35. Kapitel.

Das Endergebnis des Abenteuers, das Oliver begegnet war, und eine Unterredung von ziemlicher Wichtigkeit zwischen Harry Maylie und Rose.

Als die Bewohner des Hauses, veranlaßt durch Olivers Rufen, in den Garten eilten, fanden sie ihn bleich und bebend dastehen. Er wies nach dem Wiesengrunde hinter dem Garten und war kaum imstande, die Worte zu stammeln: «Der Jude! der Jude!»

Mr. Giles vermochte gar nicht zu fassen, was sie bedeuten sollten; Harry Maylie, der Olivers Geschichte von seiner Mutter gehört hatte, begriff es dagegen desto rascher.

«Welche Richtung hat er genommen?» fragte er, zugleich einen tüchtigen Stock aufhebend, der zufällig dalag.

Oliver wies nach der Richtung hin, in welcher er die beiden Männer hatte forteilen sehen und sagte, daß er sie soeben erst aus den Augen verloren hätte.

«Dann wollen wir sie schon wieder einholen!» sagte Harry. «Folgt mir, und haltet euch mir so nahe, wie ihr könnt!»

Er sprang bei diesen Worten über die Hecke und eilte so raschen Laufes davon, daß die anderen ihm kaum zu folgen vermochten. Nach ein paar Minuten gesellte sich ihnen auch Losberne, der eben von einem Spaziergange heimkehrte, zu und rief ihnen laut die Frage zu, was denn vorgefallen sei. Sie hielten erst an, um Atem zu schöpfen, als Harry in das Angerstück einlenkte, nach welchem Oliver hingewiesen hatte, und sorgfältig den Graben und die Hecke zu durchsuchen anfing, wodurch die übrigen Zeit gewannen, heranzukommen und Losberne die Veranlassung der Jagd mitzuteilen.

Ihr Suchen war vergeblich. Sie entdeckten nicht einmal frische Fußspuren. Sie standen endlich auf einem kleinen Hügel, von welchem aus sie die Wiesen, Anger und Felder nach allen Richtungen weithin übersehen konnten. Linker Hand lag das kleine Dorf; allein die Verfolgten hätten, um es zu erreichen, in der von Oliver beschriebenen Richtung eine Strecke über den offenen Anger zurücklegen müssen, die sie in so kurzer Zeit zurückzulegen schlechterdings nicht imstande gewesen wären. Nach einer anderen Seite begrenzte dichtes Gebüsch die Wiesen, allein es war aus dem gleichen Grunde unmöglich, daß sie dasselbe schon hatten gewinnen können.

«Du mußt geträumt haben, Oliver», sagte Harry Maylie, ihn beiseite führend.

«Nein, nein, Sir, wahrlich nicht», erwiderte der Knabe schaudernd; «ich sah ihn zu deutlich – sah beide so deutlich, wie ich Sie jetzt vor mir sehe.»

«Wer war denn der andere?» fragten Harry und Losberne zugleich.

«Derselbe Mann, von dem ich Ihnen sagte, daß ich ihn im Hofe des Gasthauses getroffen», antwortete Oliver. «Wir hatten unsere Blicke wechselseitig aufeinander geheftet, und ich könnte es beschwören, daß er es war.»

«Weißt du gewiß, daß sie diesen Weg genommen haben?» fragte Maylie.

«So gewiß, wie ich weiß, daß sie vor dem Fenster standen», versicherte Oliver, und wies nach der Hecke zwischen dem Garten und dem Wiesengrunde hinunter. «Da sprang der große Mann hinüber; der Jude lief einige Schritte weit rechts und drängte sich durch die Lücke dort.»

Maylie und Losberne sahen Oliver und sodann einander an – und man brauchte nur die eifrigen Mienen des Knaben zu beobachten, um überzeugt zu sein, daß er die reine Wahrheit sagte. Indes waren immer noch keinerlei Spuren von Männern, die auf eiliger Flucht begriffen gewesen wären, in irgendwelcher Richtung zu entdecken. Das Gras war lang, aber nur da niedergetreten, wo die Verfolgenden es niedergetreten hatten. Die Ränder und Seiten der Gräben waren von feuchter Tonerde, allein an keiner Stelle wollte sich auch nur die mindeste Spur frischer Fußstapfen finden.

«Es ist höchst auffallend», sagte Maylie.

«Höchst auffallend», wiederholte Losberne. «Sogar Blathers und Duff würde der Verstand dabei stillstehen.»

Sie suchten noch immerfort, bis es vollkommen dunkel geworden war, und sahen sich endlich genötigt, ihre Bemühungen ohne alle Hoffnung auf Erfolg aufzugeben. Giles mußte sich die beiden ominösen Männer so gut wie möglich von Oliver beschreiben lassen und wurde darauf in die Bierhäuser des Dorfes abgeschickt, um Nachfragen anzustellen; er kehrte jedoch zurück, ohne die mindeste Auskunft erhalten zu haben, indem man sich doch zum wenigsten des Juden sicher erinnert haben würde, wenn er verweilt, sich etwa einen Trunk reichen lassen oder mit jemand gesprochen hätte.

Am folgenden Morgen wurden die Nachsuchungen und Nachforschungen wiederholt, allein ebenso vergeblich. Am zweiten Tage ging Mr. Maylie mit Oliver nach dem Marktflecken, in der Hoffnung, dort etwas von dem Juden und seinem Begleiter zu sehen, zu hören oder zu erfahren; doch der Versuch zeigte sich nicht minder fruchtlos als alle ihm vorhergegangenen, und nach Verlauf einiger Tage fing die Sache an in Vergessenheit zu geraten.

Rose hatte inzwischen das Krankenzimmer verlassen, konnte wieder ausgehen, war dem Familienkreise zurückgegeben und erfreute aller Herzen durch ihr Aussehen wie durch ihre Gegenwart.

Allein obgleich diese glückliche Veränderung die sichtbarste Wirkung auf den kleinen Kreis hatte und obgleich in Mrs. Maylies Landhäuschen wieder muntere Gespräche und fröhliches Gelächter gehört wurden, so herrschte doch bisweilen eine sonst nicht gewöhnliche Zurückhaltung, was auch Oliver nicht entging. Mrs. Maylie und ihr Sohn entfernten sich oft und lange, und auf Roses Wangen waren Spuren von Tränen bemerkbar. Nachdem der Doktor einen Tag zu seiner Abreise nach Chertsey bestimmt hatte, lag es klar vor Augen, daß etwas vorging, wodurch der Seelenfriede der jungen Dame und noch jemandes gestört wurde.

Als endlich Rose eines Morgens im Wohnzimmer allein war, trat Harry Maylie herein und bat mit einigem Stocken um die Erlaubnis, ein paar Worte mit ihr reden zu dürfen.

«Wenige, sehr wenige werden hinreichen, Rose», sagte der junge Mann, sich zu ihr setzend. «Was ich dir zu sagen habe, ist dir bereits nicht mehr unbekannt; du kennst die süßesten Hoffnungen meines Herzens, obgleich du sie noch niemals aus meinem Munde vernommen hast.»

Rose war bei seinem Eintreten erblaßt, was freilich noch als eine Nachwirkung ihrer Krankheit gedeutet werden konnte. Sie beugte sich über einen ihr nahestehenden Blumentopf und wartete schweigend, daß er fortfahren würde.

«Ich – ich hätte schon früher wieder abreisen sollen», sagte er.

«Ich bin deiner Meinung, Harry», erwiderte Rose. «Vergib mir, daß ich es sage, allein ich wollte, du hättest es getan.»

«Die schrecklichsten und quälendsten aller Befürchtungen haben mich hergetrieben», entgegnete der junge Mann; «die Angst und Sorge, das teure Wesen zu verlieren, auf das sich alle meine Wünsche und Hoffnungen beziehen. Du warst dem Tode nahe – standest bebend zwischen Himmel und Erde. Wenn die Jugendlichen, Schönen und Guten durch Siechtum heimgesucht werden, so wenden sich ihre reinen Geister den ewigen Wohnungen seliger Ruhe zu, und deshalb sinken die Besten und Schönsten unseres Geschlechts so oft in der Blüte ihrer Jugend in das Grab.»

Der holden Jungfrau traten, als sie diese Worte vernahm, Tränen in die Augen, und als eine derselben auf die Blume herabträufelte, über welche sie sich niedergebeugt hatte, und diese verschönend hell in ihrem Kelche glänzte, da war es, als wenn die Ergüsse eines reinen jungen Herzens ihre Verwandtschaft mit den lieblichsten Kindern der Natur geltend machten.

«Ein Engel,» fuhr der junge Mann leidenschaftlich fort, «ein Wesen, so schön und frei von Schuld, wie ein Engel Gottes, schwebte zwischen Leben und Tod. Oh, wer konnte hoffen, daß sie zu den Leiden und Ängsten dieser Welt zurückkehren würde, als die ferne, ihr verwandte ihrem Blicke schon halb geöffnet war! Rose, Rose! es war fast zu viel, um es tragen zu können, zu wissen, daß du gleich einem leisen Schatten, den ein Licht vom Himmel auf die Erde wirft, entschwändest – keine Hoffnung zu haben, daß du denen erhalten würdest, die hier noch weilen, und keinen Grund zu kennen, warum du es solltest – zu wissen, daß du der schöneren Welt angehörtest, wohin so viele Reichbegabte in der Kindheit und Jugend den zeitigen Flug gerichtet – und doch bei all solchen Tröstungen zu flehen, daß du den dich Liebenden wiedergegeben werden möchtest! Das waren meine Gedanken bei Tag und Nacht, und mit ihnen ergriff mich ein so überwältigender Strom von Besorgnissen und Ängsten und selbstsüchtigen Schmerzen, daß du sterben und nie erfahren würdest, wie heiß ich dich liebte, daß er mir in seinen Strudeln Sinn und Verstand fast mit fortriß. Du genasest – Tag für Tag und fast Stunde für Stunde träufelten wieder Tropfen der Gesundheit aus Hygieias Kelche herab und vermischten sich mit dem schwachen, fast versiegten, zögernd in dir umlaufenden Lebensbächlein und schwellten es wieder zum vollen, raschen, munteren Hinrieseln an. Ich habe dich mit Augen, feucht vom heißesten Sehnen und innerster tiefer Herzensneigung, zurückkehren sehen vom Tode zum Leben. Oh, sag' mir nicht, du wünschtest, daß ich meine Liebe aufgegeben haben möchte, denn sie hat mein Herz erweicht und der ganzen Menschheit geöffnet!»

«Das wollte ich nicht sagen», nahm Rose weinend das Wort; «ich wünsche nur, daß du von hier fortgegangen sein möchtest, um dich wieder hohen und edeln Bestrebungen – deiner würdigen Bestrebungen zu widmen.»

«Es gibt keine Bestrebung, die meiner würdiger – des edelsten und herrlichsten Geistes würdiger wäre als das Mühen, ein Herz wie das deinige zu gewinnen», versetzte der junge Mann, ihre Hand ergreifend. «Rose, meine liebe, unnennbar teure Rose, ich habe dich seit – ja, seit Jahren geliebt, jugendlich hoffend und träumend, mein Teilchen Ruhm mir zu erringen und dann stolz heimzukehren und im selben schönen Augenblick dir zu sagen, daß ich das Errungene nur gesucht, um es mit dir zu teilen, dich zu erinnern an die vielen stummen Zeichen einer Jünglingsneigung, die ich dir gegeben, dir dein Erröten dabei in das Gedächtnis zurückzurufen und dann deine Hand wie zur Besiegelung eines unter uns altbestandenen, stillschweigenden Vertrags zu fordern. Die Zeit ist noch nicht gekommen; doch gebe ich dir jetzt, ohne Ruhm geerntet, ohne einen der jugendlichen Träume erfüllt gesehen zu haben, das so lange schon dein gewesene Herz und setze mein Alles auf die Erwiderung, die meiner Anerbietung von dir zuteil wird.»

«Deine Handlungsweise war immer gut und edel», erwiderte Rose, ihre heftige Bewegung unterdrückend. «Glaubst du, daß ich weder fühllos noch undankbar bin, so höre meine Antwort.»

«Geht sie dahin, daß ich mich bemühen soll, dich zu verdienen, teuerste Rose?»

«Dahin, daß du dich bemühen mußt, mich zu vergessen – nicht als deine alte, liebe Gespielin, denn das würde mich unsäglich tief verwunden und schmerzen, sondern als einen Gegenstand deiner Liebe. Blick' hinaus in die Welt – oh, wie viele Herzen gibt es in ihr, die du gleich stolz sein kannst zu gewinnen. Vertraue mir eine Leidenschaft für eine andere an, und ich will dir die wahrhafteste, wärmste und treueste Freundin sein.»

Beide schwiegen, und Rose verhüllte ihr Antlitz und ließ ihren Tränen freien Lauf. Harry hielt noch immer ihre Hand stumm in der seinigen. «Und deine Gründe, Rose», begann er endlich mit leiser Stimme; «darf ich die Gründe wissen, die dich zu dieser Entscheidung drängen?»

«Du hast ein Recht, nach ihnen zu fragen,» erwiderte Rose, «kannst indes nichts sagen, was meinen Beschluß zu ändern vermöchte. Es ist eine Pflicht, die ich üben muß. Ich bin es andern schuldig wie mir selbst.»

«Dir selbst?»

«Ja, Harry, ich bin es mir selber schuldig, daß ich, ein verwaistes, vermögensloses Mädchen mit einem Flecken auf meinem Namen, der Welt keinen Grund gebe, zu wähnen, ich hätte aus niedrigen Antrieben deiner ersten Leidenschaft nachgegeben und mich als ein Bleigewicht an deine Hoffnungen und Entwürfe geheftet. Ich bin es dir und deinen Angehörigen schuldig, dir zu wehren, im Feuer deiner edlen Gefühle ein solches Hemmnis deines Vorwärtsschreitens in der Welt dir aufzubürden.»

«Wenn deine Neigungen mit deinem Pflichtgefühl zusammenstimmen –», begann Harry.

«Das ist nicht der Fall», unterbrach ihn Rose, tief errötend.

«So erwiderst du also meine Liebe?» sagte Harry. «Sage mir nur dies eine, nur dies eine, Rose, und lindere die Bitterkeit meiner harten Täuschung.»

«Wenn ich dürfte, ohne ihm, den ich liebte, ein schweres Leid zuzufügen,» erwiderte Rose, «so würde ich –»

«So würdest du die Erklärung meiner Liebe ganz anders aufgenommen haben?» fiel Harry in der größten Spannung ein. «O Rose, verhehle mir das wenigstens nicht.»

«Nun ja», sagte die Jungfrau. «Doch», fügte sie, ihre Hand der seinigen entziehend, hinzu, «warum diese peinliche Unterredung fortsetzen, die für mich am schmerzlichsten, wenn auch ein Quell der reinsten Freude ist? Denn es wird mir allerdings stets ein hohes Glück gewähren, einst von dir wie jetzt beachtet und geliebt zu sein, und jeder neue Triumph, den du im Leben erringst, wird mich mit neuer Kraft und Festigkeit erfüllen. Lebe wohl, Harry, denn wir dürfen uns so nie wiedersehen, wenn uns auch in anderen Beziehungen die schönsten, innigsten Bande umschlingen. Möge dir jeder Segen zuteil werden, den das Flehen eines treuen und aufrichtigen Herzens von dort, wo die Wahrheit thront und alles Wahrheit ist, auf dich herabrufen kann!»

«Noch ein Wort, Rose», sagte Harry. «Deine wahren, eigentlichen Gründe. Laß sie mich aus deinem eigenen Munde hören.»

«Deine Aussichten sind glänzend», erwiderte sie mit Festigkeit. «Dir winken alle Ehren, zu denen bedeutende Talente und einflußreiche Verbindungen zu verhelfen vermögen. Aber deine Anverwandten und Gönner sind stolz, und ich will mich ihnen weder aufdrängen, die Mutter verachten, die mir das Leben gab, noch auf den Sohn der Frau, die Mutterstelle an mir vertrat, Unehre bringen oder schuld an der Vereitelung seiner Hoffnungen und Aussichten sein. Mit einem Worte,» fuhr sie, sich abwendend, als wenn die Festigkeit sie verließe, fort, «es klebt ein Makel an meinem Namen, wie ihn die Welt an den Unschuldigen nun einmal heimsucht; er soll in kein fremdes Blut übergehen, sondern der Vorwurf auf mir allein haften bleiben.»

«Noch ein Wort, teuerste Rose – noch ein einziges Wort», rief Harry, sich vor ihr niederwerfend. «Wäre ich minder – minder glücklich, wie es die Welt nennt – wäre mir ein dunkles und stilles Los beschieden gewesen – wäre ich arm, krank, hilflos – würdest du mich dann auch zurückweisen, oder entspringen deine Bedenken aus meinen vermuteten Aussichten auf Reichtümer und Ehren?»

«Dränge mich nicht zu einer Antwort auf diese Frage», versetzte Rose. «Es kann und wird keine Veranlassung kommen, sie aufzuwerfen, und es ist nicht recht, nicht freundlich von dir –»

«Wenn deine Antwort lautete, wie ich es fast zu hoffen wage,» unterbrach Harry das bebende Mädchen, «so würde ein Wonnestrahl auf meinen einsamen Weg fallen und den düsteren Pfad vor mir erhellen. Wieviel kannst du durch die wenigen kurzen Worte für mich tun, der ich dich über alles liebe! O Rose, bei meiner glühenden, unvergänglichen Neigung – bei allem, was ich für dich gelitten und nach deinem Ausspruche leiden soll – beantworte mir die eine Frage!»

«Nun wohl!» erwiderte sie; «wenn dir ein anderes Los beschieden gewesen wäre – wenn du immerhin ein wenig, doch nicht so hoch über mir ständest, wenn ich dir bei beschränkten Verhältnissen eine Gehilfin und Trösterin sein könnte, statt in glänzenden dich nur zu hindern, zu hemmen und zu verdunkeln, so würde ich dir diese ganze Pein erspart haben. Ich habe jetzt alle, alle Ursache, zufrieden und glücklich zu sein, würde dann aber, ich bekenne es, Harry, mein Glück erhöht achten.»

Lebhafte Erinnerungen an alte, süße Hoffnungen, die sie als aufblühende Jungfrau lange gehegt, drängten sich ihr bei diesem Geständnisse auf und brachten Tränen mit, wie es alte Hoffnungen tun, wenn sie verwelkt vor der Seele auftauchen; allein sie schafften ihrem gepreßten Herzen Erleichterung.

«Ich kann meiner Schwäche nicht wehren, und sie bestärkt mich in meinem Entschluß», fügte sie, dem Geliebten die Hand reichend, hinzu. «In Wahrheit, Harry, ich muß dich verlassen.»

«So bitte ich um ein Versprechen», flehte er. «Laß mich noch ein einziges Mal – in einem Jahr oder vielleicht noch weit früher – ein letztes Mal über diesen Gegenstand zu dir reden.»

«Nicht um in mich zu dringen, daß ich meinen wohlüberlegten Entschluß ändere, Harry; es würde vergeblich sein», erwiderte Rose mit einem wehmütigen Lächeln.

«Nein,» versetzte er, «um dich ihn wiederholen zu hören, wenn du ihn wiederholen willst. Ich will dir, was ich mein nennen mag, zu Füßen legen und der Entscheidung, die du jetzt ausgesprochen, wenn du bei ihr beharrst, auf keinerlei Weise entgegentreten.»

«Dann sei es so», sagte Rose. «Es ist nur noch eine Bitterkeit mehr, und ich vermag sie später vielleicht besser zu ertragen.»

Sie reichte ihm noch einmal die Hand; allein er drückte sie an seine Brust, küßte ihre schöne Stirn und eilte hinaus.

Abermals ein kurzes Kapitel, das an seiner Stelle als nicht eben sehr wichtig erscheinen mag, aber doch gelesen werden sollte, weil es das vorhergehende erörtert, und einen Schlüssel zum nachfolgenden darbietet.

«Sie sind also entschlossen, heute morgen mit mir abzureisen?» fragte der Doktor, als sich Harry Maylie mit ihm und Oliver zum Frühstück niedersetzte. «Sie ändern ja Ihre Entschlüsse mit jeder halben Stunde.»

«Ich hoffe, daß Sie bald anderer Meinung sein werden», entgegnete Maylie, sich ohne ersichtlichen Grund verfärbend.

«Ich wünsche sehr, Ursache dazu zu bekommen,» versetzte Losberne, «obgleich ich bekenne, daß ich daran zweifle. Gestern morgen hatten Sie sehr eilfertig beschlossen, zu bleiben und als ein guter Sohn Ihre Frau Mutter an die Seeküste zu begleiten; kurz vor Mittag erklärten Sie, daß Sie mir die Ehre erweisen wollten, so weit mit mir zu fahren, wie ich auf der Londoner Straße bliebe; und gegen Abend drangen Sie unsäglich geheimnisvoll in mich, daß ich abreisen möchte, bevor die Damen aufgestanden wären, wovon die Folge ist, daß Oliver hier beim Frühstück festsitzt, während er botanisieren gehen sollte. Ist's nicht zu arg, Oliver?»

«Es würde mich sehr betrübt haben, Sir, nicht zu Hause gewesen zu sein, wenn Sie und Mr. Maylie abgereist wären», antwortete Oliver.

«Bist ein guter Junge,» sagte der Doktor, «sollst zu mir kommen, wenn du zurückgekehrt bist. Doch um ernsthaft zu reden, Harry, hat eine Mitteilung Ihrer hohen Gönner und Freunde Ihren Abreiseeifer bewirkt?»

«Ich habe,» erwiderte Maylie, «seit ich hier verweile, durchaus keine Mitteilung von meinen Gönnern und Freunden, zu denen Sie ohne Zweifel meinen Onkel zählen, erhalten, auch ist es nicht wahrscheinlich, daß sich eben jetzt etwas ereignet, wodurch ich zu ihnen zu eilen mich gedrungen fühlen könnte.»

«Sie sind ein schnurriger Kauz», fuhr der Doktor fort. «Indes werden besagte Gönner Sie bei der Wahl vor Weihnachten natürlich ins Parlament befördern, und Ihre plötzlichen Beschluß- und Willensänderungen sind keine schlechte Vorbereitung auf das öffentliche Leben. Ein gutes Trainieren ist allezeit wünschenswert, mag das Rennen Staatsstellen, Ehrenbechern oder Rennpreisen gelten.»

Harry Maylie machte eine Miene, als wenn er den Doktor leicht genug aus dem Felde schlagen könnte, begnügte sich indes zu sagen: «Wir werden sehen», und ließ den Gegenstand fallen. Kurz darauf fuhr die Postkutsche vor, Giles holte das Gepäck, und Losberne war eifrig beschäftigt, die letzten Reisevorkehrungen zu beaufsichtigen.

«Ein Wort, Oliver», sagte Harry Maylie leise.

Oliver trat zu ihm in die Fenstervertiefung, in welcher er stand, sehr verwundert über die stille Traurigkeit und Unruhe, die er zugleich an ihm bemerkte.

«Du kannst jetzt recht gut schreiben», sagte Maylie, die Hand auf den Arm des Knaben legend.

«Ziemlich», erwiderte Oliver.

«Ich komme vielleicht vorerst nicht wieder nach Hause und wünsche, daß du mir schreibst, etwa einen Montag um den andern. Willst du?» fuhr Harry fort.

«Mit Freuden, Sir!» rief Oliver äußerst erfreut über den Auftrag aus.

«Ich wünsche von dir zu hören, wie – es meiner Mutter und Miß Maylie ergeht; melde mir, was für Spaziergänge ihr macht, wovon ihr plaudert, und ob sie sich wohl befinden und recht heiter sind. Du verstehst?»

«Vollkommen, Sir.»

«Auch wünsche ich, daß du ihnen nichts davon sagst; es möchte meine Mutter beunruhigen, so daß sie sich bewogen fände, mir öfter zu schreiben, was immer eine große Belästigung für sie ist. Also muß es ein Geheimnis unter uns bleiben, und schreib mir ja alles; ich verlasse mich auf dich.»

Oliver fühlte sich hochgeehrt, versprach, was von ihm verlangt wurde, und Maylie sagte ihm unter vielen Versicherungen seiner Zuneigung Lebewohl.

Der Doktor war bereits eingestiegen, die Dienerschaft wartete am Wagen, Harry warf einen flüchtigen Blick nach Roses Fenster hinauf und stieg gleichfalls ein.

«Fort, Postillon!» rief er, «und fahre, so schnell du kannst; ich werde heute nur zufrieden sein, wenn es wie im Fluge geht.»

«Was fällt Ihnen ein?» rief der Doktor; «Postillon, ich werde nur zufrieden sein, wenn es ganz und gar nicht im Fluge geht.»

Die Dienerschaft sah dem Wagen nach, solange er sichtbar war, Rose aber, die hinter den Vorhängen gelauscht hatte, als Harry hinaufblickte, schaute noch immer in die Ferne hinaus, als sich die Dienerschaft schon längst wieder hineinbegeben hatte.

«Er scheint ganz heiter und zufrieden zu sein», sagte sie endlich. «Ich fürchtete, daß das Gegenteil der Fall sein könnte, und freue mich meines Irrtums.»

Tränen sind Zeichen sowohl der Freude wie des Schmerzes; die aber, welche über Roses Wangen hinabträufelten, während sie sinnend und fortwährend in derselben Richtung hinausschauend am Fenster saß, schienen mehr Kummer als Lust zu bedeuten.

In welchem der Leser, wenn er in das sechsunddreißigste Kapitel zurückblicken will, einen im ehelichen Leben nicht selten hervortretenden Kontrast beobachten wird.

Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte nachdenklich und düster bald in den Kamin, in welchem kein Feuer brannte, da es Sommer war, und der daher öde und trostlos genug aussah und bald noch düsterer zu dem Leimzweige empor, der von der Decke herabhing und von den ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt wurde. Vielleicht erinnerten ihn die Tierchen an eine traurige Begebenheit seines eigenen Lebens.

Auch fehlte es nicht an sonstigen Anzeichen, daß in seinen Angelegenheiten eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte. Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut? Er trug noch Kniehosen und schwarze wollene Strümpfe – doch es waren nicht die des Kirchspieldieners. Der Rock war ein anderer. Der Hut ein gewöhnlicher, bescheidener, runder. Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den mit ihnen verknüpften materiellen Vorteilen, doch noch einen ganz besonderen Wert und eine eigentümliche Würde durch das mit ihnen verknüpfte Kostüm erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Richter seine große Perücke, ein Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut. Man nehme dem Richter seine Perücke, dem Bischof seinen Ornat oder dem Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut, und was sind sie? Weiter nichts mehr als Menschen – bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken und Hüten ab, als viele Leute sich träumen lassen.

Mr. Bumble hatte Mrs. Corney geehelicht und war Armenhausverwalter. Ein anderer Kirchspieldiener war zur Gewalt gelangt, und der dreieckige Hut, der Tressenrock und der Stab waren auf ihn übergegangen.

«Morgen sind's zwei Monate!» sagte Mr. Bumble seufzend. «Es scheint ein Jahrhundert zu sein.»

Mr. Bumble wollte vielleicht sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von acht Wochen ein ganzes, glückliches Leben verlebt hätte – allein der Seufzer! Es lag gar viel in ihm.

«Ich verkaufte mich», fuhr Bumble fort, «für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchgießer, eine Stube voll alter Möbel und zwanzig Pfund Geld – nur gar zu billig, spottwohlfeil!»

«Wohlfeil!» tönte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. «Du wärst für jeden Preis zu teuer gewesen, und der Himmel weiß, daß ich dich mehr als zu teuer bezahlt habe.»

Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner liebenswürdigen Ehehälfte, welche sein kurzes Selbstgespräch nur unvollkommen verstanden und ihre erwähnte Bemerkung auf gut Glück hingeworfen hatte.

«Frau, sei so gut, mich anzusehen», sagte Bumble und dachte bei sich selbst: «Wenn sie solch einen Blick aushält, so hält sie alles aus. Er hat bei den Armen niemals seinen Zweck verfehlt, und verfehlt er ihn bei ihr, so ist es mit meiner Macht und Gewalt vorbei.»

Er verfehlte seinen Zweck. Mrs. Bumble wurde keineswegs durch ihn überwältigt, sondern erwiderte ihn durch einen äußerst verächtlichen, und verband damit obendrein ein Gelächter, das zum wenigsten klang, als wenn es ihr von Herzen käme.

Als Bumble die unerwarteten Töne vernahm, sah er zuerst ungläubig und dann erstaunt aus, worauf er wieder in sein Brüten und Sinnen verfiel, aus welchem ihn jedoch Mrs. Bumble erweckte. «Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?» fragte sie.

«Ich denke hier so lange sitzen zu bleiben, wie es mir beliebt», entgegnete er; «und obschon ich keineswegs schnarchte, so bin ich doch gewillt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und ganz nach meinem Gefallen zu schnarchen, zu niesen, zu lachen oder zu weinen, oder was mir eben sonst behagt.»

«Von deinem Rechte!» höhnte Mrs. Bumble mit unsäglich verächtlicher Miene.

«Ja, von meinem Rechte! Es ist das Recht des Mannes, nach seinem Willen zu leben und zu befehlen.»

«Und was ist denn ins Kuckucks Namen das Recht der Frau?»

«Nach des Mannes Willen zu leben und zu gehorchen. Dein unglücklicher, erster Mann hätte es dich lehren sollen; er wäre dann vielleicht noch am Leben – und ich wollte, daß er es wäre, der gute Mann!»

Mrs. Bumble erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war, und daß es galt, sich der Herrschaft ein für allemal zu bemächtigen, oder ihr für immer zu entsagen. Sie sank daher auf einen Stuhl nieder, erklärte Mr. Bumble für einen Unmenschen mit einem Kieselherzen und brach in einen Tränenstrom aus.

Allein Tränen waren es nicht, was zu Mr. Bumbles Herzen drang; es war wasserdicht. Den Filzhüten gleich, welche gewaschen werden können und durch Regen besser werden, wurden seine Nerven durch Tränenschauer noch fester, die ihn als Zeichen der Schwäche und somit als stillschweigende Anerkenntnisse seiner Obergewalt erfreuten und stolz machten. Er blickte seine Hausfrau mit großer Zufriedenheit an und bat und munterte sie auf alle Weise auf, nur immerzu zu weinen, und nach besten Kräften, denn es sei äußerst gesund, wie die Ärzte versicherten.

«Es erweitert die Lungen, wäscht das Gesicht rein, schärft die Augen und kühlt ein zu heißes Temperament ab», sagte er; «also weine ja nur immerzu.» – Nachdem er die scherzenden Worte gesprochen, griff er zu seinem Hute, setzte ihn kecklich auf die eine Seite, wie ein Mann, der seine Überlegenheit fühlt und auf geeignete Weise zeigen will, steckte die Hände in die Taschen und setzte sich stolzierenden Schritts nach der Tür in Bewegung.

Mrs. Bumble hatte einen Versuch mit den Tränen angestellt, weil sie minder mühsam waren als ein Faustangriff; indes war sie vollkommen bereit, eine Probe mit dem letzteren Verfahren zu machen, was Mr. Bumble auch nicht lange verborgen blieb.

Die erste Kunde, welche er davon erhielt, bestand in einem dumpfen Schalle, welcher die unmittelbare Folge hatte, daß sein Hut an das äußerste Ende des Zimmers flog. Sobald durch dieses vorläufige Beginnen sein Kopf entblößt war, packte ihn die erfahrene Dame mit der einen Hand bei der Kehle und ließ mit der andern einen Hagel von Schlägen, und zwar ebenso gewandt wie wirksam auf sein Haupt niederfallen. Hierauf brachte sie ein wenig Abwechslung in ihr Vorgehen, indem sie ihm das Gesicht zerkratzte und Hände voll Haare ausraufte, und nachdem sie ihn nunmehr so nachdrücklich bestraft hatte, wie sie es dem Vergehen nach für nötig erachtete, warf sie ihn über einen Stuhl, der nicht zweckmäßiger hätte stehen können und forderte ihn auf, noch einmal von seinen Rechten zu sprechen, wenn er es wagen wollte.

«Laß los!» rief er in befehlendem Tone, «und mach' sogleich, daß du fortkommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas Desperates tue.» Er stand mit den allerkläglichsten Mienen auf, sann darüber nach, was wohl ganz desperat sein möchte, hob seinen Hut auf und blickte nach der Tür.

«Gehst du bald?» fragte Mrs. Bumble.

«Ich gehe schon, ja doch», erwiderte er, sich rasch nach der Tür zurückziehend; «ich beabsichtige keineswegs – wirklich, ich gehe schon, Liebe – du bist aber auch so heftig, daß ich fürwahr –»

Mrs. Bumble bückte sich in diesem Augenblick, um den in Unordnung geratenen Teppich wieder zurecht zu schieben, und ihr Eheherr schoß hinaus, ohne daran zu denken, seine Rede zu vollenden, und ließ weiland Mrs. Corney im ungestörten Besitz des Schlachtfeldes. – Mr. Bumble war der Überraschung erlegen und ohne Frage vollständig in die Flucht geschlagen. Er hatte die entschiedenste Neigung zum Bramarbasieren, nichts konnte ihm größere Freude gewähren, als Verübung kleiner Tyrannei und Grausamkeit, und er war demnach, wie kaum gesagt zu werden braucht, eine Memme. Hierdurch wird indes sein Charakter keineswegs heruntergesetzt, da so viele Beamte, die in hoher Achtung stehen und höchlich bewundert werden, die Opfer ähnlicher Schwächen sind. Wir haben jene Bemerkung vielmehr zu seinen Gunsten gemacht, und um unsern Lesern noch mehr zu Gemüt zu führen, wie trefflich sich Bumble zu einem Beamten eignete.

Das Maß seiner Erniedrigung war indes noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal daran gedacht hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu streng wären, und daß Männer, die von ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben dem Kirchspiele aufbürdeten, von Rechts wegen ganz und gar nicht bestraft, sondern vielmehr als verdiente Individuen und Märtyrer belohnt werden sollten, kam er in ein Gemach, in welchem die Bewohnerinnen des Armenhauses beschäftigt zu werden pflegten, das Kirchspielleinenzeug zu waschen, und in welchem er lautes Sprechen hörte.

«Hm!» sagte er, seine ganze angeborene Würde annehmend; «zum wenigsten sollen diese Weiber auch fernerhin meine Rechte achten. Holla – Blitz und Hagel! – wie könnt ihr euch unterstehen, einen solchen Lärm zu machen, verwünschtes Weibsvolk?»

Er öffnete mit diesen Worten die Tür, schritt hochfahrend und zornig hinein, nahm jedoch unmittelbar darauf die demütigste Miene an, denn er erblickte seine Hausehre. «Ich wußte nicht, daß du hier wärst, lieber Schatz», sagte er.

«Wußtest nicht, daß ich hier war?» fuhr sie ihn an. «Was hast du denn hier zu schaffen?»

«Ich dachte, sie sprächen zu viel, um ihre Arbeiten gehörig verrichten zu können», erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Frauen an einem Waschfasse hinblickend, die bewundernde Blicke ob der Demut des Armenhausverwalters wechselten.

«Du dachtest, sie sprächen zu viel?» sagte Mrs. Bumble. «Was geht denn dich das an?»

«Ei nun, lieber Schatz –»

«Ich frage noch einmal, was es dich angeht?»

«Es ist wahr, du hast hier zu befehlen, lieber Schatz; ich glaubte aber, du wärest eben nicht bei der Hand.»

«Ich will dir was sagen, Bumble: wir brauchen dich hier nicht, du hast hier nichts verloren und steckst deine Nase viel zu gern in Dinge, die dich nichts angehen; machst dich bei jedermann lächerlich und zum Narren und wirst ausgelacht, sobald du den Rücken wendest. Troll dich – willst du, oder willst du nicht?»

Bumble gewahrte mit folternden Gefühlen, wie die beiden alten Wäscherinnen wahrhaft entzückt miteinander kicherten und zögerte einen Augenblick. Mrs. Bumble, deren Geduld bei einem Aufschube nicht Probe hielt, ergriff ein Gefäß mit Seifenwasser, näherte sich ihm und wiederholte ihre Aufforderung, bei Strafe, im Falle des Ungehorsams, seine stattliche Person überschüttet zu sehen.

Was konnte er tun? Er blickte trostlos umher, schlich nach der Tür, und das Gekicher der Wäscherinnen verwandelte sich in ein schallendes Gelächter. Mehr bedurfte es nicht. Er war in ihren Augen erniedrigt, hatte Ehre und Ansehen sogar bei den Armen verloren, war von der Höhe der Kirchspieldienerschaft zur tiefsten Tiefe des unter Weiberregiment stehenden Ehemannes heruntergesunken. «Und das alles nach zwei Monaten!» dachte Bumble. «Kaum vor zwei – noch vor zwei kurzen Monaten war ich mein eigener Herr und gebot über das ganze Armenhaus, und jetzt!»

Es war zu viel. Er ohrfeigte den Knaben, der ihm das Tor öffnete (denn er hatte mittlerweile das Portal erreicht) und trat zerstreut auf die Straße.

Er ging eine Zeitlang auf und ab, bis sich die erste Heftigkeit seines Kummers gelegt hatte. Sie ließ indes Durst zurück. Er schritt an vielen Wirtshäusern vorüber und stand endlich vor einem in einem Nebengäßchen befindlichen still, dessen Gaststube, wie er durch einen flüchtigen Blick sich überzeugte, leer war. Nur ein einziger Mann saß darin. Es fing eben an stark zu regnen, und dies bestimmte ihn. Er ging hinein und forderte ein Glas Branntwein.

Der im Gastzimmer sitzende Mann war groß und schwärzlich und hatte sich in einen weiten Mantel gehüllt. Er schien ein Fremder und ziemlich weit gewandert zu sein, denn er sah ermüdet aus und hatte staubige Stiefel an. Er blickte Bumble, als dieser eintrat, von der Seite an, ließ sich aber zur Entgegnung seines Grußes kaum zu einem Kopfnicken herab. Bumble besaß Würde genug für zwei, trank daher sein Glas Branntwein mit Wasser stillschweigend, und nahm mit großer Wichtigkeit ein Zeitungsblatt zur Hand. Wie es indes unter Umständen dieser Art zu geschehen pflegt, er empfand eine starke Neigung, der er nicht widerstehen konnte, von Zeit zu Zeit nach dem Unbekannten verstohlen hinüberzublicken, worauf er stets die Augen etwas verwirrt wieder niedersenkte, da der Unbekannte jedesmal dasselbe tat. Seine Verwirrung wurde noch durch den auffallenden Ausdruck der Augen des letzteren vergrößert, welche scharf und durchdringend waren, und aus denen finstere, argwöhnische Blicke hervorschossen, wie Bumble sie noch nie gesehen, und die seinen Mienen etwas höchst Abstoßendes gaben.

Als die Blicke beider einander auf diese Weise mehrmals begegnet waren, brach endlich der Fremde das Stillschweigen.

«Sahen Sie nach mir,» hub er mit tiefer, rauher Stimme an, «als Sie in das Fenster hereinblickten?»

«Nicht daß ich wüßte, sofern Sie nicht Mr–» Bumble unterbrach sich hier selbst. Er wünschte den Namen des Fremden zu erfahren und hoffte, daß derselbe sich nennen würde.

«Ah, Sie haben also nicht nach mir hereingeblickt,» sagte der Unbekannte, spöttisch den Mund verziehend, «denn Sie würden sonst meinen Namen kennen. Ich möchte Ihnen raten, nicht danach zu fragen.»

«Ich habe nichts Böses gegen Sie im Sinn, junger Mann», entgegnete Bumble, sich in die Brust werfend.

«Und haben mir auch nichts Böses zugefügt», lautete die rasche Antwort.

Es trat wiederum Stillschweigen ein, das der Fremde nach einiger Zeit zum zweitenmal unterbrach. «Ich sollte meinen, daß ich Sie schon gesehen hätte. Sie waren zu der Zeit anders gekleidet, und ich begegnete Ihnen nur auf der Straße, erkenne Sie aber wieder. Waren Sie nicht Kirchspieldiener hier im Orte?»

Bumble bejahte nicht ohne einige Verwunderung.

«Was sind Sie denn jetzt?»

«Armenhausverwalter», erwiderte Bumble langsam und mit nachdrücklicher Betonung, um den Unbekannten zu verhindern, einen Ton ungebührlicher Vertraulichkeit anzunehmen. «Armenhausverwalter, junger Mann!»

«Sie werden sich doch ohne Zweifel noch ebensogut auf Ihren Vorteil verstehen wie sonst?» fuhr der Unbekannte, ihn scharf anblickend, fort, denn Bumble sah ihn nicht wenig erstaunt an. «Tragen Sie kein Bedenken, mir offen zu antworten; Sie sehen ja, daß ich Sie genau genug kenne.»

«Ein verheirateter Mann», versetzte Bumble, die Augen mit der Hand beschattend und den Unbekannten in offenbarer Verlegenheit von Kopf bis zu den Füßen betrachtend, «ist nicht abgeneigter als ein alleinstehender, auf eine ehrliche Weise ein Stück Geld zu verdienen. Die Kirchspielbeamten werden nicht so reichlich besoldet, daß sie eine kleine Nebeneinnahme von der Hand weisen dürften, wenn sie sich ihnen auf eine anständige und schickliche Weise darbietet.»

Der Unbekannte lächelte, nickte mit dem Kopfe, als wenn er sagen wollte, daß er sich in seinem Manne nicht geirrt hätte, und klingelte. Der Wirt erschien, er reichte ihm Bumbles leeres Glas und befahl ihm, es mit starkem und heißem Getränk wieder zu füllen.

«Sie lieben es doch so?» sagte er.

«Nicht zu stark», erwiderte Bumble mit einem Zartgefühl ausdrückenden Husten.

«Sie wissen schon, was das sagen will», rief der Unbekannte in trockenem Tone dem Wirt nach, der lächelnd verschwand und kurz darauf mit einem dampfenden Glase zurückkehrte, das Bumble das Wasser in die Augen trieb.

«Hören Sie mich nun an», sagte der Unbekannte, sobald sie wieder allein waren. «Ich bin heute hierher gekommen, um Sie aufzusuchen, und als ich eben daran dachte, wie ich Sie treffen sollte, trieb Sie mir einer der Zufälle in den Weg, durch die der Teufel bisweilen seine Freunde zusammenführt. Ich muß eine Erkundigung bei Ihnen einziehen, und verlange Ihre Mühe, so gering sie sein mag, nicht umsonst. Stecken Sie das als Handgeld ein.»

Er legte ein paar Goldstücke vor ihn auf den Tisch, und nachdem Bumble dieselben sorgfältig geprüft hatte, ob sie auch nicht falsch wären, und sie vergnügt in die Tasche gesteckt hatte, fuhr der Fremde fort: «Denken Sie einmal zurück – ja an den Winter vor zwölf Jahren.»

«Das ist eine lange Zeit», sagte Bumble. «Aber schon gut. Ich denke an den Winter.»

«Schauplatz das Armenhaus.»

«Gut.»

«Zeit die Nacht.»

«Ja, ja.»

«Ort das elende Loch, in welchem liederliche Weibsbilder Kindern das ihnen selbst oft versagte Leben geben, Kindern, die das Kirchspiel aufzuziehen hat, und wo sie sterbend ihre Schande verstecken.»

«Sie meinen das Wöchnerinnenzimmer», sagte Bumble.

«Ja. In ihm wurde ein Knabe geboren.»

«Viele, viele Knaben», erwiderte Bumble mit kläglichem Kopfschütteln.

«Hol' der Teufel die junge Höllenbrut!» rief der Unbekannte ungeduldig aus. «Ich spreche von einem, 'nem zierlich und bläßlich aussehenden Wichte, der bei einem Leichenbestatter in die Lehre getan wurde (ich wollte, daß er selbst längst zu Grabe getragen wäre!) und später fortlief, wie man glaubte, nach London.»

«Sie meinen Oliver – den Oliver Twist? Ich erinnere mich seiner natürlich sehr wohl. Wir hatten keinen eigensinnigeren kleinen Schlingel im Hause –»

«Ich brauche nichts von ihm zu hören, habe genug von ihm gehört – wo ist die alte Hexe, die seine Mutter entband?»

«Das ist nicht leicht zu sagen. Wo sie sich jetzt aufhält, da gibt's nichts zu tun für Hebammen; sie wird also wohl außer Dienst sein.»

«Was wollen Sie damit sagen?» fragte der Unbekannte finster.

«Daß sie im vergangenen Winter gestorben ist.»

Der Unbekannte sah ihn eine Zeitlang scharf an, sein Blick wurde darauf zerstreut, und er schien in Gedanken versunken zu sein. Es war zweifelhaft, ob ihm die erhaltene Kunde erfreulich oder unwillkommen war, endlich aber schien er freier aufzuatmen, bemerkte, es käme wenig darauf an, und stand auf, um sich zu entfernen.

Bumble besaß hinreichenden Scharfsinn, um sogleich zu gewahren, daß sich ihm eine Gelegenheit eröffnet habe, Gewinn aus einem Geheimnisse seiner besseren Hälfte zu ziehen. Er erinnerte sich des Todes der alten Sally sehr wohl; war sie doch an dem Abend gestorben, an welchem er Mrs. Corney seinen Antrag gemacht hatte; und obgleich ihm von Frau Bumble noch immer nicht anvertraut worden war, was die Sterbende ihr allein gebeichtet, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß es sich auf etwas bezogen, das sich bei oder nach der Entbindung der Mutter Oliver Twists ereignet hatte. Er sagte dem Unbekannten daher mit geheimnisvoller Miene, daß die Alte, nach welcher er sich erkundigt, kurz vor ihrem Tode eine andere Frau habe zu sich rufen lassen und derselben Mitteilungen gemacht habe, die, wie er nicht ohne Grund glaube, Licht in die Sache bringen könnten, um welche es sich handle.

«Wo kann ich die Frau sprechen?» fragte der Unbekannte, offenbar überrascht, denn er ließ durchblicken, daß er lebhafte Befürchtungen hegte, worin dieselben auch bestehen mochten.

«Nur durch meine Vermittlung», erwiderte Bumble.

«Wann?» fragte der Unbekannte in großer Aufregung weiter.

«Morgen.»

«Abends um neun Uhr», sagte der Unbekannte und schrieb mit etwas zitternder Hand die Adresse eines abgelegenen Hauses auf. «Bringen Sie sie abends um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, insgeheim, denn es ist Ihr Vorteil.»

Er ging darauf mit Bumble zur Tür, bezahlte den Wirt, bemerkte, daß sie sich hier trennen müßten, schärfte dem Armenhausverwalter noch einmal Pünktlichkeit ein und ging. Bumble sah auf die Adresse; sie hatte keinen Namen. Er folgte daher dem Unbekannten nach, um ihn darum zu befragen und berührte seinen Arm.

«Was soll das?» fuhr ihn der Unbekannte, sich rasch umdrehend, an. «Warum folgen Sie mir nach?»

«Ich muß doch wissen, nach wem ich zu fragen habe», sagte Bumble; «darf ich nicht um Ihren Namen bitten?»

«Monks!» erwiderte der Unbekannte und entfernte sich mit eiligen Schritten.

Was sich zwischen Mr. und Mrs. Bumble und Monks bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft begab.

Es war ein schwüler Sommerabend; die Wolken, welche den ganzen Tag gedroht hatten, dehnten sich zu einer breiteren und dichteren Masse aus, aus welcher schon dicke Regentropfen herabfielen, und schienen ein heftiges Gewitter zu verkünden, als sich Mr. und Mrs. Bumble aus einer der Hauptstraßen der Stadt nach einer kleinen Kolonie zerstreut stehender und verfallener Häuser wandten, die etwa anderthalb Meilen entfernt sein mochten, und in einer sumpfigen Niederung am Themseufer erbaut waren. Sie hatten sich beide in schäbige Mäntel eingehüllt, vielleicht sowohl um sich vor dem Regen zu schützen, wie um unbemerkt zu bleiben. Mr. Bumble trug eine Laterne, in welcher jedoch kein Licht brannte, und ging ein paar Schritte voran, als hätte er – denn der Weg war schmutzig – seiner Frau den Vorteil verschaffen wollen, in seine breiten Fußstapfen zu treten. Sie schritten in tiefem Stillschweigen dahin, Mr. Bumble sah sich bisweilen um, als wenn er sich hätte überzeugen wollen, ob Mrs. Bumble auch nachfolgte, worauf er ebensooft, sie hinter sich gewahrend, seine Schritte wieder beschleunigte.

Ihr Bestimmungsort konnte keineswegs ein zweideutiger heißen, denn er war längst als die Wohnung von verrufenem und verwegenem Gesindel bekannt, das hauptsächlich von Diebstählen und Räubereien lebte. Es war ein Haufen elender Baracken, in deren Mitte am Uferrande ein großes Gebäude stand, das ehemals zu Fabrikzwecken der einen oder anderen Art gedient und den Hüttenbewohnern umher wahrscheinlich Beschäftigung gegeben hatte. Es war indes seit langer Zeit verfallen, und die Ratten, die Würmer und die Feuchtigkeit hatten das Pfahlwerk morsch gemacht, auf welchem es ruhte, so daß schon ein beträchtlicher Teil des Ganzen unter das Wasser gesunken war, während der wankende und über den finsteren Strom hinüberlehnende Rest nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten schien, dasselbe Schicksal zu teilen.

Vor diesem Gebäude stand das würdige Paar still, als eben das erste Rollen des entfernten Donners vernehmbar wurde, und der Regen mit Heftigkeit niederzustürzen anfing.

«Es muß hier irgendwo sein», sagte Bumble, auf einen Papierstreifen blickend, den er in der Hand hielt.

«Wer da?» ertönte eine Stimme von oben.

Bumble blickte empor und sah jemanden aus dem zweiten Stockwerke herunterschauen.

«Eine Minute Geduld,» rief die Stimme, «ich werde sogleich bei Ihnen sein.»

«Ist das der Mann?» fragte Frau Bumble, und ihr Eheherr nickte bejahend.

«Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe,» fuhr die Dame fort, «und sprich so wenig wie nur irgend möglich, denn du wirst uns sonst gleich verraten.»

Mr. Bumble, der an dem Hause mit sehr bänglichen Blicken emporgeschaut hatte, stand im Begriff, einige Zweifel auszusprechen, ob es überhaupt rätlich sei, sich noch zu dieser Stunde auf das Abenteuer einzulassen, als er durch Monks daran gehindert wurde, der eine kleine Tür öffnete, vor welcher sie standen, und ihnen winkte hereinzutreten. «Geschwind!» rief er ungeduldig, und mit dem Fuße stampfend. «Haltet mich hier nicht auf!»

Frau Bumble, welche anfangs gezögert hatte, ging keck hinein, und ihr Eheherr, der sich schämte oder fürchtete, zurückzubleiben, folgte ihr nach, jedoch offenbar mit großer Unruhe und ohne jene Würde, die ihn sonst stets vornehmlich zu charakterisieren pflegte.

«Was zum Teufel stehen Sie da draußen und ließen sich naß regnen?» sagte Monks zu ihm, nachdem er die Tür wieder verriegelt hatte.

«Wir – wir kühlten uns ein wenig ab», stotterte Bumble, furchtsam umherblickend.

«Kühlten sich ein wenig ab!» entgegnete Monks. «Aller Regen, der jemals vom Himmel herabfiel oder noch herabfallen soll, wird nicht so viel höllisches Feuer auslöschen, wie ein Mann mit sich umhertragen kann. Glauben Sie nicht, daß Sie sich so leicht abkühlen können.»

Mit diesen angenehmen Worten und mit einem finsteren, stieren Blick wandte sich Monks zu Frau Bumble, die, obwohl sonst nicht so leicht einzuschüchtern, dennoch die Augen vor ihm auf den Boden heften mußte. «Ist dies die Frau?» fragte Monks.

«Hm! Ja!» antwortete Mr. Bumble, eingedenk der Warnung seiner Gattin.

«Sie glauben vielleicht, daß Frauen keine Geheimnisse verschweigen können!» nahm Frau Bumble das Wort und blickte dabei Monks wieder dreist und forschend an.

«Ich weiß, daß sie allezeit eins verschweigen, bis es an den Tag gekommen ist», erwiderte Monks verächtlich.

«Und was ist das für ein Geheimnis?» fragte Frau Bumble in demselben zuversichtlichen Tone.

«Der Verlust ihres guten Namens», sagte Monks; «und ebenso fürchte ich nicht, daß eine Frau ihr Geheimnis ausschwatzt, wenn das Ausschwatzen dahin führen kann, daß sie gehängt oder deportiert wird. Verstanden?»

«Nein», versetzte die Dame, sich ein wenig verfärbend.

«Freilich,» sagte Monks spöttisch, «wie könnten Sie mich auch verstehen!» Er blickte die Eheleute halb höhnisch und halb grollend an, winkte ihnen abermals, ihm nachzufolgen, eilte durch das große, jedoch niedrige Zimmer voran und wollte eben eine steile Treppe oder vielmehr Leiter hinaufsteigen, als der helle Glanz eines Blitzes durch die Öffnung herabfuhr und ein Donnerschlag erfolgte, der das gebrechliche Gebäude in seinem Grunde erschütterte.

«Hören Sie!» rief er, zurückschreckend aus. «Hören Sie, wie es prasselt und rollt, als ob es durch tausend Höhlen widerhallte, wo sich die Teufel davor verstecken. Fluch über den Lärm! Ich hasse ihn.»

Er schwieg einige Augenblicke, entfernte plötzlich die Hände von seinem Gesicht, und Mr. Bumble gewahrte zu seinem unaussprechlichen Schrecken, daß es fast kreideweiß und ganz verzerrt war.

«Ich leide bisweilen an diesen Zufällen,» sagte Monks, die Bestürzung des Armenhausverwalters bemerkend, «und dann und wann werden sie durch den Donner hervorgerufen. Achten Sie nicht darauf; es ist für diesmal vorüber.» Mit diesen Worten ging er voran, erklomm die Treppe, verschloß hastig die Fensterläden des Gemaches, in welches er das Ehepaar führte, und ließ eine an einer Leine und einer Rolle an einem der Deckenbalken hängende Laterne herunter, die ein mattes Licht auf einen alten Tisch und drei an denselben gestellte Stühle warf. Als sie sich gesetzt hatten, sagte er: «Je eher wir zur Sache kommen, desto besser ist's für uns alle. Weiß die Frau, worauf sich unser Geschäft bezieht?»

Die Frage war an Mr. Bumble gerichtet, allein Mrs. Bumble nahm sogleich das Wort und erklärte, daß sie mit dem Zwecke der Zusammenkunft vollkommen bekannt sei.

«Er sagte, Sie wären bei der alten Hexe an dem Abend gewesen, da sie starb, und sie hätte Ihnen etwas anvertraut –»

«Was die Mutter des Knaben betraf, den Sie nannten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ja, Sir.»

«Die erste Frage», sagte Monks, «ist die, worin bestand ihre Mitteilung?»

«Das ist die zweite Frage», bemerkte Frau Bumble mit großer Ruhe. «Die erste ist die, was wohl der Preis des Geheimnisses sein mag?»

«Wer zum Teufel kann das sagen, ohne zu wissen, worin es besteht?» lautete Monks' Gegenfrage.

«Ich bin überzeugt, niemand besser als Sie», antwortete Frau Bumble, der es, wie ihr Gatte aus hinreichender Erfahrung bezeugen konnte, keineswegs an Herzhaftigkeit gebrach.

«Hm!» sagte Monks bedeutsam und mit einem begierigen und lauernden Blick; «handelt es sich denn um etwas Wertvolles?»

«Vielleicht – o ja, vielleicht», antwortete Frau Bumble gelassen.

«Etwas, was man ihr abnahm», fuhr Monks eifrig fort; «etwas, was sie trug – etwas, was –»

«Sie tun am besten, wenn sie bieten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ich habe schon gehört, um gewiß zu sein, daß Sie der Mann sind, für welchen mein Geheimnis Wert hat.»

Mr. Bumble, den seine bessere Hälfte von dem Geheimnis noch nicht mehr hatte wissen lassen, als er gleich zu Anfang gewußt, horchte diesem Zwiegespräch mit vorgerecktem Halse und weit aufgerissenen Augen, die er mit unverhohlenem Erstaunen bald auf seine Frau, bald auf Monks heftete, und seine Spannung nahm womöglich noch zu, als der letztere ernstlich nach der Summe fragte, welche für die Offenbarung des Geheimnisses gefordert würde.

«Was ist es Ihnen wert?» fragte Frau Bumble ebenso kaltblütig wie vorhin.

«Kann sein, daß es mir nichts oder daß es mir zwanzig Pfund wert ist», erwiderte Monks; «sprechen Sie und lassen Sie mich Ihre Forderung wissen.»

«Legen Sie noch fünf Pfund zu; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in Gold,» versetzte Frau Bumble, «und ich sage Ihnen alles, was ich weiß – doch eher nicht.»

«Fünfundzwanzig Pfund!» rief Monks, sich zurückbeugend, aus.

«Ich sprach so deutlich, wie ich konnte,» entgegnete Frau Bumble, «und die Summe ist auch nicht bedeutend.»

«Die Summe nicht bedeutend für ein erbärmliches Geheimnis, das vielleicht der Rede nicht wert ist, wenn Sie es offenbart haben!» rief Monks ungeduldig aus; «ein Geheimnis, das seit zwölf Jahren oder länger vergessen oder begraben gelegen hat!»

«Solche Dinge halten sich gut und verdoppeln gleich gutem Weine häufig ihren Wert durch die Zeit», bemerkte Frau Bumble mit der kalten Entschlossenheit, die sie angenommen hatte; «und was das betrifft, daß es begraben gewesen, so gibt es Leute, die, soviel wir wissen, noch zwölftausend oder zwölf Millionen Jahre begraben liegen können und endlich sonderbare Geschichten erzählen werden.»

«Wie aber, wenn ich für nichts zahle?» fragte Monks bedenklich zögernd.

«Sie können mir das Geld leicht wieder abnehmen», erwiderte die Dame. «Ich bin ja nur eine Frau und allein und ohne Schutz in Ihrer abgelegenen Wohnung.»

«Weder allein, meine Liebe, noch ohne Schutz», fiel Mr. Bumble mit vor Angst bebender Stimme ein; «ich bin auch hier, meine Liebe. Und außerdem,» fuhr er zähneklappernd fort, «und außerdem ist Mr. Monks zu sehr Gentleman, um sich auch nur die mindeste Gewalttätigkeit gegen Kirchspielpersonen zu erlauben. Mr. Monks weiß, daß ich nicht mehr in der Blüte der Jahre und der Kraft stehe; allein er hat gehört – hat ohne Zweifel gehört, lieber Schatz, daß ich ein sehr entschlossener Beamter und ungewöhnlich stark bin, wenn ich Veranlassung bekomme, mich zusammenzunehmen. Ich brauche mich nur eben etwas zusammenzunehmen.»

Und als Mr. Bumble so sprach, machte er einen trübseligen Versuch, mit trotziger Entschlossenheit nach seiner Laterne zu greifen, und zeigte deutlich durch den in allen seinen Zügen sich malenden Schrecken, wie es allerdings bei ihm nötig war, daß er sich ein wenig oder vielmehr recht sehr zusammennehmen mußte, bevor er sich zu einer nur irgend kriegerischen Demonstration herbeiließ, ausgenommen gegen Arme oder andere wehrlose Personen.

«Du bist ein Narr,» entgegnete ihm seine Ehehälfte, «und kannst nichts Besseres tun als den Mund halten.»

«Und ich werde ihm sogleich darauf schlagen, wenn er nicht leiser spricht», sagte Monks zornig. «Er ist also Ihr Mann?»

«Er mein Mann!» kicherte Frau Bumble, der Frage ausweichend.

«Ich dachte es, als Sie beide hereinkamen», fuhr Monks fort, den zornigen Blick gewahrend, den die Dame ihrem Eheherrn zuwarf. «Desto besser; ich trage um so weniger Bedenken, mit Leuten zu unterhandeln, wenn ich finde, daß sie von einem und demselben Willen beseelt sind. Ich meine es ernstlich – schauen Sie hier!»

Er zog einen Beutel aus der Tasche, zählte fünfundzwanzig Sovereigns auf den Tisch und schob sie Frau Bumble hin.

«Nehmen Sie,» fuhr er fort, «und lassen Sie mich nun hören, was Sie zu erzählen haben, sobald der verwünschte Donnerschlag vorüber ist, der, ich fühl's, gerade über dem Hause loswettern wird.»

Sobald das Donnergeroll vorüber war, hob Monks das Gesicht vom Tische empor und beugte sich zu Frau Bumble hinüber, um begierig zu hören, was sie sagen würde. Auch das Ehepaar lehnte sich über den kleinen Tisch, so daß die Köpfe von allen dreien sich berührten. Das auf sie gerade herunterfallende matte Licht der hängenden Laterne ließ ihre Gesichter noch bleicher und gespenstischer erscheinen, und sie sahen um so unheimlicher aus, als rings umher die tiefste Finsternis sie umgab.

«Als die Frau, die wir die alte Sally nannten, starb,» hub Frau Bumble flüsternd an, «war ich mit ihr allein.»

«War niemand dabei?» fragte Monks mit demselben hohlen Geflüster; «keine Kranke oder Verrückte in einem anderen Bette? – keine Seele, welche hören, vielleicht verstehen konnte?»

«Wir waren ganz allein», versicherte Frau Bumble; «ich und sonst niemand stand an ihrem Bette, als sie im Sterben lag. Sie sprach von einer jungen Frauensperson, die einige Jahre zuvor einem Kinde das Leben gegeben hätte, und zwar nicht bloß in demselben Zimmer, sondern auch in demselben Bette, in welchem die Sterbende lag.»

«Fürwahr!» sagte Monks mit bebender Lippe und über seine Schulter blickend. «Teufel! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können!»

«Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten», fuhr Frau Bumble, nachlässig nach ihrem Manne hindeutend, fort; «und die alte Sally hat seine Mutter bestohlen.»

«Bei ihren Lebzeiten?» fragte Monks.

«Nein, als sie gestorben war», erwiderte Frau Bumble mit einigem Schaudern. «Sie bestahl die Leiche, nachdem dieselbe eine solche geworden war, und was sie nahm, war eben das, was die sterbende Mutter in ihren letzten Atemzügen sie gebeten hatte, um des Kindes willen aufzubewahren.»

«Verkaufte sie es?» fiel Monks in der größten Spannung ein; «hat sie es verkauft? – Wo? – Wann? – An wen? – Vor wie langer Zeit?»

«Als sie mir mit großer Mühe gesagt hatte, was sie getan, sank sie zurück und starb.»

«Und sagte weiter nichts mehr?» rief Monks mit einer Stimme, die nur um so wütender ertönte, je gewaltsamer er sie zu dämpfen suchte. «Es ist eine Lüge! Ich werde mich nicht hinter das Licht führen lassen. Sie sagte mehr – ich morde Sie beide, wenn ich nicht erfahre, was es war!»

«Sie sagte kein Sterbenswörtchen mehr,» entgegnete Frau Bumble, allem Anscheine nach durch Monks' Heftigkeit nicht im mindesten erschreckt, was ihr Mann augenscheinlich in einem desto höheren Grade war; «sie faßte aber krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid, und ich fand, als sie tot war, und als ich ihre Hand mit Gewalt losmachte, einen schmutzigen Papierstreifen darin.»

«Was enthielt er?» unterbrach Monks, sich vorbeugend.

«Nichts; es war ein Schein von einem Pfandleiher.»

«Worüber?»

«Das werde ich Ihnen seinerzeit schon sagen. Ich muß glauben, sie hatte das Geschmeide, über dessen Empfang der Papierstreifen ausgestellt war, einige Zeit aufbewahrt, um größeren Gewinn daraus zu ziehen, es sodann verpfändet und dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um es wieder einlösen zu können, wenn es etwa zu einer Entdeckung führen sollte. Dies war jedoch nicht geschehen, und sie starb mit dem Scheine in der Hand, der nach einigen Tagen verfallen sein würde, und ich löste das Pfand ein, weil ich glaubte, dereinst noch einmal Nutzen daraus ziehen zu können.»

«Wo haben Sie es?» fragte Monks hastig.

«Hier ist es», erwiderte Frau Bumble und warf eilig, als wenn sie froh wäre, sich davon zu befreien, ein kleines ledernes Beutelchen auf den Tisch; Monks bemächtigte sich desselben begierig und öffnete es mit zitternden Händen. Es enthielt ein kleines goldenes Medaillon, in welchem sich zwei Haarlocken und ein einfacher goldener Trauring befanden.

«Auf der Innenseite ist der Name Agnes zu lesen», sagte Frau Bumble. «Für den Zunamen ist ein Raum offen gelassen, und dann folgt das Datum von einem Tage in dem Jahre vor der Geburt des Kindes, das ich in Erfahrung gebracht habe.»

«Und das ist alles?» fragte Monks nach einer genauen und eifrigen Untersuchung des kleinen Beutels.

«Ja,» antwortete Frau Bumble, und ihr Eheherr atmete lang und tief, als wenn er sich freute, daß alles vorüber wäre, ohne daß Monks die fünfundzwanzig Pfund zurückforderte. Er faßte jetzt so viel Mut, um endlich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Anfange der Unterredung an über die Stirn und Wangen hinabgeträufelt war.

«Ich weiß nichts von der Geschichte außer dem, was ich mutmaßen kann,» nahm seine Frau nach einem kurzen Stillschweigen wieder das Wort, «und begehre auch nichts zu wissen, denn es ist sicherer. Darf ich Ihnen aber ein paar Fragen vorlegen?»

«Das können Sie», sagte Monks mit einiger Verwunderung; «ob ich aber antworte oder nicht, ist eine andere Frage.»

«Was ihrer drei macht», bemerkte Mr. Bumble, ein wenig Scherzhaft-Witziges einschaltend.

«War es das, was Sie von mir zu bekommen erwarteten?» fragte die Dame.

«Ja», erwiderte Monks. «Die zweite Frage?» –

«Was denken Sie damit zu tun – kann es gegen mich gebraucht werden?»

«Niemals,» sagte Monks, «und auch nicht gegen mich. Sehen Sie hier; aber bewegen Sie sich keinen Schritt vorwärts, oder Ihr Leben ist keinen Strohhalm wert!» Er schob bei diesen Worten plötzlich den Tisch zur Seite und öffnete eine große Falltür dicht vor den Füßen Mr. Bumbles, der sich in größter Hast mehrere Schritte zurückzog. «Schauen Sie hinunter», sagte Monks, die Laterne in die Öffnung hinablassend; «fürchten Sie nichts. Ich hätte Sie ganz unbemerkt hinunter spedieren können, als Sie darüber saßen, wenn es meine Absicht gewesen wäre.»

Frau Bumble trat ermutigt an die Öffnung, und sogar ihr Eheherr wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das vom Regen angeschwollene trübe Wasser rauschte unten so gewaltig, daß sich alle anderen Töne in seinem Geräusche verloren. Es war an der Stelle vormals eine Wassermühle gewesen, und das Pfahlwerk und die sonstigen Überreste derselben hielten das Wasser nur auf, um seinen Andrang und das Brausen noch zu verstärken.

«Wenn man hier eine Leiche hinunterwürfe, wo würde sie morgen früh sein?» fragte Monks, die Laterne in dem finsteren Schlunde hin und her schwingend.

«Zwölf Meilen weit unten im Strome und obendrein in Stücke gerissen», erwiderte Bumble, bei dem bloßen Gedanken zurückbebend.

Monks nahm den kleinen Beutel, band ihn fest an ein daliegendes bleiernes Gewicht und warf ihn in das Wasser hinunter; man hörte, wie er hineinfiel, alle drei sahen einander an und schienen freier aufzuatmen. Monks verschloß die Falltür wieder.

«So!» sagte er. «Wenn die See ihre Toten jemals zurückgibt, wie Bücher sagen, daß sie es werde – so wird sie doch ihr Gold und Silber samt jenem Plunder für sich behalten. Wir haben einander nichts mehr zu sagen und können unserem angenehmen Zusammensein ein Ende machen.»

«Allerdings, allerdings», bemerkte Mr. Bumble mit großem Eifer.

«Sie werden doch aber reinen Mund halten?» fragte Monks mit einem drohenden Blick. «Für Ihre Frau bin ich nicht besorgt.»

«Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann», antwortete Bumble, sich unter fortwährenden, unendlich höflichen Verbeugungen der Leiter nähernd. «Um jedermanns willen, und Sie wissen, auch um meinetwillen, Mr. Monks.»

«Ich freue mich um Ihretwillen, Sie so sprechen zu hören», entgegnete Monks. «Zünden Sie Ihre Laterne an, und machen Sie sich davon, so schnell Sie können.»

Diese Aufforderung kam sehr zur rechten Zeit, denn Mr. Bumble würde, wenn er sich noch einmal verbeugt und dann noch einen einzigen Schritt zurückgetan hätte, unfehlbar hinuntergestürzt sein. Er zündete seine Laterne an, stieg schweigend hinab, und seine Frau folgte ihm. Monks folgte zuletzt, nachdem er einige Augenblicke gehorcht hatte, ob sich auch keine anderen Laute vernehmen ließen, als die des Wasser- und Regengeräusches. Sie gingen langsam und vorsichtig durch das Zimmer im Erdgeschoß, denn Monks erschrak über jeden Schatten, und Bumble hielt seine Laterne einen Fuß über dem Boden und blickte fortwährend angstvoll nach versteckten Falltüren umher. Monks öffnete ihnen leise die Tür, und das Ehepaar trat in die Finsternis hinaus, nachdem es von seinem geheimnisvollen Bekannten durch ein Kopfnicken Abschied genommen hatte.

Sobald der Armenhausverwalter und seine Gattin fort waren, rief Monks, der einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Alleinsein zu hegen schien, einen Knaben, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, befahl ihm, mit der Laterne voranzugehen, und kehrte in das Gemach zurück, das er soeben verlassen hatte.


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