46. Kapitel.

Nancy erfüllt ihre Zusage.

Die Kirchenglocken schlugen dreiviertel auf elf Uhr, als zwei Gestalten auf der Londoner Brücke erschienen. Die eine leicht und rasch vorwärts eilende war die eines Mädchens, das unruhig um sich blickte, als erwarte sie jemand; die andere die eines Mannes, der im tiefsten Schatten, den er finden konnte, der ersteren in einiger Entfernung nachschlich, aber stillstand, wenn das Mädchen stillstand, und wieder vordrang, so schnell oder langsam dasselbe sich eben fortbewegte. So schritten sie über die Brücke von dem Middlesex- nach dem Surreyufer hinüber. Das Mädchen, das alle Vorübergehenden mit forschenden Blicken gemustert hatte, schien sich in seiner Erwartung getäuscht zu haben, drehte sich plötzlich um und ging wieder zurück. Der Kundschafter war indes auf seiner Hut gewesen, trat in eine Vertiefung, lehnte über das Geländer, ließ das Mädchen vorüber und folgte ihr sodann wieder nach wie vorher. Fast mitten auf der Brücke angelangt, stand sie still und er gleichfalls.

Es war eine sehr finstere und kalte Nacht, nur wenige gingen an den beiden vorüber und beachteten sie nicht. Die Themse war von dichtem Nebel bedeckt, den der matte, rötliche Glanz der Feuer auf den kleinen, in den Werften ankernden Fahrzeugen kaum zu durchdringen vermochte, und die Feuer ließen die Häuser am Ufer nur als dämmrige, noch undeutlichere Massen erscheinen. Die Türme der alten Heilands- und St.-Magnus-Kirche – so lange schon die riesigen Wächter der alten Brücke – waren sichtbar durch die Finsternis, der Wald der Schiffsmaste aber unter der Brücke und weiter umher die Menge der Türme auch für den schärfsten Blick unerkennbar.

Das Mädchen war – fortwährend von seinem ungesehenen Beobachter verfolgt – unruhig ein paarmal hin und wieder über die Brücke gegangen, als die Glocke der St.-Pauls-Kirche abermals das Hinscheiden eines Tages verkündete. Mitternacht war gekommen über die menschenerfüllte Stadt, die Paläste und Hütten, die Bettler- und Gaunerhöhlen, den Kerker und das Irrenhaus, die Gemächer, in welchen neues Leben begann und abgelaufenes endete, Gesunde ruhten und Kranke ächzten, Leichen starr dalagen und blühende Kinder süß schlummerten und träumten.

Nicht zwei Minuten, nachdem der letzte Glockenton verklungen war, stiegen eine junge Dame und ein grauköpfiger Herr aus einem Mietswagen nicht weit von der Brücke, auf welche sie rasch zuschritten. Sie hatten sich kaum auf derselben gezeigt, als das Mädchen aufmerksam stillstand und ihnen sodann entgegeneilte, deren Munde ein Ausruf der Überraschung entfloh, welchen sie jedoch sogleich unterdrückten, als ein wie ein Kärrner Gekleideter plötzlich fast gegen sie anrannte.

«Nicht hier», flüsterte Nancy hastig. «Ich fürchte mich, hier mit Ihnen zu reden. Folgen Sie mir dort die Treppe hinunter.»

Der Kärrner drehte sich um, während sie so sprach und nach der Treppe hinwies, rief in rauhem Tone zurück, «wozu sie die Breite des ganzen Steinpflasters einnähmen», und ging vorüber.

Die Treppe, nach welcher das Mädchen hingewiesen hatte, befand sich am Surreyufer und führte zu einem Landungsplatze hinunter; der Kärrner eilte hin zu ihr, blickte forschend umher und fing an, hinabzusteigen. Sie besteht aus drei Absätzen, auf deren zweitem die Mauer linker Hand in einen Pfeiler nach der Themse hin ausläuft. Die Stufen der unteren Flucht sind breiter, und wer nur um eine einzige tiefer hinter den Pfeiler tritt, ist denen verborgen, die, wenn auch ganz in seiner Nähe, auf dem Treppenabsatze stehen. An dieser Stelle versteckte sich der Kärrner, mit dem Rücken an den Pfeiler tretend. Er war in gespanntester Erwartung, denn was hier vorging, lag gänzlich außer dem Kreise aller seiner Vermutungen, und wollte schon wieder höher hinaufgehen, als er den Schall von Fußtritten und gleich darauf dicht neben sich Stimmen vernahm. Er horchte mit verhaltenem Atem.

«Dies ist weit genug», sagte der Herr. «Ich lasse die junge Dame nicht weiter hinuntergehen. Viele andere würden Ihnen nicht einmal so weit gefolgt sein; Sie sehen, daß ich Ihnen Vertrauen bewiesen habe.»

«Sie sind in der Tat sehr vorsichtig – oder auch mißtrauisch, wie mir scheint. Doch gleichviel», sagte Nancy.

«Weshalb führen Sie uns denn aber an einen solchen Ort?» fragte der Herr in einem milderen Tone. «Warum wollten Sie sich nicht dort oben sprechen lassen, wo es hell ist und wo doch Menschen in der Nähe sind?»

«Ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich mich fürchtete, dort mit Ihnen zu reden. Ich weiß nicht, wie es kommt,» sagte Nancy schaudernd, «bin aber so beklommen und zittere so sehr, daß ich kaum auf den Füßen stehen kann.»

«Was fürchten Sie denn?» fragte der Herr mitleidig.

«Ich weiß es selbst kaum», erwiderte das Mädchen. «Den ganzen Tag haben mich schreckliche Gedanken an die verschiedensten Todesarten und blutige Leichentücher heimgesucht, und fortwährend hat mich eine Angst gequält, daß es mir war, als wenn ich mitten im Feuer brannte. Ich las heute abend in einem Buche, um mir die Zeit zu verkürzen, und las nur immer dasselbe heraus.»

«Einbildungen», sagte der alte Herr beruhigend.

«Nein, nein», entgegnete das Mädchen mit heiserer Stimme. «Ich will darauf schwören, daß das Wort ‚Sarg‘ auf jeder Seite des Buches mit großen, schwarzen Lettern gedruckt stand – und erst vor kurzem, als ich hierher ging, ward einer dicht an mir vorübergetragen.»

«Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich habe sehr oft Särge an mir vorübertragen sehen.»

«Wirkliche– das war aber dieser nicht.»

Sie sprach dies alles in einem Tone, daß es den versteckten Lauscher kalt überlief, ja, daß ihm das Blut in den Adern erstarrte. Er hatte nie eine größere Herzenserleichterung empfunden, als in dem Augenblicke, da er die süße Stimme der jungen Dame – Roses – vernahm, die Nancy bat, sich zu beruhigen und sich nicht so entsetzlichen Gedanken hinzugeben.

«Reden Sie ihr freundlich zu, der Armen; sie scheint es zu bedürfen», fügte sie, zu ihrem Begleiter sich wendend, hinzu.

«Ihre hochmütigen, frommen Damen würden mich, wenn sie mich in dieser Nacht sähen, wie ich bin, verächtlich anblicken und mir vom ewigen Höllenfeuer und der Rache des Himmels predigen», rief das Mädchen aus. «Oh, meine teure junge Dame, warum sind die nicht, die Gottes Auserwählte sein wollen, so mild und gütig gegen uns arme Unglückliche wie Sie! Ach, Sie besitzen alles, was jene verloren haben, Jugend und Schönheit, und könnten gar wohl ein wenig stolz sein, statt so viel bescheidener.»

«Ah!» fiel der Herr ein; «ein Türke kehrt sein Antlitz, nachdem er es reinlich abgewaschen, nach Osten, indem er seine Gebete spricht. Jene guten Leute reiben an der rauhen Welt die Freundlichkeit von ihren Gesichtern ab und wenden sie dann nach der finsteren Seite des Himmels. Hab' ich zwischen dem Muselman und Pharisäer zu wählen, so lobe ich mir den ersteren.»

Er sprach die Worte zu der jungen Dame, doch vielleicht beabsichtigend, Nancy Zeit zu verschaffen, sich wieder zu sammeln. Bald darauf redete er das Mädchen an.

«Sie waren am vorigen Sonntagabend nicht hier.»

«Ich konnte nicht kommen – wurde gewaltsam zurückgehalten.»

«Von wem?»

«Von Bill – dem Manne, von dem ich der jungen Dame erzählt habe.»

«Ich will doch hoffen, daß niemand Verdacht wegen der Sache auf Sie geworfen hat, die uns jetzt zusammengeführt?» fragte der alte Herr besorgt.

«Nein», antwortete Nancy kopfschüttelnd. «Es ist aber nicht eben leicht für mich, ihn zu verlassen, ohne daß er weiß, warum, und ich würde auch zu der Dame nicht haben gehen können, hätt' ich ihm nicht, um mich von ihm entfernen zu können, einen Schlaftrunk gegeben.»

«War er denn vor Ihrer Rückkehr erwacht?»

«Nein; und so wenig, wie er selbst, hat sonst jemand Verdacht auf mich geworfen.»

«Gut. Hören Sie mich jetzt an. Diese junge Dame hat mir und einigen andern, das vollkommenste Zutrauen verdienenden Freunden mitgeteilt, was Sie vor vierzehn Tagen ihr anvertraut haben. Ich gestehe, anfangs Zweifel gehegt zu haben, ob man sich ganz auf Ihre Aussagen verlassen könnte, halte mich aber jetzt davon überzeugt.»

«Das können Sie allerdings sein», beteuerte Nancy.

«Ich wiederhole, daß ich es fest glaube; und um Ihnen zu beweisen, daß ich Ihnen zu vertrauen geneigt bin, sage ich Ihnen ohne Rückhalt, daß wir das Geheimnis, worin es auch bestehen mag, Monks durch Furcht zu entreißen gesonnen sind. Doch wenn – wenn wir seiner nicht sollten habhaft werden können, oder wenn ihm nichts abzudringen wäre, so müssen Sie uns den Juden in die Hände liefern.»

«Fagin!» rief das Mädchen, plötzlich zurücktretend, aus.

«Ihn – ja, ihn müssen Sie uns in die Hände liefern.»

«Nimmermehr – das werd' ich nimmermehr tun», entgegnete Nancy; «werde es nie tun, solch ein Teufel er auch ist, und obwohl er ärger als ein Teufel an mir gehandelt hat.»

«Sie wollen also nicht?» fragte der Herr, der keine andere Antwort erwartet zu haben schien.

«In keinem Falle!»

«Dann sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.»

«Aus einem Grunde,» erwiderte Nancy mit Festigkeit, «aus einem Grunde, den die Dame kennt, und ich weiß, denn ich habe ihr Versprechen, sie wird dabei auf meiner Seite stehen; und aus dem weiteren Grunde, weil ich – ein so ruchloses Leben er auch geführt hat – gleichfalls einen schlechten Wandel geführt habe. Viele von uns sind miteinander schlecht und böse gewesen, und ich will sie nicht verraten, die mich hätten verraten können und es, so schlecht sie sind, nicht taten.»

«Dann,» fiel der Herr lebhaft ein, als wenn er erreicht hätte, was er eben gewollt, «dann liefern Sie mir Monks in die Hände und überlassen Sie es mir, nach Gutdünken mit ihm zu verfahren.»

«Wie aber, wenn er die andern verrät?»

«Ich verspreche Ihnen, daß die Sache ruhen soll, sobald wir ihm die Wahrheit abgerungen haben. In Olivers kleiner Lebensgeschichte kommen ohne Zweifel Umstände vor, die man nur sehr ungern der Öffentlichkeit preisgeben würde, und ist nur die Wahrheit heraus, so soll niemand in Ungelegenheit kommen.»

«Aber wenn Sie sie nicht herausbekommen?»

«Dann soll der Jude nicht ohne Ihre Einwilligung vor Gericht gezogen werden, und ich glaube Ihnen für den Fall Gründe vorlegen zu können, nach deren Anhören Sie einwilligen werden.»

«Hab' ich dafür das Versprechen der Dame?» fragte Nancy mit Nachdruck.

«Ich gebe es Ihnen», nahm Rose das Wort; «gebe Ihnen die aufrichtigste und bestimmteste Zusage.»

«Monks soll nie erfahren, wie Sie zu der Kunde, die Sie durch mich besitzen, gelangt sind?» fuhr das Mädchen nach einem kurzen Stillschweigen fort.

«Nein – nie,» erwiderte der Herr. «Er soll es nicht einmal vermuten können.»

«Ich bin eine Lügnerin gewesen und habe unter Lügnern gelebt von meiner frühsten Kindheit an, will aber Ihren Worten Glauben schenken», sagte Nancy nach einem abermaligen Stillschweigen.

Beide versicherten ihr, daß sie es getrost könne, und nunmehr nannte sie ihnen, so leise flüsternd, daß der Horcher nur sehr schwer zu verstehen vermochte, den Namen, den Stadtteil und die Straße der Taverne, aus welcher ihr Noah nach der Brücke gefolgt war. Sie sprach in kurzen Pausen; der Herr schien sich das Nötigste zu notieren. Als sie auch das Innere des Hauses beschrieben und angegeben hatte, wie es am besten beobachtet werden könnte, und an welchen Abenden und zu welchen Stunden es von Monks besucht zu werden pflegte, schien sie ein paar Augenblicke innezuhalten, um sich die Züge und das ganze Äußere desselben um so lebhafter zurückzurufen.

«Er ist groß,» sagte sie, «und kräftig gebaut, aber nicht stark; er hat einen lauernden Gang und blickt beim Gehen beständig erst über die eine und dann über die andere Schulter. Vergessen Sie das nicht, denn seine Augen liegen so tief wie nur immer möglich im Kopfe, so daß Sie ihn daran fast allein schon unter Tausenden zu erkennen vermögen. Er hat dunkles Haar und Augen und ein schwärzliches Gesicht, das aber ältlich und verfallen aussieht, obwohl er nicht über sechs- bis achtundzwanzig Jahre alt sein kann. Seine Lippen sind oft blau und durch Bisse entstellt, denn er hat fürchterliche Zufälle und beißt sich bisweilen sogar die Hände blutig – warum stutzen Sie?» fragte sie plötzlich abbrechend.

Der Herr erwiderte hastig, daß er sich dessen nicht bewußt wäre, und er bat sie, fortzufahren.

«Ich mußte dies großenteils von andern herauslocken, um es Ihnen sagen zu können,» sprach das Mädchen weiter, «denn ich habe ihn nur zweimal gesehen, und beide Male war er in einen weiten Mantel eingehüllt. Mehr glaube ich Ihnen nicht – doch ja! An seinem Halse, so hoch hinauf, daß man etwas davon sehen kann, wenn er sein Gesicht abwendet, ist –»

«Ein breites rotes Mal, wie von einer Brandwunde», fiel der Herr ein.

«Wie – Sie kennen ihn?» rief das Mädchen aus.

Roses Lippen entfloh ein Ausruf des höchsten Erstaunens, und auf einige Augenblicke waren alle drei so stumm, daß der Horcher sie atmen hören konnte.

«Ich glaube es», unterbrach der Herr jedoch bald das Stillschweigen. «Nach Ihrer Beschreibung sollte ich ihn allerdings kennen. Wir werden indes sehen. Es gibt auffallende Ähnlichkeiten – kann sein, daß er dennoch ein anderer ist.»

Er trat bei diesen, in einem verstellt gleichgültigen Tone gesprochenen Worten ein paar Schritte zurück, wobei er sich dem versteckten Kundschafter näherte, der ihn flüstern hörte: «Er muß es sein!» Gleich darauf sagte er wieder laut: «Junges Mädchen, Sie haben uns die wichtigsten Dienste geleistet, und ich wünsche Ihnen dankbar dafür zu sein. Was kann ich für Sie tun?»

«Nichts», erwiderte Nancy.

«So dürfen Sie nicht sprechen», fuhr der Herr in einem so dringenden und herzlichen Tone fort, daß auch ein weit verhärteteres Gemüt dadurch hätte gerührt werden mögen. «Ich bitte, sagen Sie es mir.»

«Ich muß dabei bleiben, Sir», entgegnete Nancy weinend. «Sie können nichts tun, mir zu helfen. Für mich ist wahrlich keine Hoffnung übrig.»

«Sie schneiden sich die Hoffnung selbst ab», fuhr der Herr fort. «Ihre Vergangenheit ist eine beklagenswerte Verschwendung unschätzbarer Jugendgaben gewesen, wie sie der Schöpfer nur einmal gibt und nicht wieder verleiht; auf die Zukunft aber können Sie Hoffnung setzen. Ich sage nicht, daß es in unserer Macht stehe, Ihnen Seelenfrieden zu bieten, der Ihnen nur in dem Maße werden kann, wie Sie selbst ihn suchen; wohl aber sind wir imstande, und es ist unser eifriger Wunsch, Ihnen einen stillen Zufluchtsort entweder im Lande oder, wenn Sie Furcht hegen, hierzubleiben, außer Landes zu verschaffen. Noch ehe der Morgen graut, sollen Sie Ihren bisherigen Genossen so gänzlich entrückt sein und so wenige Spuren hinter sich zurücklassen, als wenn Sie von der Erde verschwunden wären. Geben Sie unseren Vorstellungen und Bitten nach. Ich möchte nicht, daß Sie auch nur noch ein einziges Wort mit den Leuten Ihres bisherigen Umgangs wechselten, nur noch einen Blick auf die Stätte Ihres bisherigen Daseins würfen, oder die Luft nur wieder atmeten, welche Pest und Tod für Sie ist. Geben Sie unsern Bitten nach, während es noch Zeit ist, solange Sie noch können.»

«Sie läßt sich bewegen», rief Rose aus; «ich weiß es, sie faßt den rettenden Entschluß.»

«Nein, nein», erwiderte Nancy nach einem kurzen inneren Kampfe; «ich bin an mein bisheriges Leben gekettet. Ich verabscheue und hasse es jetzt, kann es aber nicht aufgeben. Ich war schon längst zu weit gegangen, um zurückkehren zu können – und doch weiß ich nicht, ob ich es nicht versucht haben würde, wenn Sie vor einiger Zeit so zu mir gesprochen hätten. Doch diese Angst ergreift mich wieder,» setzte sie, sich hastig umwendend, hinzu: «ich muß nach Hause gehen.»

«Nach Hause?!» wiederholte Rose, großen Nachdruck auf die Worte legend.

«Nach Hause, Miß – nach einem solchen Hause, wie ich es mir durch die ganze Mühe meines Lebens erbaut habe. Lassen Sie uns scheiden. Man wird mich beobachten oder sehen. Fort, fort von hier! Habe ich Ihnen einen Dienst geleistet, so erzeigen Sie mir nur die einzige Güte, zu gehen und mich allein nach Hause zurückkehren zu lassen.»

«Es ist vergeblich», sagte der Herr seufzend. «Wir gefährden vielleicht Ihre Person, wenn wir hier weilen, und haben Sie vielleicht schon länger aufgehalten, als Sie erwartet haben.»

«Ja, ja, das haben Sie», sagte Nancy.

«Was kann das Ende des Lebens der Ärmsten sein?» rief Rose aus.

«Schauen Sie hinunter in das finstere Wasser!» sagte das Mädchen. «Wie oft lesen Sie von meinesgleichen, die sich in die Fluten hinunterstürzen und kein lebendes Wesen, sie zu beweinen oder nur nach ihnen zu fragen, zurücklassen. Es können Jahre darüber hingehen oder vielleicht nur Monate, doch nicht besser wird zuletzt mein Ende sein.»

«O bitte, reden Sie nicht so», sagte Rose schluchzend.

«Sie werden nie davon hören, beste junge Dame, und Gott verhüte, daß solcher Graus – Gute Nacht, gute Nacht!»

Der Herr wandte sich ab.

«Nehmen Sie um meinetwillen diese Börse,» sagte Rose, «damit es Ihnen in der Stunde der Not nicht an einer Hilfsquelle mangle.»

«Nein, nein», entgegnete das Mädchen. «Ich habe, was ich tat, nicht für Geld getan. Lassen Sie mir dieses Bewußtsein. Doch – geben Sie mir ein Andenken – etwas, das Sie getragen haben – nein, nein, keinen Ring – Ihre Handschuhe oder Ihr Taschentuch – so, des Himmels Segen über Sie – gute Nacht, gute Nacht!»

Ihre heftige Erregtheit und die Besorgnis einer Entdeckung, welche gefährlich für sie werden könnte, bewog den Herrn, sich ihrem Verlangen gemäß mit Rose zu entfernen. Auf der obersten Stufe angelangt, standen beide still.

«Horch!» flüsterte Rose. «Rief sie nicht? Ich glaube, daß ich ihre Stimme hörte!»

«Nein, mein liebes Fräulein», erwiderte Brownlow, traurig zurückblickend. «Sie hat sich nicht einmal leise geregt und wird es auch nicht eher, als bis wir fort sind.»

Rose zögerte noch immer, allein der alte Herr legte ihren Arm in den seinigen und zog sie mit sanfter Gewalt fort. Sobald sie verschwunden waren, warf sich Nancy fast der Länge nach auf eine der Treppenstufen nieder und machte ihrer Herzensqual durch bittere Tränen Luft. Nach einiger Zeit stand sie wieder auf und begann mit wankenden Schritten ihren Heimweg. Der erstaunte Horcher blieb noch einige Minuten hinter dem Pfeiler stehen, schlich sodann die Treppe hinauf, lugte vorsichtig umher und eilte dann, so schnell er konnte, nach dem Hause des Juden zurück.

Unglückliche Folgen.

Es war fast zwei Stunden vor Tagesanbruch – die rechte Nachtzeit im Herbste, da, indem sogar der Schall zu schlummern scheint, die Straßen schweigend und verlassen und die Schlemmer und Schwelger nach Hause getaumelt sind, um zu träumen – als der Jude wachend in seiner alten Höhle mit einem so bleichen und verzerrten Gesichte und so roten und blutunterlaufenen Augen dasaß, daß er weniger einem Menschen als einem greulichen, vom Grabe feuchten und von einem bösen Geiste gepeinigten Gespenste glich.

Er kauerte, in eine zerlumpte Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herde und hatte die Blicke auf ein dem Erlöschen nahes Licht gerichtet, das auf einem Tische neben ihm stand. Die rechte Hand hielt er, wie in Gedanken verloren, an die Lippen und kaute an seinen langen, schwarzen Fingernägeln, so daß man in dem sonst zahnlosen Munde einige Vorderzähne erblickte, die einem Hunde oder einer Ratte hätten angehören können.

Auf einer Matratze am Boden ausgestreckt lag Noah Claypole in festem Schlafe. Zwischen ihm und dem Lichte schweiften die zerstreuten Blicke des alten Mannes bisweilen hin und wieder, in dessen Innerem, einander drängend, unruhige Gedanken und stürmische Leidenschaften wogten und wühlten – bitterer Verdruß über das Mißlingen seines gewinnverheißenden Planes, tödlicher Haß gegen das Mädchen, das hinterlistig mit Fremden zu verkehren gewagt hatte, gänzliches Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn zu verraten, Ingrimm darüber, sich an Sikes nicht rächen zu können, Furcht vor Entdeckung, Verurteilung und Tod, die wildeste, durch das alles entzündete Wut und neue Pläne der Arglist und schwärzesten Bosheit. Er saß da, ohne auch nur im mindesten seine Stellung zu verändern oder anscheinend die Zeit zu beachten, bis der Schall von Fußtritten auf der Straße bei seinem feinen Gehör seine Aufmerksamkeit zu erregen schien.

«Endlich,» murmelte er, über die trocknen, fieberheißen Lippen mit der Hand hinfahrend, «endlich!»

Die Glocke ertönte leise, er ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der bis an das Kinn vermummt war und ein Bündel unter dem Arme trug. Es war Sikes.

«Da», sagte der verwegene Raubgesell, das Bündel auf den Tisch werfend. «Mach draus, was du kannst. Es hat mir Mühe genug gekostet; ich meinte schon vor drei Stunden hier sein zu können.»

Fagin verschloß das Bündel, setzte sich wieder, blieb stumm, blickte jedoch nach Sikes scharf hinüber, und seine Lippen zitterten so heftig, und sein Gesicht war infolge der in ihm wühlenden Leidenschaften so verändert, daß der Dieb unwillkürlich sich zurücklehnte und ihn bestürzt ansah.

«Was gibt's?» fuhr er auf. «Zu allen Teufeln, was siehst du mich so an?»

Der Jude hob die rechte Hand empor und schüttelte den bebenden Zeigefinger; allein seine Bewegung war so heftig, daß er kein Wort hervorzubringen imstande war.

«Gott verdamm' mich!» rief Sikes, in seine Brusttasche greifend, aus. «Er ist verrückt geworden. Ich muß auf meiner Hut gegen ihn sein.»

«Nein, o nein», brachte Fagin endlich hervor. «Ihr – Ihr seid's nicht, Bill. Gegen Euch hab' ich nichts – gar nichts, Bill.»

«Hm, 's ist auch ein Glück für einen von uns – gleichviel für wen», sagte Sikes, ein Pistol absichtlich hervorziehend und in eine andere Tasche steckend.

«Ich hab' Euch zu sagen was, Bill,» fuhr der Jude näher rückend fort, «was Euch noch mehr wird erzürnen als mich.»

«So?!» entgegnete Sikes mit einer ungläubigen Miene. «Wenn's aber wahr ist, so tu's Maul auf und mach' g'schwind, oder Nancy wird glauben, daß ich verloren wär'.»

«Das hat sie schon ausgemacht bei sich selbst bestimmt genug!»

Sikes blickte ihn ungewiß an, streckte die mächtige Faust nach ihm aus, schüttelte ihn und forderte ihn barsch und polternd auf, sich deutlicher zu erklären.

«Denkt Euch,» sagte der Jude mit vor Wut fast erstickter Stimme, «der Bursch da schliche nachts hinaus auf die Straßen, knüpfte an Einverständnisse mit unsern schlimmsten Feinden, gäbe ihnen Beschreibungen von uns und unsern verborgensten Schlupfwinkeln, verriete unsere geheimsten Pläne und Taten, setzte auch hinzu noch viel Lügen – was dann, was dann?»

Sikes erklärte unter einer furchtbaren Verwünschung, er würde ihm in einem solchen Falle den Schädel unter den eisernen Nägeln seiner Stiefel zermalmen.

«Aber wie, wenn ich's täte!» schrie der Jude fast, «ich, der ich weiß so viel und so viele kann bringen an den Galgen.»

«Weiß nicht,» erwiderte Sikes, bei dem bloßen Gedanken die Zähne zusammenbeißend und erblassend. «Aber ich würd' im Kerker was tun, daß sie mich in Eisen schlagen müßten, und stellten sie mich mit dir vor Gericht, würd' ich dir vor den Richtern und allen den Kopf einschlagen. Ich würd' ne solche Kraft haben,» murmelte er, den sehnigen Arm auf und nieder schwingend, «daß ich ihn dir zu Brei schlagen könnte, als wenn ein belad'ner Frachtwagen drüberhingegangen wär'.»

«Würdet Ihr tun das wirklich?»

«Ob ich's wohl tun würd'! Stell mich auf die Probe.»

«Wenn's aber getan hätte Charley oder der Baldowerer oder Bet oder –»

«Ist mir gleichviel wer», unterbrach Sikes ungeduldig. «Ich würd' ihn bezahlen, möcht's sein, wer wollte.»

Fagin blickte ihn abermals scharf an, winkte ihm, zu schweigen, beugte sich über den Schläfer und schüttelte denselben, während Sikes verwundert und erwartungsvoll, die Hände auf die Knie stemmend, dasaß.

«Bolter, Bolter! Der arme Junge», sagte Fagin, mit einer Miene emporblickend, in welcher die Vorahnung einer teuflischen Freude sich ausdrückte. «Er wird müd' – müde davon, daß er hat müssen wach sein ihretwegen so lange – ihr hat nachschleichen müssen noch so spät, Bill.»

«Was willst du damit sagen?» fragte Sikes, sich zurücklehnend.

Der Jude antwortete nicht, setzte seine Bemühungen, Noah zu wecken, fort, und es war ihm endlich einigermaßen gelungen.

«Erzähl' noch einmal – daß der es hört auch», sagte er, nach Sikes hinzeigend.

«Was soll ich erzählen?» fragte Noah, noch halb im Schlafe.

«Das von – Nancy», antwortete der Jude, Sikes fest am Arme fassend, wie um ihn zu verhindern, fortzueilen, bevor er genug gehört hätte, und fragte darauf dem schlaftrunkenen Noah mit einer Wut, deren er nur mit Mühe Herr zu bleiben vermochte, alles ab, was der Lauscher erhorcht hatte.

«Und was sagte sie,» fragte er endlich mit wutschäumenden Lippen, «was sagte sie vom vorigen Sonntage?»

«Der Herr fragte sie, warum sie nicht am vorigen Sonntage gekommen wäre,» antwortete Noah, in welchem eine Ahnung davon auftauchte, wer Sikes sein möchte; «und sie sagte, weil sie gewaltsam zurückgehalten worden wäre von Bill, dem Manne, von dem sie ihnen schon gesagt hätte.»

«Was weiter von ihm?» rief der Jude. «Was sagte sie von ihm weiter? Sag' ihm das, sag' ihm das!»

«Es wäre nicht leicht für sie,» fuhr Noah fort, «aus dem Hause zu kommen, ohn' daß er wüßte, wohin sie ginge, und sie hätt' ihm daher, als sie das erstemal zu der Dame gekommen wäre, 'nen Schlaftrunk eingeben müssen – ha, ha, ha.»

«Höll' und Teufel!» schrie Sikes, von dem Juden sich losreißend. «Laß mich!»

Er stürzte wütend hinaus, Fagin rief und eilte ihm nach, würde ihn jedoch nicht zurückgehalten haben, wenn die Haustür nicht verschlossen gewesen wäre.

«Laß mich 'naus,» tobte er, «oder nimm dich in acht! Laß mich 'naus – hörst du?»

«Ein Wort, Bill – bloß ein einziges Wort», versetzte der Jude, die Hand auf das Türschloß legend und mit verstellter Besorglichkeit: «Ihr – Ihr wollt doch nicht tun etwas zu – zu Gewaltsames, Bill?»

Der Tag brach an, es war hell genug, als sie einander in das Gesicht schauten, um deutlich sehen zu können, und in ihren Augen blitzte ein Feuer, dessen Bedeutung nicht mißzuverstehen war.

«Ich meine», setzte Fagin hinzu, einsehend, daß Verstellung nicht mehr möglich war, «nichts Gewaltsames, wodurch wir geraten könnten in Gefahr. Fein listig, Bill, und seid nicht zu verwegen.»

Er hatte unterdes aufgeschlossen, Sikes antwortete nicht, riß die Tür auf, stürzte hinaus und eilte, ohne rechts oder links zu schauen, ohne eine Gesichtsmuskel zu bewegen oder ein zorniges Wort zu murmeln, mit verbissenen Zähnen und trotzig-blutdürstiger Entschlossenheit nach seiner Wohnung. Er ging mit leisen Schritten hinauf, öffnete und verschloß die Tür seines Zimmers, stellte einen schweren Tisch gegen sie und schob den Bettvorhang zurück.

Und da lag Nancy, halb angekleidet. Sie schreckte aus dem Schlaf empor.

«Steh auf», sagte er.

«Bist du es?» rief sie ihm, erfreut über seine Rückkehr, entgegen.

«Ja. Steh auf!»

Es brannte ein Licht – er schleuderte es unter den Kaminrost. Sie stand auf und ging nach dem Fenster, um den Vorhang aufzuziehen.

«Laß das», herrschte er ihr zu. «'s ist hell genug für das, was wir zu tun haben.»

«Bill,» sagte sie bestürzt, «was seht Ihr mich so an?»

Er heftete eine kurze Weile schnaubend und mit wogender Brust die Blicke auf sie, packte sie darauf beim Kopfe und der Kehle, zog sie in die Mitte des Gemachs, warf einen einzigen Blick nach der Tür und legte seine schwere Hand auf ihren Mund.

«Bill, Bill!» keuchte sie, in Todesangst unter seinem Griff sich sträubend, «ich will nicht schreien – nicht weinen – hört mich – sprecht doch nur – sagt mir, was ich getan habe.»

«Weißt es selbst, du Satan in Dirnengestalt. Bist belauert gewesen gestern abend; ich weiß jedes Wort, was du gesagt hast.»

«Oh, um der Liebe des Himmels willen,» rief sie, sich fest an ihn anklammernd, «dann schont mein Leben, wie ich Eures geschont habe. Bill, bester Bill, Ihr könnt mich ja nicht morden wollen. Bedenkt, was ich gestern abend um Euretwillen aufgegeben habe. Ihr sollt Zeit haben, es zu bedenken, Euch dies Verbrechen zu ersparen – ich lasse Euch nicht los, nimmermehr! Bill, Bill, um Gottes Barmherzigkeit, um Euret- und um meinetwillen, besinnt Euch, eh' Ihr mein Blut vergießt. Bei meiner sündigen Seele, ich bin Euch treu gewesen!»

Er suchte sich gewaltsam von ihr loszumachen, allein vergebens, sie hielt mit der Kraft der Verzweiflung fest.

«Bill,» rief sie und bemühte sich, den Kopf auf seine Brust zu legen, «der Herr und die liebe Dame boten mir einen Zufluchtsort außer Landes an. Laßt mich noch einmal zu ihnen, daß ich sie auf den Knien anflehe, Euch dieselbe Liebe und Güte zu erweisen, und dann laßt uns aus dieser Höhle entfliehen und weit von hier ein besseres Leben anfangen und unser voriges Leben, ausgenommen im Gebet, vergessen und uns nie wiedersehen. Es ist zur Reue niemals zu spät. Sie sagten es mir – ich fühle es jetzt – aber wir müssen Zeit – ein wenig, ein wenig Zeit haben!»

Er befreite einen seiner Arme und ergriff seine Pistole; doch so wütend er war, der Gedanke, daß sogleich alles entdeckt werden würde, wenn er Feuer gäbe, flog ihm durch den Sinn, und er schlug sie daher mit aller Kraft, die er zu sammeln vermochte, zweimal auf das zu ihm emporgehobene, das seinige fast berührende Gesicht.

Sie wankte und stürzte, fast erblindet von dem aus einer tiefen Wunde in ihrer Stirn hervorströmenden Blute, zu Boden, richtete sich jedoch mühsam wieder auf die Knie, zog ein weißes Tuch – das ihr von Rose geschenkte – aus dem Busen und hielt es in den gefalteten Händen so hoch, als es ihre schwachen Kräfte erlaubten, zum Himmel empor und flehte um Erbarmen zu ihrem Schöpfer.

Sie war gräßlich anzuschauen. Der Mörder wankte zurück nach der Wand, hielt die Hand vor die Augen, um sie nicht zu sehen, ergriff einen schweren Knotenstock und schlug sie nieder.

Sikes' Flucht.

In der ganzen großen Hauptstadt war an diesem Morgen sicher keine so greuliche, ruchlose Tat geschehen. Die Sonne – die helle Sonne, die nicht bloß Licht, sondern neues Leben, Hoffnung und rüstige Frische den Menschen zurückbringt – ging strahlend auf über der menschenerfüllten Stadt und ergoß ihren Glanz durch kostbar bemalte Scheiben wie durch papierverklebte Fenster und hinein in den himmelanstrebenden Dom wie in die schlechteste, niedrigste Hütte. Sie erhellte auch das Gemach, in welchem die ermordete Nancy lag. Sikes bemühte sich, dem Eindringen ihres Lichtes zu wehren, jedoch vergeblich, und hatte das Mädchen beim ungewissen Dämmerscheine des Morgens einen fürchterlichen Anblick dargeboten, so war ihre blutige Gestalt bei voller Tageshelle noch zehnmal unheimlicher und schauerlicher anzuschauen.

Sikes war aus Furcht nicht von der Stelle gewichen. Er hatte ein leises Ächzen der jammervoll Daliegenden vernommen, ein Zucken ihrer Hand gewahrt und aber- und abermals geschlagen, denn Schrecken und Angst waren bei ihm zu der Erbitterung des Hasses hinzugekommen. Er warf eine Decke über sie; doch es war noch fürchterlicher, im Geiste ihre Augen zu schauen, nach ihm sich wenden und dann emporstarren zu sehen, als wenn sie des Himmels Rache herabriefen. Er entfernte die Decke wieder, und da lag der schreckliche Leichnam, aus dessen Wunden das Blut noch langsam hervorquoll.

Er zündete Feuer an und steckte den Knotenstock hinein, an welchem Haare der Ermordeten klebten, die er, trotz seiner Eisenfestigkeit, mit Zagen von den Flammen ergreifen sah, und ließ ihn darin, bis er zerbrach und zu Asche verbrannte. Er wusch sich und rieb seine Kleider ab. Sie hatten Flecke, die nicht ausgehen wollten, und er schnitt die Stücke heraus und verbrannte sie. Das ganze Gemach war blutbefleckt – sogar die Füße des Hundes waren blutig.

Er hatte während dieser ganzen Zeit nicht nach der Leiche zurückgesehen, nicht ein einziges Mal, und ging, den Hund mit sich fortziehend, ohne hinzublicken nach der Tür, verschloß sie und verließ das Haus. – Er schritt quer über die Straße und schaute nach dem Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen wäre. Das Fenster war durch den Vorhang verhüllt, den sie aufziehen wollte, um dem Lichte freien Zugang zu verschaffen, das sie aber nie wiedersehen sollte. Ihre Leiche lag ganz in der Nähe – er wußte es – und wie hell die Sonne das Fenster erleuchtete!

Es war ihm jedoch Erleichterung, das Zimmer verlassen zu haben; er pfiff dem Hunde und entfernte sich eiligen Schrittes. Er ging durch Islington und über Highgate-Hill, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, hatte endlich Hampstead hinter sich gelassen, befand sich im Freien, legte sich hinter eine Hecke, schlief ein, erwachte jedoch bald wieder und irrte von neuem umher, bald eilend, bald zögernd, rastlos selbst, wenn er bisweilen rastete. In Hendon gedachte er irgendwo einzukehren, allein sogar die Kinder vor den Türen schienen ihn argwöhnisch anzublicken, der Mut fehlte ihm, einen Trunk oder einen Bissen Brot zu fordern, und er suchte das Freie wieder auf, obwohl ihn die vielstündige Wanderung, die ihn immer und immer wieder auf denselben Fleck zurückführte, fast gänzlich erschöpft hatte.

Um neun Uhr abends wagte er sich endlich in ein kleines Gasthaus in Hatfield hinein. Im Schenkstübchen am Feuer saßen einige ländliche Arbeiter. Sie machten Platz für den unbekannten Gast, allein er setzte sich in den fernsten Winkel und aß und trank allein, seinem ermüdeten Hund von Zeit zu Zeit ein Stück zuwerfend. Die Arbeiter unterhielten sich von ganz gewöhnlichen Dingen, und er schlummerte schon ein, als lärmend ein Mann eintrat, der halb Hausierer, halb Marktschreier zu sein schien und sogleich anfing, seine Waren ruhmrederisch und unter mannigfachen Scherzen, wie sie zu dem Orte sich schicken mochten, anzupreisen.

«Diese Kügelchen hier», sagte er in Erwiderung auf eine Frage eines der Arbeiter, «sind ein untrügliches und unfehlbares Mittel, aus allerlei Art Zeug alle Arten von Flecken auszutilgen. Hat eine Dame ihre Ehre befleckt, so braucht sie nur ein solches Kügelchen zu genießen. Will ein Herr seine Ehre beweisen, kann er's ebensogut mit 'nem solchen Kügelchen tun als mit 'ner Pistolenkugel und noch besser, denn der Geschmack ist viel schlechter. Wer kauft? Das Stück 'nen Penny – oder auch zwei Halbpence oder vier Heller – mir ist's ganz gleich. Sie gehen so reißend ab, daß sie nur selten zu haben sind; vierzehn Wassermühlen, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind unaufhörlich in Arbeit und können nicht schnell genug fabrizieren, um die Käufer zu befriedigen, obgleich die angestellten Arbeiter sich totarbeiten und die Witwen mit zwanzig Pfund jährlich für jedes Kind pensioniert werden und mit 'ner Prämie für Zwillinge. Alle Flecke gehn davon aus, Fettflecke, Wein- und Farbe- und Wasser- und Blutflecke. Schauen Sie hier! Da ist ein Fleck auf dem Hute 'nes Gentleman, den ich 'runterbringen werde, eh' er mir 'nen Krug Ale bringen lassen kann.»

«Wollt Ihr wohl meinen Hut liegen lassen!» rief Sikes emporschreckend.

«Sir,» fuhr der Hausierer, den Arbeitern zublinzelnd, fort, «ich werde den Fleck 'runter haben, eh' Sie zu mir herkommen können. Gentlemen, Sie bemerken den dunkeln Fleck auf dem Hute des Gentleman, nicht größer als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Gleichviel, ob's ein Fettfleck ist, oder ein Wein-, ein Farbe-, ein Wasser- oder ein Blutfleck –»

Er kam nicht weiter, denn Sikes stieß mit einer schrecklichen Verwünschung den Tisch um, entriß ihm den Hut, schritt wütend aus dem Hause hinaus und wandte sich in derselben Verwirrung und Unentschlossenheit, die ihn, ihm selber zum Trotze, den ganzen Tag nicht hatte verlassen wollen, wieder nach der Stadt zurück. Vor dem Posthause stand eine Londoner Diligence, und sorgfältig den Schein ihrer Laternen meidend, näherte er sich ahnungsvoll, um zu horchen.

Er hatte eine Zeitlang dagestanden, als ein Wildwärter zu dem Kondukteur trat, der am Fenster des Bureaus auf seine Abfertigung wartete, und ihn fragte, ob es nichts Neues gäbe.

«Das Korn ist ein bissel gestiegen», lautete die Antwort. «Auch hörte ich von 'ner Mordtat, begangen in der Gegend von Spitalsfield – doch wer weiß? Es wird entsetzlich gelogen.»

«Es ist vollkommen wahr», nahm ein Reisender das Wort. «Es ist eine höchst schauderhafte Mordtat gewesen.»

«Ist sie denn an einem Manne oder an einer Frau begangen, Sir?»

«An einem Mädchen, und man sagte –»

Hier wurde der Kutscher ungeduldig und rief dem Kondukteur zu, daß er sich beeilen möchte.

«Komme schon,» rief der Kondukteur heraustretend zurück, «wie auch die reiche junge Dame schon kommt, die sich in mich verlieben wird, ich weiß nur nicht, wann.»

Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.

Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.

Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung, so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte sie ihm auch – nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung gewesen sein würde – sondern wie eine Leiche, begabt nur mit mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden Lufthauche.

Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um, gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen – jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie, in deutlichen Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend, vor ihm stand. Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten, aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine mit blutgeschriebener Inschrift.

Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.

Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die Nacht darbot. Vor der Türe desselben standen drei hohe Pappelbäume, die das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder – um neuen Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern und starr wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.

Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis achtend, und langte atemlos an.

Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war, und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen, in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke, und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der Mordtat zu sprechen. «Er ist nach Birmingham gegangen,» sagte einer von ihnen, «aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im ganzen Lande sein. ‚Wo ist der Mörder?‘»

Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht, seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten Entschluß, nach London zurückzukehren.

«Kann doch wenigstens dort mit jemand sprechen,» dachte er, «und hab' ein gutes Versteck. Sie suchen mich da am letzten. Ich halte mich 'ne Woche still, zwinge Fagin, zu blechen und schiffe 'nüber nach Frankreich. Gott verdamm mich, ich wag's!»

Sein Plan war, nach Dunkelwerden auf Schleichwegen Fagins Wohnung zu erreichen. Aber der mit ihm vermißte Hund konnte seine Entdeckung und Verhaftung veranlassen. Er beschloß, ihn zu ersäufen, hob einen schweren Stein auf und knüpfte denselben in sein Taschentuch. Ein Gewässer war in der Nähe, er lockte den Hund, allein lange mit vergeblicher Mühe; die Blicke seines brutalen Herrn mochten den Instinkt des Tieres noch verschärft haben. Sikes schmeichelte und drohte, der Hund kroch endlich zu ihm heran, sprang aber, als er sich plötzlich gefaßt fühlte, zurück, lief davon, und Sikes mußte seine Wanderung allein fortsetzen.

Die endlich stattfindende Unterredung zwischen Monks und Mr. Brownlow.

Es wurde dunkel, als Mr. Brownlow mit zwei Männern aus einem Mietswagen stieg, der vor seinem Hause hielt; die letzteren halfen einem dritten Manne heraus und drängten ihn rasch durch die geöffnete Tür hinein. Der Mann war Monks.

Brownlow ging ihnen schweigend in ein hinteres Zimmer voran. Vor der Tür desselben stand Monks widerstrebend still, und die beiden handfesten Männer sahen Brownlow fragend an.

«Entweder oder», sagte Brownlow. «Die Folgen des einen wie des andern sind ihm bekannt. Weigert er sich, hineinzugehen, so führt ihn aus dem Hause, ruft die Polizei zu Hilfe und klagt ihn in meinem Namen als Kapitalverbrecher an.»

«Wie können Sie sich unterstehen, mich so zu nennen?» fuhr Monks auf.

«Wie können Sie es wagen, mich zu einer Anklage gegen Sie zu drängen, junger Mensch?» entgegnete Brownlow, ihn sehr bestimmt anblickend. «Werden Sie unsinnig genug sein, mein Haus zu verlassen? Laßt ihn los! So, Sir. Sie können jetzt gehen – und wir können Ihnen nachfolgen. Aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, sobald Sie den Fuß vor die Tür setzen, sind Sie auch schon wegen Betruges und Raubes verhaftet. Ich bin fest entschlossen. Sind Sie es auch – nun wohl! – aber Ihr Blut kommt auf Ihr eigenes Haupt.»

«Aus wessen Macht bin ich auf offener Straße aufgegriffen und von diesen Schuften hierher gebracht worden?»

«Ich verantworte, was die Leute getan haben. Beklagen Sie sich über Freiheitsberaubung – es stand in Ihrer Gewalt, ihr auf dem Wege hierher ein Ende zu machen; Sie erachteten es aber selbst für rätlich, sich ruhig zu verhalten. Wollen Sie die Gesetze anrufen – tun Sie's; allein ich werde es gleichfalls tun und Ihnen keine Milde mehr zeigen, mich nicht bemühen, Sie zu retten, wenn die Sachen erst einmal vor den Richter gekommen sind.»

Monks war offenbar unentschlossen geworden.

«Entschließen Sie sich rasch», fuhr Brownlow mit ruhiger Festigkeit fort. «Wollen Sie, daß ich Anklagen gegen Sie vorbringe, deren Ausgang ich schaudernd vorhersehe, so wissen Sie, was Sie zu tun haben; wünschen Sie Nachsicht und Vergebung von mir und den von Ihnen schwer Gekränkten, so treten Sie hinein und nehmen Sie, ohne ein Wort zu sagen, dort auf jenem Stuhle Platz, der schon zwei Tage auf Sie gewartet hat.»

Monks zögerte noch einige Augenblicke, ging indes endlich hinein und setzte sich. Brownlow befahl den beiden Männern, die Tür zu verriegeln und wieder zur Stelle zu sein, wenn er klingelte.

«Eine saubere Behandlung, die ich von dem ältesten Freunde meines Vaters erfahre», sagte Monks, Hut und Mantel ablegend.

«Gerade weil ich Ihres Vaters ältester Freund bin, junger Mann,» erwiderte Brownlow, «weil einst die Hoffnungen und Wünsche meiner glücklichen Jugendzeit an ihn sich anknüpften und an ein holdes Wesen von seinem Blute, das in seinen jungen Jahren zu Gott zurückkehrte und mich einsam und allein hier zurückließ; – weil er, noch ein Knabe, mit mir an seiner einzigen Schwester Sterbebette kniete, an dem Morgen kniete, der sie, wenn es der Himmel nicht anders gewollt hätte, zu meinem Weibe gemacht haben würde: – weil mein wundes Herz von der Zeit an bis zu seinem Tode bei all seinen Prüfungen und Irrtümern an ihm hing; – weil alle teure Erinnerungen an ihn mein Herz erfüllen und selbst durch Ihren Anblick erneuert werden; – das alles ist es, weshalb ich Sie jetzt nachsichtig behandle – ja, Eduard Leeford, sogar jetzt – Sie, der Sie erröten müssen, dieses Namens so unwürdig zu sein.»

«Was hat der mit der Sache zu schaffen?» fragte Monks, der verstockt und stumm-verwundert die Bewegung des alten Herrn gewahrt hatte. «Was gibt mir der Name?»

«Freilich gilt er Ihnen nichts», versetzte Brownlow. «Er war aber der Ihrige, und noch glüht und erhebt mir altem Manne in so weiter Zeitenferne das Herz wie sonst, wenn ich ihn nur von fremden Lippen nennen höre. Ich bin sehr, sehr erfreut, daß Sie ihn mit einem anderen vertauscht haben.»

«Das klingt alles gar prächtig», sagte Monks nach einem langen Stillschweigen, während dessen er sich trotzig hin und her gewiegt und Brownlow, die Augen mit der Hand bedeckend, dagesessen hatte. «Aber was wollen Sie von mir?»

«Sie haben einen Bruder, dessen Name, in Ihr Ohr geflüstert, als ich auf der Straße hinter Ihnen ging, fast allein schon genügte, Sie zu veranlassen, erstaunt und erschreckt mich hierher zu begleiten.»

«Ich habe keinen Bruder. Sie wissen, daß ich das einzige Kind war, wissen es ebensogut wie ich selbst.»

«Hören Sie, was ich weiß, und Sie werden schon anders reden, schon aufmerken auf das, was ich Ihnen sage. Ich weiß allerdings, daß Sie der einzige und höchst unnatürliche Sprößling aus der unseligen Verbindung waren, zu welcher elender Familienstolz Ihren unglücklichen Vater fast noch als Knaben nötigte.»

«Es gilt mir gleich, wie harte Ausdrücke Sie wählen mögen», unterbrach ihn Monks mit einem höhnischen Lachen. «Sie sind mit der Sache bekannt, und das ist mir genug.»

«Mir sind aber auch das Elend und die langen Qualen bekannt,» fuhr Brownlow fort, «welche der unpassenden Verbindung folgten. Ich weiß, unter welcher Pein das unglückliche Paar seine Kette durch die ihm vergällte Welt nachschleppte; weiß, daß auf förmliche Gleichgültigkeit Beleidigungen, Widerwille, Haß und Abscheu folgten, bis sie sich endlich trennten, um fern voneinander zu leben und in anderen Kreisen die lange Quälerei zu vergessen. Und Ihre Mutter vergaß sie bald, Ihren Vater aber drückte sie noch jahrelang zu Boden.»

«Was weiter, als sie sich voneinander getrennt hatten?»

«Die zehn Jahre ältere Gattin vergaß unter Zerstreuungen auf dem Festlande den jugendlichen Gatten, der daheim sein geknicktes Leben vertrauerte, bis er eine Verbindung mit neuen Freunden anknüpfte – und zum wenigsten dieser Umstand ist zu Ihrer Kenntnis gelangt.»

«Nein», sagte Monks, die Blicke wegwendend und auf den Boden stampfend, wie jemand, der alles abzuleugnen entschlossen ist. «Nein!»

«Ihr Benehmen und Ihre Handlungen überzeugen mich, daß Sie ihn nie vergessen, nie aufgehört haben, mit Bitterkeit daran zurückzudenken. Ich rede von der Zeit vor fünfzehn Jahren, wo Sie erst elf Jahre alt waren, und Ihr Vater nur einunddreißig zählte, – denn, wie gesagt, er war fast noch ein Knabe, als ihn sein Vater zu heiraten zwang. Muß ich Dinge erwähnen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Erzeugers werfen, oder wollen Sie es mir ersparen und mir die Wahrheit enthüllen?»

«Ich habe nichts zu enthüllen!» erwiderte Monks in offenbarer Verwirrung. «Reden Sie weiter, wenn Sie es nicht lassen können.»

«Nun wohl», sagte Brownlow. «Die neuen Freunde waren zunächst ein Flottenoffizier, der sich aus dem aktiven Dienste zurückgezogen, und dessen Frau vor einem halben Jahre gestorben war. Sie hatten mehrere Kinder gehabt, von denen nur zwei die Mutter überlebten, beide Töchter, die eine schön und neunzehn, die andere ein Kind, zwei bis drei Jahre alt.»

«Was geht das mich an?» fragte Monks.

«Sie wohnten», fuhr Brownlow, anscheinend ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, «in einer Grafschaft, in welche Ihren Vater seine Streifereien geführt, und wo auch er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Bekanntschaft, vertraulicher Umgang und Freundschaft folgten schnell aufeinander. Ihr Vater war begabt, wie es wenige Männer sind – er hatte seiner Schwester Züge und Seele. In dem Maße, wie der alte Offizier ihn kennen lernte, begann er, ihn wahrhaft zu lieben. Daß es dabei geblieben wäre! Doch seine Tochter tat dasselbe.»

Der alte Herr hielt inne, sprach aber bald weiter, da er sah, daß sich Monks in die Lippen biß und die Blicke an den Boden heftete.

«Sie war am Schlusse des Jahres mit Ihrem Vater verlobt, feierlich verlobt, Ihr Vater der Gegenstand der ersten, treuinnigen, glühenden, einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.»

«Ihre Erzählung wird lang», bemerkte Monks, unruhig hin und her rückend.

«Sie ist eine wahre und traurige,» versetzte Brownlow, «und Geschichten dieser Art pflegen lang zu sein; wenn sie von ungetrübtem Glücke handelte, so wäre sie ohne Zweifel sehr kurz. – Endlich starb einer der reichen Verwandten, dessen Einfluß zu verstärken Ihr Vater von Ihrem Großvater geopfert worden war, und hinterließ ihm seine Panazee für alles Wehe – Geld. Er mußte nach Rom eilen, wo der Erblasser gestorben war und seine Angelegenheiten in großer Verwirrung hinterlassen hatte, erkrankte selbst am Tage nach seiner Ankunft und starb nach einiger Zeit, ohne für eine letztwillige Verfügung Sorge getragen zu haben, so daß sein ganzes Vermögen Ihrer Mutter und Ihnen zufiel, die mit Ihnen nach Rom eilte, sobald sie in Paris die Kunde seines Todes erhalten.»

Monks hielt hier den Atem an und hörte Brownlow in großer Spannung zu, obgleich er die Blicke nicht nach ihm hinwandte. Als Brownlow schwieg, veränderte er seine Stellung, wie wenn er sich plötzlich erleichtert fühlte, und fuhr mit dem Tuch über sein glühendes Antlitz. Brownlow sprach langsam und die Blicke fest auf ihn heftend, weiter: «Bevor er außer Landes ging und als er London berührte, kam er zu mir.»

«Davon habe ich nie gehört», unterbrach Monks in einem Tone, der Unglauben ausdrücken sollte, doch mehr auf eine unangenehme Überraschung hindeutete.

«Er kam zu mir und ließ unter anderen Gegenständen ein von ihm selbst gemaltes Bild des unglücklichen Mädchens, seiner Verlobten, zurück, das er in anderen Händen nicht zu lassen wünschte, auf seiner eiligen Reise aber nicht wohl mitnehmen konnte. Er war fast zu einem Schatten zusammengeschwunden, sprach verstört von begangenem Ehrenraube und Verderben, das er angerichtet, und kündigte mir an, daß er entschlossen wäre, sein ganzes Vermögen, ob auch mit großem Verluste, in bares Geld umzuwandeln, Ihrer Mutter und Ihnen einen Teil seiner neu zu erwerbenden Erbschaft auszusetzen, und das Land zu verlassen – ich wußte nur zu wohl, daß er nicht allein gehen würde –, um es nie wiederzusehen. Mehr bekannte er sogar mir, seinem alten Jugendfreunde, nicht, dessen starke Zuneigung in der Erde wurzelte, die sie bedeckte, die beiden so teuer gewesen war. Er versprach mir, zu schreiben und mir alles zu sagen, und mich dann noch ein – das letztemal hienieden, wiederzusehen. Ach, es war schon das letztemal. Ich bekam keinen Brief und sah ihn nicht wieder. Als ich vernahm, daß er tot war, begab ich mich nach dem Schauplatz seiner – wie die Welt es nennen würde – sündlichen Liebe, um, wenn ich meine Befürchtungen wahr geworden fände, dem verirrten Mädchen ein mitleidiges Herz und eine Zuflucht anzubieten. Allein die Familie hatte vor einer kurzen Zeit die Angelegenheiten geordnet und war bei Nacht abgereist, niemand wußte wohin.»

Monks atmete freier und blickte mit einem triumphierenden Lächeln umher. Brownlow rückte seinen Stuhl näher zu ihm und sagte: «Als Ihr Bruder – ein verlorener, schwacher, in Lumpen gehüllter Knabe – nicht durch Zufall, sondern durch eine höhere Fügung in meinen Weg geworfen und von mir gerettet wurde –»

«Wie?!» rief Monks in heftiger Spannung aus.

«Von mir», wiederholte Brownlow. «Ich sagte es Ihnen, daß Sie schon aufmerken würden auf das, was ich Ihnen zu sagen gedächte. Ja, von mir – ich sehe, Ihr schlauer Verbündeter hat Ihnen meinen Namen verschwiegen, obwohl er nicht annehmen konnte, daß Ihnen derselbe bekannt wäre. Während sich Ihr Bruder als Kranker und Wiedergenesener in meinem Hause befand, erkannte ich zu meinem lebhaften Erstaunen seine große Ähnlichkeit mit dem erwähnten Bilde. Schon im ersten Augenblicke, als ich ihn sah, erinnerten mich seine Züge an einen alten Freund, nur daß mir alles unbestimmt blieb, wie wenn ich mir Traumbilder vergeblich deutlich und klar vor die Seele zurückzurufen suchte. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er mir entführt wurde, ehe ich seine Geschichte kennen lernte –»

«Warum nicht?» fragte Monks hastig.

«Sie wissen es sehr gut.»

«Ich?»

«Sie leugnen vergeblich und sollen bald sehen, daß ich noch mehr weiß.»

«Sie – Sie können nichts gegen mich beweisen», stotterte Monks. «Tun Sie's, wenn Sie's imstande sind.»

«Wir werden sehen», sagte der alte Herr mit einem durchdringenden Blicke. «Der Knabe wurde mir entführt, und meine Bemühungen, ihn wieder aufzufinden, waren vergeblich. Da Ihre Mutter tot war, so konnten Sie allein, wenn irgend jemand, das Geheimnis enthüllen, und da Sie, wie ich gehört hatte, auf Ihrer Pflanzung in Westindien sich aufhielten – wohin Sie nach Ihrer Mutter Tode gegangen waren, um den Folgen Ihres ruchlosen Lebenswandels hier in England zu entgehen –, so reiste ich Ihnen nach. Sie hatten sich unterdes wieder entfernt, und man glaubte, daß Sie sich in London befänden, doch vermochte niemand genauere Nachweisungen zu geben. Ich kehrte zurück. Ihren Geschäftsführern war Ihr Wohnort vollkommen unbekannt; sie sagten, daß Sie ebenso geheimnisvoll kämen und gingen, wie Sie es immer getan hätten, bisweilen wochen- und monatelang nicht erschienen und aller Wahrscheinlichkeit nach mit den schandbaren Menschen sich umhertrieben, denen Sie sich zugesellt, seit Sie ein trotziger, unlenksamer Knabe waren. Ich hörte nicht auf, sie zu befragen, in Tätigkeit zu erhalten. Ich durchwanderte die Straßen bei Nacht wie bei Tage, allein meine Mühe war bis vor zwei Stunden fruchtlos, wo ich Ihrer endlich zum ersten Male ansichtig wurde.»

«Und da Sie mich nun aufgefunden haben,» nahm Monks, sich dreist erhebend, das Wort, «was mehr? Betrug und Raub sind volltönende Worte – und gerechtfertigt, wie Ihnen scheint, durch die eingebildete Ähnlichkeit eines kleinen Landstreichers mit der Pinselei eines längst Verstorbenen. Allein Sie wissen nicht einmal, ob aus der Verbindung des letzteren mit dem erwähnten Mädchen ein Kind entsproß – wissen das nicht einmal!»

«Ich weiß es wirklich erst seit vierzehn Tagen», erwiderte Brownlow, gleichfalls aufstehend. «Sie haben einen Bruder, wissen es und kennen ihn. Es war ein Testament vorhanden, das Ihre Mutter vernichtete, die Ihnen bei ihrem Tode das Geheimnis und den sündigen Gewinn hinterließ. Das Testament nahm Bezug auf ein Kind, das Ihrem Vater noch geboren werden möchte; es wurde geboren, Sie trafen mit ihm zusammen, und seine Ähnlichkeit mit Ihrem Vater erweckte böse Ahnungen in Ihnen. Sie suchten seinen Geburtsort auf, wo Beweise, lange unterdrückte Beweise seiner Geburt und Herkunft vorhanden waren. Sie vernichteten sie, und, wie Sie Ihrem jüdischen Schand- und Schuldgenossen sagten, sie liegen jetzt auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie seiner Mutter nahm, fault in ihrem Sarge. Unwürdiger Sohn, Lügner, Feigling, der du nachts mit Räubern und Mördern in finsteren Gemächern verkehrst, – der du durch schändliche List an dem kläglichen Tode einer Unglücklichen schuld bist, deren Wert Millionen von deinesgleichen aufwog, – der du von deiner Wiege an dem Herzen deines Vaters nur Bitterkeit und Galle warst, – du, in dessen angefaultem Innern die schlechtesten Leidenschaften so lange eiterten, bis sie einen Ausbruch in der scheußlichen Krankheit fanden, die dein Antlitz zu einem Spiegel deiner teuflischen Seele gemacht hat, – Eduard Leeford, setzt du mir auch jetzt noch Trotz entgegen?»

«Nein, nein, nein!» stöhnte der durch so gehäufte Beschuldigungen überwältigte Feigling.

«Jedes Wort,» rief Brownlow aus, «jedes Wort, das zwischen dir und dem über alles schändlichen Bösewicht gewechselt worden, ist mir bekannt. Schatten an der Wand haben dein Geflüster vernommen und meinem Ohr zugeführt; der Anblick des unschuldigen, verfolgten Kindes hat selbst das Laster ergriffen und ihm den Mut und fast die Wesenheit der Tugend verliehen. Ein Mord ist begangen, an welchem du mindestens moralisch teilgenommen hast!»

«Nein, nein», unterbrach Monks. «Ich – ich weiß nichts davon. Ich ging eben, um zu erfahren, was Wahres an der Sache wäre, als Sie mich mit sich fortführten. Die Veranlassung der Tat war mir unbekannt – ich glaubte, sie wäre nur durch einen gewöhnlichen Streit gegeben worden.»

«Sie war keine andere als die teilweise Enthüllung Ihrer Geheimnisse», sagte Brownlow. «Wollen Sie dieselben jetzt ganz offenbaren?»

«Ja, ich will's!»

«Alles vor Zeugen wiederholen und eine wahrhafte Aufzeichnung durch Ihre Namensunterschrift beglaubigen?»

«Auch das verspreche ich.»

«Ruhig in meiner Wohnung verweilen, bis es geschehen ist, und sich mit mir an den Ort begeben, den ich für den geeignetsten halte, dem Dokumente die vollkommenste Gültigkeit zu verschaffen?»

«Wenn Sie darauf bestehen, will ich auch das tun.»

«Sie müssen noch mehr tun, dem guten, unschuldigen Kinde Ersatz leisten. Sie haben die Verfügungen Ihres väterlichen Testaments nicht vergessen. Bringen Sie dieselben, soweit sie Ihren Bruder betreffen, zur Ausführung und gehen Sie dann, wohin es Ihnen beliebt. Sie dürfen einander in dieser Welt nicht mehr begegnen.»

Während Monks auf und ab ging und der Aufforderung Brownlows und listigen Ausflüchten, zwischen Furcht und Haß schwankend, nachsann, wurde plötzlich die Tür aufgeschlossen und geöffnet, und herein trat in heftiger Aufregung Mr. Losberne.

«Er wird ergriffen, wird heute abend ergriffen werden!» rief er.

«Der Mörder?» fragte Brownlow.

«Ja, ja. Sein Hund hat die Polizei auf die Spur geführt. Sein Schlupfwinkel ist von allen Seiten umstellt, und die Behörden haben hundert Pfund ausgesetzt.»

«Ich lege noch fünfzig zu und will es auf der Stelle mit meinen eigenen Lippen verkünden. Wo ist Maylie?»

«Harry – er warf sich, sobald er Sie mit dem jungen Menschen im Mietswagen sah, zu Pferde und sprengte fort, um sich den Verfolgern des Mörders anzuschließen.»

«Hörten Sie nichts von dem Juden?»

«Er wird in diesem Augenblick bereits festgenommen sein.»

«Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?» fragte Brownlow Monks leise.

«Ja. Sie – Sie werden mich nicht ausliefern?»

«Nein. Aber Sie bleiben hier, bis ich zurückkehre. Ihre Sicherheit hängt einzig davon ab.»

Brownlow und Losberne entfernten sich, und die Tür wurde wieder verschlossen.

«Was haben Sie ausgerichtet?» fragte Losberne flüsternd.

«Soviel ich hoffen konnte und mehr. Veranstalten Sie auf übermorgen abend die Zusammenkunft. Wir werden ein paar Stunden früher da sein, aber Ruhe bedürfen, besonders die junge Dame, die vielleicht größerer Festigkeit benötigt sein möchte, als Sie und ich jetzt voraussehen können. Doch mir kocht das Blut in den Adern, das arme ermordete Geschöpf zu rächen. Wohin muß ich meine Schritte richten?»

«Eilen Sie nur zuvörderst nach dem Polizeiamte; ich will hierbleiben.»

Die Herren nahmen hastigen Abschied voneinander, beide in einem unbezähmbaren Fieber von Aufregung.


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