50. Kapitel.

Verfolgung und Entkommen.

Unweit der Stelle des Themseufers, wo die Kirche von Rotherhithe steht und die Gebäude am erbärmlichsten und die Fahrzeuge auf dem Strome am schwärzesten aussehen vom Kohlenstaube und dem Rauche der eng aneinander gebauten niedrigen Häuser, befindet sich heutigestags die schmutzigste, widerwärtigste und unheimlichste der vielen in London versteckten und der großen Mehrzahl der Bewohner der Hauptstadt selbst dem Namen nach unbekannten Örtlichkeiten.

Um zu ihr zu gelangen, muß man sich durch ein Labyrinth von kotigen und engen Straßen hindurchwinden, die von den rohesten und ärmsten Uferbewohnern erfüllt und ihrem Verkehre gewidmet sind. In den Läden schaut man die wohlfeilsten und uneinladendsten Nahrungsmittel, an den Fenstern und Türen der Altkleiderhändler die verschiedenartigsten Lumpen. Man arbeitet und stößt sich mühsam weiter durch das Gedränge unbeschäftigter Menschen der niedrigsten Klasse, Last- und Kohlenträger, frecher Weiber, zerlumpter Kinder, des recht eigentlichen Themseabschaums, indem ekelhafte Gegenstände und Düfte in allen Richtungen das Auge und den Geruchsinn beleidigen und das Ohr durch verwirrtes Geräusch aller Art betäubt wird. Gelangt man endlich in die noch entlegneren, minder besuchten Winkelgassen, so scheinen wankende Häuser zu beiden Seiten mit augenscheinlichem Einsturze zu drohen, und man sieht, wohin man blickt, halb eingefallene Schornsteine, erblindete oder zerschlagene Fenster und was nur sonst an Armut und Vernachlässigung erinnern mag.

In einer solchen Umgebung, jenseits Dockhead im Borough Southwark, befindet sich die Jakobsinsel, umgeben von einem Sumpfgraben von sechs bis acht Fuß Tiefe und fünfzehn bis zwanzig Fuß Breite zur Flutzeit, vormals der Mühlgraben genannt, jetzt bekannt unter dem Namen Folly Ditch. Sie ist eine Art Strombucht und kann bei hohem Wasser durch Öffnung der Schleusen bei den Leadmühlen, von welchen sie ihre alte Benennung hat, ganz unter Wasser gesetzt werden. Steht man, wenn dies geschieht, auf einer der hölzernen Brücken, die bei der Mühlengasse über sie hinüberführen, so kann man sehen, wie die Bewohner der Häuser zu beiden Seiten an den Hintertüren und Fenstern Eimer und Küchengerät aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen, und erblickt hölzerne Galerien, welche ein halbes Dutzend Hinterhäuser verbinden, mit Löchern, aus denen sich auf die Lache hinunterschauen läßt; verklebte und verstopfte Fenster, aus welchen Stangen hervorstehen zum Trocknen von Wäsche, die nicht vorhanden ist; die denkbar engsten, dumpfigsten, finstersten Gemächer; halbversunkene, mißfarbige Wände und zahllose ähnliche Anzeichen des Verfalls und Elends.

Die Warenhäuser der Jakobsinsel stehen leer und haben weder Dächer noch Fenster noch Türen. Dem lebhaften Verkehre, der hier vor einigen Jahrzehnten stattfand, ist Verödung gefolgt. Die Häuser haben keine Eigentümer, stehen unbewohnt oder werden erbrochen und bewohnt von Leuten, die den Mut dazu und sonst keine Wohnstätte haben, bei welchen entweder starke Beweggründe obwalten, in tiefer Verborgenheit zu leben, oder die sich in der allerbedürftigsten und jammervollsten Lage befinden.

In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das etwas abgesondert stand, in anderen Beziehungen zu den verfallensten gehörte, aber stark befestigte Türen und Fenster hatte, von welchen die hinteren auf das beschriebene sumpfige Gewässer hinausgingen, saßen drei Männer in tiefem düsteren Stillschweigen, einander von Zeit zu Zeit Blicke der Bangigkeit und angstvollen Erwartung zuwerfend. Es waren Toby Crackit, Tom Chitling und ein Raubgeselle von etwa fünfzig Jahren, dem einst die Nase fast plattgeschlagen worden, und dessen Gesicht eine grauenvolle Narbe hatte, ohne Zweifel gleichfalls infolge einer Schlägerei. Er war ein zurückgekehrter Deportierter und hieß Kags.

«Ich wollte,» nahm endlich Toby, zu Chitling sich wendend, das Wort, «daß Ihr Euch ein anderes Bayes ausgesucht hättet, als Euch die beiden alten zu warm wurden, und nicht hierher gekommen wäret.»

«Freilich», stimmte Kags bei; «warum tat'st das nicht, Dummkopf?»

«Ich glaubte, Ihr würdet etwas vergnügter gewesen sein, mich zu sehen», antwortete Chitling mit trübseliger Miene.

«Ja seht, junger Herr,» sagte Toby, «wenn sich einer so exklusiv hält, wie ich's getan habe, und somit in 'nem gemütlichen Hause sitzt, da niemand reinguckt und das niemand umschnüffelt, so ist's ein verfluchtes Ding, die Ehre 'nes Besuchs von 'nem jungen Gentleman in Eurer Lage zu haben, so respektabel und angenehm es sonst sein mag, nach Umständen Karten mit ihm zu spielen.»

«Besonders,» fügte Kags hinzu, «wenn der exklusive junge Gentleman 'nen Freund bei sich hat, der aus fremden Ländern eher zurückgekehrt ist, als er erwartet wurde, und zu viel Bescheidenheit besitzt, um zu wünschen, nach seiner Heimkehr den Richtern vorgestellt zu werden.»

Toby Crackit schwieg eine Zeitlang und fragte darauf Chitling, doch nicht mehr in seinem leichtfertig renommistischen Tone, wann Fagin ergriffen worden wäre.

«Heute nachmittag um zwei Uhr», erwiderte Tom. «Charley und ich entkamen durch den Waschhausschornstein, und Bolter plumpste mit dem Kopfe zuerst in 'ne leere Wassertonne hinein; aber seine langen Beine standen heraus, und er wurde auch gefaßt.»

«Und Bet?»

«Sie ging, um die Leiche anzusehen, und fing an zu toben und zu rasen bei dem Anblicke und wollte sich den Kopf einrennen. Sie legten ihr drum 'ne Zwangsjacke an und brachten sie ins Tollhaus, wo sie noch ist.»

«Was ist denn aus dem Bates geworden?» fragte Kags.

«Er wird hier sein, sobald es dunkel geworden ist, und treibt sich solange herum, wo er kann. Die aus 'n Krüppel sitzen alle, und die ganze Schenkstube ist voll von Polizei; ich hab's mit meinen eigenen Augen gesehen.»

«Da wird noch manch einer mit hineinverwickelt werden», bemerkte Toby, sich auf die Lippen beißend.

«'s ist Schwurgerichtssaison,» sagte Kags, «und wenn Bolter gegen Fagin aussagt, was er ohne Zweifel tun wird, so baumelt der Jude bei Gott nach sechs Tagen.»

«Ihr hättet nur die Leute toben hören sollen», fuhr Chitling fort. «Hätten die Schuker nicht wie Teufel gefochten, so wär ihnen Fagin vom Volk entrissen. Er sah aus wie durch Kot und Blut gezogen, denn einmal war er schon niedergeschlagen und hing sich an die Schuker, als wenn sie seine teuersten Freunde gewesen wären. Sie mußten ihn in die Mitte nehmen, und der andrängende wütende Haufen war wie 'ne Herde reißender, nach seinem Blute lechzender Wölfe und lärmte wie besessen, und die Weiber schrien, daß sie ihm das Herz aus'm Leibe reißen wollten.»

Alle drei saßen einige Minuten entsetzt und schweigend da, als plötzlich auf der Treppe ein Geräusch ertönte und unmittelbar darauf Sikes' Hund hereinsprang. Sie liefen an das Fenster; er mußte durch irgendeine Öffnung hereingekommen sein; sein Herr war jedoch nicht zu sehen.

«Was ist dies?» sagte Toby, nachdem sie vom Fenster zurückgetreten waren. «Ich will doch hoffen, daß er nicht hierher kommt?»

«Wenn er das gewollt hätte, würd' er mit dem Hunde gekommen sein, der gerade so aussieht, als wenn er weit hergelaufen wäre», meinte Kags.

«Aber woher kann er gekommen sein?» fuhr Toby fort. «Hm! er hat Fremde in den andern Häusern gefunden, und hier ist er schon öfter gewesen. Aber warum kommt er ohne ihn?»

«Er» (keiner nannte den Mörder bei seinem Namen), «er ist sicher übers Wasser,» sagte Kags, «und er hat den Hund zurückgelassen, der sonst nicht so ruhig daliegen würde.»

Als es dunkel geworden war, verschlossen sie den Fensterladen und zündeten Licht an. Die schrecklichen Ereignisse der beiden letzten Tage hatten sie mit Furcht und Entsetzen erfüllt. Sie schreckten bei jedem Laute zusammen und flüsterten nur von Zeit zu Zeit ein paar Worte, als wenn das Gespenst der Ermordeten im Hause umginge. Plötzlich wurde laut an die Haustür geklopft. Crackit sah aus dem Fenster und erblaßte. Sie berieten, und das Ergebnis war, daß er eingelassen werden müsse. Crackit ging und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der mehr wie des Mörders fürchterlicher Geist als wie Sikes selber aussah, mit seinen erdfahlen, eingefallenen Wangen, erloschenen, tiefliegenden Augen und langgewachsenem Barte. Er wollte sich auf einen Stuhl am Tische niederlassen, schauderte aber und schob den Stuhl dicht an die Wand.

Kein Wort war noch gesprochen worden. Seine Blicke schweiften von dem einen zum andern. Ward ein Auge aufgeschlagen und begegnete dem seinigen, so wurde es augenblicklich wieder gesenkt. Als er endlich das Stillschweigen brach, schreckten alle drei bei dem nie vernommenen hohlen Tone seiner Stimme zusammen.

«Wie kam der Hund hier ins Haus?» fragte er.

«Allein. Vor drei Stunden.»

«Es heißt, daß Fagin eingezogen wäre. Ist's wahr oder gelogen?»

«Vollkommen wahr.»

Es trat ein abermaliges Schweigen ein.

«Geht alle zur Hölle!» hub Sikes endlich, mit der Hand über die Stirn fahrend, wieder an. «Habt ihr mir nichts zu sagen?»

Es erfolgte eine unruhige Bewegung unter ihnen, aber niemand sprach.

«Ihr, der Ihr hier Herr im Hause spielt,» fuhr Sikes zu Crackit gewandt, fort, «denkt Ihr mich zu verkaufen oder mich hier unterducken zu lassen, bis die Hetze vorbei ist?»

«Ihr könnt bleiben, wenn Ihr Euch hier für sicher haltet», antwortete Toby zögernd.

Sikes blickte oder machte vielmehr nur den Versuch, hinter sich an der Wand hinaufzublicken, und sagte: «Ist – ist sie – ist die Leiche schon beigesetzt?»

Das Kleeblatt schüttelte die Köpfe.

«Warum nicht?» fuhr er, ebenso hinter sich blickend, fort. «Warum lassen sie ein so häßliches Ding über der Erde? – Wer klopft da?»

Toby erwiderte, es wäre nichts zu fürchten, ging hinaus und trat mit Charley Bates wieder herein. Sikes saß der Tür gegenüber, so daß die Blicke des Knaben sogleich auf seine Gestalt fielen.

«Toby,» sagte Charley, «warum habt Ihr mir das unten nicht gesagt?»

Sikes sah die drei zusammenschrecken und hielt dem Knaben die Hand zutunlich schmeichelnd entgegen, denn es bemächtigte sich seiner ein unnennbares Entsetzen.

«Laß mich in ein anderes Zimmer gehen», sagte Charley, sich zurückziehend.

«Charley», sagte Sikes, aufstehend und ein paar Schritte vortretend: «wie – kennst du mich nicht?»

«Kommt mir nicht näher!» rief der Knabe, noch weiter zurückweichend und schaudernd dem Mörder in das Angesicht blickend. «Ihr Ungeheuer – Ihr Unmensch!»

Sikes stand auf halbem Wege still, und beide blickten einander an; aber dann senkte der Mörder allmählich die Augen zu Boden.

«Ich nehm' euch drei zu Zeugen,» rief der Knabe, die geballte Faust schüttelnd und im Fortreden einen immer heftigeren Ton annehmend, «ich nehm' euch drei zu Zeugen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte, und wird er hier gesucht, so zeig' ich ihn selbst an. Ich sag's euch rund heraus, er kann mich totschlagen, wenn's ihm beliebt, oder wenn er's wagt, aber bin ich hier, so zeig' ich ihn selbst an, würd' ihn anzeigen, und wenn er lebendig geröstet werden sollte. Hilfe! Mörder! Wenn ihr nicht alle drei elende Memmen seid, so steht ihr mir bei. Hilfe! Mörder! Nieder mit ihm!»

Er warf sich bei diesen Worten allein auf den riesenstarken Mann, und zwar so wütend und plötzlich, daß beide zu Boden stürzten. Die drei Zuschauer waren wie betäubt, machten nicht einmal Miene, sich in das Mittel zu legen, und der Knabe und der Mann wälzten sich um und um, indem jener der auf ihn herabregnenden Streiche nicht achtete, die Kleider des Mörders immer fester vor der Brust desselben faßte, und nicht aufhörte, aus aller Macht nach Hilfe zu rufen.

Der Kampf war jedoch zu ungleich, um lange währen zu können. Sikes hatte seinen Gegner unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf die Kehle, als ihn Crackit mit bestürzter Miene emporriß und nach dem Fenster hinwies. Es schimmerten Lichter auf der Straße unten, eifrige Stimmen ertönten, von der nächsten Brücke her wurde der unaufhörliche Schall von Fußtritten vernommen, wie wenn eine zahllose Menschenmenge herüberkäme, unter welcher sich ein Berittener zu befinden schien, denn man hörte deutlich das Geräusch von Rossehufen auf dem unebenen Steinpflaster. Es wurde immer heller, der Nahenden Anzahl immer größer, und endlich wurde laut an die Haustür geklopft, während ein heiseres Gemurmel unzähliger zorniger Stimmen auch wohl den Beherztesten mit Beben erfüllte.

«Hilfe, zu Hilfe!» schrie der Knabe im durchdringendsten Tone. «Hier ist er, hier ist er! Brecht die Tür auf!»

«In des Königs Namen!» wurde draußen gerufen und wiederum erhob sich, nur lauter, das zornige Gemurmel.

«Schlagt die Tür ein!» schrie Charley. «Sie öffnen sie nimmermehr. Schlagt die Tür ein und dann herauf, wo das Licht ist!»

Ein lautes Hussa ertönte, und es war, als wenn mit hundert und abermals hundert Knütteln und Stangen gegen die Fensterläden gehämmert würde.

«Macht mir das Loch da auf, daß ich diesen verfluchten kleinen schreienden Galgenstrick einschließen kann», rief Sikes wütend, schleuderte den Knaben in ein Gemach hinein, das Toby öffnete, und verschloß es. «Ist die Tür unten gut verwahrt?»

«Verschlossen und doppelt und dreifach verriegelt», erwiderte Crackit, der gleich den andern beiden kaum einen deutlichen Gedanken fassen zu können schien.

«Wie ist's mit den Wänden und Fenstern?» fragte Sikes weiter.

«Verwahrt wie ein Gefängnis.»

Jetzt öffnete Sikes das Fenster und rief trotzig hinunter: «Seid alle verdammt! Macht eure Sachen, so gut ihr könnt, ihr bekommt mich doch nicht!»

Erschütterndes Geschrei der wütenden Menge erfüllte die Luft. Einige riefen, man möge das Haus anzünden, andere, die Polizeidiener möchten den Mörder totschießen, und niemand zeigte eine solche unsinnige Wut wie der Reiter, der aus dem Sattel sprang, sich durch die Menge hindurchdrängte, als wenn er nur Wasser teilte, und dicht vor dem Hause mit einer den gräßlichen Lärm übertönenden Stimme rief: «Zwanzig Guineen, wer eine Leiter bringt.»

Und nunmehr riefen Hunderte nach Leitern und Schmiedehämmern, andere rannten mit Fackeln hin und her, und noch andere stießen Flüche und Verwünschungen aus, drängten wie rasend gegen die Tür oder versuchten an dem Hause emporzuklimmen.

«Es war Flutzeit, als ich kam», rief Sikes, das Fenster wieder verschließend. «Gebt mir 'nen Strick. Sie sind alle vorn. Ich kann mich hinten in den Graben 'nunterlassen und entkommen. 'nen Strick – hurtig – oder ich tue noch drei Mordtaten und mache mir dann selber den Garaus.»

Die drei von dem Schrecken Gelähmten wiesen nach einem Winkel hin, in welchem Stricke lagen. Sikes wählte hastig den stärksten und längsten aus, eilte hinauf und bestieg das Dach.

Der eingesperrte Knabe hatte unterdes nicht aufgehört zu schreien und zu rufen, man möchte das Haus von allen Seiten bewachen. Als der Mörder daher aus der Dachluke herausstieg, wurde er sogleich bemerkt, da Hunderte bereits Wege gesucht hatten, um nach dem Hinterhause zu gelangen. Die Ebbe war eingetreten, und er sah, daß der Graben nur mit Schlamm gefüllt war. Die Fenster und Dächer aller Hinterhäuser umher waren bereits lebendig, und von oben und unten und allen Seiten ertönte Triumphgeschrei, daß er nicht entrinnen könne.

«Nun haben sie ihn, hurra!» schrie ein Mann auf der nächsten, unter der Menschenwucht sich beugenden Brücke, und ein tausendfaches Hurra hallte durch die Luft wider.

«Ich gelobe demjenigen fünfzig Pfund,» rief ein alter, gleichfalls auf der Brücke stehender Herr, «der ihn lebendig greift. Ich will hierbleiben und zahle die Summe auf der Stelle.»

Ein abermaliges allgemeines Geschrei ertönte, in das sich der Ruf mischte, die Tür sei endlich erbrochen; der Menschenstrom flutete nun wieder zu dieser zurück, denn jeder wollte den Mörder von den Polizeibeamten herausbringen sehen. Es entstand das furchtbarste Gedränge, und das Dach wurde für den Augenblick weniger beachtet.

Der Mörder, der, bereits verzweifelnd, unschlüssig dagesessen hatte, faßte jetzt wieder Hoffnung und beschloß, den letzten Rettungsversuch zu wagen und sich auf die Gefahr, im Schlamme zu ersticken, in den Graben hinabzulassen, um womöglich mit Hilfe der Dunkelheit und Verwirrung zu entfliehen. Die Hoffnung gab ihm neue Kraft, der sich ihm nähernde Lärm im Hause stachelte ihn noch mehr an, er sprang auf, erreichte in zwei Augenblicken den Schornstein, befestigte das eine Ende seines Strickes an demselben und hatte im Nu an dem andern eine starke Laufschlinge geknüpft. Er konnte sich mit dem Stricke fast bis auf Manneslänge hinunterlassen und nahm sein Messer zur Hand, um ihn zur rechten Zeit abzuschneiden und sich in den Graben zu werfen.

In demselben Augenblicke, als er die Schlinge über den Kopf warf, um sie unter den Armen zu befestigen, und indem der erwähnte alte Herr laut rief, der Mörder sei im Begriff, sich hinunterzulassen, blickte er hinter sich, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus. «Die Augen – da sind sie wieder!» rief er mit hohler Grabesstimme, wankte, wie von einem Blitzstrahle getroffen, verlor das Gleichgewicht und taumelte vom Dache herunter, die Schlinge war an seinem Halse, und seine Schwere bewirkte, daß sie straff wie eine Bogenschnur und schnell wie ein Pfeil hinauflief. Er fiel fünfunddreißig Fuß – ein plötzlicher Ruck – ein krampfhaftes Gliederzucken – und da hing er mit dem offenen Messer in der zusammengepreßten, steif werdenden Hand.

Der alte Schornstein bebte von der Erschütterung, hielt sie jedoch aus. Der entseelte Mörder schwebte hin und wieder; Charley, dem er die Aussicht versperrte, stieß ihn zur Seite und rief, daß man seiner Gefangenschaft ein Ende machen möchte; der Hund lief mit schrecklichem Geheul auf dem Dache hin und her und sprang endlich hinunter auf die Schulter des Erhängten, vermochte sich aber nicht festzuhalten, stürzte und lag gleichfalls darauf tot da, denn er war mit dem Kopfe gegen einen spitzen Stein gefallen.

Enthüllung mehr als eines Geheimnisses und ein Heiratsantrag ohne Erwähnung eines Leibgedinges oder Nadelgeldes.

Zwei Tage nach den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen befanden sich Mrs. Maylie und Rose, Oliver und der gute Doktor, Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin und noch jemand auf der Reise nach Olivers Geburtsstadt. Oliver vermochte nur schwer seine Gedanken zu sammeln, und den übrigen erging es keineswegs besser. Brownlow hatte ihn und die beiden Damen mit den Monks abgepreßten Aussagen genau bekannt gemacht; und obwohl sie wußten, daß der Zweck ihrer Reise in der Vollendung des so glücklich angefangenen Werkes bestand, so war doch die ganze Sache noch in ein so beträchtliches Dunkel gehüllt, daß die größte Spannung sie folterte, obgleich Brownlow und Losberne die Schreckensauftritte der letzten Tage für jetzt noch verborgen vor ihnen gehalten hatten; und so setzten sie denn ihre Reise schweigend miteinander fort.

Sie gelangten währenddessen auf die Straße, auf welcher Oliver einst entflohen war, und mit Lebhaftigkeit erneuerte sich ihm die Erinnerung an jene Leidenszeit. «Sehen Sie, da, da!» rief er in der höchsten Erregtheit, Roses Hand ergreifend und aus dem Wagenfenster hinauszeigend. «Das ist der Steg, über den ich hinübersprang, und das ist die Hecke, hinter welcher ich fortschlich, und das ist der Fußpfad, der nach dem Hause führt, wo ich mich als kleines Kind aufhielt. O Dick, mein lieber Dick, wenn ich dich doch jetzt auch sehen könnte!»

«Du wirst ihn bald sehen», sagte Rose; «sollst ihm sagen, wie glücklich du geworden bist und wie dich nichts so sehr freute, als daß du gekommen seiest, um ihn an deinem Glücke teilnehmen zu lassen.»

«Ja, ja! Und wir wollen ihn mit uns fortnehmen, ihn kleiden, und er muß an einen guten Ort, wo er stark und gesund werden kann – nicht wahr?»

Rose nickte bejahend, denn der Knabe lächelte durch so selige Tränen, daß sie keines Wortes mächtig war.

«Sie werden freundlich und liebevoll zu ihm sein,» fuhr Oliver fort, «denn Sie sind es gegen jedermann. Ich weiß es, Sie werden weinen müssen, wenn Sie hören, was er Ihnen wird erzählen können, aber auch wieder lächeln, wie Sie es bei mir taten, als ich so ganz anders geworden war. Er sagte, als ich fortlief: ‚Geh mit Gott, Gottes Segen begleite dich!‘ oh, und ich will nun sagen: ‚Gottes Segen sei mit dir‘, und ihm zeigen, wie lieb ich ihn dafür habe!»

Als sie endlich durch die engen Straßen der Stadt fuhren, war Oliver wie außer sich. Da war des Leichenbestatters Haus, nur weit kleiner und lange nicht so stattlich, wie es ihm vormals erschienen war, und alle wohlbekannten Gebäude und Läden und Gamfields Karren wie sonst vor dem Gasthause, und das Armenhaus, das traurige Gefängnis seiner Kinderzeit, mit den düsteren Fenstern, und am Tore stand derselbe hagere Pförtner. Oliver schreckte unwillkürlich zurück, lachte über sich selbst, so töricht zu sein, und weinte und lachte aber- und abermals. So viele Gesichter an den Türen und Fenstern erkannte er wieder; es war ihm, als wenn er die Stadt erst gestern verlassen hätte und als wenn seine letzte Zeit nur ein glücklicher Traum gewesen wäre.

Allein sie und die Gegenwart waren Wirklichkeit. Die Reisenden fuhren vor dem ersten Gasthause vor, das Oliver einst wie einen Palast angestaunt hatte, und Mr. Grimwig empfing sie dienstbeflissen, küßte die alte und junge Dame und war lauter Lächeln und Freundlichkeit, als wenn er aller Großvater wäre und nicht von fern daran dächte, seinen Kopf aufzuessen, nicht einmal, als er einem sehr alten Postillon widersprach und es besser zu wissen behauptete, welcher Weg der nächste nach London wäre, obwohl er denselben nur ein einziges Mal gekommen, und obendrein im Schlafe. Die Zimmer und das Mittagessen standen bereit, und alles war wie durch Zauber geordnet.

Man kleidete sich um, kam wieder zusammen, und dieselbe Stille und Zurückhaltung begann wieder zu herrschen. Brownlow erschien nicht beim Mittagessen; die beiden andern Herren liefen mit wichtigen Mienen aus und ein und flüsterten miteinander, wenn sie im Zimmer waren. Endlich wurde auch Mrs. Maylie hinausgerufen und kehrte erst nach einer Stunde mit rotgeweinten Augen zurück. Dieses alles versetzte Rose und Oliver, die in die neuesten Geheimnisse nicht eingeweiht waren, in große Unbehaglichkeit und Unruhe. Sie saßen stumm da, und wenn sie bisweilen ein paar Worte sprachen, so geschah es flüsternd, als ob sie den Laut ihrer eigenen Stimmen fürchteten.

Es war neun Uhr geworden, und sie fingen an zu glauben, daß sie vor morgen nichts mehr hören würden, als die Herren Losberne, Grimwig und Brownlow mit einem Manne hereintraten, bei dessen Erblicken Oliver im Begriff war laut aufzuschreien. Sie sagten ihm, es wäre sein Bruder, und es war derselbe, den er in dem Städtchen mit Fagin am Fenster seines kleinen Zimmers gesehen hatte. Monks oder Charles Leeford setzte sich unweit der Tür und konnte sich auch jetzt nicht enthalten, dem erstaunten Knaben einen Blick giftigen Grolls zuzuwerfen. Brownlow trat mit Papieren in der Hand an den Tisch, in dessen Nähe Rose und Oliver saßen.

«Diese in London vor mehreren Herren unterzeichneten Erklärungen», hub er an, «müssen im wesentlichen hier wiederholt werden, so peinlich es allen Beteiligten auch sein mag. Ich hätte Ihnen die Demütigung gern erspart, allein es ist notwendig, daß wir Ihre Aussage aus Ihrem eigenen Munde hören, und Sie wissen, warum.»

«Fahren Sie fort», sagte Monks, sich abwendend. «Rasch. Ich habe genug getan. Halten Sie mich nicht auf!»

«Dieser Knabe», sprach Brownlow weiter, die Hand auf Olivers Kopf legend, «ist Ihr Halbbruder, der Sohn Ihres Vaters, meines teuren Freundes Edwin Leeford, von der jungen Agnes Fleming, der die Geburt des Kindes das Leben kostete.»

«Ja», sagte Monks, dem zitternden Knaben, dessen Herzschläge er fast zu hören meinte, fortwährend finster-grollende Blicke zuwerfend. «Er ist der Bastard.»

«Der Ausdruck, dessen Sie sich bedienen», entgegnete Brownlow im Tone strengen Tadels, «enthält einen Vorwurf gegen Verstorbene, die den kurzsichtigen Richtersprüchen dieser Welt längst entrückt sind, und beschimpft keinen Lebenden, Sie selbst ausgenommen. Doch genug davon. Der Knabe ist in dieser Stadt geboren?»

«Im Armenhause dieser Stadt. Sie haben es da aufgezeichnet.»

«Die hier Anwesenden müssen es auch hören.»

«So hören Sie. Als sein Vater in Rom erkrankt war, begab sich seine Frau, meine Mutter, zu ihm – soviel ich weiß, um sein Vermögen an sich zu nehmen, denn sie hatte keine Zuneigung zu ihm, wie er nicht zu ihr. Sie nahm mich mit. Er kannte uns nicht. Denn er lag schon ohne Bewußtsein und schlummerte bis zum folgenden Tage fort, an dem er starb. In seinem Schreibtische befand sich ein Päckchen Papiere, datiert vom ersten Tage seiner Krankheit und adressiert an Sie, Mr. Brownlow, mit der Bemerkung, daß es erst nach seinem Tode zu befördern sei. Das Päckchen enthielt ein Schreiben an Agnes Fleming und ein Testament. Das Schreiben war voll von reuigen Bekenntnissen seiner gegen sie angewandten Verführungskünste und Bitten zu Gott um Beistand für sie. Es fehlten zu der Zeit nur noch ein paar Monate bis zu ihrer Entbindung. Er sagte ihr, was er zu tun beabsichtigte, ihre Unehre zu verbergen, wenn er am Leben bliebe, und flehte sie an, falls er sterbe, seinem Andenken nicht zu fluchen, oder zu glauben, daß sein und ihr Vergehen an ihr und ihrem Kinde heimgesucht werden würde, denn die ganze Schuld wäre sein. Er erinnerte sie an den Tag, an welchem er ihr das kleine Schloß geschenkt und den Ring mit ihrem Taufnamen und einem offenen Raume für den Namen, den er gehofft auf sie übertragen zu können; bat sie, das Geschmeide, wie sonst, auf ihrem Herzen zu bewahren, und wiederholte dann das alles aber- und abermals, als wenn er von Sinnen gewesen wäre – was, wie ich glaube, auch wirklich der Fall gewesen ist.»

«Aber das Testament», fiel Brownlow ein, da Oliver schmerzliche Zähren über die Wangen hinabliefen, «war in demselben Sinne und Geiste abgefaßt. Er sprach darin von dem Elende, das ihm seine Frau bereitet, von der frühen Bosheit und Ruchlosigkeit seines einzigen in Haß gegen ihn erzogenen Sohnes und vermachte Ihnen und Ihrer Mutter Jahrgelder von je achthundert Pfund. Die Masse seines Vermögens teilte er in zwei gleiche Teile und bestimmte den einen für – Agnes Fleming, und den andern für sein und ihr Kind, wenn es lebendig geboren würde und die Jahre der Mündigkeit erreichte. Wenn es ein Mädchen wäre, so sollte ihm die Erbschaft bedingungslos zufallen; wäre es aber ein Knabe, so sollte sie an die Bedingung geknüpft sein, daß der Erbe bis zu den Jahren der Mündigkeit seinen Namen durch keinerlei öffentliches Vergehen befleckte. Ihr Vater traf diese Bestimmung, wie er sagte, um dadurch sein Vertrauen zu der Mutter und seine, durch den herannahenden Tod nur verstärkte Überzeugung darzulegen, daß ihr Kind ihre Tugenden, ihre edlen Gesinnungen erben würde. Wenn seine Voraussetzung nicht einträfe, sollte das Geld Ihnen zufallen; denn nur, wenn beide Kinder einander gleich wären, sollte Ihr früherer Anspruch auf sein Vermögen anerkannt sein, der Sie keine Ansprüche auf sein Herz, und ihm von der frühesten Kindheit an Kälte und Abneigung bewiesen hätten.»

«Meine Mutter», nahm Monks, und zwar mit lauterer Stimme, wieder das Wort, «tat, was einer Mutter zukam – sie verbrannte dieses Testament. – Das Schreiben gelangte nie an seine Adresse, sie bewahrte es aber nebst anderen Dokumenten auf, falls die Flemings den Versuch machen sollten, den Makel abzuleugnen. Agnes' Vater vernahm die Wahrheit über sie mit jeder Übertreibung und Vergrößerung, die ihr bitterer Haß – wofür ich sie jetzt liebe, hinzuzufügen vermochte. Sein verletztes Ehrgefühl bewog ihn, sich mit seinen Kindern nach einem entlegenen Orte in Wales zu begeben und, um desto gewisser selbst seinen Freunden verborgen zu bleiben, sogar seinen Namen zu verändern. Er wurde nicht lange darauf tot in seinem Bette gefunden. Die Tochter war einige Wochen zuvor heimlich entwichen. Er hatte selbst die Umgegend nach ihr durchstreift, war aber mit der Überzeugung zurückgekehrt, daß sie sich den Tod gegeben, und überlebte seinen Kummer nur wenige Stunden.»

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, bis Brownlow den Faden der Erzählung wieder aufnahm. «Nach Jahren,» sagte er, «erschien dieses jungen Mannes – Eduard Leefords – Mutter bei mir. Er hatte sie in seinem achtzehnten Jahre verlassen, sie ihrer Juwelen und ihres Geldes beraubt, hatte gespielt, vergeudet, gefälscht und war nach London gegangen, wo er sich dem schlechtesten Gesindel zugesellte. Sie litt an einer schmerzhaften und unheilbaren Krankheit und wünschte ihn vor ihrem Tode noch wiederzusehen. Es wurden die genauesten Nachforschungen angestellt, welche endlich Erfolg hatten. Er ging mit ihr nach Frankreich zurück.»

«Und sie starb dort,» fiel Monks ein, «nachdem sie lange auf dem Siechbette gelegen; kurz vor ihrem Tode vermachte sie mir diese Geheimnisse, samt ihrem unauslöschlichen und tödlichen Hasse gegen alle in diese Angelegenheit Verwickelten, was jedoch unnötig war, denn er lebte schon seit langer Zeit in mir. Sie wollte es nicht glauben, daß das Mädchen sich und dem Kinde den Tod gegeben, sondern hielt sich überzeugt, daß ein Knabe geboren und am Leben wäre. Ich schwur ihr, wenn je das Dasein eines solchen zu meiner Kunde gelangte, ihm nachzuspüren, ihm nimmer Ruhe zu lassen, ihn mit der bittersten, unversöhnlichsten Feindschaft zu verfolgen, allen Haß an ihm auszulassen, dessen mein Innerstes fähig war – ihn, den hochtrabenden Worten des beleidigenden Testaments zum Hohne, an den Galgen zu bringen. Sie hatte recht gehabt. Er kam mir endlich in den Weg; ich machte einen guten Anfang – und würde – ja, würde geendet haben, wie begonnen, wenn nicht eine schwatzmäulige Trulle meine Anschläge vereitelt hätte!»

Der Schändliche schlug sich mit der Hand vor die Stirn, murmelte in der Wut ohnmächtiger Bosheit Verwünschungen über sich selbst; Brownlow wandte sich unterdessen zu seinen entsetzten Freunden und sagte ihnen, daß der Jude, der Leefords alter Vertrauter und Helfershelfer gewesen wäre, eine große Belohnung von ihm für Olivers Umstrickung erhalten hätte. Es sei ausbedungen gewesen, daß er einen Teil der gezahlten Summe zurückerstatten solle, falls Oliver wieder frei würde, und ein Streit über diesen Punkt habe beide auf das Land geführt, welche Reise den Zweck gehabt, zu erkunden, ob der von Mrs. Maylie aufgenommene Knabe wirklich Oliver sei.

«Was haben Sie von dem Schlosse und Ringe zu sagen?» fragte Brownlow, Monks wieder anredend.

«Ich kaufte sie den Leuten ab, von welchen ich Ihnen gesagt habe. Sie hatten sie der Wärterin entwandt, die sie der Leiche abgenommen hatte», erwiderte Monks, ohne die Augen aufzuschlagen. «Sie wissen, was daraus geworden ist.»

Brownlow gab Grimwig einen Wink, dieser eilte voller Eifer hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem widerstrebenden Ehepaare aus dem Armenhause zurück.

«Trügen mich meine Augen, oder sehe ich den kleinen Oliver wirklich vor mir?» rief Mr. Bumble mit schlecht erkünsteltem Entzücken. «Ach, Oliver, wenn du wüßtest, wie bekümmert ich um dich gewesen bin!»

«Schweig, Dummkopf!» murmelte seine Ehehälfte.

«Frau, kann ich meinen Gefühlen wehren,» entgegnete er, «wenn ich, der ich ihn kirchspielmäßig erzogen habe, ihn sitzen sehe zwischen den allerangenehmsten Damen und Herren? Ich hatte den Knaben immer so lieb, als wenn er mein eigner – eigner Großvater gewesen wäre», sprudelte Mr. Bumble heraus, nachdem er mühsam dem passendsten Vergleich nachgesonnen hatte. «Master Oliver, mein guter Oliver, erinnerst du dich noch des lieben, braven Herrn mit der weißen Weste? Ach, er schied vorige Woche von der Erde in den Himmel, mit einem eichenen Sarge mit plattierten Griffen, Oliver.»

«Seien Sie so gut, Ihre Gefühle für sich zu behalten, Sir», fiel Grimwig bissig ein.

«Ich will mein möglichstes tun, Sir», erwiderte Bumble und wandte sich zu Brownlow: «Wie befinden Sie sich, Sir? Hoffentlich sehr wohl.»

Brownlow beachtete seine Frage nicht, trat dicht vor das Ehepaar, wies nach Monks und fragte seinerseits: «Kennen Sie den Mann?»

«Nein», antwortete Frau Bumble keck.

«Vielleicht kennen Sie ihn, Mr. Bumble?»

«Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen.»

«Ihm auch nichts verkauft?»

«Nein», sagte Frau Bumble.

«Hatten Sie nicht einmal ein goldenes Schloß und einen Ring?»

«Behüte. Sind wir denn bloß hier, um so läppische Fragen zu beantworten?»

Brownlow gab Grimwig abermals einen Wink, und abermals enteilte Grimwig mit ungemeinem Eifer und kehrte mit zwei alten, wankenden, gichtischen Frauen zurück.

«Sie verschlossen die Tür an dem Abend, da die alte Sally starb, konnten aber die Ritzen nicht verstopfen», sagte die eine, ihre welke Hand emporhebend, und die andere stimmte bei.

«Wir hörten,» fuhr die erste fort, «daß sie Ihnen sagen wollte, was sie getan hatte, und sahen, daß Sie ihr etwas in Papier aus der Hand nahmen, und am anderen Tage, daß Sie zum Pfandleiher gingen.»

«Ja,» fügte die zweite hinzu, «und wir spürten auch aus, daß in dem Papiere ein goldenes Schloß und ein Ring gewesen war.»

«Und wissen noch mehr», sprach die erste weiter. «Die alte Sally hat uns oft erzählt, die junge Frauensperson hätte ihr gesagt, daß sie gefühlt hätte, sie würde es nicht überleben, und wäre zur Zeit, da sie den Knaben geboren, auf dem Wege gewesen, um am Grabe des Vaters ihres Kindes zu sterben.»

«Wollen Sie den Pfandleiher sehen?» fragte Grimwig, mit der Hand auf dem Türgriffe.

«Nein», antwortete Frau Bumble. «Da er» – sie wies nach Monks – «so memmenhaft gewesen ist, zu bekennen, wie ich sehe, daß er es gewesen, und da Sie aus all den alten Hexen die rechten herausgespürt, so habe ich nichts mehr zu sagen. Ja, ich verkaufte die alten Scharteken; sie liegen, wo Sie sie nimmer wiederfinden werden, und was nun mehr?»

«Oh, nichts weiter,» sagte Brownlow, «als daß es jetzt unsere Sache ist, Sorge zu tragen, daß man Ihnen und Ihrem Manne kein Vertrauen als Beamten mehr schenkt. Sie können gehen.»

«Ich will doch hoffen,» nahm Bumble bestürzt das Wort, als Grimwig die beiden alten Frauen hinausführte, «daß mich dieser unglückliche kleine Umstand meines Kirchspieldienstes nicht berauben wird?»

«Das wird er allerdings,» erwiderte Brownlow, «und Sie können sehr froh sein, wenn Sie noch so davonkommen.»

Frau Bumble entfernte sich, und sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, erklärte ihr Eheherr, daß sie alles getan und sich davon nicht hätte zurückhalten lassen wollen.

«Das ist keine Entschuldigung», sagte Brownlow. «Sie waren gegenwärtig bei dem Verkaufe und sind vor dem Gesetze der noch schuldigere Teil, da Ihre Frau gemäß demselben unter Ihrer Leitung handelt.»

«Wenn das Gesetz so lautet,» sagte Bumble, seinen Hut pathetisch zusammendrückend, «so ist es ein Esel – ein Einfaltspinsel. Wenn es so kurzsichtig ist, so ist's ein bloßer Junggesell, und ich wünsche ihm das Allerärgste – nämlich, daß ihm die Augen durch Erfahrung geöffnet werden mögen – ja, durch Erfahrung!»

Er folgte nach diesen Worten seiner Ehehälfte mit verzweifelter Resignation, und Brownlow wandte sich zu Rose.

«Mein liebes Fräulein, reichen Sie mir Ihre Hand. Zittern Sie nicht; Sie können die wenigen Worte, welche wir noch zu sagen haben, ohne Furcht hören.»

«Ich weiß nicht, ob sie Bezug auf mich haben können,» sagte Rose, «aber wenn – wenn es der Fall ist, so lassen Sie sie mich ein andermal hören. Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu.»

«Sie sind stärker, als Sie glauben», wandte Brownlow ein; «ich weiß es. Kennen Sie diese junge Dame, Sir?»

Monks bejahte.

«Ich sah Sie nie», sagte Rose mit bebender Stimme.

«Ich habe Sie oft gesehen», versetzte Monks.

«Der unglücklichen Agnes' Vater hatte zwei Töchter», fiel Brownlow ein. «Was war das Schicksal der anderen – der jüngsten?»

«Als ihr Vater starb,» antwortete Monks, «an einem fremden Orte, unter angenommenem Namen, ohne das mindeste zu hinterlassen, was zur Auffindung ihrer Verwandten hätte führen können, nahmen arme Leute sie zu sich und erzogen sie. Der Haß spürt nicht selten auf, was der Liebe verborgen bleibt. Meine Mutter fand das Kind nach Jahresfrist. Die Leute waren arm und fingen an, ihrer aufopfernden Großmut müde zu werden. Zum wenigsten war es bei dem Manne der Fall. Meine Mutter ließ ihnen das Mädchen daher, gab ihnen ein unbedeutendes Geschenk an Geld und versprach mehr, was sie aber nie zu schicken gedachte. Die Armut und Unzufriedenheit der Leute verhießen, daß das Kind unglücklich genug werden würde, schienen meiner Mutter indes noch nicht ganz zu genügen. Sie erzählte ihnen daher die Geschichte der Schwester mit angemessenen Veränderungen und sagte ihnen, sie möchten auf das Kind sorgfältig achten, denn es stamme von bösem Blute her, wäre unehelich geboren und würde früher oder später auf üble Wege geraten. Die Umstände schienen das alles zu bestätigen, die Leute glaubten es und behandelten das Kind so hart, wie wir es nur wünschen konnten, bis der Zufall wollte, daß eine damals in Chester wohnende verwitwete Dame aus Mitleid es mit sich fortnahm. Es war, als wenn ein Höllenspuk uns genarrt hätte, denn trotz all unserer Anstrengungen blieb des alten Fleming Tochter bei der Dame und war glücklich; ich verlor sie vor ein paar Jahren aus den Augen und sah sie erst vor wenigen Monaten wieder.»

«Sehen Sie die junge Dame jetzt?»

«Ja – sie lehnt an Ihrem Arme.»

Rose war einer Ohnmacht nahe. Mrs. Maylie schloß sie in die Arme und rief aus: «Du bist und bleibst meine liebe Nichte – mein über alles teures Kind. Ich möchte dich um alle Schätze der Welt nicht verlieren.»

«Sie sind die einzige Freundin, die ich jemals hatte,» schluchzte Rose, «sind mir stets die liebreichste, beste Mutter gewesen. O wie soll ich dieses alles ertragen!»

«Du hast mehr erduldet und hast dich unter jeglichem Leid als das beste, herrlichste Mädchen gezeigt und von jeher alle froh und glücklich gemacht, die dich kannten. Aber schau hier, wer es ist, der sich sehnt, dich in die Arme zu schließen.»

«Oh, ich werde sie niemals Tante nennen», rief Oliver. «Meine Schwester, meine liebe Schwester. Es war etwas in meinem Herzen, das mich von Anfang an trieb, sie so innig zu lieben. O Rose, meine beste Rose!»

Mögen die Tränen, welche geweint, die abgebrochenen Worte, die in der Umarmung der beiden Waisen gewechselt wurden, geheiligt sein! Ein Vater, eine Schwester und Mutter waren in demselben Augenblick gewonnen und verloren; Freude und Schmerz gemischt in der Schale; doch war keine Zähre eine bittere, denn auch der Schmerz war so gemildert, und so süße, wonnige Gedanken gesellten sich ihm, daß er in eine hohe Freude verwandelt wurde und ganz seinen Stachel verlor.

Sie waren eine lange, lange Zeit allein. Endlich wurde leise geklopft, Oliver öffnete die Tür, schlich hinaus und Harry Maylie stand im Zimmer.

«Ich weiß alles», sagte er, neben der lieblichen Jungfrau Platz nehmend. «Teure Rose, ich weiß alles, – wußte es gestern schon – und komme, dich an ein Versprechen zu erinnern. Du gabst mir die Erlaubnis, jederzeit innerhalb eines Jahres auf den Gegenstand unserer letzten Unterredung zurückzukommen – nicht in dich zu dringen, deinen Entschluß zu ändern, dich ihn wiederholen zu hören, wenn du wolltest. Ich sollte dir zu Füßen legen dürfen, was ich besäße, nur ohne den Versuch zu machen, wenn du bei deinem Beschlusse beharrtest, ihm untreu zu werden.»

«Dieselben Gründe, welche mich damals bestimmten, bestimmen mich noch jetzt», erwiderte Rose mit Festigkeit. «In welchem Augenblicke könnte ich lebhafter empfinden, was ich der edlen Frau schuldig bin, die mich von einem leiden- und vielleicht schmachvollen Leben errettet hat? Ich habe einen Kampf zu kämpfen, bin aber stolz darauf, ihn zu bestehen; er ist ein schmerzlicher, aber mein Herz wird nicht erliegen.»

«Die Enthüllungen dieses Abends –»

«Lassen mich in bezug auf dich in derselben Lage.»

«Du verhärtest dein Herz gegen mich, Rose.»

«O Harry, Harry,» sagte Rose, in Tränen ausbrechend, «ich wollte, daß ich es könnte, um mir diese Pein zu ersparen.»

«Warum aber fügst du sie dir selber zu?» entgegnete Harry, ihre Hand ergreifend. «Denk doch an das, was du heute abend vernommen, Rose!»

«Ach, was habe ich vernommen! Daß mein Vater den ihm zugefügten Schimpf tief genug empfand, um sich in gänzliche Verborgenheit zurückzuziehen – o Harry, wir haben genug gesagt.»

«Noch nicht, noch nicht», rief er, die Aufstehende zurückhaltend. «Meine Hoffnungen, Wünsche, Entwürfe, Gefühle – alles in mir ist anders geworden, nur meine Liebe nicht. Ich biete dir jetzt keine Auszeichnung, keine glänzende Stellung mehr in einer verkehrten, trugvollen Welt, in welcher alles beschimpft, nur das wahrhaft Schandbare nicht; nein, nur einen stillen, bescheidenen häuslichen Herd, liebste Rose, mehr habe ich nicht zu bieten.»

«Was willst du damit sagen?» stammelte die junge Dame.

«Als ich das letztemal von dir schied, verließ ich dich mit dem festen Entschlusse, alle eingebildeten Schranken zwischen dir und mir niederzureißen – deine Welt zur meinigen zu machen, wenn die meinige nicht die deine sein könnte – und dem Geburtsstolze den Rücken zu wenden, damit er nicht hochmütig auf dich herabzuschauen vermöchte. Ich habe es getan. Die mich an sich zogen, entfernten sich von mir – die mich anlächelten, zeigen mir frostige Mienen. Wohl! es gibt lachende Gefilde und schattige Bäume in Englands schönster Grafschaft, dort neben einer Dorfkirche – der meinigen, Rose, steht ein ländliches Haus, auf das du mich stolzer machen kannst, als es alle die Hoffnungen und Aussichten vermögen, denen ich entsagt habe, entsagt haben würde, und wenn sie noch tausendmal lockender gewesen wären. Das ist jetzt mein Besitztum und mein Stand, meine Stellung in der Welt – und ich lege alles vor dir nieder.»

«'s ist 'ne Geduldsprobe, mit dem Abendessen auf Verliebte zu warten», sagte Grimwig, aus einem Schläfchen erwachend.

Die Wahrheit zu sagen, das Abendessen ließ ungebührlich lange auf sich warten, und weder Mrs. Maylie noch Harry oder Rose (die zugleich erschienen) wußten auch nur ein Wort zur Entschuldigung zu sagen.

«Ich dachte ernstlich daran, heute abend meinen Kopf aufzuessen,» sagte Grimwig, «denn ich fing an zu glauben, daß ich weiter nichts bekommen würde. Wenn Sie erlauben, so nehme ich mir die Freiheit, die angehende Braut zu küssen.»

Er verlor keine Zeit, seine Ankündigung bei dem errötenden Mädchen zur Ausführung zu bringen, und sein Beispiel ermunterte den Doktor und Brownlow zur Nachfolge. Einige wollen wissen, Harry Maylie hätte es selbst in einem anstoßenden dunkeln Zimmer gegeben, was jedoch von den besten Autoritäten für arge Verleumdung erklärt wird, da er jung und ein Geistlicher gewesen wäre.

«Mein lieber Oliver, wo bist du gewesen, und warum siehst du so traurig aus?» fragte Mrs. Maylie. «Wie – Tränen in diesem Augenblicke?»

Wir leben in einer Welt der Täuschungen. Wie oft sehen wir unsere liebsten – die am meisten uns ehrenden Hoffnungen vereitelt!

Der arme kleine Dick war tot.

Des Juden letzte Nacht.

Der Gerichtssaal war zum Ersticken gefüllt – kein Auge, das nicht auf den Juden geheftet gewesen wäre. Der Vorsitzende erteilte den Geschworenen die Rechtsbelehrung. Mit größter Spannung horchend stand Fagin da, die Hand am Ohre, um kein Wort zu verlieren. Bisweilen blickte er scharf nach den Geschworenen hinüber, die Wirkung auch nur des im kleinsten ihm günstigen Worts zu erlauschen – bisweilen angstvoll nach seinem Anwalt, wenn die Rede in erschütternder, furchtbarer Klarheit wider ihn zeugte. Sonst aber regte er weder Hand noch Fuß und verharrte noch in der Stellung des angstvoll Horchenden, nachdem der Richter seine Darlegung längst beendigt.

Ein leises Gemurmel rief ihn zum Bewußtsein zurück. Er hob die Augen empor und sah die Geschworenen miteinander beraten. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und man flüsterte schaudernd miteinander. Einige wenige schienen ihn nicht zu beachten. In ihren Mienen drückte sich unruhige Verwunderung aus, wie die Jury zögern könne, ihr Schuldig auszusprechen; allein in keinem Antlitze – sogar in keinem der zahlreich anwesenden Frauen – vermochte er auch nur das leiseste Anzeichen des Mitleids zu lesen. Alle schienen mit Begier seine Verurteilung zu fordern.

Abermals trat eine Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Vorsitzenden gewandt. Horch!

Sie baten nur um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

Er forschte, als sie einer hinter dem andern hinausgingen, in ihren Mienen, wohin wohl die Mehrzahl neigen möchte; allein vergeblich. Der Kerkermeister berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und ließ sich auf einen Stuhl nieder, den jener ihm wies, denn er würde ihn sonst nicht gesehen haben.

Er schaute abermals nach den Zuhörern. Einige aßen und andere wehten sich mit den Tüchern Kühlung zu. Ein junger Mann zeichnete sein Gesicht in eine Brieftasche. Fagin dachte, ob die Zeichnung wohl ähnlich werden möchte, und sah zu, als der Zeichner seinen Bleistift spitzte, wie es jeder unbeteiligte Zuschauer hätte tun können.

Er wandte sich nach dem Richter und begann sich innerlich mit dem Anzuge desselben zu beschäftigen – von welchem Schnitte er wäre und was er kosten dürfe. Auf der Richterbank hatte ein alter, beleibter Herr gesessen, der sich entfernt hatte und jetzt zurückkehrte, und Fagin überlegte, ob der Herr zu Mittag gespeist und wo er gesessen, und was dergleichen Gedanken mehr waren, bis ein neuer Gegenstand neue Gedanken in ihm erweckte.

Trotzdem war freilich sein Gemüt keinen Augenblick von dem peinigenden und drückenden Gefühle frei, daß sich das Grab zu seinen Füßen öffnete; es schwebte ihm fortwährend vor, aber undeutlich und unbestimmt, und er vermochte seine Gedanken nicht dabei festzuhalten. Und so geschah es, daß er, während bald Fieberhitze ihn ergriff und es ihn bald mit kaltem Schauder überlief, die eisernen Stäbe der Anklagebank zählte, die er vor sich sah, und bei sich selber dachte, wie es wohl gekommen sein möchte, daß einer derselben abgebrochen wäre; und ob man wohl einen neuen einschlagen würde oder nicht. Dann schweiften seine Gedanken wieder zu den Schrecken des Galgens und Schafotts ab, bis ein Aufwärter den Boden mit Wasser besprengte, was jenen abermals eine andere Richtung gab.

Endlich wurde Stille geboten, und alle Blicke waren plötzlich auf die Tür gerichtet. Die Geschworenen kehrten zurück und gingen dicht an ihm vorüber. Die Gesichter der Geschworenen waren wie von Stein, er vermochte nichts darin zu lesen. Es trat eine Stille ein – vollkommen – atemlos – Schuldig!

Der Saal hallte von einem erschütternden Rufe wider, der sich mehrmals wiederholte und durch ein donnerndes Geschrei beantwortet wurde, durch welches die Menge draußen ihren Jubel ausdrückte, daß der Verurteilte am Montag sterben müsse.

Er wurde gefragt, ob er etwas zu sagen wisse, weshalb die Urteilsvollziehung nicht statthaben möchte. Er hatte seine horchende Stellung wieder angenommen und blickte den Richter scharf an, der jedoch die Frage zweimal wiederholen mußte, ehe der Jude sie zu vernehmen schien, der endlich nur murmelte, er wäre ein alter Mann – ein alter Mann – ein alter Mann. Seine Stimme verlor sich in leises Flüstern, und bald schwieg er gänzlich.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, – der Verurteilte stand noch immer da mit derselben Miene in derselben Stellung. Die ernste Feierlichkeit des Augenblicks preßte einer Frau einen Ausruf aus – er blickte hastig und lauschend empor – stand aber da gleich einer Bildsäule, obgleich der Ton, das Wort, alle Anwesenden durchbebte. Er blickte noch immer starr vor sich hin, als ihm der Kerkermeister die Hand auf den Arm legte und ihm winkte. Er sah ihn einen Augenblick wie betäubt an und gehorchte.

Er wurde hinunter in einen gepflasterten Raum geführt, wo einige Angeklagte warteten, bis die Reihe an sie käme, und andere sich mit ihren Freunden unterredeten, die sich an dem in den Hof öffnenden vergitterten Fenster gesammelt hatten und unter denen niemand war, der mit ihm gesprochen hätte, die aber alle bei seiner Annäherung zurücktraten, um ihn der Volksmenge draußen hinter den Eisenstäben sichtbarer zu machen; und er wurde laut mit Schimpfnamen, Geschrei und Gezisch begrüßt. Er schüttelte die Faust und würde die Nächststehenden angespien haben, allein seine Führer drängten ihn rasch fort durch einen düsteren, nur von wenigen matt brennenden Lampen erleuchteten Gang in das Innere des Gefängnisses, wo er durchsucht wurde, ob er nicht etwa an seiner Person die Mittel hätte, dem Gesetze vorzugreifen. Endlich brachten sie ihn in eine der Armesünderzellen und ließen ihn darin – allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Sitz und Lager diente, heftete die blutunterlaufenen Augen auf den Boden und bemühte sich, seine Gedanken zu sammeln. Nach einiger Zeit begann er sich einzelner Bruchstücke der Anrede des Richters zu erinnern, obwohl es ihm, während sie gesprochen worden, gewesen war, als wenn er kein Wort hören könnte. Ein Teil fügte sich allmählich zum andern, und endlich stand das Ganze fast vollständig klar vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre – das war das Ende gewesen. Aufgehängt zu werden, bis er tot wäre.

Es wurde dunkel, sehr dunkel, und er fing an, aller derer zu gedenken, die er gekannt und die auf dem Schafott gestorben waren – einige durch seine Schuld oder auf seinen Betrieb. Sie tauchten in so rascher Folge vor ihm auf, daß er sie kaum zu zählen vermochte. Er hatte mehrere von ihnen sterben sehen – und sie verspottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen verschieden waren. Wie gedankenschnell sie aus starken, kräftigen Männern in baumelnde Fleischklumpen verwandelt waren!

Mancher von ihnen hatte vielleicht dasselbe Gemach bewohnt – auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr finster – warum wurde kein Licht gebracht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Hunderte mußten ihre letzten Stunden darin verlebt haben – man saß darin wie in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe – und viele derselben hatten wohlbekannte Gesichter – Licht, Licht!

Endlich, als er sich die Hände an der eisenverwahrten Tür fast blutig geschlagen hatte, erschienen zwei Männer, deren einer ein Licht trug, das er auf einen eisernen, in der Mauer befestigten Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hinter sich herzog, um darauf die Nacht zuzubringen, denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Dann kam die Nacht – die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, die Kirchglocken schlagen zu hören, die vom Leben zeugen und den nahenden Tag verkünden. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. Jedes Anschlagen des eisernen Klöppels führte ihn zu dem einen hohlen Schall – Tod. Was nützte das Geräusch des geschäftigen, heiteren Morgens, das selbst in den Kerker und zu ihm drang? Es war Totengeläute anderer Art, das noch den Hohn zur schrecklichernsten Mahnung hinzufügte.

Der Tag verging – Tag! Da war kein Tag; er war so bald entschwunden wie angebrochen, und abermals kam die Nacht – Nacht! So lang und doch so kurz; lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz nach ihren flüchtigen Stunden. Jetzt redete der Elende irre und stieß Gotteslästerungen aus – dann heulte er und zerraufte sein Haar. Ehrwürdige Männer seines Glaubens waren gekommen, mit ihm zu beten, allein er hatte sie mit Verwünschungen hinausgetrieben. Sie erneuerten ihre menschenfreundlichen Versuche und mußten seinen gewalttätigen Drohungen weichen.

Sonnabend – nur noch eine einzige Nacht! Und während er noch sann und sann: nur noch eine einzige Nacht! dämmerte es schon – Sonntag!

Erst am Abend dieses schauervoll-bangen Tages ward seine verpestete Seele von einem vernichtenden Gefühle ihrer verzweifelten Lage ergriffen. Nicht, daß er auch nur von fern eine bestimmte Hoffnung, Gnade zu erlangen, gehegt hätte; er hatte es nur noch nicht über sich vermocht, den Gedanken, so bald sterben zu müssen, klar und deutlich auszudenken. Er hatte nur wenig zu den beiden Männern gesprochen, die sich einander bei ihm ablösten, und sie hatten sich ihrerseits nicht um ihn gekümmert. Er hatte wachend dagesessen, aber geträumt. Jetzt sprang er von Minute zu Minute auf und rannte mit keuchendem Munde und brennender Stirn in entsetzlicher Furcht- und Zorn- und Grimmanwandlung auf und nieder, daß sie sogar – die an dergleichen Gewöhnten – schaudernd vor ihm zurückbebten. Er wurde zuletzt unter den Folterqualen seines bösen Gewissens so fürchterlich, daß keiner es ertragen konnte, allein bei ihm zu sitzen und ihn vor Augen zu haben, – daß seine Wärter beschlossen, miteinander Wache bei ihm zu halten.

Er kauerte auf seinem Steinbette nieder und dachte der Vergangenheit. Er war bei seiner Abführung in das Gefängnis verwundet worden und trug deshalb ein leinenes Tuch um den Kopf. Sein rotes Haar hing auf sein blutloses Gesicht herunter; sein Bart war zerzaust und in Knoten gedreht; aus seinen Augen leuchtete ein schreckliches Feuer; seine ungewaschenen Glieder bebten von dem in ihm brennenden Fieber. Acht – neun, zehn! Wenn man die Glocken vielleicht nicht schlagen ließ, bloß um ihn mit Schrecken zu erfüllen, wenn sie die einander auf den Fersen folgenden Stunden wirklich anzeigten – wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Noch ein Schlag, ehe die Stimme der letzten Stunde verklungen war. Um acht Uhr war er, wie er sich sagte, der einzige Leidtragende zu seinem eigenen Grabgefolge; um elf –

Newgates schreckliche Mauern, die so viel Elend und so unaussprechliche Angst und Pein nicht bloß vor den Augen, sondern nur zu oft und zu lange auch vor den Gedanken der Menschen verbargen, umschlossen nie ein so entsetzliches Schauspiel wie dieses. Die wenigen Vorübergehenden, die etwa stillstanden und bei sich dachten, was der Verurteilte wohl vornehmen möchte, der am folgenden Tage hingerichtet werden sollte, würden die Nacht darauf gar schlecht geschlafen haben, wenn sie ihn im selben Augenblicke hätten sehen können.

Vom Abend bis fast um Mitternacht traten bald einzelne, bald mehrere zu dem Pförtner, fragten in großer Spannung, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei, und teilten die willkommene Verneinung andern, in Haufen Stehenden mit, die auf die Tür hinwiesen, aus welcher er kommen müßte, die Stelle zeigten, wo das Schafott errichtet werden würde, sich widerstrebend entfernten und im Fortgehen die zu erwartende Szene sich im voraus ausmalten. Endlich waren alle heimgekehrt und die Straßen umher auf eine Stunde in der Mitte der Nacht der Einsamkeit und Finsternis überlassen.

Der Raum vor dem Gefängnisse war gesäubert, und man hatte einige starke, schwarz bemalte Schranken, dem vorauszusehenden großen Gedränge zu wehren, errichtet, als Mr. Brownlow mit Oliver an dem Pförtchen erschien und eine Sheriffserlaubnis vorwies, den Verurteilten sehen zu dürfen. Sie wurden sogleich eingelassen.

«Soll der kleine Herr auch mit hinein, Sir?» fragte der Schließer, der ihnen zum Führer gegeben war. «'s ist kein Anblick für Kinder, Sir.»

«Freilich nicht, mein Freund», erwiderte Brownlow; «allein was ich bei dem Manne zu tun habe, hat auch auf den Knaben sehr genauen Bezug, und da er ihn als glücklichen Frevler gekannt hat, so halte ich es für gut, daß er ihn auch jetzt sehe, ob es auch einen etwas peinlichen Eindruck bei ihm hervorbringen mag.»

Die Worte waren leise gesprochen. Der Schließer berührte den Hut, blickte mit einiger Neugier nach Oliver und ging ihnen voran, zeigte ihnen das Tor, aus welchem der Verurteilte kommen würde, machte sie aufmerksam auf das an ihr Ohr dringende Hämmern der das Schafott erbauenden Zimmerleute und öffnete ihnen endlich die Tür der Zelle des Juden.

Dieser saß auf seinem Bette, wiegte sich hin und her, und sein Gesicht glich mehr dem eines eingefangenen Tieres als einem menschlichen Antlitze. Er gedachte offenbar seines alten Lebens, denn er murmelte, Brownlow und Oliver sehend und doch nicht sehend, vor sich hin: «Guter Junge, Charley – gemacht brav – und auch Oliver – ha, ha, ha, Oliver – und sieht aus wie ein Junker – ganz wie ein – bringt ihn fort – zu Bett mit dem Buben!»

Der Schließer faßte Oliver bei der Hand und flüsterte ihm zu, daß er ohne Furcht sein möchte.

«Zu Bett mit ihm!» rief der Jude. «Hört Ihr nicht? Er – er ist – ist an diesem allen schuld. 's ist des Geldes wert, ihn zu erziehen dazu – Bolters Kehle, Bill; kümmert Euch um die Dirne nicht – Bolters Kehle, so tief Ihr könnt schneiden. Sägt ihm ab den Kopf.»

«Fagin», sagte der Schließer.

«Ja, ja», rief der Jude und nahm rasch die lauschende Stellung an, die er bei seinem Prozesse behauptet hatte. «Ein alter Mann, Mylord; ein sehr, sehr alter Mann.»

«Hier ist jemand, Fagin, der Euch etwas zu sagen hat – seid Ihr ein Mann?» rief ihm der Schließer, ihn schüttelnd und dann festhaltend, in das Ohr.

«Werd's nicht mehr sein lange», rief der Jude zurück, mit einem Angesicht aufblickend, das keinen menschlichen Ausdruck mehr hatte – nur Wut und Entsetzen malte sich darin. «Schlagt sie alle tot! Was haben sie für ein Recht, mich abzuschlachten?»

Er erkannte jetzt Oliver und Brownlow, wich in die fernste Ecke seines Sitzes zurück und fragte, was sie an diesen Ort geführt hätte. Der Schließer hielt ihn fortwährend fest und forderte Brownlow auf, rasch zu sagen, was er ihm zu sagen hätte, denn er würde mit jedem Augenblicke schlimmer.

«Es sind Euch gewisse Papiere zu sicherer Aufbewahrung anvertraut worden, und zwar von einem Menschen, namens Monks», sagte Brownlow, sich ihm nähernd.

«'s ist gelogen – ich habe keine, keine, keine!» erwiderte der Jude.

«Um der Liebe Gottes willen,» sagte Brownlow feierlich, «sprecht nicht so am Rande des Grabes, sondern sagt mir, wo ich sie finden kann. Ihr wißt, daß Sikes tot ist, daß Monks gestanden hat, daß Ihr keine Hoffnung eines Gewinnes mehr habt. Wo sind die Papiere?»

«Oliver,» rief der Jude, dem Knaben winkend, «komm, laß mich dir flüstern ins Ohr.»

«Ich habe keine Furcht», sagte Oliver leise zu Brownlow und ging zu dem Juden, der ihn zu sich zog und ihm zuflüsterte: «Sie sind in 'nem leinenen Beutel in 'nem Loche des Schornsteins oben im Vorderzimmer. Ich möchte gern reden mit dir, mein Lieber – möchte reden mit dir.»

«Ja, ja», erwiderte Oliver. «Laßt mich ein Gebet sprechen, betet auf Euren Knien mit mir, und wir wollen bis morgen früh miteinander reden.»

«Draußen, draußen», sagte der Jude, den Knaben vor sich nach der Tür hindrängend und mit einem leeren, starren Blicke über seinen Kopf schauend. «Sag', ich wäre eingeschlafen –dirwerden sie's glauben. Du kannst mir helfen 'raus, wenn du tust, was ich dir sage. Jetzt, jetzt!»

«O Gott, verzeihe diesem unglücklichen Manne!» rief der Knabe unter hervorstürzenden Tränen.

«So ist's recht, so ist's recht! Das ist das wahre Mittel! Diese Tür zuerst. Beb' und zittr' ich, wenn wir am Galgen vorübergehen, achte darauf nicht, sondern mach fort, rasch fort. Jetzt, jetzt, jetzt!»

«Haben Sie ihm nichts mehr zu sagen, Sir?» fragte der Schließer.

«Nein», erwiderte Brownlow. «Wenn ich hoffen könnte, daß wir ein Gefühl seiner Lage in ihm erwecken –»

«Das ist unmöglich, Sir», fiel der Schließer kopfschüttelnd ein. «Ich muß Ihnen den Rat geben, ihn zu verlassen.»

Die beiden Wärter kehrten jetzt zurück, und der Jude rief: «Fort, fort! Tritt leise auf – aber nicht so langsam. Schneller, schneller!» Sie befreiten den Knaben von seinem Griffe und hielten ihn selbst zurück. Er suchte sich mit der Kraft der Verzweiflung loszumachen und stieß einen Schrei nach dem andern aus, der selbst die ellendicken Kerkermauern durchdrang und in Brownlows und Olivers Ohren tönte, bis sie in den offenen Hof hinaustraten.

Sie konnten das Gefängnis nicht sogleich verlassen. Oliver war einer Ohnmacht nahe und so angegriffen, daß eine Stunde verfloß, ehe er seine Füße zu gebrauchen vermochte.

Der Tag brach an, als sie das Gefängnis verließen. Es hatte sich schon eine große Volksmenge gesammelt: die Fenster waren mit Leuten angefüllt, die sich rauchend und Karten spielend die Zeit vertrieben; die Untenstehenden drängten sich hin und her, stritten und scherzten miteinander. Die ganze Umgebung bot ein heiteres, belebtes Schauspiel dar – in dessen Mitte schauerliche Zurüstungen an Verbrechen, Gericht, Strafe und Tod erinnerten.

Schluß.

Was zu erzählen jetzt noch erübrigt, ist in wenigen Worten zu berichten.

Noch vor dem Ablaufe von drei Monaten wurde Rose Fleming und Harry Maylie in der Dorfkirche getraut, welche fortan der Schauplatz der Tätigkeit des jungen Geistlichen sein sollte. An demselben Tage nahmen sie von ihrer neuen freundlichen Wohnung Besitz. Mrs. Maylie schlug ihren Wohnsitz bei ihnen auf, um den Rest ihrer Tage durch die beste Freude zu verschönen, die dem ehrwürdigen Alter zuteil werden kann – den Anblick der Seligkeit der Lieben, deren Bildung und Beglückung die beste Zeit und die besten Kräfte eines wohlverlebten Daseins gewidmet gewesen sind.

Monks wie seine Mutter waren mit dem Vermögen, das sie an sich gerissen, so verschwenderisch umgegangen, daß für den ersteren und Oliver, wenn der Rest unter beide geteilt wurde, nur dreitausend Pfund übrigblieben. Nach dem Testament seines Vaters hatte Oliver Anspruch auf das ganze; allein Mr. Brownlow schlug eine Teilung vor, um den älteren Bruder der Mittel nicht zu berauben, ein neues und besseres Leben zu beginnen, womit sich Oliver von ganzem Herzen zufrieden erklärte.

Monks begab sich unter Beibehaltung seines angenommenen Namens in die neue Welt, vergeudete rasch das ihm gelassene, beging neue Verbrechen, saß lange im Kerker und erlag darin endlich einem Anfalle seiner alten Krankheit. In ebenso weiter Ferne von der Heimat starben die noch übrigen Hauptmitglieder der Bande Fagins.

Mr. Brownlow adoptierte Oliver, bezog mit ihm und Frau Bedwin eine vom Pfarrhause nur eine Meile entfernte Wohnung, befriedigte dadurch den einzigen noch nicht erfüllten Wunsch des warmen und liebevollen Herzens Olivers und half einen kleinen Freundeskreis bilden, in welchem ein so vollkommenes Glück herrschte, wie es in dieser veränderlichen Welt nur zu finden ist.

Bald nach der Vermählung des jungen Paares kehrte der würdige Doktor nach Chertsey zurück, wo er, des Umgangs seiner alten Freunde beraubt, wenn sein Temperament dergleichen zugelassen, mißmütig geworden sein und sich in einen Murrkopf verwandelt haben würde, wenn er es anzufangen gewußt hätte. Nachdem er einige Monate geschwankt, übertrug er seine Praxis seinem Assistenten und siedelte nach dem Wohnorte Maylies hinüber, wo er Gartenbau trieb, pflanzte, fischte, zimmerte usw., und zwar alles mit seiner eigentümlichen Leidenschaftlichkeit, so daß er bald in allem, was er trieb, weit und breit umher eine bedeutende Autorität wurde.

Er hatte eine große Freundschaft für Mr. Grimwig gefaßt, welche von dem exzentrischen Gentleman mit ebenso großer Wärme erwidert wurde. Grimwig besucht ihn daher häufig und pflanzt, fischt und zimmert mit, jedoch stets auf eine eigentümliche und bislang unbekannte Weise; er behauptet indes stets bei seiner Lieblingsbeteuerung, daß es die richtige sei. An Sonntagen verfehlt er nie, dem jungen Geistlichen in das Angesicht die Predigt zu kritisieren und versichert Mr. Losberne hinterher im strengsten Vertrauen, sie wäre nach seinem Urteile eine ganz vortreffliche Arbeit gewesen, er hielte es indes für gut, nichts davon zu sagen. Es ist eine stehende und große Lieblingsbelustigung Mr. Brownlows, ihn mit seiner alten, Oliver betreffenden Prophezeiung aufzuziehen und an den Abend zu erinnern, an welchem sie die Uhr auf den zwischen ihnen stehenden Tisch gelegt hatten und des Knaben Rückkehr erwarteten; allein Grimwig erklärte dann ohne Ausnahme, daß er in der Hauptsache doch recht gehabt habe, denn Oliver wäre eben nicht zurückgekommen, eine Bemerkung, welche von seiner Seite jedesmal belacht wird, was seine gute Laune noch verbessert.

Mr. Claypole wurde begnadigt, weil er wider den Juden als Zeuge aufgetreten, erachtete aber sein Handwerk nicht für so sicher, wie er es wohl wünschen mochte, und war eine Weile in Verlegenheit, wie er ohne zuviel Arbeit seinen Lebensunterhalt gewinnen sollte. Er hat nach reiflicher Überlegung das Geschäft eines Angebers begonnen, das ihn sehr anständig ernährt. Er geht nämlich Sonntags während des Gottesdienstes mit Charlotte würdevoll gekleidet aus. Die Dame sinkt an den Türen menschenfreundlicher Wirte in Ohnmacht, der Herr läßt Branntwein für sie geben, um sie wieder ins Bewußtsein zurückzurufen, bringt am folgenden Tage die Sabbatsverletzung zur Anzeige und steckt die Hälfte der Strafe ein, welche der Wirt bezahlen muß. Bisweilen wird Mr. Claypole selbst ohnmächtig, das Ergebnis ist aber dasselbe.

Mr. und Mrs. Bumble versanken, ihrer Stellen beraubt, allmählich in großes Elend und Dürftigkeit und wurden endlich als Arme in dasselbe Verpflegungshaus des Kirchspiels aufgenommen, in welchem sie einst geherrscht hatten. Man hat Mr. Bumble sagen hören, daß er bei dieser Umkehr und Erniedrigung nicht einmal Mut und Lust habe, für die Trennung von seiner Frau dankbar zu sein.

Mr. Giles und Brittles bekleiden fortwährend ihre alten Ämter und Würden; nur ist der erstere kahl und der letztgenannte Knabe vollkommen grau geworden. Sie schlafen im Pfarrhause, widmen aber ihre Aufmerksamkeiten den Bewohnern desselben, Oliver, Brownlow und Losberne, so gleichmäßig, daß die Leute im Dorfe niemals haben erforschen können, wem sie eigentlich dienen.

Master Charley Bates, erschüttert durch Sikes' Verbrechen, geriet auf den Gedanken, ob ein rechtschaffenes Leben nicht am Ende doch noch das beste wäre, überlegte, kam zu dem Schlusse, daß dem so sei, und nahm sich vor, den Pfad der Tugend zu erwählen. Es wurde ihm eine Zeitlang äußerst schwer, er litt nicht wenig dabei, allein es gelang ihm endlich, da er einen zufriedenen und festen Sinn besaß. Er ging in saure Dienste bei einem Pächter, darauf bei einem Fuhrmanne und ist gegenwärtig der munterste junge Viehhändler in ganz Northamptonshire.

Und nun, am Schlusse, beginnt mir die Hand, welche dies niederschreibt, zu beben, und gern spänne ich den Faden meiner Erzählung noch ein wenig länger aus – verweilte so gern noch bei einigen der mir teuer Gewordenen, in deren geistigem Umgange ich mich so lange bewegt, um ihr Glück durch den Versuch seiner Schilderung zu teilen. Ich möchte Rose Maylie in der ganzen Blüte und Anmut der jungen Gattin schildern, wie sie auf ihren von der großen Welt entfernten Lebenspfad ein so mildes und schönes Licht warf, das auf alle mit ihr ihn Wandelnde fiel und in ihre Herzen leuchtete; – ich möchte sie als das Leben und die Lust des traulichen Kreises am Kamine und der froh in der Sommerlaube Versammelten schildern; ich möchte ihr Mittags im Sonnenglanze folgen und den sanften Ton ihrer süßen Stimme bei Spaziergängen an den mondhellen Abenden vernehmen; sie bei ihren stillen Wohltätigkeitswanderungen und im Hause beobachten, wie sie lächelnd und unermüdet ihre häuslichen Pflichten erfüllt; möchte ihr Glück und das des Kindes ihrer hinübergegangenen Schwester malen, das sie genossen in gegenseitiger Liebe, in wehmütig-süßen Gedanken an so traurig verlorene Teure; möchte vor mir die fröhlich sie umspielenden, munter-geschwätzigen Kleinen hinzaubern; möchte mir den Ton ihres frohen Gelächters, die Freudenträne in ihrem sanften blauen Auge – ihr holdes Lächeln, ihre verständige Rede – jeden Blick, jedes Wort zurückrufen.

Wie Mr. Brownlow seinen angenommenen Sohn von einem Fortschritte in Kenntnissen aller Art zum andern führte und ihn, je mehr er sich entwickelte, immer lieber gewann – wie er in seinem Antlitze die Züge der Geliebten seiner Jugend suchte und mehr und mehr fand – wie sich die beiden durch Mißgeschick geprüften Waisen der Lehren desselben erinnerten und sie durch Milde und Nachsicht und Liebe gegen andere übten und unter inbrünstigem Danke gegen den Gott, der sie beschützt und gerettet – das alles braucht nicht erzählt zu werden; denn ich habe gesagt, daß sie wahrhaft glücklich waren, und ohne echte, innige Menschenliebe, ohne Dankbarkeit gegen ihn im Herzen, dessen Gesetzbuch Gnade heißt und Erbarmen, und der die Liebe selbst ist gegen alles, was Odem hat, kann wahres Glück nimmer gewonnen werden.

Neben dem Altare der alten Dorfkirche erblickt man eine weiße Marmortafel, auf welcher nur das eine Wort – «Agnes!» eingegraben ist. In dem Grabgewölbe darunter befindet sich ein Sarg, und möchten noch viele, viele Jahre vergehen, ehe ein zweiter Name hinzugefügt wird! Doch wenn die Geister der Toten zur Erde zurückkehren, die durch Liebe – über das Grab hinausreichende Liebe geheiligten Stätten zu besuchen – Wohnstätten derer, die sie in ihrem Leben kannten, so glaube ich, daß der Schatten des armen Mädchens oft, oft das leere Plätzchen umschwebt, obwohl es sich in einer Kirche befindet, und obwohl Agnes schwach war und vom rechten Pfade abirrte.


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