32. Kapitel.

«Ich weiß nur eins,» sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe der Verzweiflung hinsetzend, «daß ich die Kerle mit göttlicher Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!»

Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.

«Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehabt», bemerkte Mrs. Maylie.

«Mag wohl sein, Ma'am», entgegnete Blathers; «sie konnte aber auch Hand im Spiele gehabt haben.»

«Und eben weil kein Verdacht sie traf,» fiel Duff ein, «mußte um so mehr danach geforscht werden.»

«Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist», fuhr Blathers fort; «die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.»

«In Wahrheit sehr wackere Arbeit», bemerkte Duff leise.

«Der Einbrecher sind zwei gewesen,» berichtete Blathers weiter, «und sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den Burschen, den Sie im Hause haben.»

«Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs. Maylie», sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein neuer Gedanke aufgegangen wäre.

«Gewiß», fiel Rose eifrig ein. «Es steht Ihnen sogleich alles zu Diensten, wenn Sie befehlen.»

«Besten Dank, Miß», sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund fahrend. «So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.»

«Was belieben Sie?» fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem Eckschrank folgend.

«Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir», erwiderte Blathers. «Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der Branntwein läuft einem so warm übers Herz.»

Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.

«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher Geschichten erlebt.»

«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.

«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»

«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir, die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im Spiele dabei gehabt als ich.»

«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch, wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»

«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.

«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed –»

«Conkey bedeutet soviel als EmmesgatscheAN, Ma'am», bemerkte Duff.

«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der Zeit noch nicht zur KabruscheAO, und einst wurden ihm mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach. Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt, Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes Beistand zu leisten. ‚Spyers‘, sagte Chickweed, ‚ich habe ihn gestern morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.‘ – ‚Warum haben Sie ihn nicht sogleich angehalten?‘ fragte Spyers. ‚Ich war so bestürzt, daß Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen können,‘ antwortete der arme Mensch; ‚wir werden ihn aber gewiß attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er wieder vorüber.‘ Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh', aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich anfing zu schreien: ‚Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!‘ Jem Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du, geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»

«Was sagte denn Jem Spyers?» fragte der Doktor, der wieder in das Zimmer zurückgekehrt war.

«Jem Spyers,» erwiderte der Erzähler, «sagte 'ne lange Zeit gar nichts und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu Chickweed und sagte: ‚Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den Diebstahl begangen hat.‘ – ‚Wirklich!‘ rief Chickweed aus; ‚o mein bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie heißt der Bösewicht?‘ – ‚Guter Freund,‘ antwortete Spyers, ihm eine Prise anbietend, ‚lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.‘ Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück Geld gemacht, und es würde auch niemand dahintergekommen sein, wenn er nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fernzuhalten.»

«Ein seltsamer Fall», bemerkte der Doktor. «Wenn es Ihnen aber beliebt, so können Sie jetzt hinaufgehen.»

Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer. Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher, ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich befand oder was mit ihm vorgegangen war.

«Dies ist der Knabe,» sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit großer Lebhaftigkeit, «der in einem Garten hier in der Nähe bei einer kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten, was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.»

Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von Furcht und Verwirrung ausdrückten.

«Sie werden nicht leugnen wollen?» fügte Losberne, Oliver wieder niederlegend, hinzu.

«Es geschah alles zum – zum Besten, Sir!» antwortete Giles. «Ich hielt ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich bin wahrlich kein Unmensch, Sir.»

«Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?» fragte Blathers.

«Für den Gehilfen der Einbrecher», erwiderte Giles. «Sie – sie hatten einen Knaben bei sich.»

«Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?»

«Kann's wirklich nicht sagen – könnt's nicht beschwören, daß er es ist.»

«Was glauben Sie aber?»

«Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie wissen, daß er es nicht sein kann.»

«Hat der Mann getrunken, Sir?» fragte Blathers den Doktor.

Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte, die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit, und daß nur einige seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.

Unter anderen scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, – eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte. Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am anderen Morgen wiederzukommen.

Am anderen Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung aller sonstigen Indizien, nicht als genügender Beweis gilt, daß der oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so klug zurück, wie sie hingereist waren.

Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen Conkey Chickweed zuzuschreiben.

Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel erhört werden – und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört? –, so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem Innern belohnt wurden.

Von dem glücklichen Leben, das Oliver bei seinen gütigen Gönnerinnen zu führen anfing.

Oliver litt nicht wenig. Zu den Schmerzen der Schußwunde kam noch ein heftiges Fieber, die Folge der Kälte und Nässe, der er nach seiner Verwundung ausgesetzt gewesen war. Er lag mehrere Wochen fest zu Bett, fing indes allmählich an zu genesen und konnte bald unter Tränen mit wenigen Worten ausdrücken, wie tief er die Güte der beiden freundlichen, liebevollen Damen empfände, und wie sehr er wünschte und hoffte, wenn er wiederhergestellt wäre, imstande zu sein, ihnen Beweise seiner Dankbarkeit zu geben, etwas zu tun, und wenn es noch so wenig wäre, ihnen die Liebe zu zeigen, die sein Herz erfüllte, ihnen die Überzeugung zu verschaffen, daß sie ihre Güte an keinen Unwürdigen verschwendeten, sondern daß der arme, verlassene Knabe, den sie vom Elende oder Tode errettet, den glühenden Wunsch hege, ihnen nach all seinen Kräften und mit tausend Freuden zu dienen.

«Armes Kind!» sagte Rose, als er eines Tages mit bleichen Lippen Worte des Dankes zu stammeln versuchte. «Du sollst viele Gelegenheiten erhalten, uns zu dienen, wenn du willst. Wir gehen auf das Land, und meine Tante beabsichtigt, dich mitzunehmen. Die ländliche Ruhe, die reine Luft und die Freuden und Schönheiten des Frühlings werden bald deine gänzliche Genesung bewirken, und wir wollen dir hundert kleine Geschäfte auftragen, sobald du der Mühe gewachsen bist.»

«Der Mühe!» sagte Oliver. «Ach, wenn ich nur für Sie arbeiten – Ihnen nur Freude machen könnte, dadurch, daß ich Ihre Blumen begösse, Ihre Vögel fütterte, den ganzen Tag hin und wieder für Sie liefe, was würde ich darum geben!»

«Du sollst gar nichts darum geben,» versetzte Rose lächelnd, «denn wie ich es dir schon gesagt habe, wir denken dich auf die vielfachste Weise zu beschäftigen, und du wirst mir die größte Freude bereiten, wenn du nur halb so viel tust, wie du jetzt versprichst.»

«Ihnen Freude bereiten – o wie gütig Sie sind!» rief Oliver aus.

«Du wirst mir mehr Freude bereiten, als ich es dir sagen kann», versetzte die junge Dame. «Es gewährt mir schon unsägliches Vergnügen, zu denken, daß meine liebe, gute Tante ein Werkzeug in den Händen der Vorsehung gewesen ist, einen Knaben aus einer so entsetzlichen Lage zu erretten, wie du sie uns beschrieben hast; allein zu erfahren, daß ihr kleiner Schützling dankbar und liebevoll gegen sie für ihre Wohltätigkeit und ihr Mitleid ist, wird mich weit glücklicher machen, als du es dir vorstellen kannst. Verstehst du mich, Oliver?» fragte sie, Olivers nachdenkliches Gesicht betrachtend.

«O ja, ja, ich verstehe Sie wohl; aber ich meinte nur, daß ich jetzt undankbar wäre.»

«Gegen wen denn?»

«Gegen den gütigen Herrn und die gute alte Frau, denen ich so große Wohltaten verdanke, die sich meiner so liebevoll annahmen. Gewiß, sie würden sich freuen, wenn sie es wüßten, wie gut ich es hier habe.»

«Das glaube ich auch, und Mr. Losberne hat schon versprochen, dich mitzunehmen zu ihnen, sobald es deine Kräfte erlauben würden.»

«Hat er das versprochen? Oh, ich weiß nicht, was ich vor Freude tun werde, wenn ich sie einmal wiedersehe!»

Oliver war nach einiger Zeit hinlänglich wiederhergestellt, um stark genug zu einer Ausfahrt zu sein, und fuhr eines Morgens mit Mr. Losberne in Mrs. Maylies Wagen ab. Als sie an die Brücke von Chertsey kamen, erblaßte Oliver plötzlich und stieß einen lauten Ausruf der Überraschung und Bestürzung aus.

«Was gibt es?» rief der Doktor mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit. «Siehst du etwas – hörst du etwas – hast du Schmerz – was gibt's?»

«Da, Sir!» sagte Oliver, aus dem Wagenfenster zeigend. «Da, jenes Haus!»

«Was ist mit dem Hause? Halt, Kutscher! – He – was willst du sagen?»

«Die Diebe – in das Haus schleppten sie mich», flüsterte Oliver.

«Ist es möglich! Halt, halt, Kutscher!» rief der Doktor, sprang aus dem Wagen, noch ehe derselbe hielt, lief nach dem verödet aussehenden Hause und fing an wie toll gegen die Tür zu hämmern.

«Zum Teufel, was soll das?» sagte ein kleiner, häßlicher, buckliger Mann, der die Tür so plötzlich öffnete, daß Losberne fast in das Haus hineingefallen wäre.

«Was das soll?» rief der Doktor, ihn ohne Umstände beim Kragen fassend. «Sehr viel soll's. Es handelt sich um Diebstahl und Einbruch.»

«Und es wird sich auch sogleich um Mord handeln,» erwiderte der Bucklige kaltblütig, «wenn Sie nicht sogleich von mir ablassen. Hören Sie?»

«Ich höre sehr wohl», sagte der Doktor, ihn kräftig schüttelnd. «Wo ist – wie heißt der verwünschte Halunke gleich – ja, Sikes – Spitzbube, wo ist Sikes?»

Der Bucklige starrte ihn erstaunt und wütend an, entschlüpfte ihm, stieß eine Flut der schrecklichsten Verwünschungen aus und ging in das Haus zurück. Bevor er jedoch die Tür wieder verschließen konnte, stürmte der Doktor in das nächste Zimmer hinein und blickte forschend umher, allein von allem, was er sah, wollte nichts mit Olivers Beschreibung zusammenstimmen.

«Was soll das bedeuten, daß Sie auf solche Weise in mein Haus eindringen?» fragte nach einigen Augenblicken der Bucklige, der ihn scharf beobachtet hatte. «Wollen Sie mich bestehlen oder ermorden?»

«Hast du jemals einen Mann in solcher Absicht aus einer Equipage aussteigen sehen, du lächerliche, alte Mißgeburt?» lautete des reizbaren Doktors Gegenfrage.

«Was wollen Sie denn aber sonst?» fuhr ihn der Bucklige an. «Packen Sie sich augenblicklich aus meinem Hause, oder es wird Sie reuen.»

«Ich werde gehen, sobald es mir beliebt,» sagte Losberne, in das andere Zimmer hineinblickend, das gleichfalls keine Ähnlichkeit mit dem von Oliver beschriebenen hatte, «und will dir schon noch hinter die Schliche kommen!»

«So!» höhnte der Krüppel. «Wenn Sie mich suchen, ich bin hier zu finden. Ich habe hier nicht als ein Verrückter und ganz allein seit fünfundzwanzig Jahren gewohnt, um mich von Ihnen hudeln zu lassen. Sie sollen mir dafür büßen, sollen mir dafür büßen!»

Der mißgestaltete kleine Dämon fing darauf an, auf das schrecklichste und ungebärdigste zu schreien und zu toben, der Doktor murmelte vor sich hin: «Dumme Geschichte! Der Knabe muß sich geirrt haben», warf dem Buckligen ein Stück Geld zu und kehrte zu dem Wagen zurück. Der Bucklige folgte ihm unter beständigen Schimpfreden und Verwünschungen, sah, während Losberne dem Kutscher ein paar Worte sagte, in den Wagen hinein und warf Oliver einen so grimmigen, stechenden, rachsüchtigen und giftigen Blick zu, daß ihn der kleine Rekonvaleszent monatelang wachend oder schlafend nicht wieder vergessen konnte. Losberne stieg ein, und sie fuhren ab, hörten aber den Buckligen noch lange schreien und toben, der sich vor Wut schäumend das Haar zerraufte, mit den Füßen stampfte und ganz außer sich zu sein schien.

«Ich bin ein Esel!» sagte der Doktor nach einem langen Stillschweigen. «Hast du das schon gewußt, Oliver?»

«Nein, Sir.»

«Dann vergiß es ein anderes Mal nicht. – Selbst wenn es das Haus war,» fuhr er nach einer abermaligen Pause fort, «und die Diebe darin gewesen wären – was hätt' ich als einzelner tun können? Und hätt' ich Beistand gehabt, so wäre auch nichts weiter dabei herausgekommen, als daß meine Voreiligkeit und die Weise kund geworden, wie ich den unangenehmen Handel zu vertuschen gesucht. Es wäre mir freilich gerade recht geschehen, und ich würde nicht dümmer danach geworden sein, denn ich bringe mich selbst in eine Patsche nach der andern, indem ich immer bloß nach den fatalen Eindrücken des Augenblicks handle.»

Der treffliche Doktor hatte in seinem ganzen Leben nur nach ihnen gehandelt, und es lag kein geringes Lob der in ihm vorherrschenden oder ihn bestimmenden Eindrücke in dem Umstande, daß er, weit entfernt, jemals in ernstliche Unannehmlichkeiten durch sie geraten zu sein, bei allen, die ihn kannten, die wärmste und größte Hochachtung genoß. Muß die Wahrheit gesagt sein, so war er ein paar Minuten übler Laune, sich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, sogleich bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Zeugnisse für die Wahrheit der Erzählung Olivers zu erhalten. Sein Gleichmut war jedoch bald wiederhergestellt, und da die Antworten des Knaben auf seine erneuerten Fragen klar und zusammenhängend waren und blieben und mit derselben offenbaren Aufrichtigkeit wie früher gegeben wurden, so nahm er sich vor, ihnen von nun an vollkommenen Glauben zu schenken.

Da Oliver die Straße zu nennen wußte, in welcher Mr. Brownlow wohnte, so waren keine Kreuz- und Querfragen erforderlich, und als sie hineinfuhren, klopfte des Knaben Herz so heftig, daß er kaum zu atmen imstande war. Losberne forderte ihn auf, das Haus zu bezeichnen.

«Das da!» rief Oliver, eifrig aus dem Fenster zeigend. «Das weiße Haus! Oh, lassen Sie rasch fahren, recht rasch. Es ist mir, als wenn ich sterben müßte, eh' ich hinkomme; ich kann mir vor Zittern nicht helfen!»

«Nur Geduld, mein lieber Kleiner», sagte Losberne, ihn auf die Schulter klopfend. «Du wirst deine Freunde sogleich sehen, und sie werden sich freuen, dich gesund und wohlbehalten wiederzufinden.»

«Oh, das hoff' ich auch», versetzte Oliver. «Sie waren so gütig, so sehr, sehr gütig gegen mich, Sir.»

Der Wagen hielt, und Oliver blickte mit Tränen der freudigsten Erwartung nach den Fenstern hinauf. Doch ach! Das weiße Haus war unbewohnt; ein Anschlag verkündigte, daß es zu vermieten sei. Losberne stieg aus, zog den Knaben mit sich fort, klopfte an die nächste Tür und fragte die öffnende Magd, ob sie wisse, wohin sich Mr. Brownlow gewendet, der nebenan gewohnt habe. Sie wußte es nicht, lief hinauf, um sich zu erkundigen, kehrte zurück und brachte die Nachricht, er habe sein Haus und seine Mobilien verkauft und sei vor sechs Wochen nach Westindien gegangen. Oliver schlug die Hände zusammen und wäre bald zu Boden gesunken.

«Hat er auch seine Haushälterin mitgenommen?» fragte Losberne nach einem kurzen Stillschweigen.

«Ja, Sir; der alte Herr, die Haushälterin und ein Freund von ihm sind miteinander abgereist.»

«Wir kehren sogleich nach Hause zurück», rief der Doktor dem Kutscher zu; «und fahren Sie rasch, daß wir sobald wie möglich aus dem verwünschten London wieder hinauskommen.»

«Der Buchhändler, Sir – wollen wir nicht zu ihm?» fiel Oliver ein. «Ich weiß, wo er wohnt. O bitte, lassen Sie uns zu ihm fahren.»

«Mein liebes Kind, wir haben für einen Tag der Täuschung genug gehabt», erwiderte Losberne. «Führen wir zum Buchhändler, so würden wir sicher hören, daß er sein Haus angezündet hat, oder davongegangen oder tot wäre. Nein, wir wollen für heute sogleich wieder nach Chertsey zurückkehren.»

Er wiederholte, gemäß dem Eindruck des Augenblicks, seinen Befehl, und sie kehrten nach Chertsey zurück.

Die erfahrene bittere Täuschung verursachte Oliver mitten in seinem Glücke viel Kummer; denn wie oft hatte er sich während seiner Krankheit an der Vorstellung gelabt, was Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin zu ihm sagen würden, und welche Wonne es sein müßte, ihnen zu erzählen, wie viele lange Tage und Abende er zugebracht in der Erinnerung an das, was sie für ihn getan, und in Tränen über seine schreckliche Entführung aus ihrem Hause. Die Hoffnung, sich von Verdacht bei ihnen reinigen zu können, hatte ihn in mancher bösen Stunde aufrecht erhalten; und nun war der Gedanke, daß sie außer Landes gegangen in dem Glauben, daß er ein Dieb und Betrüger sei – einem Glauben, in welchem sie vielleicht bis zu ihrer Sterbestunde verharrten – fast mehr, als er zu ertragen vermochte.

Das Benehmen seiner Wohltäter und Gönner gegen ihn blieb jedoch unverändert. Als nach vierzehn Tagen schönes Frühlingswetter war, die Bäume im jungen, frischen Grün zu prangen und die Blumen zu blühen anfingen, trafen sie die erforderlichen Vorbereitungen, ihre Wohnung in Chertsey auf einige Monate zu verlassen. Das Silbergerät, das die Begierde des Juden erregt hatte, wurde in sicheren Gewahrsam gebracht, Giles mit einem zweiten Diener zur Bewachung des Hauses zurückgelassen, und sie reisten ab auf das Land und nahmen Oliver mit.

Wer vermöchte das selige Entzücken, den Seelenfrieden und die süße, trauliche Ruhe zu schildern, die der noch immer schwache Knabe in der balsamischen Luft, auf den grünen Hügeln und in den schönen Waldungen empfand, die das kleine Dorf, seinen neuen Wohnsitz, umgaben! Wer könnte es mit Worten beschreiben, welche Stille, welche Frische, welche Lust ein Frühling auf dem Lande in die Herzen geplagter Stadtbewohner senkt! Selbst von Leuten, die in engen, menschengefüllten Straßen ihr Leben unter stetem Geräusch und in fortwährender Plackerei zugebracht haben, und in denen nie ein Wunsch nach Veränderung ihrer Lage aufgestiegen ist, und die das Mauerwerk und die Steine, die engen Grenzmarken ihrer kleinen, täglichen Ausflüge, fast zu lieben angefangen – selbst von ihnen, wenn die Todesstunde sich ihnen nahte, weiß man es, daß sie sich endlich nach einem flüchtigen Blicke des Antlitzes der Natur sehnten, daß sie, hinweggeführt von dem Schauplatze ihrer Mühen, Schmerzen und Freuden, gleichsam verjüngt zu werden schienen, Tag für Tag ein grünes, sonniges Plätzchen aufsuchten und in dem bloßen Schauen des blauen Himmels, der blumenübersäten Wiesen und des glitzernden Stromes einen Vorgeschmack des Himmels selbst empfanden, der ihre letzten Leiden versüßte, so daß sie friedlich wie die untergehende Sonne in ihre Gräber sanken, gleich der Sonne, die sie mit Entzücken am Fenster ihres einsamen, stillen Kämmerchens sinken sahen. Die Erinnerungen, welche durch friedliche ländliche Szenen hervorgerufen werden, sind nicht von dieser Welt und ihren Gedanken oder Hoffnungen. Ihr süßes, lindes Einwirken kann uns lehren, frische Kränze für die Gräber unserer Lieben zu winden, unsere Herzen zu läutern und unseren alten Haß, unsere Feindschaften zu verscheuchen und auszutilgen; und durch das alles zieht sich auch bei minder sinnigen Gemütern ein halbes, unbestimmtes Bewußtsein, Gefühle solcher Art einst in einer fernen, längstentflohenen Zeit empfunden zu haben – ein Bewußtsein, das feierlich-ernste Ahnungen einer entfernten kommenden Zeit erweckt, und Stolz und Weltsinn dämpft und unterdrückt.

Das Dörfchen, wohin sie sich begaben, lag äußerst angenehm, und Oliver war es, als wenn ein neues Leben für ihn begonnen hätte, denn er hatte seine Tage von frühester Kindheit an in engen, oft schmutzigen Räumen und unter Geräusch und Lärm zugebracht. Rosen und Geißblatt bedeckten die Wände des Häuschens seiner Gönnerin, die Stämme der Bäume waren mit Efeu bewachsen, und die Gartenblumen erfüllten die Luft mit köstlichen Düften. Dicht neben dem Häuschen lag ein kleiner Friedhof, nicht angefüllt mit hohen, widerwärtigen Grabsteinen, sondern voll von bescheidenen Gras- und Mooshügelchen, unter welchen die alten Leute des Dorfes von ihren Mühen ausruhten. Oliver besuchte ihn oft und setzte sich, des elenden Grabes seiner Mutter gedenkend, bisweilen nieder und weinte ungesehen; doch wenn er dann die Augen emporhob zu dem klaren blauen Himmel über ihm, so dachte er sie sich nicht mehr ruhend im Schoße der Erde, sondern droben in den Wohnungen der Seligen und weinte wohl fort um sie, doch ohne Schmerz.

Es war eine schöne, glückliche Zeit. Die Tage vergingen friedlich und heiter, und die Abende brachten weder Furcht noch Sorge, kein Schmachten in einem düsteren Kerker, nicht den Anblick heimkehrender, verworfener Menschen mit sich, sondern nur süße, traute Gedanken. Jeden Morgen ging Oliver zu einem silberhaarigen, alten Manne, der dicht neben der kleinen Kirche wohnte und ihn lesen und schreiben lehrte, und so freundlich mit ihm redete und sich so sehr um ihn bemühte, daß Oliver sich selbst nie genug tun konnte, ihm Freude zu machen. Zu anderen Tagesstunden lustwandelte er mit Mrs. Maylie und Miß Rose und hörte ihrer Unterhaltung zu oder saß bei ihnen an einem schattigen Plätzchen und horchte dem Vorlesen der jüngeren Dame, ohne sich jemals satthören zu können. Zu anderen Zeiten war er eifrig mit seiner Lektion auf den folgenden Tag in einem kleinen Zimmer beschäftigt, dessen Fenster in den Garten ging; und wenn der Abend herankam, ging er wieder mit den Damen aus und war überglücklich, wenn er ihnen eine Blume pflücken konnte, nach welcher sie etwa Begehrung trugen, oder wenn sie etwas vergessen hatten und ihm auftrugen, es zu holen. War es dämmerig geworden, so pflegte sich Rose an das Fortepiano zu setzen und zu spielen oder ein altes Lied zu singen, das ihre Tante zu hören wünschte, und Oliver saß dann am Fenster und horchte den lieblichen Tönen, und Zähren wehmütiger Lust rannen über seine Wangen hinab.

Wie ganz anders wurde der Sonntag hingebracht, als ihn Oliver je verlebt hatte, und welch ein schöner Tag war er gleich den anderen Tagen in dieser glücklichen Zeit! Morgens wurde die kleine Kirche besucht, vor deren Fenstern sich grüne Blätter im Winde bewegten, und draußen zwitscherten die Vögel, und durch die niedrige Tür drang die reine, erquickende Luft herein. Die armen Landleute erschienen so sauber und reinlich und knieten bei den Gebeten so ehrfurchtsvoll nieder, daß ihr Gottesdienst wie eine Freude und nicht wie eine beschwerliche Pflichtübung erschien; und wenn der Gesang auch weniger als kunstlos war, so kam er doch vom Herzen und klang zum wenigsten Olivers Ohre wohltönender als alle Kirchenmusik, die er in seinem ganzen Leben gehört hatte. Und dann wurden die Spaziergänge wie gewöhnlich gemacht, und manche reinliche Hütte im Dorfe ward besucht; abends las dann Oliver einige Kapitel aus der Bibel vor, die ihm in der Woche vorher erklärt waren, und er empfand dabei eine so stolze Freude, als wenn er der Geistliche selbst gewesen wäre.

Morgens früh um sechs Uhr war er auf und draußen und streifte in den Feldern umher, Sträuße von wilden Blumen pflückend, mit denen er den Frühstückstisch schmückte. Auch brachte er frisches Kreuzkraut für Roses Vögel mit nach Hause, und waren dieselben besorgt, so hatte er fast täglich einen kleinen Mildtätigkeitsauftrag im Dorfe auszurichten, oder es war etwas im Garten zu tun, wobei er unter der Anleitung des Gärtners den lebhaftesten Eifer bewies, bis Miß Rose erschien und ihn durch manches Lächeln, manchen freundlichen Lobspruch belohnte.

So vergingen drei Monate – drei Monate, die im Leben der Glücklichsten schön zu nennen gewesen sein würden, für Oliver aber, nach seinen unruhigen, trüben Tagen, die ungemischteste Seligkeit waren. Bei reinster und edelster Liebe und Großmut auf der einen und bei der wahrhaft innigsten und wärmsten Dankbarkeit auf der anderen Seite war es in der Tat kein Wunder, daß Oliver am Schlusse dieses kurzen Zeitabschnittes bei der alten Dame und ihrer Nichte vollkommen heimisch geworden war, und daß beide durch ihren Stolz auf ihn und ihre Freude an ihm die heiße Zuneigung seines jungen und lebhaft empfänglichen Herzens vergalten.

In dem Olivers und seiner Gönnerinnen Glück eine plötzliche Störung erleidet.

Der Frühling schwand rasch dahin, und der Sommer kam, und war alles umher schön gewesen im Lenz, so blühte und glänzte es nun in vollster, üppigster Pracht. Die Bäume streckten ihre Arme über den durstigen Boden aus, verwandelten offene und nackte Stellen in dunkle, heimliche Plätzchen, und wie köstlich ließen sich aus ihrem stillen, hehren Schatten die sonnigen Felder beschauen! Die Erde hatte sich mit ihrem glanzvoll grünsten Mantel geschmückt, und Millionen Blüten durchdufteten die Luft. Alles grünte, blühte, strahlte von Lust und verkündete Freude.

Das ruhige Leben in Mrs. Maylies Landhäuschen nahm seinen Fortgang, und heiter und froh genossen die Bewohner die schöne Zeit. Oliver war gesund und kräftig geworden, ohne daß – wie es sonst wohl der Fall ist – eine Änderung in seinen Gefühlen oder seinem Benehmen eingetreten wäre. Er war fortwährend derselbe sanfte, zärtliche, liebevolle Knabe, der er gewesen, als unter Krankheit und Schmerz seine Kräfte geschwunden waren und seine Schwäche ihn auch bei den kleinsten Wünschen und Bedürfnissen von seinen Pflegerinnen abhängig gemacht hatte.

Einst an einem schönen Abende machte er mit Mrs. Maylie und Rose einen ungewöhnlich langen Spaziergang; es war sehr heiß gewesen, doch kühlte jetzt ein linder Wind die Luft, und am Himmel glänzte schon der Vollmond. Rose war sehr munter und wohlgemut, sie gingen unter fröhlichem Gespräche weiter, als sie gewöhnlich zu tun pflegten, Mrs. Maylie empfand endlich Ermüdung, und sie kehrten langsamer nach Hause zurück. Rose legte nur ihren Hut ab, setzte sich wie gewöhnlich an das Piano, schlug einige Akkorde an, ging zu einer langsam-feierlichen Weise über und fing, während sie dieselbe spielte, zu schluchzen an.

«Was weinst du, liebes Kind?» fragte Mrs. Maylie; allein Rose antwortete nicht und spielte nur ein wenig rascher, als wenn sie aus einem schmerzlichen Sinnen aufgeweckt worden wäre.

«Liebes Kind, was ist dir?» fragte Mrs. Maylie, hastig aufstehend und sich über sie beugend. «Dein Gesicht ist in Tränen gebadet. Was betrübt dich denn, bestes Kind?»

«Nichts, Tante, nichts», erwiderte Rose. «Ich weiß selbst nicht, wie mir ist – ich kann es nicht beschreiben – ich fühle mich so matt, so –»

«Du bist doch nicht krank, Rose?» fiel Mrs. Maylie ein.

«O nein, nein», sagte die junge Dame schaudernd, als wenn sie plötzlich von einem Fieberfroste geschüttelt würde; «mir wird wenigstens sogleich wieder besser sein. Schließe das Fenster, Oliver.»

Oliver eilte, ihr Geheiß zu erfüllen, sie zwang sich, heiter zu scheinen und spielte eine muntere Weise; allein die Hände fielen ihr kraftlos in den Schoß, sie stand auf, sank auf das Sofa nieder, bedeckte ihr Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf, die sie nicht mehr zu unterdrücken vermochte.

«Mein liebes Kind!» rief Mrs. Maylie, sie an die Brust drückend, aus; «ich habe dich ja noch nie so gesehen!»

«Ich beunruhige Sie nur sehr ungern,» erwiderte Rose, «kann aber trotz aller Mühe dies Weinen nicht unterdrücken. Ich fürchte, daß ich doch krank bin, Tante.»

Sie war es in der Tat; denn als Licht gebracht wurde, gewahrten alle, daß sich ihre Farbe in der kurzen Zeit seit der Rückkehr von dem Spaziergange in Marmorblässe verwandelt hatte. Ihr Antlitz hatte nichts von seiner Schöne verloren, und doch war mit ihren Zügen eine Wandlung vorgegangen, und es lag ein Ausdruck der Unruhe und Abspannung darin, den sie noch niemals gezeigt hatten. Nach Verlauf einer Minute waren ihre Wangen wieder von Purpurröte übergossen, ihre sanften, blauen Augen bekamen einen stechenden, unheimlichen Blick, und auch dieser verschwand bald wieder, gleich einem vorüberziehenden Wölkchen, und die Leichenblässe kehrte zurück.

Oliver, der die alte Dame genau beobachtet hatte, bemerkte, daß sie große Unruhe empfand, wie es in Wahrheit bei ihm selber der Fall war; da sie sich indes offenbar den Anschein zu geben suchte, als wenn sie die Sache leicht nähme, so tat er dasselbe, was bei Rose eine günstige Wirkung hervorzubringen schien. Denn als sie auf Zureden ihrer Tante zu Bett ging, sah sie wieder wohler aus, versicherte, es auch zu sein und fügte hinzu, sie wäre überzeugt, daß sie am anderen Morgen gesund und munter wie sonst erwachen würde.

«Ich hoffe, Ma'am,» sagte Oliver, als Mrs. Maylie zurückkehrte, «daß Miß Rose nicht ernstlich krank werden wird. Sie sah heute abend unwohl genug aus; doch –»

Die alte Dame winkte ihm, nicht fortzufahren, setzte sich, stützte schweigend den Kopf auf die Hand und sagte endlich mit bebender Stimme: «Ich will es auch hoffen, Oliver. Ich habe einige Jahre sehr glücklich – vielleicht zu glücklich mit ihr verlebt, und es könnte Zeit sein, daß mir wieder ein Unglück begegnet – ich hoffe indes, nicht dieses.»

«Was für ein Unglück, Ma'am?» fragte Oliver.

«Ich meine den schweren Schlag,» antwortete die alte Dame fast tonlos, «das liebe Mädchen zu verlieren, das so lange schon meine Freude und mein Trost gewesen ist.»

«Das verhüte Gott!» rief Oliver hastig aus.

«Ich sage Ja und Amen dazu, mein Kind!» fiel die alte Dame, die Hände ringend, ein.

«Sie brauchen sicher so etwas Schreckliches nicht zu fürchten», fuhr Oliver fort. «Miß Rose war ja vor zwei Stunden vollkommen wohl.»

«Und jetzt ist sie sehr unwohl», versetzte Mrs. Maylie, «und wird ohne Zweifel noch kränker werden. O meine liebe, liebe Rose! Was sollte ich anfangen ohne sie!» Sie wurde so sehr und so schmerzlich bewegt, daß Oliver, seine eigene Herzensangst unterdrückend, sich bemühte, sie zu beruhigen, und sie dringend bat, um der lieben jungen Dame selbst willen gefaßter zu sein.

«Bedenken Sie doch nur, Ma'am,» sagte er, gewaltsam die Tränen zurückdrängend, die ihm in die Augen schossen, «wie jung und wie gut sie ist und wie sie alles um sich her erfreut. Ich weiß es – weiß es ganz gewiß, daß sie um ihrer selbst und um Ihret- und unser aller willen, die sie so froh und glücklich macht, nicht sterben wird; nein, nein, Gott läßt sie nimmermehr schon jetzt sterben!»

«Ach! du sprichst und denkst wie ein Kind, mein guter Oliver,» sagte Mrs. Maylie, ihm die Hand auf den Kopf legend, «und irrst, so natürlich es sein mag, was du sagst. Indes hast du mich an meine Pflicht erinnert. Ich hatte sie auf einen Augenblick ganz vergessen, Oliver, und hoffe Verzeihung zu finden, denn ich bin alt und habe genug gesehen von Krankheiten und vom Tode, um den Schmerz zu kennen, den sie den Hinterbleibenden zufügen. Auch besitze ich genug Erfahrung, um zu wissen, daß es nicht immer die Jüngsten und Besten sind, die den sie Liebenden erhalten werden – was uns jedoch eher trösten als bekümmern sollte, denn der Himmel ist weise und gütig, und Erfahrungen solcher Art lehren uns eindringlich, daß es eine noch schönere Welt gibt als diese und daß wir bald hinübergehen zu ihr. Gottes Wille geschehe! Doch liebe ich sie, und er allein weiß es, wie sehr, wie sehr!»

Oliver war verwundert, daß Mrs. Maylie, sobald sie diese Worte gesprochen, ihren Klagen plötzlich Einhalt tat, sich hoch emporrichtete und vollkommen ruhig und gefaßt erschien. Er war noch mehr erstaunt, als er bemerkte, daß sie sich in ihrer Festigkeit gleich, bei allem Sorgen und Wachen besonnen und gesammelt blieb und jede ihrer Pflichten dem Anscheine nach sogar mit Heiterkeit erfüllte. Doch er war jung und wußte noch nicht, welch großen Tuns und Duldens starke Seelen unter schwierigen und entmutigenden Umständen fähig sind; und wie hätte er es wissen sollen, da sich die Starken selbst ihrer Kraft nur selten bewußt sind?

Es folgte eine angstvolle Nacht, und als der Morgen kam, waren Mrs. Maylies Vorhersagungen nur zu wahr geworden. Rose lag im ersten Stadium eines heftigen und gefahrdrohenden Fiebers.

«Wir müssen tätig sein, Oliver, und dürfen uns nicht einem nutzlosen Schmerze überlassen», sagte Mrs. Maylie, den Finger auf den Mund legend und ihm fest in das Gesicht blickend. «Dieses Schreiben muß so eilig wie irgend möglich Mr. Losberne zugeschickt werden. Du sollst es nach dem Flecken tragen, der auf dem Fußwege nur vier Meilen entfernt ist; von dort soll ein reitender, expresser Bote nach Chertsey abgehen. Der Gastwirt besorgt ihn, und ich weiß, daß du den Auftrag pünktlich ausrichten wirst.»

Oliver konnte nicht antworten, allein seine Mienen verkündigten, daß er vor Begierde brannte, sich sogleich auf den Weg zu begeben.

«Hier ist noch ein Schreiben,» fuhr Mrs. Maylie nachsinnend fort, «allein ich weiß kaum, ob ich es sogleich abschicken oder abwarten soll, wie es mit Roses Befinden wird. Ich möchte es lieber zurückhalten, bis ich das Schlimmste fürchten müßte.»

«Soll er auch nach Chertsey, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig, seinen Auftrag auszurichten, und die zitternde Hand nach dem Briefe ausstreckend.

«Nein!» erwiderte die alte Dame.

Sie gab ihn jedoch dem Knaben, da sie in Gedanken verloren war, und Oliver sah, daß er an Harry Maylie Esq. und nach dem Landsitze eines Lords, dessen Namen er noch nie gehört hatte, adressiert war.

«Soll er fort, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig.

«Nein; ich will bis morgen warten», sagte die alte Dame, ließ sich das Schreiben zurückgeben, reichte Oliver ihre Börse, und er eilte hinaus, um in kürzester Frist nach dem Marktflecken zu gelangen, in welchem er staubbedeckt ankam. Er hatte bald das Gasthaus zum Georg gefunden und wandte sich an einen Postillon, der ihn an den Hausknecht verwies, von welchem er wiederum an den Wirt verwiesen wurde, der bedächtig zu lesen und dann zu schreiben und Befehle zu erteilen anfing, worüber manche Minute verging. Oliver hätte selbst auf das Pferd springen und davongaloppieren mögen; doch endlich sprengte ein Berittener des Wirts die Straße hinunter und war nach wenigen Augenblicken verschwunden. Oliver, der vor der Tür gestanden hatte, ging mit leichterem Herzen über den Hof des Gasthauses, um eiligst heimzukehren. Als er um die Ecke eines Stallgebäudes bog, rannte er gegen einen großen, in einen Mantel eingehüllten Mann an, der eben aus der Tür des Gasthauses getreten sein mußte.

«Ha! zum Teufel, was ist das?» rief der Mann zurückprallend und die Blicke auf Oliver heftend.

«Ich bitte um Vergebung, Sir», sagte Oliver; «ich hatte große Eile und sah Sie nicht kommen.»

«Alle Teufel!» murmelte der Mann vor sich hin, den Knaben mit seinen großen, schwarzen Augen anstarrend. «Wer hätte das denken können? Und wenn man ihn zu Staub zerriebe, er würde aus 'nem marmornen Sarge wieder aufstehen und mir in den Weg treten.»

«Es tut mir leid, Sir», stotterte Oliver verwirrt; «ich hoffe, daß ich Ihnen keinen Schaden getan habe.»

«Daß seine Knochen verfaulen!» murmelte der finstere Mann durch die verbissenen Zähne; «hätte ich nur den Mut gehabt, das Wort auszusprechen, so hätte mich eine einzige Nacht von ihm befreien können. Fluch über dein Haupt und die Pest in deinen Leib, du Höllenbrand! Was hast du hier zu schaffen?»

Er hob drohend die Faust empor, knirschte mit den Zähnen und trat einen Schritt vor, als wenn er Oliver einen Schlag versetzen wollte, stürzte aber plötzlich zu Boden und wand und krümmte sich, während ihm dicker Schaum vor dem Munde stand. Oliver schaute dem Wahnwitzigen (denn ein solcher schien ihm der schreckliche Mann zu sein) ein paar Augenblicke zu, lief darauf in das Haus, um Beistand zu holen, verlor sodann keine Zeit mehr und eilte nach Hause zurück, mit großer Verwunderung und nicht ohne Bangigkeit an das seltsame Benehmen des Unbekannten zurückdenkend. Er verlor den ganzen Vorfall jedoch bald aus dem Gedächtnis, denn als er in Mrs. Maylies Wohnung wieder angelangt war, hörte und sah er genug, was seinen Gedanken eine ganz andere Richtung gab.

Roses Zustand hatte sich sehr verschlimmert, und noch vor Mitternacht lag sie in Fieberphantasien. Der Wundarzt aus dem Dorfe hatte Mrs. Maylie erklärt, daß die Krankheit ihrer Nichte eine sehr beunruhigende Wendung genommen hätte, und zwar in dem Maße, daß ihre Wiederherstellung einem Wunder gleichkommen würde.

Wie oft sprang Oliver aus seinem Bett in der Schreckensnacht, um an die Treppe zu schleichen und zu horchen, was in dem Krankenzimmer vorgehen möchte! Er bebte fast fortwährend an allen Gliedern, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, wenn ihm irgendein Geräusch zu verkünden schien, daß das Schlimmste eingetreten sei. Er hatte nie so inbrünstig zum Himmel gefleht, wie er in dieser Nacht um die Erhaltung des teuren Lebens seiner holden, am Rande des Grabes stehenden Freundin betete.

Die Ungewißheit, die schreckliche, ängstigende Ungewißheit, wenn wir untätig daneben stehen, während die Wagschale eines Heißgeliebten zwischen Tod und Leben schwankt – die folternden Gedanken, welche dann auf das Gemüt einstürmen, das Herz zu rascheren, heftigen Schlägen treiben, den Atem stocken machen – die düsteren Bilder, welche sie heraufbeschwören –, der verzweifelte Herzensdrang, etwas zu tun zur Linderung von Schmerzen, die wir nicht lindern können, zur Entfernung einer Gefahr, die wir nicht zu entfernen vermögen, und die tiefe, traurige Niedergeschlagenheit, welche uns dann bei dem Bewußtsein unserer Ohnmacht ergreift: – welche Qualen lassen sich diesen vergleichen, durch welche Erwägungen oder Anstrengungen könnten wir sie uns in der Fieberhitze der Aufregung, in unserer tiefen Not erleichtern?

Der Morgen kam, und das Häuschen war stumm und still. Man flüsterte nur; von Zeit zu Zeit ließen sich angstvolle Gesichter an der Tür blicken, und Frauen und Kinder gingen weinend wieder fort. Den ganzen langen Tag und noch stundenlang, nachdem es dunkel geworden war, ging Oliver leise im Garten auf und ab, die Augen fortwährend hinauf nach dem Zimmer der Kranken gewandt und schaudernd beim Anblick des verdunkelten Fensters, das ihm aussah, als wenn drinnen der Tod lauernd ausgestreckt läge. Zu einer späten Abendstunde traf Mr. Losberne ein. «'s ist hart», sagte der weichherzige Doktor, sich abwendend; «'s ist hart – so jung – so heiß geliebt von so vielen –, doch aber ist nur wenig Hoffnung!»

An einem abermaligen Morgen strahlte die Sonne hell – so hell und heiter, als wenn sie auf kein Leiden, keine Sorge herabblickte; und indem die Blumen sie umblühten und Leben, Gesundheit und Töne der Freude und lachende Gegenstände sie rings umgaben, siechte die junge, schöne Dulderin dem Grabe entgegen. Oliver schlich hinaus auf den stillen Friedhof, setzte sich auf einen der kleinen, grünen Hügel und weinte um sie in der Stille und Einsamkeit.

Der Tag war ein so köstlicher Sommertag, die sonnige Landschaft so heiter und glänzend, die Vögel sangen und hüpften so munter in den Zweigen oder schwangen sich so lebensfroh in die Lüfte empor, alles, alles schien so laut aufzufordern zur Freude und Lust, daß sich dem Knaben, als er die schmerzenden Augen aufschlug, unbewußt der Gedanke aufdrängte, dies sei keine Zeit für den Tod, und Rose könne nimmermehr sterben, während so viele weit geringere Wesen so froh und munter wären; die Gräber wären nur für den kalten, freudlosen Winter, nicht für die sonnige, duftige, Lust weckende und gebende Sommerzeit. Fast hätte er geglaubt, die Leichentücher wären für die Alten und Abgelebten und nicht dazu bestimmt, die jungen und schönen Gestalten mit ihrer grausigen Nacht zu bedecken.

Ein Geläute der Kirchglocke unterbrach plötzlich seine kindlichen Gedanken. Es wurde zu den Begräbnisgebeten geläutet. Ein ländliches Leichengefolge schritt durch das Tor herein; die Leidtragenden hatten sich mit weißen Schleifen geschmückt; sie begruben einen Jüngling. Sie standen mit entblößten Häuptern am Grabe, und in ihrer Mitte kniete eine weinende Mutter. Aber die Sonne schien hell, und die Vögel zwitscherten und hüpften in den Zweigen fort und fort.

Oliver kehrte nach Hause zurück, gedenkend der vielfachen Beweise von Güte, die er von der jungen Dame empfangen und mit dem Wunsche, daß die Zeit noch einmal kommen möchte, wo er imstande wäre, ihr ohne Aufhören zu zeigen, wie dankbar und liebevoll gesinnt er gegen sie war. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, denn er war eifrig in ihrem Dienste gewesen, und doch mußte er an zehn und wieder zehn Fälle denken, in welchen er meinte, nicht eifrig genug gewesen zu sein. Wohl sollten wir sorgfältig über unser Benehmen gegen die, mit denen unsere Lebensbahn uns zusammenführt, wachen, und so viel Liebe als möglich hineinlegen; denn jeglichen Todesfall begleitet eine Schar von Gedanken an so viel Versäumtes, so wenig Getanes – an so viel Vergessenes und an noch viel mehr, was hätte besser getan, oder wieder gut gemacht werden können, daß die Erinnerungen dieser Art zu den allerbittersten gehören, die uns quälen können. Keine Reue ist so schmerzlich, als die vergebliche, und wollen wir uns ihre Peinigungen ersparen, so laßt uns beizeiten allen dessen gedenken.

Als Oliver zu Hause angelangt war, fand er Mrs. Maylie im kleinen Wohnzimmer. Sein Herz zagte in ihm bei ihrem Anblick, denn sie hatte das Bett ihrer Nichte noch keine Minute verlassen, und er zitterte, zu denken, welche Veranlassung sie von demselben verscheucht haben könnte. Er vernahm, daß die Patientin in einen festen Schlummer verfallen sei, aus welchem sie erwachen würde zur Genesung und zum Leben, oder um ihren Lieben das letzte Lebewohl zu sagen und von dieser Welt zu scheiden.

Sie saßen stundenlang horchend und zu sprechen sich scheuend, beieinander. Das Mahl wurde unangerührt hinausgetragen, ihre Blicke hingen an der Pracht der untergehenden Sonne, doch waren ihre Gedanken bei einem anderen Gegenstande. Ihr gespanntes Ohr vernahm den Schall herannahender Fußtritte, und sie eilten zugleich nach der Tür, als Losberne eintrat.

«Was haben Sie von Rose zu melden?» rief ihm die alte Dame entgegen. «Sagen Sie es sogleich. Ich kann alles, nur keine Ungewißheit ertragen. In des Himmels Namen, reden Sie! Ist sie tot, ist sie tot?»

«Nein», entgegnete der Doktor äußerst bewegt. «So wahr er gütig und barmherzig ist, wird sie leben, um uns alle noch viele Jahre zu beglücken!»

Die alte Dame fiel auf die Knie nieder und mühte sich, die Hände zu falten; allein ihre Kraft, die sie so lange aufrecht erhalten hatte, floh mit dem ersten Dankesseufzen, das sie zum Himmel emporsandte, und sie sank zurück in die Arme des herbeigeeilten Doktors.

In welchem ein junger Herr auftritt, und Oliver ein neues Abenteuer erlebt.

Es war fast zu viel Glück, um es ertragen zu können. Oliver war durch die unverhoffte Kunde ganz betäubt; er konnte nicht weinen, nicht sprechen, nicht bleiben, wo er war. Er mußte sich erst wieder zu fassen suchen, um was er gehört, zum klaren Bewußtsein zu bringen, als er sich nach einem langen Umherschweifen in der stillen Abendlandschaft durch einen Tränenstrom erleichtert, und von der fast nicht mehr zu ertragenden Last befreit fühlte, die ihm gleich einem Alp auf dem Herzen gelegen hatte.

Es dunkelte, als er nach Hause zurückkehrte, beladen mit Blumen, die er mit ungewöhnlicher Sorgfalt zur Ausschmückung des Krankenzimmers gepflückt hatte. Als er der Wohnung Mrs. Maylies rasch zuschritt, hörte er hinter sich auf der Straße das donnernde Geräusch eines Wagens. Er sah sich um: es war eine Postchaise, und da die Straße ziemlich schmal war und der Postillon im Galopp fuhr, so trat er dicht an ein Gartentor, um nicht in Gefahr zu geraten. Die Chaise näherte sich, und nun erblickte er ein unter einer Nachtmütze fast verstecktes Gesicht, das ihm bekannt schien; er begann nachzusinnen, wem es angehören möchte, als er angerufen wurde, und der Postillon den Befehl zum Halten erhielt.

«Oliver, wie steht es – wie steht es mit Miß Rose, Oliver?» rief ihm Mr. Giles zu.

«Ohne Umschweife – besser oder schlimmer?» rief ein junger Herr, der Giles zurückzog und sich selbst aus dem Schlage herausbeugte.

«Besser – viel besser!» erwiderte Oliver mit freudiger Hast.

«Gott sei Dank!» rief der junge Herr aus. «Ist's auch gewiß?»

«Sie können sich fest darauf verlassen, Sir», sagte Oliver; «die Besserung trat vor ein paar Stunden ein, und Mr. Losberne hat gesagt, daß alle Gefahr vorüber sei.»

Der junge Mann sagte kein Wort mehr, sondern sprang aus dem Wagen, zog Oliver zur Seite und fragte ihn mit bebender Stimme: «Ist es auch ganz gewiß? – irrst du auch nicht, Kleiner? Täusche mich nicht, indem du Hoffnungen in mir erweckst, die am Ende nicht in Erfüllung gehen.»

«Das möcht' ich um keinen Preis, Sir», erwiderte Oliver. «Sie können mir in der Tat glauben. Mr. Losbernes Worte waren, sie würde leben und uns alle noch viele Jahre beglücken. Ich hab' es ihn selbst sagen hören.»

In seinen Augen standen Tränen, während er sich an die Worte erinnerte, die ihn so unaussprechlich glücklich gemacht hatten, und der junge Herr wandte das Gesicht ab und war einige Minuten stumm. Oliver glaubte ihn schluchzen zu hören und wagte es nicht, seinen Bericht fortzusetzen; er stand da und tat, als wenn er mit seinem Blumenstrauß beschäftigt wäre.

Mr. Giles hatte unterdes auf dem Kutschtritte, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Augen trocknend, gesessen, und die Röte der letzteren, als der junge Herr ihn anredete, und als er aufblickte, bewies, daß seine Bewegung keine erkünstelte war.

«Fahren Sie nach meiner Mutter Hause, Giles», sagte der junge Herr. «Ich will langsam nachkommen, um mich erst ein wenig zu sammeln, bevor ich ihr unter die Augen trete. Sie können ihr sagen, daß ich käme.»

«Bitt' um Vergebung, Mr. Harry,» erwiderte Giles, «aber Sie würden mir einen großen Gefallen erzeigen, wenn Sie sich durch den Postillon anmelden lassen wollten. Die Damen dürfen mich wirklich so nicht sehen, Sir; ich würde alles Ansehen bei ihnen verlieren.»

«Nach Ihrem Belieben, Giles», entgegnete der junge Herr lächelnd. «Lassen Sie ihn mit dem Gepäck vorausfahren, und Sie können mit uns nachfolgen, nur vertauschen Sie jetzt sogleich Ihre Nachtmütze mit einer angemessenen Kopfbedeckung, damit wir nicht für Wahnwitzige gehalten werden.»

Giles erinnerte sich mit Schrecken seines unziemlichen Aufzugs, steckte seine Nachtmütze in die Tasche, setzte statt derselben einen Hut auf, der Postillon fuhr weiter, und Giles, Mr. Maylie und Oliver folgten zu Fuß nach.

Oliver blickte den jungen Herrn von Zeit zu Zeit mit ebensoviel Neugier wie Interesse von der Seite an. Mr. Maylie schien etwa fünfundzwanzig Jahre alt zu sein, und war von Mittelgröße; in seinem wohlgeformten Gesicht drückte sich Offenheit aus, und sein Benehmen war äußerst gewandt und gewinnend. Trotz der Altersverschiedenheit sah er der alten Dame so sprechend ähnlich, daß ihn Oliver sogleich als einen nahen Anverwandten derselben erkannt haben würde, wenn er sie auch nicht seine Mutter genannt hätte.

Mrs. Maylie erwartete ihn mit großer Sehnsucht und Ungeduld, und das Wiedersehen der Mutter und des Sohnes fand nicht ohne Bewegung statt.

«O Mutter, warum schrieben Sie mir nicht früher?» flüsterte er.

«Ich schrieb allerdings,» erwiderte sie, «beschloß aber nach reiflicher Überlegung, den Brief zurückzuhalten, bis ich Mr. Losbernes Ausspruch gehört haben würde.»

«Aber warum setzten Sie sich einer Gefahr aus, deren Eintreten so sehr möglich war? Wenn Rose – ich kann das Wort jetzt nicht aussprechen – wenn Roses Krankheit eine andere Wendung genommen, wie hätten Sie sich jemals selbst verzeihen können – wie hätte ich je wieder ruhig werden sollen?»

«Wenn das Schlimmste eingetreten wäre, Harry, so fürchte ich, daß deine Ruhe sehr wesentlich gestört worden und daß es von nur sehr geringer Bedeutung gewesen sein würde, ob du hier einen Tag früher oder später eingetroffen wärest.»

«Sie müssen es am besten wissen, und jedenfalls leidet das keinen Zweifel, daß meine Ruhe, wenn das Schlimmste eingetreten wäre –»

«Rose verdient die echteste, reinste Neigung, die das Herz eines Mannes nur bieten kann. Ihr Seelenadel und ihr liebendes, hingebendes Gemüt rechtfertigen den Anspruch auf eine nicht gewöhnliche, sondern tiefe und dauernde Gegenliebe. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre und nicht außerdem wüßte, daß ein verändertes Benehmen von seiten eines Anverwandten, den sie liebt, sie bis zum Tode betrüben würde, so würde mir meine Aufgabe nicht so schwierig erscheinen, oder ich hätte nicht so viele Kämpfe mit mir selbst zu bestehen, indem ich tue, was mir die Pflicht schlechterdings zu gebieten scheint.»

«Ist das nicht unrecht, Mutter? Halten Sie mich noch für so jung, daß ich mein Herz nicht kennte, imstande wäre, meine innersten, lebhaftesten, besten Gefühle zu mißdeuten?»

«Mein lieber Harry, die Jugend hegt viele edle Gefühle, welche nicht von Dauer und bisweilen, wenn befriedigt, um so flüchtiger sind. Und was noch mehr ist, mein Sohn: – besitzt ein enthusiastischer, feuriger, ehrgeiziger, junger Mann eine Gattin, auf deren Namen ein Flecken haftet, der, obwohl nicht ihre Schuld, von kalten und gemein denkenden Leuten ihr und vielleicht auch ihren Kindern, und zwar um so mehr zum Vorwurf gemacht wird – um deswillen sie wie er um so mehr Spott und Hohn zu erdulden haben – je erfolgreicher oder glänzender seine Laufbahn ist, so kann ihn – und wenn er noch so gut und edel ist – im späteren Leben die Verbindung reuen, die er in seiner Jugend geschlossen, und sie selbst den Schmerz und die Pein erfahren, es zu wissen.»

«Mutter,» entgegnete der junge Mann ungeduldig, «ein solcher Mann wäre ein elender Egoist, unwürdig des Namens eines Mannes und einer Frau, wie Sie sie geschildert haben.»

«So denkst du jetzt, Harry!»

«Und ich werde stets so denken! Die Herzensqual, die ich in den beiden letzten Tagen erduldet, dringt mir das offene Geständnis einer Leidenschaft ab, die, wie Ihnen wohl bekannt, weder von gestern, noch eine jugendlich-leichtsinnige und unbedachte ist. Meine Neigung zu dem lieben, herrlichen Mädchen ist so tief und fest begründet, wie es die Neigung eines Mannes nur sein kann. Ich habe keinen Gedanken, keinen Lebensplan, keine Hoffnung außer ihr, höher als sie, und wenn Sie sich meiner Liebe zu ihr widersetzen, so vernichten Sie meine Ruhe, mein ganzes Glück für immer. O Mutter, überlegen Sie noch einmal und denken Sie besser von mir; mißachten Sie die heißen Gefühle nicht, auf welche Sie einen so geringen Wert zu legen scheinen.»

«Harry,» entgegnete Mrs. Maylie, «ich halte vielmehr so viel von warmen und gefühlvollen Herzen, daß ich ihnen eine Enttäuschung ersparen möchte. Doch wir haben für jetzt genug und mehr als genug von der Sache geredet.»

«So überlassen Sie Rose die Entscheidung; und Sie werden sicher Ihren zu strengen Ansichten nicht so viel Macht einräumen, daß Sie mir Hindernisse in den Weg legen.»

«Das nicht; allein ich wünsche, daß du wohl überlegst –»

«Ich habe überlegt – jahrelang überlegt – fast so lange, wie ich mit Ernst zu überlegen fähig bin. Meine Gefühle sind unverändert geblieben – werden stets unverändert bleiben, und warum sollte ich die Pein des Aufschiebens und Wartens erdulden, was ja schlechterdings keinen Nutzen haben kann. Ja, Rose muß mich anhören, bevor ich wieder abreise!»

«Sie soll es», sagte Mrs. Maylie.

«Ihr Ton scheint fast anzudeuten, daß sie mich kalt anhören wird, Mutter», sagte der junge Mann angstvoll.

«Nichts weniger als dies», erwiderte die alte Dame; «weit entfernt davon.»

«Hat sie auch wirklich keine andere Neigung?»

«Nein; ich müßte sehr irren, wenn du ihr Herz nicht bereits in nur zu hohem Maße besäßest. – Höre mich an,» fuhr sie fort, als ihr Sohn im Begriff stand, zu antworten; «ich will nur noch dieses sagen. Bedenke, ehe du dein Alles auf diesen Wurf setzest, ehe du dich zur höchsten Hoffnungsstufe emportragen lässest, bedenke Roses Lebensgeschichte, mein lieber Sohn, und überlege, welche Wirkung es auf ihre Entscheidung haben kann, wenn sie von ihrer zweifelhaften Herkunft in Kenntnis gesetzt wird; – denn sie ist uns mit aller Innigkeit ihres edlen Gemüts ergeben, und die vollkommenste Selbstaufopferung in großen wie in geringen Dingen bezeichnete stets ihre Denkart.»

«Was wollen Sie damit sagen, Mutter?» fragte der junge Mann.

«Ich will es dir zu erraten überlassen», versetzte Mrs. Maylie. «Ich muß wieder zu Rose gehen. Gott sei mit dir!»

«Werde ich Sie heute abend noch wiedersehen?»

«Ja, sobald ich Rose verlasse.»

«Werden Sie ihr sagen, daß ich hier bin?»

«Natürlich.»

«Und auch, welche Herzensangst ich um ihretwillen ausgestanden und wie mich verlangt, sie zu sehen? Sie werden mir diesen Liebesdienst nicht verweigern?»

«Nein, auch das will ich ihr sagen», erwiderte Mrs. Maylie, drückte dem Sohne zärtlich die Hand und ging.

Losberne und Oliver hatten während dieser flüchtigen Unterredung am fernsten Ende des Zimmers geweilt. Der erstere begrüßte jetzt Harry Maylie auf das herzlichste und mußte ihm sofort den umständlichsten Bericht über die Krankheit und das Befinden der Patientin erstatten. Giles hörte mit begierigem Ohre zu, während er mit dem Gepäck beschäftigt war.

«Haben Sie kürzlich etwas Besonderes geschossen, Giles?» fragte der Doktor nach dem Schlusse seiner Mitteilungen.

«Nein, Sir, Besonderes eben nicht», erwiderte Giles, hoch errötend.

«Auch keine Diebe gefangen oder Räuber ausfindig gemacht?» fuhr Losberne ein wenig boshaft fort.

«Nein, Sir», antwortete Giles sehr ernst.

«Das tut mir leid, da Sie sich auf dergleichen so vortrefflich verstehen. Wie geht es denn Brittles?»

«Der junge Mensch befindet sich sehr wohl, und läßt sich Ihnen ganz gehorsamst empfehlen, Sir.»

«Schön», sagte der Doktor. «Doch da ich Sie hier treffe, fällt mir's ein, Giles, daß ich in den Tagen, wo ich so eilig abgerufen wurde, aufgefordert von Ihrer gütigen Herrschaft, einen kleinen Auftrag zu Ihren Gunsten übernahm. Treten Sie doch auf einen Augenblick mit mir an das Fenster!»

Giles trat ziemlich verwundert zu ihm, und der Doktor beehrte ihn mit einer kurzen, heimlichen Unterredung, nach deren Beendigung er eine große Menge Verbeugungen machte, und mit ungewöhnlicher Wichtigkeit wieder zurückging. Der Gegenstand des so leise geführten Gesprächs wurde im Zimmer nicht bekannt gegeben, wohl aber sofort in der Küche; denn dahin lenkte Mr. Giles augenblicklich seine Schritte und verkündete, nachdem er sich einen Krug Ale hatte reichen lassen, daß es seiner Herrschaft, in Anbetracht seines mutvollen Benehmens bei dem Einbruche, gefallen habe, die Summe von fünfundzwanzig Pfund in der Sparkasse für ihn niederzulegen. Die Köchin und das Hausmädchen hoben die Hände und Augen empor und meinten, daß Mr. Giles jetzt ganz stolz werden würde, worauf Mr. Giles, an seiner Hemdkrause zupfend, erwiderte, daß sie sich in einem großen Irrtume befänden, und daß er ihnen dankbar sein wollte, wenn sie, falls sie dergleichen jemals gewahrten, ihn aufmerksam darauf machen würden, daß er sich hoffärtig gegen Geringere erwiese. Er verbreitete sich darauf weitläufig über seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, wofür ihm großes Lob gezollt wurde, wie es bei bedeutenden Personen in solchen Fällen zu geschehen pflegt.

Oben verging der Rest des Abends sehr heiter, denn der Doktor befand sich in der fröhlichsten Stimmung, und so ermüdet oder nachdenklich Harry Maylie anfangs gewesen sein mochte, er konnte der guten Laune des wackeren Mannes nicht widerstehen. Losberne scherzte und erzählte, und Oliver glaubte nie in seinem Leben so drollige Dinge gehört zu haben, so daß er zur großen Freude des Doktors fortwährend lachte, wie der Doktor selbst, und endlich auch Harry; denn auch das Gelächter hat ja seine ansteckende Kraft. Mit einem Wort, sie waren so vergnügt, wie sie es unter den obwaltenden Umständen nur irgend hätten sein können, und es war spät geworden, als sie mit leichtem und dankerfülltem Herzen die Ruhe aufsuchten, deren sie nach der Ungewißheit und Angst, in der sie in den letzten Tagen geschwebt hatten, so sehr bedurften.

Oliver ging am folgenden Morgen mit mehr Hoffnung und Freude, als er, wie ihm schien, seit langer Zeit gekannt hatte, an seine gewöhnliche Beschäftigung. Die Betrübnis war von seinem Antlitz wie durch Zauber verschwunden; es war ihm, als wenn die Blumen mit doppeltem Glanze im Tau funkelten, die linde Luft in den Blättern lieblicher säuselte, der Himmel reiner und blauer als je wäre. Das ist die Wirkung unserer inneren Stimmung auf unsere Anschauung des Äußeren um uns her. Die auf die Natur und ihre Mitmenschen blicken und wehklagen, daß alles schwarz und finster sei, sie haben recht; allein die düsteren Farben sind Widerspiegelungen ihrer gelbsüchtigen Augen und Herzen. Die wahren und wirklichen sind zarte Tinten, und bedürfen eines schärferen Gesichts.

Eine bemerkenswerte Beobachtung entging auch Oliver nicht, nämlich, daß er seine Morgenausflüge nicht mehr allein zu machen brauchte. Nachdem ihn Harry Maylie zum erstenmal mit einer Blumenladung hatte heimkehren sehen, wurde er von einer solchen Leidenschaft für Blumen ergriffen, und er entwickelte so viel Geschmack im Ordnen derselben, daß er Oliver weit hinter sich zurückließ, der dagegen wußte, wo die schönsten Blumen zu finden waren. Sie durchstreiften Tag für Tag die Umgegend miteinander, und brachten die köstlichsten Sträuße mit nach Hause. Roses Fenster wurde jetzt geöffnet, denn die balsamische Sommerluft erquickte sie, und auf der Fensterbank stand jeden Morgen ein frischer, mit großer Sorgfalt geordneter Blumenstrauß. Oliver bemerkte, daß die welken Blumen nie weggeworfen wurden, und daß der Doktor, wenn er durch den Garten ging, stets hinaufblickte und bedeutsam lächelnd den Kopf hin und her wiegte. So verflossen die Tage, und Roses Herstellung ging rasch und glücklich vonstatten.

Auch unserm Oliver verging die Zeit nicht langsam, obwohl die junge Dame ihr Zimmer noch nicht verlassen hatte, und obwohl es keine Spaziergänge wie sonst mehr gab, ausgenommen dann und wann ganz kurze mit Mrs. Maylie. Er verdoppelte seinen Fleiß in den Lehrstunden des silberhaarigen, alten Mannes, so daß ihn seine raschen Fortschritte fast selber wundernahmen. Eines Abends, als er seine Aufgaben für den folgenden Tag lernte, begegnete ihm ein so unerwarteter wie als Besorgnis erregender Vorfall.

Das kleine Zimmer, in welchem er bei seinen Büchern zu sitzen pflegte, befand sich im Erdgeschoß, und lag nach hinten hinaus. Das Fenster ging in den Garten, aus welchem man durch eine Tür auf einen eingehegten Wiesengrund gelangte, und aus diesem auf den Anger und in ein Gehölz. Es fing an zu dämmern, Oliver hatte fleißig gelesen und auswendig gelernt, es war noch immer sehr warm, auch wohl ein wenig schwül, und er schlummerte über einem Buche ein.

Uns beschleicht bisweilen eine Art von Schlummer, der, während er den Leib gefangen hält, der Seele ein Halbbewußtsein der Umgebung und die Fähigkeit, nach Belieben umherzuschweifen, läßt. Er ist Schlaf, sofern eine überwältigende Schwere, eine Lähmung der Willenskraft und eine gänzliche Unfähigkeit, unsere Gedanken und Vorstellungen zu beherrschen, Schlaf genannt werden kann; dennoch aber wissen wir in diesem Zustande, auch wenn wir träumen, was um uns her vorgeht, schauen es, hören, was gesprochen wird, oder welche wirkliche Laute sonst an unser Ohr dringen mögen, und Wirklichkeit und Einbildung vermischen sich endlich so wunderbar, daß es nachgehends fast unmöglich ist, sie wieder voneinander zu trennen. Es ist Tatsache, obwohl unsere Gefühls- und Gesichtsorgane für die Zeit gleichsam tot sind, daß die im Schlummer uns kommenden Gedanken und die in der Einbildung geschauten Dinge bestimmt, und zwar wesentlich bestimmt werden durch die bloße stumme Gegenwart eines wirklichen Gegenstandes, der uns, als wir die Augen schlossen, nicht nahe zu sein brauchte, und von dessen Herannahen oder Anwesenheit wir kein eigentliches Bewußtsein haben.

Oliver wußte genau, daß er sich in seinem kleinen Zimmer befand, daß seine Bücher vor ihm auf dem Tische lagen, und daß der Abendwind in dem Blätterwerk vor dem Fenster rauschte – und schlummerte dennoch. Plötzlich trat eine gänzliche Umwandlung seiner Umgebung ein, die Luft wurde heiß und drückend, und er glaubte sich unter Angst und Schrecken wieder im Hause des Juden zu befinden. Da saß der fürchterliche, alte Mann in dem Winkel, in welchem er zu sitzen pflegte, wies mit dem Finger nach ihm und flüsterte einem anderen, neben ihm sitzenden Manne, der das Gesicht abgewendet hatte, etwas zu.

«Pst! mein Lieber!» glaubte er den Juden sagen zu hören; «er ist's, ist's ohne Zweifel. Kommt – laßt uns gehen!»

«Meint Ihr, daß ich ihn nicht erkannte?» schien der andere zu antworten. «Und wenn eine Rotte von Teufeln seine Gestalt annähme, und er stände mitten zwischen ihnen, so würd's mir mein Sinn zutragen, welcher er wäre, und ich fände ihn heraus. Wenn Ihr ihn fünfzig Schuh tief begrübet und brächtet mich über sein Grab, so würd' ich wissen, und wenn auch kein Merkmal oder Zeichen es andeutete, daß er darunter begraben läge. Möge sein Fleisch und Bein verfaulen, ich würd's!»

Der Mann schien die Worte in einem so tödlichen Haß verkündenden Tone zu sprechen, daß Oliver bebend aufschreckte.

Gütiger Himmel, welcher Anblick war es, der ihm das stockende Blut zum Herzen zurücktrieb und ihn der Stimme wie der Bewegungskraft beraubte! Dort – dort am Fenster – nur zwei Schritte von ihm entfernt – so nahe, daß er ihn fast hätte berühren können, ehe er zurückschreckte – stand, in das Zimmer hereinlugend, der Jude, dessen Blicke den seinigen begegneten, und neben ihm gewahrte Oliver denselben Mann, der ihm vor einiger Zeit im Hofe des Gasthauses ein solches Entsetzen eingejagt; und der Fürchterliche war blaß vor Wut oder Grauen oder welcher inneren Bewegung sonst, und seine Augen schossen drohende, zornige Blicke nach Oliver!

Doch sie standen da, und Oliver sah sie nur einen einzigen, flüchtigen Augenblick: dann waren sie verschwunden. Sie hatten indes ihn und er hatte sie erkannt, und ihr Hereinlugen nach ihm und ihre Mienen drückten sich seinem Gedächtnis so fest und tief ein, als wenn sie in Stein ausgehauen und ihm von Kindheit an stets vor Augen gewesen wären. Er stand einen Augenblick wie angewurzelt da, sprang darauf aus dem Fenster in den Garten, und rief laut nach Hilfe.


Back to IndexNext