In welchem alte Bekannte auftreten und Fagin und Monks die Köpfe zusammenstecken.
An dem Abende, der auf die im vorigen Kapitel erzählte Unterredung der drei wackeren Leute folgte, erwachte Sikes aus seinem Schlummer und fragte schlaftrunken, welche Zeit es wäre. Das Zimmer, in welchem er sich befand, war keins von denen, die er vor der Chertseyer Expedition bewohnt hatte, obgleich es sich in einem Hause nicht weit von seiner früheren Wohnung befand. Es war allem Anschein ein weit schlechteres Gemach und erhielt nur durch ein einziges Dachfenster Licht, das auf eine enge und schmutzige Gasse hinausging. Auch fehlte es nicht an mannigfachen anderen Anzeichen, daß Mr. Sikes zur äußersten Dürftigkeit herabgesunken war, was auch durch sein bleiches und abgemagertes Aussehen bestätigt wurde.
Der Einbrecher lag auf seinem Bett, in einen großen weißen Mantel gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine leichenhafte Blässe und einen mindestens eine Woche alten, stachligen, schwarzen Bart nichts weniger als verschönt war. Sein Hund saß neben dem Bett, bald seinen Herrn mit ernsten Augen anblickend, bald die Ohren spitzend und ein dumpfes Knurren ausstoßend, sobald ein Geräusch auf der Straße oder in dem unteren Teile des Hauses seine Aufmerksamkeit erregte.
An dem Fenster mit Ausbesserung eines dem Einbrecher gehörenden alten Kleidungsstückes beschäftigt, saß Nancy, welche gleichfalls so blaß und erschöpft von Hunger und Wachen aussah, daß man sie kaum anders als an der Stimme erkannt haben würde, als sie Sikes' Frage beantwortete. «Noch nicht lange sieben vorüber», sagte sie. «Wie befindet Ihr Euch heute abend, Bill?»
«So schwach wie Wasser», erwiderte er mit einem seiner gewöhnlichen Flüche. «Komm her, reich' mir die Hand und hilf mir von dem verdammten Bette.»
Sikes' Laune war durch seine Krankheit nicht freundlicher geworden, denn während ihn Nancy emporhob und nach einem Stuhle leitete, murmelte er Flüche über ihr Ungeschick und schlug sie.
«Plärrst du?» sagte er. «Laß das Winseln bleiben! Wenn du nichts Besseres weißt, so troll' dich lieber. Hörst du?»
«Freilich hör' ich», antwortete das Mädchen, das Gesicht abwendend und sich zu einem Lachen zwingend. «Was fällt Euch denn jetzt wieder ein, Bill?»
«Hast dich 'nes Bessern besonnen?» sagte Sikes finster, die in ihrem Auge zitternde Träne gewahrend. «Um so besser für dich.»
«Oh, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill», versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.
«Warum nicht?» fuhr er sie an.
«Wie viele, viele Nächte,» sagte sie mit einer Regung von Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse Weichheit gab, – «wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein Wort – sagt nein.»
«Nun ja, ich hätt's nicht getan», sagte Sikes. «Aber Gott verdamm' mich, die Dirne winselt schon wieder!»
«'s ist nichts», seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. «Kümmert Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.»
«Was wird vorüber sein?» fragte Sikes zornig. «Was hast du jetzt wieder für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit deinen Weiberpossen zu Haus!»
Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte, denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe, als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.
«Was gibt es, mein Lieber?» fragte der Jude hereinblickend.
«Kannst der Dirne nicht beispringen?» rief ihm Sikes ungeduldig zu. «Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!»
Fagin eilte mit einem Ausrufe der Verwunderung, Nancy Beistand zu leisten, während Mr. John Dawkins (sonst genannt der gepfefferte Baldowerer), der seinem ehrwürdigen Freunde in das Zimmer gefolgt war, hastig ein Bündel niederlegte, Master Charley Bates, der dicht hinter ihm war, eine Flasche aus der Hand riß, sie im Nu mit den Zähnen entkorkte und der Patientin einige Tropfen daraus eingoß, jedoch erst, nachdem er selbst gekostet, um einen etwaigen Irrtum zu verhüten.
«Blase ihr 'n Bissel frische Luft mit dem Blasebalge zu, Charley,» sagte er, «und Ihr, Fagin, klapst ihr die Hände, während Bill ihr die Kleider lockert.»
Da alle sehr eifrig waren, besonders Master Bates, dem seine Rolle der köstlichste Spaß zu sein schien, so kam Nancy nach kurzer Zeit allmählich wieder zu sich selbst, wankte nach einem Stuhle am Bett, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Sikes, ohne alle Einmischung von ihrer Seite, den Neuangekommenen seine Meinung über sie und ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.
«Welcher böse Wind hat Euch denn hierher geblasen?» fragte er Fagin.
«Gar kein böser Wind, mein Lieber,» antwortete der Jude; «denn ein böser Wind bläst zu niemandem Gutes, und ich habe mitgebracht etwas Gutes, das Ihr Euch werdet freuen zu schaun. Baldowerer, mein Lieber, öffne das Bündel und gib Bill, wofür wir haben ausgegeben all unser Geld.»
Der Gepfefferte band das Bündel auf, und Charley Bates leerte es unter Lobsprüchen des Inhalts.
«Schaut nur, Bill,» sagte der junge Herr, «solch 'ne Kaninchenpastete, von so zarten Tierchen, daß einem sogar die Knochen auf der Zunge zerschmelzen; – und hier den prächt'gen Tee – und den Zucker – und das Brot – und die frische Butter – den Gloucesterkäs – und vor allen Dingen, was sagt Ihr hierzu?»
Er stellte bei diesen Worten eine wohlverkorkte Weinflasche auf den Tisch, während Dawkins aus der Flasche, die er vorhin Charley entrissen, dem Patienten ein Glas Branntwein einschenkte, das von demselben sogleich auf einen Zug geleert wurde.
«Das wird Euch bekommen, wird Euch bekommen, Bill», sagte der Jude, sich vergnügt die Hände reibend.
«Bekommen?» rief Sikes aus. «Ich hätte zwanzigmal umkommen können, eh' du 'nen Finger für mich gerührt hättest. Was soll das bedeuten, du falscher Schuft, daß du einen in 'nem solchen Zustande länger als drei Wochen im Stich lässest?»
«Hört, Kinder, hört ihn nur!» sagte der Jude achselzuckend; «hört, was er sagt, da wir kommen eben und ihm bringen alle die prächtigen Sachen.»
«Die Sachen sind in ihrer Art ganz gut», bemerkte Sikes, durch einen Blick nach dem wohlbesetzten Tische ein wenig besänftigt; «aber womit kannst du dich entschuldigen, daß du mich hier krank, ohne Geld und entblößt von allem hast liegen lassen und dich die ganze Zeit nicht mehr um mich bekümmert hast, als wenn ich nicht besser wär' wie der Hund da?»
«Ich bin gewesen aus London, mein Lieber, länger als eine Woche», erwiderte der Jude.
«Und wo warst du die anderen vierzehn Tage,» fragte Sikes, «wo du mich hast hier liegen lassen wie 'ne Ratt' in ihrem Loche?»
«Konnt's nicht ändern, Bill», antwortete Fagin; «kann mich nicht einlassen auf die Gründe vor so vielen Ohren; aber, auf meine Ehre, ich konnt's nicht ändern.»
«Worauf?» schnaubte ihn Sikes mit der äußersten Verachtung an. «Jungen, schneid' mir einer von euch ein Stück Pastete ab, daß ich den Geschmack von seiner Ehr' aus dem Munde los werde, oder ich ekle mich daran zu Tode.»
«Seid nur nicht unwirsch, mein Lieber», erwiderte der Jude sehr unterwürfig. «Ich hab' Euch vergessen nicht, Bill; niemals, Bill.»
«Oh, ich will selbst darauf schwören», fiel Sikes mit dem bittersten Lächeln ein. «Du gehst deinen Geschäften nach, während ich hier im Fieber liege. Ich hab' bald dies, bald das für dich tun müssen, solang ich gesund und auf'n Beinen war, und hab's spottwohlfeil getan und bin arm dabei geblieben und hätte sterben und verderben müssen, wär' die Dirn' nicht gewesen.»
«Ganz recht, Bill,» sagte der Jude, Sikes' letzte Äußerung begierig auffassend, «wär' nicht gewesen die Dirne! Wer aber hat sie erzogen als der arme, alte Fagin, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?»
«Er hat ganz recht», rief Nancy aus, hastig näherkommend. «Laßt ihn zufrieden.»
Nancys Erscheinen gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn die Jungen begannen auf einen Wink des schlauen alten Juden hin ihr Branntwein einzuschenken, während Fagin mit Aufbietung all seines Witzes Sikes endlich in eine bessere Laune brachte, indem er sich stellte, als betrachtete er seine Drohungen als kleine, harmlose Scherze und außerdem von Herzen über ein paar rohe Späße lachte, zu denen sich der andere, nachdem er wiederholt der Branntweinflasche zugesprochen hatte, herabließ.
«Das ist alles ganz gut,» sagte Sikes endlich, «aber ich muß heute abend noch Geld von dir haben.»
«Ich habe nichts, habe gar nichts bei mir, Bill», wandte der Jude ein.
«Dann hast du desto mehr zu Hause,» sagte Sikes, «und ich muß darum was haben.»
«Desto mehr!» rief Fagin, die Hände emporhebend, aus. «Ich habe nicht soviel, um nur –»
«Ich weiß nicht, wieviel du hast,» unterbrach ihn Sikes, «und du magst es selbst wohl nicht wissen, denn es wird 'ne gute Zeit dazu gehören, es zu zählen; aber gleichviel, ich muß und muß noch heut' abend Geld haben.»
«Nun gut, schon gut», entgegnete Fagin seufzend; «so will ich den Baldowerer schicken.»
«Das sollst du bleiben lassen», sagte Sikes. «Der Gepfefferte ist ein gut Teil zu gepfeffert und würd' das Herkommen vergessen oder sich vom Wege verlieren oder die SchukerAPbaldowerten ihn, so daß er verhindert wär', oder was er sonst für Ausflüchte ersänne. Nancy soll mitgehen und 's holen, und ich will mich unterdes hinlegen und dormen.»
Nach vielem Markten und Feilschen kam endlich die Abrede zustande, daß Sikes drei Pfund und vier Schillinge erhalten solle, worauf der Jude mit seinen Zöglingen ging und Sikes sich niederlegte, um die Zeit bis zu Nancys Rückkehr zu verschlafen. In der Wohnung des Juden saßen Toby Crackit und Mr. Chitling beim fünfzehnten Spiele Cribbage, das der letztere natürlich samt seinem fünfzehnten und letzten Sixpence verlor. Mr. Crackit schien sich ein wenig zu schämen, mit einem jungen Herrn sich eingelassen zu haben, der hinsichtlich seiner Stellung und Geistesgaben so weit unter ihm war, gähnte, fragte nach Sikes und griff zu seinem Hute.
«Niemand hier gewesen, Toby?» fragte der Jude.
«Kein lebendiges Bein», antwortete Mr. Crackit, an seinem Hemdkragen zupfend. «Ihr müßtet eigentlich ein tüchtiges Stück Geld zahlen, um mich dafür zu belohnen, daß ich Eu'r Haus solange gehütet. Gott verdamm' mich, ich bin so dämlich wie ein Geschworener und wäre so fest eingeschlafen wie in Newgate, wenn mich meine Gutmütigkeit nicht bewogen hätte, mich mit dem jungen Menschen abzugeben. 's ist hier schauderhaft langweilig gewesen.»
Er steckte bei diesen Worten seinen Gewinn mit einer Miene in die Westentasche, als wenn es im Grunde tief unter seiner Würde wäre, so kleine Münzen an sich zu nehmen, und entfernte sich mit seinem gewöhnlichen renommistisch-gentilen Wesen. Tom Chitling sandte ihm bewundernde Blicke nach und erklärte, daß er seinen Verlust um einer solchen Bekanntschaft willen für nichts achte. Master Bates verspottete ihn, worauf er Fagin zur Entscheidung aufforderte. Der Jude gab Dawkins und Charley einen Wink und versicherte Tom, daß er ein sehr gescheiter junger Mensch wäre.
«Und ist nicht Mr. Crackit eine grandige SinzeAQ, Fagin?» fragte Tom.
«Freilich, freilich, mein Lieber.»
«Und ist's einem nicht 'ne Ehre, mit ihm Bekanntschaft zu haben?»
«Allerdings, mein Lieber. Die beiden sind nur eifersüchtig, weil er sie nicht gönnt ihnen.»
«Seht ihr wohl?» rief Tom triumphierend. «Er hat mich ausgezogen, ich kann aber hingehen und wieder was verdienen und noch mehr, sobald ich nur will – nicht wahr, Fagin?»
«Ja, ja, Tom,» erwiderte der Jude, «und je eher es geschieht, desto besser. Also verloren mehr keine Zeit! Baldowerer, Charley, 's ist Zeit für euch, auszugehen auf MassemattenAR– 's ist schon fast zehn und noch nichts geschafft.»
Der Baldowerer und Charley sagten Nancy gute Nacht und entfernten sich unter mannigfachen Witzen auf Tom Chitlings Kosten, dessen Benehmen jedoch ganz und gar nicht besonders auffällig oder ungewöhnlich gewesen war; denn wie viele vortrefflich junge Gentlemen gibt es nicht, die einen noch weit höheren Preis bezahlen als er, um in guter Gesellschaft gesehen zu werden; und wie groß ist die Anzahl der die besagte gute Gesellschaft bildenden feinen und vornehmen Herren, die ihren Ruf so ziemlich auf dieselbe Weise begründen, wie der elegante Toby Crackit!
«Nun will ich dir holen das Geld, Nancy», sagte der Jude, als sie fort waren. «Das ist nur der Schlüssel zu einem kleinen Schranke, wo ich aufbewahre allerhand Schnurrpfeifereien, welche gebracht haben die Jungens. Ich verschließe nie mein Geld, weil ich keins habe zu verschließen. Das Geschäft geht schlecht, Nancy, und ich habe keinen Dank davon, aber ich freue mich, das junge Volk zu sehen um mich – pst!» unterbrach er sich, den Schlüssel hastig wegsteckend, «was war das? – horch!»
Nancy saß mit untergeschlagenen Armen am Tisch, und es schien ihr vollkommen gleichgültig zu sein, ob jemand käme oder ginge und wer das wäre, bis das Gemurmel einer Männerstimme ihr Ohr traf. Sobald sie die Laute vernahm, legte sie mit Blitzesschnelle ihren Hut und Schal ab und warf beides unter den Tisch. Gleich darauf drehte der Jude sich um, und sie klagte mit matter Stimme, deren Ton gar sehr gegen ihre eben erst bewiesene, von Fagin jedoch nicht bemerkte Hast und Heftigkeit abstach, über Hitze.
«'s ist der Mann, den ich erwartete», sagte der Jude flüsternd und offenbar verdrießlich über die Unterbrechung. «Er kommt jetzt herunter die Treppe. Kein Wort von dem Gelde, Kind, in seiner Gegenwart. Er bleibt nicht lange hier – keine zehn Minuten, liebes Kind.» Er hielt den knöchernen Zeigefinger auf die Lippen, ging mit dem Licht nach der Tür und legte in dem Augenblick die Hand auf den Griff, als der Besucher hastig eintrat. – Es war Monks.
«Nur eine von meinen jungen Schülerinnen», sagte Fagin, als Monks, eine Unbekannte erblickend, zurücktrat.
Nancy sah gleichgültig nach Monks hin und wandte die Blicke darauf von ihm ab; als er die seinigen aber auf den Juden richtete, schaute sie ihn abermals verstohlen, aber so scharf und forschend an, als wenn sie plötzlich eine ganz andere geworden wäre.
«Neuigkeiten?» fragte der Jude.
«Große.»
«Und – und – gute?» fragte der Jude stockend weiter, als ob er fürchtete, Monks dadurch zu reizen, daß er sich zu hoffnungsfroh zeigte.
«Zum wenigsten keine schlechten», erwiderte Monks lächelnd. «Ich bin diesmal tätig genug gewesen. Laßt uns ein paar Worte allein reden.»
Nancy rückte näher an den Tisch heran, machte aber keine Miene, das Zimmer zu verlassen, obwohl sie sah, daß Monks nach ihr hindeutete. Der Jude, der vielleicht fürchtete, daß sie etwas von dem Gelde sagen möchte, wenn er ihr befehle, hinauszugehen, wies stumm nach oben und ging mit Monks hinaus.
«Nicht wieder in das höllische Loch, wo wir damals waren», hörte Nancy den letzteren sagen, während beide die Treppe hinaufstiegen. Der Jude lachte und erwiderte etwas, was sie nicht verstand. Dem Schalle der Fußtritte nach schienen sie in das zweite Stockwerk hinaufzugehen. Sie zog rasch die Schuhe aus, horchte in der größten Spannung an der Tür und schlich, sobald sie keinen Laut mehr vernahm, vollkommen geräuschlos nach. Es mochte eine Viertelstunde verflossen sein, als sie ebenso leise in das Zimmer zurückkehrte, und gleich darauf kamen auch die beiden Männer wieder die Treppe herunter. Monks entfernte sich aus dem Hause, und als der Jude nach einiger Zeit mit dem Gelde hereintrat, setzte das Mädchen eben den Hut auf, wie um sich zum Fortgehen anzuschicken.
«In aller Welt, Nancy, wie blaß bist du!» rief Fagin erschreckend aus. «Was hast du angefangen?»
«Nichts, das ich wüßte, ausgenommen, daß ich hier wer weiß wie lange in dem engen Zimmer gesessen habe», antwortete sie im gleichgültigsten Tone. «Gebt mir endlich das Geld und laßt mich fort.»
Fagin zählte es ihr seufzend in die Hand, sagte ihr gute Nacht, und sie ging. Sobald sie sich auf der offenen Straße befand, setzte sie sich auf die Stufen vor einer Haustür und schien, ganz betäubt und erschöpft, außerstande zu sein, ihren Weg fortzusetzen. Plötzlich sprang sie indes wieder auf, eilte nach einer ganz anderen Richtung fort, als nach der, wo Sikes Wohnung lag, beschleunigte ihre Schritte und lief endlich, so schnell ihre Füße sie tragen konnten. Sie mußte nach einer Weile stillstehen, um Atem zu schöpfen, schien auf einmal wieder zur Besinnung zu kommen und rang die Hände und brach in Tränen aus, als ob sie sich bewußt geworden wäre, etwas nicht tun zu können, was zu tun sie auf das sehnlichste wünschte.
Sei es, daß die Tränen ihr Erleichterung verschafften, oder daß sie erkannte, wie gänzlich hoffnungslos ihre Lage war: genug, sie kehrte wieder zurück und eilte fast ebenso schnell nach Sikes' Wohnung, sowohl um die verlorene Zeit wieder einzubringen, als um gleichsam mit ihren stürmisch-drängenden Gedanken Schritt zu halten.
Wenn sie noch Erregtheit verriet, als sie sich dem Diebe zeigte, so gewahrte er dieselbe doch nicht, sondern schlummerte wieder ein, nachdem er gefragt, ob sie das Geld mitgebracht habe, und eine bejahende Antwort erhalten hatte.
Es war ein glücklicher Umstand für das Mädchen, daß Sikes Geld erhalten hatte und daher am folgenden Tage durch Essen und Trinken fast fortwährend beschäftigt wurde, was eine so wohltätige Wirkung auf seine Stimmung äußerte, daß er weder Zeit noch Neigung hatte, sich um sie und ihr Benehmen sonderlich zu bekümmern. Seinem luchsäugigen Freunde, dem Juden, würde es nicht entgangen sein, daß sie mit der Ausführung irgendeines verzweifelten Entschlusses umging; allein Sikes besaß Fagins scharfe Beobachtungsgabe nicht, so daß Nancys ungewöhnliche Erregtheit und Unruhe keinen Verdacht bei ihm erweckte.
Je näher der Abend kam, desto größer wurde ihre Unruhe, und als sie in gespannter Erwartung neben ihm saß und darauf wartete, daß er sich in den Schlaf tränke, wurden ihre Wangen so blaß, und es blitzte ein so ungewöhnliches Feuer aus ihren Augen, daß Sikes endlich aufmerksam darauf werden mußte. Er war matt vom Fieber, trank heißes Wasser zu seinem Branntwein, um jenes minder entzündlich zu machen, und hatte Nancy das Glas gereicht, um es zum dritten oder vierten Male von ihr füllen zu lassen, als ihm ihre Blässe und das Feuer in ihren Augen zuerst auffielen. Er starrte sie an, stützte sich auf den Ellbogen, murmelte einen Fluch und sagte: «Du siehst ja wie eine Leiche aus, die wieder zum Leben erwacht ist. Was hast du?»
«Was ich habe?» erwiderte sie. «Nichts. Warum seht Ihr mich so scharf an?»
«Was ist das wieder für eine Albernheit?» fragte er, die Hand auf ihre Schultern legend und sie unsanft schüttelnd. «Was ist das? Was soll das bedeuten? Woran denkst du, Mädchen?»
«An vielerlei, Bill», erwiderte sie schaudernd und die Hände auf die Augen drückend. «Aber was tut's?»
Der Ton der erzwungenen Heiterkeit, in welchem sie die letzteren Worte gesprochen hatte, schien auf Sikes einen stärkeren Eindruck zu machen als ihr wilder und starrer Blick vorher.
«Ich will dir was sagen», fuhr er verdrießlich fort. «Wenn du nicht vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst bekommst, so ist etwas mehr als Gewöhnliches im Winde und obendrein was Gefährliches. Du willst doch nicht hingehen und – nein, Gott verdamm'! das kannst du nimmermehr!»
«Was kann ich nimmermehr?» fragte das Mädchen.
«Es gibt,» murmelte Sikes, die Blicke auf sie heftend, «es gibt keine zuverlässigere, treuere Dirne in der Welt als sie, oder ich würde ihr vor drei Monaten die Kehle abgeschnitten haben. Sie kriegt das Fieber – das ist das ganze.»
Er leerte das Glas und forderte darauf seine Arznei. Nancy sprang rasch auf, bereitete sie, den Rücken ihm zukehrend, und gab sie ihm ein.
«Jetzt setze dich hier an mein Bett», sagte er, «und nimm dein eigenes Gesicht vor, oder ich ändere es so, daß du es selbst nicht wieder erkennst, wenn du es brauchst.»
Sie tat nach seinem Geheiß, er faßte ihre Hand, sank auf das Kissen und heftete die Augen auf ihr Gesicht. Sie fielen ihm zu, er öffnete sie wieder, blickte starr umher und verfiel endlich in einen tiefen und schweren Schlummer. Der Griff seiner Hand löste sich, der ausgestreckte Arm fiel schlaff nieder, und Sikes lag da wie in dumpfer Betäubung.
«Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt», murmelte sie; «doch vielleicht ist es schon zu spät.»
Sie kleidete sich hastig an, blickte furchtsam umher, als wenn sie trotz des Schlaftrunks jeden Augenblick erwartete, den Druck von Sikes' schwerer Hand auf ihrer Schulter zu fühlen, beugte sich über das Bett, küßte den Mund des Räubers, öffnete und verschloß geräuschlos die Tür und eilte aus dem Hause. Ein Wächter rief halb zehn Uhr, und sie fragte ihn, ob es schon lange nach halb zehn wäre. Er erwiderte, eine Viertelstunde; sie murmelte: «und ich kann erst in einer Stunde dort sein», und eilte rasch weiter.
Sie schlug die Richtung von Spitalfields nach Westend ein. Viele der Läden in den engen Seitengassen, durch die sie ihr Weg führte, waren schon geschlossen. Als es zehn schlug, wuchs ihre Unruhe, zumal da sie vielfach durch das Gedränge in den belebteren Straßen aufgehalten wurde. Sie eilte so ungestüm und rücksichtslos auf Gefahr jeder Art weiter, daß sie von den Fußgängern für eine Verrückte gehalten wurde. Als sie sich Westend näherte, nahm das Gedränge ab, und sie beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Endlich erreichte sie ihren Bestimmungsort: ein schönes Haus in einer Straße nicht weit vom Hydepark. Es schlug eben elf. Sie trat in den Hausflur. Der Sitz des Türstehers war leer; sie blickte ungewiß umher und näherte sich der Treppe.
«Zu wem wollen Sie, junges Frauenzimmer?» rief ihr ein wohlgekleidetes Stubenmädchen, das eine Tür hinter ihr öffnete, nach.
«Zu einer Dame hier im Hause.»
«Einer Dame!» lautete die mit einem Blicke der Verachtung begleitete Antwort. «Zu was für einer Dame?»
«Miß Maylie», sagte Nancy.
Das Mädchen, das jetzt Zeit gehabt hatte, die Fremde genauer anzusehen, antwortete nur durch einen Blick tugendhafter Entrüstung und rief einen Bedienten, dem Nancy ihre Bitte wiederholte. Er fragte nach ihrem Namen.
«Sie brauchen gar keinen zu nennen.»
«In was für 'ner Angelegenheit wollen Sie die Dame sprechen?»
«Ich muß sie sprechen – das genügt.»
Der Bediente befahl ihr, sich aus dem Hause zu entfernen und schob sie nach der Tür hin.
«Nehmen Sie sich in acht – Sie werden mich nicht lebendig aus dem Hause hinausschaffen!» rief sie. «Ist denn niemand hier, der einem armen Mädchen den kleinen Dienst leistet, zu der Dame hinaufzugehen?»
Inzwischen hatte sich die Dienerschaft versammelt. Der gutmütige Koch legte sich in das Mittel und forderte den Bedienten auf, das Mädchen Miß Rose zu melden.
«Wozu denn aber?» antwortete der Bediente. «Sie werden doch nicht glauben, daß die junge Dame eine solche Person vorlassen wird?»
Diese Anspielung auf Nancys verdächtigen Stand erregte ein gewaltiges Maß tugendsamer Entrüstung bei vier Dienstmädchen, welche mit großer Lebhaftigkeit erklärten, das Geschöpf sei eine Schande ihres Geschlechts, und darauf bestanden, sie ohne Gnade auf die Straße zu werfen.
«Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt,» sagte das Mädchen, zu den Bedienten sich wendend, «nur tun Sie erst, was ich verlange; und ich fordere Sie auf, meine Botschaft um Gottes willen auszurichten.»
Der weichherzige Koch trat jetzt vermittelnd dazwischen, und das Ende war, daß der Mann, der zuerst zum Vorschein gekommen, die Meldung übernahm.
«Was soll ich meiner Herrschaft sagen?» fragte er.
«Daß ein junges Mädchen Miß Maylie unter vier Augen zu sprechen wünscht», erwiderte Nancy; «und – daß die junge Dame, wenn sie nur das erste Wort anhören will, sogleich erkennen wird, ob sie das, was ich anzubringen habe, noch ferner anhören muß, oder mich als eine Betrügerin vor die Tür werfen lassen soll.»
«Meiner Six!» erwiderte der Bediente. «Sie sind Ihrer Sache ja sehr gewiß.»
«Bringen Sie nur mein Anliegen vor, und lassen Sie mich den Bescheid wissen», entgegnete das Mädchen fest.
Der Bediente eilte hinauf, und Nancy stand bleich, fast atemlos und mit zuckenden Lippen da, als die sehr hörbaren Ausdrücke von Verachtung ihr Ohr trafen, mit welchen die tugendreichen Dienstmädchen sehr freigebig waren. Ihre Blässe nahm zu, als der Bediente wieder herunterkam und ihr sagte, daß sie hinaufgehen könne.
«Rechtlich sein hilft zu nichts in dieser Welt», bemerkte das erste Dienstmädchen.
«Messing hat's besser als das Gold, das die Feuerprobe bestanden hat», sagte das zweite.
Das dritte begnügte sich damit, seine Verwunderung darüber auszusprechen: «aus welchem besseren Stoffe die Damen wohl sein möchten»; und das vierte übernahm die Sopranstimme im Quartett: «'s ist 'ne Schande», womit die vier Dianen schlossen.
Ohne auf dieses alles zu achten – denn sie hatte wichtigere Dinge auf dem Herzen – folgte Nancy mit Beben dem Bedienten in ein kleines Vorzimmer, das durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet war, und in welchem ihr Führer sie allein ließ.
Eine seltsame Zusammenkunft, die eine Folge von den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen ist.
Nancy hatte ihr ganzes Leben in den Straßen und den ekelhaftesten Höhlen des Lasters der Hauptstadt zugebracht, dabei aber immer noch sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt; und als sie die leichten, der Tür sich nähernden Schritte vernahm und des weiten Abstandes der Personen gedachte, die das Gemach im nächsten Augenblick einschließen würde, fühlte sie sich durch die Last ihrer tiefen Schmach gänzlich zu Boden gedrückt und fuhr in sich zusammen, wie wenn sie die Gegenwart der Dame kaum zu ertragen vermöchte, bei welcher sie vorgelassen zu werden gebeten hatte.
Allein gegen die besseren Gefühle kämpfte der Stolz an – die Sünde der Niedrigsten und Verworfensten wie der Höchststehenden und im Guten befestigt sich Dünkenden. Die elende Genossin von Dieben und Bösewichtern aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten Schlupfwinkel, die Genossin der Auswürflinge der Gefängnisse und der Galeeren, die selbst im Galgenbereiche Lebende – selbst diese mit Schmach und Schande Beladene empfand zu viel Stolz, um auch nur einen schwachen Schimmer des weiblichen Gefühls zu verraten, welches ihr als Schwäche erschien, während es noch das einzige Band war zwischen ihr und der besseren Menschheit, deren äußere Spuren und Kennzeichen alle ihr wüstes Leben bei ihr vertilgt hatte.
Sie erhob die Augen zur Genüge, um zu gewahren, daß die Gestalt, welche jetzt erschien, die eines zartgebauten, holden Mädchens war; sie senkte die Blicke nieder und sagte, den Kopf mit angenommener Gleichgültigkeit emporwerfend: «Es hat schwer gehalten, zu Ihnen gelassen zu werden, Lady. Wär' ich empfindlich gewesen und fortgegangen, wie es viele getan haben würden, Sie möchten es dereinst bereut haben, und nicht ohne Grund.»
«Es tut mir leid, wenn man Sie unartig behandelt hat», erwiderte Rose. «Denken Sie nicht mehr daran und sagen Sie mir, weshalb Sie mich zu sprechen wünschen.»
Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie gar keinen Hochmut, kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen Tränenstrom ausbrach.
«O Lady, Lady!» rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich ringend, «wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger meinesgleichen sein – gewiß – gewiß!»
«Setzen Sie sich», sagte Rose; «Ihre Worte gehen mir in der Tat an das Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen – glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.»
«Lassen Sie mich nur stehen, Lady,» sagte das Mädchen, noch immer Tränen vergießend, «und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist – ist – jene Tür verschlossen?»
«Ja», erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. «Weshalb aber?»
«Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin, dem alten Juden, an jenem Abend wieder zurückschleppte, als er das Haus in Pentonville verließ.»
«Sie!» sagte Rose Maylie.
«Ja, ich, Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! solange ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte, als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die dichtgedrängten Straßen gehe.»
«Wie schrecklich!» sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch weiter entfernend.
«Danken Sie auf Ihren Knien dem Himmel, geehrte Lady,» rief die Unglückliche aus, «daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals wie ich seit der frühesten Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit und – und von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.»
«Ich bemitleide Sie!» sagte Rose mit bebender Stimme. «Es ist ja herzzerreißend, Sie anzuhören.»
«Gottes Segen über Sie und Ihre Güte!» erwiderte das Mädchen. «Wenn Sie wüßten, wie es mir bisweilen zumute ist, Sie würden mich bedauern, glauben Sie mir. Doch ich habe mich fortgeschlichen von Leuten, die mich sicherlich ermorden würden, wüßten sie, daß ich hier gewesen bin, um Sie von Dingen, die ich ihnen abgehorcht habe, in Kenntnis zu setzen. Ist Ihnen ein Mensch namens Monks bekannt?» Rose verneinte.
«Er kennt Sie», fuhr das Mädchen fort, «und wußte, daß Sie hier wohnten, denn nur dadurch, daß er es einem anderen sagte, ward es mir möglich, Sie aufzufinden.»
«Ich habe den Namen niemals nennen hören», sagte Rose.
«Nun, so führt er unter uns einen anderen, was ich wohl schon früher vermutet habe. Vor einiger Zeit und bald nachdem Oliver in der Nacht des beabsichtigten Raubes in Ihr Haus gehoben wurde, behorchte ich diesen Menschen, auf welchen ich Verdacht geworfen, als er mit Fagin eine Unterredung hatte. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß Monks – der Mann, nach welchem ich Sie vorhin fragte –»
«Wohl, ich verstehe schon», sagte Rose.
«Daß Monks den Knaben an eben dem Tage, als wir ihn verloren, mit zwei von unseren Knaben zufällig erblickte und sogleich in ihm das Kind erkannt hatte, welchem er auflauerte, wiewohl ich mir nicht erklären konnte, weshalb. Er wurde mit Fagin darüber einig, daß der Jude, falls Oliver wieder zurückgebracht würde, eine gewisse Summe und noch mehr erhalten solle, wenn er einen Dieb aus ihm machte, was Monks zu irgendeinem Zweck wünschte.»
«Zu welchem Zwecke?» fragte Rose.
«Als ich horchte, um es zu erlauschen, erblickte er meinen Schatten an der Wand,» fuhr das Mädchen fort, «und es gibt außer mir nicht sehr viele Menschen, die, um der Entdeckung zu entgehen, zeitig genug sich aus dem Hause gefunden hätten. Mir gelang es indes, und ich sah ihn erst am gestrigen Abende wieder.»
«Und was trug sich da zu?»
«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese: ‚So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter erhielt, verfault in ihrem Sarge.‘ Sie lachten und sprachen von der glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen, daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem Vorteile benutzt haben würde.»
«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.
«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug zufügen. ‚Kurzum, Fagin,‘ sagte er, ‚Jude, der du bist, du hast noch nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders legen werde.‘»
«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.
«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte ihr beständig vor der Seele.
«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund wäre.»
«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war», sagte Rose erblassend.
«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist. Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören. Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»
«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn, welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht werden.»
«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß zurückkehren, weil – ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame, wie Sie sind, über solche Dinge reden? – weil unter den Männern, von welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein – und wenn ich auch dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte, das ich jetzt führe!»
«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben; daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort, «hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts, der ersten – gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein erretten!»
«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure, engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte, wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen, so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen können; doch es ist zu spät – zu spät.»
«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.
«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen – ich vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»
«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.
«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»
«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»
«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur, daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe, weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch seine Hand sterben müßte.»
«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht fortlassen.»
«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»
«Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?» beharrte Rose. «Dies Geheimnis muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir anvertraut haben?»
«Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es mitteilen können, und der Ihnen Rat erteilen wird», erwiderte Nancy.
«Doch, wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?» fragte Rose. «Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein, wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?»
«Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt werden soll, und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen, dem Sie es anvertrauen wollen, und daß man mir weder auflauere noch nachfolge?»
«Ich verspreche es feierlichst», erwiderte Rose.
«Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf und nieder gehen», verhieß Nancy unbedenklich.
«Warten Sie noch einen Augenblick», sagte Rose, Nancy, die schon nach der Tür eilte, zurückhaltend. «Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen. Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene Ansprüche auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen und der Gottlosigkeit und dem Elend preiszugeben vermag? Ach, befindet sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte – regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen könnte?»
«Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre Herzen verschenken,» versetzte das Mädchen mit fester Stimme, «so macht die Liebe sie zu allem fähig – selbst Ihresgleichen, die Sie eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben, was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen wie ich, die wir kein Dach als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde, oder die unser ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist: wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady – bemitleiden Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist, und daß dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und Mißhandlungen wird.»
«Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,» sagte Rose nach einer Pause, «die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben – wenigstens bis wir uns wiedersehen?»
«Keinen Heller», erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.
«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich wünsche Ihnen nützlich zu sein.»
«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen habe!»
Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.
Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen, gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.
Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen, das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben gesprochen, in sie, als ein junges, argloses Mädchen, gesetzt hatte. Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.
Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Ort an der Seeküste abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage. Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?
Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte, auch noch die beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl und dachte sich im voraus zu deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruch seiner Entrüstung auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen. Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen, da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte. Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu ziehen, da es ihm – und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen in die Augen – jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf eine andere Art glücklich zu sein.
Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend, brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte, nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu ziehen.
«Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie peinlich wird es für mich sein!» dachte sie sinnend. «Doch vielleicht kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch kommen und mich ängstlich zu meiden suchen – wie damals, als er fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide besser – viel besser»; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte sich hinweg, gleichsam, als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer Tränen wäre.
Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu fürchten wäre.
«Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?» fragte Rose, ihm entgegentretend. «Rede, mein Kind!»
«Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte», erwiderte der Knabe. «Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!»
«Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast, mein Liebling», versetzte Rose besänftigend. «Doch was bedeutet dies alles – von wem ist die Rede?»
«Ich habe den Herrn gesehen,» erwiderte der Knabe, «den Herrn, der so gütig gegen mich war – Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.»
«Wo?» fragte Rose.
«Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus», erwiderte Oliver, indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. «Ich redete ihn nicht an – ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte ja. Sehen Sie,» fuhr er fort, ein Stück Papier entfaltend, «hier steht es; da wohnt er – ich will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können, wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!»
Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen, ‚Craven Street, Strand‘; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.
«Schnell!» sagte sie, «gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen, und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen; ich werde ebenso rasch fertig sein wie du selbst.»
Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße. Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr. Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen. Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und Gamaschen, der nicht besonders wohlwollend aussah und dasaß, die Hände auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf demselben ruhend lassend.
«Ah!» sagte der Herr im grünen Rocke, eilfertig und mit Zuvorkommenheit aufspringend, «ah, entschuldigen Sie, mein gnädiges Fräulein – ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die – Sie werden mich gütigst entschuldigen. Bitte, nehmen Sie Platz!»
«Mr. Brownlow, wenn ich nicht irre, Sir?» sagte Rose, nachdem sie auf den andern Herrn einen Blick geworfen hatte.
«So ist mein Name, ja», erwiderte der alte Herr. «Dies ist mein Freund, Mr. Grimwig. Grimwig, Sie haben wohl die Gefälligkeit und verlassen uns auf einige Minuten.»
«Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, den Herrn zu bemühen», bemerkte Rose. «Wenn ich nicht irre, so ist ihm die Angelegenheit, in welcher ich Sie zu sprechen wünsche, nicht fremd.»
Brownlow gab seine Einwilligung durch eine leichte Kopfneigung zu erkennen, und Grimwig, der eine sehr steife Verbeugung gemacht hatte und aufgestanden war, machte eine zweite sehr steife Verbeugung und nahm wieder Platz.
«Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen», begann Rose etwas verlegen. «Sie erwiesen einst einem mir sehr teuern jungen Freunde viel Wohlwollen und Güte, und ich bin überzeugt, daß es Sie freuen wird, wieder von ihm zu hören.»
«Einem jungen Freunde!» sagte Mr. Brownlow. «Darf ich seinen Namen wissen?»
«Oliver Twist!» erwiderte Rose.
Kaum waren die Worte ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der sich gestellt hatte, als ob ihn der Inhalt eines auf dem Tisch liegenden großen Buches lebhaft interessierte, dasselbe mit großem Geräusche zuschlug, sich zurücklehnte, wobei sein Antlitz den Ausdruck des äußersten Erstaunens annahm, und lange mit großen, stieren Augen dasaß, worauf er, als ob er sich schämte, so viel innere Bewegung an den Tag gelegt zu haben, sich in seine vorige Stellung gleichsam wieder zurückschnellte und, indem er gerade vor sich hinstarrte, einen langen, pfeifenden Ton erschallen ließ, der nicht in der leeren Luft, sondern in den innersten Höhlen seines Magens zu ersterben schien.
Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wiewohl sein Erstaunen sich auf eine weit minder seltsame Art kundgab. Er rückte seinen Stuhl näher zu Rose heran und sagte: «Erzeigen Sie mir den Gefallen, mein liebes, gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von welchem Sie reden, und wovon, Sie ausgenommen, niemand weiß, gänzlich außer Frage zu lassen; und wenn Sie irgend Beweise herbeizubringen vermögen, welche geeignet sind, mir die üble Meinung zu benehmen, die ich vormals von dem genannten unglücklichen Kinde zu hegen mich bewogen fand, so teilen Sie sie mir mit – ich bitte dringend darum.»
«Ein böser Bube – ich will meinen Kopf aufessen, wenn er es nicht ist», brummte Grimwig in sich hinein wie ein Bauchredner und ohne einen Gesichtsmuskel in Bewegung zu setzen.
«Der Knabe besitzt einen reinen Sinn und ein warmes Herz», sagte Rose, vor Unmut errötend; «und die Allmacht, der es gefallen, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seiner Brust Gefühle und Gesinnungen keimen lassen, welche unzähligen Ehre machen würden, die seine Jahre sechsfach zählen.»
«Ich bin erst einundsechzig,» bemerkte Grimwig mit derselben starren Unbeweglichkeit, «und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht wenigstens zwölf Jahr alt ist, so sehe ich das Zutreffende der Bemerkung nicht ein.»
«Achten Sie nicht auf meinen Freund, Miß Maylie», sagte Brownlow; «er meint es doch nicht so.»
«Das tut er allerdings», brummte Grimwig vor sich hin.
«Nein, er tut es nicht», beharrte Brownlow, der offenbar immer erzürnter wurde.
«Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht tut», beteuerte Grimwig.
«Er verdiente, ihn zu verlieren, wenn er es täte», entgegnete Brownlow.
«Und er möchte denjenigen sehen, der es zu versuchen wagte, ihm den Kopf zu nehmen», erwiderte Grimwig, seinen Stock mit Heftigkeit gegen den Fußboden stoßend.
Nachdem die alten Herren soweit gediehen waren, nahmen beide eine Prise Schnupftabak und drückten darauf, gemäß ihrer unabänderlichen Gewohnheit, einander die Hände.
«Und nun, Miß Maylie,» begann Brownlow, sich wieder zu Rose wendend, «lassen Sie uns zu dem Gegenstande zurückkehren, an welchem Ihre Menschenliebe einen so großen Anteil nimmt. Darf ich wissen, welche Kunde Sie von dem armen Knaben besitzen? Erlauben Sie mir, Ihnen vorher mitzuteilen, daß ich, um ihn ausfindig zu machen, alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpft habe, und daß seit meiner Reise außer Landes meine erste Meinung, daß er mich belogen und durch seine ehemaligen Genossen beredet gewesen, mich zu bestehlen, bedeutend erschüttert worden ist.»
Rose, welcher diese Rede Zeit gelassen hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun Brownlow alles, was sich mit Oliver zugetragen, seit er das Haus desselben verlassen, und verschwieg ihm einstweilen nur Nancys unter vier Augen ihm anzuvertrauende Mitteilungen. Sie schloß mit der Versicherung, daß der einzige Kummer, den der Knabe seit einigen Monaten empfunden, dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er seinen ehemaligen Wohltäter und Freund nirgends habe finden können.
«Gott sei Dank!» rief der alte Herr. «Diese Nachricht macht mich glücklich, sehr glücklich. Doch Sie haben mir nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet, Miß Maylie. Verzeihen Sie mir – doch weshalb haben Sie ihn nicht mitgebracht?»
«Er wartet im Wagen vor der Tür», erwiderte Rose.
«Vor meiner Tür?» rief der alte Herr freudig überrascht aus, eilte, ohne ein Wort zu sagen, hinaus, die Treppe hinunter, sprang auf den Wagentritt und in den Wagen hinein.
Sobald er fort war, hob Grimwig den Kopf empor, balancierte seinen Stuhl auf einem Hinterbeine und beschrieb, ohne aufzustehen und mit Hilfe seines Stockes und des Tisches, drei ganze Kreise. Nachdem er die Evolution glücklich ausgeführt hatte, sprang er auf und humpelte nach besten Kräften zum wenigsten ein dutzendmal im Zimmer auf und ab, blieb plötzlich vor Rose stehen und küßte sie ohne alle weitere Einleitung.
«Pst!» sagte er, als Rose, über dieses ungewöhnliche Verfahren ein wenig erschreckt, aufstand; «seien Sie ohne Furcht. Ich bin alt genug, um Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein wackeres, ein sehr gutes Mädchen – ich habe Sie lieb. Da kommen sie!»
Bei diesen Worten warf er sich mit einer geschickten Wendung auf seinen Sitz, und in demselben Augenblick trat Brownlow mit Oliver herein, den Grimwig sehr gnädig begrüßte. Ach, wenn die Freude dieses Augenblicks Roses einzige Belohnung gewesen wäre für alle ihre Sorge und Angst um Oliver, sie würde sich hinlänglich belohnt gefühlt haben.
«Es ist aber noch jemand, den wir nicht vergessen dürfen», sagte Brownlow, nach der Klingelschnur greifend.
«Sage Mrs. Bedwin, sie möchte einmal heraufkommen», befahl er dem hereintretenden Diener.
Die bejahrte Haushälterin erschien sogleich, machte ihren Knicks und blieb, des Befehls des Herrn gewärtig, an der Tür stehen.
«Mein Gott, Sie werden ja alle Tage blinder», sagte Brownlow ein wenig verdrießlich.
«Mag wohl sein, Sir», erwiderte die gute Alte. «In meinen Jahren pflegen die Augen nicht schärfer zu werden, Sir.»
«Das hätte ich Ihnen auch sagen können», entgegnete Brownlow. «Doch setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst entdecken können, weshalb ich Sie habe heraufkommen lassen.»
Die alte Frau begann sogleich in ihren Taschen zu wühlen; aber Olivers Geduld hielt die Probe nicht aus, er überließ sich dem Drange seiner Gefühle und warf sich in ihre Arme.
«Gott sei mir gnädig! – es ist mein unschuldiger Knabe!» rief sie aus, indem sie ihn zärtlich in die Arme drückte.
«Meine liebe alte Pflegemutter!» rief Oliver.
«Gott, ich wußte es wohl, daß er zurückkehren würde! Wie gesund und blühend er aussieht, und er ist obendrein wie 'nes Edelmannes Sohn gekleidet! Wo bist du so lange, so lange gewesen! Ach! es ist dasselbe süße Gesichtchen, aber nicht so blaß; dasselbe sanfte Auge, aber nicht so trübe. Sie sind mir gar nicht aus dem Sinn gekommen und ihr stilles Lächeln auch nicht; ich habe sie Tag für Tag neben meinen lieben Kindern gesehen, die, seit ich ein glückliches junges Weib war, tot und dahingegangen sind.»
Sich so ihrer Redseligkeit überlassend und Oliver bald von sich haltend, um ihn genauer ansehen zu können, und ihn bald zärtlich an die Brust drückend und ihm die Locken aus dem Gesichte streichend, weinte und lachte die gute alte Seele in einem Atem.
Brownlow überließ beide dem Austausch ihrer Gefühle und führte Rose in ein anderes Zimmer, wo sie ihm einen ausführlichen Bericht über die Unterredung mit Nancy erstattete, die ihn nicht wenig überraschte und in Verwirrung und Unruhe setzte. Rose teilte ihm auch ihre Gründe mit, weshalb sie nicht ihren Freund Losberne zunächst zum Vertrauten gemacht hätte. Der alte Herr äußerte, sie habe daran sehr klug getan, und erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor selbst in Beratung zu treten. Um ihm hierzu eine baldige Gelegenheit zu verschaffen, wurde verabredet, daß er noch an demselben Abend in der Villa vorsprechen und daß mittlerweile Mrs. Maylie von allem, was vorgefallen war, vorsichtig in Kenntnis gesetzt werden sollte. Sobald diese vorläufigen Bestimmungen getroffen waren, kehrten Rose und Oliver wieder nach Hause zurück.
Rose hatte das Maß der Entrüstung des trefflichen Doktors keineswegs überschätzt; denn kaum war ihm Nancys Erzählung mitgeteilt worden, als er seinen Zorn in einem Strome von Verwünschungen und Drohungen ergoß, sie zum ersten Schlachtopfer des vereinten Scharfsinnes der Herrn Blathers und Duff zu machen gelobte und sogar den Hut aufsetzte, in der Absicht, fortzueilen und den Beistand der genannten Ehrenmänner in Anspruch zu nehmen. Und er würde im ersten Losstürmen sein Vorhaben, ohne die Folgen des allergeringsten Nachdenkens zu würdigen, ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn er nicht zurückgehalten worden wäre, teils durch das ebenso große Ungestüm Brownlows, der selbst ein reizbares Temperament besaß, und teils durch die Gründe und Gegenvorstellungen, die man für die zweckdienlichsten erachtete, ihn von seinem unbesonnenen Verfahren zurückzubringen.
«Was ist aber zum Geier zu tun?» sagte der hitzige Doktor, als sie in das Zimmer zu den beiden Damen getreten waren. «Wir sollen doch nicht all das männliche und weibliche Gesindel unseres Dankes versichern und es bitten, hundert oder ein paar hundert Pfund als ein geringes Zeichen unserer Achtung und als einen kleinen Beweis unserer Erkenntlichkeit für ihre Güte gegen Oliver anzunehmen?»
«Das eben nicht», erwiderte Brownlow mit Lachen; «allein wir müssen besonnen und mit großer Vorsicht handeln.»
«Besonnen und vorsichtig!» rief der Doktor aus. «Ich würde die Halunken samt und sonders zum –»
«Es ist einerlei, zu wem Sie sie schicken würden», unterbrach ihn Brownlow. «Doch fragen Sie sich selbst, ob wir, wir mögen sie schicken, wohin wir wollen, eine Hoffnung haben, dadurch zum Ziele zu gelangen.»
«Zu welchem Ziele?» fragte der Doktor.
«Dem einfachen Ziele, zu erforschen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm seine Erbschaft wieder zuzuwenden, um welche er, sofern alle vorliegenden Angaben begründet sind, schändlich betrogen worden ist.»
«Ah!» sagte Losberne, sich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehend, «das hätte ich bald vergessen.»
«Sie begreifen also», fuhr Brownlow fort. «Was würden wir denn Gutes stiften, wenn wir, angenommen, es wäre ausführbar, ohne die Sicherheit des armen Mädchens zu gefährden, die Bösewichter dem Arme der Gerechtigkeit überlieferten?»
«Das Gute, daß einige von ihnen baumelten und die übrigen deportiert würden», meinte der Doktor.
«Sehr wohl», erwiderte Brownlow lächelnd; «allein sie werden dafür seinerzeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quichotterie begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist, gerade zuwiderhandeln.»
«Wieso denn?» fragte der Doktor.
«Ist es nicht klar genug,» erwiderte Brownlow, «daß es uns äußerst schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß er aufgegriffen würde – wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat (soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten, wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.»
«Ich frage Sie abermals,» sagte der Doktor heftig, «ob Sie das dem Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten – ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben ist, aber wirklich –»
«Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges Fräulein», sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; «das Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unseren Schritten auch nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können, müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver geheimhalten.»
Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im Augenblick keinen besseren Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs. Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich allerseits gebilligt.
«Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch», sagte Brownlow. «Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber, daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde, dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine Empfehlung ist oder nicht.»
«Ich habe nichts dawider, daß Sie Ihren Freund zuziehen, wenn ich auch den meinigen zuziehen darf,» sagte Losberne und erwiderte auf Brownlows Frage, wer derselbe wäre: «Der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses – sehr alter Freund.»
Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.
«Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,» sagte Mrs. Maylie, «wie noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.»
«Gut», versetzte Brownlow; «und da ich auf Ihren Gesichtern lese, daß Sie mich fragen wollen, wie es zugegangen ist, daß ich nicht zur Stelle war, Olivers Erzählung zu bestätigen, und daß ich das Land so plötzlich verlassen, so erlauben Sie mir, die Forderung zu stellen, daß mir nicht eher Fragen vorgelegt werden, als bis ich es für geeignet erachte, denselben durch meine Geschichte zuvorzukommen. Glauben Sie mir, meine Forderung hat ihren guten Grund; denn wenn ich von ihr abginge, könnte ich vielleicht Hoffnungen erwecken, welche nie verwirklicht würden und nur alle schon hinlänglich zahlreichen Schwierigkeiten und Täuschungen noch vermehrten. – Meine Herrschaften, wir sind zum Abendessen gerufen, und Oliver, der einsam im anstoßenden Zimmer weilt, wird am Ende glauben, daß wir seiner müde geworden wären und einen finsteren Anschlag ausdächten, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.»
Mit diesen Worten reichte der alte Herr Mrs. Maylie die Hand und führte sie in das Speisezimmer; Losberne folgte mit Rose, und die Beratung hatte damit ein Ende.