Oliver unter neuen Umgebungen und bei einem Leichenbegängnisse.
Sobald Oliver im Laden des Leichenbestatters allein gelassen war, setzte er seine Lampe auf eine Bank, und Furcht und Grauen durchschauerte ihn. Mitten im Gemach stand ein neuer, fast fertiger Sarg; die schon zugeschnittenen, an die Wände umher gelehnten Bretter erschienen ihm beim matten Lampenlichte wie Geister. Auf dem Boden lagen große Nägel, Holzspäne, Stücke schwarzen Tuchs und Sargembleme, und an der Wand über dem Ladentische hing das grauenhafte Bild eines Leichenzuges. Die Luft war drückend heiß; sie deuchte Oliver wie Grabesluft, die Öffnung zu seiner Ruhestätte unter dem Ladentische wie ein gähnendes Grab.
Er fühlte sich allein und verlassen in der Welt, und obwohl er keinen Schmerz über Trennung von Freunden oder Angehörigen empfand, so war ihm das Herz dennoch schwer; und als er in sein enges Bett hineinkroch, wünschte er, daß es sein Sarg sein und daß er darin hinaus auf den Kirchhof getragen werden möchte, wo das hohe stille Gras über ihm wüchse und im Winde säuselte und das Läuten der alten, traurigen Turmglocke ihm schöne Träume zuführte in seinem süßen Schlummer.
Er wurde am folgenden Morgen durch ein lautes Pochen an der Ladentür aus seinem unruhigen Schlafe geweckt; dasselbe wiederholte sich, ehe er in seine Kleider schlüpfen konnte, ungefähr fünfundzwanzigmal und in ungestümer Weise. Als er die Kette zu lösen begann, hörten die Beine zu stoßen auf, und eine Stimme ließ sich vernehmen.
«Öffne die Tür, wird's bald?» rief die Stimme, die zu den Beinen gehörte.
«Sofort, Sir!» erwiderte Oliver, indem er die Kette losmachte und den Schlüssel umdrehte.
«Ich vermute, du bist der neue Lehrjunge, nicht wahr?» sprach die Stimme durch das Schlüsselloch.
«Ja, Sir!» antwortete Oliver.
«Wie alt bist du?» fragte die Stimme weiter.
«Zehn Jahre, Sir!» entgegnete Oliver.
«Dann werde ich dich prügeln, wenn ich hineinkomme», sagte die Stimme; «du wirst gleich sehen, daß ich es tue, du Armenhäusler!»
Oliver hatte schon zu oft das angedrohte Schicksal über sich ergehen lassen müssen, um den leisesten Zweifel zu hegen, daß der Besitzer der Stimme, wer es auch sein mochte, sein Versprechen wahr machen würde. Er schob den Riegel mit zitternder Hand zurück und öffnete die Tür.
Ein paar Sekunden lang blickte Oliver die Straße auf und ab, weil er glaubte, der unbekannte Besucher, der ihn durch das Schlüsselloch angeredet hatte, habe sich einige Schritte entfernt, um sich zu erwärmen; denn es war niemand zu sehen, außer einem großen Armenknaben, der auf einem Pfosten vor dem Hause saß und ein Butterbrot verzehrte.
«Verzeihen Sie, Sir,» sagte Oliver endlich, da er keinen anderen Besucher erblicken konnte, «haben Sie geklopft?»
«Ja, ich habe mit den Füßen an die Tür gestoßen», erwiderte der Armenknabe.
«Wünschen Sie einen Sarg, Sir?» fragte Oliver unschuldig.
«Es wird nicht lange währen, bis du selbst einen brauchst,» war die zornige Antwort, «wenn du Scherz mit Leuten treibst, die dir zu befehlen haben. Weißt du nicht, wer ich bin? Noah Claypole, und du bist mir untergeben, Musjö Ohnevater. Öffne die Fensterläden, Faulpelz!»
Oliver tat, wie ihm geheißen war, und gleich darauf erschien Mr. und Mrs. Sowerberry. Oliver und sein neuer Tyrann wurden in die Küche geschickt, um ihr Frühstück zu erhalten. Charlotte, die Köchin, bedachte Noah gut und Oliver desto schlechter, der obendrein von jenem sehr unsanft in einen dunklen Winkel gestoßen und vielfach gehänselt wurde.
Noah war ein Freischüler, aber doch keine Waise aus dem Armenhause. Sein Stammbaum war ihm sehr wohl bekannt; seine Eltern wohnten in der Nachbarschaft. Seine Mutter war eine Waschfrau und sein Vater ein pensionierter, täglich betrunkener Soldat. Die Ladenburschen nannten ihn verächtlich «Lederhose» und so fort, was er schweigend duldete, dagegen aber nunmehr mit desto größerem Übermut einen Schwächeren und Elternlosen behandelte, den er als solchen tief unter sich sah. – Welch ein köstlicher Stoff zu Betrachtungen über die liebenswürdige menschliche Natur, deren vortreffliche Eigenschaften sich beim hochstehenden Lord wie beim Armenknaben offenbaren!
Oliver hatte sich drei bis vier Wochen bei Mr. Sowerberry befunden, als derselbe einst gegen seine Hausehre die Rede auf ihn brachte. «Der Knabe sieht wirklich gut aus», bemerkte er.
«Kein Wunder,» entgegnete sie, «denn er ißt genug.»
«Er hat ein äußerst melancholisches Gesicht und sieht immer so trübselig aus, daß er wirklich einen vortrefflichen StummenAabgeben würde.»
Seine Gattin sah ihn verwundert an, und er fuhr fort: «Ich meine nicht bei Erwachsenen, sondern bei Kinderbegräbnissen. 's ist etwas Neues, auch zu dergleichen kleine Stumme zu stellen, und man kann sich etwas davon versprechen.»
Mrs. Sowerberry, die für Geschäftssachen ein gutes Verständnis besaß, war von der Neuheit des Gedankens überrascht; da es aber gegen ihre Würde verstoßen haben würde, wenn sie dies zugegeben hätte, so fragte sie nur mit großer Schärfe im Ton, warum ihr einfältiger Eheherr denn nicht schon längst daran gedacht habe, und Mr. Sowerberry, der dies richtig als Zustimmung auslegte, beschloß, Oliver in die Mysterien des Leichenbestattergeschäftes einzuweihen und sich daher von ihm zum ersten besten vorkommenden Begräbnisse begleiten zu lassen. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten, denn eine halbe Stunde darauf erschien Bumble mit dem Auftrage zu einem Kirchspielbegräbnisse.
Mr. Sowerberry ordnete die erforderlichen Vorbereitungen an und befahl Oliver, mit ihm zu gehen. Sie begaben sich nach dem bezeichneten Hause, um das Maß zum Sarge zu nehmen, wo sich ihren Blicken eine Szene des grauenvollsten Elends darbot, die auf Oliver, obgleich er an Elend so wohl gewöhnt war, den peinlichsten Eindruck machte.
Am folgenden Tage, der rauh und regnerisch war, wiederholten sie ihren Besuch, die Leiche wurde in den Sarg gelegt, jede Anordnung war getroffen. Mr. Sowerberry sagte den Trägern, sie möchten sich sputen und den Geistlichen nicht warten lassen; es wäre schon spät. Die Träger setzten sich in eine Art von Trab, und Oliver mußte fast laufen, um mitkommen zu können. Der Geistliche war noch nicht angelangt, der Sarg wurde in einem entfernten Winkel des Kirchhofs neben der Gruft einstweilen niedergesetzt, und Mr. Sowerberry und Bumble setzten sich zum Küster in die Sakristei an das Feuer und nahmen die Zeitungen zur Hand.
Nach einer halben Stunde erschien der Geistliche, Bumble verjagte die Gassenbuben, die sich damit unterhielten, her- und hinüber über den Sarg zu springen, der Geistliche las eilend die Gebete, entfernte sich wieder, der Sarg wurde eingesenkt, die Grube zugeworfen, und alle begaben sich auf den Heimweg.
«Nun, Oliver, wie hat dir's gefallen?» fragte Mr. Sowerberry.
«Recht gut, bedanke mich, Sir!» antwortete Oliver zögernd. «Aber doch eigentlich nicht sehr gut.»
«Wirst dich schon daran gewöhnen», sagte der Leichenbesorger; «und 's ist gar nichts, wenn du's erst gewohnt bist.»
Oliver hätte gern gewußt, wie lange es gedauert, ehe Mr. Sowerberry sich daran gewöhnt, wagte jedoch nicht zu fragen und kehrte gedankenvoll mit seinem Herrn nach Hause zurück.
In welchem Oliver kräftig auftritt.
Es trat gerade eine sehr ungesunde Zeit ein, und Oliver sammelte daher in wenigen Wochen viel Erfahrung. Die Erfolge der scharfsinnigen Spekulation Mr. Sowerberrys übertrafen alle seine Erwartungen. Die ältesten Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß so viele Kinder an den Masern gestorben waren, und Oliver mit schwarzen, bis an die Knie herunterreichenden Hutbändern führte einen Leichenzug nach dem andern an. Die Mütter bewunderten ihn über die Maßen und waren unbeschreiblich gerührt. Da er seinen Herrn auch zu den meisten Begräbnissen von Erwachsenen begleiten mußte, um sich die für einen vollkommenen Leichenbestatter so notwendige gemessene Ruhe und Selbstbeherrschung anzueignen, so hatte er häufig Gelegenheit, die schöne Ergebung und Seelenstärke zu bemerken, welche so viele Leute bei ihren schmerzlichen Prüfungen und Verlusten beweisen.
Hatte Sowerberry zum Beispiel das Begräbnis einer reichen alten Dame oder eines reichen alten Herrn zu besorgen, der von einer großen Anzahl von Neffen und Nichten umgeben war, welche sich während seiner Krankheit vollkommen untröstlich gezeigt und ihren Schmerz nicht einmal vor den Augen des großen und größten Publikums hatten bemeistern können, so blieb es selten aus, daß sie unter sich so heiter waren, als man es nur wünschen konnte, und so froh und zufrieden miteinander redeten oder auch lachten, als wenn sie ganz und gar keine Trübsal erlebt hätten. Ehemänner ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmütigsten Ruhe, und Ehefrauen legten die Trauerkleider um ihre Männer auf eine Weise an, als wenn sie dadurch nicht etwa Schmerz andeuten, sondern so anziehend als möglich erscheinen wollten. Viele Damen und Herren, welche bei der Beerdigung der Verzweiflung nahe zu sein schienen, beruhigten sich schon auf dem Heimwege und waren vollkommen gefaßt, bevor die Teestunde vorüber war. Dieses alles war sehr angenehm und lehrreich anzuschauen, und Oliver sah es mit großer Bewunderung.
Daß das Beispiel so vieler Leidtragenden ihn zur Ergebung und Geduld gestimmt hätte, kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten, sondern vermag nur so viel zu sagen, daß er wochenlang mit Sanftmut die Tyrannei und üble Behandlung ertrug, die er von seiten Noahs erfuhr, der um so erbitterter gegen ihn wurde, weil sein Neid gegen ihn erregt worden war. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und Mrs. Sowerberry war seine erklärte Feindin, weil ihr Gatte sich ihm ziemlich freundlich erwies. Und so befand sich denn Oliver bei diesen Feindschaften und fortwährender Leichenbegleitungslast nicht ganz so behaglich wie das hungrige Ferklein, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen war.
Es muß aber jetzt ein an sich unbedeutender Vorfall erzählt werden, der jedoch eine bedeutende Veränderung mit Oliver selbst wie mit seinen Lebensschicksalen zur Folge hatte.
Sein Peiniger trieb seine gewöhnlichen Neckereien weiter als gewöhnlich und hatte es offenbar darauf angelegt, ihn außer Fassung und zum Weinen zu bringen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte. Endlich sagte Noah scherzend, er werde nicht verfehlen zuzuschauen, wenn Oliver gehängt würde, und fügte hinzu: «Was wird aber deine Mutter dazu sagen – und wie geht's ihr denn?»
«Sie ist tot», entgegnete Oliver; «untersteh dich aber nicht, mir etwas Schlechtes über sie zu sagen.»
Oliver wurde feuerrot, als er das sagte; er atmete rasch, um Mund und Nase zuckte es ihm eigentümlich, und Claypole hielt dies für ein untrügliches Anzeichen, daß Oliver bald heftig weinen werde. In dieser Überzeugung ging er in seiner Quälerei weiter.
«Woran starb sie denn, Armenhäusler?» fragte er.
«An Kummer und Herzleid, wie mir eine unserer alten Wärterinnen gesagt hat,» erwiderte Oliver, mehr, wie wenn er mit sich selbst redete, als Noahs Frage beantwortend. «Ich glaube, daß ich's weiß, was es heißt, daran zu sterben!»
Über seine Wange rollte eine Träne hinab, Noah pfiff eine muntere Weise und sagte darauf: «Was hast du denn zu plärren – um deine Mutter?»
«Daß du mir kein Wort mehr von ihr sagst – sonst nimm dich in acht!» rief Oliver.
«Ich soll mich in acht nehmen – ich – mich in acht nehmen vor einem solchen unverschämten Tunichtgut? Und von wem soll ich kein Wort mehr sagen? Von deiner Mutter? Die mag auch die rechte gewesen sein – ha, ha, ha!»
Oliver verbiß seine Pein und schwieg. Noah nahm den Ton spöttischen Mitleids an.
«Nun, nun, sei nur ruhig; 's ist nichts mehr dran zu ändern, und ich bedaure dich, wie's alle tun. Indes ist das wahr, ich weiß es, deine Mutter taugte nichts; sie ist eine ganz verworfene Person gewesen.»
«Was sagst du?» rief Oliver rasch aufblickend.
«Eine ganz verworfene Person,» erwiderte Noah kühl, «und es war nur gut, daß sie starb, denn es würde ihr jetzt schlecht genug ergehen in der Tretmühle, wenn sie anders nicht deportiert oder gehängt worden wäre. Hab' ich nicht recht, Armenhäusler?»
Olivers Geduld war zu Ende; purpurrot vor Wut sprang er auf, warf seinen Stuhl samt dem Tische um, faßte Noah bei der Kehle, schüttelte ihn so stark, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, sammelte seine ganze Kraft und schlug ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden.
Eine Minute vorher hatte er das Aussehen des stillen, sanftmütigen, eingeschüchterten Kindes noch gehabt, zu dem harte Behandlung ihn gemacht hatte. Aber sein Mut war endlich erwacht; die tödliche Beleidigung, die Noah seiner toten Mutter zugefügt, hatte sein Blut in Wallung gebracht. Seine Brust hob sich, er stand aufrecht da wie ein Held, sein Auge strahlte lebhaft; sein ganzes Wesen war verändert, als er funkelnden Blickes vor dem feigen Quäler stand, der jetzt zusammengekrümmt zu seinen Füßen lag.
«Er ermordet mich!» heulte Noah. «Charlotte, Fräulein! Der neue Lehrjunge ermordet mich! Zu Hilfe, zu Hilfe! Oliver ist verrückt geworden! Char–lotte!»
Noahs Geschrei wurde durch ein lautes Aufkreischen von Charlottes Seite und durch ein lauteres von seiten Mrs. Sowerberrys beantwortet; die erstere stürzte durch eine Seitentür in die Küche, während die letztere noch auf der Treppe zauderte, bis sie sich völlig davon überzeugt hatte, daß sie näher treten konnte, ohne ihr kostbares Leben zu gefährden.
«Du verdammter Halunke!» schrie Charlotte und packte Oliver kräftig am Arme. «Du undankbarer, mordgieriger, abscheulicher Schuft!» Und dabei schlug sie unausgesetzt aus Leibeskräften auf Oliver ein.
Charlottes Faust gehörte nicht zu den leichtesten, und jetzt kam ihr auch noch Mrs. Sowerberry zu Hilfe, die in die Küche stürzte und ihn mit der einen Hand festhielt, während sie ihm mit der anderen das Gesicht zerkratzte. Bei diesem günstigen Stande der Angelegenheit erhob sich auch Noah vom Fußboden und griff ihn von hinten an.
Dieser dreifache Angriff war zu heftig, als daß er lange hätte dauern können. Als sie alle drei ermüdet waren und nicht länger zerren und schlagen konnten, schleppten sie Oliver in den Kehrichtkeller und schlossen ihn hier ein. Nachdem dies glücklich vollbracht war, sank Mrs. Sowerberry auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.
«Um Gottes willen, sie stirbt!» rief Charlotte. «Ein Glas Wasser, liebster Noah! Spute dich!»
«O Charlotte», sagte Mrs. Sowerberry stöhnend, «was für ein Glück, daß wir nicht alle in unseren Betten ermordet worden sind!»
«Ja, Madam,» lautete die Antwort, «das ist in der Tat ein Glück von Gott. Der arme Noah! Er war schon halb ermordet, als ich hineinkam.»
«Armer Junge!» sagte Mrs. Sowerberry, indem sie mitleidig auf den Knaben blickte. «Was sollen wir anfangen?» fuhr sie nach einer Weile fort. «Der Herr ist nicht daheim; es ist kein Mann im ganzen Hause, und er wird die Kellertür in zehn Minuten eingestoßen haben.»
«Mein Gott, mein Gott!» jammerte Charlotte, «ich weiß es nicht, Ma'am! Aber vielleicht schicken wir nach der Polizei.»
«Oder nach dem Militär!» warf Claypole ein.
«Nein, nein!» erwiderte Mrs. Sowerberry, die sich in diesem Augenblick an Olivers alten Freund erinnerte. «Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und bitte ihn, unverzüglich herzukommen und keine Minute zu verlieren. Es tut nichts, wenn du auch ohne Mütze gehst. Mach hurtig!»
Ohne sich die Zeit zu einer Antwort zu lassen, stürzte Noah davon, und die ihm begegnenden Leute waren sehr erstaunt, einen Armenknaben barhäuptig in voller Eile durch die Straßen rennen zu sehen.
Oliver bleibt widerspenstig.
Noah Claypole unterbrach seinen hastigen Lauf nicht ein einziges Mal und kam ganz atemlos vor dem Tor des Armenhauses an. Hier blieb er einen Augenblick stehen, um sein Gesicht in möglichst klägliche Falten zu legen, klopfte dann laut an die Pforte und zeigte dem öffnenden Armenhäusling eine so jammervolle Miene, daß selbst dieser, der sein ganzes Leben lang nichts als jammervolle Mienen um sich gesehen hatte, erschrocken zurückfuhr und fragte: «Was hast du denn nur, Junge?»
«Mr. Bumble, Mr. Bumble!» rief Noah in gut geheuchelter Angst und in so lautem, erregtem Tone, daß Mr. Bumble, der zufällig in der Nähe war, es nicht nur hörte, sondern auch dadurch in solche Aufregung geriet, daß er ohne seinen dreieckigen Hut in den Hof stürzte – ein deutlicher Beweis dafür, daß selbst ein Kirchspieldiener unter Umständen seine Fassung verlieren und seine persönliche Würde außer acht lassen kann.
«Oh, Mr. Bumble – o Sir!» schrie Noah; «Oliver, Sir – Oliver Twist!»
«Wie – was? Ist er – ist er davongelaufen?»
«Nein, Sir; er ist ganz ruchlos geworden. Er hat mich und Charlotte und Missis ermorden wollen! O Sir! o Sir – mein Nacken, mein Kopf, mein Leib, mein Leib!»
Sein Geheul zog den Herrn mit der weißen Weste herbei.
«Sir,» rief Bumble demselben entgegen, «hier ist ein Knabe aus der Freischule, der von Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre!»
«Bei Gott,» bemerkte der Herr mit der weißen Weste, «das habe ich gewußt. Ich hatte von Anfang an eine seltsame Ahnung, daß dieser freche, kleine Taugenichts noch gehängt werden würde.»
«Er hat auch die Magd ermorden wollen», sagte Bumble mit bleichem Gesicht.
«Und die Frau», fiel Noah ein.
«Und nicht wahr, Noah, sagtest du nicht, auch seinen Herrn?» fragte Bumble.
«Nein, der Herr war nicht zu Hause, sonst hätte er ihn auch gemordet», antwortete Noah. «Aber der Bösewicht sagte, er wollte es tun.»
«Sagte er, daß er es tun wollte, mein Kind?» fragte der Herr mit der weißen Weste.
«Ja, Sir!» erwiderte Noah. «Und Missis wünscht zu wissen, ob Mr. Bumble wohl nicht einen Augenblick Zeit hätte, um zu kommen und ihn zu züchtigen, da der Herr nicht zu Hause ist.»
«Gewiß, mein Junge, gewiß», sagte der Herr in der weißen Weste, indem er freundlich lächelte und Noahs Kopf streichelte. «Du bist ein guter Junge, ein sehr guter Junge. Hier hast du einen Penny. Bumble, gehen Sie sofort mit Ihrem Stabe zu Sowerberry und sehen Sie zu, was am besten zu tun ist. Schonen Sie ihn nicht, Bumble, und sagen Sie auch Sowerberry, er solle in Zukunft strenge mit ihm verfahren.»
«Ich werde alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit besorgen, Sir!» erwiderte Bumble, indem er sich zusammen mit Noah auf den Weg machte.
Als sie an ihrem Bestimmungsorte anlangten, war die Lage der Dinge dort unverändert. Sowerberry war noch nicht zurückgekehrt, und Oliver schlug fortwährend mit unverminderter Heftigkeit an die Kellertür. Mr. Bumble donnerte mit seinem Fuße von außen an die Tür, um sein Kommen anzuzeigen, legte dann seinen Mund ans Schlüsselloch und sagte in tiefem, eindringlichem Tone: «Oliver.»
«Laßt mich hinaus!» rief Oliver von innen.
«Kennst du meine Stimme, Oliver?»
«Ja!»
«Fürchtest du dich nicht – zitterst du nicht bei meiner Nähe?»
«Nein!»
Bumble war starr vor Erstaunen.
«Er muß verrückt geworden sein!» bemerkte Mrs. Sowerberry.
«'s ist keine Verrücktheit, Ma'am,» sagte Bumble, «'s ist das Fleisch!»
«Das Fleisch?!»
«Ja, ja, Ma'am! Sie haben ihn überfüttert, Ma'am. Hätten Sie ihm nichts als Haferbrei gegeben, so würde er nimmermehr so geworden sein.»
Mrs. Sowerberry machte sich wegen ihrer Gutherzigkeit und Freigebigkeit die bittersten Vorwürfe, so unschuldig in Gedanken, Worten und Werken sie auch war.
Bumble erklärte, daß nur Einsperren und sodann strenge Diät den rebellischen Sinn des kleinen Galgenstricks würden bändigen können. In diesem Augenblick kehrte Sowerberry zurück, dem sofort der Vorfall mit solchen Übertreibungen erzählt wurde, daß er die Tür öffnete, den Knaben beim Kragen faßte und herauszog.
Olivers Kleider waren zerrissen, sein Gesicht war verschwollen und zerkratzt, und sein Haar hing ihm wirr über die Stirn herab. Die zornige Röte war jedoch aus seinem Gesicht nicht verschwunden, und als er aus seinem Gefängnis gezogen wurde, warf er Noah einen drohenden Blick zu.
«Nun, du bist ja ein netter Bursche», sagte Sowerberry, schüttelte Oliver derb und gab ihm rechts und links ein paar Ohrfeigen.
«Er beschimpfte meine Mutter», sagte Oliver.
«Und wenn er das auch tat, du undankbarer Bösewicht», versetzte Mrs. Sowerberry. «Sie hat's verdient, was er von ihr gesagt hat, und noch viel mehr.»
«Nein, nein!» rief Oliver. «'s ist eine Lüge!»
Mrs. Sowerberry brach in eine Tränenflut aus, und dies ließ ihrem Gatten keine Wahl. Denn wenn er nicht auf der Stelle Oliver nachdrücklich gezüchtigt hätte, so würde er sich, gemäß allen Ehezänkereiregeln, als eine Nachtmütze, ein liebloser Ehemann, ein Ungeheuer gezeigt haben. So ungern er es daher auch tun mochte, er züchtigte Oliver dermaßen, daß die nachträgliche Anwendung des Rohrs Mr. Bumbles jedenfalls sehr unnötig war. Oliver wurde darauf bei Wasser und Brot wieder eingesperrt und spät abends unter Noahs unbarmherzigem Gespött zu Bett gewiesen.
Erst hier ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte allen Spott und Hohn mit hartnäckiger Verachtung, die schmerzlichsten Streiche ohne Schrei ertragen und würde nicht geweint haben, wenn man ihn lebendig geröstet hätte; ein solcher Stolz war in seiner Brust erwacht. Nun aber, da er allein und gänzlich sich selber überlassen war, fiel er auf die Knie nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte solche Tränen, wie Gott sie den Betrübten und Geängsteten zur Erleichterung ihres Herzens sendet, wie nur wenige menschliche Wesen, so jung an Jahren wie Oliver, sie zu vergießen Ursache hatten.
Es währte lange, bevor er sich wieder erhob. Das Licht war tief heruntergebrannt, er horchte und blickte vorsichtig umher, öffnete leise die Tür und sah hinaus. Die Nacht war finster und kalt. Die Sterne schienen ihm weiter von der Erde entfernt zu sein, als er sie je gesehen; die Bäume, von keinem Winde bewegt, standen wie Geister da. Er verschloß die Tür wieder, knüpfte seine wenigen Habseligkeiten in ein Taschentuch und setzte sich auf eine Bank, um den Anbruch des Tages zu erwarten.
Mit dem ersten durch die Ritzen der Fensterladen eindringenden Lichtstrahle stand er auf, öffnete die Tür zum zweiten Male, blickte furchtsam umher, zögerte ein paar Augenblicke, trat hinaus und ging, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, rasch vorwärts. Nach einiger Zeit gewahrte er, daß er sich ganz in der Nähe der Anstalt befände, in der er seine ersten Kinderjahre verlebt hatte. Es war niemand zu hören oder zu sehen; er blickte in den Garten hinein. Einer seiner kleinen, weit jüngeren Spielkameraden reinigte ein Beet vom Unkraut. Sie hatten miteinander gar oft Hunger, Schläge und Einsperrung erduldet.
«Pst! Dick!» rief Oliver.
Der Knabe lief herbei und streckte ihm die abgemagerten Hände durch die Gittertür entgegen.
«Ist schon jemand auf, Dick?»
«Keiner als ich.»
«Sag' ja nicht, daß du mich gesehen hast, Dick; ich bin fortgelaufen; konnt's nicht mehr aushalten und will mein Glück in der Welt versuchen. Ich muß weit fort von hier; weiß nicht, wohin. Wie blaß du aussiehst!»
«Ich habe den Doktor sagen hören, daß ich sterben müßte. Ach, das ist schön, daß du hier bist! Aber halt dich nicht auf; lauf fort!»
«Ja, ja, leb wohl! Ich weiß gewiß, wir sehen uns wieder, Dick. Du wirst noch recht glücklich werden.»
«Das hoff' ich – wenn ich tot bin; eher nicht. Ich weiß es, Oliver, der Doktor hat recht; denn ich träume so viel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich niemals sehe, wenn ich aufwache. Leb wohl, Oliver; geh mit Gott! Gottes Segen begleite dich!»
Oliver hatte noch nie des Himmels Segen auf sich herabrufen hören, und nie vergaß er diese Segnung von den Lippen eines Kindes unter allen Leiden, Sorgen, Mühen, Kämpfen und Wechselschicksalen seines Lebens.
Oliver geht nach London und trifft mit einem absonderlichen jungen Gentleman zusammen.
Oliver lief ohne Rast und Ruhe, bis er um die Mittagsstunde bei einem Meilensteine stillstand, auf dem die Entfernung Londons angegeben war. Dort konnte man ihn nicht finden, er hatte oft sagen hören, daß die unermeßliche Stadt zahllose Mittel zum Fortkommen darböte, sein Entschluß war gefaßt; er machte sich bald wieder auf den Weg und gedachte nun erst der Schwierigkeiten, die er zu überwinden haben würde, um an sein Ziel zu gelangen. Er hatte ein grobes Hemd, zwei Paar Strümpfe, eine Brotrinde und einen Penny in seinem Bündel – ein Geschenk Mr. Sowerberrys nach einem Begräbnisse, bei welchem er sich dessen ungewöhnliche Zufriedenheit verdient hatte. Er sann vergeblich darüber nach, wie er mit so geringen Mitteln London erreichen solle – und trabte weiter.
Nachdem er zwanzig Meilen zurückgelegt hatte, lenkte er auf eine Wiese ein und legte sich in einem Heuhaufen zur Ruhe nieder. Er machte am zweiten Tage abermals zwölf Meilen, verwendete seinen Penny für Brot, übernachtete auf ähnliche Weise und erhob sich am dritten Morgen fast erfroren und mit erstarrten Gliedern, so daß er sich kaum von der Stelle bewegen konnte.
Die Straße wand sich hier einen ziemlich steilen Hügel hinauf, und er flehte die Außenpassagiere einer Postkutsche um eine Gabe an. Nur einer beachtete ihn, rief ihm zu, er möge warten, bis man oben angelangt wäre, und begehrte darauf zu erfahren, wie weit er um einen halben Penny mitlaufen könne. Oliver mußte nach der größten Anstrengung doch bald zurückbleiben, und der Mildtätige steckte sein Geldstück wieder in die Tasche und erklärte ihn für einen faulen Schlingel, der keine Freigebigkeit verdiene. Dahin rollte die Postkutsche und ließ nur eine Staubwolke zurück.
In manchen Dörfern waren Pfosten mit Tafeln errichtet, auf welchen scharfe Drohungen gegen alle Bettler zu lesen waren, und Oliver eilte furchtsam weiter; in anderen, wenn er etwa vor einem Gasthause mit sehnsüchtigen Blicken stillstand, hieß man ihn sich davonmachen, wenn er nicht als ein Dieb eingesperrt werden wollte. Aus vielen Häusern vertrieb ihn die Drohung, daß man die Hunde loslassen werde, wenn er sich nicht sofort entferne.
Es würde ihm ohne Zweifel ergangen sein, wie seiner unglücklichen Mutter, wenn sich nicht ein menschenfreundlicher Schlagbaumwärter und eine gutherzige Frau seiner angenommen hätten. Jener erquickte ihn durch ein, wenn auch nur aus Brot und Käse bestehendes Mittagsmahl; und diese, die einen schiffbrüchigen, sie wußte nicht wo umherirrenden Großsohn hatte, gab ihm, was ihre Armut vermochte, und obendrein, was mehr war für Oliver und ihn alle seine Leiden auf eine Zeitlang vergessen ließ, freundliche Worte und mitleidige Zähren.
Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte er mit wunden Füßen die kleine Stadt Varnet. Die Fensterläden waren geschlossen, die Straßen waren leer; nicht eine einzige Seele hatte sich schon zu den Geschäften des Tages erhoben. Die Sonne ging in all ihrer strahlenden Schönheit auf; aber ihr Licht diente nur dazu, dem Knaben seine Verlassenheit so recht zu Gemüte zu führen, als er mit blutenden Füßen und staubbedeckt auf einer Türschwelle saß.
Allmählich wurden die Läden geöffnet und die Rouleaus in die Hoöe gezogen, und die Leute begannen auf und ab zu gehen. Einige blieben stehen, um Oliver ein paar Augenblicke zu betrachten, oder wandten sich im Vorbeieilen um, um einen Blick auf ihn zu werfen; aber niemand kümmerte sich um ihn oder fragte, wie er dorthin käme. Er hatte nicht den Mut, jemand um eine Gabe anzusprechen. Nach einiger Zeit ging ein Knabe an ihm vorüber, sah sich nach ihm um, ging weiter, sah sich noch einmal um, stand still, kehrte zurück und redete ihn an.
Er mochte ungefähr so alt sein wie Oliver selbst, der nie einen so absonderlichen Kauz gesehen. Er hatte eine Stumpfnase und eine platte Stirn, sah höchst ordinär und schmutzig aus, und seine ganze Haltung und sein Benehmen war wie das eines Mannes. Er war klein für sein Alter, hatte Dachsbeine und kleine, scharfe, häßliche Augen. Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopfe, als wenn er jeden Augenblick herunterfallen müßte, und er würde auch heruntergefallen sein, wenn er nicht durch häufige rasche Kopfbewegungen seines Besitzers immer wieder zurechtgerückt oder befestigt worden wäre. Die Kleidung des Kleinen war gleichfalls nichts weniger als knabenhaft, und die ganze Figur stellte das vollkommene Bild eines renommierenden, prahlhaften kleinen Helden von vier Fuß Höhe dar.
«Was fehlt dir, Bursch? Was scheft dermehr?»Bredete er Oliver an.
«Ich bin sehr hungrig und müde», erwiderte Oliver, mit Tränen in den Augen. «Ich komme weit her und bin seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen.»
«Weit her – hm! – seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen? – Ah – sehe schon – auf Oberschenkels Befehl – he? Doch,» fügte er hinzu, als er Olivers verwunderte Miene gewahrte, «du scheinst nicht zu wissen, was ä Oberschenkel ist, mein guter KochemerC.»
Oliver erwiderte schüchtern, er wisse allerdings sehr wohl, daß man unter einem Oberschenkel den oberen Teil eines Beines verstehe.
«Ha, ha, ha! Wie grün!» rief der junge Gentleman aus. «Ä Oberschenkel ist ä Friedensrichter, wer auf 'nes Oberschenkels Befehl geht, kommt nicht vorwärts, sondern geht immer 'nauf, ohne wieder 'runter zu kommen. Noch nicht in der Mühle gewesen?»
«In was für einer Mühle?» fragte Oliver.
«Ei, in der, die in ä DovesDPlatz hat. Doch du bist butterichE; ich hab' freilich auch nicht eben zu viel MassummeF, aber so weit's zureicht, will ich rausrücken und blechen. Steh auf – komm!»
Der junge Gentleman half Oliver aufstehen und nahm ihn mit sich in sein Gasthaus, wo er Brot und Schinken bringen ließ und ihn sehr aufmerksam beim Essen beobachtete. Als sich Oliver endlich gesättigt, warf er die Frage hin: «Nach London?»
«Ja.»
«Hast du eine Wohnung?»
«Nein.»
«Geld?»
«Nein.»
Der junge Herr senkte die Hände in die Taschen und pfiff. –
«Wohnst du in London?» fragte Oliver.
«Ja, wenn ich zu Hause bin. Aber du weißt wohl nicht, wo du kommende Nacht schlafen sollst?»
«Nein», antwortete Oliver. «Ich habe seit sieben Nächten unter keinem Dache geschlafen.»
«Mach dir darum nur keine Sorgen. Ich gehe heute abend nach London und kenne da 'nen respektablen alten Herrn, der dir Wohnung umsonst geben und dir bald 'ne gute Stelle verschaffen wird – das heißt, wenn dich ä Schentleman einführt, den er kennt. Und ob er mich wohl kennt!» fügte der junge Herr lächelnd hinzu.
Das unerwartete Anerbieten war zu lockend, als daß Oliver einen Augenblick hätte anstehen sollen, es anzunehmen. Er wurde zutraulicher und erfuhr nun auch, daß sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und ein besonderer Liebling des erwähnten alten Herrn sei. – Jacks Äußeres schien freilich den Lieblingen des alten Herrn nicht viele Vorteile zu versprechen; allein da er ziemlich leichtfertig und großsprecherisch redete und auch gestand, daß er unter seinen Bekannten allgemein den Namen des «gepfefferten Baldowerers» (d. h. gewitzten Kundschafters) führe, so schloß Oliver, er möge nicht eben viel taugen und die guten Lehren seines Wohltäters in den Wind schlagen. Oliver nahm sich daher in der Stille vor, sich so bald wie möglich die Gunst des alten Herrn zu erwerben, und wenn er den Baldowerer unverbesserlich fände, die Ehre der näheren Bekanntschaft mit ihm abzulehnen.
Da es Jack nicht genehm war, vor Abend in London einzutreffen, so wurde es fast elf Uhr, bevor sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Der Baldowerer führte Oliver eiligen Schrittes durch ein Gewirr von Straßen und Gassen, so daß sein Begleiter ihm kaum zu folgen vermochte. Trotz dieser Eile konnte Oliver nicht umhin, beim Weitergehen ein paar hastige Blicke nach beiden Seiten zu werfen. Eine schmutzigere oder elendere Gegend hatte er noch nie gesehen. Die Straßen waren äußerst eng und unsauber, und die Luft war mit üblen Gerüchen erfüllt. Es war eine große Menge kleiner Läden vorhanden, aber der einzige Warenvorrat schien in Haufen von Kindern zu bestehen, die selbst zu dieser späten Nachtstunde innerhalb und außerhalb der Türen umherkrochen oder im Innern der Häuser schrien. Bedeckte Wege und Höfe, die hier und da von der Hauptstraße abbogen, führten zu kleinen Häusergruppen, vor denen betrunkene Männer und Frauen sich tatsächlich im Schmutze wälzten, und an verschiedenen Torwegen tauchten großgewachsene, verdächtig aussehende Burschen auf, die allem Anschein nach nicht viel Gutes im Schilde führten. Oliver überlegte schon, ob er nicht am besten täte, davonzulaufen, als ihn sein Führer plötzlich beim Arm nahm, die Tür eines Hauses unweit Fieldlane öffnete, ihn hineinzog und die Tür wieder verschloß. Der Baldowerer pfiff und erwiderte auf den Ruf: «Wer da?» – «Grim und petacht!»GUnten auf dem Hausflur zeigte sich Licht, und der Kopf eines Mannes tauchte auf der zur Küche hinunterführenden Treppe empor.
«Es sind euer zwei – wer ist der andere?»
«Ein neuer Chawwer», rief Jack, Oliver nachziehend, zurück.
«Woher kommt er?»
«Von Grünland. Ist Fagin oben?»
«Ja. Er sortiert die SchneichenH. Geh hinauf!»
Das Licht wurde zurückgezogen, und der Kopf verschwand.
Jack führte Oliver eine finstere, sehr schadhafte Treppe hinauf, mit der er jedoch sehr genau bekannt zu sein schien, öffnete die Tür eines Hinterzimmers und zog Oliver nach.
Die Wände des Gemachs waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem elenden Tische stand ein in den Hals einer Bierflasche gestecktes Licht und am Kamine die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden mit einem zurückstoßenden, spitzbübischen, satanischen Gesicht, das durch dichte, klebrige, rote Haare verdunkelt wurde. Er steckte in einem fettigen flanellenen Schlafrocke, trug den Hals bloß und schien seine Aufmerksamkeit zwischen dem Feuer, an welchem er Brotschnitte röstete, und dem Kleidergestell zu teilen, auf welchem eine große Anzahl seidener Taschentücher hing. An dem Tische saßen vier oder fünf Knaben, keiner älter als Jack, rauchten aus langen Tonpfeifen und tranken Branntwein, ganz als wenn sie Erwachsene gewesen wären. Sie drängten sich um den Baldowerer, als er dem Juden einige Worte zuflüsterte, drehten sich darauf nach Oliver um, und sie und der Jude grinsten ihn an.
«Fagin, das ist er, mein Freund Oliver Twist», sagte Jack Dawkins laut.
Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, faßte seine Hand und sagte, er hoffe, die Ehre seiner näheren Bekanntschaft zu haben. Hierauf umringten ihn die jungen, rauchenden Gentlemen und drückten ihm eifrig die Hände – besonders die linke, in welcher er sein kleines Bündel trug. Der eine von ihnen zeigte großen Eifer, seine Kappe aufzuhängen, und ein anderer war so dienstfertig, in seine Tasche zu greifen, um ihn der Mühe zu überheben, wenn er sich niederlegte, sie auszuleeren; und alle diese Höflichkeiten würden kein Ende gehabt haben, wenn der Jude die Köpfe und Schultern der gefälligen jungen Herren nicht mit der Röstgabel, die er in der Hand hielt, zu bearbeiten angefangen hätte.
«Wir sind alle sehr erfreut, dich kennen zu lernen, Oliver», sagte der Jude. «Baldowerer, mache einen Platz für Oliver am Feuer frei. Ah, du betrachtest verwundert die Taschentücher, mein Lieber? Nicht wahr, es sind ihrer eine ganze Menge? Wir haben sie soeben zum Waschen herausgehängt. Das ist alles, Oliver; das ist alles. Ha, ha, ha!»
Seine letzten Worte wurden von einem schallenden Gelächter all der hoffnungsvollen Zöglinge des lustigen alten Herrn begrüßt, worauf sich alle zu Tisch setzten.
Nachdem Oliver seinen Teil gegessen, mischte ihm der Jude ein Glas heißen Genever mit Wasser und sagte ihm, er müsse sogleich austrinken, weil noch jemand des Glases bedürfe. Oliver tat, was ihm geheißen war, sein Freund Jack hob ihn auf, legte ihn auf ein aus alten Säcken bereitetes Lager, und er versank sogleich in einen tiefen Schlummer.
Weitere Mitteilungen über den alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.
Es war schon spät am folgenden Morgen, als Oliver aus einem langen, festen Schlummer erwachte, doch vorerst nur zu jenem Mittelzustande zwischen Schlaf und Wachen, in welchem man sich noch nicht vollkommen ermuntern kann und doch alles hört und sieht, was umher vorgeht.
Der Jude war außer Oliver allein im Zimmer. Er schlürfte seinen Kaffee, setzte das Geschirr nach einiger Zeit zur Seite, stand eine Weile am Kamin, wie wenn er nicht wüßte, was er zunächst vornehmen sollte, blickte darauf nach Oliver hin und rief ihn beim Namen. Oliver antwortete nicht und schien noch zu schlafen.
Der Jude horchte, ging zur Tür, schob den Riegel vor und nahm darauf, wie es Oliver schien, aus einer Vertiefung des Fußbodens eine kleine Schachtel heraus und stellte sie auf den Tisch. Seine Augen glänzten, als er sie öffnete und in die Schachtel hineinschaute. Er setzte sich und nahm eine goldene, von Diamanten funkelnde Uhr heraus.
«Aha!» murmelte er mit einem entsetzlichen Lächeln. «Verdammt pfiffige Bestien! Und courageux bis zum letzten Augenblick. Sagten mit keinem Sterbenswörtchen dem alten Pfarrer, wo sie wären, verkapptenIden alten Fagin nicht. Und was hätt's ihnen geholfen? Der Strick wäre doch geblieben fest – hätten gebaumelt keinen Augenblick später. Nein, nein! Wackre Bursche, wackre Bursche!»
Er legte die Uhr wieder in die Schachtel, nahm mehrere andere und dann Ringe, Armbänder und viele Kostbarkeiten heraus, deren Namen oder Gebrauch Oliver nicht einmal kannte, und beäugelte sie mit gleichem Vergnügen. Hierauf legte er ein sehr kleines Geschmeide in seine flache Hand und schien lange bemüht, zu lesen, was darin eingegraben sein mochte. Endlich ließ er es, wie am Erfolge verzweifelnd, wieder in die Schachtel hineinfallen, lehnte sich zurück und murmelte: «Was es doch ist für 'ne hübsche Sache ums Hängen! Tote bereuen nicht – bringen ans Licht keine dummen Geschichten. Selbst die Aussicht auf den Galgen macht sie keck und dreist. 's ist sehr schön fürs Geschäft. Fünf aufgehangen in einer Reihe, und keiner übrig zu teilen mit mir oder zu lehmernJ.»
Er blickte auf, seine schwarzen, stechenden Augen begegneten Olivers Blicken, die in stummer Neugier auf ihn geheftet waren, und er gewahrte sogleich, daß er beobachtet worden war. Er drückte die Schachtel zu, griff nach einem auf dem Tische liegenden Messer und sprang wütend und am ganzen Leibe zitternd auf.
«Was ist das?» rief er. «Warum passest du mir auf? Warum bist du wach? Was hast du gesehen? Sprich, Bube – sprich, sprich, so lieb dir dein Leben ist!»
«Ich konnte nicht mehr schlafen», erwiderte Oliver bestürzt. «Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie gestört habe, Sir!»
«Hast du nicht schon seit einer Stunde gewacht?» fragte der Jude, Oliver finster anblickend.
«Nein, Sir – nein, wahrlich nicht», sagte Oliver.
«Ist's auch wahr?» rief der Jude mit noch drohenderen Gebärden.
«Auf mein Wort, Sir!» versicherte Oliver.
«Schon gut, schon gut!» fuhr der Jude, auf einmal sein gewöhnliches Wesen wieder annehmend, fort. «Ich weiß es wohl – wollte dich nur erschrecken – auf die Probe stellen. Du bist ein wackerer Junge, Oliver.» Er rieb sich kichernd die Hände, blickte jedoch unruhig nach der Schachtel hin. «Hast du gesehen die hübschen Sachen?» fragte er nach einigem Stillschweigen.
«Ja, Sir.»
«Ah!» rief erblassend der Jude aus. «Sie – sind mein Eigentum, Oliver; mein kleines Eigentum – alles, was ich besitze für meine alten Tage. Man schilt mich einen Geizhals – aber ich muß doch leben.»
Oliver dachte, der alte Herr müsse wirklich ein Geizhals sein, denn er würde sonst nicht, obgleich im Besitz solcher Schätze, so erbärmlich wohnen. Indes meinte er, seine Liebe zu Jack und den anderen Knaben möchte ihm wohl viel Geld kosten. Er fragte schüchtern, ob er aufstehen dürfe. Der Jude hieß ihn Wasser zum Waschen aus dem dastehenden Steinkruge holen, und als Oliver es geschöpft hatte und sich umdrehte, war die Schachtel verschwunden.
Er hatte sich kaum gewaschen, als der Baldowerer nebst einem der Knaben eintrat, die Oliver am vorigen Abend hatte rauchen sehen. Jack stellte ihm seinen Begleiter, Charley Bates, förmlich vor, und alle vier setzten sich zum Frühstück, das Jack in seinem Hute mitgebracht hatte.
«Ich hoffe, daß ihr heute morgen gearbeitet habt!» sagte der Jude zu Jack, nach Oliver blinzelnd.
«Tüchtig!» lautete die Antwort.
«Wie Drescher!» setzte Charley Bates hinzu.
«Ah, ihr seid gute Jungen! Was hast du mitgebracht, Baldowerer?»
«Ein paar Brieftaschen!» erwiderte Jack und reichte ihm eine rote und eine grüne hin.
Der Jude öffnete beide und durchsuchte sie mit bebender Begier. «Nicht so schwer, als sie sein könnten», bemerkte er; «aber doch artige Arbeit, recht artige Arbeit – nicht wahr, Oliver?»
«Ja, wahrlich, Sir!» antwortete Oliver, worüber Charley Bates, zur großen Verwunderung Olivers, laut zu lachen anfing.
«Was hast du denn mitgebracht, Charley?» fragte der Jude.
«Schneichen!» erwiderte Master Bates und wies vier Taschentücher vor.
Der Jude nahm sie in genauen Augenschein.
«Sie sind sehr gut», sagte er; «du hast sie aber nicht gezeichnet gut; die Buchstaben müssen wieder ausgelöst werden, und das soll Oliver lernen. Willst du, Oliver?»
«Wenn Sie es befehlen, gern, Sir!» war Olivers Antwort.
«Möchtest du mir wohl ebenso leicht Taschentücher anschaffen können wie Charley?»
«Warum nicht – wenn Sie es mich lehren wollen, Sir?»
Charley brach abermals in ein schallendes Gelächter aus und wäre dabei fast erstickt, da er eben einen Bissen zum Munde geführt hatte. «Er ist gar zu allerliebst grün!» rief er endlich, gleichsam zur Entschuldigung seines unhöflichen Benehmens, aus.
Der Baldowerer bemerkte, Oliver würde seinerzeit schon alles lernen. Der Jude sah Oliver die Farbe wechseln und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Er fragte, ob viele Zuschauer bei der Hinrichtung gewesen wären, und Olivers Erstaunen wuchs immer mehr, denn aus den Antworten Jacks und Charleys ging hervor, daß sie beide zugegen gewesen waren, und es war ihm unerklärlich, wie sie dessenungeachtet so fleißig hatten arbeiten können.
Als das Frühstück beendet war, spielten der muntere alte Herr und die beiden Knaben ein äußerst sonderbares und ungewöhnliches Spiel. Der alte Herr steckte eine Dose, eine Brieftasche und eine Uhr in seine Taschen, eine Brustnadel in sein Hemd, hing eine Uhrkette um den Hals, knöpfte den Rock dicht zu, ging auf und ab, blieb bisweilen stehen, als wenn er in einen Laden hineinsähe, blickte beständig umher, als wenn er Furcht vor Dieben hegte, befühlte seine Taschen, wie um sich zu überzeugen, ob er auch nichts verloren hätte, und machte das alles so spaßhaft und natürlich, daß Oliver lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen hinabliefen. Die beiden Knaben verfolgten unterdes den Alten und entschwanden, wenn er sich umdrehte, seinen Blicken mit der bewunderungswürdigsten Behendigkeit. Endlich trat ihm der Baldowerer wie zufällig auf die Zehen, während Charley Bates von hinten gegen ihn anrannte, und sie entwendeten ihm dabei Taschentuch, Uhr, Brustnadel usw. so geschickt, daß Oliver kaum ihren Bewegungen zu folgen vermochte. Fühlte der alte Herr eine Hand in einer seiner Taschen, so war der Dieb gefangen, und das Spiel fing von vorn wieder an.
Es war mehreremal durchgespielt, als zwei junge Damen erschienen, um die jungen Herren zu besuchen. Die eine hieß Betsy, die andere Nancy. Ihr Haar war nicht in der genauesten Ordnung, ihre Schuhe und Strümpfe schienen nicht im besten Zustande zu sein. Sie waren vielleicht nicht eigentlich schön, hatten aber viel Farbe und ein kräftiges, munteres Aussehen. Ihre Manieren waren sehr frei und angenehm, und so meinte Oliver, daß sie sehr artige Mädchen wären, was sie auch ohne Zweifel waren.
Sie blieben lange. Es wurden geistige Getränke gebracht, da die jungen Damen über innerliche Kälte klagten, und die munterste Unterhaltung entspann sich. Endlich erinnerte sich Charley Bates, daß es Zeit sei, auszugehen. Der gute alte Herr gab ihm und dem Baldowerer verschiedene Anweisungen und Geld zum Ausgeben, worauf sie sich nebst Betsy und Nancy entfernten.
«Ist's nicht ein angenehmes Leben, das meine Knaben führen?» sagte Fagin.
«Sind sie denn auf Arbeit ausgegangen?» fragte Oliver.
«Allerdings», erwiderte der Jude; «und sie arbeiten den ganzen Tag unverdrossen, wenn sie nicht werden gestört. Nimm sie dir zum Muster, mein Kind; tu alles, was sie dir heißen; und folg' jederzeit ihrem Rat, besonders dem des Baldowerers. Er wird werden ein großer Mann und auch aus dir machen 'nen großen Mann, wenn du dir ihn zum Vorbilde nimmst. Hängt mein Taschentuch aus der Tasche, mein Lieber?»
«Ja, Sir!» sagte Oliver.
«So sieh einmal zu, ob du es herausziehen kannst, ohne daß ich's fühle, wie du's vorhin gesehen hast von den beiden.»
Oliver erinnerte sich genau, wie er es Jack hatte tun sehen, und tat es ihm nach.
«Ist's heraus?»
«Hier ist es, Sir.»
«Du bist ein kluger Knabe», sagte der alte Herr, ihm die Wange klopfend; «ich habe niemals gesehen ein anstelligeres Kind. Da hast du 'nen Schilling. Fährst du so fort, so wirst du werden der größte Mann deiner Zeit. Doch will ich dir jetzt zeigen, wie man herauslöst die Buchstaben.»
Oliver konnte gar nicht begreifen, wie er ein großer Mann dadurch werden könne, daß er dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zöge, meinte jedoch, daß es der so viel ältere besser wissen müsse als er, und war bald eifrig mit seinen neuen Studien beschäftigt.
Oliver gewinnt Erfahrung um einen hohen Preis.
Oliver blieb acht bis zehn Tage im Zimmer des Juden, wurde fortwährend beschäftigt, Zeichen aus den Taschentüchern, von denen eine große Menge nach Hause gebracht wurde, herauszutrennen, und nahm bisweilen an dem beschriebenen Spiele teil, das täglich gespielt wurde. Er fing immer mehr an, sich nach frischer Luft zu sehnen, und bat den alten Herrn mehrmals auf das dringendste, ihn mit seinen beiden Kameraden zum Arbeiten ausgehen zu lassen.
Endlich wurde ihm eines Morgens die Erlaubnis erteilt, unter Jacks und Charleys Aufsicht auszugehen. Es waren keine Taschentücher mehr da, an denen Oliver hätte arbeiten können, und vielleicht war dies der Grund, weshalb der alte Herr seine Zustimmung gab. Die Knaben gingen und gerieten sogleich in ein sehr langsames Schlendern, was Oliver höchst mißbilligte, eingedenk der vielfachen Warnungen des alten Herrn vor dem verderblichen Müßiggange. Der Baldowerer verübte mannigfachen Mutwillen an Knaben, und Charley erlaubte sich sogar, die Heiligkeit des Eigentums zu verletzen, wenn er an einem Apfel- oder Zwiebelkorbe vorüberkam. Oliver war daher schon im Begriff, unwillig heimzukehren, als seine Begleiter auf einmal anfingen, sich äußerst geheimnisvoll zu benehmen, wodurch er von seinem Vorhaben abgelenkt wurde.
Sie umschlichen einen alten Herrn, auf den sie ihn aufmerksam gemacht hatten, ohne seine Fragen anders als durch einige ihm unverständliche Worte und Winke zu beantworten. Er hielt sich einige Schritte hinter ihnen und stand endlich, unschlüssig, ob er weitergehen oder sich zurückziehen solle, verwundert zuschauend da.
Der alte Herr sah sehr respektabel aus, trug Puder in den Haaren und eine goldene Brille. Er hatte sich vor einen Bücherladen hingestellt, ein Buch zur Hand genommen, las darin, sein spanisches Rohr unter dem linken Arme, und hörte und sah offenbar nicht, was um ihn her vorging.
Wer beschreibt Olivers Bestürzung, als der Baldowerer dem alten Herrn das Tuch aus der Tasche zog, es Charley Bates reichte, und als darauf beide spornstreichs davonliefen! Im Augenblick war ihm das Geheimnis der Taschentücher, Uhren und Kleinodien klar. Das Blut stockte ihm in den Adern, ihm schwindelte vor Furcht und Schrecken, und ohne zu wissen, was er tat, lief er seinen Kameraden nach, so schnell seine Füße ihn tragen mochten. In demselben Augenblick griff der alte Herr nach seinem Tuche in die Tasche, vermißte es, drehte sich rasch um, sah Oliver laufen und erhob den Ruf: «Halt den Dieb!» – den magischen Ruf, auf welchen sofort alles lebendig wird, der Krämer aus seinem Laden auf die Straße stürzt, der Gemüsehändler seinen Korb, der Milchmann seinen Eimer, der Pflasterer seine Ramme, der Schulknabe seine Bücher im Stiche läßt und alles nachläuft.
Jack und Charley hatten Aufsehen zu vermeiden gewünscht und waren daher nur bis um die nächste Ecke gelaufen, worauf sie sich unter einem Torwege neugierigen Blicken zu entziehen suchten. Sobald sie das Geschrei «Halt den Dieb!» vernahmen, stimmten sie aus allen Kräften ein und schlossen sich wie gute Bürger den Verfolgern an. Diese Anwendung des großen Naturgesetzes der Selbsterhaltung war Oliver vollkommen neu. Er wurde noch mehr verwirrt und bestürzt und verdoppelte seine Eile, sah sich indes nach einiger Zeit eingeholt und wurde obendrein zu Boden geschlagen.
In wenigen Augenblicken war ein zahlreicher Haufen um ihn versammelt. «Drückt ihn doch nicht tot!» – «Verdient er's besser?» – «Wo ist der bestohlene Herr?» – «Da kommt er schon; macht Raum für den Herrn!» – «Ist dies der Bursch, Sir?» – «Ja!»
Oliver lag da, mit Schmutz bedeckt, blutend aus Nase und Mund, und sah betäubt und geängstet umher.
«Ich fürchte, daß es der Knabe ist», sagte der Herr sehr milde.
«Das fürchten Sie? Der ist auch wohl der Rechte.»
«Der arme Kleine hat sich beschädigt!» fuhr der Herr fort.
«Das hab' ich getan», fiel ein vierschrötiger Mensch, hervortretend, ein; «traf ihn gerade mit der Faust auf die Schnauze – ich hab' ihn aufgehalten für Sie, Sir.»
Er zog grinsend den Hut, eine Belohnung seiner Dienstfertigkeit erwartend; allein der alte, dicke Herr blickte ihn unwillig an und hätte sich offenbar gern entfernt, wenn sich nicht ein Polizist, der in solchen Fällen gewöhnlich zuletzt kommt, in diesem Augenblick durch die Menge gedrängt und Oliver beim Kragen gepackt hätte.
«Steh auf!» sagte der Mann barsch.
«Ich bin es wirklich nicht gewesen, Sir, wirklich und wahrhaftig nicht. Es waren zwei andere Knaben», sagte Oliver, die Hände bittend zusammenlegend. «Sie müssen hier irgendwo in der Nähe sein.»
«O nein, sie sind nicht hier», entgegnete der Beamte. Er meinte dies ironisch, aber es war die volle Wahrheit, denn der Baldowerer und Charley Bates hatten sich längst aus dem Staube gemacht. «Steh auf!»
«Tun Sie ihm nichts zuleide», sagte der menschenfreundliche Herr.
«O nein, ich werde ihm nichts zuleide tun», erwiderte der Polizist, indem er zum Beweise dafür Oliver die Jacke halb vom Rücken riß. «Komm nur; ich kenne dich schon. Willst du mal auf deinen Füßen stehen, verdammter kleiner Strolch!»
Oliver machte einen Versuch, sich zu erheben, konnte sich aber kaum aufrecht erhalten und wurde am Kragen seiner Jacke im Laufschritt durch die Straßen geschleppt. Der alte Herr ging mit, und ein immer anwachsender Volkshaufen folgte johlend und lärmend den drei nach der nächsten Polizeiwache.
Wie Mr. Fang die Gerechtigkeit handhabte.
Der Diebstahl war im Bezirke dieses Polizeiamtes begangen worden. Als der Zug auf der Wache anlangte, wurde Oliver vorläufig in ein kellerartiges Gemach eingeschlossen, das über alle Beschreibung schmutzig war, denn sechs Betrunkene hatten es fast drei Tage inne gehabt. Doch das will nichts sagen. Sperrt man doch Tag für Tag und Nacht für Nacht Männer und Weiber um der geringfügigsten, leichtfertigsten Anschuldigungen willen in Spelunken ein, gegen welche die Zellen der schwersten und bereits verurteilten Verbrecher im Newgategefängnisse für Prunkgemächer gelten könnten!
Der alte Herr sah Oliver mitleidig und wehmütig nach. –
«Es liegt ein Ausdruck in den Zügen des Knaben, der mich ganz wunderbar ergreift», sprach er bei sich selbst. «Sollte er nicht unschuldig sein? Er sah aus, als wenn er – hm! – ist mir's doch in der Tat, als wenn ich dieses Gesicht oder ein ganz ähnliches schon gesehen hätte.»
Er sann und sann, rief sich die Züge seiner Freunde, Feinde und Bekannten, alter und neuer, längst vergessener, längst im Grabe ruhender ins Gedächtnis zurück, vermochte sich aber dennoch auf keines zu entsinnen, mit welchem Oliver Ähnlichkeit gehabt hätte. «Nein, es muß Einbildung sein», sagte er endlich seufzend und kopfschüttelnd.
Er wurde durch eine Berührung an der Schulter aus seinem Sinnen aufgeschreckt und bemerkte, als er sich umwandte, den Schließer, der ihn aufforderte, ihm ins Amtszimmer zu folgen. Als er eintrat, saß Mr. Fang, der Polizeirichter, bereits hinter einer Barriere am oberen Ende, und neben der Tür befand sich eine Art von hölzernem Verschlag, in dem der arme Oliver, an allen Gliedern zitternd, hockte. Mr. Fangs Antlitz hatte den Ausdruck der Härte und war sehr rot. Wenn er nicht mehr zu trinken pflegte, als ihm gut war, so hätte er gegen sein Gesicht eine Injurienklage anstellen können, und sicher würden ihm beträchtliche Entschädigungsgelder zuerkannt worden sein.
Der alte Herr verbeugte sich ehrerbietig.
«Hier ist mein Name und meine Adresse, Sir!» sagte er und reichte Mr. Fang seine Karte.
Mr. Fang, der eben seine Zeitung las, war unwillig über die Störung und blickte ärgerlich auf.
«Wer sind Sie?»
Der alte Herr wies ein wenig erstaunt auf seine Karte.
Mr. Fang stieß sein Zeitungsblatt nebst der Karte verächtlich zur Seite.
«Gerichtsdiener! Wer ist dieser Mensch?»
«Sir, ich heiße Brownlow», fiel der alte Herr mit dem Anstande eines Gentleman in starkem Kontrast zu Mr. Fang ein. «Erlauben Sie, daß ich um den Namen des Richters bitte, der einen anständigen Mann ohne alle Veranlassung im Gerichtslokale beleidigt.»
«Gerichtsdiener!» herrschte Fang; «wessen ist dieser Mensch angeklagt?»
«Er ist nicht angeklagt, Ihr Edeln, sondern erscheint als Ankläger des Knaben.»
Seine Edeln wußten das sehr wohl, konnten jedoch auf die Weise ganz sicher unangenehme Dinge sagen.
«Erscheint als Ankläger des Knaben – so!» sagte Fang, Brownlow verächtlich von Kopf bis zu den Füßen betrachtend. «Nehmen Sie ihm den Eid ab.»
«Bevor das geschieht, muß ich mir ein paar Worte erlauben», fiel Brownlow ein. «Ich würde nämlich, ohne daß es mir wirklich widerfahren wäre, niemals geglaubt haben –»
«Halten Sie den Mund, Sir!» unterbrach ihn Fang in befehlshaberischem Tone.
«Ich will und werde reden!» sagte Brownlow ebenso bestimmt.
«Sie halten augenblicklich den Mund, Sir, oder ich lasse Sie hinausbringen. Sie sind ein unverschämter Mensch! Wie können Sie es wagen, sich den Anordnungen eines Richters widersetzen zu wollen?»
Dem alten Herrn stieg das Blut ins Gesicht.
«Vereidigen Sie dieses Individuum!» rief Fang dem Schreiber zu. «Ich will durchaus nichts mehr hören.»
Brownlow war im höchsten Grade entrüstet, glaubte aber, dem Knaben möglicherweise schaden zu können, wenn er seine Gefühle nicht unterdrückte, und legte daher den Eid ab.
«Wohin geht Ihre Anklage?» fragte ihn Fang darauf. «Was haben Sie zu sagen, Sir?»
«Ich stand vor einem Bücherladen», begann Brownlow, allein Fang unterbrach ihn.
«Schweigen Sie, Sir. Wo ist der Polizist? Vereidigen Sie den Polizisten. Polizist – reden Sie!»
Der Polizist berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, wie er den Knaben gefunden, und wie er ihm die Taschen durchsucht und nichts gefunden habe; – mehr wisse er nicht.
«Sind Zeugen vorhanden?» fragte Fang.
«Nein, Ihr Edeln.»
Fang saß ein paar Minuten schweigend da, wendete sich darauf zu Brownlow und sagte in großer Hitze: «Denken Sie Ihre Anklage gegen den Knaben anzubringen oder nicht? Sie haben geschworen. Verweigern Sie Ihr Zeugnis, so werd' ich Sie wegen Nichtachtung der Richterbank in Strafe nehmen; das werd' ich, beim –»
Es ist und bleibt unbekannt, bei wem; denn der Schreiber hustete im rechten Augenblick und ließ ein Buch zur Erde fallen – natürlich nur zufällig.
Brownlow konnte endlich vorbringen, was er zu sagen hatte, und fügte hinzu, daß er die Hoffnung hege, der Richter werde die Gesetze so mild wie möglich anwenden, wenn er es als erwiesen annehmen sollte, daß der Knabe, wenn er nicht selbst ein Dieb sei, doch mit Dieben in Verbindung stehe.
«Er ist bereits hart beschädigt,» schloß er, «und ich fürchte, daß ihm sehr unwohl ist.»
«Unwohl – so, so!» sagte Fang mit einem höhnischen Lächeln. «Du spielst mir hier keine Komödie, du kleiner Landstreicher, das sag' ich dir; kommst mir damit nicht durch. Wie heißest du?»
Oliver wollte antworten, aber die Zunge versagte den Dienst. Er war totenblaß, und alles schien sich mit ihm zu drehen.
«Wie heißest du, du verhärteter Schlingel?» donnerte ihn Fang wiederholt an. «Gerichtsdiener, wie heißt der Bube?»
Der Gerichtsdiener beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage, gewahrte aber, daß der Knabe wirklich nicht imstande war zu antworten, und sagte daher, weil er wußte, daß der Richter sonst nur noch wütender werden und eine noch härtere Strafe diktieren würde: «Er sagt, sein Name wäre Tom White, Ihr Edeln.»
«Wo wohnt er?» fragte Fang weiter.
«Wo er eben kann!» erwiderte der gutherzige Gerichtsdiener abermals für Oliver.
«Hat er Eltern?»
«Er sagt, sie wären in seiner Kindheit gestorben, Ihr Edeln!» entgegnete der Gerichtsdiener. Es war die gewöhnliche Antwort in Fällen dieser Art.
Oliver hob bei der letzten Frage den Kopf empor, sah mit flehenden Blicken umher und bat mit schwacher Stimme um ein Glas Wasser.
«Albernheiten!» sagte Fang. «Hab' mich ja nicht zum Narren, Bursch!»
«Ich glaube wirklich, daß ihm unwohl ist, Ihr Edeln!» wendete der Gerichtsdiener ein.
«Ich weiß es besser», fuhr Fang auf.
«Gerichtsdiener, halten Sie ihn!» rief der alte Herr, «oder er sinkt zu Boden.»
«Zurück da, Gerichtsdiener!» tobte Fang; «mag er, wenn's ihm beliebt.»
Oliver bediente sich der freundlichen Erlaubnis und fiel ohnmächtig von seiner Bank herunter.
Der Richter befahl, ihn liegen zu lassen, bis er wieder zu sich käme; der Schreiber fragte leise, wie Mr. Fang zu verfahren gedächte.
«Summarisch», erwiderte Mr. Fang. «Er wird drei Monate eingesperrt – natürlich bei harter Arbeit.»
Zwei Schließer schickten sich an, den ohnmächtigen Knaben in seine Zelle zu tragen, als plötzlich ein ältlicher, ärmlich, aber anständig gekleideter Mann atemlos hereintrat.
«Halt – halt!» rief er; «um des Himmels willen noch einen Augenblick Geduld.»
Obgleich die Polizeibeamten die willkürlichste Gewalt über die Freiheit, den guten Ruf und Namen, ja fast das Leben der königlichen Untertanen, besonders der ärmeren Klassen, zu üben pflegen, und obgleich in den Polizeigerichten genug Dinge vorgehen, um den Engeln blutige Tränen auszupressen, so erfährt das Publikum doch nichts davon, ausgenommen durch das Medium der Tagespresse. Mr. Fang war daher nicht wenig entrüstet, einen ungebetenen Gast eintreten und so ordnungswidrig auftreten zu sehen.
«Was ist das? Wer ist das? Werft den Menschen hinaus!» rief er.
«Ich will und muß reden, Sir; ich lasse mich nicht hinauswerfen; hab's alles angesehen. Ich bin der Besitzer des Buchladens. Ich verlange, vereidigt zu werden. Mr. Fang, Sie müssen mich anhören – Sie können es nicht wagen, mein Zeugnis zurückzuweisen, Sir.»
Er war im Recht und sah zu entschlossen aus, als daß der Richter es hätte wagen dürfen, ihn abzuweisen. Fang ließ ihm daher den Eid abnehmen und fragte darauf, was er zu sagen habe.
«Ich sah drei Knaben – zwei andere und diesen hier – um den Herrn da herumschleichen, der vor meinem Laden stand und las. Der Diebstahl wurde von einem anderen Knaben begangen, und dieser war ganz erstaunt darüber – sah aus, als wenn ihn der Schlag gerührt hätte.»
«Warum kamen Sie nicht schon früher her?»
«Ich hatte niemand, nach meinem Laden zu sehen, und bin hergelaufen, sobald ich jemand auftreiben konnte.»
«Also der Ankläger las?»
«Ja, Sir – in dem Buche, das er in diesem Augenblicke in der Hand hat.»
«Ah – ist es bezahlt?»
«Nein!» erwiderte der Buchhändler lächelnd.
«Mein Himmel, das hab' ich ganz vergessen!» rief der zerstreute alte Herr ganz unbefangen aus.
«Vortrefflich! – Und Sie werfen sich zum Ankläger eines unglücklichen, armen Knaben auf!» bemerkte Fang mit komisch aussehender Anstrengung, eine menschenfreundliche Miene anzunehmen. «Es scheint mir, Sir, daß Sie unter sehr verdächtigen und unehrenhaften Umständen zu dem Buche gelangt sind, und Sie können sich sehr glücklich schätzen, wenn der Eigentümer nicht als Ankläger gegen Sie auftreten will. Nehmen Sie sich dies zur Lehre, mein Freund, oder Sie verfallen noch einmal dem Gesetze. Der Knabe ist freizulassen. Räumen Sie das Gerichtszimmer!»
Der alte Herr wurde unter Ausbrüchen der Entrüstung, die er nicht länger mehr zurückzuhalten vermochte, hinausgeführt. Er stand im Hofraume, und sein Zorn verschwand. Oliver lag auf dem Steinpflaster; man hatte ihm die Schläfe mit Wasser gewaschen; er war weiß wie eine Leiche und zitterte krampfhaft am ganzen Leibe. «Armes Kind, armes Kind!» sagte Mr. Brownlow, sich über ihn hinunterbeugend. «Leute, ich bitte, schaff' mir doch jemand sogleich einen Mietwagen.»
Gleich darauf fuhr ein leerer Wagen vorüber, Oliver wurde sorgfältig hineingehoben und auf einen Sitz gelegt, während der alte Herr auf dem anderen Platz nahm.
«Darf ich Sie begleiten?» fragte der Buchhändler.
«Ja, ja, mein werter Herr!» erwiderte Brownlow. «Ich habe Sie vergessen; verzeihen Sie. Und da hab' ich auch das unglückliche Buch noch. Steigen Sie geschwind ein, es ist keine Zeit zu verlieren.»
Der Buchhändler setzte sich zu Brownlow, und sie fuhren ab.