Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle Bemühungen waren vollkommen vergebens.Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor läutete.Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter brannten, nicht nur an den Wänden, inHunderten von Kandelabern, sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte sich.Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so weltfern und ohne Freude.›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest der Natur.Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ, hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.Sie kehrte nicht zurück.Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich, gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, wenn auch ohne Enthusiasmus.Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen, wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie kalt.Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und matt.Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein Sanatorium am Bodensee.Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: »Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied wurde gesungen.Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen, Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen Pein.›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie seine Gewalt.Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam. Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte, war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre Einsamkeit zu stören versucht hätte.Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr wirklich so?Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den Augen, das wie ein Funke herübersprang.Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine einheitliche Kraft.In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm zum Kerker geworden war.Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte, konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie von einem Ort der Sünde.Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du? Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und Erlebnis lagin seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms Villa fahren.Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die Wucht von Erfrorenem.Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen können.«»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit mir und schau’ sie an.«Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben an ihre Wichtigkeit haben.«Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief suchenddurch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar wurde.Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,« warf Olivia ein.Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«»Das laß meine Sorge sein.«»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der jetzt nicht hilft.«Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die Zeit nicht.«Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein durfte.Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend blaue Himmel trat hervor.In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das Gebirge.Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, die im Feuer glühen.Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich eine herzlose, fanatische Schadenfreude.Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen Pranken hielt.Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die Finsternis.Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zuöffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll verwandelt.»Olivia,« murmelte er vor sich hin.Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtemGesichtstand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr er in die Stadt.Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Dienerzu benachrichtigen. Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und verlor den Zusammenhang.Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen Ort.Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten stehen.In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten,geheiltenVerwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die Faust und lächelte düster.Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte.Alles Leben stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa anlangte.Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden gelehrt hatte!Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, umdie Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was dreinzureden, dünkt mich!«»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich zusammengeschaudert.Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen Schrei.»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man kann nicht mehr leben in dem Haus.«Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert Lamm erkannte, war Olivia.Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert Lamm den Kopf.Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt worden war.Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht hatte.In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich von mir?«Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«»Baracken? In meinem Park?«»Ja, an der Südseite des Hauses.«Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt werden! Hundertjährige Bäume!«»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie selbst, und nicht eine Doppelgängerin.Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden Krater eines Vulkans.Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider nicht schließen, die Finsternis brannteihmförmlich auf der Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt wie Gift.Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war. Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft hinein: »Ruhe!«Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört. Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele, um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte, auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken Menschen!‹Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine Blütezeit vorüber sei.Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung zum Bau der Baracken.Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für sie ein Fall unter vielen.Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Fürdie Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige Weg, für dich der Irrweg.«»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie mir gezeigt hast,« antwortete sie.»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon verzeihen, Olivia.«Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s nicht sein.«»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtlosesUnterfangen ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor dem, was nun einmal ist?«Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem Geist Rechtfertigungen ab.Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war, als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denensie die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper, sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,« antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. »Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede Form zerstört!«»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte, mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere, Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist fürchterlich! Fürchterlich!«Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«Schnell verließ sie das Zimmer.Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen und keinerlei Auskunft über sich geben.Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß, vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn und Wangen von Haaren frei waren.Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte. Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen und beschriebene Zettel vor; erbeachtete nicht einmal die Gebärde. Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet, und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn festzuhalten.Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren Geheimnisses näher ist als bisher.Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl von Gott.Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler, mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch konnte er beim Gehen besser denken.Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten. Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er, daß sich niemand um ihn kümmerte.Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl gerechtfertigt hätte.Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.Sein Gemüts- und Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht; er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln: alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe, Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am günstigsten war.Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines Lebensgartens gepflanzt hatte.Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und ging zu Frau Khuenbeck.Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, das trug sie ihm nach.Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt wurde.»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten Dingen zu?«Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«»Märchen,« warf Robert Lamm hin.»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« bemerkte Lamm trocken.Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind eine schreckliche Sünde.«Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«
Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle Bemühungen waren vollkommen vergebens.
Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor läutete.
Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter brannten, nicht nur an den Wänden, inHunderten von Kandelabern, sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte sich.
Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so weltfern und ohne Freude.
›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹
Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest der Natur.
Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.
Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ, hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.
Sie kehrte nicht zurück.
Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich, gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.
In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, wenn auch ohne Enthusiasmus.
Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.
Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen, wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«
Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.
Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie kalt.
Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und matt.
Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein Sanatorium am Bodensee.
Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.
Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.
Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.
Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: »Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«
Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.
In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied wurde gesungen.
Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.
Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen, Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen Pein.
›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie seine Gewalt.
Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam. Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte, war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre Einsamkeit zu stören versucht hätte.
Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.
Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr wirklich so?
Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.
Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den Augen, das wie ein Funke herübersprang.
Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine einheitliche Kraft.
In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.
Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm zum Kerker geworden war.
Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte, konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.
So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.
Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«
»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.
Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!
Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie von einem Ort der Sünde.
Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du? Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.
Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und Erlebnis lagin seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.
Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.
»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.
Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms Villa fahren.
Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.
Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«
Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die Wucht von Erfrorenem.
Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?
Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen können.«
»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«
Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus, Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«
Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.
»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit mir und schau’ sie an.«
Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben an ihre Wichtigkeit haben.«
Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief suchenddurch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar wurde.
Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«
Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«
»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,« warf Olivia ein.
Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«
»Das laß meine Sorge sein.«
»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«
»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der jetzt nicht hilft.«
Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die Zeit nicht.«
Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.
Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.
Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein durfte.
Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.
Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.
Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend blaue Himmel trat hervor.
In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.
Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.
Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das Gebirge.
Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, die im Feuer glühen.
Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich eine herzlose, fanatische Schadenfreude.
Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«
Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen Pranken hielt.
Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die Finsternis.
Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zuöffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.
In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll verwandelt.
»Olivia,« murmelte er vor sich hin.
Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtemGesichtstand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.
Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.
Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.
Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr er in die Stadt.
Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Dienerzu benachrichtigen. Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.
Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und verlor den Zusammenhang.
Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.
Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.
Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen Ort.
Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten stehen.
In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten,geheiltenVerwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die Faust und lächelte düster.
Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.
Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte.Alles Leben stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa anlangte.
Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden gelehrt hatte!
Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, umdie Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.
Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.
Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«
Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was dreinzureden, dünkt mich!«
»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.
Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich zusammengeschaudert.
Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen Schrei.
»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man kann nicht mehr leben in dem Haus.«
Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert Lamm erkannte, war Olivia.
Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.
Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert Lamm den Kopf.
Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt worden war.
Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht hatte.
In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.
Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.
Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.
Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.
»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«
Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich von mir?«
Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.
»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.
»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«
Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.
»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«
»Baracken? In meinem Park?«
»Ja, an der Südseite des Hauses.«
Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt werden! Hundertjährige Bäume!«
»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«
Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden. Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«
Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte, rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie selbst, und nicht eine Doppelgängerin.
Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.
Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.
In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden Krater eines Vulkans.
Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts. Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf hinaus.
Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte die Lider nicht schließen, die Finsternis brannteihmförmlich auf der Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte, geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt wie Gift.
Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war. Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft hinein: »Ruhe!«
Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört. Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele, um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte, auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken Menschen!‹
Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.
Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine Blütezeit vorüber sei.
Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.
Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche Einwilligung zum Bau der Baracken.
Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.
Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig. Es war für sie ein Fall unter vielen.
Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.
»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia. Fürdie Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige Weg, für dich der Irrweg.«
»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie mir gezeigt hast,« antwortete sie.
»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«
»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«
»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind. Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker, Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon verzeihen, Olivia.«
Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s nicht sein.«
»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist, indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtlosesUnterfangen ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«
»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor dem, was nun einmal ist?«
Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem Geist Rechtfertigungen ab.
Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war, als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denensie die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge, was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper, sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.
Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.
»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.
»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest, bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht, was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«
»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,« antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu. »Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede Form zerstört!«
»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte, mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere, Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«
Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist fürchterlich! Fürchterlich!«
Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.
Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«
Schnell verließ sie das Zimmer.
Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen und keinerlei Auskunft über sich geben.
Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß, vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn und Wangen von Haaren frei waren.
Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte. Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen und beschriebene Zettel vor; erbeachtete nicht einmal die Gebärde. Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.
Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet, und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn festzuhalten.
Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren Geheimnisses näher ist als bisher.
Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte, die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos, wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl von Gott.
Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.
Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler, mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.
Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch konnte er beim Gehen besser denken.
Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor, daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach, die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.
Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause, jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung. Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!
Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten. Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er, daß sich niemand um ihn kümmerte.
Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl gerechtfertigt hätte.
Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.
Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte, die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.
Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken.Sein Gemüts- und Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht; er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.
Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln: alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe, Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben; mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne, rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am günstigsten war.
Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände, die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte. Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines Lebensgartens gepflanzt hatte.
Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch, weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören, sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein, nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.
Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn; es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.
Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und ging zu Frau Khuenbeck.
Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie gekümmert, das trug sie ihm nach.
Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte, erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt wurde.
»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten Dingen zu?«
Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.
»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck. »Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen. Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«
»Märchen,« warf Robert Lamm hin.
»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«
»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine sind,« bemerkte Lamm trocken.
Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden, frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen, doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut! Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind eine schreckliche Sünde.«
Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«