Ein alter Bekannter von Oliver läßt entschiedene Geniespuren blicken und wird ein öffentlicher Charakter in der Hauptstadt.
Gerade an dem Abende, an welchem Nancy ihre selbstauferlegte Mission bei Rose Maylie erfüllte, wanderten auf der großen, nach Norden führenden Heerstraße zwei Personen nach London, denen wir einige Aufmerksamkeit widmen müssen. Die eine derselben, eine Mannsperson, gehörte zu den langen, knöchernen Gestalten, die als Knaben wie verkümmerte Männer, und wenn sie fast Männer sind, wie zu früh groß gewordene Knaben aussehen. Die zweite, ein Frauenzimmer, war jung, aber derb und kräftig, was sie auch sein mußte, um unter der schweren Bürde auf ihrem Rücken nicht zu erliegen. Ihr Begleiter trug nur weniges und leichtes Gepäck an einem Stocke über der Schulter und konnte daher um so leichter, zumal da ihm auch die Länge seiner Beine zustatten kam, stets einige Schritte weit voran sein, woran er es auch ebensowenig fehlen ließ wie an häufigen Vorwürfen, die er seiner Gefährtin wegen ihrer Langsamkeit machte. Sie hatten Highgate hinter sich, als er stillstand und ihr ungeduldig zurief: «Kannst du nicht geschwinder gehen? Was schleichst du immer so faul von weitem nach, Charlotte?»
«'s ist 'ne schwere Tracht, das kannst du nur glauben», erwiderte sie, fast atemlos herankommend.
«Schwer? Was ist das für Schwätzen – wozu hab' ich dich?» fuhr Noah Claypole (denn er war es) fort und legte sein kleines Bündel auf die andere Schulter. «Und nun stehst du schon wieder still? Bei dir muß auch der Beste die Geduld verlieren.»
«Ist es noch weit?» fragte Charlotte, indem ihr die Schweißtropfen über das Gesicht herabströmten.
«Noch weit? Wir sind schon so gut wie da. Sieh hin – dort sind die Lichter von London.»
«Dann sind wir wenigstens noch zwei gute Meilen davon entfernt», sagte Charlotte verzweiflungsvoll.
«Zwei Meilen oder zwanzig ist auch einerlei; steh auf und mach fort, oder du bekommst Fußtritte», warnte Noah mit vor Zorn noch mehr als gewöhnlich geröteter Nase, und Charlotte stand auf und schritt wieder neben ihm her.
«Wo denkst du für diese Nacht einzukehren, Noah?» fragte sie nach einiger Zeit.
«Was weiß ich's?» antwortete Mr. Claypole, den das lange Gehen verdrießlich gemacht hatte.
«Doch in der Nähe?»
«Nein, nicht in der Nähe.»
«Warum denn nicht?»
«Wenn ich dir sage, daß ich das will oder nicht will, so ist's genug, ohne daß du zu fragen brauchst, warum oder weshalb», entgegnete Noah mit Würde.
«Ich frage ja nur – brauchst ja nicht so böse darüber zu werden.»
«Das wär' mir wohl ein recht kluger Streich, im ersten besten Wirtshause vor der Stadt einzukehren, daß Sowerberry, wenn er uns etwa nachsetzte, seine alte Nase hereinsteckte und uns gleich wieder fest hätte und mit Handschellen zurückbrächte! Nein, ich werde in die engsten Straßen einlenken, die ich finden kann, und nicht eher haltmachen, als bis wir das entlegenste Gasthaus gefunden haben. Du kannst deinem Schöpfer danken, daß ich Pfiffigkeit für dich mit habe; denn wenn wir nicht auf meinen Rat erst den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätten, so wärst du schon vor acht Tagen eingesperrt, und dir wäre recht geschehen als 'ner dummen Gans.»
«Ich weiß es, daß ich nicht so klug bin wie du; aber wirf nur nicht alle Schuld auf mich allein. Wär' ich eingesperrt, würdest du es doch auch sein.»
«Du weißt doch wohl, daß du das Geld aus dem Ladentische nahmst?»
«O ja, lieber Noah, aber ich nahm es für dich.»
«Nahm ich's hin und trug's bei mir?»
«Nein; du vertrautest mir und ließest 's mich tragen, und das war doch gut von dir», sagte Charlotte, ihn unter das Kinn klopfend und ihren Arm in den seinigen legend.
Es verhielt sich in der Tat so; allein es war Mr. Claypoles Weise nicht, in irgend jemand ein blindes und törichtes Vertrauen zu setzen, und wir lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß er Charlotten lediglich deshalb so sehr vertraut hatte, damit das Geld, wenn sie verfolgt würden, bei ihr gefunden werden möchte. Er ließ sich jedoch bei dieser Gelegenheit natürlich auf keine Darlegung seiner Beweggründe ein, und beide wanderten im zärtlichsten Einvernehmen miteinander weiter.
Seinem vorsichtigen Plane zufolge schritt Mr. Claypole, ohne anzuhalten, bis nach dem Engel von Islington weiter, wo er aus dem beginnenden Gedränge der Fußgänger und Fuhrwerke sehr scharfsinnig schloß, daß London nunmehr ernstlich anfinge. Er schaute nun einen Augenblick umher, welche Straßen die belebtesten und also am meisten zu meidenden schienen, lenkte in St. Johns Road ein und befand sich bald tief in dem Gewirr obskurer und schmutziger Straßen und Gassen zwischen Grays Inn Lane und Smithfield, einem Stadtteile mitten in London, der trotz der allgemeinen Fortschritte und ungemeiner Verschönerungen abscheulich geblieben ist.
Noah schaute fortwährend nach einem Gasthause aus, wie er es sich bei seinen Zwecken und seiner Lage wünschenswert dachte, stand endlich vor dem elendesten still, das er bis dahin gesehen hatte, und erklärte, hier für die Nacht einkehren zu wollen.
«Gib mir nun das Bündel,» sagte er, es seiner Begleiterin abnehmend, «und sprich nicht, außer wenn du angeredet wirst. Wie nennt sich das Haus? Was steht da – d-r-e-i –?»
«Krüppel», fiel Charlotte ein.
«Drei Krüppel – ein sehr guter Name,» bemerkte Noah. «Halt dich dicht hinter mir – vorwärts!»
Er stieß die gebrechliche Tür mit den Schultern auf, und beide gingen hinein. Im Schenkstübchen war niemand, als ein junger Mensch, ein Jude, der in einem schmutzigen Zeitungsblatte las. Er starrte Noah und Noah starrte ihn an.
«Sind dies die drei Krüppel?» fragte Noah.
«So nennt sich das Haus.»
«Wir trafen 'nen Gentleman, der uns hierher rekommandiert hat», fuhr Noah, Charlotte anstoßend, fort, vielleicht, um sie aufmerksam auf seine List zu machen, sich Achtung zu verschaffen, oder vielleicht um sie zu erinnern, ihn nicht zu verraten. «Wir möchten hier übernachten.»
«Ich weiß nicht, ob es geht an,» erwiderte Barney – denn er war der dienende Geist dieses Hauses – «will aber anfragen.»
«Bringt uns unterdes in die Gaststube und gebt uns 'nen Mund voll kaltes Fleisch und 'nen Schluck Bier», sagte Noah.
Barney führte die müden Reisenden in ein Hinterzimmer, brachte ihnen die geforderten Erfrischungen, teilte ihnen zugleich mit, daß sie über Nacht bleiben könnten, und ließ das liebenswürdige Pärchen allein. – Das Zimmer, in welches er sie geführt hatte, befand sich unmittelbar hinter dem Schenkstübchen und lag einige Fuß niedriger, so daß man aus jenem, wenn man von einem Diminutivfensterchen etwas hoch in der Wand einen Vorhang zurückschob, ohne bemerkt zu werden, genau sehen und hören konnte, was die Gäste darin vornahmen oder sprachen. Noah und Charlotte hatten sich kaum zu ihrem Imbisse niedergesetzt, als Fagin im Schenkstübchen erschien, um nach einem seiner jungen Zöglinge zu fragen.
«Pst!» sagte Barney; «es sind nebenan Fremde.»
«Fremde?» wiederholte Fagin flüsternd.
«Ja – nicht aus der Stadt, kurioses Volk; und ich müßte irren sehr, wenn sie nicht was wären für Euch.»
Fagin stieg sogleich auf einen Stuhl und sah durch das kleine Fenster, wie Noah tapfer schmauste und Charlotte von Zeit zu Zeit homöopathische Dosen zuteilte.
«Aha!» flüsterte Fagin, zu Barney sich umdrehend, «die Miene des Burschen könnte gefallen mir. Er würde uns sein können nützlich, denn er versteht's schon, zu kirren die Dirne. Sei stiller als eine Maus, mein Lieber, daß ich sie höre sprechen.»
Er schaute abermals durch das kleine Fenster, und zwar mit einem Gesichte, das einem alten Gespenst angehört haben könnte.
«Ich denke also von jetzt ab ein Gentleman zu sein,» sagte Noah, die Beine ausstreckend und ein Gespräch fortsetzend, dessen Anfang dem Juden entgangen war. «Nichts mehr von Särgen und Aufwarten bei Herrschaften, Charlotte, sondern nunmehr wie ein Gentleman gelebt; und wenn du willst, sollst du 'ne Dame werden.»
«Ei, das möcht' ich freilich wohl, lieber Noah», antwortete Charlotte; «aber es gibt nicht alle Tage Ladenkassen zu leeren und so, daß man nachher gut davonkommt.»
«Hol' der Geier alle Ladenkassen!» rief Noah aus, «es gibt noch mehr Dinge, die geleert werden können.»
«Was meinst du denn?» fragte Charlotte.
«Taschen, Strickbeutel, Häuser, Postkutschen, Banken», erwiderte Mr. Claypole, dem der Mut wuchs, indem ihm der Porter zu Kopfe stieg.
«Du kannst das aber nicht alles, lieber Noah», sagte Charlotte.
«Ich werde mich nach Genossen umsehen, die es vermögen», versetzte Noah. «Sie werden uns auf die eine oder andere Weise gebrauchen können. Du bist selbst soviel wie fünfzig Weibsbilder wert; denn ich hab' nie eins gekannt, das so voll List und Trug steckte wie du, wenn ich dir freie Hand lasse.»
«Jemine, wie du flattieren kannst!» rief Charlotte aus und drückte ihm einen Kuß auf den häßlichen Mund.
«Laß gut sein», sagte Noah mit großer Würde, sich von ihr losmachend; «sei ja nicht zu zärtlich, wenn ich böse mit dir bin. Ich wollte, daß ich Hauptmann 'ner Bande wär', hätte sie unter der Zucht und folgte ihnen allerwärts nach, ohn' daß sie's selber wüßten. Das wär' so was für mich, wenn's guten Profit abwürfe; und hör', wenn's uns nur glückte, daß uns einige Gentlemen von dieser Sorte in den Wurf kämen, es wär' uns soviel wert wie unsere Zwanzigpfundnote – besonders da wir eigentlich nicht wissen, wie wir sie loswerden sollen.»
Mr. Claypole blickte bei diesen Worten mit äußerst weiser Miene in den Porterkrug hinein, trank, nickte Charlotte herablassend zu und stand im Begriff, einen zweiten Zug zu tun, als die Tür sich auftat und die Erscheinung eines Unbekannten ihn unterbrach. Der Unbekannte war Mr. Fagin. Er hatte seine einnehmendste Miene angenommen, näherte sich mit einer sehr tiefen Verbeugung, nahm an einem Tische dicht neben dem, an welchem das Pärchen saß, Platz und rief dem grinsenden Barney zu, ihm einen Trunk zu bringen.
«Ein angenehmer Abend, Sir, nur kühl für die Jahreszeit», hub er händereibend an. «Sie kommen vom Lande herein, wie ich sehe, Sir?»
«Woran sehen Sie denn das?» fragte Noah Claypole.
«Wir haben nicht in London soviel Staub, wie Sie mitbringen», erwiderte der Jude, nach Noahs und Charlottes Schuhen und den Bündeln hinzeigend.
«Sie sind mir ein pfiffiger Gesell», versetzte Noah mit Lachen. «Hör' nur an, was er sagt, Charlotte.»
«Ei nun, mein Lieber, man muß wohl sein pfiffig in dieser Stadt», fuhr der Jude, vertraulich flüsternd, mit dem Finger an die Nase schlagend, fort, – eine Geste, die Noah sogleich nachahmte, doch nicht mit vollständigem Gelingen, da seine Nase nicht groß genug dazu war. Fagin schien jedoch den Versuch so auszulegen, als wenn ihm Noah vollkommen hätte beipflichten wollen, und schob dem letzteren sehr freundschaftlich den soeben von Barney kredenzten Krug zu.
«Gutes Getränk», entgegnete Fagin. «Wer es will immer trinken, muß immer leeren etwas, eine Ladenkasse, eine Tasche, einen Strickbeutel, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.»
Mr. Claypole sank rückwärts auf seinen Stuhl und wandte sein kreideweiß gewordenes und grenzenlos bestürztes Gesicht vom Juden nach Charlotten.
«Seien Sie ohne Sorgen meinetwegen, mein Lieber», sagte Fagin, näher rückend. «Ha, ha, ha! – es war ein Glück, daß niemand Sie hörte, als ich zufällig – es war ein großes Glück für Sie.»
«Ich nahm's nicht heraus», stotterte Noah, die Füße nicht mehr wie ein unabhängiger Gentleman ausstreckend, sondern so tief unter den Stuhl ziehend, als er konnte. «Sie hat's ganz allein getan, und du hast's Charlotte; du weißt, daß du's hast.»
«Es ist gleichviel, mein Lieber, wer es hat oder wer es tat», fiel der Jude ein, doch nichtsdestoweniger mit Falkenaugen nach dem Mädchen und den beiden Bündeln hinblickend. «'s ist mein Geschäft auch, und Sie gefallen deswegen mir.»
«Was ist Ihr Geschäft?» fragte Noah, sich einigermaßen wieder fassend.
«Nun, dasselbe, das angefangen haben Sie,» antwortete Fagin, «und die Wirtsleute hier treiben es auch. Sie sind eingegangen zur rechten Tür und sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß. Es gibt kein sichereres Haus in der Stadt als die Krüppel; das heißt, wenn ich's will, und ich habe gefaßt eine Neigung zu Ihnen und dem jungen Frauenzimmer. Sie wissen nun Bescheid und können sich beruhigen vollkommen.»
Noah blickte ihn trotz dieser Versicherung noch immer furchtsam und argwöhnisch an und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Fagin nickte Charlotte freundlich zu, sprach ihr leise Mut zu und fuhr fort: «Ich will Ihnen sagen noch mehr. Ich hab' einen Freund, der Ihren Herzenswunsch, glaub' ich, kann befriedigen und Ihnen Gelegenheit geben, zu arbeiten vorerst in dem Geschäftszweige, der Ihnen gefällt am besten, und Sie lehren alle anderen.»
«Sie sprechen, als wenn es Ihr Ernst wäre,» bemerkte Noah.
«Wenn ich nicht spräche im Ernst, welchen Nutzen könnt' ich haben davon?» versetzte der Jude achselzuckend. «Kommen Sie – lassen Sie mich reden mit Ihnen ein Wörtchen draußen!»
«Es tut nicht not, daß wir uns die Mühe geben, hinauszugehen», sagte Noah, die Beine allmählich wieder unter dem Stuhle hervorziehend. «Sie kann unterdes das Reisegepäck in unsere Kammer tragen. Charlotte, bring' die Bündel hinauf!»
Charlotte gehorchte dem mit großer Würde gegebenen Befehle ohne die mindeste Zögerung, hob die beiden Bündel auf und ging hinaus.
«Hab' ich sie nicht ganz gut in der Zucht?» fragte Noah im Tone eines Wärters, der ein wildes Tier gezähmt hat.
«Oh, vortrefflich», erwiderte Fagin, ihn auf die Schulter schlagend. «Sie sind ein Genie, mein Lieber.»
«Würde schwerlich hier sein, wenn ich's nicht wäre», versetzte Noah. «Doch verlieren Sie keine Zeit, denn sie wird bald wieder da sein.»
«Sehr wohl! Was meinen Sie – wenn Ihnen gefiele mein Freund, was könnten Sie tun Besseres, als zu treten mit ihm in Verbindung?» sagte Fagin.
«Es kommt darauf an, ob er gute Geschäfte macht», entgegnete Noah, dem Juden mit dem einen seiner kleinen Augen pfiffig zublinzelnd.
«Er beschäftigt eine Menge Leute und hat die beste Gesellschaft von allen, die treiben das Geschäft.»
«Echte Stadtbursche?»
«'s ist kein Nicht-Lond'ner drunter, und er würde Sie nicht einmal annehmen, selbst auf meine Empfehlung nicht, wenn es ihm nicht fehlte eben jetzt an Gehilfen.»
«Würd' ich 'rausrücken müssen?» fragte Noah, an seine Beinkleidertaschen schlagend.
«Ohne zwanzig Pfund ging's an unmöglich», erwiderte Fagin auf das bestimmteste.
«Aber zwanzig Pfund – 's ist ein Haufen Geld!»
«Eine Kleinigkeit, wenn Sie nicht können los werden die Banknote.»
«Wann könnt' ich Ihren Freund sehen?»
«Morgen früh.»
«Wo?»
«Hier.»
«Hm! – Wie hoch ist der Lohn?»
«Sie leben wie ein Gentleman – haben Kost und Wohnung und Tabak und Branntwein frei – die Hälfte von allem, was Sie verdienen und was das junge Frauenzimmer verdient.»
Es ist sehr zweifelhaft, ob Noah Claypole, so sehr bedeutend seine Habgier auch war, auf diese glänzenden Bedingungen eingegangen sein würde, wenn er hätte vollkommen frei handeln können; allein er bedachte, daß es, wenn er nein sagte, in der Gewalt seines neuen Bekannten stand, ihn augenblicklich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Er erklärte daher, daß ihm der Vorschlag Fagins nicht ganz unannehmbar erschiene.
«Aber sehen Sie,» setzte er hinzu, «da sie imstande ist, ein gutes Stück Arbeit auszurichten, so möcht' ich etwas recht Leichtes zugeteilt bekommen. Was würde jetzt wohl für mich passen? Es müßte so etwas sein, wobei ich mich nicht eben anzustrengen brauche und wobei keine Gefahr wäre.»
«Mein Freund braucht jemand, der was Rechtes leisten könnte im Spionierfache – was sagen Sie dazu?» entgegnete der Jude.
«Gefällt mir nicht ganz übel, und bisweilen möcht' ich wohl darin arbeiten», sagte Noah zögernd; «aber es wirft nur für sich selber nichts ab, wissen Sie.»
«Freilich», pflichtete Fagin ihm bei. «Was sagen Sie zu den alten Damen? Ihnen nehmen die Strickbeutel und Pakete und dann laufen um die Ecke – damit wird gemacht viel Geld.»
«Schreien diese aber nicht fürchterlich, oder kratzen auch bisweilen?» wandte Noah kopfschüttelnd ein. «Ich habe keine Lust dazu. Ist kein anderes Fach offen?»
«Halt, ja!» sagte der Jude, die Hand auf Noahs Knie legend. «Das Schratzchenbehandeln!»
«Was ist denn das?»
«Die Schratzchen sind die kleinen Kinder, die mit Sixpencen und Schillingen ausgeschickt werden von ihren Müttern, um einzuholen allerhand; und das Behandeln ist wegnehmen ihnen das Geld, das sie immer haben in den Händen, und sie dann stoßen in die Straßenrinne und ganz langsam davongehen, als wenn geschehen wäre nichts, als daß ein Kind wäre gefallen und hätte sich Schaden getan ein wenig. Ha, ha, ha!»
«Ha, ha, ha!» stimmte Mr. Claypole ein und warf außer sich vor Vergnügen die Füße hoch in die Luft. «Beim Deuker, ja, das ist das Rechte!»
«Gewiß, gewiß», sagte Fagin; «Sie können haben prachtvolle Bezirke in Camden-Town und Battle-Bridge und solchen Gegenden mehr, wo immer ausgeschickt werden viele und zu jeder Tagesstunde niederwerfen so manche Schrätzchen, wie Sie wollen nur.»
«Ich bin alles wohl zufrieden», sagte Noah, als er sich von seiner Ekstase wieder erholt hatte und Charlotte zurückgekehrt war. «Welche Zeit bestimmen wir auf morgen?»
«Nun, belieben Sie zehn Uhr?»
Noah nickte.
«Welchen Namen soll ich nennen meinem Freunde?»
«Mr. Bolter; Mr. Morris Bolter – dies ist Mrs. Bolter.»
«Ich bin Mrs. Bolters gehorsamer Diener», sagte Fagin, sich mit grotesker Galanterie verbeugend. «Ich hoffe, Sie recht bald noch besser kennen zu lernen.»
«Hörst du, was der Herr sagt, Charlotte?» herrschte ihr Mr. Claypole zu.
«Ja, lieber Noah», antwortete Charlotte, die Hand ausstreckend.
Mr. Morris Bolter, sonst Claypole, wandte sich zu dem Juden und sagte: «Noah ist der Schmeichelname, den sie mir gibt.»
«Oh, ich verstehe – verstehe vollkommen», erwiderte Fagin, für diesmal die Wahrheit redend. «Gute Nacht! Gute Nacht!»
In welchem berichtet wird, wie sich der gepfefferte Baldowerer in Verlegenheiten benahm.
«Also Ihr selber waret Euer Freund – nicht wahr?» fragte Mr. Bolter, sonst Claypole, als er, nach zwischen ihm und Fagin besiegeltem Vertrage, in des Juden Wohnung geführt worden war. «Dummkopf, der ich bin – ich hätt's mir doch gestern abend schon denken können!»
«Jedermann ist sein eigener Freund», erwiderte Fagin. «Es gibt Tausendkünstler, die da sagen, Nummer Drei wäre die Zauberzahl, und andere sagen Nummer Sieben. Aber es ist nicht wahr, mein Freund. Nummer Eins ist's!»
«Ha, ha, ha! Nummer Eins für immer!»
«In einer kleinen Genossenschaft, wie die unsrige ist,» sagte der Jude, der eine Erklärung für nötig hielt, «haben wir eine allgemeine Nummer Eins; das will sagen, Ihr könnt Euch nicht betrachten als Nummer Eins, ohne mich und all die anderen jungen Leute als dieselbe zu betrachten zugleich.»
«Das wär' der Teufel!»
«Ihr seht wohl,» fuhr der Jude fort, sich anstellend, als ob er die Unterbrechung nicht beachtete, «unser Nutzen und Schaden ist eins so ganz, daß es nicht sein kann anders. Zum Beispiel, es ist Euer Zweck und Absicht, zu sorgen für Nummer Eins – das heißt für Euch selbst.»
«Ganz recht, ganz recht.»
«Sehr wohl – Ihr könnt aber nicht sorgen für Euch selber, Nummer Eins, ohne zugleich zu sorgen für mich, Nummer Eins.»
«Nummer Zwei wollt Ihr sagen», fiel Mr. Bolter ein, der die Tugend der Selbstliebe im allerhöchsten Maße besaß.
«Nein, nein!» entgegnete der Jude. «Ich bin von derselben Wichtigkeit für Euch, wie Ihr es seid selbst.»
«Hört,» unterbrach Mr. Bolter, «Ihr seid ein sehr netter Mann, und ich halte sehr viel von Euch; aber so dicke Freunde, wie Ihr mit dem allen meint, sind wir doch noch nicht.»
«Bedenkt doch, bedenkt doch nur!» sagte der Jude achselzuckend und die Hände ausstreckend. «Ihr habt getan, was sehr hübsch war, und ich ehre und liebe Euch deshalb; aber 's ist auch derart, daß es Euch zugleich einbringen kann die Krawatte, die so leicht ist einzuknüpfen und so schwer wieder aufzubinden – den Strick nämlich!»
Mr. Bolter legte die Hand an sein Halstuch, als wenn es ihm unbequem eng säße, und murmelte eine Art von Beistimmung.
«Der Galgen,» fuhr Fagin fort, «der Galgen, mein Lieber, ist ein häßlicher Wegweiser, der zeigt um eine sehr scharfe Ecke und hat gemacht ein Ende der Weiterreise vieler mutvoller, wackerer Leute auf der großen Heerstraße. Euch zu halten auf der bequemen Straße und zu bleiben dem Galgen fern, muß sein Euer Nummer Eins, mein Lieber.»
«Natürlich», fiel Mr. Bolter ein; «aber wozu redet Ihr von solchen Dingen?»
«Bloß um Euch zu zeigen meine Meinung deutlich», erwiderte Fagin, die Augenbrauen emporziehend. «Ihr könnt das nicht allein, sondern hängt dabei ab von mir, und ich hänge ab von Euch, wenn mein kleines Geschäft soll haben guten Fortgang. Das erste ist Eure Nummer Eins, das zweite ist meine Nummer Eins. Je mehr Euch liegt am Herzen Eure Nummer Eins, desto mehr müßt Ihr sein besorgt für meine; und so kommen wir endlich wieder zurück auf das, was ich Euch sagte gleich anfangs – daß Sorge für Nummer Eins kommt uns allen zugut, und lassen wir's fehlen daran, gehen wir zugrunde miteinander alle.»
«Das ist wohl wahr», bemerkte Bolter gedankenvoll. «Ihr seid, meiner Treu, ein geriebener alter Gesell!»
Fagin erkannte mit innigstem Vergnügen, daß dies keine bloße Schmeichelei war, sondern daß er seinem Rekruten eine bedeutende Vorstellung von seiner Verschlagenheit und Gewalt beigebracht hatte, was beim Beginn ihrer beiderseitigen Bekanntschaft von großer Wichtigkeit war. Um den Eindruck, den er auf den jungen Menschen gemacht hatte, noch zu verstärken, ließ er ihn einige Blicke in die Großartigkeit und den Umfang seiner Operationen tun, wobei er, seinem Zwecke gemäß, Wahrheit und Dichtung so geschickt miteinander vermischte, daß Mr. Bolters Hochachtung gegen ihn sichtlich zunahm und er zugleich eine Zutat heilsamer Furcht erhielt, welche bei ihm zu erwecken äußerst wünschenswert war.
«Dies gegenseitige Vertrauen ist es,» sagte der Jude, «was mich tröstet wegen schwerer Verluste. Erst gestern morgen verlor ich meinen besten Gehilfen.»
«Ist er Euch davongegangen?» fragte Mr. Bolter.
«Ganz wider seinen Willen», antwortete Fagin. «Er war beschuldigt des Versuchs eines Taschendiebstahls, und sie fanden bei ihm eine silberne Schnupftabaksdose. Es war seine eigene, mein Lieber, seine eigene, denn er schnupfte selbst, und die Dose war ihm sehr wert. Er ward wieder vorbeschieden auf heute, denn sie meinten herbeischaffen zu können den Eigentümer. Oh, er war wert fünfzig silberne Dosen, und ich würde sie darum geben, wenn ich ihn hätte wieder. Ihr solltet gekannt haben den Baldowerer, mein Lieber; solltet gekannt haben den Gepfefferten!»
«Ich hoffe ihn noch kennen zu lernen – meint Ihr nicht, Fagin?»
«Ich muß es bezweifeln», erwiderte der Jude seufzend. «Wenn vorgebracht wird kein neues Zeugnis gegen ihn, so werden wir ihn freilich haben wieder nach ein sechs oder acht Wochen; sonst aber wird er gerumpelt, und auf lebenslang, sicher auf lebenslang; denn sie wissen's, welch ein gescheiter Bursch ist der Baldowerer.»
«Was wollt Ihr damit sagen, daß er gerumpelt würde?» fragte Mr. Bolter. «Warum sprecht Ihr in solchen Ausdrücken zu mir, da Ihr doch wißt, daß ich sie nicht verstehen kann?»
Fagin war im Begriff, ihm zu sagen, daß Rumpeln soviel als Deportieren bedeute, allein in demselben Augenblicke trat Master Bates mit den Händen in den Beinkleidertaschen und einem halbkomisch-trübseligen Gesichte herein.
«'s ist vorbei mit ihm, Fagin», sagte er, nachdem er seinem neuen Kameraden gebührend vorgestellt worden war.
«Was willst du sagen damit?» fragte der Jude mit bebenden Lippen.
«Sie haben den Herrn ausgespürt, dem die Dose gehörte, und noch mehrere Anklagen vorgebracht – der Gepfefferte erhält freie Überfahrt», antwortete Master Bates. «Ich muß ä vollständ'gen Traueranzug haben, Fagin, und ä Hutband, ihn zu besuchen, eh' er seine Reise antritt. 's is doch die Möglichkeit! – Jack Dawkins – der große Jack Dawkins – der Baldowerer – der gepfefferte Baldowerer – und wird gerumpelt wegen 'ner lumpigen Schnupftabaksdose! – wegen 'ner erbärmlichen DorfdruckereiAS. Ich hätt's nimmermehr geglaubt, daß er's unter 'ner goldenen Uhr mit Kette und Petschaften zum mind'sten getan haben würde. Nein, wenn er noch 'nem reichen alten Herrn seine ganze MassummeATund alles geganftAUhätte, so daß er doch abreiste wie ä Gentleman! – aber so – wie ä gemeiner Dorfdrucker! – ohne Ruhm, ohne Ehre!»
Also seine Gefühle für den unglücklichen Freund ausdrückend, nahm Master Bates entrüstet und niedergeschlagen auf dem ersten besten Stuhle Platz.
«Was schwätzest du, daß er hätte weder Ruhm noch Ehre!» rief Fagin, seinem Zöglinge einen zornigen Blick zuwerfend, aus. «Ist er nicht immer gegangen über euch allen – hat's einer von euch ihm tun können gleich – nur von fern tun können gleich – wie?»
«Freilich, freilich! Aber sollt's einen denn nicht jammern,» entgegnete Charley, «sollte man nicht des Teufels werden vor Verdruß, daß nichts davon vor Gericht verlautet, daß niemand nur zur Hälfte erfährt, wer und was er gewesen ist? Welch 'nen elenden Titel wird er im Newgatekalender bekommen – kommt vielleicht nicht mal 'nein! O weh, o weh, was es für ä Jammer ist!»
«Ah! wenn du's so meinst,» sagte der Jude mit vergnügtem Kichern und ihm die Hand reichend, «wenn du's so meinst, das ist ein andres. Schaut, mein Lieber,» fuhr er, zu Bolter sich wendend, fort, «schaut, wie stolz sie sind auf ihren Stand und Beruf! Ist es nicht zu sehen eine Lust?»
Mr. Bolter nickte Beistimmung, und der Jude trat mit freudigem Stolze zu Charley, klopfte ihm auf die Schulter und sagte tröstend: «Sei nur ohne Sorgen, Charley; es wird schon kommen an den Tag, und er wird's selbst schon zeigen, was er ist gewesen, und wird keine Schande bringen über seine alten Kameraden und Lehrer. Bedenkt auch nur, wie jung er noch ist! Ist's nicht schon eine große Auszeichnung, bei seinen Jahren gerumpelt zu werden auf lebenslang?»
«Ja freilich – daran hatt' ich nicht gedacht – 's ist freilich ehrenvoll genug!» erwiderte Charley, einigermaßen getröstet.
«Er wird haben alles, was er braucht», fuhr der Jude fort; «wird in DovesAVgehalten werden wie ein Gentleman, alle Tage haben sein Bier und Geld in der Tasche, zu spielen Bild oder Schrift, wenn er's nicht kann ausgeben.»
«Wahr und wahrhaftig?» rief Charley aus.
«Ganz gewiß, ganz gewiß!» sagte Fagin. «Und wir werden ihm schaffen 'nen Advokaten – den zungenfertigsten, der wird sein zu finden – zu führen seine Verteid'gung; und wenn er will, kann er auch halten eine Rede selbst, und wir werden's lesen alles in den Blättern. Was sagst du, Charley?»
«Prächtig, prächtig!» rief Master Bates aus. «Oh, es ist mir, als wenn ich ihn vor mir sähe, wie er die alten Perücken bei der Nase herumzieht, wie sie sich abstrap'zieren, wichtig und feierlich aussehen, und er so vertraulich und gemütlich zu ihnen spricht, als wenn er des Richters eigener Sohn wäre und 'ne Rede bei Tisch hielte – ha, ha, ha!»
«Aber Charley,» sagte der Jude, «wir müssen ersinnen, ein Mittel in Erfahrung zu bringen, wie er sich macht heute und was ihm passiert.»
«Soll ich hingehen?» entgegnete Charley eifrig, denn er versprach sich jetzt den köstlichsten Genuß von einem Schauspiele, bei welchem der Baldowerer, den er noch vor kurzem als einen Gegenstand des Mitleides und Verdrusses betrachtet, in der ersten glänzenden Rolle auftreten sollte.
«Nicht um alles in der Welt», antwortete Fagin.
«So schickt den da – den Neuangeworbenen hin», riet Charley; «den kennt niemand.»
«Kein schlechter Rat», sagte der Jude. «Was meint Ihr, mein Lieber?»
«Nein, nein», erwiderte Mr. Bolter kopfschüttelnd; «nichts davon, 's ist mein Fach nicht.»
«Was habt Ihr ihm denn für ä Fach zugeteilt, Fagin?» fragte Charley Bates, Noahs schlottrige Gestalt mit großem Widerwillen betrachtend. «Sich den Rücken zu decken, wenn was zu riskieren ist, und alles aufzuessen, wenn wir in guter Ruhe zu Haus sitzen?»
«Geht dich nichts an», fiel Mr. Bolter ein; «und nimm dir keine Freiheiten heraus gegen Leute, die über dir sind, Knirps, oder du wirst erfahren, daß du vor die unrechte Schmiede gekommen bist.»
Master Bates belachte die prahlerische Drohung so ausgelassen, daß es einige Zeit währte, bevor Fagin vermitteln und Mr. Bolter vorstellen konnte, daß er bei einem Besuche des Polizeiamts durchaus keine Gefahr liefe; denn von seiner kleinen Affäre würde noch ebensowenig Kunde nach der Hauptstadt, wo man ihn am wenigsten vermute, gelangt sein, wie ein Steckbrief; und sollte es das Unglück gewollt haben, so würde er sich, gut verkleidet, nirgends in ganz London mit größerer Sicherheit aufhalten können, als eben auf der Polizei, wo er ohne Zweifel am letzten gesucht werden dürfte.
Mr. Bolter ließ sich endlich durch diese und ähnliche Vorstellungen, noch mehr aber durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, freilich mit der verdrießlichsten Miene, einzuwilligen, die Sendung zu übernehmen. Fagin versah ihn sogleich mit einem Kärrnerkittel, manchesternen Kniehosen, ledernen Beinlingen, einem Hut mit Weggeldzetteln und einer Peitsche, und zweifelte um so weniger am Erfolge, da Mr. Bolter obendrein die Ungelenkheit eines Kärrners im vollkommensten Maße besaß. Der Baldowerer wurde ihm genau beschrieben, und Master Bates geleitete ihn durch Nebengassen nach Bow-Street, wies ihn zurecht, erteilte ihm jede sonst nötige Auskunft, forderte ihn zur Eile auf und versprach, seine Rückkehr an der Stelle, wo er ihn verließ, zu erwarten.
Master Bates' Weisungen waren so genau gewesen, daß sich Noah Claypole oder Morris Bolter, wie der Leser will, sehr leicht, und ohne fragen zu müssen, zurechtfand. Er drängte sich durch einen hauptsächlich aus Frauenzimmern bestehenden Haufen hinein in das düstere und schmutzige Gerichtszimmer. Vor den Schranken standen ein paar Weiber, die ihren bewundernden Angehörigen oder Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber zwei Polizisten und einem einfach gekleideten, über den Tisch lehnenden Manne Zeugenaussagen vorlas und ein Gefängniswärter lässig dastand und von Zeit zu Zeit Ruhe oder «das Kind hinauszuschaffen» gebot, wenn ein ungebührliches Geflüster oder der Aufschrei eines Säuglings eine Störung verursachte. Noah blickte scharf umher nach dem Baldowerer, bemerkte Leute genug, welche Geschwister oder Eltern des Gepfefferten hätten sein können, aber niemand, auf den die Beschreibung gepaßt hätte, die ihm von Jack Dawkins selbst gegeben worden war. Endlich waren die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer abgeurteilt und entfernt, und nunmehr erschien ein Angeklagter, der ohne Frage der Baldowerer war.
Jack ging vor dem Gefängniswärter, den Hut in der rechten Hand haltend und die Linke in der Beinkleidertasche, keck genug einher und fragte, sobald er auf der Anklagebank stand, sogleich mit hörbarer Stimme, warum man ihn an die schimpfliche Stelle geführt habe.
«Willst du wohl den Mund halten?» rief ihm der Schließer zu.
«Bin ich kein Engländer?» rief der Baldowerer zurück. «Wo sind meine Freiheiten?»
«Wirst sie bald genug bekommen», entgegnete der Schließer, «und zwar mit Pfeffer dazu.»
«Je nun, wenn sie mir gekränkt werden, so wird sich's schon finden, was der Staatssekretär für die inneren Angelegenheiten den OberschenkelnAWzu sagen hat», fuhr Jack Dawkins fort. «Jetzo aber – holla, was gibt's hier? Wollen die Friedensrichter nicht so gut sein, diese kleine Sache abzumachen und mich nicht aufzuhalten, indem sie die Zeitungen lesen? Ich hab' 'nen Gentleman nach der City bestellt, bin ein Mann von Wort und auch sehr pünktlich in Geschäften; er wird daher fortgehen, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit da bin, und es könnte 'ne Klage auf Schadenersatz geben gegen die, die mich aufgehalten haben. – He, BinnfadenAX, wie heißen die beiden AbroscheAYda auf der Richterbank?» wandte er sich zu dem Gefängniswärter, was die Nächststehenden dermaßen kitzelte, daß sie fast so herzlich lachten, wie es Master Bates selbst getan haben würde, wenn er die spaßhafte Frage gehört hätte.
«Ruhe da!» rief der Schließer.
Einer der Friedensrichter fragte nach der Ursache des Geräusches.
«Hier steht ein Taschendieb, Ihr Edlen.»
«Ist der Knabe schon hier gewesen?»
«Hätt's schon manchmal sein sollen, Ihr Edlen. Überall sonst ist er schon lange genug gewesen. Ich kenne ihn sehr wohl, Ihr Edlen.»
«So! Ihr kennt mich also?» rief der Baldowerer, sich anstellend, als wenn er die Angabe aufzeichnete. «Sehr wohl. Das setzt 'ne Klage wegen Beschimpfung meines guten Namens.»
Es wurde abermals gelacht und abermals Ruhe geboten.
«Wo sind die Zeugen?» begann der Gerichtsschreiber.
«Ach, so ist's recht!» fiel Jack Dawkins ein. «Ja, wo sind die Zeugen? Ich möchte doch das Pläsier haben, sie zu sehen!»
Sein Wunsch wurde augenblicklich erfüllt, denn es trat ein Polizist vor, der gesehen hatte, daß der Angeklagte einem Herrn das Taschentuch aus der Tasche gezogen, und da es ein sehr altes gewesen, nachdem er Gebrauch davon gemacht, wieder hineingesteckt hatte. Er hatte deshalb den Täter verhaftet und bei demselben eine silberne Schnupftabaksdose mit dem Namen des Eigentümers auf dem Deckel gefunden. Der Eigentümer der Dose war gleichfalls gegenwärtig, beschwor, daß die Dose die seinige wäre, und daß er sie vermißt hätte, sobald er sich Bahn aus dem Gedränge gemacht, in welchem (wie sich fand) der Angeklagte das fragliche Taschentuch entwendet und zurückgegeben. Er hatte auch bemerkt, daß sich ein junger Gentleman eiligst von ihm entfernt, und der junge Gentleman war eben der Baldowerer.
«Hast du eine Frage an den Zeugen zu richten, Knabe?» fragte der Friedensrichter.
«Ich mag mich nicht erniedrigen, mit ihm in Unterredung zu treten», entgegnete Jack Dawkins.
«Hast du überhaupt was zu sagen?»
«Hörst du die Frage Seiner Edlen nicht, ob du etwas zu sagen hättest?» fiel der Schließer, den stummen Baldowerer mit dem Ellbogen anstoßend, ein.
«Bitt' um Vergebung», sagte Jack, zerstreut aufblickend. «Redeten Sie mich an?»
«Ihr Edlen,» bemerkte der Schließer, «ich hab' mein Lebtag noch keinen solchen jungen Erzspitzbuben gesehen. Willst du was sagen, Bursch?»
«Nein,» entgegnete der Baldowerer, «hier nicht; dies ist nicht das rechte Kaufhaus für die Gerechtigkeit, und außerdem frühstückt mein Advokat heute morgen bei dem Vizepräsidenten des Hauses der Gemeinen. Jedoch werden wir, ich und er und eine sehr reputierliche Bekanntschaft, anderwärts sprechen, und zwar so, daß die Richterperücken wünschen werden, daß sie niemals geboren oder daß sie von ihren Bedienten aufgehängt sein möchten, statt mich hier heute morgen zu prozessieren. Ich will –»
«Er ist vollständig überführt; ins Gefängnis mit ihm – man bringe ihn hinaus!» rief der Gerichtsschreiber.
«Komm her, Bursch», sagte der Schließer.
«Komme schon», sagte der Baldowerer, seinen Hut mit der flachen Hand glättend, und wandte sich darauf nach der Richterbank: «Es hilft Ihnen nichts, Gentlemen, und wenn Sie auch noch so bestürzt aussehen. Ich werde kein Erbarmen mit Ihnen haben, für keinen Heller nicht. Sie werden dafür büßen, und ich möchte um vieles nicht an Ihrer Stelle sein. Ich würde die Freiheit nicht annehmen, und wenn Sie mich auf den bloßen Knien darum anflehten. Binnfaden, führ mich ab ins Gefängnis!»
Der Schließer zog ihn beim Kragen heraus, Jack drohte, die Sache vors Parlament zu bringen, und lächelte darauf den Schließer mit der behaglichsten Selbstzufriedenheit an.
Sobald ihn Noah hatte fortschleppen sehen, eilte er zu Master Bates zurück, der ihn in einem angemessenen Verstecke erwartet hatte und sich zeigte, sobald er sich vergewissert, daß niemand seinem neuen Bekannten nachfolgte. Sie gingen schleunigst miteinander nach Hause, um Fagin die erfreuliche Kunde zu bringen, daß sich der Baldowerer vollkommen ehrenhaft benommen und sich einen glänzenden Namen gemacht habe.
Nancy wird verhindert, ihr Rose Maylie gegebenes Versprechen zu erfüllen.
Wie vollkommen eingeweiht Nancy in alle Verstellungskünste auch war, vermochte sie doch die Gemütsbewegungen nicht gänzlich zu verbergen, die das Bewußtsein ihres Schrittes bei ihr hervorbrachte. Sie erinnerte sich, daß sowohl der listige Jude wie der brutale Sikes sie in das Geheimnis von Anschlägen, die sie vor allen anderen verborgen hielten, eingeweiht hatten, und zwar im vollkommensten Vertrauen auf ihre Treue und über allen Verdacht erhabene Zuverlässigkeit; und so schändlich jene Anschläge, so ruchlos die Urheber derselben sein mochten, so erbittert sie selbst gegen den Juden war, der sie Schritt für Schritt tiefer und immer tiefer in einen Abgrund von Verbrechen und Elend geführt hatte, aus welchem kein Entrinnen möglich war: es gab doch Augenblicke, wo bei ihr eine mildere Stimmung gegen ihn vorherrschte und der Gedanke ihr Unruhe verursachte, daß ihn endlich infolge der von ihr gemachten Enthüllung sein lange vermiedenes, aber freilich vollkommen verdientes Schicksal ereilen möchte.
Doch waren dies nur vorübergehende Gedanken und Gefühle bei ihr, deren sie sich aus Macht der Gewohnheit nicht gänzlich zu erwehren imstande war; denn ihr Entschluß stand fest, und ihr Charakter war derart, daß sie sich durch keinerlei Rücksichten bewegen ließ, einen einmal gefaßten Entschluß wieder aufzugeben. Ihre Besorgnis für Sikes würde ein noch stärkerer Beweggrund gewesen sein, zurückzutreten, solange es noch Zeit war; allein sie hatte es sich ausbedungen, daß ihr Geheimnis streng bewahrt werden sollte – hatte keinen Faden an die Hand gegeben, der zu seiner Entdeckung führen konnte – hatte um seinetwillen sogar das Anerbieten einer Zuflucht vor allem sie umgebenden Laster und Elend zurückgewiesen – und was konnte sie mehr tun? Sie war und blieb entschlossen.
Obgleich aber alle ihre inneren Kämpfe so endeten, erneuerten sie sich doch fortwährend und ließen auch ihre Spuren zurück. Nach wenigen Tagen sah sie blaß und abgezehrt aus. Bisweilen beachtete sie gar nicht, was um sie her vorging, und nahm an Gesprächen keinen Teil, bei welchen sie sonst die Lebhafteste und Lauteste gewesen sein würde; und bisweilen lachte sie wieder ohne Heiterkeit und lärmte ohne Zweck und Veranlassung. Zu anderen Zeiten – und oft einen Augenblick darauf – saß sie schweigend, niedergeschlagen, hinbrütend, den Kopf auf die Hände gestützt, da, während gerade die Anstrengung, womit sie sich dann wieder aufraffte, noch stärker verkündete, daß sie Unruhe empfand und daß ihre Gedanken mit ganz anderen Dingen als denen beschäftigt waren, die von ihren Gesellschaftern besprochen wurden.
Der Sonntagabend war gekommen, und die Glocke der nächsten Kirche schlug elf. Sikes und der Jude unterbrachen ihr Gespräch und horchten – und aufblickend und noch gespannter horchte Nancy.
«'ne Stunde vor Mitternacht», sagte Sikes, das Fenster öffnend und nach seinem Stuhle zurückkehrend; «auch ist's neblig und finster – 'ne gute Geschäftsnacht.»
«Ah, ja,» sagte Fagin, «'s ist sehr schade, Bill, daß es eben nichts gibt zu tun.»
«Da hast du mal recht», entgegnete Sikes barsch. «'s ist um so mehr schade, da ich obendrein recht in der Laune dazu bin.»
Der Jude schüttelte seufzend den Kopf.
«Wir müssen die verlorene Zeit wieder einzubringen suchen, wenn wieder was Gutes eingefädelt ist», fuhr Sikes fort.
«So ist's recht, mein Lieber», erwiderte Fagin, sich erdreistend, ihn auf die Schulter zu klopfen. «Es freut mich herzinnig, Euch reden zu hören so.»
«Freut Euch herzinnig – so! Meinetwegen», sagte Sikes.
«Ha, ha, ha!» lachte der Jude, als wenn ihm schon dies sehr geringe Zugeständnis Freude gewährte. «Ihr seid heute abend der echte, wahrhaftige Bill – wieder ganz Ihr selber, mein Lieber.»
«Mir ist's, als wär ich ein ganz anderer, wenn du mir die alte, welke Tatze auf die Schulter legst – runter damit!» rief Sikes, die Hand des Juden zurückschleudernd.
«Wird Euch schlimm dabei, Bill – erinnert's Euch ans Gefaßtwerden?» fragte der Jude, entschlossen, keine Empfindlichkeit zu zeigen.
«Ja – aber ans Gefaßtwerden vom Teufel, nicht von 'nem Häscher. Von Adam her ist kein Mensch gewesen mit 'nem Gesicht wie das deinige, müßte denn sein dein Vater, und dem wird wohl jetzund sein grauer Bart versengt, sofern nicht Satan selber dein Vater ist, was mich eben nicht wundern würde.»
Fagin erwiderte nichts auf diese Schmeichelei, sondern zupfte Sikes am Ärmel und wies nach Nancy hin, die ganz in der Stille den Hut aufgesetzt hatte und eben hinausgehen wollte.
«Heda, Nancy!» rief Sikes. «Wohin will die Dirne bei dieser Nachtstunde?»
«Nicht weit.»
«Was ist das für 'ne Antwort! Wohin willst du?»
«Ich sage, nicht weit.»
«Und ich sage, wohin? Hast du gehört?»
«Ich weiß nicht, wohin.»
«Dann weiß ich's», sagte Sikes, mehr aus Eigensinn, als daß er einen bestimmten Grund gehabt hätte, sich Nancys Ausgehen, wohin es ihr beliebte, zu widersetzen. «Nirgend. Setz dich wieder hin.»
«Ich bin unwohl, wie ich Euch schon gesagt habe, und muß frische Luft schöpfen.»
«Steck den Kopf aus 'm Fenster 'naus, das ist ebensogut.»
«Das ist's nicht; ich muß Bewegung haben.»
«So – du sollst aber keine haben», entgegnete Sikes, stand auf, verschloß die Tür, zog den Schlüssel aus, riß dem Mädchen den Hut vom Kopfe und warf ihn auf einen alten Schrank. «Willst du jetzt ruhig dableiben, wo du bist, oder nicht?»
«Ich kann auch ohne Hut gehen», sagte Nancy erblassend. «Was soll dies bedeuten, Bill? Wißt Ihr auch, was Ihr tut?»
«Ob ich weiß, was – Fagin, sie ist von Sinnen, denn sie würde sich's sonst nicht herausnehmen, solche Worte zu mir zu sprechen!»
«Ihr macht's danach, daß ich etwas Verzweifeltes tue», murmelte Nancy, beide Hände gegen die Brust pressend, als wenn sie einen heftigen Ausbruch gewaltsam zurückdrängen wollte. «Laßt mich hinaus – in dieser Minute – diesem Augenblick –»
«Nein!» schrie Sikes.
«Fagin, sagt ihm, daß er mich gehen läßt. Ich rat's ihm. Hört Ihr?» rief Nancy, mit den Füßen stampfend.
«Ob ich dich höre? Ja», rief Sikes zurück; «und wenn ich dich noch ein paar Augenblicke höre, so soll dich der Hund dermaßen an der Kehle packen, daß er dir die kreischende Stimme herausreißt. Was fällt dir ein, Weibsbild – was steckt dir im Kopfe?»
«Laßt mich gehen», sagte Nancy flehend, setzte sich an die Tür auf den Boden nieder und fuhr fort: «Bill, laßt mich gehen; Ihr wißt nicht, was Ihr tut – wißt's wahrlich nicht. Nur eine – nur eine einzige Stunde.»
«Ich will mich vierteln lassen,» rief Sikes, sie sehr unsanft beim Arm fassend, «wenn ich nicht glaube, daß die Dirne verrückt – toll und verrückt geworden ist. Steh auf!»
«Ich stehe nicht eher auf, als bis Ihr mich gehen laßt – nicht eher!» schrie Nancy.
Sikes blickte sie eine Weile an, ersah den rechten Augenblick, faßte plötzlich ihre beiden Hände, zog die Sträubende in ein anstoßendes Gemach, setzte sich auf eine Bank, warf sie auf einen Stuhl und hielt sie gewaltsam nieder. Sie bat und suchte sich ihm abwechselnd mit Gewalt zu entziehen, gab endlich, als es zwölf geschlagen hatte, ganz erschöpft ihre Versuche auf, und Sikes verließ sie mit einer durch mehrfache kräftige Beteuerungen unterstützten Warnung, um zu Fagin zurückzukehren.
«Was für'n sonderbares Geschöpf die Dirne ist!» sagte er, sich den Schweiß abwischend.
«Das mögt Ihr wohl sagen – mögt Ihr wohl sagen, Bill», versetzte der Jude nachdenklich.
«Was meinst du denn, was ihr im Kopfe gesteckt hat, noch so spät mit Gewalt ausgehen zu wollen? Du mußt sie besser kennen als ich – was meinst du, Jude?»
«Eigensinn, glaub' ich – Weibertrotz und Eigensinn, mein Lieber», antwortete Fagin achselzuckend.
«Glaub's auch. Ich dachte, daß ich sie zahm gemacht hätte, sie ist aber so schlimm wie je.»
«Noch schlimmer, Bill. Ich habe so etwas erlebt noch niemals an ihr, und um solch 'ner geringen Ursache.»
«Ich auch nicht. Es scheint, mein Fieber steckt ihr im Blut und will nicht 'raus – was?»
«Mag wohl sein, Bill.»
«Ich will ihr 'n bissel Blut abzapfen, ohn' den Doktor zu bemühn, wenn sie's wieder so macht.»
Der Jude nickte beistimmend.
«Sie war Tag und Nacht um mich,» fuhr Sikes fort, «als ich auf der Seite lag, während du wie 'n falscher Kujon, der du bist, dich fern hältst. Wir hatten die ganze Zeit nichts zu beißen und zu brechen, und ich glaub', es hat sie verdrießlich gemacht, und sie ist unruhig geworden, weil sie so lang hat im Haus sitzen müssen – he?»
«Ganz recht, mein Lieber», erwiderte Fagin flüsternd. «Pst!»
In diesem Augenblick trat Nancy wieder herein und setzte sich an ihren gewohnten Platz. Ihre Augen waren rot und geschwollen: sie wiegte sich hin und her, warf den Kopf empor und brach nach einiger Zeit in ein Gelächter aus.
«Was ist denn dies nun wieder?» rief Sikes, erstaunt zu Fagin sich wendend, aus.
Der Jude gab ihm einen Wink, sie für den Augenblick nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten saß sie wieder da wie vorhin. Er flüsterte Sikes zu, sie würde von nun an ganz ruhig bleiben, nahm seinen Hut und sagte ihm gute Nacht. An der Tür stand er still, drehte sich noch einmal um und bat, daß ihm jemand auf der dunkeln Treppe leuchten möchte.
«Leucht ihm 'nunter», sagte Sikes, der eben seine Pfeife füllte. «'s wäre schade, wenn er hier selbst den Hals bräche und den Hängezuschauern nichts zu gaffen gäbe.»
Nancy geleitete den alten Mann mit dem Lichte hinunter. Auf dem Hausflur angelangt, legte er den Finger auf den Mund und flüsterte ihr in das Ohr: «Was hattest du, liebes Kind?»
«Wieso?» erwiderte sie, gleichfalls flüsternd.
«Warum du ausgehen wolltest mit Gewalt. Wenn er,» sagte Fagin, mit dem knöchernen Finger nach oben zeigend, «wenn er ist so barbarisch gegen dich – er ist ein Tier, Nancy, ein unvernünftiges, wildes Tier – warum –»
«Nun?» fragte sie, als er, den Mund dicht an ihrem Ohre und die Augen dicht vor den ihrigen, innehielt.
«Laß jetzt gut sein,» fuhr der Jude fort, «wollen ein andermal sprechen davon. Du hast einen Freund an mir, Kind, einen treuen Freund. Ich hab' auch die Mittel – wenn du willst dich rächen an ihm, der dich behandelt wie einen Hund – schlimmer als einen Hund, dem er schmeichelt bisweilen doch – so komm zu mir; komm zu mir, was ich dir sage. Er ist ein Tagesfreund; aber mich kennst du von alters her, Nancy – von alters her.»
«Ich kenne Euch sehr wohl», antwortete das Mädchen, ohne die mindeste Bewegung zu zeigen. «Gute Nacht.»
Sie trat zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, sagte ihm aber noch einmal mit fester Stimme gute Nacht, erwiderte den Blick, den er ihr zum Abschiede zuwarf, mit einem hinlängliches Verstehen andeutenden Zunicken und verschloß die Tür hinter ihm.
Fagin kehrte gedankenvoll nach seiner Wohnung zurück. Er war schon seit einiger Zeit der Ansicht, in welcher ihn das soeben Vorgefallene bestärkte, daß Nancy der schlechten Behandlung, welche sie von dem brutalen Sikes erfuhr, müde geworden sei und eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt habe. Ihr verändertes Wesen, daß sie so häufig allein ausging, ihre verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen den Vorteil oder Schaden der Bande, für welche sie vormals so großen Eifer bewiesen hatte, und dazu ihr so heftiges Verlangen, an diesem Abende und gerade zu einer bestimmten Stunde das Haus noch verlassen zu wollen: dieses alles unterstützte seine Annahme und überzeugte ihn fest von der Richtigkeit derselben. Der Gegenstand dieser neuen Liebschaft des Mädchens befand sich unter den Leuten seines Anhangs nicht. Er mußte mit einer Alliierten wie Nancy eine schätzbare Erwerbung sein, die es so bald wie möglich zu machen galt.
Auch war noch ein anderer und finsterer Zweck zu erreichen. Sikes wußte zu viel, und seine plumpen, beleidigenden Reden hatten Fagin darum nicht minder verletzt und gereizt, weil er es sich nicht merken ließ. Nancy konnte es nicht entgehen, daß sie, sobald sie sich von ihm trennte, vor seiner Wut nicht sicher war und daß er dieselbe ohne allen Zweifel auch an ihrem neuen Liebhaber auslassen würde, so daß die gesunden Gliedmaßen, ja das Leben desselben in offenbarer Gefahr schwebten. Fagin glaubte, sie würde sich leicht bereden lassen, ihn zu vergiften. «Weiber,» dachte er, «haben so etwas und noch Schlimmeres wohl schon getan, um die Ziele zu erreichen, die das Mädchen jetzt verfolgt. Tut sie es, so werde ich von dem gefährlichen Halunken, dem Menschen, den ich hasse, befreit – erhalte einen Ersatzmann für ihn, und mein Einfluß über Nancy ist, bei meiner Kenntnis dieses Verbrechens, fortan ganz unbegrenzt.»
Dies waren seine Gedanken gewesen, während ihn Sikes allein gelassen, und er hatte deshalb beim Fortgehen das Mädchen auszuforschen gesucht. Sie hatte keine Überraschung gezeigt, sich nicht angestellt, als ob sie ihn nicht verstände, vielleicht bewies der Blick, mit welchem sie ihm zum zweitenmal gute Nacht gesagt, klar, daß sie seine Meinung sehr wohl verstanden hatte.
Aber sie weigerte sich vielleicht, in einen Anschlag auf Sikes Leben einzugehen, worauf es hauptsächlich ankam. «Wie kann ich meinen Einfluß bei ihr vergrößern?» dachte der Jude auf seinem Heimwege. «Welche neue Gewalt über sie kann ich mir verschaffen?»
Ein Gehirn, wie das seinige, ist fruchtbar an Hilfsmitteln. Sollte er sie nicht seinen Plänen fügsam machen können, wenn er sie, sofern kein Geständnis von ihr zu erlangen war, von einem Kundschafter beobachten ließ, den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und Sikes (vor dem sie sich in hohem Maße fürchtete) alles zu enthüllen drohte, falls sie nicht einwilligte, zu tun, was er von ihr verlangte.
«Es wird angehen», sagte er fast laut; «hab' ich nur erst ihr Geheimnis, so darf sie mir's nicht abschlagen – so gewiß ihr an ihrem Leben liegt. Ich besitze die Mittel, Nancy, und nur Geduld, Sikes, ich hab' euch, hab' euch beide!»
Er wandte sich mit einer drohenden Handbewegung um und warf einen finsteren Blick nach der Straße zurück, wo er den verwegenen Bösewicht verlassen, und senkte im Weitergehen die knöchernen Hände in die Falten seines zerlumpten Mantels, die er zusammenpreßte, als wenn er einen verhaßten Feind zwischen den spitzigen Fingern hätte.
Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwandt.
Der alte Mann stand am anderen Morgen beizeiten auf und erwartete ungeduldig seinen neuen Verbündeten, der sich erst nach einem endlos scheinenden Ausbleiben zeigte und sogleich mit Gier über das Frühstück herfiel.
«Bolter», sagte der Jude, sich ihm gegenüber setzend.
«Was gibt's?» erwiderte Noah. «Fordert nichts von mir, bis ich mit'm Essen fertig bin. Das ist der große Fehler hier. Es wird einem niemals Zeit genug bei den Mahlzeiten gelassen.»
«Ei, Ihr könnt doch sprechen beim Essen», sagte der Jude, vom Grunde seines Herzens des jungen Freundes Eßgier verwünschend.
«Und es geht obendrein noch besser, wenn ich spreche», versetzte Bolter, ein ungeheures Stück Brot abschneidend. «Wo steckt denn Charlotte?»
«Ich habe sie ausgeschickt heute morgen mit dem anderen jungen Frauenzimmer, weil ich wünschte zu sein allein.»
«Wollte nur, daß Ihr der Dirne erst gesagt hättet, sie sollte Brotschnitte mit Butter rösten. Nun schwatzt aber nur zu – werde mich nicht stören lassen», sagte Noah, und es schien in der Tat wenig auf sich zu haben mit der Besorgnis, daß er sich stören lassen dürfte, denn er war offenbar entschlossen, wacker fortzuarbeiten.
«Ihr habt gestern gemacht Eure Sachen gut», sagte der Jude; «sehr schön. Sechs Schillinge, neun Pence und 'nen halben Penny am allerersten Tage! Das Schratzchen wird Euch machen reich.»
«Vergeßt nicht die drei Bierkannen und den Milchtopf», erwiderte Bolter.
«Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren große Geniebeweise, der Milchtopf aber war ein vollkommenes Meisterstück.»
«Ging wohl an für 'nen Anfänger», bemerkte Mr. Bolter selbstgefällig. «Die Bierkannen nahm ich von 'nem Sout'raingitter 'runter, und der Milchtopf stand draußen vor 'nem Gasthofe; ich dachte also, er möchte rostig werden durch den Regen oder sich erkälten, wißt Ihr. Ha, ha, ha!»
Der Jude stimmte in Mr. Bolters Gelächter, der seine Beschäftigung rüstig weiter fortsetzte, des Scheines halber herzlich ein und sagte, sich über den Tisch hinüberlehnend: «Ihr müßt mir ausrichten etwas, mein Lieber, das erfordert große Sorgfalt und Vorsicht.»
«Fagin,» entgegnete Noah, «Ihr dürft aber nichts Gefährliches von mir verlangen und mich nicht wieder in Polizeigerichte schicken; denn ein für allemal, das gefällt mir nicht, und ich will's nicht.»
«'s ist dabei nicht die geringste Gefahr – Ihr sollt bloß baldowern ein Frauenzimmer.»
«Ein altes?»
«Ein junges.»
«Nun, darauf versteh' ich mich gut genug – trieb's schon mit Glück, als ich noch in die Schule ging. Was soll ich denn auskundschaften von der jungen Person?»
«Wohin sie geht, mit wem sie verkehrt, und womöglich, was sie sagt; Euch merken die Straße, wenn's eine Straße, oder das Haus, wenn's ist ein Haus, und mir bringen so viel Kunde, wie Ihr nur vermögt.»
«Was gebt Ihr mir dafür?» fragte Noah begierig.
«Wenn Ihr's gut ausrichtet, ein Pfund, mein Lieber – ja, ja, ein Pfund», erwiderte Fagin, der ihn so sehr wie möglich für die Sache zu interessieren wünschte; «und das ist so viel, als ich noch nie habe gegeben für ein Stück Arbeit, wobei nicht war viel zu gewinnen.»
«Wer ist denn das Frauenzimmer?»
«Eine der Unsern.»
«Hm – so! Ihr setzt Mißtrauen in sie?»
«Sie hat sich gewandt zu neuen Liebhabern, und ich muß wissen, wer die mögen sein.»
«Verstehe schon – um das Vergnügen zu haben, sie kennen zu lernen, wenn es respektable Leute sind – wie? Ha, ha, ha! Verlaßt Euch auf mich.»
«Wußte wohl, daß ich's würde können.»
«Natürlich, natürlich! Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann geh' ich los?»
«Ihr sollt das alles hören von mir, mein Lieber, zu seiner Zeit. Haltet Euch bereit nur und überlaßt das übrige mir.»
Sechs Abende saß der Kundschafter gestiefelt und in seinem Kärrneranzuge da, bereit, auf einen Wink von Fagin zu beginnen, und Abend für Abend kehrte der Jude verdrießlich nach Hause zurück und sagte, daß es noch nicht Zeit wäre. Am siebenten – einem Sonntagabend – trat er mit einem Vergnügen ein, das er nicht zu verbergen imstande war.
«Sie geht aus heute abend,» sagte er, «und ich bin gewiß, daß sie geht hin da, wo ist zu erforschen, was ich wünsche zu wissen; denn sie hat allein gesessen den ganzen Tag, und der Mann, vor dem sie sich fürchtet, wird erst zurückkehren gegen Tagesanbruch. Kommt, kommt! Folgt mir geschwind!»
Des Juden Erregtheit steckte auch Noah an, der sogleich aufsprang. Sie verließen das Haus, eilten durch ein Straßen- und Gassenlabyrinth und langten endlich vor einem Gasthause an, in welchem Noah die Krüppel erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Tür verschlossen; sie öffnete sich aber auf ein leises Pfeifen des Juden und schloß sich wieder, als sie geräuschlos hineingegangen waren. Fagin flüsterte kaum, sondern besprach sich mit dem jüdischen Jünglinge durch stumme Zeichen, wies darauf nach dem kleinen Fenster hin und bedeutete Noah, auf einen Stuhl zu steigen und sich die im anstoßenden Zimmer befindliche Person anzusehen.
«Ist das das Frauenzimmer?» flüsterte Noah. «Sie sieht vor sich nieder, und das Licht steht hinter ihr. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.»
«Bleibt ruhig stehen», flüsterte Fagin und gab Barney ein Zeichen, der sogleich hinausging, nach ein paar Augenblicken in dem anstoßenden Zimmer erschien, das Licht, unter dem Vorwande, es zu schneuzen, vor das Frauenzimmer – Nancy – hinstellte, sie anredete und dadurch veranlaßte, den Kopf emporzuheben.
«Jetzt seh' ich sie», flüsterte Noah.
«Deutlich?»
«Würde sie unter Tausenden wiedererkennen.»
Nancy stand auf und schickte sich zum Fortgehen an. Er stieg eilig von dem Stuhle herunter und trat sacht mit Fagin hinter einen Vorhang; gleich darauf ging Nancy durch das Zimmer und aus dem Hause hinaus.
«Pst!» rief Barney, der ihr die Haustür geöffnet, «jetzt.»
Noah wechselte einen Blick mit Fagin und schlüpfte hinaus.
«Links», flüsterte Barney; «haltet Euch linker Hand und auf der anderen Seite.»
Noah sah Nancy beim Laternenscheine schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach, folgte ihr so nahe, wie es ihm rätlich erschien, und hielt sich auf der anderen Seite, um sie desto besser beobachten zu können. Sie sah sich ängstlich ein paarmal um und stand einmal still, um einige ihr dicht nachfolgende Männer vorüberzulassen. Sie schien im Weitergehen Mut zu gewinnen und einen sicheren und festeren Schritt anzunehmen. Der Kundschafter hielt sich in gemessener Entfernung hinter ihr und ließ sie nicht aus den Augen.