27. Kapitel.

In dem die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels bestmöglich wieder gutgemacht wird.

Da es der geringen Person eines Schriftstellers schlecht anstehen würde, einen so wichtigen Mann wie einen Kirchspieldiener mit den Rockschößen unter dem Arme am Feuer stehen zu lassen, bis es dem Autor eben beliebte, ihn zu erlösen; und da ihm seine Stellung oder seine Galanterie noch weniger erlaubt, auf ähnliche Weise eine Dame zu vernachlässigen, auf welche besagter Kirchspieldiener ein wohlgeneigtes und zärtliches Auge geworfen und in deren Ohren er süße Worte geflüstert, welche, aus dem Munde eines solchen Mannes kommend, in den Herzenssaiten jeglicher Jungfrau oder Matrone Anklang finden mußten: so eilt der gewissenhafte Erzähler dieser Geschichte, der die gebührende Ehrfurcht vor denjenigen hegt, welche mit hoher und wichtiger Autorität bekleidet sind, ihnen jene Achtung zu zollen, welche ihre Stellung erfordert, und ihnen die ganze pflichtmäßige, rücksichtsvolle Behandlung angedeihen zu lassen, zu welcher ihr hoher Rang und folglich ihre großen Tugenden sie auf das vollkommenste berechtigen. Es war seine Absicht, zu diesem Zwecke hier eine Abhandlung einzufügen, in welcher das göttliche Recht der Kirchspieldiener erörtert und der Satz, daß ein Kirchspieldiener kein Unrecht tun könne, ins Licht gestellt werden sollte, – eine Abhandlung, die für den verständigen und wohlgesinnten Leser sowohl angenehm wie nützlich hätte werden müssen; allein der Mangel an Zeit und Raum nötigt ihn unglücklicherweise, sie für jetzt noch zurückzustellen. Sobald es indes an Zeit und Raum nicht mehr gebricht, wird er zeigen, daß ein Kirchspieldiener in der wahren und höchsten Potenz – das will sagen ein solcher, der beim Kirchspielarmenhause angestellt ist und in seiner amtlichen Eigenschaft die Kirchspielkirche besucht – nach den Rechten und kraft seines Amtes alle Vortrefflichkeiten und mit einem Worte die besten Eigenschaften der menschlichen Natur besitzt, und daß bloße Vereins- oder Kapellen- oder Gerichtsdiener oder Pedelle auf jene Vortrefflichkeiten auch nur die mindesten begründeten Ansprüche keineswegs machen können.

Mr. Bumble hatte wiederholt die Teelöffel gezählt, die Zuckerzange gewogen, den Milchgießer geprüft und sämtliche Mobilien bis auf die Pferdehaarkissen der Stühle einer genauen Besichtigung unterworfen, ehe er daran dachte, daß es nachgerade wohl Zeit wäre, daß Mrs. Corney zurückkehrte. Sie ließ jedoch noch immer nichts von sich weder sehen noch hören, ein Gedanke pflegt einen anderen hervorzurufen, und so dachte Mr. Bumble weiter, daß er sich zum Zeitvertreibe nicht unschuldiger und gottseliger beschäftigen könne, als wenn er seine Neugier durch einen flüchtigen Blick in Mrs. Corneys Kommode befriedigte.

Nachdem er daher an der Tür gehorcht hatte, ob auch niemand in der Nähe wäre, fing er seine Untersuchung bei der untersten Schublade an, und die Kleider aus guten Stoffen, welche er fand, schienen ihm ausnehmend zu gefallen. In der obersten entdeckte er eine verschlossene Büchse, die er schüttelte, und das Geldgeklapper deuchte seinen Ohren gar liebliche Musik. Nachdem er sich eine Zeitlang daran ergötzt hatte, stellte er sich wie zuvor an den Kamin und sagte mit feierlich-ernster Miene: «Ich tu's», schien durch ein schlaues, wohlgefälliges Lächeln hinzufügen zu wollen, was er doch für ein rüstiger, lustiger und pfiffiger alter Knabe sei, und betrachtete endlich mit vielem Vergnügen und Interesse seine Waden im Profil.

Er war noch in sotane, befriedigende Wadenschau vertieft, als Mrs. Corney hastig hereintrat, sich atemlos auf einen Stuhl am Kamin warf, mit der einen Hand die Augen bedeckte, die andere auf das Herz legte und nach Atem rang.

«Mrs. Corney,» sagte Bumble, sich über sie beugend, «was ist Ihnen, Ma'am? Hat sich ein Unglück ereignet? Ich bitte, antworten Sie mir; ich stehe hier auf – auf –» Mr. Bumble konnte sich in seiner Bestürzung nicht auf das Wort «Kohlen» besinnen, er sagte daher: «wie auf Zuckerzangen».

«Oh, Mr. Bumble,» rief die Dame aus, «ich bin ganz wie zerschlagen!»

«Zerschlagen – wie?» zürnte Bumble. «Wer hat sich unterfangen – ah, ich weiß es schon,» fügte er mit angeborener Würde und Feierlichkeit hinzu, «abermals so ein Stück von den spitzbübischen, gottvergessenen Armen!»

«'s ist schrecklich, nur daran zu denken!» sagte die Dame schaudernd.

«So denken Sie nicht daran, Ma'am», sagte Bumble.

«Ich kann's nicht lassen», entgegnete Frau Corney zimperlich.

«So stärken Sie sich durch einen Tropfen Wein», riet der Kirchspieldiener in mitleidigem Tone.

«Nicht um die Welt!» erwiderte Mrs. Corney. «Es wäre mir ganz unmöglich! Geistige Getränke – nein – nie – Ach, ach! auf dem obersten Simse rechter Hand; ach, ach!»

Die gute Frau hatte offenbar heftige Krämpfe und hatte schon die Besinnung verloren, als sie nach dem Eckschranke hinwies. Bumble flog auf denselben zu, fand eine grüne Flasche darin, nahm sie heraus, füllte eine Tasse mit ihrem Inhalt und hielt sie der Dame an die Lippen.

«Mir ist wohler!» sagte Mrs. Corney, nachdem sie die Arznei halb ausgetrunken hatte.

Bumble hob zum Zeichen seiner dankbaren Gefühle die Augen zur Decke empor, senkte sie nieder auf den Rand der Tasse und hielt dieselbe unter seine Nase.

«Pfefferminzwasser», sagte Mrs. Corney mit matter Stimme, aber dem Kirchspieldiener zulächelnd. «Kosten Sie doch einmal – es ist noch ein wenig sonst was drin.»

Bumble kostete den heilkräftigen Trank, kostete noch einmal mit weiser, prüfender Miene, und stellte die Tasse leer auf den Tisch.

«Es bekommt vortrefflich», bemerkte die Patientin.

Bumble erklärte, derselben Meinung zu sein, setzte sich neben Frau Corney und fragte zärtlich: «Was ist Ihnen aber begegnet, Ma'am?»

«O nichts», erwiderte sie; «ich bin eine recht törichte, erregbare, schwache Frau.»

«Schwach, Ma'am», sagte Bumble, ein wenig näher rückend. «Sind Sie wirklich schwach, Mrs. Corney?»

«Wir sind alle schwache Geschöpfe», versetzte Mrs. Corney, einen allgemeinen Satz aufstellend.

«Sehr wahr», stimmte Bumble ein.

Ein paar Minuten lang schwiegen beide, und nach Ablauf derselben hatte Mr. Bumble den allgemeinen Satz praktisch dadurch erläutert, daß er seinen linken Arm von Mrs. Corneys Stuhllehne entfernt und um ihr Schürzenband gelegt, wo er nunmehr mit sanftem Drucke ruhte.

«Wir sind allesamt schwache Geschöpfe», wiederholte er.

Mrs. Corney seufzte.

«Seufzen Sie doch nicht, Ma'am!»

«Ach! Wenn ich's nur lassen könnte!» Sie seufzte abermals.

«Dies Zimmerchen ist sehr nett und behaglich, Ma'am. Es würde mit noch so einem eine artige Wohnung ausmachen.»

«Es würde zu viel sein für eine einzelne Person», murmelte die Dame.

«Aber nicht für zwei, Ma'am», fiel Bumble schmachtend ein. «Was sagen Sie, Mrs. Corney?»

Mrs. Corney senkte den Kopf bei diesen Worten Mr. Bumbles, und Mr. Bumble senkte den seinigen gleichfalls, um ihr in das Gesicht schauen zu können. Mrs. Corney blickte mit großer Züchtigkeit seitwärts, machte ihre Hand los, um nach ihrem Taschentuche zu greifen, und ließ sie unwillkürlich in die Hand Mr. Bumbles sinken.

«Gibt Ihnen die Direktion nicht freie Feuerung, Mrs. Corney?» fragte der Kirchspieldiener, ihr zärtlich die Hand drückend.

«Und freies Licht», erwiderte Mrs. Corney, den Druck leise erwidernd.

«Feuerung, Licht und Wohnung frei», fuhr Bumble fort. «Oh, Mrs. Corney, welch ein Engel Sie sind!»

Die Dame war gegen einen solchen Gefühlserguß nicht unempfindlich genug, um noch länger widerstehen zu können, sondern sank in die Arme Mr. Bumbles, welcher Gentleman ihr im Sturme seiner Gefühle einen leidenschaftlichen Kuß auf die keusche Nase drückte.

«Oh, Sie Ausbund aller Kirchspielvollkommenheiten!» rief Mr. Bumble ganz verzückt aus. «Sie wissen doch, meine Himmlische, daß Mr. Slout heut' abend viel kränker geworden ist?»

«Ach ja», sagte Mrs. Corney verschämt.

«Der Doktor sagt, daß er keine acht Tage mehr leben könnte», fuhr Bumble fort. «Sein Tod hat die Vakanz des Haushofmeisterpostens zur Folge. Oh, Mrs. Corney, welche Aussichten eröffnen sich da! – welche Aussichten auf die allerseligste Herzens- und Haushaltsverschmelzung!»

Mrs. Corney schluchzte.

«O meine bezaubernde Mrs. Corney!» sprach Bumble weiter, «das kleine Wörtchen – nur das kleine, süße Wörtchen!»

«Ja – a – a!» hauchte Mrs. Corney.

«Und noch eins – nur das eine noch – wann soll es sein?»

Sie versuchte zweimal zu reden, doch vergebens. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlang die Arme um Bumbles Nacken und sagte, sobald es ihm nur irgend gefiele, und er wäre ein gar zu lieber und ganz unwiderstehlicher Mann.

Nachdem die Angelegenheit auf diese freundschaftliche und befriedigende Weise geordnet war, wurde der Vertrag durch eine zweite Tasse Pfefferminzwasser feierlich besiegelt, was bei der Erregtheit und Beklemmung der Dame um so notwendiger war; und während die Tasse geleert wurde, erzählte Mrs. Corney ihrem Zukünftigen von dem Tode der alten Frau.

«Schön», bemerkte Bumble, sein Pfefferminzwasser schlürfend. «Ich will auf meinem Rückwege nach Hause bei Sowerberry vorsprechen und die erforderlichen Anordnungen treffen. Was war es denn aber, worüber Sie so ganz außer sich zu sein schienen, meine Liebe?»

«Oh, es war nichts Besonderes, Bester», erwiderte die Dame ausweichend.

«Ei, es muß doch etwas Besonderes gewesen sein. Warum wollen Sie es Ihrem Bumble nicht sagen?»

«Ein anderes Mal – wenn wir erst verheiratet sind, mein Teuerster.»

«Wenn wir erst verheiratet sind! Es wird sich doch kein Armer eine Unverschämtheit gegen Sie herausgenommen haben?»

«O nein, nein, durchaus nicht!» fiel die Dame hastig ein.

«Wenn ich das auch annehmen müßte,» fuhr der Kirchspieldiener fort, «denken müßte, daß es ein Armer gewagt hätte, seine gemeinen Augen zu dem liebenswürdigen Antlitze zu erheben –»

«Das hätte keiner gewagt – nimmermehr –»

«Ich wollt's ihnen auch wohl raten!» zürnte Bumble, die Faust schüttelnd. «Ich will den Menschen sehen, arm oder nicht arm, der sich's unterfinge, und kann ihm nur so viel versichern, daß er's nicht zum zweitenmal tun würde.»

Die Worte hätten vielleicht wie eine nicht eben große Schmeichelei gegen die Reize der Dame geklungen, wenn sie nicht durch heftiges Gebärdenspiel verschönt gewesen wären; da jedoch Bumble seine Drohung mit vielen kriegerischen Gestikulationen begleitete, so erblickte Mrs. Corney darin sehr gerührt nur einen Beweis seiner aufopfernden Ergebenheit und versicherte ihm bewundernd und mit großer Wärme, daß er wahrhaftig ein Täubchen wäre.

Mr. Bumble knöpfte den Rock bis unter das Kinn zu, setzte seinen dreieckigen Hut auf, umarmte seine Taube zärtlich und lange und ging, um abermals dem Sturme und der Kälte Trotz zu bieten, nachdem er zuvor bloß noch fünf Minuten im Zimmer der männlichen Armen verweilt und gegen dieselben ein wenig getobt hatte, um zu erproben, ob er der Stelle des Haushofmeisters auch mit der gebührenden Autorität würde vorstehen können. Nachdem er sich von seiner Befähigung überzeugt, verließ er das Haus mit einem leichten, fröhlichen Herzen und glänzenden Vorausahnungen seiner bevorstehenden Beförderung.

Mr. und Mrs. Sowerberry befanden sich in einer Abendgesellschaft, und da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich einem größeren Maße physischer Anstrengung zu unterziehen, als durch eine gemächliche Betätigung der Funktionen des Essens und Trinkens erfordert wird, so war der Laden noch nicht verschlossen, obgleich die Stunde längst vorüber war, zu welcher es hätte geschehen sollen. Bumble klopfte mehreremal mit seinem Rohre auf den Ladentisch; allein da niemand erschien, und da er durch das Glasfenster des kleinen Zimmers hinter dem Laden Licht schimmern sah, so trat er näher, um nachzusehen, was in dem Zimmerchen vorginge, und war nicht wenig erstaunt, zu sehen, was er sah.

Der Tisch war gedeckt, und auf ihm standen Brot und Butter, Teller und Gläser, ein Krug mit Porter und eine Weinflasche. Noah Claypole ruhte in nachlässigster Stellung in einem Sessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, welche Noah sich herabließ, mit großem Behagen zu verschlingen. Eine mehr als gewöhnliche Röte in der Gegend der Nase des jungen Herrn und ein gewisses Blinzeln seines rechten Auges verkündigten, daß er ein wenig angetrunken war, und die besagten Symptome erhielten noch eine Verdeutlichung durch seine augenscheinliche Begier nach den Austern, die er offenbar hauptsächlich wegen ihrer kühlenden Eigenschaften bei innerlicher Glut genoß.

«Da ist 'ne prächtige, fette, Noah!» sagte Charlotte. «Die mußt du probieren.»

«Wie wundervoll doch Austern schmecken!» bemerkte Noah; «und wie schade ist's, daß man sich immer unbehaglich fühlt, wenn man sie in einiger Menge genossen hat.»

«'s ist wirklich grausam und unrecht», sagte Charlotte. «Hier ist wieder 'ne ganz herrliche.»

«Tut mir leid, ich kann nicht mehr. Komm her, Charlotte, daß ich dich küsse», sagte Noah.

«Wie – was?» schrie Bumble, hineinstürzend. «Sag das noch einmal, Bursch!»

Charlotte stieß einen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht hinter der Schürze, während Noah, ohne seine Lage zu verändern, den Kirchspieldiener mit dem Starrblicke der Trunkenheit angaffte.

«Sag' das noch einmal, du schändlicher, schamloser Schlingel!» fuhr Bumble fort. «Wie kannst du es wagen, von Küssen zu sprechen? Und Sie, freches Weibsbild, wie unterstehen Sie sich, ihn dazu aufzumuntern? Küssen! Pfui!» rief er in starker und gerechter Entrüstung aus.

«Ich wollt' es gar nicht!» sagte Noah bestürzt und flehend. «Sie küßt mich immer, ich mag es haben wollen oder nicht.»

«O Noah!» rief Charlotte mit einem Blicke des Vorwurfs.

«Ja, es ist wahr,» sprudelte Noah, «du tust's immer. Mr. Bumble, sie läßt's und läßt's nicht und klopft mich immer unter das Kinn und flattiert mir auf alle ersinnliche Weise.»

«Schweig!» donnerte Bumble. «Sie packen sich sogleich hinaus, und du, Musjö Noah, verschließt den Laden und sprichst, bis dein Herr nach Hause kommt, kein Wort mehr, auf deine eigene Gefahr; und wenn er nach Hause kommt, so sag ihm, ich ließe ihm sagen, er möchte morgen früh nach dem Frühstück 'nen Sarg für 'ne alte Frau schicken. Hörst du? – Küssen! Die Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der geringeren Klasse in diesem Kirchspielbezirke hat eine schreckliche Höhe erreicht, und zieht das Parlament ihre Verdorbenheit nicht in Betracht, so ist das Land zugrunde gerichtet und die Sittlichkeit des Volkes für immer zum Henker!»

Mit diesen Worten schritt er majestätisch und düster hinaus; und da wir ihn nun so weit auf seinem Heimwege begleitet und alle nötigen Anordnungen zum Begräbnisse der alten Frau getroffen haben, wollen wir uns nach Oliver Twist umsehen und unsere Wißbegier befriedigen, ob er noch in dem Graben liegt, in welchem Bill Sikes und Toby Crackit ihn haben liegen lassen.

Was Oliver nach dem mißlungenen Einbruche begegnete.

«Daß euch die Wölfe zerrissen!» murmelte Sikes zähneknirschend. «Wollte, daß ich einem von euch nahe genug wäre, er sollte mir erst Ursache zum Heulen bekommen!»

Indem Sikes mit dem wütendsten Ingrimme, dessen er fähig war, diese Worte vor sich hin sprach, legte er den verwundeten Knaben über sein niedergebeugtes Knie und sah sich nach seinen Verfolgern um. Er vermochte in dem Nebel und der Finsternis nichts zu unterscheiden, allein desto heller und lauter tönte das Rufen und Schreien der Nachsetzenden, das Gebell der Hunde rings umher und der Schall der Lärmglocke durch die Nacht.

«Steh, feiger Schuft!» schrie Sikes Toby Crackit nach, der den eilfertigsten Gebrauch von seinen langen Beinen zu machen angefangen hatte, und schon eine Strecke voraus war. «Steh' augenblicklich!»

Toby gehorchte, da er noch nicht vollkommen gewiß war, außer Schußweite zu sein, und deutlich erkannte, daß Sikes nicht in der Stimmung wäre, mit sich scherzen zu lassen.

«Hilf mir den Knaben forttragen», tobte der Wütende. «Komm zurück – hierher!»

Toby kehrte langsam einige Schritte zurück, wagte indes leise und atemlos einige bescheidene Gegenvorstellungen.

«Geschwinder!» schrie Sikes, legte den Knaben in einen trockenen Graben und zog eine Pistole hervor. «Hab' mich ja nicht zum Narren!»

Gerade in diesem Augenblick verdoppelte sich der Lärm, und Sikes konnte erkennen, daß die Verfolger bereits über die Umzäunung des Feldes kletterten, auf welchem er sich mit Toby und Oliver befand, und daß ihnen ein paar Hunde mehrere Schritte voraus waren.

«'s ist nichts mehr zu machen, Bill», sagte Toby; «laßt den SchreilingAMund nehmt die Bein' untern Arm!»

Er mochte sich lieber der Möglichkeit aussetzen, von dem Freunde niedergeschossen zu werden, als unfehlbar dem Feinde in die Hände zu fallen, und rannte daher, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, davon. Sikes biß die Zähne zusammen, warf einen Tuchkragen über den Knaben, lief an der nächsten Hecke hin, um die Verfolger zu täuschen, stand vor einer zweiten still, die mit jener in einem rechten Winkel zusammenstieß, schleuderte seine Pistole hoch in die Luft, wagte einen verzweifelten Sprung und rannte in einer anderen Richtung als Toby fort.

Seine Eile war unnötig, denn während er über Stock und Block davoneilte, rief schon einer der drei Nachsetzenden die Hunde zurück, die gleich ihren Herren kein großes Behagen an der Verfolgung zu finden schienen und daher augenblicklich gehorchten. Das Kleeblatt war nur wenige Schritte weit auf das Feld vorgedrungen und stand still, um zu beraten.

«Mein Rat, oder wenigstens mein Befehl ist der,» sagte der dickste der drei Männer, «daß wir auf der Stelle umkehren und wieder nach Hause gehen.»

«Mir ist alles recht, was Mr. Giles recht ist», fiel ein kleinerer Mann ein, der indes auch keineswegs schmächtig genannt werden konnte und sehr blaß und sehr höflich war, wie es die Leute häufig sind, wenn die Furcht sie beherrscht.

«Meine Herren,» nahm der dritte das Wort, der die Hunde zurückgerufen hatte, «ich möchte nicht gern ungezogen erscheinen. Mr. Giles muß es am besten wissen.»

«Ja, ja,» fiel der kleinere ein, «was Mr. Giles sagt, dem dürfen wir nicht widersprechen; nimmermehr, ich kenne meine Stellung Gott sei Dank zu gut, um mir's herauszunehmen.»

Der kleine Mann schien seine Stellung in der Tat nicht bloß genau zu kennen, sondern auch sehr unangenehm zu empfinden, denn er stand zähneklappernd neben den beiden andern.

«Sie fürchten sich, Brittles», sagte Mr. Giles.

«Nicht im mindesten», sagte Brittles.

«Sie fürchten sich allerdings!»

«Sie irren, Mr. Giles.»

«Sie lügen, Brittles.»

Das Zwiegespräch war eine Folge davon, daß Mr. Giles Verdruß empfand, und sein Verdruß war aus seinem Unwillen darüber entsprungen, daß die Verantwortlichkeit wegen der Rückkehr nach Hause in der Form eines Kompliments auf ihn zurückgewälzt worden war. Der dritte Mann beendete den Streit sehr philosophisch. «Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie es ist», fiel er ein; «wir fürchten uns alle.»

«Sie reden nach Ihrer eigenen Erfahrung», versetzte Mr. Giles, der der blässeste von den dreien war.

«Allerdings», sagte der Angeredete. «'s ist unter solchen Umständen ganz natürlich und schicklich, daß man sich fürchtet.»

«Nun, ich fürchte mich auch», sagte Brittles; «aber warum ist es notwendig, es einem so geradezu in das Gesicht zu sagen?»

Diese offenen Geständnisse besänftigten Mr. Giles, der sofort einräumte, auch seinerseits einige Furcht zu empfinden, worauf alle drei in der vollkommensten Einmütigkeit zurückzueilen anfingen. Nicht lange nachher trug jedoch Mr. Giles, der den kürzesten Atem hatte und eine große Heugabel trug, auf ein kurzes Verweilen an, um sich wegen seiner Ausfälle zu entschuldigen.

«Man glaubt es aber gar nicht,» schloß er, «wozu man fähig ist, wenn einem das Blut warm geworden. Wahrhaftig, ich würde einen Mord begangen haben – ich weiß es – hätten wir einen der Bösewichter gefangen.»

Die anderen beiden hatten ähnliche Überzeugungen und konnten nur nicht begreifen, wie es zugegangen, daß in ihrer Stimmung eine so plötzliche Änderung eingetreten war.

«Ich weiß es», sagte Giles; «es kam von der Umzäunung her. Ja, die Umzäunung des Feldes, auf welchem wir die Halunken fast ertappt hätten, unterbrach alle Mordgedanken und hemmte die innere Wut. Ich fühlte sie bei mir im Hinübersteigen vergehen.»

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen hatten die beiden andern dasselbe Gefühl genau in demselben Augenblick empfunden, so daß Mr. Giles ganz offenbar recht gehabt hatte, als er sagte: es kam von der Umzäunung her – namentlich, da hinsichtlich des Zeitpunktes, in dem die Veränderung Platz gegriffen hatte, gar kein Zweifel obwalten konnte, da sich alle drei entsannen, daß sie in dem Augenblicke, da sie eintrat, die Einbrecher zu Gesicht bekommen hätten.

Dieses Gespräch führten die beiden Männer, welche die Einbrecher überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude geschlafen und sich nebst seinen beiden Hunden hatte entschließen müssen, an dem gefahrvollen Abenteuer der Diebesverfolgung teilzunehmen. Mr. Giles diente der alten Dame, welche das Haus bewohnte, in der doppelten Eigenschaft als Keller- und Haushofmeister, und Brittles war Bedienter, Gärtner, Ausläufer usw. Die alte Dame hatte ihn in ihren Dienst genommen, als er noch ein kleiner, vielversprechender Knabe gewesen war, und er wurde noch immer als ein solcher behandelt, obgleich er in den Dreißigern stand.

Die drei kühnen Männer setzten unter ermutigenden und die Zeit kürzenden angenehmen Gesprächen in geschlossener Phalanx ihren Rückzug fort und bewiesen, obwohl ihnen noch mancher ungewöhnlich starke Windstoß Schrecken einjagte, die Geistesgegenwart, ihre Laterne abzuholen, die sie hinter einem Baume hatten stehen lassen, damit sie den Dieben nicht anzeigte, wohin sie schießen müßten, falls sie etwa Feuer zu geben geneigt wären.

Sie waren längst zu Hause angelangt, die Luft wurde immer kälter, je näher der Morgen kam, der Nebel bewegte sich am Boden entlang wie eine dichte Rauchwolke, das Gras war feucht, die Fußwege und niedrig gelegenen Stellen waren kotig und schlammig, ein naßkalter Wind verkündete sein Nahen durch ein hohles Brausen – und Oliver lag noch immer bewußtlos in dem Graben, wo ihn Sikes niedergelegt hatte. Im Osten zeigte sich das erste matte Morgengrauen – eher dem Tode der Nacht als der Geburt des Tages zu vergleichen. Die Gegenstände, die in der Finsternis unheimlich ausgesehen hatten, nahmen immer bestimmtere Umrisse an und erhielten allmählich ihre gewöhnliche Gestalt. Der Regen rauschte in Strömen nieder und schlug klatschend auf die entlaubten Büsche – aber Oliver empfand kein Ungemach davon; er lag fortwährend hilflos und ohnmächtig auf seinem harten, feuchten Bette von Erde.

Endlich weckte ihn ein empfindlicher Schmerz; er schrie laut auf und erwachte. Sein linker, in der Eile mit einem Tuche verbundener Arm hing schwer und gelähmt an seiner Seite, und das Tuch war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum in eine sitzende Stellung emporzurichten vermochte; er blickte matt nach Hilfe umher und ächzte vor Schmerz. Bebend an allen Gliedern vor Kälte und Erschöpfung, suchte er sich aufzurichten, fiel aber ohnmächtig der Länge nach wieder nieder.

Eine ihn überfallende Ohnmachtsempfindung, die ihm die Warnung zuzuraunen schien, er werde unfehlbar sterben müssen, wenn er noch länger daläge, brachte ihn zum Bewußtsein zurück. Er stand mühsam auf, ihm schwindelte jedoch, und er wankte gleich einem Betrunkenen von einer Seite zur anderen. Er hielt sich nichtsdestoweniger aufrecht und taumelte mit gesenktem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin.

In seinem Innern drängten sich ängstigende, verwirrte Gedanken und Bilder. Es war ihm, als wenn er noch zwischen Sikes und Crackit ginge, die ergrimmt miteinander zankten; ihre Worte tönten noch in seinen Ohren, und als ihn ein Fehltritt zum Bewußtsein zurückrief, machte er die Entdeckung, daß er zu den beiden schrecklichen Männern redete, als wenn er sich noch in ihrer Gewalt befände. Dann kam es ihm wieder vor, als wenn er mit Sikes allein wäre, der ihm seine Rolle bei dem beabsichtigten Einbruche einzuprägen suchte. Unbestimmte, düstere Gestalten schwebten an ihm hin und wieder, er schreckte zusammen bei dem vermeintlichen Knalle eines Feuergewehrs, er hörte lautes Rufen und Schreien, vor seinen Augen flimmerten und verschwanden Lichter, es summte ihm vor den Ohren, alles vor Verwirrung und Lärmen, er fühlte sich durch eine unsichere Hand fortgetragen; und während er so halb wachend träumte, peinigte und ängstigte ihn fortwährend ein undeutliches Schmerzgefühl, ein Halbbewußtsein seiner unsäglich jammervollen Lage.

So wankte er weiter und weiter, fast mechanisch durch Gitter oder Lücken in den Hecken kriechend, bis er einen Weg erreicht hatte; und jetzt fing es an so stark zu regnen, daß er wirklich erwachte. Er blickte umher und sah in geringer Entfernung ein Haus, bis zu welchem er sich fortschleppen zu können meinte. Die Bewohner desselben hatten vielleicht Mitleid mit ihm, und wo nicht, so war es doch besser, wie er dachte, in der Nähe menschlicher Wesen zu sterben als allein auf den öden Feldern. Er sammelte seine letzten Kräfte, und eilte so rasch er konnte, dem Hause zu.

Als er näher kam, war es ihm, als wenn er es schon gesehen hätte, wenn er sich auch seiner einzelnen Teile nicht erinnern konnte. Doch ach, die Gartenmauer! Und dort an jener Stelle hatte er sich in der vergangenen Nacht auf die Knie niedergeworfen und die beiden Männer um Erbarmen angefleht. Es war dasselbe Haus, das sie zu berauben versucht hatten. Auf ein paar Augenblicke überkam ihn ein Gefühl so entsetzlichen Schreckens, daß er den Schmerz seiner Wunde vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht! Er war kaum imstande, sich auf den Füßen zu halten, und hätte er die Kräfte dazu gehabt, wohin hätte er fliehen sollen? Die Gartentür stand offen, er wankte über den Grasplatz, stieg mit Mühe die Stufen des Portals vor der Haustür hinan und klopfte leise; die Kräfte schwanden ihm, und er sank ohnmächtig nieder.

Gerade zu derselben Stunde stärkten sich Mr. Giles, Brittles und der Kesselflicker nach den Strapazen und Schrecken der Nacht in der Küche durch ein Schälchen Tee, und was es sonst Gutes gab. Nicht, daß es Mr. Giles' Gewohnheit gewesen wäre, zu große Vertraulichkeit mit der niederen Dienerschaft zu pflegen, gegen welche er sich vielmehr der Regel nach nur mit einer leutseligen Herablassung benahm, die stets an seine höhere Stellung in der Gesellschaft erinnerte. Allein Todesfälle, Feuersbrünste und Einbrüche machen alle Menschen gleich, und Mr. Giles saß mit ausgestreckten Füßen am Herde, hatte den linken Arm auf den Tisch gestützt, illustrierte mit dem rechten einen genauen und glühenden Bericht über den nächtlichen Raubanfall, und sein Publikum – zumal die Köchin und das Hausmädchen – hörte ihm in atemloser Spannung zu.

«Es mochte halb zwei Uhr sein,» sagte Mr. Giles, «indes kann ich nicht darauf schwören, ob's nicht dreiviertel war, als ich aufwachte, mich im Bett herumdrehte, ungefähr so» (er drehte sich bei diesen Worten auf seinem Stuhle herum und zog den Zipfel des Tischtuches über die Schultern, um bildlich desto lebhafter die Vorstellung einer Bettdecke hervorzurufen), «und ein Geräusch zu hören glaubte.»

Hier erblaßte die Köchin und forderte das Hausmädchen auf, die Küchentür zu verschließen; das Hausmädchen hieß es Brittles, der es den Kesselflicker hieß, der sich stellte, als ob er nicht hörte.

«Ein Geräusch zu hören glaubte», wiederholte Mr. Giles. «Ich dachte zuerst bei mir selbst: 's ist eine Täuschung! und legte mich schon wieder zum Einschlafen zurecht, als ich das Geräusch abermals und vollkommen deutlich vernahm.»

«Was war es denn für eine Art von Geräusch?» fragte die Köchin.

«Ein krachendes», erwiderte Mr. Giles.

«Ich denke, es war mehr, wie wenn eine eiserne Stange auf einem Reibeisen gerieben wird», fiel Brittles ein.

«So war es, alsSiees hörten», sagte Giles; «zu der Zeit aber, als ich es vernahm, hatte es einen krachenden Ton. Ich warf die Bettdecke zurück» (er wiederholte die Bewegung mit dem Tischtuche), «richtete mich zum Sitzen empor und horchte.»

Die Köchin und das Hausmädchen riefen zugleich aus: «Daß sich Gott erbarm'!» und rückten zusammen.

«Ich hörte es so deutlich, als wenn es dicht vor meinem Bette wäre», fuhr Giles fort, «und dachte: Da wird eine Tür oder ein Fenster aufgebrochen. Was ist zu tun? Ich will den guten Jungen Brittles wecken und ihn retten, damit er nicht in seinem Bette ermordet wird; tu' ich's nicht, so kann ihm die Kehle vom rechten bis zum linken Ohre abgeschnitten werden, ohne daß er es merkt.»

Hier richteten sich aller Blicke auf Brittles, der die seinigen auf den Redner heftete und ihn mit weit geöffnetem Munde anstarrte, während seine Mienen den grenzenlosesten Schrecken ausdrückten.

«Ich stieß die Bettdecke von mir,» sprach Giles, das Tischtuch von sich schleudernd und die Köchin und das Hausmädchen scharf fixierend, «stieg leise aus dem Bette, zog –»

«Es sind Damen anwesend, Mr. Giles!» murmelte der Kesselflicker.

«– Meine Pantoffel an, Sir,» fuhr Giles, sich zu ihm wendend und den stärksten Nachdruck auf seine Pantoffel legend, fort, «nahm die geladene Pistole zur Hand, die immer mit dem Silberzeugkorbe hinaufgebracht wird, ging auf den Zehen in Brittles Kammer und sagte, sobald ich ihn aus dem Schlafe gerüttelt hatte: ‚Brittles, erschrecken Sie nicht!‘»

«Ja, das sagten Sie, Mr. Giles», fiel Brittles mit bebender Stimme ein.

«‚Brittles, ich glaube, wir sind verloren‘, sagt' ich,» fuhr Giles fort, «‚aber seien Sie nur ohne Furcht.‘»

«Zeigte er denn auch keine Furcht?» fragte die Köchin.

«Nein», antwortete Giles; «er war so unverzagt – fast so unverzagt wie ich selber.»

«Ich wäre auf der Stelle gestorben, wenn ich's gewesen wäre», bemerkte das Hausmädchen.

«Sie sind ein junges Mädchen», fiel Brittles ein, der ziemlich herzhaft zu werden anfing.

«Brittles hat recht», sagte Giles mit beiläufigem Kopfnicken; «von einem Mädchen war nichts anderes zu erwarten. Wir aber, als Männer, nahmen eine Blendlaterne aus Brittles' Kammer und fühlten uns in der Pechrabenfinsternis hinunter.» (Er war aufgestanden, hatte die Augen geschlossen, tappte ein paar Schritte vorwärts und durchsägte, um seine Schilderung mit angemessener Aktion zu begleiten, mit den Armen die Luft, bis er mit der Köchin in eine unangenehme Berührung kam und die Köchin und das Hausmädchen zu schreien anfingen, worauf er nach seinem Stuhle zurückeilte.) «Was hat das zu bedeuten?» unterbrach er sich plötzlich; «es wird geklopft – öffne jemand die Haustür!»

Niemand regte sich.

«Das ist doch seltsam, daß zu einer so frühen Morgenstunde geklopft wird», fuhr Giles, umherschauend und bleichen Antlitzes nur bleiche Gesichter gewahrend, fort; «allein die Tür muß geöffnet werden. He! Holla! hört denn niemand?»

Mr. Giles richtete bei diesen Worten die Blicke auf Brittles; allein der von Natur blöde, bescheidene Jüngling hielt sich mutmaßlich in der Tat für niemand und meinte sicher, daß die Frage unmöglich an ihn gerichtet sein könne. Jedenfalls gab er keine Antwort. Mr. Giles sendete dem Kesselflicker auffordernde Blicke zu, allein der Kesselflicker war urplötzlich eingeschlafen. Die Frauenzimmer kamen nicht in Betracht.

«Wenn Brittles die Tür etwa lieber in Gegenwart von Zeugen öffnen will,» sagte Mr. Giles nach einem kurzen Stillschweigen, «so bin ich bereit, einen solchen abzugeben.»

«Ich auch», sagte der Kesselflicker, ebenso plötzlich wieder aufwachend, wie er eingeschlafen war.

Brittles kapitulierte auf diese Bedingungen, und als man beim Öffnen der Fensterläden die Entdeckung machte, daß es heller Tag war, und dadurch gar sehr an Mut gewann, so zog die kleine, tapfere Schar aus, die Hunde voran und die Frauenzimmer in der Nachhut. Gemäß dem Rate Mr. Giles' sprachen alle sehr laut, um dem Feinde sogleich kundzutun, wie zahlreich sie waren, und gemäß einer unübertrefflichen, von demselben Gentleman ausgesonnenen Kriegslist wurden auf dem Hausflur die Hunde in die Schwänze gekniffen, damit sie ein wütendes Bellen erheben möchten, was sie auch taten.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, faßte Mr. Giles den Kesselflicker fest am Arme (damit er nicht fortliefe, wie Mr. Giles scherzend sagte) und gab den Befehl, die Tür zu öffnen. Brittles gehorchte. Einer blickte dem anderen bebend über die Schultern, und die Schar gewahrte nichts Fürchterlicheres als den armen, kleinen Oliver Twist, der bleich und erschöpft die Augen aufschlug und stumm um Mitleid flehte.

«Ein Knabe!» rief Mr. Giles, den Kesselflicker mutig zurück- und sich selber vordrängend, aus. «Was ist das – wie – Brittles – erkennen Sie ihn?»

Brittles, der beim Öffnen der Tür hinter dieselbe getreten war, stieß einen Schrei des Wiedererkennens aus, sobald er Oliver erblickte. Giles faßte den Knaben bei einem Beine und einem Arme – zum Glücke nicht bei dem verwundeten – zog ihn herein und legte ihn der Länge nach auf die Steinplatten nieder. «Hier, hier!» schrie Mr. Giles in größter Erregtheit die Treppe hinauf, «hier ist einer von den Dieben, Ma'am! Wir haben einen Dieb, Miß – einen Verwundeten, Miß! Ich traf ihn, Miß, und Brittles hielt das Licht!»

«In einer Laterne, Miß!» schrie Brittles, eine Hand an den Mund haltend, damit sein Ruf desto sicherer hinaufdränge.

Die Köchin und das Hausmädchen liefen hinauf, um der Herrschaft zu verkündigen, daß Mr. Giles einen Räuber gefangen habe, und der Kesselflicker bemühte sich, Oliver zum Bewußtsein zurückzubringen, damit er nicht stürbe, bevor er gehängt würde. Nach einiger Zeit ertönte von oben durch den Lärm eine sanfte und wohlklingende, einer jungen Dame angehörende Stimme: «Giles, Giles!»

«Hier, Miß, hier bin ich! Erschrecken Sie nicht, Miß; ich habe keinen bedeutenden Schaden genommen! Er leistete keinen sehr verzweifelten Widerstand, Miß; ich überwältigte ihn sehr bald.»

«Still doch; Sie erschrecken ja meine Tante fast ebensosehr, wie es die Diebe selbst getan haben. Ist der arme Mensch stark beschädigt?»

«Er hat eine furchtbare Wunde, Miß», rief Giles mit unbeschreiblichem Wohlbehagen hinauf.

«Er sieht aus, als wenn er den Geist aufgeben will, Miß», schrie Brittles, wie zuvor eine Hand an den Mund haltend. «Wollen Sie nicht herunterkommen, Miß, und ihn sehen, falls er –»

«So schreien Sie doch nicht so entsetzlich. Seien Sie einen Augenblick still; ich will mit meiner Tante sprechen.»

Die Sprecherin eilte mit leisen Fußtritten fort, kehrte bald wieder zurück und erteilte den Befehl, den Verwundeten vorsichtig hinauf in Mr. Giles' Zimmer zu tragen; Brittles sollte sogleich den Pony satteln, nach Chertsey reiten und eiligst einen Konstabler und den Doktor holen.

«Wollen Sie ihn aber nicht erst einmal sehen, Miß?» rief Giles mit so viel Stolz, wie wenn Oliver ein seltener und prachtvoller Vogel wäre, den er heruntergeschossen hätte.

«Nicht um die Welt!» erwiderte die junge Dame. «Der arme Mensch! Giles, behandeln Sie ihn ja recht gut, und wenn es auch nur um meinetwillen wäre!»

Der alte Diener des Hauses blickte, als sie sich entfernte, zu ihr hinauf, so stolz und wohlgefällig, als ob sie sein eigenes Kind gewesen wäre, und half sodann Oliver mit der liebevollen Sorgfalt und Aufmerksamkeit einer Frau hinauftragen.

Von den Bewohnern des Hauses, in welchem Oliver sich befand.

In einem artigen Zimmer – dessen Mobilien freilich mehr nach altmodischer Bequemlichkeit als nach moderner Eleganz aussahen – saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstische. Mr. Giles wartete im vollständigen schwarzen Anzuge auf. Er stand kerzengerade in der Mitte zwischen dem Schenk- und Frühstückstische mit zurückgeworfenem und fast unmerklich zur Seite geneigtem Kopfe, den linken Fuß vorangestellt und mit der rechten Hand im Busen, während die herunterhängende Linke einen Präsentierteller hielt, und sah aus, als wenn er sich des angenehmen Bewußtseins seiner Verdienste und Wichtigkeit freute.

Die eine der beiden Damen war betagt, allein die hohe Lehne ihres Stuhles war nicht gerader als ihre Haltung. Ihr Anzug war ein Muster von Sauberkeit und Genauigkeit, altmodisch, doch nicht ohne Spuren der Einwirkung des Tagesgeschmacks. So saß sie stattlich da, die gefalteten Hände auf dem Tische vor ihr, die Augen – denen die Jahre nur wenig von ihrem Glanze genommen – aufmerksam auf die jüngere Dame geheftet, die in der ersten zarten Blüte der Weiblichkeit stand, eine der jungfräulichen Gestalten, von welchen wir ohne Sünde annehmen mögen, daß Engel sie bewohnen, wenn der Allmächtige zur Ausführung seiner Absichten jemals zuläßt, daß sich die Himmelsbewohner in Gestalten der Sterblichen verkörpern dürfen.

Sie befand sich noch im siebzehnten Jahre, und ihre Figur war so leicht und ätherisch, so zart und edel, so lieblich und schön, als wäre die Erde ihre Wohnstätte nicht, als könnten die gröberen Wesen dieser Welt keine zu ihr passende Mitgeschöpfe sein. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen leuchtete und aus ihren edlen Zügen sprach, schien ihrem Alter zuvorgeeilt und kaum von dieser Welt zu sein; und doch verkündete der lebensvolle, freundlich-holde Ausdruck ihrer Mienen, die tausend Lichter, die auf ihrem rosigen Antlitz spielten und keinen Schatten auf ihm lagern ließen, ihr Lächeln – ihr frohes, seliges Lächeln – die höchste Gesinnungsschöne, den reinsten Herzensadel, die wärmste Liebe und Zärtlichkeit, die besten Gefühle und Eigenheiten der menschlichen Natur. Ihr Lächeln, ihr heiteres, glückstrahlendes Lächeln war für häuslichen Frieden, häusliches Glück geschaffen.

Sie war eifrig mit den kleinen Anordnungen zum Frühstück beschäftigt, und als sie zufällig die Augen aufschlug, während die ältere Dame sie anblickte, strich sie freundlich ihr einfach auf der Stirn gescheiteltes Haar zurück, und aus ihren Blicken leuchtete eine solche tief-innige Zärtlichkeit und natürlich-ungefälschte Liebenswürdigkeit hervor, daß selige Geister gelächelt haben möchten, sie so zu schauen.

Die ältere Dame lächelte, doch ihr Herz war schwer, und sie trocknete eine Zähre in dem freundlichen Auge ab.

«Brittles ist also schon seit einer Stunde fort?» fragte sie nach einem kurzen Stillschweigen.

«Eine Stunde und zwölf Minuten, Ma'am», antwortete Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einem schwarzen Bande herauszog.

«Er ist immer langsam», bemerkte die alte Dame.

«Er war von jeher ein langsamer Bursche, Ma'am», sagte Giles, und in Anbetracht dessen, daß Brittles, beiläufig gesagt, einige dreißig Jahre ein langsamer Bursche gewesen war, war es nicht eben wahrscheinlich, daß er jemals ein hurtiger werden würde.

«Ich glaube, er wird eher schlimmer als besser», fuhr die alte Dame fort.

«Es würde gar nicht zu entschuldigen sein, wenn er sich aufhielte, um etwa mit anderen Knaben zu spielen», fiel die junge Dame lächelnd ein.

Mr. Giles überlegte offenbar, ob er sich mit Schicklichkeit auch ein ehrerbietiges Lächeln erlauben dürfe, als ein Gig vorfuhr, ein dicker Herr heraussprang, in das Haus hereinstürmte und so eilig in das Zimmer hereinpolterte, daß er fast Mr. Giles und den Teetisch umgeworfen hätte.

«So etwas ist mir ja in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen!» rief er aus. «Meine beste Mrs. Maylie – daß sich der Himmel erbarme – und obendrein in der Stille der Nacht – es ist ganz unerhört, ganz unerhört!» Er schüttelte bei diesen Beileidsbezeigungen beiden Damen die Hände, nahm Platz und erkundigte sich nach ihrem Befinden. – «'s ist ein Wunder, daß der Schreck Sie nicht getötet – auf der Stelle getötet hat!» fuhr er fort. «In aller Welt, warum schickten Sie nicht zu mir? Wahrhaftig, mein Bedienter hätte in einer Minute hier sein sollen oder ich selbst und mein Assistent – jedermann würde mit Freuden herbeigeeilt sein. Es versteht sich ja ganz von selbst – unter solchen Umständen – Himmel! – und so unerwartet – und in der Stille der Nacht!»

Der Doktor schien besonders durch den Umstand ganz außer sich geraten zu sein, daß der Einbruch unerwartet und zu nächtlicher Zeit versucht worden war, als wenn es die feststehende Gewohnheit der im Fache des Einbrechens arbeitenden Gentlemen wäre, ihre Geschäfte um Mittag abzumachen und ihr Erscheinen ein paar Tage vorher durch die Briefpost anzukündigen.

«Und Sie, Miß Rose», sagte der Doktor zu der jungen Dame; «ich –»

«Ich befinde mich vortrefflich», unterbrach sie ihn; «aber oben liegt ein Verwundeter, und die Tante wünscht, daß Sie ihn besuchen.»

«Ah, ich entsinne mich», versetzte der Doktor. «Wie ich höre, haben Sie ihm die Wunde beigebracht, Giles.»

Mr. Giles, der in einem Fieber von Aufregung die Tassen geordnet hatte, errötete sehr stark und erwiderte, daß er die Ehre habe.

«Die Ehre?» sagte der Doktor. «Doch mag sein, daß es ebenso ehrenvoll ist, einen Dieb in einem Waschhause, wie einen Gegner auf zwölf Schritte weit zu treffen. Bilden Sie sich ein, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.»

Mr. Giles, der in dieser scherzhaften Behandlung der Sache einen ungerechten Versuch erblickte, seinen Ruhm zu verkleinern, erwiderte ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zukäme, ein Urteil darüber auszusprechen, allein er lebe doch des Glaubens, daß die Sache für den Getroffenen kein Spaß gewesen sei.

«Beim Himmel, das ist wahr!» sagte der Doktor. «Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Ich werde bald wieder bei Ihnen sein, Mrs. Maylie. Das ist das kleine Fenster, durch das er eingestiegen ist? Es ist kaum zu glauben.»

Er folgte, fortwährend sprechend, Mr. Giles die Treppe hinauf, und während er hinaufgeht, sei dem Leser gesagt, daß Mr. Losberne, der auf zehn Meilen im Umkreise unter dem Namen des «Doktors» bekannte Wundarzt, mehr infolge eines heiteren Temperaments als guten Lebens beleibt geworden und ein so gutherziger und biederer, nebenher auch wunderlicher alter Junggeselle war, daß man in einem fünfmal größeren Umkreise kaum seinesgleichen finden dürfte.

Der Doktor blieb weit länger fort, als es die Damen vermutet hatten. Es wurde ein langer, flacher Kasten aus dem Gig geholt, häufig geklingelt, die Dienerschaft lief treppauf, treppab; mit einem Worte, es mußte wohl etwas Wichtiges vorgehen. Endlich trat er mit einer äußerst geheimnisvollen Miene wieder herein, verschloß die Tür sorgfältig und sagte, während er mit dem Rücken an sie gelehnt stehenblieb, als wenn er verhindern wollte, daß jemand hereinkäme: «Mrs. Maylie, dies ist ein ganz wunderbarer Fall.»

«Ich will doch hoffen, daß der Patient sich nicht in Gefahr befindet?» fragte die alte Dame.

«Es würde den Umständen nach nicht zu verwundern sein,» erwiderte Losberne, «obwohl ich es nicht glaube. Haben Sie den Dieb gesehen?»

«Nein.»

«Auch sich ihn nicht beschreiben lassen?»

«Nein.»

«Bitt' um Vergebung, Ma'am», fiel Giles ein; «ich wollte Ihnen eben eine Beschreibung von ihm geben, als Doktor Losberne erschien.»

Die Sache verhielt sich indes so, daß sich Mr. Giles nicht hatte überwinden können, das Geständnis zu machen, daß er nur einen Knaben getroffen habe. Er hatte wegen seines mutvollen Benehmens so große Lobsprüche erhalten, daß er nicht umhin gekonnt, die Aufhellung der Sache noch ein paar entzückende Minuten aufzuschieben, um noch ein Weilchen in dem süßen Bewußtsein des Ruhmes einer unerschütterlichen Herzhaftigkeit zu schwelgen.

«Rose wünschte den Mann zu sehen,» sagte Mrs. Maylie, «allein ich wollte nichts davon hören.»

«Hm!» sagte der Doktor. «Er sieht aber nicht eben sehr fürchterlich aus. Möchten Sie ihn auch nicht in meiner Gegenwart sehen?»

«Warum nicht, wenn Sie es für notwendig halten?» erwiderte die alte Dame.

«Ich muß es für notwendig erklären oder bin doch jedenfalls überzeugt, daß Sie es gar sehr bedauern würden, es nicht getan zu haben, wenn Sie ihn später zu sehen bekämen. Er ist vollkommen ruhig, und wir haben auch in allen Beziehungen für ihn gesorgt. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Rose. Auf meine Ehre, Sie brauchen nicht im mindesten Furcht zu hegen.»

Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.

Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die Treppe hinauf.

«Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken», sagte er, als sie vor der Tür des Patienten standen. «Er hat sich seit vielen Tagen den Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein Gurgelabschneider aus.»

Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück, und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den sie zu sehen erwartet hatten – einen vor Schmerz und Erschöpfung eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust, und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes, wallendes Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren, beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.

Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie entfernte Töne einer lieblichen Melodie oder das Rauschen des Wassers an einem heimlichen Plätzchen oder der Duft einer Blume oder selbst das Aussprechen eines teuren Namens bisweilen plötzlich unbestimmte Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen Erinnerung eines längst vergangenen glücklichen Daseins emporzutauchen scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder zurückzurufen.

«Ich bin fast außer mir vor Verwunderung», flüsterte die alte Dame. «Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebes- und Räuberzögling sein.»

«Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf», versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ, «und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.»

«Aber doch nicht bei solcher Jugend», fiel Rose ein.

«Meine teure Miß,» entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln, «das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft seine auserwählten Opfer.»

«O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?» wandte Rose lebhaft ein.

Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.

«Aber selbst, wenn er ruchlos gewesen wäre,» fuhr Rose fort, «so bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat, und wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird, das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein würde. Oh, so gewiß Sie mich liebhaben und wissen, daß ich bei Ihrer Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät ist.»

«Mein liebes Kind,» sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an die Brust drückend, «glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines Hauptes krümmen lassen wollen?»

«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose mit Lebhaftigkeit aus.

«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort, «meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des Knaben tun, Sir?»

«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie mich nachdenken.»

Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am. – Ja – ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts dawider?»

«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein», antwortete Mrs. Maylie.

«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.

«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter zu, als es unumgänglich notwendig ist.»

«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden, und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen benutzen zu können.»

«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose errötend.

«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend. «Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung – daß ich ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung – zum wenigsten von meiner Seite – überlassen wird.»

«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.

«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»

«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist unmöglich.»

«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»

Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.

Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten, denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes, allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt, daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als – was sonst geschehen sein würde – darauf zu bestehen, daß er sich bis zum folgenden Morgen ruhig verhalten solle.

Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung, innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir – während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen – nur mit einem einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten, die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf unsere Häupter herabzusenden – wenn wir im Geist nur einen Augenblick hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen machen kann!

Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.

Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen, verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe, großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.

«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.

«Schönen Dank, Sir», sagte Mr. Giles. «Misses befahlen mir, ein wenig Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eignen kleinen Zimmer zu eng war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen Anteil hier.»

Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht verlassen würde.

«Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?» fragte Giles.

«Nicht eben gar zu gut», erwiderte der Doktor. «Ich fürchte, Giles, daß Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.»

«Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben werde», sagte Giles zitternd. «Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.»

«Das ist nicht der Kernpunkt der Sache», fuhr der Doktor geheimnisvoll fort. «Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?»

«Ja, Sir, ich sollte meinen», stotterte der sehr blaß gewordene Haushofmeister.

«Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch – haben Sie auch ein Gewissen, Brittles?»

«Barmherziger Himmel, Sir – wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich auch eins.»

«Dann sagt mir beide – alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus mit der Sprache! Sagt an, sagt an!»

Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone, daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. – «Achten Sie auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler», sprach der Doktor weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; «es kann früher oder später viel darauf ankommen.»

Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte, und griff zu seinem Stabe.

«Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der Person», fuhr der Doktor fort.

«Sie haben vollkommen recht, Sir», sagte der Konstabler unter heftigem Husten, denn er hatte rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen war.

«Es wird in das Haus eingebrochen,» sagte der Doktor, «und zwei Leute sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und schwören, daß er an dem Einbruch teilgenommen habe. Die Frage ist nun die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber versetzen? Und nun noch einmal,» donnerte der Doktor, während der Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah, «seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium die Identität des Knaben zu beschwören?»

Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an; der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.

«Es sind die Polizeimänner aus London», rief Brittles, sich sehr erleichtert fühlend, aus.

«In aller Welt, wie kommen denn die hierher?» fragte der Doktor, seinerseits erschreckend.

«Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,» antwortete Brittles, «und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.»

«Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!» sagte der Doktor im Hinauseilen.

Eine kritische Situation.

«Wer ist hier?» fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.

«Öffnen Sie die Tür», entgegnete ein Mann von draußen. «Es sind die Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.»

Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.

«Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen kurze Zeit unterstellen können?»

Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete, schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes, ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen. Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.

«Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären», sagte der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar Handfesseln auf den Tisch legend. «Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein Wörtchen allein mit Ihnen reden?»

Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. «Dies ist die Dame des Hauses», sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie zu.

Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in guter Gesellschaft bewegt zu haben schien oder sich doch jedenfalls nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines Handstockes an den Mund.

«Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch kommen, Sir», sagte Blathers. «Wie verhält es sich mit der Sache?»

Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr pfiffig zu.

«Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,» bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, «als bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die – denn ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen – daß er von keinem Kaffer verübt ist – was sagst du, Duff?»

Duff war derselben Meinung.

«Sie wollen sagen,» versetzte Losberne lächelnd, «der Einbruch sei von keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?»

«Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?»

Losberne verneinte.

«Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im Hause spricht?»

«O ganz und gar nichts», erwiderte der Doktor. «Der Haushofmeister hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen – 's ist aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.»

«Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen», bemerkte Duff.

«Du hast ganz recht, Duff», sagte Blathers mit bekräftigendem Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein Paar Kastagnetten gewesen wären. «Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen sein, Sir?»

«Natürlich, nein», sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick zuwerfend. «Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und – doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?»

«Allerdings,» erwiderte Blathers. «Wir nehmen zuerst die Stelle in Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.»

Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in Begleitung des Konstablers des Ortes, Brittles', Giles' und, mit einem Worte, sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine Gemach am Ende des Hausflurs und sahen aus dem Fenster, gingen darauf hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen, spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht; beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der in Beziehung auf Heimlichkeit und Feierlichkeit eine Konsultation berühmter Doktoren über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.

Losberne ging unterdessen im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.

«Auf mein Wort,» sagte er, plötzlich stillstehend, «ich weiß kaum, was hier zu tun ist.»

«Wenn den beiden Männern», versetzte Rose, «die Geschichte des unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug, ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.»

«Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame», wandte der Doktor kopfschüttelnd ein. «Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt, unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.»

«Sie schenken ihr doch Glauben?» fiel Rose hastig ein.

«Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht ein großer Tor, weil ich es tue,» versetzte der Doktor; «allein nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.»

«Warum aber nicht?» fragte Rose.

«Meine schöne Inquirentin,» erwiderte Losberne, «weil in ihr, wenn man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem, was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat, und aus dem Hause des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?»

«Natürlich leuchtet es mir ein», erwiderte Rose, den Eifer des Doktors belächelnd; «allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die Schuld des armen Kindes erwiesen würde.»

«Nicht – ei!» rief Losberne aus. «O, über die hellen, scharfen Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!»

Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer auf und ab zu gehen. «Je mehr ich darüber nachdenke,» fuhr er fort, «desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden, und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen, von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn aus dem Elende zu retten.»

«O bester Doktor, was ist da zu tun?» rief Rose aus. «Du lieber Himmel, daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei zu schicken!»

«Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre», fiel Mrs. Maylie ein.


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