Mongolische Soldaten.Mongolische Soldaten.
Mongolische Soldaten.
Mongolische Soldaten.
Die Luft war frisch, und die ersten Sonnenstrahlen schienen keine Wärme mit sich zu bringen. Wir sausten dahin, und das Automobil warf einen ungeheuer langen seltsamen Schatten, der auf den Grasbüscheln schwankte und auf dem Sande erzitterte und sich wie der Schatten eines großen fliegenden Vogels rasch vorwärtsbewegte.
Der Weg war gut, und der Motor, bisweilen zur vierten Geschwindigkeit angetrieben, erfüllte die Stille der Ebene mit seinem stürmischen Pochen. Wenige Kilometer von Pang-kiang entfernt stießen wir wieder auf grüne Flächen. Wir gelangten abermals in eine Wiesenregion, die sich in sanften Erhebungen über leicht welliges Gelände hinzog.
Mongolische Soldaten.Mongolische Soldaten.
Mongolische Soldaten.
Mongolische Soldaten.
„Was ist das, was da flieht?“ rief mit einem Male Ettore und zeigte mit der ausgestreckten Hand nach unserer Rechten. Es war eine Antilope. Etwa 100 Meter von uns entfernt, brachte sie sich in dem raschen und eleganten charakteristischenTrabe der Antilopen, der weit schneller ist als der Galopp eines Pferdes, in Sicherheit.
„Folgen wir ihr?“ rief ich aus.
Der Vorschlag, die Antilope mit einem auf die Geschwindigkeit von 90 Kilometern in der Stunde gebrachten Automobil zu jagen, erschien uns über die Maßen verlockend. Aber der Fürst machte geltend, eine Jagd könnte uns weitab führen und wir hätten noch einen weiten Weg vor uns. Es gab außerdem einen Grund, der noch viel stärker zugunsten der Freiheit jeder Art Wildes sprach, und dieser bestand darin, daß wir keine Flinte besaßen!
Einen Augenblick später gelangten wir in die Nähe eines kleinen Trupps Gazellen mit grauen Rücken und weißen Füßen, gewandt wie Füllen und zierlich in ihren Bewegungen. Sie flohen erschreckt von dannen, eine hinter der andern; in der Ferne blieben sie stehen und bogen ihren geschmeidigen Hals zurück, um jenes nie erschaute Wesen zu betrachten, das in den Frieden ihrer Weideplätze einbrach. Ihre Wahrnehmungen schienen sie nicht allzusehr zu beruhigen, da sie sich von neuem zur Flucht wandten und in langer Reihe verschwanden.
Weit seltener begegneten wir Menschen. Fünf bis sechs Mongolen zu Pferde versuchten uns zu folgen; sie befanden sich einen halben Kilometer entfernt uns zur Seite und galoppierten lange Zeit, lebhaft gestikulierend, hinter uns drein.
Plötzlich sahen wir auf der öden Steppe etwas Weißliches schimmern, das uns ein Palast zu sein schien, ein Palast mit andern kleinen, weißen Baulichkeiten ringsum. Wir lenkten unsere Fahrt auf jene seltsame Gebäudegruppe zu, und als wir näherkamen, bot sich uns ein Anblick aus uralter Zeit.
Wer kennt nicht aus den gelehrten Rekonstruktionen unserer Archäologen die Stile der alten asiatischen Kulturen? Wer hat bei dem Gedanken an den Anblick, den Babylon und Ninive gewähren mußten, sich nicht gewaltige massige Gebäude vorgestellt, mit leicht nach innengeneigten Wänden gleich Pyramidenstumpfen, die den Schein großartig wirkender Verkürzungen erwecken, mit Fenstern und Türen, die unten breiter sind, einfach und majestätisch wie Grabmäler? Einige Ruinen des alten Ägyptens bieten ein Beispiel von jener Pyramidenlinie, die den Mauern eine Festigkeit von Jahrtausenden und den Schein des Riesenhaften verleiht, die eine wunderbare perspektivische Wirkung hervorbringt, als sei die Breitenabnahme nach oben eine Folge kolossaler Höhe.
Die ersten Berge in der Wüste von Urga.Die ersten Berge in der Wüste von Urga.
Die ersten Berge in der Wüste von Urga.
Die ersten Berge in der Wüste von Urga.
Als die photographische Kunst uns Lhasa enthüllte, haben wir jene Wirkung wiedergefunden und waren von der außergewöhnlichen biblischen Strenge der verbotenen Stadt überrascht, die uns architektonische Formen vergangener Kulturperioden noch lebend zeigte, Formen, die nicht mit der Religion aus Indien gekommen waren, auch nicht mit der politischen Oberhoheit aus China, sondern die aus Westasien in einer um zwei- bis dreitausend Jahre zurückliegenden Zeit nach Tibet gebracht sein müssen. Die Absperrung, die Unbeweglichkeit, die Ruhe und der Buddhismus, die aus Tibet ein Heiligtum gemacht haben, haben die Überlieferung, wenn auch nicht den inneren Sinn einer Kunst aufrechterhalten.
Wir befanden uns vor Gebäuden dieses selben Stiles. Aber sie wirkten allerdings bei weitem nicht so überwältigend wie die Akropolis von Lhasa. Die Wüste bietet keine Baumaterialien und wer weiß, von wo man die Steine auf dem Rücken von Kamelen hierhergebracht hat. Es war die Form und nicht die Größe, die ihnen majestätische Strenge verlieh. Und vielleicht war auch die Bedeutung, die wir dieser Form beimaßen, waren die Analogien, an die sie uns erinnerte, weiter nichts als Ausgeburten unserer eigenen Phantasie.
Das Hauptgebäude war ein ganz aus weißem Kalkstein errichteter lamaistischer Tempel, der am oberen Rande mit einem roten Terrakottafries in griechischem Geschmack von schlichter Anmut geschmückt war. Eine ähnliche Umrahmung umgab die Türen und die trapezförmigen Fenster, von denen jedes durch ein kleines Dach geschützt war. Lange Bronzerohre, die den Rudern einer Galeere glichen, ragten oben hervor, um das Regenwasser von der Terrasse abzuleiten. Die Gebäude ringsum, die viel kleiner waren, glichen dem Tempel. Wir nahmen an, daß es die Wohnungen der Mönche seien. Wir verließen das Automobil und schritten zu Fuß durch die heiligen Räume. Es war niemand darin. Sie schienen verlassen. Wir hörten keinen Laut, kein Geräusch.
Wir standen im Begriff, „an Bord“ zurückzukehren, als aus einer Pforte ein alter Mann mit kleinen Schritten herausgetrippelt kam. Bei unserem Anblick blieb er stehen. Er war hochgewachsen, in ein seltsames Gewand gekleidet, das die Arme nackt ließ, hager und hatte ein an eine alte Frau erinnerndes runzliges Gesicht. Wir näherten uns ihm, begrüßten ihn, photographierten ihn und sprachen auf ihn ein, ohne daß er sich bewegt oder geantwortet hätte. Er zeigte weder Verwunderung noch Furcht. Er schien in tiefe Meditation über das Geheimnis unseres Wesens und unserer Anwesenheit an diesem Orte versunken zu sein. Verständnislos betrachtete er uns. In seinen Augen sah man die Anstrengung, seine Gedanken zu konzentrieren.Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen; er schien stark und zugleich hinfällig; auf seinem Gesicht hatten sich die Furchen eines unberechenbaren Greisentums eingegraben.
Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.
Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.
Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.
Wir bestiegen wieder die Maschine und fuhren rasch davon; unbeweglich sahen wir noch den Lama dort stehen, den einsamen Alten, der uns fortwährend betrachtete, ohne verstehen zu können, was wir seien.
Der Weg stieg merklich bergan. Gegen 8 Uhr gelangten wir auf die Höhe eines Rückens. Die Steppe war abermals verschwunden. Es kehrte das fette, graue, einzelnstehende Gras wieder, das sich furchtsam in breite Flecke zusammengezogen hatte, die weite unfruchtbare und kahle Strecken zwischen sich ließen. Wir befanden uns an der Schwelle der eigentlichen Wüste.
Gobibedeutet im Mongolischen Höhlung. Die Wüste bildet eine Einsenkung von unermeßlicher Ausdehnung in der Mitte der Mongolei; es ist die Höhlung, die „Gobi“, die einst ein Meer enthielt. Wir befanden uns am Gestade dieses verschwundenen Meeres. Es war ein richtiges Gestade, steil, ein jäher Absturz, entstanden durch den Anprall der Wogen. Wir standen im Begriff, in eine noch tiefere Ebene, auf den Grund dieses ehemaligen Meeres, hinabzusteigen. Diese Küste hatte ihre Einbuchtungen, ihre Vorgebirge, ihre Halbinseln. Vor uns erstreckte sich die unfruchtbare, gewellte Fläche ins Grenzenlose; sie schien sich am Horizont zu erheben infolge jener optischen Täuschung, die uns den Horizont des Meeres höher erscheinen läßt als sein Ufer.
Ein steiler, 20–30 Meter tiefer Abstieg führte uns auf harte, ebene Sandflächen, die von Stürmen heimgesucht worden waren. Und nun begann eine phantastische Fahrt durch die seltsamste und ödeste Landschaft, eine Fahrt, die Angriff und Flucht zu gleicher Zeit war.
Je weiter wir vordrangen, desto kahler, düsterer und trauriger wurde das Land. Bald war es glatt und eben, bald von jähenErhebungen durchschnitten; bald bestand es aus kristallinischem Sand, der in der Sonne funkelte, bald war der Boden ein schiefriger Grund von der Farbe zusammengepreßten Lehms. Nirgends ein lebendes Wesen mit Ausnahme kleiner kurzer Eidechsen von einer Farbe, die der des Bodens so glich, daß sie unsichtbar waren, wenn sie sich nicht bewegten. Man hätte sie für winzige Bruchstückchen des Bodens halten können, die sich plötzlich belebten, um vor den Rädern des Automobils da- und dorthin zu flüchten.
Mongolisches Jurtendorf bei Urga.Mongolisches Jurtendorf bei Urga.
Mongolisches Jurtendorf bei Urga.
Mongolisches Jurtendorf bei Urga.
Die Stunden vergingen in tödlicher Eintönigkeit. Die Hitze wurde mit der Zunahme des Tages glühend. Die Luft war unbeweglich, und mit Wohlbehagen atmeten wir den erfrischenden Hauch ein, den die rasche Fahrt uns ins Gesicht trieb. Ohne Übergänge gerieten wir aus der Kühle des Morgens in eine wahrhaft tropische Hitze. Eine sonderbare Erscheinung konnten wir beobachten; während die Sonne glühte, war der Schatten kalt. Wir hatten die Empfindung jemandes, der sich im Winter an der Flamme eines Kamins erwärmt; an der dem Feuer zugekehrten Seite verbrennt er sich, während er auf der andern vor Kälte erstarrt. Der Himmel war von unerbittlicher Klarheit, so durchsichtig, daß wir uns über die Entfernungen täuschten; wir sahen alles viel näher, als es in Wirklichkeit war. Der Horizontschien immer in der Entfernung von einigen Kilometern zu liegen, und doch fuhren wir stundenlang, ehe wir Bodenerhebungen erreichten, die wir auf große Entfernungen am äußersten Rande der Hügelkette gesehen hatten.
Diese unheimliche Durchsichtigkeit rührte von dem absoluten Mangel an Wasserdampf in der Luft her. Die Trockenheit der Luft bereitete uns Beschwerden, die sich von Minute zu Minute steigerten. Unsere Haut war wie durch Fieber ausgedörrt, es fehlte uns der Schutz einer Transpiration, die durch Verdunstung die Hitze mildert. Daher fühlten wir die Sonne auf Gesicht und Händen in so fürchterlicher Weise brennen, daß wir den Eindruck hatten, als befänden wir uns im Brennpunkte einer ungeheueren Linse. Den Tag zuvor hatten wir übrigens dieselbe Beobachtung gemacht, und bereits auf dem Wege nach Pang-kiang drängte sich uns die Vorstellung einer Linse als das passendste Bild auf; aber wir glaubten damals nicht, daß in der eigentlichen Wüste die Linse solche Dimensionen annehmen würde! Wir begriffen jetzt, weswegen die Karawanen nicht tagsüber auf dem Marsche sind. Aber wir konnten und wollten nicht haltmachen. Unsere einzige Erleichterung beruhte in der Schnelligkeit.
Wir fanden nur einen Brunnen. Gegen 10 Uhr stiegen wir eine weitere Terrainstufe, ein neues Ufer hinab, das wahrscheinlich eine Etappe des Meeres auf seinem langen Rückzuge bezeichnete, der vielleicht Myriaden von Jahrhunderten gedauert hat, bis das Wasser gänzlich verschwand. Der Boden war mit einer weißlichen Salzkruste bedeckt. An manchen Stellen erinnerte er mich an das Tote Meer, aber ohne das Grün des Jordans. Wir fuhren über ein totes Land, ein Land, das zu rasch gelebt hat. Wer weiß, vielleicht hatten wir das Abbild der zukünftigen Welt vor Augen, unserer Welt nach Millionen von Jahren, ausgetrocknet, erstorben, ausgestreckt unter einem unveränderlich klaren Himmel, was ihr in den unendlichen Weiten des Firmaments das Aussehen des Mondes verleihen wird.
Die grausigste Strecke der Wüste ist etwa 60 Kilometer lang. Die Karawanen suchen sie in einem einzigen Marsche zurückzulegen. Bei den letzten Brunnen füllen sie Schläuche und Fässer mit Wasser und brechen bei Sternenlicht auf. Ihr Weg wird durch bleichende Knochenhaufen bezeichnet. Gerippe von Kamelen, von Maultieren, von Ochsen, von Pferden liegen über die ganze Karawanenstraße hin verstreut, aber in der Wüste reiht sich diese Spur des Todes fast ununterbrochen aneinander. Oft überrascht der Sturm hier die dahinziehenden Tiere, trennt sie in der durch den aufgewirbelten Sand erzeugten Dunkelheit voneinander, zwingt sie zum Halten und tötet sie dann. Alle kranken, müden und ermatteten Tiere sind dem Tode verfallen. Es ist das Gebiet des Todes.
Ein unsagbares Todesbangen liegt über diesen Gefilden. Man weiß nicht, woher es stammt, vielleicht von dem trostlosen Anblick, den die Landschaft gewährt, von der niederdrückenden Seltsamkeit ihrer kahlen Umrisse, der unendlichen Eintönigkeit der Farbe oder mehr noch von dem lastenden angsterregenden Schweigen; es entströmt all und jedem und erweckt die Vorstellung einer unbekannten, nahe bevorstehenden Gefahr, einer ständigen Bedrohung, in die man sich resigniert ergibt. Man hat nur einen Gedanken oder vielmehr ein formloses, unbestimmtes, undeutliches, aber hartnäckiges Verlangen: zu fliehen, diese zur Leiche gewordene Welt nicht mehr zu betreten, frei von ihr zu sein. Man schaut nach dem Horizont wie nach einem Orte der Rettung und der Ruhe; man sieht jedem Engpasse mit Hoffnung entgegen; hinter jeder Höhe glaubt man unverhofft auf etwas Gutes zu stoßen. Aber die Engpässe ziehen vorüber, es ziehen die Höhen vorüber, der vor uns liegende Horizont wird zu dem hinter uns zurückbleibenden Horizonte; die Trostlosigkeit erscheint endlos. Das Denken ermattet, die Seele ertrinkt in einer unbezwingbaren Schwermut. Der letzte Halteplatz verliert sich in den Nebeln der Vergangenheit; der halb betäubte Geist verdunkelt sich; alles scheint in unermeßlicher Entfernung zu liegen, von den Schleiern der Vergessenheitumwallt — fern die Abfahrt, fern die Ankunft. Man weiß nur das eine: man wird ankommen und man muß ankommen. Und diese Vorstellung erzeugt eine große Kraft, die sich Geduld nennt. Ja, Geduld und vorwärts! Alle Widerstandskräfte des Geistes und Körpers werden im Dienste der Geduld gestählt. Wir schweigen schließlich, um nichts mehr von unserer Energie zu verschwenden. Und dann kostet ein Wort, mitunter auch nur ein Gedanke zu viel Anstrengung.
Gegen 10 Uhr befanden wir uns im Mittelpunkte der schlimmsten Strecke der Wüste Gobi. Die beiden äußersten Karawanenhalteplätze sind durch eine große Anzahl von Obos bezeichnet. Der Obo ist der Altar des mongolischen Nomaden; er ist vielleicht der erste Altar, den die Menschheit errichtet hat. Er besteht aus einem Steinhaufen.
Um vor dem Antritt der Wüstenwanderung den Schutz des Himmels anzurufen und nach der Durchquerung der Wüste den Göttern für die gewährte Rettung zu danken, nimmt der fromme Nomade einen Stein, legt ihn auf den Obo, beugt sein Knie und betet. Seit unserem ersten Betreten mongolischen Bodens, als wir uns noch in Sicht der Großen Mauer befanden, trafen wir Obos auf dem Kamme der Hügelkette an. Sie gleichen aber nicht denen der Wüste. Vielleicht waren sie verlassen, von den Stürmen umgeworfen und in formlose kleine Berge verwandelt worden. Die Obos, die wir an den Grenzen der ödesten Strecke antrafen, zeigten oft eine erschreckende Menschenähnlichkeit.
Auch sie erhoben sich auf kleinen Anhöhen und bestanden aus einer sorgsamen Steinanhäufung, deren Bekrönung von einem Ochsen- oder Pferdeschädel gebildet wurde. Sie schienen dem Todesgotte errichtet zu sein. Mehr als einmal erschienen uns diese Steinhaufen, die sich scharf von dem strahlenden Himmel abhoben, von fern als Menschen, und in den weißen Schädeln glaubten wir deren Gesichter zu erkennen. Es waren ihrer so viele, daß sie dicht gedrängt standen. Das Vorhandensein einer Menge, gleichviel welcher Zusammensetzung,war für uns ein Grund zur Befriedigung. Es war eine Unterbrechung der grenzenlosen Einsamkeit. In der Wüste werden sich alle Menschen lieb und wert, nicht sowohl infolge eines Gefühls der Verbrüderung der Menschheit oder eines Verlangens nach Zusammenschluß gegen die Gefahren, als vielmehr nur durch den erhebenden Anblick von etwas Lebendigem. Wir betrachteten forschend alle jene aufrechtstehenden Menschen; dann stutzten wir ob ihrer Unbeweglichkeit; wir glaubten, daß sie uns vielleicht gesehen hätten und vor Erstaunen stillständen. Mit einem Schlage umfing uns die Einsamkeit von neuem und schmerzvoller als zuvor, als wir jene Menge zu Stein werden, die Gesichter sich in Schädel verwandeln sahen wie infolge einer verhängnisvollen Beschwörung.
Am Fuße jedes Obo lagen Papierstreifen mit darauf geschriebenen Gebeten in tibetischen Schriftzeichen oder von der Zeit entfärbte Fähnchen, auch sie mit Spuren frommer Inschriften bedeckt. Der Mongole gibt sich dem poesievollen Glauben hin, daß der Wind, wenn er diese Papierstreifen und Fähnchen bewegt, die darauf geschriebenen Gebete emporträgt und Buddha überreicht; wenn die Luft darüber hinstreicht, so füllt sie sich mit den Gebeten, wie sie sich mit Wohlgerüchen erfüllt, wenn sie über Blumen dahinstreicht und sie hin und her bewegt. Bietet die Verwendung des Weihrauchs bei unseren religiösen Zeremonien nicht eine gewisse Analogie hierzu? Wir verdankten den Obos eine Wohltat; ihre Errichtung bedeutete das Freisein des Weges von allen Steinen. Und wer weiß, ob der Ursprung dieses eigenartigen religiösen Brauchs im Grunde nicht auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, die steinigen Straßen zu verbessern, und ob die Gewohnheit, Steine vom Wege aufzuheben, nicht bei einem Volke, das jeder Handlung und jedem Ereignis eine mystische Bedeutung beimißt, zum Ritus geworden ist?
Wir mußten uns davon überzeugen, daß der Kühlapparat, diese Lunge des Automobils, schlecht atmete. Infolge der großen Hitze war es dem von der Fahrgeschwindigkeit erzeugten Luftzug nicht mehrmöglich, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, das vielmehr mit ununterbrochenem heftigem Zischen in Dampfform dem Ventil des Kühlapparates entströmte. Seit langer Zeit (uns kam die Zeit wenigstens lang vor) suchten wir nach Brunnen, um das Wasser im Motor zu erneuern. Wir wollten den in unserem Behälter aufbewahrten Vorrat nur im äußersten Notfalle angreifen. Er enthielt kaum 50 Liter, und es war ein Gebot der Vorsicht, diese aufzusparen; ein Bruch der Maschine konnte uns Schiffbruch erleiden lassen, und dieser Vorrat würde unsere Rettung sein.
Mongolische Schönheiten.Mongolische Schönheiten.
Mongolische Schönheiten.
Mongolische Schönheiten.
„Ein Brunnen!“ rief von Zeit zu Zeit einer von uns, den Horizont betrachtend — „dort, ein Brunnen, ich bemerke Feuchtigkeit, die Erde hat einen dunkeln Fleck!“
„Ja, ja“, antworteten die andern.
Die Selbsttäuschungen sind ansteckend.
Der dunkle Fleck war nicht vorhanden; es war ein Schatten. Wir waren gezwungen, unsere Zuflucht zu dem mitgebrachten Wasser zu nehmen, und hielten an, um es umzugießen. Der Boden schien unter unseren Füßen zu brennen; eine erstickende Schwüle und eine Augenschmerzen verursachende Lichtfülle strömten von ihm aus. Wirwurden von einem fast unerträglichen Durst gequält. Als wir das klare Wasser aus dem Behälter herausfließen sahen, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und tranken gierig davon, mit geschlossenen Augen, um größeren Genuß zu haben, den Mund an das Rohr gepreßt, dasselbe Rohr, das zum Umfüllen des Benzins diente. Das Wasser war warm und roch unangenehm nach Benzin und Firnis; in jedem andern Augenblicke würde es uns ekelerregend erschienen sein. Alles ist eben relativ auf dieser Welt. Der Fürst war der Genügsamste; er benetzte kaum die Lippen und ermahnte uns, mit diesem kostbaren Naß sparsam umzugehen. Die eintönige Fahrt ging weiter.
Gegen Mittag begannen sich wieder Spuren von Vegetation auf dem Grunde einiger Einsenkungen zu zeigen, in denen augenscheinlich etwas Feuchtigkeit zurückgeblieben war. Bald wurden wir von dem Fluge weißer Vögel überrascht, und unmittelbar darauf entdeckten wir einen kleinen Pfuhl in einer breiten Bodensenkung. Am Ufer schritten Stelzvögel würdevoll auf und ab. Wir hielten, um Wasser einzunehmen, das Ettore mit dem Topfe zu schöpfen ging. Das Wasser war völlig ungenießbar, von übelm Geruche, gelblich und schmeckte leicht salzig; wir verwandten es für den Motor, der ja keinen Gaumen besitzt. Aber dieses Wasser zeigte uns durch sein Vorhandensein an, daß wir bereits aus dem unheilvollen Reiche der völligen Trockenheit heraus waren. In der Tat stießen wir auch nach einigen zwanzig Kilometern auf Brunnen, um die herum Karawanenlager aufgeschlagen waren.
In der Nähe eines dieser Brunnen lagen nur zwei schlafende Chinesen — vielleicht zwei Unglückliche, die zu Fuß in kleinen Tagemärschen in ihr Vaterland zurückkehrten. Sie besaßen nicht einmal ein Zelt, um sich vor der Sonnenglut zu schützen. Als einziges Gepäck hatten sie einige Lumpen in einem Sacke. Auf dem Sande ausgestreckt, der zu glühen schien, lagen sie halbnackt mit bloßem Kopfe und schliefen. Neben ihnen rauchten die Reste eines Feuers, und über dem Feuer dampfte die Teemaschine, die in dem Gepäck auch desärmsten Chinesen nicht fehlen darf, ebensowenig wie der Samowar beim ärmsten Russen. Es war uns unfaßbar, wie Menschen die fürchterliche Qual dieser Hitze aushalten konnten. Als sie Geräusch vernahmen, erwachten sie und richteten sich auf, um uns mit ihren schläfrigen Augen zu betrachten, dann streckten sie sich wieder aus. Sie mußten abgemattet und betäubt sein. Was war unsere Reise im Vergleich zu der ihrigen? Wir erinnerten uns des Pilgers, den der Fürst bei Nankou angetroffen hatte, jenes Mannes, der, alle drei Schritte die Erde küssend, die Wüste durchquert hatte, und dachten daran, daß, wenn die beiden Chinesen ihm begegnet wären, sie vielleicht mit ihm dasselbe Mitleid gehabt hätten, das wir mit ihnen hatten.
Das Wasser der Brunnen war klar und kalt. Nachdem wir unseren Durst gelöscht hatten, füllten wir den Eimer damit und reichten uns während der Fortsetzung der Fahrt unausgesetzt volle Becher davon. Unter den Wirkungen der Hitze konnten wir wenigstens eine gute feststellen: den geringen Benzinverbrauch. In der explosiven Mischung, die sich bei der Berührung mit dem elektrischen Funken entzündet und so die treibende Kraft des Motors hervorbringt, war nur ein ganz geringer Teil Benzindampf enthalten.
Wir bemerkten dies an dem Funktionieren des Ventils, das automatisch Luft in das Gemisch einläßt; es blieb ganz offen stehen, und es war augenscheinlich, daß die Luft in ungemein großem Maße in den Vergaser einströmte. Der Fürst bemerkte, daß wir uns mehr mit Hilfe der Luft als mit Hilfe des Benzins weiterbewegten.
Mongolen.Mongolen.
Mongolen.
Mongolen.
Mit dem Vorschreiten des Tages nahm die Hitze zu. Die Sonne, die uns zuerst zur Rechten, dann im Rücken gestanden hatte, begann uns nunmehr von der linken Seite aus zu peinigen. Bei der Abfahrt von Peking hatte ich den Korkhelm verschmäht, mit dem der Fürst und Ettore sich ausgerüstet hatten, und forderte die Gluthitze der Wüste Gobi nur unter dem bescheidenen Schutze eines Panamahutes heraus, dessen Krempe infolge der Geschwindigkeit der Fahrt sichüber meiner Stirn zurückschlug und so mein Gesicht vollständig bloßlegte. In wenigen Stunden verwandelte die Sonne uns zu grotesken Masken, und ich war leider die groteskeste. Die Gesichter nahmen eine dunkelrote Farbe an, schwollen auf und schmerzten, so daß wir nicht einmal die leise Berührung des Taschentuches ertragen konnten. Das frische Wasser, das uns an den vorhergehenden Tagen köstliche Abwaschungen ermöglicht hatte, verursachte jetzt ein unangenehmes Brennen. Hier und da schälte sich an dunkler gefärbten Stellen die Haut ab. Wir hatten den Eindruck, als würden wir langsam gekocht. Die entzündeten Augen brannten uns im Kopfe, die Lippen waren geschwollen, vertrocknet, aufgesprungen. Ettore schmerzte namentlich der Mund, dessen Winkel bluteten. Entsetzlich litt er an den Händen, die von der harten Arbeit schon rissig geworden waren und auf denen die Sonnenglut tiefe offene Furchen in das Fleisch einbrannte; die geschwollenen Finger zitterten vor Schmerz. Nicht hoch genug bewerten läßt sich das ungeheuere Maß von Selbstverleugnung, von Ehrgeiz und Energie, das Ettore aufbot. Da, wo es sein mußte, unterdrückte er jeden Schmerz und zwang seine wunden Hände zu den härtesten Anstrengungen, die mitunter Blutspuren an den Werkzeugen und den Maschinenteilen zurückließen. Wenn er dann seine Arbeit mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit vollendet hatte, betrachtete er die Wunden und murmelte mit seinem an ein großes Kind erinnernden Lächeln:
„Ich fürchte, daß wir nicht weiterkommen.“
Mongolen.Mongolen.
Mongolen.
Mongolen.
Hätten wir zu unseren Häuptern noch den herrlichen Schutz des Zeltdaches gehabt, so hätten wir der Sonne spotten können. Jetzt konnten wir uns zum Troste nur sagen: „Auch das wird vorübergehen!“
Wir folgten der unendlichen Linie der Telegraphenstangen in einer Art Traumzustand. Jene Linie hatte etwas Verführerisches an sich. In dieser schrecklichen Eintönigkeit gewährte sie dem Auge eine Abwechslung, die uns Anregung bot. Bald lief sie geradeaus wie ein phantastischer, dünner, schwarzer, von einem Horizonte zum andern gezogener Strich, bald zeigte sie die Stangen in einer regelrecht ausgeführten Schwenkung wie Soldaten bei einer Übung. Der Vergleich mit Soldaten drängte sich uns namentlich dann auf, wenn wir die Stangen in Reih und Glied den Abhang einer Anhöhe emporklimmen sahen. An den Übergängen nahmen die sich eng aneinanderschließenden Linien oft überraschende nebelhafte Gestalten an, bald ähnlich der Spitze eines gotischen Turmes, bald einem in unendlicher Ferne liegenden zerklüfteten Berge gleichend. Wir beobachteten all diese Einzelheiten mit kindischer Aufmerksamkeit. Es kamen uns Gedanken von erschreckender Albernheit. Ich überraschte mich einige Male dabei, wie ich mechanisch die Stangen zählte, indem ich bei irgendeiner anfing, um mich schließlich doch zu verzählen. Für den aber, der nicht steuert, ist das Niederdrückendste auf einer derartigen Reise die Untätigkeit. Zuerst beobachtet man, sinnt nach, dann phantasiert man, und schließlich geht das müde Denken in Stumpfsinn über; kein Gesichtseindruck erweckt es wieder, und so bleibt man in einem Zustande schweigender,ruhiger Empfindungslosigkeit. Der Geist entschlummert und lullt sich in die süße Geistesabwesenheit des Traumes ein.
„Eine Jurte!“ rief der Fürst aus.
Es war 2 Uhr nachmittags. Diese Worte rüttelten uns plötzlich auf, als hätten sie ein Wunder angekündigt.
„Wo, wo?“
„Dort, linkerhand, unter jenen Felsen!“
„Wir kehren in die Welt zurück!“
„Es werden wandernde Nomaden sein. Es gibt hier keine Weideplätze. Wer kann hier leben?“
Wir betrachteten die Jurte, vor der ein Pferd angebunden war. Nach kurzer Zeit entdeckten wir ein beladenes Kamel, das von einem Mongolen geführt wurde, der stehenblieb und uns lebhaft zuwinkte. Wir warteten auf ihn, und der Mongole eilte unter tiefen Verbeugungen auf uns zu, zog aus seinem Rocke ein großes in ein Tuch geschlagenes Paket hervor und begann es langsam zu öffnen. In dem Paket befand sich ein zweites, in dem zweiten ein drittes... Aus dem letzten Paket endlich kam ein Telegramm zum Vorschein, das der Mann uns feierlichst überreichte.
Das Telegramm war an Du Taillis gerichtet; wir gaben es dem Karawanenführer zurück und bedeuteten ihm, er möge seinen Weg nach Süden weiter fortsetzen. Er schnürte sein Paket sorgfältig wieder zusammen, das sicherste Mittel, um ein wertvolles Papier nicht zu verlieren, das aber Geschäftsleuten nicht zu empfehlen sein würde! Wir bemerkten dabei, daß das Kamel mit zwei Benzinbehältern beladen war. Nun verstanden wir: der „Spyker“, der wahrscheinlich Mangel an Brennmaterial litt, hatte von Pang-kiang nach Udde telegraphiert, um sich zwei Kannen aus dem Depot schicken zu lassen, und diese beiden Kannen waren unterwegs. In Pang-kiang hatten wir ihm einige Liter von unserem Benzin abgetreten, und ich glaube, die beiden „de Dion-Bouton“ hatten dasselbe getan.
Um 4 Uhr befanden wir uns zwischen niedrigen Felsen, die hier und da aus der Ebene emporragten wie Klippen über das Meer. Am Abend vorher war es uns nicht gelungen, die Station Pang-kiang zu erblicken, und wir hatten schon geglaubt, sie verfehlt zu haben; jetzt sahen wir Udde in jedem fernen Felsen. Bei jedem Schritt wurden wir enttäuscht. Um die Telegraphendrähte nicht aus den Augen zu verlieren, suchten wir ihnen überallhin zu folgen, auf die Rücken von Hügeln, zwischen Steine und Felsblöcke; die Weiterfahrt gestaltete sich auf diese Weise sehr mühsam. Gegen 5 Uhr kam eine aus einer Anhäufung runder Felsen gebildete Anhöhe in Sicht, an deren Fuße, mit den Steinen in eins verschmolzen, ein einziges chinesisches Häuschen stand; es war Udde. Wenige Minuten später zogen wir in diesen Ort der Freude ein, der auf ein Haar jenem glich, den wir am Morgen verlassen hatten.
Wir wurden nicht von einem, sondern von zwei diensteifrigen Telegraphenbeamten empfangen, und waren im Augenblicke eines Umzugs angelangt. Der alte Telegraphist von Udde stand im Begriff, seinen Posten zu verlassen, und traf die Vorbereitungen zu einer siebzehntägigen Karawanenreise, um nach Kalgan zu gelangen. Zwischendurch weihte er den einige Tage zuvor angekommenen neuen Kollegen in die Pflichten seines Amtes ein.
Der Mann, der die Wüste verließ, war glücklich. Die ihn erfüllende Befriedigung machte ihn redselig. Er folgte uns lächelnd überallhin. Sobald wir uns umwandten, waren wir sicher, den kleinen, mageren Chinesen zu sehen, bewaffnet mit einem großen Pince-nez an einer langen Schnur, bereit, uns die ganze Fülle seiner Freude anzuvertrauen. Während ich meinen telegraphischen Bericht niederschrieb, sagte er zu mir:
„Ich gehe nach Schanghai.“
„So?“
„Ja, weil ich aus Schanghai bin. Ich bin Witwer (geziertes Lächeln) und ich bin Christ.“
„Das freut mich.“
„Mein Vater will, daß ich wieder heirate. Und so heirate ich denn, sobald ich nach Schanghai komme.“ (Gelächter.)
„Lieben Sie denn Ihre zukünftige Frau?“
„Nein. Ich kenne meine Braut nicht. Mein Vater hat sie mir ausgesucht.“
„Und wenn sie Ihnen nicht gefällt?“
Er sah mich erstaunt an und lächelte herablassend, als er antwortete:
„Mein Vater hat sie mir ja ausgesucht. Das ist so Brauch bei uns. Ich reise übermorgen. Ha, ha!“
An diesem Abend warteten wir vergeblich auf die Ankunft der übrigen Automobile.
Schweigend verzehrten wir etwas Reis und das ewige Cornedbeef; dann streckten wir uns, in die Pelze gehüllt, auf der Erde aus. Seit zwei Tagen hatten wir vergessen, etwas zu uns zu nehmen. Der Durst hatte den Hunger nicht aufkommen lassen.
Die Stadt der Wüste.
Das ferne Gebirge. — Ein Bild der Verödung ringsum. — Die Stadt der Wüste. — Ein geheimnisvolles Automobil. — Auf der Antilopenjagd. — Urga.
Udde war unsere zweite Vorratstation, und wir fanden hier Benzin, Öl, Fett, das alles von Peking mit einer Karawane gekommen und in einem wirren Haufen von Paketen und Fässern in einem Winkel des Hofes beieinanderlag. Unterwegs war etwas Benzin durch die Ritzen der beschädigten Fässer gelaufen; trotzdem hatten wir zur Genüge davon, um die Behälter der Maschine zu füllen; wir ließen auch noch einige volle Behälter zurück und baten die Telegraphisten, sie unseren Kollegen für den Fall auszuhändigen, daß sie ihrer bedürften.
Am 20. Juni kurz vor Tagesanbruch kam ein Mongole von dem mehr als einen Li von der Telegraphenstation entfernten Brunnen von Udde und überbrachte uns Nachrichten. Am Brunnen hatte er Karawanenführer angetroffen, die nach einem langen Nachtmarsche von Süden her dort angelangt waren; sie hatten ihm berichtet, daß „die fremden Wagen“ am vorhergehenden Abend 180 Li (etwa 80 Kilometer) von Udde entfernt gelagert hätten. Die Entfernung erschien uns etwas übertrieben; die Karawane konnte in der Nacht nicht mehr als 100-110 Li zurückgelegt haben, und die Automobile mußten sich etwa 60 Kilometer von uns entfernt befinden. DerFürst beschloß, zwei Tage in Urga, der Hauptstadt der Mongolei, wo wir am Abend des folgenden Tages einzutreffen gedachten, auf sie zu warten, wie wir dies auch in Kalgan getan hatten.
Im Westen funkelten noch einige Sterne, als wir nach Tauerin, der nächsten, über 300 Kilometer entfernten Telegraphenstation, aufbrachen, nachdem wir eine Tasse guten heißen Tees geschlürft und uns unter Danksagungen von unseren beiden Telegraphisten verabschiedet hatten.
Der Morgen war frisch, und wir hatten uns in unsere Pelze gehüllt, die kaum genügten, um uns zu erwärmen. Aber drei Stunden später hatten wir sie schon über die Rücklehnen unserer Sitze gelegt. Um 9 Uhr begannen wir von neuem unter den Qualen der Hitze zu leiden.
Wir hätten schwören können, daß die Hitze von Tag zu Tag zunehme; in Wahrheit aber wurde sie uns nur fühlbarer infolge der überaus großen Empfindlichkeit unserer kranken Haut. Als der Tag vorschritt, brachte uns nicht einmal der Luftzug der raschen Fahrt mehr Erleichterung. Wir hatten manchmal die Empfindung, als seien wir von dem glühenden Atem eines Ofens umgeben, als näherten wir uns allzusehr einer unsichtbaren Feuersbrunst. Der unaufhörliche, quälende Durst peinigte uns wieder; die übermäßige Trockenheit der Luft dörrte uns die Kehle aus, und es war uns, als ob wir ganz austrockneten. Das Antreffen eines Brunnens war ein Fest.
Ich erinnere mich als eines der köstlichsten Genüsse der Minuten, in denen ich meine Lippen an den Rand des mit frischem Wasser gefüllten Eimers setzen konnte. Es war ein Trinken in vollen, langen, gierigen Zügen, mit den Füßen im Schmutz, der sich um den Brunnen angehäuft hatte, das Gesicht nach unten gewandt, fast eingetaucht in das Wasser, das überfloß, in den Hals rann und sich über die Kleider ergoß; so groß war unsere Gier, rasch zu trinken, viel zu trinken, uns an der erquickenden Frische zu laben, die in Strömen in uns hineinrann.
In der mongolischen Steppe.In der mongolischen Steppe.
In der mongolischen Steppe.
In der mongolischen Steppe.
Als die Hitze wieder begann, standen wir unter dem Banne eines unstillbaren Verlangens, das uns nicht verlassen wollte; wir stürzten im Geiste eingebildete Getränke hinunter. Ettore dachte gewöhnlich an ein großes Glas eiskalten Bieres, das durch den Schaum getrübt war, aber nach und nach vom Grunde aus immer klarer wurde und in der Kehle prickelte, während an der beschlagenen Außenseite Tropfen zwischen den Fingern herabrannen. Alle Augenblicke bot er mir sein Glas Bier an; ich revanchierte mich dafür großmütig mit Eiskaffee. Ich weiß nicht, warum der Eiskaffee zu meiner geistigen Lieblingserfrischung in der Wüste wurde. Seltsam, wir nahmen uns ernstlich vor, bei unserer Rückkehr wahre Orgien im Trinken zu feiern, uns in Wahrheit daran zu erquicken, als müsse uns dieser Durst bis in unsere Häuslichkeit verfolgen. Und wir empfanden großes Bedauern um alle Biere und alle Eiskaffees, die wir früher getrunken hatten, ohne uns ihren unermeßlichen Wert zu vergegenwärtigen, ohne die Glückseligkeit zu fühlen, die daraus entspringen kann.
Mit Udde waren auch die Felsen verschwunden. Stundenlang zog sich der Weg durch eine endlose Reihe von Tälern hin, die von niedrigen sandigen Hügeln von rötlicher Farbe eingeschlossen waren. Auf den Hügeln fanden wir mitunter eine kurze steinige Strecke, mitunter auch schweren Sand, der den Motor ermüdete, aber im allgemeinen konnte sich das Gelände für den Automobilsport nicht besser eignen. Die Maschine wurde des öftern auf jungfräulichen Ebenen zur Maximalgeschwindigkeit angetrieben; wir wichen von jeder Spur eines Pfades ab, verließen die Fußtapfen der Kamele und drückten die Spur unserer Räder einem Boden auf, der überhaupt noch nicht betreten worden war.
Zum erstenmal jagte ein Automobil mit all seiner Kraft außerhalb der tyrannischen Schranken der Straße hin, Herr seiner selbst, seinem Ungestüm nach Laune und Belieben folgend wie ein freies Roß. Wir freuten uns über diese weiten schnellen Fahrten, die unsere Flucht unterstützten. Wir empfanden die Angst vor der Einsamkeitund Stille immer beklemmender. Auf Hunderte von Kilometern waren wir die einzigen lebenden Wesen; wir litten unter einem unbestimmten geheimen tiefen Gefühl des Grauens über diese Vereinsamung, über das wir uns keine Rechenschaft ablegen konnten. Es war die Vorstellung einer uns weithin rings umgebenden Feindseligkeit, einer erbitterten Gegnerschaft der Erde selbst. Wir betrachten die Erde stets als eine großartige Persönlichkeit, nennen sie Mutter Erde, finden sie bald lächelnd, bald ernst, wir legen ihr Sprache und Leidenschaften bei; sie hat Gesichtszüge, die Empfindungen erwecken; es liegt etwas in ihr, was einer Seele gleicht, einer großen Seele. Wir fühlen dies instinktmäßig; wenn wir allein in einer Gegend sind, so haben wir Empfindungen von Freude oder von Trauer, die von dem herrühren, was sich unseren Augen darbietet, Empfindungen, die die unerforschliche Emanation eines geheimnisvollen Lebens sind, das uns umgibt. Dort draußen entsprang aus diesem Geheimnis Abneigung. Man möchte sagen, die Wüste liebe ihre Stille und verteidige sie. Sie ist ein unermeßlicher Friedhof, der nicht entweiht werden will.
Wir sehnten uns danach, wenigstens einen Baum zu sehen. Ein Baum ist ein Gefährte, ein riesenhafter Freund, der im Schatten seiner geöffneten Arme Gastlichkeit und Ruhe bietet. Seit Kalgan hatten wir jedoch keine Bäume gesehen. Allerdings hatten wir gestern nicht weit von Udde solche anzutreffen geglaubt; am Ufer eines ausgetrockneten steinigen Gießbaches bemerkten wir sieben in einer Reihe stehende Bäume — sieben Wunder. Wir näherten uns ihnen und bemerkten, daß es tamarindenartige Sträucher waren von weit unter Mannshöhe; die Kahlheit des Bodens hatte uns über die Größenverhältnisse getäuscht. Jedenfalls betrachteten wir sie als große Seltenheit und erfreuten uns an ihrem Dasein und an ihrer Form.
Es war 10 Uhr geworden, als die Steppe wieder auftauchte.
Das Gras begann zaghaft die Talgründe mit Grün zu bekleiden, dann dehnte es sich über die Hügel aus und wurde einheitlicher und dichter. Im Grünen ließ sich ein Gezwitscher von Vögeln vernehmen,anfangs unbestimmt, unterbrochen, fern, dann lauter, zusammenhängend, wohlklingend. Es waren Tausende von Wüstenlerchen, von eigenartigen Rebhühnern mit weißer Brust und von Schopfreihern. Um das Automobil herum erhoben sich ganze Wolken dieser fröhlichen Bewohner der Luft; zuzeiten waren wir von ihnen vollständig eingehüllt. In der Nähe mußte sich also Wasser befinden. In der Tat fuhren wir kurz darauf an kleinen schlammigen, mit gelbem Rohr bedeckten Sümpfen vorbei, deren Ufer von Wasservögeln wimmelten, von weißen Flamingos, die unbeweglich auf den langen roten Beinen standen, von Enten mit schwarzem Kopf und von Wildgänsen. Mitunter hob eine von unserer Ankunft überraschte Antilope den feinen Kopf aus dem Grase und schoß dann pfeilschnell von dannen.
Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.
Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.
Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in Urga.
Die Geschwindigkeit des Automobils zeigte uns wechselnde Landschaftsbilder, die den Karawanen unbekannt sind. Im Laufe einer Stunde waren wir aus der Sandwüste in die Steppe gelangt; der träge Gang des Kamels würde einen Tag dazu gebraucht haben, das heißt eine Zeit, in der der Wechsel gar nicht zum Bewußtsein kommt.Im Fluge durcheilten wir eine vollständig ebene Fläche, eine Fahrt von 60 Kilometern ohne Unterbrechung, die, wie wir hofften, nicht eher enden würde als auf unserem neuen Halteplatz. Aber die Fahrt ging zu Ende, die Ebene ging zu Ende, die Steppe ging zu Ende, es verstummte der Gesang der Lerchen, und wir steuerten vorsichtig in eine steinige, traurige, nackte, öde Gegend! Von neuem waren wir von der Wüste eingefangen. Wir machten an einem Brunnen mitten im Lager einer chinesischen Karawane halt. Die Karawanenführer traten halbnackt aus ihren blauen Zelten und näherten sich uns.
„Wie weit ist es bis Tauerin?“ fragten wir.
Sie wiesen nach Norden mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die sagen sollte: Sehr, sehr weit.
„Wieviel Li?“
Sie wußten es nicht. Einer von ihnen sagte:
„Zwei Tagereisen.“
Ein anderer erzählte ein langes und breites von Tauerin, von einem Berge, bezeichnete uns einen Punkt, an dem die Straße eine kleine Anhöhe emporstieg, und es gelang uns zu verstehen, daß Tauerin am Fuße eines Berges liegen müsse und daß der Berg von jenem Punkte der Straße aus sichtbar sei.
Wir hatten uns nicht getäuscht. In der Tat bemerkten wir, als wir die Maschine über die Anhöhe trieben, am Horizonte die Umrisse eines riesigen Felsens, eines Gibraltars der Wüste. Er konnte nicht weniger als 70 Kilometer entfernt sein, und wir sahen ihn nur infolge der außerordentlichen Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Er war blaßblau, und wie aus dem Meere, wenn Land in Sicht kommt, so verloren wir ihn aus den Augen; er entschwand zeitweilig unseren Blicken, sein Umriß zerfloß, und die Vision löste sich in strahlende Lichtfülle auf. Wir mußten geduldig mit dem Auge die Linie des Horizontes absuchen, um die zitternde, flüchtige Erscheinung wieder aufzufinden.
Der Weg stieg an, und der Berg von Tauerin ging unter wie ein Gestirn. Es begann eine neue endlose Reihe von ausgedörrten Tälern und Anhöhen. Auf jedem Hügel erwarteten wir unser Gibraltar in größerer Nähe zu sehen. Aber wir sahen überhaupt nichts mehr. Die Stunden gingen vorüber und schienen uns eine Ewigkeit. Wir fühlten uns müde, abgespannt, als sei unsere Kraft in den mächtig arbeitenden Motor übergegangen. In Wahrheit beflügelten wir ihn dermaßen durch unser beständiges Verlangen, begleiteten ihn mit solcher Willensanspannung, daß wir tatsächlich eine physische Schwäche spürten. Der Weg war nicht immer leicht fahrbar, und wir folgten jeder Bewegung der Maschine mit einer Aufmerksamkeit, die unser ganzes Nervensystem anspannte.
Der große Felsen kam nicht wieder zum Vorschein. Stets wiederholten wir mit erneuter Zuversicht: „Dort werden wir ihn sehen in wenigen Minuten ...“ Nichts. Jede Enttäuschung brachte uns um Hunderte von Kilometern zurück. Nach vier Stunden war unser Glaube zu Ende.
„Jener Berg war eine durch die Telegraphendrähte hervorgerufene optische Täuschung!“ rief ich aus und zeigte auf die seltsamen, verschwommenen Formen, die die Verkürzung der langen Reihe der Stangen am Horizonte zeichnete.
„Wenn es ein Berg gewesen wäre, so wäre er nicht verschwunden“; bemerkte Ettore weise.
„Und doch konnte es nichts anderes als ein Berg sein“, schloß Don Scipione, den ich im stillen für eigensinnig hielt.
Wir mußten uns überzeugen, daß wir noch weit vom Ziele entfernt waren, und verfielen in melancholisches Brüten.
Mongolenfrau aus Urga.Mongolenfrau aus Urga.
Mongolenfrau aus Urga.
Mongolenfrau aus Urga.
An diesem Tage war mir der Platz auf dem Tritte zugefallen, der ungewohnte und nicht immer angenehme Empfindungen in mir erregte. Er nötigte mich, in gekrümmter Haltung zur Seite geneigt zu sitzen, die Füße nach links auf dem Trittbrett, außerhalb des Automobils, den Kopf nach rechts gewandt, eine Stellung, wie sie einerbadenden Nymphe angemessen, aber für eine lange Fahrt reichlich unbequem ist. Das Gesicht, das sich in der Höhe des Motorkastens befand, erhielt alle heißen Ausströmungen der Maschine. Dazu kam ein stetes Schwanken des Gleichgewichts bei den Wendungen und während der harten Stöße des Automobils; man mußte sich an irgendeinen vorspringenden Teil festklammern, um nicht infolge unvorhergesehener Wirkungen der Zentrifugalkraft herausgeschleudert zu werden. Alles das will bei einer Spazierfahrt nichts besagen und ist vielleicht sogar amüsant. Es ist aber von ernster Bedeutung bei einer vielstündigen Fahrt, wenn Müdigkeit und Langeweile allmählich Muskeln und Gehirn erschlaffen lassen, wenn die erzwungene Unbeweglichkeit, das Schweigen, die Eintönigkeit des Weges, die Hitze, das lange Wachsein allmählich ein Abspannen der Nerven, eine Betäubung hervorbringen, die nicht Schlaf ist, wohl aber ein Vergessen seiner selbst, des Ortes und der Zeit, eine unbezwingliche Mattigkeit und Bewußtlosigkeit. Man verfällt in ein Delirium der Ruhe und Untätigkeit. Das Auge blickt verständnislos. Alles verliert seine Bedeutung und seinen Reiz. Ich erinnere mich, eine unbestimmbare Zeit hindurch die Umdrehung eines Rades beobachtet zu haben, dessen breiter Pneumatikreifen mir ein grauer, gleichmäßig herabstürzender Wasserfall von ewiger Dauer zu sein schien und der mich wie ein Strudel anzog. Der Boden zu meinen Füßen schoß vorbei wie jene seltsamen, grauenerweckenden Ströme, die wir in unseren Fieberträumen überschreiten. Einmal erschien mir alles dunkel, verworren dahinzujagen.Nur eines begriff ich: ich war in Gefahr, zu stürzen. Nur ein kleiner Teil meines Wesens war noch wach, in dem verdunkelten Bewußtsein wachte der Instinkt wie ein Soldat auf Posten und schlug Alarm. Aber ich vermochte nicht mehr auf ihn zu hören. Ich fühlte, daß ich fiel, und leistete keinen Widerstand, es überkam mich eine wohlige Gleichgültigkeit ... Mehr als einmal packte mich eine Hand kräftig an der Schulter, und ich hörte die Stimme des Fürsten mir zurufen:
„Achtung! Sie fallen!“
Und ich erwiderte sofort mit dem Schamgefühl dessen, der in trunkenem Zustande überrascht worden ist:
„Nein, nein, es hat keine Gefahr.“
Unvermutet kam der Berg wieder zum Vorschein. Er war ungefähr 15 Kilometer entfernt und schien aus einem riesenhaften Felsblock mit senkrechten Wänden zu bestehen; er erhob sich über einem Hügel, der vielleicht von den Trümmern des Felsens herrührte. Augenscheinlich bildete die lange Reihe von Ebenen und Anhöhen, durch die wir soeben gekommen waren, in ihrer Gesamtheit eine weite Einsenkung, eine riesige Höhlung, eine „Gobi“, und dieser Umstand hatte uns daran gehindert, den Berg von Tauerin nach seinem ersten fernen Erscheinen wieder zu erblicken. Je näher er kam, desto seltsamer erschien er.
Es war nicht ein einzelner Felsblock; es war eine Gruppe von Klippen, eine Anhäufung von Felsen, eine Kolonie von Schären, etwas wie ein ungeheuerer Obo, errichtet von dem Glaubenseifer eines Volkes von Titanen. Dreiviertel Stunde später fuhren wir zwischen Steinen und Blöcken in eine phantastische Gegend ein.
Wir stiegen den Abhang des erwähnten Hügels hinan, der von dem Felsen mit seinen bizarren, furchterregenden Umrissen überragt wurde. Wir hatten den Eindruck, als befänden wir uns in einer ungeheueren Ruine, als wären wir an einem Orte, an dem eine Welt zusammengebrochen war. Diese riesigen, seltsamen Steine schienen aus der Höheherabgefallen zu sein, umgestürzt, fortgeschleudert, zertrümmert von der Wut einer unermeßlichen Katastrophe. Zu der Verödung gesellte sich die Wüste. Die Wüste schlummerte nicht mehr auf stillen, weiten Ebenen; hier bäumte sie sich ungestüm auf und nahm gewalttätige Formen an; sie schien sich nicht mehr zur Abwehr, sondern zur Zermalmung zu rüsten.
Die Maschine fuhr auf der Karawanenstraße mühsam bergan, und ihr Schnaufen wurde vom Echo zurückgeworfen. Wir suchten zwischen den Felsen nach der Telegraphenstation; ohne es zu bemerken, hatten wir unseren Führer, die Telegraphendrähte, verloren und befanden uns wie verlassen in jener unheimlichen Einsamkeit. Es gelang uns nicht, unseren schmerzlich ersehnten Zufluchtsort zu entdecken.
Aus einem Loche schlüpfte ein Fuchs heraus, der, anstatt erschreckt zu fliehen, uns eine lange Strecke begleitete; gelehrig wie ein Hund, kehrte er uns die spitze, gestreifte Schnauze zu und schleppte die prächtige, langbehaarte Rute hinter sich her. Dann verschwand er.
Wir gelangten auf den westlichen Gipfel der Anhöhe. Die Felsen rundeten sich nach dieser Seite ab und nahmen die Gestalt von riesigen Tiergruppen an. Wir fuhren bergab, der Ebene zu.
Mit einem Male sahen wir über diesem ungeheueren Steinhaufen vier goldene Kugeln in der Sonne glänzen. Sie waren von gleicher Größe, hielten sich in derselben Höhe und waren symmetrisch verteilt. Wir betrachteten sie mit angespannter, stummer Aufmerksamkeit. Sie schwebten über dem Felsengewirr, das zur Linken der Straße herabfiel, einige hundert Meter vor uns. Als wir unseren Weg fortsetzten, entdeckten wir zwischen den Blöcken einen breiten Zwischenraum, und unsere Neugierde ging in Verwunderung über, die Verwunderung in sprachloses Staunen, je mehr die verworrenen Bilder in diesem von der Sonne grell beleuchteten Zufluchtsorte feste Gestalt annahmen. Einige Minuten später brachten wir das Automobil zum Stehen, um mit gierigen Augen das unglaubliche Schauspiel einerStadt zu betrachten, einer Stadt seltsamen Aussehens, einer Märchenstadt!
Wir konnten sie von der Höhe überblicken. Felsen umgaben sie von allen Seiten und vertraten die Stelle von Mauern. Die goldenen Kugeln bildeten die Bekrönung von vier großartigen Tempeln, die sich nach Süden zu aneinanderreihten. Diese heiligen Gebäude hatten nichts gemein mit dem Tempel, den wir in der Nähe von Pang-kiang gesehen hatten, dem Tempel des alten unbeweglichen Priesters. Sie waren auf großen Plattformen von Holz errichtet, wie die buddhistischen Bauten Japans; sie schienen ganz aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holze zu bestehen; sie hatten Dächer, die an den Ecken aufgebogen waren wie die chinesischen, aber ohne in jene charakteristische Linie auszulaufen, die dem Dache eines Zeltes gleicht und die vielleicht im Zelte ihren Ursprung hat, ihre Firste endeten im Gegenteil in Giebeln. Auf der äußersten Spitze befand sich immer eine goldene Kugel. Diese Gebäude glichen einander und standen jedes abgesondert von den übrigen. Ihre Großartigkeit rührte von ihrer isolierten Lage her. Rings umher keine Pflanze, kein Anzeichen von Grün, nur Sand und Felsen. Die Stadt lag ein wenig entfernt und ließ ehrfurchtsvoll einen freien Raum zwischen sich und ihren Tempeln.
Man kann sich keine seltsamere Stadt vorstellen. Sie bestand aus einer Menge kleiner weißer Häuser aus Kalk und Holz, mit quadratischen, regelmäßigen Dächern, aus geraden und breiten Straßen. Die Stadt und die Tempel schienen neu, aber ausgestorben. Die Straßen waren verlassen. In dem hellen Lichte, das in sie einströmte, bemerkten wir kein menschliches Wesen. Der Ort, der unversehens wie durch Zauberei vor uns auftauchte, schien unbewohnt zu sein. Oder besser, nicht von Menschen bewohnt, weil wir von Zeit zu Zeit Hunde bemerkten, die durch die Straßen liefen, an den Häusern entlang schlichen und sich an den schattigen Stellen auf allen vieren ausstreckten. Die Stadt schwieg wie die sie umgebende Wüste.
Wer mochte in diesen Gegenden leben? Mönche, sicherlich. Wir glaubten uns plötzlich vor einem Bergneste des Lamaismus zu befinden. Wir ließen das Automobil stehen und näherten uns der Lamastadt, indem wir auf einen mächtigen Felsblock kletterten. Nur Menschen, die im Gebet und in religiöser Vertiefung ihren Lebenszweck erblicken, konnten eine solche Regungslosigkeit und solches Schweigen beobachten. Da drang von irgendeinem Punkte eine laute, helltönende, frohe Kinderstimme zu uns empor. Ihr Klang genügte, um uns zu sagen, daß dort nicht nur Mönche wohnten. Wir stiegen nicht zu den Häusern hinunter, aus Furcht, einen gefährlichen Fanatismus zu erwecken. Auch hatten wir große Eile, unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir kehrten daher zum Automobil zurück und setzten unsere Nachforschungen nach der Telegraphenstation fort. Die geheimnisvolle Stadt entschwand unseren Blicken.
Wir bemerkten einen Hirten, der eine kleine, im Schatten der Felsblöcke grasende Herde bewachte, aber zu weit entfernt war, als daß wir mit ihm hätten sprechen können. So begannen wir auf der nördlichen Seite des Berges hinunterzufahren. Die Telegraphenstation war noch immer nicht sichtbar. Wir kehrten daher zurück und beschlossen, die Lamas der heiligen Stadt zu befragen.
Von neuem in die Nähe der Stadt gelangt, begaben wir uns zu Fuß nach dem bewohnten Teile. Irgend jemand hatte uns gesehen. Männer eilten aus den Straßen heraus und stiegen, von Hunden begleitet, zu uns empor, allen voran ein Greis. Der Fürst wandte sich mit einem Zeichen des Grußes an ihn. Der Alte wich zurück und floh. Der Gruß wurde bei einem jungen Manne wiederholt, der ihn glücklicherweise festen Fußes und mit einem der Sachlage entsprechenden Mute entgegennahm.
Wie aber sollte man einen mongolischen Lama nach dem Wege zu einer Telegraphenstation fragen? Nachdem wir alle chinesischen Worte, die zum Ziele führen konnten, gebraucht, alle Gesten, die nach unserer Meinung Drähte, Stangen, Häuschen, Telegraphierenbezeichneten (an dieser Stelle der Mimik ahmten wir mit der Stimme das Geräusch des Stiftes in einer Weise nach, die uns vollkommen erschien: tick-tick tick, tick-tick tick), wiederholt hatten, erzielten wir nur das eine praktische Resultat, daß das ganze Lamaistenkloster von Tauerin lachte. Das war wenigstens etwas! Das Mißtrauen verschwand, der Humor besiegte den Widerstand, die Mönche drängten sich vertraulich um uns und freundeten sich mit uns an. Aber den Weg zur Station fanden wir nicht.
Der Fürst hatte jetzt eine glückliche Idee; er holte sein Notizbuch hervor und zeichnete Striche, die die Telegraphenstangen darstellen sollten, versah sie mit Isolatoren und spannte Drähte dazwischen. Die Lamas verfolgten seine Arbeit mit gespanntem Interesse, stießen einander an und reckten die Hälse. Es waren Männer jeden Lebensalters, mit glattrasiertem Kopf und Gesicht, in Kutten und Mäntel von gelber und roter Farbe gehüllt. Viele trugen den Mantel auf dem bloßen Körper, wie eine Toga über die linke Schulter geschlagen, und bedeckten mit einem Zipfel des Mantels den Kopf. Kutten, Mäntel und Menschen waren gleichmäßig schmutzig; Wasser ist in der Wüste selten. Wer ahnt, was für ein aufregendes Erlebnis unsere Ankunft für jene Eremiten war, die sich von der Welt abgeschlossen haben, um die heiligen Schriften des Buddhismus zu studieren und über sie nachzudenken! Die Mongolen tragen ihre aus dem fernen Tibet stammenden heiligen Bücher mit sich in die ödesten Gegenden; sie verbergen sie wie einen Schatz. Sie sind der Ansicht, daß die milde Lehre Buddhas nur in der Einsamkeit und Stille vollständig begriffen werden könne.
Nachdem der Fürst die Drähte gezeichnet hatte, ging er an die Darstellung der Telegraphenstation, in der sich die Drähte vereinigten, und tippte dann mit dem Finger darauf, um anzudeuten, daß dies der Gegenstand unserer Fragen, der eigentliche Zweck seiner langen Arbeit sei. Da begriffen die Lamas den Sinn der Hieroglyphen! Gestikulierend und laut durcheinanderrufend setzten sie sich inBewegung, um uns die Richtung zu zeigen. Auf die Straße gelangt, blieben sie beim Anblick des Automobils erstaunt stehen. Sie umringten es und betrachteten es mißtrauischen Blickes. Eine Menge Hunde war den Mönchen gefolgt und schnüffelte indiskret überall herum. Ettore glaubte den Augenblick gekommen, die Maschine in Bewegung zu setzen. Er drehte die Kurbel zweimal mit Macht herum, der Motor trat lärmend und brausend in Tätigkeit, und die Hunde und die Lamas flohen Hals über Kopf der heiligen Stadt zu!
Zum Glück hatten wir begriffen, daß die Telegraphenlinie sich in östlicher Richtung auf engen, sich zwischen den Felsen hindurchwindenden Pfaden hinziehe. Ich weiß nicht, wie es dem Automobil glückte, die steilen Abhänge bis zur Höhe des Hügels hinaufzuklimmen, eine Art Gang zwischen den Felsblöcken zu passieren und auf der andern Seite wieder hinunterzugelangen. Tatsache ist, daß wir auf eine Wiese kamen, auf der schon der Abendschatten lag — und mitten auf der Wiese lag die dritte Telegraphenstation der Mongolei, klein wie ihre Mitschwestern, wie diese ein Lehmbau und doch in unseren Augen so verlockend!
„Wissen Sie schon?“ fragte uns der chinesische Telegraphist in großer Eile — „es ist ein anderes Automobil vorübergekommen. Es fuhr nach Urga.“
„Ist es möglich?“
„Ja, es hat hier nicht gehalten. Es fuhr rasch wie der Wind.“
„Teufel noch mal!“
„Ich habe es ganz deutlich gesehen, es kam aus der Richtung von Udde her.“
„Wann denn?“
„Vor einigen Stunden.“
Wer konnte uns überholt haben? Wir hatten nichts gesehen. Vielleicht, während wir den Weg suchten ... Oder war einer der „de Dion-Bouton“ die ganze Nacht durch gefahren und uns zuvorgekommen?
„Sind Sie ganz sicher?“ fragten wir. „War es ein Automobil?“
„Ganz sicher. Es kam von Udde, fuhr nach Urga, und ich habe sofort telegraphiert.“
„War es so wie das unsrige?“