Neuntes Kapitel.

Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.

Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.

Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der Mongolei.

„Viel kleiner; o, viel kleiner.“

„Bitte in Udde wegen aller Automobile einmal anzufragen.“

„Sofort.“

Und der dienstfertige Chinese setzte sich an den Apparat. Einen Augenblick später erhob er sich und erklärte würdevoll:

„Udde speist. Es bittet um fünf Minuten Frist, um zu Ende zu essen.“

Als Udde gespeist hatte, sandte es die erbetenen Nachrichten, die der Telegraphist uns nach und nach übersetzte, wie er sie von dem Papierstreifen ablas.

„Die ‚Itala‘ hat Udde heute morgen um 4 Uhr verlassen ...“

„Sehr gut. Und dann?“

„... Der ‚Spyker‘ hat gestern 100 Li nördlich von Pang-kiang halten müssen aus Mangel an Benzin, das ihm mit einem Kamele zugesandt wurde ... Die ‚de Dion-Bouton‘ sind heute 1 Uhr nachmittags zusammen in Udde eingetroffen und um 2 Uhr weitergefahren.“

„Sonst nichts?“

„... Der dreirädrige ‚Contal‘ ist bis jetzt weder in Pang-kiang noch in Kalgan gemeldet worden ... Der Tu-tung von Kalgan hat berittene Soldaten ausgeschickt, um ihn zu suchen. — Das ist alles.“

Es war klar, daß der „Spyker“ sich mindestens 400 Kilometer hinter uns befand und die beiden „de Dion-Bouton“ 250. Das Geheimnis des Automobils, das einige Stunden vorher durchgekommen war ohne anzuhalten, war aufgeklärt. Wie hatten wir es nicht sofort verstehen können!

„Das waren wir“, erklärten wir dem erstaunten Chinesen. „Wir waren es, die dort vorbeifuhren. Wir haben nicht gehalten, weil wir das Telegraphenamt nicht sahen, das wir auf allen Seiten des Hügels suchten, nur nicht auf der richtigen.“

„Das Automobil, das vorüberfuhr, erschien mir kleiner“, bemerkte er zweifelnd.

„Infolge der Entfernung.“

„Das ist wahr. Die Entfernung verkleinert alles.“

Nachdem er diese tiefe Wahrheit ausgesprochen hatte, zeigte sich der Telegraphist vollkommen überzeugt.

Bei der Berechnung der zurückgelegten Strecke stellte es sich heraus, daß wir das erste Tausend Kilometer von Peking aus hinter uns hatten. Um dies Ereignis festlich zu begehen, beschlossen wir, einopulentes Mahl zu halten. Ein Hirt und Lama, der in diese Gegend gekommen war, verkaufte uns ein Lamm, das wir ihm mit Stücken eines Silberbarrens bezahlten (gemünztes Geld hat bei den Mongolen keinen Kurs), die wir ihm gewissenhaft auf einer kleinen in Kalgan gekauften Wage zuwogen. Das Lamm, das den geschickten Händen des Telegraphisten anvertraut wurde, erschien einige Stunden später wieder vor uns in der Gestalt eines riesigen Stückes dampfenden gekochten Fleisches, das uns als das köstlichste Gericht der Welt vorkam.

Vor den zusammengelegten Knochen zündeten wir uns dann unsere Zigaretten an und unterhielten uns beim Scheine einer in den Hals einer Flasche gesteckten Kerze eingehend über die nahe Wüstenstadt, deren Weichbild von keinem weiblichen Fuße betreten werden darf, von unserer Reise, von dem nächsten Haltepunkte. Wir hatten Müdigkeit, Durst, alle Leiden der langen Tagereise vergessen, dreizehn endlos lange Stunden der Fahrt in glühender Sonnenhitze, in aufreibender Anspannung der Nerven, unter tausend Zweifeln und Ängsten.

Wie klein und verächtlich erschienen uns nun die überwundenen Schwierigkeiten! Die Zukunft spornte uns dermaßen an, daß wir keine Zeit verloren, zurückzublicken. Diese Neigung, Schlimmes zu vergessen, macht das größte Glück des Menschen aus. Jeden Morgen fühlten wir uns beim Aufbruch stark und bereit zu neuen Anstrengungen, weil wir die Erinnerung an den vorigen Tag verloren hatten. Ein wohltätiger Schleier breitete sich über die überstandenen Leiden. Und beim Aufbruch glaubten wir immer, alle Schwierigkeiten seien zu Ende. Im Vergessen und im Hoffen liegen die Quellen unserer Kraft! Unsere Fahrt glich in vielen Stücken dem Leben.

Tauerin liegt am Rande der Wüste. Im Süden von Tauerin trostlose Unfruchtbarkeit, im Norden die grüne Pracht der Steppe. Jener hohe Felsen scheint als Wahrzeichen, als Leuchtturm an seinen Platz gestellt zu sein, um den unterwegs befindlichen Wandererndie Grenze zwischen der toten und der lebenden Erde anzuzeigen, um den einen zu sagen: „Bereitet euch vor zum Ende“, den andern: „Mut!“

Die Strecke zwischen Tauerin und Urga erschien uns bezaubernd, vielleicht weil wir aus der Wüste Gobi kamen. Wir fanden alles entzückend: das Gras, den Weg, den Himmel. Denn auch der Himmel hatte sich verändert; er war bewölkt, und wir bewunderten die Wolken, die sich darin gefielen, ihre langen, flüchtigen Schatten wie riesige, zarte Liebkosungen über uns hingleiten zu lassen. Wir fuhren 50 Kilometer die Stunde, zuweilen 60. Das Gelände war leicht gewellt, und wir ließen uns die sanften Abhänge hinabgleiten mit dem ganzen Ungestüm der Geschwindigkeit und des Schwergewichts. Wir waren fröhlich, fanden tausenderlei zu sprechen, machten uns auf alles aufmerksam, was wir sahen, und dachten laut.

Ettore fragte, um wieviel Uhr wir in Kalgan eintreffen würden — ja, in Kalgan, da Ettore in seiner Vorliebe für Vereinfachung die Namen aller durchfahrenen und der noch zu durchfahrenden Orte unterdrückte, zur bequemeren Bezeichnung aber ein paar übriggelassen hatte. Und diese paar wandte er ohne Unterschied auf alle an. Es war eine Art Kauderwelsch; Kalgan bedeutete: „jene Stadt, welche ...“ Ettore hatte ein schlechtes Gedächtnis für Geographie; die Namen gingen an ihm vorüber, ohne haften zu bleiben, wie Vögel im Fluge; war es ihm aber gelungen, sich eines Namens zu bemächtigen, so ließ er ihn nicht mehr los und er mußte ihm die Stelle aller andern vertreten, die ihm entwischt waren. Seine aufrichtige Gleichgültigkeit gegen die Reiseroute hatte ihre beneidenswerten Seiten; wir lachten wohl über seine geographischen Schnitzer, aber nicht, weil es Schnitzer waren, sondern wegen seiner frischen Naivität, wegen des Zutagetretens seiner ungekünstelten Schlichtheit; wir empfanden neben ihm den reinen Genuß, den die Berührung mit der Seele eines großen intelligenten Kindes verleiht. Für Ettore bestand die Reise aus zwei einleuchtenden Wahrheiten: nämlich erstens, daß wir zwei bis drei Monate alle Tageoder wenigstens fast alle Tage vom frühen Morgen bis zum Abend fahren müssen, und zweitens, daß, um anzukommen, das Automobil beständig gut gelenkt, überwacht, behorcht, nachgesehen, geprüft, besorgt, geputzt, geölt, eingefettet werden muß, wobei er niemals ermüden darf, sondern im Gegenteil dem Wagen seine ganze Aufmerksamkeit, Erfahrung, Intelligenz und Energie widmen muß. Dies war gerade Ettores Lieblingsarbeit. Wenn er abends an den Haltepunkten eintraf, so aß und schlief er nicht eher, als bis er die Maschine in Ordnung gebracht hatte; stundenlang lag er in den unglaublichsten Stellungen unter dem heißen Bauche des Automobils, von dem siedendes Öl heruntertropfte; zuweilen erhob er sich, von einem Zweifel ergriffen, zu den unmöglichsten Stunden vom Lager, und dann hörten wir ihn mitten in der Nacht Verschlüsse abschrauben, Stücke wegnehmen, um die feinsten Konstruktionsteile zu besichtigen und hierauf alles wieder an Ort und Stelle zu bringen. Bei Tagesanbruch war er stets in tadelloser Bereitschaft, nach — Kalgan zu fahren!

Ein Brunnen der südlichen Mongolei.Ein Brunnen der südlichen Mongolei.

Ein Brunnen der südlichen Mongolei.

Ein Brunnen der südlichen Mongolei.

An diesem Morgen stießen wir wieder auf große Pferdeherden, die ihre prächtigen Manöver um uns herum ausführten. Wir erblickten Jurten; schwarze, zottige Hirtenhunde verfolgten uns; Schafherden stillten an Brunnen ihren Durst, Karawanen begegneten uns am hellen Tage. Alles stimmte uns heiter. Wenn wir nicht sprachen, sangen wir. Der Fürst pfiff beim Steuern seine Lieblingsarie, die „Petite Tonkinoise“, die ich passend begleitete.

In der Ferne weideten einige Antilopenherden; vom Automobil aufgeschreckt, ergriffen sie die Flucht quer über die Straße vor uns. Wir hatten diese seltsame, den Antilopen eigene Art des Fliehens, die die armen geängstigten, über unsere Schnelligkeit entsetzten Tiere uns auf 20–30 Meter nahebrachte, noch nicht beobachtet. Die Jäger kennen diese sonderbare Taktik gut und sprengen daher nicht direkt auf das Wild zu, dessen Lauf viel rascher ist als der eines mongolischen Pferdes, sondern biegen etwas von der geraden Richtung ab, um es von der einen Seite zu fassen, da sie wissen, daß die Antilopen aufFlintenschußweite an ihnen vorüberstürmen werden. Dieses Vorüberjagen im rechten Winkel zur Richtung des Feindes ist ein primitives Schutzmittel gegen die Verfolgung. Die Tiere nehmen an, ihr Ungestüm werde den Gegner aus der Richtung bringen und ihn zu einem Zeitverlust zwingen, indem er eine andere Richtung einschlagen muß und dann erst wieder die Verfolgung aufnehmen kann.

Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.

Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.

Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im Automobil.

Mit einem Male bemerkte ich in der Steppe, einige Kilometer von uns entfernt, einen außergewöhnlich langen Streifen von rötlicher Farbe, der sich mit großer Geschwindigkeit fortbewegte. Er wandte sich nach rechts, in sich selbst erzitternd und von einer leichten Staubwolke verhüllt.

„Seht dort!“ rief ich und deutete mit der Hand darauf.

Im ersten Augenblick wußten wir nicht, um was es sich handelte.

„Es läuft wie ein Zug.“

„Es sind Tiere.“

„Es sind Antilopen.“

„Ja, ja. Man sieht es jetzt ganz deutlich.“

„Da ist eine allein, den andern voraus.“

„Betrachten Sie die Beine, welches Gewimmel!“

„Ein wunderbarer Anblick!“

„Prächtig!“

„Wieviel mögen es sein?“

„Wer weiß? Vielleicht ein halbes Tausend.“

„Ein ganzer Stamm Antilopen.“

Wir waren den Tieren bis auf 500 Meter nahegekommen und erkannten ganz deutlich das gewaltige Rudel, das sich auf der Flucht eng zusammendrängte. Es war im Begriff, nach gewohnter Taktik quer über die Straße hinwegzusetzen.

„Wir wollen ihnen nach!“ rief ich.

Der Fürst schaltete den Ganghebel auf die vierte Geschwindigkeit ein. Das Automobil sauste stärker und lauter, schoß nach vorn und flog über den harten Sand des Pfades. In wenigen Sekunden bemerkten wir, daß das ganze Rudel nicht mehr Zeit haben würde, vor uns die Straße zu überschreiten, was uns mit einer Art grausamer Genugtuung erfüllte.

„Welche Geschwindigkeit haben wir?“ fragte ich.

„Neunzig bis hundert“, erwiderte Ettore.

Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.

Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.

Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.

Wir fühlten um unsere Gesichter einen Sturm, einen Orkan wehen. Mir kam der Gedanke, die Mauserpistole zu nehmen, um eines von den Tieren zu schießen, es dann hinten auf das Gepäck zu schnallen und im Triumph nach Urga zu schaffen. Aber ich konnte meine Absicht nicht in die Tat umsetzen. Mit überraschender Schnelligkeit hatten die Antilopen die Richtung geändert und flohen, in zwei Gruppen geteilt, von denen die eine rechts, die andere links an uns vorüberjagte. Einige Augenblicke befanden wir uns inmitten dieser seltsamen Herde, eingehüllt von dem Staube, den das Stampfen der feinen, nervigen und schnellen Hufe aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit stürzte eines der zaghaften, vor Schreck wahnsinnigen Tiere, überschlug sich, wurde von den andern getreten oder übersprungen, richtete sich mit einem Satze auf und stürmte weiter. Wir schrien in der Aufregung der Jagd; wir schrien, weil wir in gewissen Augenblicken, die alle Roheit und Leidenschaftlichkeit in uns wiedererwecken, in die ursprüngliche Wildheit zurückfallen und weil wir keine andere Waffe besaßen als die Stimme. Da wir nicht töten konnten, vergnügten wir uns daran, zu erschrecken, und unser Geschrei steigerte den Schrecken der Opfer bis zur höchsten Todesangst. Rasch jagte dieses stürmische Durcheinander von gelben schlanken Rücken seitwärts in rasender Flucht von dannen und verschwand in der Ferne in der Steppe.

Um 10 Uhr morgens gelangten wir in eine bergige, aber leicht zu passierende Gegend. Wir verließen die mongolischen Ebenen für immer. Die Gebirge Ostsibiriens und Transbaikaliens entsandten zu uns ihre äußersten Ausläufer, ihre letzten Erhebungen. Bald kamen wir in ein Tal, das uns endgültig die grenzenlose Ausdehnung der Ebenen verbarg, die wir betäubt und unklaren Geistes verließen wie jemand, der nach einer langen Seereise das Land wieder betritt.

Jurten und Herden wurden häufiger. Wir begegneten einem Mongolen, der in rote kostbare Seide gekleidet war, begleitet von einem andern, der zerlumpt genug aussah, um für den Sklaven des ersteren zu gelten. Die beiden hatten sich ins Gras gesetzt und ruhten,wobei sie die Zügel ihrer Pferde um den Arm geschlungen hatten. Als sie uns erblickten, erhoben sie sich jäh vor Schreck und schickten sich an zu fliehen; aber es war zu spät, und einen Augenblick später fuhren wir rasch an ihnen vorbei. Als sie bemerkten, daß wir keine feindliche Absicht hatten, wagten sie uns nachzusehen und brachen in ein nichtendenwollendes Gelächter aus. Dieser Wagen, der von selbst lief, mußte auf sie wie eine überaus komische Erscheinung, wie ein heiterer Unsinn wirken, als hätten wir vergessen, die Pferde vorzuspannen, und als hätte der Wagen, noch zerstreuter als wir, sie nicht vermißt und wäre in gleichem Tempo weitergefahren! Sie lachten und krümmten sich vor Lachen, die Hände auf die Knie gestützt.

Eine ungeheuere Menge dicker Murmeltiere sprang im Grase herum; es waren ihrer Tausende, und zwar von der Art, die die Engländer „Präriehunde“ nennen. Sie liefen nach ihren Höhlen in der Erde; bevor sie sich aber versteckten, verfehlten sie nicht, uns neugierig zu betrachten, wobei sie auf den Hinterbeinen saßen, in einer komischen Stellung, die etwas Menschenähnliches an sich hat. Wenn die Höhle zu weit entfernt war, als daß die klugen Tierchen sie hätten erreichen können, fielen sie plötzlich, wie vom Blitze getroffen, um und stellten sich tot, um rasch wieder aufzuleben, sobald wir vorüber waren. Wir begrüßten die Anwesenheit der Murmeltiere mit großer Genugtuung, weil wir wußten, daß sie die Umgegend von Urga in großen Mengen bevölkern. Sie kündigten uns die Nähe der Hauptstadt der Mongolei an. Es war 11 Uhr, als wir uns am Fuße des Bogda-ola, des „Heiligen Gebirges“, befanden. Wir hatten den Tolafluß erreicht, an dessen Ufern die Stadt liegt.

Die Gipfel des Bogda-ola waren mit einem dichten, dunkeln Walde kleiner Kiefern bedeckt, der bis in die Täler und Schluchten herabreichte. Es waren die ersten Bäume, die wir nach einer Reise von etwa 1200 Kilometern zu Gesicht bekamen! Wir betrachteten sie mit hoher Freude. Wir hatten Weiden, Pappeln, Erlen dort hinten an der Grenze des alten China zurückgelassen und fanden jetztKiefern vor; von der vielgestaltigen Flora der gemäßigten Zone gelangten wir zu der der kalten. Der Anblick dieser Landschaft ließ uns erkennen, welche Strecke wir zurückgelegt hatten. Wir befanden uns schon inmitten einer nordischen Strenge, wir merkten, daß Sibirien nahe war.

In das weite Tal des Tola einbiegend, gewahrten wir in westlicher Richtung Urga, undeutlich wie in einem Spiegel, durchsetzt mit weißen Gebäuden, die Tempel sein mußten. Wir hatten noch einen langen Weg zurückzulegen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Tola und ein Netz seiner Nebenflüsse kreuzen oft die Straße. Von Russen erbaute Brücken führen darüber; aber die Mongolen ziehen es vor, durchzuwaten. Schließlich folgten wir ihrem Beispiel und fuhren entschlossen in den Fluß hinein, wobei wir uns an die Spuren der Räder und Schuhe hielten und mit voller Geschwindigkeit vorwärtseilten, um nicht einzusinken. Diese Durchfahrt der großen grauen Maschine, um die herum das Wasser wie um ein Torpedoboot hoch aufspritzte, war ein eigenartiger Anblick.

Urga ist nicht eine einzelne Stadt; es gibt drei Urga: ein chinesisches, ein mongolisches und ein russisches, die mehrere Kilometer voneinander entfernt liegen. Drei große Rassen, die slawische, die mongolische und die chinesische, wohnen dicht beieinander, ohne sich jedoch zu vermischen. Es herrscht zwischen ihnen noch ein Rest jahrhundertealter Gegnerschaft. Die drei Städte scheinen von feindlichen Völkerschaften bewohnt zu sein; sie haben das Aussehen verschanzter Lager. Sie sind von sehr hohen Palissaden umgeben, wie sie in der Kriegführung der Alten üblich waren, um den Ansturm der angreifenden Reiterei zu brechen. Hohe Palissaden umgeben auch die einzelnen Häuser und Tempel. Nach außen sieht man nichts von dem Familienleben der Bewohner; die Straßen sind nichts als eintönige, düstere und gleichförmige Gänge zwischen Holzmauern.

Gefahr muß also auch heute noch bestehen; diese Verteidigungswerke können nicht lediglich traditionelle Bedeutung haben. In derTat hat das russische Konsulat — eine Villa im sibirischen Stile, die isoliert zwischen der Chinesen- und der Mongolenstadt liegt — rings ein Glacis und Laufgräben; es ist von breiten Gräben und von Netzen aus Eisendraht, von Wolfsgruben, den modernsten und wirksamsten Annäherungshindernissen, umgeben; es hat Kanonen und eine Besatzung von transbaikalischen Kosaken. Weiterhin, gegen Westen zu, in der Nähe der Mongolenstadt, hat sich auch der tatarische General, der Tu-tung von Urga, der Kommandant der chinesischen Besatzung, in eine Festung von quadratischem Umriß eingeschlossen. Sie wird durch Erdwerke, die durch Balken verstärkt und mit Zinnen und Schießscharten versehen sind, verteidigt und an den Ecken von Militärposten bewacht. Chinesen und Russen haben sich wie in einem eroberten Lande eingenistet. Wer ist der wirkliche Herr?

Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.

Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.

Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.

Sicher nicht jener göttlich verehrte Herrscher des mongolischen Volkes, der Chutuktu, der lebende Buddha, der fast ganz abgeschlossen in einem etwas abseits gelegenen Lamakloster wohnt, zu welchem die meisten Gebäude gehören, die man aus der Ferne sieht. Buddha gefällt sich darin, ein menschliches Leben zu führen, indem er in denKörper dreier Männer eingeht — nur dreier in der ganzen Welt. Einer von diesen ist der Dalai Lama von Lhasa, der zweite der von Urga, der dritte der von Peking, das Oberhaupt von zwölfhundert Lamas des großen Tempels von Jung-ho-kung. Obgleich alle drei die Seele Buddhas besitzen, herrscht zwischen ihnen doch ein merkbarer Rangunterschied. Der von Tibet ist der am höchsten, der von Peking der am wenigsten angesehene; der Unterschied besteht in der Größe der Segenskraft. Sie werden nicht nach ihrem inneren Werte verehrt, sondern nach dem Nutzen, den sie stiften. Als vor zwei Jahren der Dalai Lama von Tibet aus Lhasa entfloh, das durch den Vormarsch der Engländer bedroht war, und sich nach Urga flüchtete, verließen die wackeren Mongolen ihren einheimischen Gott zugunsten des weit mächtigeren tibetischen. So konnte man damals das seltsame Schauspiel erbitterter Feindschaft zwischen zwei Buddhas beobachten.

Um diese in Ungnade gefallene Gottheit von Urga schlingen sich die Fäden der politischen Intrige. Ein kluger, energischer und ehrgeiziger Mann an der Spitze des mongolischen Volkes könnte der chinesischen Oberhoheit gefährlich werden. Wahrscheinlich rührt daher die seltsame Erscheinung, daß der lebende Gott niemals ein Mann, sondern stets ein Kind ist. Sich anbeten zu lassen, ist eine Aufgabe, die auch ein Kind erfüllen kann. Dieser Jüngling gelangt nie zu voller Reife. Wenn er die Schwelle des Mannesalters erreicht, stirbt er. Er stirbt unvermutet, auf geheimnisvolle Weise. Aber er hat bereits seinen Nachfolger ernannt, und ein anderes Kind besteigt den tragischen Altar. Dieser plötzliche Tod ist eines der regelmäßigsten Wunderzeichen der Gottheit: die Seele des Gottes kann nur in einem Kinde wohnen. Es geht jedoch das Gerücht, daß das heilige Kind — erdrosselt wird!

Der letzte Großlama hat das kritische Alter glücklich überstanden. Das gewohnte Wunder erleidet daher eine Verzögerung, die man durch den wirksamen Schutz erklären will, den der russische Konsul — ein geschickter Diplomat burjatischen Stammes, derdem mongolischen nahe verwandt ist — ausübt. Der Konsul ist ein vertrauter Freund des lebenden Buddha und hat freien Zutritt in die heiligen Bezirke. Der chinesische Gouverneur dagegen ist weit davon entfernt, über den Großlama die alte Macht und Autorität auszuüben; man sagt sogar, er sei diesem von Herzen zuwider. Wenn aber die lebende Gottheit noch am Leben ist, so scheint sie in einen Zustand gebracht worden zu sein, der infolge frühzeitiger Laster und des Mißbrauchs alkoholischer Getränke nahe an Idiotismus grenzt. Man kann sagen, daß wenigstens der Verstand des Großlama erdrosselt worden ist.

Sicher ist, daß man angesichts jener verschanzten Lager, der Befestigungen, der Intrigen, der grausigen Mordgeschichten, und beim Anblick seltsam gekleideter Reiter, die im Galopp durch die Straßen längs den Befestigungswerken aus Holz sprengen, den Eindruck hatte, als lebe man hier in einer mittelalterlichen asiatischen Stadt. Das plötzliche Erscheinen eines Automobils in dieser Welt bildete einen Kontrast, der etwas Widersinniges an sich hatte.

Der Großlama besitzt selbst ein Automobil, ein kleines Fahrzeug, das ihm der russische Konsul geschenkt hat, vielleicht um ihn für die Rivalität des tibetischen Buddha zu entschädigen. Das Fahrzeug hat aus eigener Kraft noch keinen einzigen Schritt gemacht. Kaum war es in Urga angekommen, so ließ der verkörperte Buddha es im Hofe von zwei Männern im Kreise herumschieben, in der Hoffnung, es werde von selbst seinen Lauf beginnen und seine Umfahrt beenden. Dann entschloß er sich dazu, einen Ochsen vorspannen zu lassen, und schickte es nach seiner Sommerresidenz, wo es verrostet, in der Erwartung, daß eine andere europäische Macht einen Chauffeur dazu schenkt.

Urga.

In der Russisch-Chinesischen Bank. — Eine seltsame Pilgerfahrt. — Der chinesische Gouverneur im Automobil. — Die Abfahrt von Urga. — Im Sumpfe steckengeblieben. — Eine unheilvolle Fahrt bergab.

Von den drei Städten Urga war die chinesische die erste, die wir bei unserer Ankunft berührten. Wir fuhren in sie ein, weil der Telegraph hineinführte. Wir hatten so sehr die Gewohnheit angenommen, den beiden Drähten überallhin mit dem größten Vertrauen zu folgen, daß wir uns von ihnen ohne Widerrede Gott weiß wohin hätten führen lassen. Die Drähte waren Chinesen, die in der chinesischen Stadt haltmachten, bevor sie ihren Weg direkt nach Norden über steile Gebirge hinweg wieder aufnahmen. Ihre Aufgabe als Führer war aber zu Ende. Sie geleiteten uns durch die engen, schmutzigen Straßen der Chinesenstadt, sprangen mit einem Satze über eine Palissadenwand und ließen uns verdutzt stehen.

Unsere Ankunft verursachte, daß die Einwohnerschaft an den Eingängen der Gehöfte zusammenlief, von denen aus wir einen raschen Blick in die Höfe, die gedrängt voller Kisten, Kamele und Kinder waren, auf chinesische Häuser mit Gittern in verwickelten geometrischen Figuren und auf kleine buntbemalte, in die Augen fallende Tempel werfen konnten. Hinter den barbarischen Verteidigungswerken aus Balkenbemerkten wir Anzeichen von Wohlstand und Fleiß. Die Bewohner beschäftigen sich sämtlich mit Großhandel; sie sind durch den Handel mit Tee, Wolle, Fellen, Pferden reich geworden und veranstalten regelmäßige Karawanenreisen; sie sind Eigentümer von Hunderten von Kamelen und Ochsen. Sicherlich waren sie von unserer Ankunft unterrichtet; sie betrachteten uns neugierig, aber nicht verwundert; der Telegraph hatte die Kunde von dem Ki-tscho bereits verbreitet, und die Berührung mit den Russen, die beständigen Beziehungen zur Welt des Westens haben den bezopften Einwanderern einen praktischen Sinn eingeflößt, der sie das Automobil von einem durchaus vernünftigen Gesichtspunkte aus betrachten ließ. Einige fragten, ob wir geradenwegs von Tauerin kämen, und wandten sich bei unserer bejahenden Antwort zu den übrigen, um dies Ereignis mit ihnen angelegentlichst zu erörtern.

Auf den Straßen der Chinesenstadt erblickten wir auch die ersten nordmongolischen Frauen, deren Kopfputz so auffallend und so neu für uns war, daß wir uns nicht enthalten konnten, sie mit indiskreter Beharrlichkeit zu betrachten. Zweifellos ist es den verheirateten Frauen der nördlichen Mongolei gelungen, aus ihrem Kopfhaar das originellste Meisterwerk herzustellen, das sich von der vereinten Phantasie von hundert Frauengenerationen ersinnen läßt.

Die Haare fallen zu beiden Seiten des Gesichts in zwei flachen, auf das reichlichste mit Gummi zusammengeklebten Streifen herunter, die in nichts mehr nach Haaren aussehen; sie gleichen zwei riesigen schwarzen, zurückgebogenen, das Gesicht umrahmenden Netzen, die einen solchen Umfang besitzen, daß sie beinahe Schulterbreite erreichen, und die auf der Brust spitz auslaufen. Die Netze werden durch eine Menge Stäbe auseinandergehalten, die wie die eines Fächers angeordnet sind und ein seltsames Gitterwerk um das Gesicht herum bilden; sie sind mit hin und her schwingenden größeren und kleineren Silbermünzen bedeckt, unter denen wir eine Anzahl russischer Zehn- und Zwanzigkopekenstücke erkennen, ein neues Zeichen der Nähe desMoskowiterreiches. Selbstverständlich wird ein Kopfputz von solcher Kompliziertheit nur einmal im Leben angefertigt; vor der Hochzeit überläßt die Braut ihren Kopf den geschickten Händen eines Künstlers und beschränkt sich dann auf die Tätigkeit des Erhaltens; sie stäubt ihre Netze von Zeit zu Zeit aus und bestreicht sie, wenn es nötig ist, von neuem mit Gummi. Die Gefahr, daß der Gebrauch eines Bades den Bestand dieser Haarphantasie schädigen könne, besteht nicht.

Frauen aus der nördlichen Mongolei.Frauen aus der nördlichen Mongolei.

Frauen aus der nördlichen Mongolei.

Frauen aus der nördlichen Mongolei.

Gerade in dem Augenblicke, als wir nicht wußten, wohin wir uns wenden sollten, und die Leute nach der Russisch-Chinesischen Bank fragten, wo wir erwartet wurden, kam ein chinesischer Soldat im Galopp angesprengt, um uns den Weg zu zeigen. Wir kamen an einer Reihe kleiner weißer Pagoden im tibetischen Stile vorüber, die entfernte Ähnlichkeit mit den Kegeln eines riesenhaften Billardspieles hatten. Als wir ins Freie traten, erblickten wir auf dem Gipfel eines Hügels einen prachtvollen europäischen Palast! Meine Feder vermag es nicht zu schildern, welche Überraschung und Freude uns durchzuckte, als wir dieses mitten in die Mongolei gefallene winzige Stück Europa erblickten. Es war, als habe sich unser eigenes Heim unseren Blicken dargeboten. Wir wußten noch nicht, was für ein Gebäude es war, das drei bis vier Kilometer von uns entfernt lag,umgeben von niedrigeren Baulichkeiten, dem Anschein nach Schuppen und Ställe. Aber für uns war es ein freundlicher Anblick. Bald lasen wir in großen Buchstaben in vier Sprachen die Inschrift: „Russisch-Chinesische Bank.“ Wir fuhren vor und ließen triumphierend und mit begeisterter Beharrlichkeit die Hupe ertönen.

Am Eingangsgitter stand ein Tarantaß; zwei Kosaken kamen die Straße entlang und blieben stehen, um uns zu betrachten. Wir begrüßten sie mit überströmender Freundlichkeit. Aus einem Pförtchen streckte ein bärtiger Muschik seinen Kopf heraus, um ihn aber sofort wieder zurückzuziehen, wohl in der Absicht, unsere Ankunft zu melden.

„Wir sind ja bereits in Sibirien!“ riefen wir und beglückwünschten einander, als ob die Reise zu Ende sei.

Geräuschvoll tat sich das Tor der Bank auf, und heraus stürzte ein sympathisch aussehender Herr, Herr Stepanoff, der Direktor dieser Filiale, um uns freudig zu begrüßen. Er konnte aber eine gewisse Überraschung nicht verbergen, daß er uns als die Ersten ankommen sah.

„Das ist ja die italienische Flagge!“ rief er, während er sie betrachtete, die am Hinterteil des Automobils lustig im Winde flatterte — „wahrhaftig. Herzlich willkommen, Durchlaucht! Seien Sie alle herzlich willkommen! Aufrichtig gesagt, ich habe Sie nicht erwartet. Ich kenne die Wüste, und Ihre Maschine hielt ich für zu schwer. Ich hätte gedacht, Sie wären zurückgeblieben. Ich war überzeugt, daß die leichteren Maschinen größere Chancen hätten.... Noch einmal, willkommen! Hier herein, hier herein, alles steht zu Ihrem Empfange bereit!“

Es stand in der Tat alles auf das wundervollste eingerichtet bereit. Eine ganze Zimmerflucht wurde uns zur Verfügung gestellt. Russische, französische und italienische Flaggen schmückten die Treppen. In einem großen Salon funkelte eine lange gedeckte Tafel mit 20 bis 30 Kuverts, mit Aufsätzen voll Konfekt, mit schimmernden, kunstvoll gefalteten Servietten: ein prächtiges Panorama von Kristall und Porzellan, das uns Ausrufe des Erstaunens und Wohlbehagens entlockte.

„Ich werde sofort das Komitee benachrichtigen“, erklärte unser Wirt, indem er uns nach unseren Zimmern geleitete.

„Das Komitee?“

„Ja, das russische Komitee zum Empfange der Teilnehmer an der Fahrt Peking–Paris. Es sollte sich zu Ihrem Empfange hier einfinden, aber wir glaubten nicht, daß Sie vor Abend eintreffen könnten. Man hat uns von Tauerin telegraphiert, daß ein Automobil heute früh um ½7 abgefahren sei. Es sind über 250 Kilometer! Entschuldigen Sie uns, wenn der Empfang vereitelt worden ist.“

Es bestand ein Komitee! Wir befanden uns mitten in der Zivilisation des Westens! Wir gedachten in Dankbarkeit der wackeren Männer, die sich zusammengetan hatten, um uns zu feiern, um uns Erholung von unseren Mühen zu verschaffen, die unsertwegen Zusammenkünfte mit Diskussionen und Tagesordnungen abgehalten hatten! Herr Stepanoff war der Vorsitzende und die Seele des Komitees.

In Urga begann die unvergeßliche Reihe herzlicher, aufrichtig gemeinter großer und kleiner Empfänge, die uns auf der ganzen riesenhaften Reise beständig die Wohltat freundschaftlicher Sympathien boten, die uns die Tore der Paläste und die Türen der Hütten erschlossen, die uns überall die erquickende Atmosphäre wahrer Gastfreundschaft atmen ließen, jener Gastfreundschaft, welche sagt: „Komm herein, mein Haus ist dein!“

Aus den Fenstern unserer Zimmer hatten wir die Aussicht auf das ganze Tal des Tola und die in ihm verstreut liegenden Städte. Der Bogda-ola lag uns gegenüber, hoch und breit, mit seinem imponierenden schwarzen Haupte voller Kiefern. Die Legende behauptet, auf diesem Gipfel befinde sich das Grab Dschingis Chans. Ein prächtiges Grab für einen Zwingherrn!

Vielleicht ist es diese Legende, die den Berg zu einem heiligen macht. Bäume auf ihm zu fällen und dort zu jagen, gilt als Heiligtumsschändung. Niemand besteigt ihn, um den Schlummer des großen Kaisers nicht zu stören. Wenn man die Mongolen nach dem Grundefragt, weswegen sie den Bogda-ola nicht betreten, so antworten sie, der Berg sei von Gott zu seinem eigenen Vergnügen geschaffen worden; er allein besuche ihn, um sich hier dem Genusse des Lustwandelns und der Jagd hinzugeben. Nach ihrer Auffassung ist der Berg ein Privatgarten der Gottheit. Wie alle auf einer tiefen Stufe der Kultur stehenden Bewohner weiter Ebenen hegen sie für Berge eine Art religiöser Verehrung. Auf den Gipfeln der Anhöhen errichten sie ihre Obos; sie steigen hinauf, um zu beten; jede Bodenerhebung ist zu dem Zweck geschaffen, die Erde dem Himmel näherzubringen. Der Bogda-ola ist der höchste Berg, folglich ist er der heiligste. Und auf ihm steht ein Wald: ein eindrucksvolles Mysterium für den Sohn der Steppe. In der Mongolei besteht eine Art Kultus für die Bäume, weil sie selten sind. Wer weiß, welche unbestimmte Ehrfurcht die fremdartige, aus dem Boden emporsprießende Gestalt des Baumes in dem einfachen Gemüte des Nomaden erweckt. Oft wird er als Fetisch angebetet, und wir haben häufig, und zwar bis ins südliche Sibirien hinein, solche vergötterte Bäume gesehen, an deren Zweigen ungezählte Papierstreifen mit Gebeten flatterten.

Die „Itala“ war das Ziel einer unablässigen, ganz unglaublichen Pilgerfahrt. Die Nachricht von ihrer Ankunft hatte das ganze Tal des Tola in Aufregung versetzt. Es kamen Leute aus den drei Städten, und es kamen solche aus weit entfernten Jurtenlagern. Die Chinesen hatten als praktische Leute einen regelrechten Wagenverkehr mit Maultieren eingerichtet, um die Neugierigen, die den Ki-tscho sehen wollten, nach Urga und zurück zu ihren Palissadengehöften zu befördern. Man sah diese sonderbaren Gefährte, die schon etwas der russischen Telega glichen, zu fünf, mitunter zu sechs ankommen, besetzt mit Leuten, die sich festlich gekleidet hatten wie zu einer feierlichen Gelegenheit. Es fehlten auch die wirklichen Telegas nicht, die aus der russischen Stadt heraufkamen und bei den lebhaften Farben der slawischen Kostüme einen Anstrich von Fröhlichkeit hatten. Eine große Menge Mongolen strömte zu Fuß und zu Pferd von allen Seiten herbei: Lamas in violetter und gelber Seide und mitpagodenähnlichen Hüten, Karawanenführer, Hirten. In Scharen kamen lachende, geschwätzige Frauen, große Stiefel an den Füßen und die Last ihres Kopfputzes mit sich tragend, der den Eindruck eines um den Kopf gelegten Halskragensà la Medicimachte. Von Zeit zu Zeit bahnte sich ein Kosak seinen Weg durch die Menge und unternahm eine Rekognoszierungstour um das Automobil.

Diese ganze Menge stand respektvoll und bewundernd um das Fahrzeug wie vor einem heiligen Mysterium. Die mongolische Bevölkerung von Urga war seit mehreren Tagen durch die eingeborenen Agenten der Bank von der bevorstehenden Ankunft von Wagen, die von selbst liefen, unterrichtet worden. Man hatte sie auf diese Weise vorbereiten wollen, um jedem möglichen Ausbruch des Fanatismus und des Aberglaubens vorzubeugen, der durch die unerwartete Ankunft so seltsamer Maschinen in der heiligen Stadt des Lamaismus hätte hervorgerufen werden können. Täglich erhielt die Bank Besuche von Mongolen, welche kamen, um Nachrichten über die von selbst laufenden Wagen einzuholen. Ihre Fragen waren von erheiternder Naivität. Sie glaubten, diese wunderbaren Wagen führen nicht auf der Erde, sondern durch die Luft. Sie wollten wissen, in welcher Entfernung man sie ohne Gefahr betrachten dürfe; sie fragten, ob es nicht unvorsichtig sei, sich vor sie hinzustellen, wenn sie stillständen. Die verbreitetste Meinung war, daß diese Wagen von einem unsichtbaren geflügelten Roß gezogen würden.

„Wie machen es aber die Fremden, um das geflügelte Roß zu lenken?“ fragten sie Herrn Stepanoff, nachdem sie unverdrossen den sinnreichsten Erklärungen gelauscht hatten, die sie überzeugen sollten, daß kein Pferd vorhanden sei.

Die primitiven Völker leben in einer Märchenwelt; sie erklären alles mit Hilfe des Unsichtbaren; ihre Unwissenheit sieht in jedem Dinge ein Geheimnis und in jedem Geheimnis eine verborgene Kraft; das Geheimnisvolle erklären sie sich als eine natürliche Kraft, und diese setzt sie nicht in Erstaunen. Sie glauben an das geflügelteRoß, aber sie sind nicht imstande, an eine komplizierte Schöpfung des menschlichen Geistes zu glauben. In ihrem Geiste ist das Unglaubliche Wahrheit, die Wahrheit aber unglaublich.

Wir wissen nicht, inwieweit der Anblick unserer Maschine die vorgefaßten Meinungen der Bürger von Urga über das Automobilwesen berichtigt hat. Sicher ist, daß die Menge die „Itala“ von allen Seiten bewundernd umdrängte, vor ihr aber freie Bahn ließ; auch die Chinesen beobachteten diese weise Vorsichtsmaßregel. Die Mongolen gaben dem Automobil den Namen „die fliegende Maschine“. Es ist auch möglich, daß die Kunde von ihr sich an den Schritt des Kamels heftet und zu den fernsten Stämmen in Form einer neuen Legende gelangt. Auch der Großlama hatte sich lebhaft für unsere bevorstehende Ankunft interessiert. Es wurde sofort ein berittener Kurier zu ihm geschickt.

Am Nachmittag stattete uns der chinesische Gouverneur seinen Besuch ab. Eine Stafette kam im Galopp angesprengt, um ihn anzumelden. Kurze Zeit darauf erschien auf der sonnigen Straße, in eine Staubwolke gehüllt, das Gefolge des hohen Würdenträgers. Die Sänfte wurde von vier berittenen Mongolen mit erstaunlicher Geschicklichkeit getragen; die Stangen der Sänfte waren über die Sättel gelegt, und die vier Träger galoppierten unter genauer Einhaltung der richtigen Entfernung. Wäre einer von ihnen auch nur um Handbreite aus der Reihe gewichen, so hätte der arme Gouverneur samt seiner Sänfte ein wenig würdevolles Ende gefunden. Eine Schar von mongolischen und chinesischen Soldaten, von Offizieren und von Würdenträgern ritt dem erlauchten Mandarin voraus und folgte ihm. Es lag ein primitiver Adel und Stolz über dieser buntgekleideten Gruppe, die wie eine Windsbraut dahergejagt kam. Nichts gleicht an kriegerischem Ausdruck dem Gesicht des mongolischen Soldaten mit seinem lang herabhängenden Knebelbarte.

Der Gouverneur war trotz des furchtbaren Gefolges, mit dem er sich umgab, der feinste und wohlwollendste Chinese. Als vollendeterDiplomat sprach er, ohne etwas zu sagen, lächelte allen zu, lachte über alles, nahm Tee und entfernte sich wieder mit seiner Sänfte und seiner dahinsprengenden Eskorte.

Auch einen Besuch des tatarischen Generals empfingen wir. Besonders tiefen Eindruck machte auf diesen die Mitteilung, daß unser Automobil die Kraft von 50 Pferden habe. Zum Teufel, wir hatten ja beinahe mehr Kavallerie als er! Eine schwierige militärische Frage türmte sich vor dem Geiste des tatarischen Generals auf, ein Zweifel quälte ihn: existierte in Europa eine auf Automobilen reitende Kavallerie? Wenn sie existierte, so waren alle tatarischen Generale, die mit der Bewachung der Grenzen des Himmlischen Reiches betraut waren, völlig unnütz. Zehn Automobile hätten die Mongolei in vier Tagen eingenommen. Wir beruhigten ihn dahin, daß eine auf Dampfpferden reitende Kavallerie nicht existiere. Er war davon sehr befriedigt.

Am Abend hielt ein mongolischer Beamter, der einen Handwagen zog — die mongolischen Beamten sind bescheidene Leute —, am Tore der Bank und überreichte ein rotes Papier, auf dem chinesische Schriftzeichen standen. Es war die Visitenkarte des Gouverneurs; sie begleitete Geschenke. Diese Geschenke standen auf dem Wagen und weigerten sich hartnäckig abzusteigen: es waren zwei prächtige Hammel, die der Mann schließlich zum Gehorsam zwang; außer den Hammeln sandte der Gouverneur noch einige Flaschen russischen Wein und Büchsen mit Konserven. Nachdem der mongolische Beamte, der einen Hut mit dem Knopfe eines Mandarinen sechster Klasse trug, alles auf die Erde gestellt hatte, ersuchte er uns, festzustellen, daß der Wagen leer sei und daß er nichts veruntreut habe. Dies bescheinigten wir ihm.

In Urga fanden wir unser drittes Depot an Benzin und Öl vor, das letzte in der Mongolei, das durch eine Karawane von Peking hierhergebracht worden war.

In Kiachta sollten wir das vierte Depot finden, das durch Sibirien dorthingeschafft worden sein sollte. War es eingetroffen? Würdekeine Verzögerung, kein Irrtum Veranlassung geben, daß wir unterwegs aus Mangel an Brenn- und Schmiermaterial stilliegen müßten? Diese Fragen erwogen wir mit einer gewissen Beklemmung. Uns fehlten Nachrichten. Der Fürst hatte in Peking ein Telegramm aus Petersburg erhalten, in dem ihm angezeigt wurde, daß er in Kiachta ein Verzeichnis der Depotstationen und der Menge Benzin und Öl finden würde, die an jedem Haltepunkte zu seiner Verfügung ständen. Wir hatten Bedenken, und die Tatsachen sollten uns recht geben.

In Urga wurden sämtliche Behälter nachgefüllt, ohne daß uns das große Gewicht Sorge machte, da wir auf diese Weise die Kraft für weitere tausend Kilometer aufspeicherten. Nachmittags kam Ettore und meldete, die Maschine sei bereit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Er hatte ein einziges Wort, mit dem er dies alles ausdrückte:

„Fertig!“

„Alles in Ordnung?“ fragte ihn der Fürst.

„In bester Ordnung. Ich habe alles nachgesehen. Die Maschine ist noch so gut wie neu.“

Wir mußten nun noch auf die andern warten. Urga machte uns übrigens das Warten angenehm. Das Komitee leistete uns in liebenswürdigster Weise Gesellschaft. Es gehörten dazu Kosakenoffiziere, ein vom Kriegsschauplatz in der Mandschurei zurückgekehrter Stabsarzt, Kaufleute, Damen, die sich nach dem Petersburger und Moskauer Leben zurücksehnten. Auch ein Engländer von vornehmem Aussehen befand sich darunter; ich hätte ihn für einen Diplomaten gehalten, wenn man mir nicht versichert hätte, daß er ein geschickter Pionier des Woll- und Rauchwarenhandels sei.

Oft ließ ich mir ein Pferd satteln (die Ställe standen zu unserer Verfügung) und ritt, auf dem hohen Kosakensattel thronend, nach dem Telegraphenamt in der Chinesenstadt, um meine Depeschen aufzugeben und Nachrichten von unseren Kollegen einzuziehen. Am Abend erfuhr ich, daß die beiden „de Dion-Bouton“ nachmittags 5 Uhr in Tauerin eingetroffen seien; sie würden morgen in Urga sein. Keine Nachrichtvom „Spyker“! Weder Pang-kiang noch Udde wußten etwas. Seit drei Tagen und zwei Nächten war der „Spyker“ also in der Wüste verschollen; der Mongole mit dem in Lumpen verpackten Telegramm und seinem mit Benzin beladenen Kamele hatte ihn noch nicht getroffen. Auf dem „Spyker“ befanden sich mein lieber Kollege Du Taillis und als Führer Godard. Wir hatten mit der Wüste erst vor kurzem Erfahrungen gemacht, die uns jeden Augenblick mit einem Gefühl der tiefsten Besorgnis an die beiden denken ließ. Zu der Vorstellung von ihrem Leiden gesellte sich ein anderer quälender Gedanke. Wir wußten, daß sie befreit werden würden, daß man ihnen am Morgen des 19. Juni aus Udde Soldaten zu Hilfe geschickt hatte, die sich ihnen von Stunde zu Stunde näherten. Aber, fragten wir uns, wußten auch sie es? Hatten sie die Gewißheit, daß die Befreiung nahe war? Welche Angst und welche Pein konnte nicht dieser Zweifel ihren physischen Leiden hinzufügen? Man ist tapfer, wenn man keine Sorgen hat. Wer konnte sie aber von ihren Sorgen befreien? Was würde ich darum geben, wenn ich ihnen auch nur ein Wort durch jene Drähte zukommen lassen könnte, die wenige Meter über ihren Köpfen hinliefen und die Tausende meiner Worte einer Zeitung überbrachten. Wir waren daher sehr erfreut, als wir am folgenden Tage von Udde die Mitteilung erhielten: „Spyker wohlbehalten angelangt.“

Der 22. Juni wurde von uns der Erwiderung der Besuche gewidmet. Wir begaben uns in die Festung, in der der tatarische General seine Autorität verschanzt hatte, und tranken einige Tassen Tee in Gegenwart des erlauchten Kriegers, der Gala angelegt hatte und von seinem Generalstabe von federbuschgeschmückten Mongolen umgeben war. Der Gouverneur empfing uns in seinem Amtsgebäude und bat den Fürsten um eine große Gunst. Wir erwarteten von einem echten Mandarinen, vom Generalgouverneur der Mongolei, nicht eine Bitte, wie er sie äußerte. Sie stellte alle Anschauungen, die wir uns von China gebildet hatten, alle weitverbreiteten Ansichten über das Mandarinentum auf den Kopf; sie war die Rehabilitation desWai-wu-pu; sie eröffnete der Zukunft des Himmlischen Reiches neue Horizonte. Seine Exzellenz baten — das Automobil einmal benutzen zu dürfen!

Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.

Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.

Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem Gefolge begleitet.

„Von Herzen gern!“ rief Fürst Borghese mit Begeisterung. „Und wohin?“

Es war gleichgültig wohin. Der Gouverneur wollte nur im Automobil fahren, eine Rundfahrt durch die Straßen von Urga machen. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, es kam ihm vor allem darauf an, sich auf dem Zauberwagen sehen zu lassen. Dies konnte seinem Ansehen zugute kommen.

Das Automobil stand vor dem Tore. Der Mandarin in seiner Prachtkleidung, mit den übermäßig langen Ärmeln aus Seide, die seine Hände bedeckten, auf dem mit zwei Pfauenfedern geschmückten Hute den Korallenknopf, das Abzeichen des höchsten Grades, unternahm erst einen Inspektionsgang rund um die Maschine, dann stieg er auf, während der Fürst das Steuerrad ergriff und Ettore sich auf den Tritt setzte. Die Nachricht von der Fahrt hatte sich verbreitet. Leute liefen herbei. Alle mongolischen Offiziere und die Soldaten mit den Knebelbärten betrachteten voller Entsetzen ihren Vorgesetzten, uns aber mit einem gewissen Mißtrauen.

Die „Itala“ fuhr ab. Sie beschrieb einen weiten Bogen vor dem Fu, dem Amtsgebäude, um über eine kleine Brücke zu kommen, und eilte dann auf und davon. Der Gouverneur der Mongolei hatte sich fest an die Seitenlehnen des Sitzes angeklammert, schien aber entzückt zu sein. Sein Zopf pendelte in dem scharfen Luftzuge lustig hin und her. Die Leute des Gefolges hatten vielleicht den Eindruck, man wolle ihren Herrn entführen, denn sie stürzten auf ihre an die Palissadenwand gebundenen Pferde, sprangen in den Sattel und jagten mit lautem Geschrei hinter der Maschine her. Ihnen schloß sich an, wer ein Pferd zur Hand hatte, und Pferde gibt es hier überall. Von allen Seiten her erschienen Reiter: Lamas, Soldaten, Steppenbewohner. Sie kamen zu spät, das Automobil war verschwunden; aber sie kehrtenebensowenig um wie die andern Berittenen, sondern spornten die Tiere durch lautes Schreien an. Nur wenigen, besser berittenen Offizieren gelang es jedoch, in der Nähe des Wagens zu bleiben. Wie bei einer großen Jagd folgte die unbeschreibliche Reiterschar, das „wilde Heer“, in gestrecktem Galopp. Sie verschwand in dem Staube und ergoß sich unter Lärmen und Tosen in die Straßen. Viele Pferde trugen zwei Reiter. Fröhliches Geschrei erscholl ringsum; der Ritt war nur ein Spiel, aber der Auftritt hatte ganz den Anschein eines Ausbruchs der Volkswut. Es war, als sei Urga von einem siegreichen Barbarenheere überschwemmt, eine Vision aus vergangenen Zeiten, der die Palissadenwerke einen kriegerischen Hintergrund verliehen. Man hätte sagen können, die Vergangenheit verfolge wütend jenes kleine Ding, das ohne Pferde davonraste.

Der Gouverneur wollte bis zur Russisch-Chinesischen Bank fahren, von wo ihn seine Sänfte wieder nach Hause zurückbringen sollte. Die Spazierfahrt hatte übrigens eine unerwartete politische Folge. Am Abend schickte der lebende Buddha zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er uns erst in einigen Tagen zu wissen tun werde, ob er uns die Freude, ihn zu sehen, gewähren würde oder nicht.

„Aber wie ist das möglich!“ riefen wir, „er hatte doch so dringendes Verlangen nach uns.“

„Ah, ich verstehe,“ flüsterte uns jemand zu, „er ist verschnupft.“

„Wer? der lebende Buddha? Und warum?“

„Wegen der Fahrt des Gouverneurs.“

„Ist es möglich?“

„Ganz bestimmt. Er beansprucht den Vorrang und ist dem Gouverneur feindlich gesinnt.“

„Wir haben also seine Sympathie verscherzt?“

„Unwiederbringlich.“

„Schade! Wir wollten auch ihn im Automobil fahren.“

Aber wir fanden uns mit seiner Ungnade leicht ab.

Am Nachmittage dieses Tages trafen die beiden „de Dion-Bouton“ in Urga ein. Cormier, Colignon, Longoni und Bizac hatten in derWüste dieselbe vollständige Veränderung ihres Gesichts wie wir durchzumachen gehabt, obgleich sie durch ein bequemes Zeltdach geschützt waren. Ihre Maschinen befanden sich vollkommen in Ordnung. Der „Spyker“, der an diesem Nachmittag Udde erreicht hatte, hätte noch zwei Tage gebraucht, ehe er eingetroffen wäre.

Wir hatten einen Grund, der uns zur Abreise trieb: der Übergang über den Irofluß, etwa 60 Kilometer südlich von Kiachta. Der Iro ist nur in Zeiten der Trockenheit zu durchwaten; es genügt ein Regen, um ihn in ein unüberwindliches Hindernis zu verwandeln. Auf dem Iro liegt ein Fährboot, aber nicht an der Straße, die wir benutzen mußten. Ein russischer Kaufmann, der von Kiachta kam, teilte uns mit, daß die Tiefe des Wassers jetzt ungefähr 120 Zentimeter betrage; es war dies sehr viel für ein Automobil, und es war nicht wünschenswert, daß die Tiefe noch zunähme. Unter diesen Umständen erschien uns der Übergang als eine schwere Aufgabe. Das Wetter drohte jetzt schlecht zu werden. Die Wolken, die uns den Tag zuvor solche Freude bereitet hatten, nahmen übermäßig zu. Der Fürst entschied sich zur Abfahrt am folgenden Morgen, 23. Juni. Die „de Dion-Bouton“ blieben noch einen Tag in Urga, die „Itala“ wollte einen ganzen Tag in Kiachta warten.

Am Abend waren sämtliche Privaträume der Russisch-Chinesischen Bank festlich erleuchtet. Die große, im Speisesaal angerichtete Tafel, überflutet von dem Lichte der Armleuchter, trat feierlich in Tätigkeit. Das Komitee hatte in einer vollzählig besuchten Versammlung beschlossen, uns ein Galadiner zu geben. Wir hätten darauf geschworen, weit von der Hauptstadt der Mongolei zu sein und die Grenzen Europas schon wieder überschritten zu haben, hätte nicht die Anwesenheit der chinesischen Boys, die bei Tische bedienten, uns jeden Augenblick an den Ort, wo wir uns befanden, erinnert. Die Unterhaltung, die französisch, russisch und deutsch geführt wurde, schwirrte durcheinander und erzeugte ein angenehmes babylonisches Sprachengewirr, wie es bei Banketten üblich ist, bei denen die Menschen, dieda sprechen, stets in erdrückender Mehrheit denen gegenüber sind, die zuhören. Ich gehörte zur Minderheit. Ich hörte meiner Nachbarin, der Gattin des Stabsarztes, zu, die mir ihre Reise von Kiachta nach Urga beschrieb und mit den Worten schloß:

„Ich weiß nicht, wie Sie es mit Ihrem Automobil anstellen werden, um durchzukommen.“

„Wir haben aber doch die Wüste Gobi durchquert!“

„Ich kenne die Gobi nicht, Gott sei Dank, aber ich wiederhole Ihnen, daß der Weg nach Kiachta der schaudervollste ist, den ich in meinem Leben angetroffen habe, und ich bin in der Mandschurei gewesen! Denken Sie, vier volle Stunden, vier Stunden im Sumpfe steckengeblieben, ohne den eingesunkenen Tarantaß freibekommen zu können, dabei die Aussicht, den Weg zu Fuß fortsetzen zu müssen. Ich habe Ihnen diese Episode bereits geschildert. Wir waren noch 10 Kilometer von Urga entfernt, und es war das viertemal, daß wir versanken ...“

„War das Wetter schlecht?“

„Es war ausgezeichnet, wie jetzt. Sie werden sich mit Ihren eigenen Augen davon überzeugen, wie fürchterlich diese Straße ist.“

„Hoffen wir das Gegenteil, gnädige Frau!“

Ich lächelte überlegen. Die Erzählung dieser schrecklichen Reiseabenteuer ließ mich völlig kühl. Die weibliche Empfindsamkeit führt mitunter zu unbewußter Übertreibung. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie sehr meine Tischnachbarin recht hatte! Ich hätte in jenem Augenblick nie geglaubt, daß die Straße zwischen Urga und Kiachta in uns Sehnsucht nach der Wüste erwecken würde und daß wir wenige Stunden nach dieser Unterredung für die Sicherheit unserer Maschine zittern mußten!

Wir verließen die Bank bei Tagesanbruch mit aller Vorsicht, um niemand in dieser zum Schlummern so süßen Stunde zu stören. In der Tat machten wir den Eindruck, als hätten wir den Geldschrankgeraubt und schlichen uns auf Strümpfen davon. Wie alle russischen Banken, so schien auch die von Urga einen Handstreich der revolutionären „Expropriateure“ zu befürchten; denn zur Nachtzeit wurde sie von außen durch die Kosaken des Konsulats bewacht. Diese wackeren Burschen betrachteten uns bei der Abfahrt mit augenscheinlicher Unsicherheit; es schien, als wüßten sie nicht, sollten sie uns grüßen oder Alarm schlagen. Sie entschieden sich für den Gruß. Wir fuhren der Mongolenstadt zu, von der aus der Weg nach Kiachta abbiegt.

Es war nicht leicht, den Weg zu finden. Es fehlte uns jetzt die Telegraphenlinie, jener bequeme Ariadnefaden, der uns 1200 Kilometer weit geleitet hatte, und die mongolischen Frühaufsteher, denen wir begegneten, nahmen Reißaus, sobald wir das Automobil zum Stehen brachten, um sie zu fragen. Zum Glück hatten wir uns auf der Bank mit einem Beutel kleiner russischer Münzen versehen, und dadurch, daß wir ein silbernes Zwanzigkopekenstück zeigten, gelang es uns wie durch Zaubermacht, die Flucht der Ausreißer zu hemmen. Der Fürst konnte sich mit seinem Russisch, ich mit meinem Chinesisch etwas verständlich machen, und so fragte er nach dem Wege nach Kiachta, ich nach dem nach Maimatschen. Wir wandten uns nach Norden, ließen Urga hinter uns und gelangten in ein weites, grünes Tal auf undeutlich erkennbaren Pfaden, die launenhaft zwischen Grasbüscheln durcheinanderliefen und zuweilen ganz verschwanden.

Noch waren wir nicht eine Viertelstunde unterwegs, als das Automobil plötzlich stillstand und sich ganz nach links neigte.

Der Motor fuhr fort zu arbeiten und hämmerte stürmisch, indem er zugleich unter heftigem Getöse Wolken weißen, beizenden Rauches ausstieß; es war, als ahne er eine Gefahr und biete mit entschlossener Anstrengung all seine gewaltige Kraft auf, um sich loszumachen. Aber wir saßen fest. Als wir uns vorneigten, bemerkten wir, daß die linken Räder in den Boden eingesunken waren. Das Hinterrad fuhr fort, sich wirbelnd zu drehen, als versuche es, aus der Vertiefung mitverzweifelter Geschwindigkeit herauszukommen. Es lag etwas wie Erbitterung in jener wütenden Kraftanstrengung der großen Maschine.

„Halt, halt!“ rief Ettore, als er bemerkte, daß der Umschwung des Rades den Morast aushöhlte. „Wir sinken tiefer!“

Der Motor schwieg, und einige Minuten lang betrachteten wir schweigend die Lage des Automobils und überlegten, auf welche Weise wir es freibekommen könnten. Es war nach links dermaßen eingesunken, daß die Achsen der Räder und der Benzinbehälter den Boden berührten. Was war zu tun? Wie sollten wir drei ein Gewicht von 2000 Kilo heben und an eine andere Stelle schaffen? Wir versuchten, den Motor wiederum in Bewegung zu setzen und ihn dadurch zu unterstützen, daß wir mit aller unserer Kraft das Automobil schoben. Vergebliches Beginnen! Es würden dazu vielleicht nicht einmal alle Kulis, die wir in Kalgan zurückgelassen hatten, ausgereicht haben.

Vor allem war es dringend notwendig, den eingesunkenen Teil zu heben, weil das Automobil dadurch, daß es sich ganz auf die Seite legte, die rechte Feder und das rechte Hinterrad übermäßig belastete, so daß die Gefahr drohte, die eine oder das andere könnte brechen. Ettore machte sich mit den Winden an die Arbeit, aber diese versanken in dem weichen Erdreich. Um sie zu stützen, gehörten Bretter dazu. Wir entnahmen diese dem Boden der Karosserie; die Bretter krachten, zerbrachen und versanken.

Da kam uns eine Idee: die ganze Strecke um die Räder und unter dem Automobil auszugraben, um auf diese Weise eine schiefe Ebene herzustellen, auf der sich die Maschine mit ihrer eigenen Kraft leicht herausarbeiten könnte. Unverdrossen machten wir uns mit gewaltigen Spatenstichen an die Arbeit, wobei wir uns ablösten, sobald einer müde war.

Nach einigen Minuten fieberhafter, schweigender Tätigkeit bemerkten wir mit Entsetzen, daß wir unserer Maschine das Grab schaufelten. Je mehr wir den Raum um die Räder breiter machten, desto mehr sanken sie ein. Es war der seitliche Druck des Erdbodens, der siestützte und den wir wegnahmen, kein fester Grund. Es gab überhaupt keinen Grund. Der Morast wurde in der Tiefe weicher und flüssiger. Das Ganze war ein Teich voll Morast mit einer einigermaßen festen Decke, und diese Decke hatten die beiden Räder eingedrückt: dies war die Lage der Dinge!


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