde das Kind getauft?»

«Oliver. Das Gold, das ich stahl – war –»

«Was, ums Himmels willen, was war es?»

Frau Corney beugte sich in höchster Spannung über die Sterbende, die noch ein paar unverständliche Worte murmelte und leblos auf das Kissen zurücksank. –

«Mausetot!» bemerkte eine der Wärterinnen, als Frau Corney die Tür wieder geöffnet hatte.

«Und hatte gar nichts zu erzählen», sagte Frau Corney und entfernte sich, als wenn nur etwas ganz Gewöhnliches vorgegangen wäre.

Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.

Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle – derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf das rostige Gitter.

An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen, wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen ihn «anzukommen» sei. Charley Bates lachte ausgelassen, und Fagin blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den Baldowerer zu gewinnen.

«Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,» fiel Charley ein, «und obendrein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne doppelte Brille aufsetzen.»

Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem Gleichmute an, und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis mit Kreide auf den Tisch.

«Du bist grausam langweilig, Tommy», sagte der Baldowerer nach einer Pause von mehreren Minuten. «Woran sollte er wohl denken, Fagin?»

«Wie kann ich's wissen?» antwortete der Jude. «Vielleicht an seinen Verlust oder seinen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, woher er gekommen ist erst soeben. Ha, ha, ha! Ist's das?»

«Falsch geraten», fuhr der Baldowerer fort. «Was meinst du, Charley?»

«Nun, ich meine,» erwiderte Master Bates grinsend, «daß er zuckersüß gegen Betsy war. Schau, wie rot er wird! 's ist zum Totlachen – Tommy verliebt! O Fagin, Fagin, welch ein Hauptspaß!»

«Laß ihn zufrieden», sagte der Jude, Dawkins einen Wink gebend und Bates einen mißbilligenden Stoß mit dem Blasebalg versetzend. «Betsy ist 'ne schmucke Dirne. Mach dich immerhin an sie, Tom; mach dich immerhin an sie 'ran!»

«Fagin,» nahm Chitling zornig das Wort, «das geht hier niemand was an.»

«O nein», erwiderte der Jude. «Laß Charley doch schwatzen und lachen; er läßt's einmal nicht. Betsy ist 'ne artige Dirne. Tu, was sie dir sagt, Tom, und du wirst machen dein Glück.»

«Ich tue, was sie mir sagt,» fuhr Tom fort, «und wäre nicht in die Tretmühle gesteckt worden, hätt' ich ihren Rat nicht befolgt. Ihr habt aber am Ende 'nen guten Rebbes dabei gemacht – nicht wahr, Fagin? Und was wollen sechs Wochen sagen? Es kommt doch einmal, früher oder später, und im Winter ist's just am besten, wenn einem nicht daran gelegen ist, so oft auszugehen – he, Fagin?»

«Sehr richtig, mein Lieber», versetzte der Jude.

«Es wird dir gewiß gleich viel ausmachen, Tom, noch einmal in die Mühle zu kommen,» fiel der Baldowerer, Fagin und Bates zublinzelnd, ein, «wenn nur alles mit Betsy in Richtigkeit wäre.»

«Ja, das würd's – seht!» erwiderte Tom noch erzürnter, «und ich möchte doch wissen, wer mir's nachtäte, Fagin?»

«Das fällt ein keiner Seele», antwortete Fagin. «Ich weiß keinen außer dir, der's würde tun.»

«Ich hätte ganz davonkommen können, hätt' ich mosern wollen – he, Fagin?» fuhr der halb blödsinnige Bursche, immer zorniger werdend, fort. «Ich hätte nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, nicht wahr, Fagin? Ich schwatzte aber nicht – und was ist denn nun dabei zu lachen?»

Fagin eilte, ihm zu versichern, daß niemand lache, nicht einmal Charley Bates, der jedoch, als er den Mund öffnete, um auch seinerseits zu erklären, daß alle ohne Ausnahme äußerst ernsthaft gestimmt wären, in ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Tom Chitling sprang wütend auf, um dem Frechen einen Schlag zu versetzen, allein Charley bückte sich gewandt, und der Schlag traf den munteren alten Herrn dermaßen vor die Brust, daß derselbe gegen die Wand taumelte, und daß ihm der Atem verging.

«Still! ich hab' den Bimbam g'hört», rief der Baldowerer in diesem Augenblick, nahm das Licht vom Tische, schlich leise die Treppe hinauf, kehrte nach einer halben Minute zurück und flüsterte Fagin etwas in das Ohr.

«Wie?» rief der Jude. «Allein?»

Der Baldowerer nickte und gab Charley Bates einen freundschaftlichen Wink, er täte besser daran, seine Heiterkeit etwas zu zügeln. Dann blickte er wieder den Juden an und erwartete dessen Anweisungen.

Der alte Mann biß sich auf seine gelben Finger und sann einige Augenblicke nach. Sein Gesicht arbeitete währenddessen heftig, als sei er erschrocken und fürchte, das Schlimmste zu erfahren. Endlich erhob er den Kopf und fragte: «Wo ist er?»

Der Baldowerer deutete nach oben und machte Miene, das Zimmer zu verlassen.

«Ja,» sagte der Jude als Antwort auf diese stumme Frage, «bring ihn herunter. Pst, still, Charley und Tom, still, still!»

Die Angeredeten gehorchten sofort. Sie gaben keinen Laut von sich, als der Baldowerer, das Licht in der Hand, die Treppe herabkam und ihm dicht auf den Fersen ein Mann folgte, der, nachdem er sich hastig im Zimmer umgeblickt hatte, ein großes Tuch abwarf, das bisher den unteren Teil seines Gesichts verdeckte, so daß die hageren, ungewaschenen und unrasierten Züge des blonden Toby zum Vorschein kamen. Er begrüßte Fagin, der ihn ängstlich fragend ansah, und erklärte sogleich, von Geschäften nicht eher reden zu können, als bis er gegessen und getrunken hätte. Der Jude befahl Dawkins, aufzutragen, was vorhanden wäre; es geschah, und Toby machte sich begierig darüber her, ohne die mindeste Neigung zu zeigen, das Gespräch zu beginnen und der Ungeduld und Herzensangst des Juden ein Ende zu machen, der auf und ab laufend mit seinen Blicken jeden Bissen zählte und verwünschte, den Toby zum Munde führte. Toby lächelte, während er speiste, selbstgefällig und schmunzelnd wie immer, und der Jude hätte vor Ingrimm vergehen mögen. Endlich hub er an: «Vor allen Dingen, Fagin –»

«Ja, ja doch – vor allen Dingen –»

«Vor allen Dingen, Fagin, wie steht's mit Bill?»

«Wie – mit Bill!» kreischte der Jude, vom Stuhle aufspringend, denn er hatte sich hörbegierig dicht neben Toby gesetzt.

«Zum Geier – Ihr wollt doch nicht sagen –» fuhr Crackit erblassend fort.

«Was soll ich nicht wollen sagen?» schrie der Jude, wütend mit den Füßen stampfend. «Wo sind sie? – Sikes und der Knabe – wo sind sie? – wo sind sie geblieben? – wo sind sie versteckt? – warum sind sie nicht hier?»

«Der Einbruch mißglückte», erwiderte Toby mit unsicherer Stimme.

«Ich weiß es», sagte der Jude, ein Zeitungsblatt aus der Tasche nehmend und es Toby vorhaltend. «Was weiter?»

«Es wurde geschossen und der Knabe getroffen. Wir machten uns mit ihm davon – rannten und setzten über Hecken und Gräben, als wenn der Teufel selbst hinter uns wäre. Wir wurden verfolgt – Gott verdamm' mich, die ganze Umgegend war lebendig, und wir hatten die Hunde auf den Fersen.»

«Aber der Knabe, der Knabe!» keuchte Fagin.

«Bill trug ihn auf dem Rücken; wir hielten an mit Laufen, um ihn zwischen uns zu nehmen; er ließ den Kopf hängen und war steif und kalt. Sie waren dicht hinter uns, und da galt's, jeder sich selbst der Nächste, wenn er nicht der erste am Galgen sein wollte. Wir rissen aus, der eine hier, der andere da hin, und ließen den Burschen in 'nem Graben liegen – ob tot oder lebendig, ich kann's nicht sagen. Das ist alles, was ich von ihm weiß.»

Der Jude stieß einen gellenden Schrei aus, fuhr mit den Händen in das Haar und stürzte aus dem Zimmer und zum Hause hinaus.

In welchem eine geheimnisvolle Person auftritt und viel von der Erzählung Untrennbares geschieht.

Der alte Mann hatte die Straßenecke erreicht, bevor er anfing, sich von dem Schrecken wieder zu erholen, den ihm Tobys Mitteilungen eingejagt hatten. Er eilte soviel wie möglich durch Nebenstraßen und Gassen, fast sinnlos immer vorwärts, so daß er beinahe von einem Mietswagen überfahren worden wäre, und langte endlich auf Snow-Hill an, wo er seine Schritte noch beschleunigte, bis er in eine lange und enge Gasse eingebogen war. Jetzt schien er sich auf seinem Terrain zu fühlen und freier zu atmen, denn er lief nicht mehr, sondern verfiel in seinen gewöhnlichen, halb trippelnden, halb schlürfenden Gang.

Nicht weit von der Stelle, wo Snow-Hill und Holborn-Hill zusammenstoßen, öffnet sich rechter Hand, wenn man aus der City kommt, eine nach Saffron-Hill führende enge und erbärmliche Straße – Field-Lane – mit zahllosen schmutzigen Läden, in welchen die Taschentücher feilgeboten werden, welche die Ladenbesitzer von den Taschendieben erhandelt haben. Die Straße hat ihren eigenen Barbier, ihr Kaffeehaus, ihre Bierstube und ihre Garküche. Sie bildet eine eigene Handelskolonie, ist der Stapelplatz für tausenderlei Artikel, die Industriefrüchte der kleineren Diebe, und wird am frühen Morgen und in der Abenddämmerung von schweigsamen Handelsleuten besucht, die in finsteren Hinterzimmern ihre Geschäfte abmachen und auf so absonderliche Art gehen, wie sie kommen.

In Field-Lane lenkte der Jude ein. Er war den Bewohnern sehr wohl bekannt, von denen einer nach dem andern dem Vorübergehenden vertraulich zunickte. Er erwiderte ihre Begrüßungen auf dieselbe Weise, hielt sich indes nirgends auf, bis er den Ausgang der Straße erreicht hatte, wo er einen Handelsmann von sehr kleiner Statur anredete, der in seinem Laden saß und behaglich seine Pfeife rauchte. Er fragte ihn, wie er sich befände.

«Vortrefflich! Aber in aller Welt, Mr. Fagin, wie, bekommt man Euch einmal wieder zu sehen?» erwiderte das Männchen.

«Die Nachbarschaft hier war zu heiß ein wenig, Lively!» sagte Fagin, die Augenbrauen emporziehend und die Hände über der Brust kreuzend.

«Hm! ich habe wohl schon ein paarmal darüber klagen hören; sie kühlt sich indes bald wieder ab – findet Ihr das nicht auch?»

Fagin nickte, wies nach Saffron-Hill und fragte, ob dort zu Abend jemand wäre.

«In den Krüppeln?» fragte der kleine Handelsmann.

Der Jude bejahte.

«Wartet mal», fuhr der Handelsmann nachsinnend fort. «Ja, es ist ein halbes Dutzend hineingegangen, soviel ich gesehen habe. Ich glaube aber nicht, daß Euer Freund dort ist.»

«Ist Sikes nicht da?» fragte Fagin mit der Miene getäuschter Erwartung.

«Nein», erwiderte der Kleine, mit einem unsagbar schlauen Ausdruck den Kopf schüttelnd. «Habt Ihr nichts zu handeln heute?»

«Heute nicht», erwiderte der Jude im Fortgehen.

«Geht Ihr in die Krüppel, Fagin?» rief ihm der kleine Handelsmann nach. «Ich will mitgehen und 'nen Tropfen mit Euch trinken.»

Fagin winkte ihm mit der Hand, ihm bedeutend, daß er allein zu bleiben wünsche, und die Krüppel wurden somit für dieses Mal der Ehre des Besuchs Mr. Livelys beraubt, zumal der kleine Mann nicht leicht von seinem Geschäft abkommen konnte. Während er sich erhoben hatte, war der Jude verschwunden, und nachdem Mr. Lively sich vergebens auf die Zehen gestellt hatte, um ihn nochmals zu Gesicht zu bekommen, mußte er sich notgedrungen wieder auf seinen Stuhl setzen und nahm nach einem bedenklichen und mißtrauischen Kopfschütteln seine Pfeife wieder zur Hand.

Die Krüppel waren das Gasthaus, in welchem Sikes und sein Hund bereits figuriert haben. Fagin gab einem Manne am Schenktische nur ein stummes Zeichen und ging geradeswegs die Treppe hinauf, öffnete eine Tür, trat sacht hinein und blickte ängstlich suchend und die Augen mit der Hand beschattend, umher.

Das Zimmer war durch zwei Gasflammen erleuchtet, man hatte aber die Fensterläden verschlossen und die Vorhänge dicht zugezogen. Die Decke war geschwärzt, damit ihre Farbe unter dem Qualm der Lampen nicht litte, und der ganze Raum dergestalt mit Tabaksrauch angefüllt, daß Fagin anfangs kaum einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte. Allmählich erkannte er jedoch die zahlreiche Gesellschaft, deren Anwesenheit ihm zuerst nur durch verworrenen Lärm kund geworden war. Oben an der Tafel saß mit einem Präsidentenhammer der Wirt, ein plumper, vierschrötiger Mann, der, als ein munteres Lied gesungen wurde, sich gänzlich der allgemeinen Heiterkeit hinzugeben schien, die Augen und Ohren aber – und zwar sehr scharfe Augen und Ohren – offen und überall hatte. Ihm gegenüber an einem verstimmten Fortepiano saß ein Musiker mit bläulicher Nase und Zahnschmerzen halber verbundener Wange. Die Sänger ließen sich ihre Gläser noch weit besser als die ihnen gespendeten Lobsprüche behagen, und die Gesichter ihrer Bewunderer drückten fast jedes Laster in jeglicher Abstufung aus und waren unwiderstehlich anziehend, weil grenzenlos abstoßend. Man sah überall die mannigfachsten und wahrhaftesten Bilder der Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit, und die – sämtlich noch mehr oder minder jugendlichen – Frauenzimmer trugen die abschreckendsten Spuren der Ausschweifung an sich, während in ihrem wüsten Aussehen keine Spur edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war, so daß sie die schwärzeste und betrübendste Schattenpartie des Gemäldes bildeten.

Fagin ließ sich jedoch durch Gedanken solcher Art nicht von fern beunruhigen. Seine Blicke schweiften gespannt von einem Gesicht zum andern, schienen aber vergebens zu suchen. Er winkte endlich unbemerkt dem vorsitzenden Wirte, und schlich so sacht wieder hinaus, wie er hineingeschlichen war.

«Was wünscht Ihr von mir, Mr. Fagin?» fragte der Wirt leise, sobald er beim Juden draußen an der Treppe stand. «Wollt Ihr Euch nicht zu uns setzen? Die ganze Gesellschaft würde sich sehr freuen.»

Der Jude schüttelte ungeduldig den Kopf und flüsterte: «Ist er hier?»

«Nein.»

«Keine Nachricht von Barney?»

«Nein. Er wird sich auch nicht rühren, bis alles sicher ist. Verlaßt Euch drauf, sie sind ihm auf der Spur, und wenn er sich blicken ließe, würde er die ganze Geschichte verraten. 's ist alles ganz richtig mit ihm: ich hätte sonst von ihm gehört. Laßt ihn nur zufrieden; ich stehe dafür, daß er sich mit großer Klugheit benimmt.»

«Wird er nicht kommen heut' abend?»

«Meint Ihr Monks?» lautete des Wirtes zögernde Gegenfrage.

«Pst! Ja doch!»

«Ich hab' ihn schon erwartet, und wenn Ihr nur zehn Minuten verweilen wollt –»

«Nein, nein», unterbrach ihn der Jude hastig, als ob es ihn beruhigt hätte, zu hören, daß der Mann, nach welchem er gefragt, nicht anwesend sei, so begierig er, wie es schien, gewesen war, ihn zu sehen. «Sagt ihm, daß ich ihn gesucht hätte hier, und daß er noch heute abend müßte kommen zu mir – doch nein, sagt morgen. Da er einmal nicht hier ist, wird's auch morgen noch sein Zeit genug.»

«Gut! Habt Ihr noch ein Anliegen?»

«Nein, gute Nacht!» erwiderte Fagin im Hinuntergehen.

«Holla!» rief ihm der Wirt flüsternd nach, «was dies für 'ne Gelegenheit zu 'nem Geschäftchen sein würde! Ich hab' da den Phil Barker drinnen so sternigAK, daß ihn ein Kind brennenALkönnte.»

«Ah so! 's ist aber noch nicht für Phil Barker die Zeit», rief der Jude ebenso leise zurück. «Phil hat noch zu tun etwas, bis wir können ihn entbehren. Geht also wieder zu Eurer Gesellschaft, mein Lieber, und sagt den Leuten, daß sie lustig möchten leben – solange sie noch am Leben sind. Ha, ha, ha!»

Der Wirt stimmte in das heisere Lachen des alten Mannes ein und kehrte zu seinen Gästen zurück. Sobald der Jude allein war, wurden auch seine Mienen wieder nachdenklich und besorgt. Nach einem kurzen Besinnen rief er einen Mietskutscher an, befahl ihm, nach Bethnal Green zu fahren, stieg einige tausend Schritte vor Sikes' Wohnung wieder aus und eilte zu Fuß weiter.

«Jetzt wird sich's schon zeigen, mein Mädchen,» murmelte er vor sich hin, als er an die Haustür klopfte; «führst du was Geheimes im Schilde, so will ich's bald haben heraus, so listig du auch bist.»

Er schlich leise hinauf und trat, ohne anzuklopfen, in Nancys Zimmer. Sie war allein und lag mit dem Kopfe, um den das Haar unordentlich herumhing, auf dem Tische. «Sie hat getrunken», dachte er gleichgültig, «oder ist vielleicht bloß unwirsch.»

Der alte Mann drückte die Tür wieder zu, während er diese Betrachtung anstellte, und das dadurch hervorgebrachte Geräusch weckte sie aus ihrem Schlummer oder Hinbrüten; sie begegnete ruhig seinen forschenden Blicken, fragte, was es Neues gäbe, und er erzählte ihr, was er von Toby Crackit vernommen hatte. Sie hörte ihm zu, legte, ohne ein Wort zu sprechen, den Kopf wieder auf den Tisch, stieß dann das Licht ungeduldig von sich und scharrte mit den Füßen; dies war jedoch alles.

Der Jude blickte unruhig umher, als ob er sich überzeugen wollte, daß Sikes nicht insgeheim zurückgekehrt wäre. Befriedigt, wie es schien, durch sein Umherspähen, hustete er ein paarmal und machte ebensoviele Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen; allein das Mädchen beachtete ihn nicht mehr, als wenn er eine Bildsäule gewesen wäre. Endlich nahm er sich zusammen und sagte händereibend und im freundlichsten Tone: «Was meinst du denn, liebes Kind, wo wohl sein mag Bill?»

Das Mädchen murmelte in kaum verständlichen Worten, sie könne es nicht sagen, und es schien ihm, als ob sie leise schluchze.

«Und wo wohl mag sein der kleine Oliver?» fuhr er fort, die Augen anstrengend, um etwas von ihrem Gesichte zu erspähen. «Das arme Kind – denk nur, Nancy – wie sie's haben lassen liegen in einem Graben!»

«Da ist ihm wohler als unter uns», sagte das Mädchen, plötzlich aufblickend; «und wenn für Bill nichts Schlimmes daraus entsteht, so will ich hoffen und wünschen, daß der Kleine tot im Graben liegt, und daß seine jungen Gebeine darin verfaulen.»

Den Lippen des Juden entfloh ein Ausruf des Erstaunens.

«Ja, das hoff' und wünsch' ich», fuhr Nancy, seinen Blicken begegnend, fort. «Ich freue mich, daß er mir aus den Augen, und zu wissen, daß das Schlimmste vorüber ist. Ichkannihn nicht um mich haben; ich verabscheue mich selbst und euch alle, wenn ich ihn sehe.»

«Pah!» fiel der Jude verächtlich ein. «Du bist betrunken, Mädchen.»

«So – betrunken!» höhnte Nancy. «Eure Schuld ist's freilich nicht, wenn ich's nicht bin. Ich wäre niemals nüchtern, wenn's nach Eurem Willen ginge, jetzt ausgenommen! – Meine Laune scheint Euch nicht zu behagen.»

«Nein, durchaus nicht!» sagte der Jude wütend.

«So ändert sie», fuhr das Mädchen mit Lachen fort.

«Sie ändern!» schrie der Jude, durch die unerwartete Hartnäckigkeit des Mädchens und die Verdrießlichkeiten des Abends über alle Maßen erbittert. «Ja, ich will sie ändern! Hör', was ich werde dir sagen, du liederliches Weibsbild! Ich, der ich nur zu sprechen brauche sechs Worte, und Sikes wird zugeschnürt die Kehle so gewiß, wie ich würde ihn dämpfen, hätt' ich jetzt zwischen meinen Fingern seinen Stierhals. Kommt er zurück, ohne mitzubringen den Knaben – kommt er glücklich davon und bringt mir nicht ihn, lebendig oder tot, Mädchen, so morde deinen Bill selbst, wenn du willst, daß er entgehen soll dem Galgen, und tu' es ja, sobald er den Fuß hier setzt hinein ins Zimmer; denn merk', es wird sonst sein zu spät!»

«Was sagt Ihr da?» rief das Mädchen unwillkürlich aus.

«Was ich sage?» fuhr der Jude, vor Wut fast von Sinnen, fort. «Dies sag' ich! Wenn das Kind ist wert viele hundert Pfund für mich, soll ich verlieren, was mir zugewürfelt hat der Zufall, durch die Tollheiten einer betrunkenen Bande, deren Leben in meiner Gewalt ist – und indem ich obenein gesellt bin mit 'nem eingefleischten Teufel, der nur braucht zu wollen und hat die Macht, zu ... zu ...» –

Er keuchte atemlos, sprudelte vor Wut, bemühte sich vergebens, Worte zu finden; plötzlich aber bezwang er seinen Zorn und nahm ein ganz anderes Wesen an. Er sank zusammengekrümmt auf einen Stuhl nieder und bebte vor Angst, geheimste Schurkereien selbst offenbart zu haben. Nach einem kurzen Stillschweigen wagte er es, nach Nancy hinzublicken und schien etwas ruhiger zu werden, als er sie wieder in derselben achtlos gleichgültigen Stellung sah, in welcher er sie gefunden hatte.

«Nancy, liebes Kind,» krächzte er in seinem gewöhnlichen Tone, «hast du gehört, was ich habe gesagt?»

«Laßt mich jetzt in Ruhe, Fagin», antwortete sie, den Kopf matt und schläfrig emporrichtend. «Wenn es Bill diesmal nicht getan hat, so wird er's ein andermal tun; er hat manch schönes Geschäft für Euch ausgerichtet und wird Euch noch viele ausrichten, wenn er kann; kann er's aber einmal nicht, so kann er's nicht. Und nun sprecht nicht mehr davon.»

«Aber was anbelangt den Oliver, Kind?» sagte der Jude, indem er sich unruhig die Hände rieb.

«Er muß das Schicksal der anderen teilen,» fiel Nancy hastig ein; «und ich sag' es noch einmal, ich hoffe, daß er tot ist und vor Schaden und vor Euch sicher ist – das heißt, wenn Bill nichts Schlimmes begegnet; und ist Toby gut davongekommen, so wird er's ohne Zweifel auch sein, denn was der kann, kann Bill tausendmal.»

«Und was anbelangt das, was ich sagte, Kind?» sagte der Jude, sie doppelt scharf in das Auge fassend.

«Ihr müßt's alles noch einmal wiederholen, wenn Ihr wollt, daß ich etwas tun soll,» entgegnete Nancy, «und sagt mir es lieber morgen. Ihr hattet mich auf 'nen Augenblick aufgestört, aber ich bin jetzt wieder so müd' und dämlich wie vorher.»

Der Jude legte ihr noch mehrere andere Fragen in derselben Absicht vor, um zu erfahren, ob sie die ihm in einem unbewachten Augenblicke entschlüpften Andeutungen beachtet und verstanden hätte; allein sie antwortete und hielt seine forschenden Blicke so unbefangen aus, daß er seinen ersten Gedanken, daß sie zuviel getrunken, vollkommen bestätigt zu sehen glaubte. Und Miß Nancy war allerdings nicht frei von der unter Fagins Zöglingen gewöhnlichen Schwäche, der Neigung zum übermäßigen Genuß geistiger Getränke, in der sie in ihren zarteren Jahren eher bestärkt wurden, als daß man sie davon zurückgehalten hätte. Ihr wüstes Aussehen und der das Gemach anfüllende starke Genevergeruch dienten zum bekräftigenden Beweise der Richtigkeit der Annahme des Juden; und als sie endlich zu weinen und gleich darauf wieder zu lachen anfing und wiederholt rief: «Heisa, wer wollte den Kopf hängen lassen!» so zweifelte er, der in Sachen dieser Art seinerzeit große eigene Erfahrungen gemacht hatte, nicht mehr und freute sich höchlich der Gewißheit, daß ihre Trunkenheit in der Tat schon einen hohen Grad erreicht hatte.

Er empfand infolge dieser Entdeckung eine große Erleichterung und entfernte sich sehr zufrieden, seinen doppelten Zweck erreicht zu haben, dem Mädchen zu hinterbringen, was ihm von Toby mitgeteilt worden war, und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Sikes nicht zurückgekehrt wäre. Es war eine Stunde vor Mitternacht und bitterlich kalt; er säumte daher nicht, seine Wohnung baldmöglichst zu erreichen. Als er an der Ecke der Straße, in welcher sie lag, angelangt war und schon in der Tasche nach dem Hausschlüssel suchte, trat plötzlich und unhörbar ein Mann hinter ihn und flüsterte seinen Namen dicht an seinem Ohre. Er wendete sich rasch um und sagte: «Ist das –»

«Ja, ich bin's», unterbrach ihn der Mann barsch. «Hab' hier seit zwei Stunden aufgepaßt. Wo zum Teufel seid Ihr gewesen?»

«Beschäftigt mit Euren Angelegenheiten, mein Lieber», erwiderte der Jude, ihn unruhig anblickend und einen langsameren Schritt annehmend. «Den ganzen Abend beschäftigt mit Euren Angelegenheiten.»

«Ei, natürlich», sagte der andere höhnisch. «Was habt Ihr denn ausgerichtet?»

«Nicht viel Gutes», antwortete Fagin.

«Ich will hoffen, nichts Schlimmes», fiel der Vermummte, stillstehend und den Juden wild ansehend, ein.

Fagin schüttelte den Kopf und stand im Begriff, ihm eine Antwort zu geben, als ihn der Vermummte unterbrach und sagte, er wolle lieber drinnen im Hause anhören, was er würde hören müssen, denn er wäre halb erfroren. Der Jude sah ihn mit einer Miene an, die offenbar genug verkündete, daß er des Besuches zu einer so späten Stunde gar gern überhoben wäre, und murmelte, daß er kein Feuer habe, und Ähnliches; allein der unwillkommene Gast wiederholte seine Erklärung, mit ihm gehen zu wollen, mit großer Bestimmtheit, und Fagin schloß die Haustür auf und sagte ihm, er möge sie leise wieder verschließen, während er selbst Licht holen wolle.

«'s ist hier so finster wie im Grabe», bemerkte der Besucher, ein paar Schritte vorwärts tappend. «Macht geschwind, ich kann solche Dunkelheit nicht leiden.»

«Verschließt die Tür», flüsterte Fagin unten auf dem Hausflur, und während er sprach, wurde die Türe mit donnerndem Schalle zugeworfen.

«Das hab' ich nicht getan», sagte Fagins Peiniger, sich vorwärts fühlend. «Der Wind schlug sie zu, oder sie schloß sich von selber. Macht geschwind, daß Ihr Licht bekommt, oder ich stoße mir in diesem verwünschten Loche den Kopf noch ein.»

Fagin schlich in die Küche hinunter und kehrte bald darauf mit einem angezündeten Lichte und der Kunde zurück, daß Toby Crackit unten im Hinter- und die Knaben im Vorderzimmer schliefen. Er winkte seinem ungebetenen Gaste und führte ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer des oberen Stockwerks.

«Wir können sagen hier die paar Worte, die wir haben zu sagen,» begann er, als sie eingetreten waren, «und ich will das Licht setzen draußen an die Treppe, denn in den Fensterläden sind Löcher, und wir lassen niemals sehen die Nachbarn, daß wir Licht haben.»

Er stellte den Leuchter der Tür des Zimmers gegenüber, in welchem sich nur ein gebrechlicher Sessel und hinter der Tür ein altes Sofa ohne Überzeug befand, auf das sich der müde Fremde warf. Der Jude setzte sich vor ihn in den Sessel. Da die Tür halb offen stand, so war es im Zimmer nicht ganz finster, und das draußen stehende Licht warf einen schwachen Schein auf die Wand gegenüber.

Sie flüsterten einige Zeit so leise miteinander, daß ein Horcher von ihrer Unterredung nur etwa so viel hätte verstehen können, um daraus zu entnehmen, daß sich Fagin gegen Beschuldigungen des Fremden verteidigte, und daß sich dieser in einer sehr gereizten Stimmung befand. Sie mochten etwa eine Viertelstunde geflüstert haben, als Monks – denn so hatte der Jude seinen Besucher mehrere Male genannt – etwas lauter sagte: «Ich wiederhol's Euch, es war schlecht ausgedacht. Warum habt Ihr ihn nicht hier behalten bei den anderen und ohne weiteres 'nen jämmerlichen Taschendieb aus ihm gemacht?»

«Hör' einer an!» rief der Jude achselzuckend aus.

«Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr's nicht gekonnt hättet, wenn Ihr gewollt?» fragte Monks unwillig. «Habt Ihr's nicht bei hundert anderen Knaben verstanden? Hättet Ihr höchstens zehn bis zwölf Monate Geduld gehabt, so wär's Euch doch ein leichtes gewesen, zu machen, daß er verurteilt und vielleicht auf Lebenszeit deportiert wurde.»

«Wem würde dabei gewesen sein gedient, mein Lieber?» fragte der Jude im demütigsten Tone.

«Mir!»

«Aber mir nicht», fuhr Fagin fast noch unterwürfiger fort. «Wenn zwei Leute sind beteiligt bei einem Geschäft, so ist's doch nur billig, daß berücksichtigt wird der Vorteil beider.»

«Was weiter?»

«Ich sah, daß es nicht leicht war, ihn zu erziehen zum Geschäft; er hatte nicht denselben Charakter wie andere Knaben.»

«Hol' ihn der Satan, nein! denn er wäre sonst schon längst ein Spitzbube gewesen.»

«Ich hatte kein Mittel in Händen, ihn zu machen schlimmer», fuhr der Jude, angstvoll Monks Mienen beobachtend, fort; «er hatte in nichts die Hand drin; ich konnt' ihm mit gar nichts einjagen Furcht und Schrecken, und wir arbeiten immer vergeblich, wenn das nicht angeht. Was konnt' ich tun? Ihn ausschicken mit dem Baldowerer und Charley? Es geschah, und wir hatten genug an dem einen Male, mein Bester; ich mußte zittern für uns alle.»

«Daswar meine Schuld nicht», bemerkte der finstere Monks.

«Freilich; nein, o nein, mein Lieber, und ich mache Euch auch keinen Vorwurf deshalb; denn wär's nicht geschehen, so wären Eure Blicke vielleicht nicht gefallen auf den Knaben, und wir hätten vielleicht niemals gemacht die Entdeckung, daß er es war, den Ihr suchtet. Nun gut; ich bracht' ihn wieder in meine Gewalt durch die Nancy, und jetzt fängt sie an und wirft sich auf zu seiner Freundin.»

«Schnürt ihr die Kehle zu!» sagte Monks ungeduldig.

«Geht jetzt eben nicht an, mein Lieber,» versetzte Fagin lächelnd; «und außerdem machen wir in dergleichen keine Geschäfte, sonst wär mir's schon lieb, wenn es geschähe über kurz oder lang. Monks, ich kenne diese Dirne, sobald anfängt der Knabe verhärtet zu werden, wird sie sich nicht kümmern um ihn mehr, als um 'nen Holzblock. Ihr wollt, daß er werden soll ein Dieb; ist er noch am Leben, so kann ich ihn jetzt dazu machen; und wenn – wenn – 's ist freilich nicht wahrscheinlich – aber wenn sich das Schlimmste hat ereignet, und er ist tot –»

«Wenn er's ist, so ist's meine Schuld nicht!» unterbrach ihn Monks mit bestürzter Miene und mit bebender Hand den Juden beim Arme fassend. «Merkt wohl, Fagin! ich habe keine Hand dabei im Spiel gehabt. Ich hab's Euch von Anfang an gesagt, alles – nur nicht, daß er sterben sollte. Ich mag kein Blut vergießen – es kommt stets heraus und peinigt einen außerdem! Ist er totgeschossen, so kann ich nichts dafür; hört Ihr, Fagin? – Was – ist der Teufel in dieser verwünschten Spelunke los? – was war das?»

«Was – in aller Welt?» schrie der Jude, Monks mit beiden Armen umfassend, als derselbe plötzlich im höchsten Schrecken emporsprang. «Was – wo?»

«Dort!» erwiderte der bebende Monks, nach der Wand gegenüber hinzeigend. «Der Schatten – ich sah den Schatten eines Frauenzimmers in 'nem Mantel und Hut, wie 'nen Hauch an dem Täfelwerk dahingleiten.»

Der Jude ließ ihn los, und beide stürzten aus dem Zimmer hinaus. Das vom Zugwinde flackernde Licht, das an der Stelle stand, wo es Fagin hingestellt hatte, zeigte ihnen nur die leere Treppe und ihre erbleichten Gesichter. Sie horchten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, allein die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause.

«'s ist nichts gewesen als Eure Einbildung», sagte der Jude, das Licht aufhebend und zu Monks sich wendend.

«Ich will darauf schwören, daß ich's wirklich sah», versetzte Monks, fortwährend heftig zitternd. «Es beugte sich vor, als ich's erblickte, und verschwand, als ich zu Euch davon zu sprechen anfing.»

Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu, forderte ihn auf, ihm zu folgen, wenn es ihm beliebe, und ging voran die Treppe hinauf. Sie schauten in alle Gemächer hinein, begaben sich wieder hinunter auf den Hausflur, in die Keller, durchsuchten jeden Winkel, allein vergebens. Es war im ganzen Hause öde und still wie der Tod.

«Was meint Ihr nun, mein Guter?» sagte der Jude, als sie wieder auf dem Hausflur standen. «'s ist im Hause kein lebendiges Wesen außer uns und Toby Crackit und den Knaben, und die sind wohl verwahrt. Schaut!»

Er nahm zwei Schlüssel aus der Tasche und fügte hinzu, daß er, als er zuerst hinuntergegangen, Toby, Dawkins und Charley eingeschlossen habe, um jede Störung des Gesprächs unmöglich zu machen. Monks wurde wankend in seinem Glauben und erklärte endlich, daß ihm seine erhitzte Einbildungskraft einen Streich gespielt haben müsse, wollte die Unterredung jedoch für diesmal nicht fortsetzen, erinnerte sich plötzlich, daß ein Uhr vorüber sei, und das liebenswürdige Freundespaar trennte sich.


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