Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.
Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.
Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.
Wir haben am Automobil die Flagge entfaltet, die wir in den letzten Tagen um den Schaft gewickelt hatten, um sie zu schonen. Es ist noch die wollene Marineflagge, die uns von der italienischen Marinebesatzung in Peking überreicht worden war. Wie war die Flaggedort draußen so frisch! Ihre Farben glühten in der Sonne. Jetzt ist sie zerrissen, verblichen, schmutzig und nicht zu erkennen: von allen Winden ist sie zerfetzt, von allen Regengüssen ausgewaschen worden. Und doch ist sie uns so lieb und teuer; wenn wir sie hinter uns wehen, in der Luft flattern hören, ist es uns, als vernähmen wir die Stimme eines Freundes!
Um 4 Uhr durchschneiden wir den großen Kranz von Fabriken mit rauchenden Schornsteinen, die Berlin umgeben und von fern einer riesigen, die Anker lichtenden Flotte ähnlich sehen. Schließlich kommt eine große Straße, die anfangs von schüchternen Häusern eingefaßt wird. Wir gelangen auf einen breiten Boulevard, die Frankfurter Allee: die Häuser nehmen großstädtischen Charakter an, die Straße füllt sich mit immer reger werdendem Verkehr, der mit der Zeit fieberhaft wird. Wir befinden uns in der Königstraße, im Zentrum von Berlin.
Viele Leute erraten aus dem seltsamen Aussehen unseres Automobils, daß wir aus Peking kommen. Hier und dort begrüßt uns jemand. Wir fahren unter der Stadtbahn durch, auf der die Züge donnern. Wir kommen durch das monumentale Berlin: hier ist das Rathaus, dort das königliche Schloß. Wir gelangen auf die berühmte, stolze, belebte, aristokratische Straße „Unter den Linden“. Eine dichte Menschenmenge wartet vor dem Hotel Bristol, über ihr erglänzen die Helme der Schutzleute, die einen Kordon bilden.
Kaum steigt Fürst Borghese ab, so wird er begrüßt, umringt, umdrängt; die Menge folgt ihm und dringt mit uns ins Hotel ein, sie überflutet den Flur, die Salons, die Bureaus, bis es uns endlich gelingt, einen Fahrstuhl zu erreichen, der uns in die ersehnte Einsamkeit unserer Zimmer bringt.
Die Bankette finden programmgemäß statt.
Am 6. August mittags gibt der Kaiserliche Automobilklub uns zu Ehren in seinem prachtvollen Heim ein luxuriöses Dejeuner, bei dem der ganze Prunk einer offiziellen Feier entwickelt wird. Abendsfeiert uns eine zwanglosere Vereinigung von Landsleuten in der herzlichsten und wärmsten Weise durch ein Diner. Zwischen diesen beiden Festen wird uns eine Erfrischung (warum spricht man nur immer von „Erfrischungen?“ Unsere Sprache hat bisweilen Ausdrücke voll ungesuchter Ironie) von den französischen Journalisten geboten, die aus Paris gekommen sind, um mit uns zusammenzutreffen. Die Pariser Gastlichkeit und Berichterstattung sind bis hierher vorgedrungen, und zwar im Automobil. Der angesehenste der Pariser Kollegen ist unstreitig der Vertreter des „Matin“, des Houx, der seinen glänzenden schriftstellerischen Eigenschaften neuerdings noch eine religiöse Tätigkeit zugesellt hat, die darauf hinausgeht, eine französische Kirche zu gründen, deren Oberpriester er einige Tage lang gewesen ist. Er ist natürlich der Leiter, ich möchte beinahe sagen, der geistliche Leiter der journalistischen Brüderschaft.
Unser Automobil kostet inzwischen einen Vorgeschmack der Ruhe. Bekränzt mit Blumen und Lorbeer zeigt es sich Unter den Linden im großen Schaufenster der „Itala“-Gesellschaft. Die Menge drängt sich, es zu sehen; die Tür des Geschäfts ist geschlossen, um ein Eindringen zu verhüten; die Schutzleute müssen immer wieder die Straße säubern und den Verkehr herstellen. Wir sind gekränkt, unser „Tier“ dort zu sehen; sein unerwarteter Stolz beleidigt uns. Er machtReklame!
Am Morgen des 7. August waren wir, bevor noch der Diener an unsere Türen klopfte, um uns zu melden, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen sei, durch das Trommeln des Regens an die Fensterscheiben geweckt worden. Wir sahen eine neue lange, traurige Tagereise im Regen vor uns; in ungewohnter Liebenswürdigkeit hatte das Wetter aber nur die Straße sprengen wollen, um den Staub niederzuschlagen.
Im Augenblick, als wir das Automobil bestiegen, kam hier und da schon der blaue Himmel zum Vorschein. Der nasse Asphalt derbreiten Allee „Unter den Linden“ spiegelte diese glückverkündende Heiterkeit des Himmels wider. Neben unserem Automobil warteten Automobile des Kaiserlichen Klubs, um uns bis Potsdam das Geleit zu geben, andere, Privatleuten gehörige Automobile und von Neugierigen gemietete waren erschienen, unserer Abfahrt beizuwohnen. Kurz, es schien hier das gesamte Automobilwesen vertreten zu sein, die Automobile des Luxus und die der Arbeit, die Aristokratie und die Demokratie des Motors.
Um 5 Uhr trafen die Vertreter der französischen Zeitungen ein. Sie fuhren auf drei „Itala“-Maschinen, die an beiden Seiten in großen Buchstaben die Inschrift: „Pékin–Matin“ trugen, in welchen Wortlaut der gewandte „Matin“ im letzten Augenblick die Inschrift „Peking–Paris“ umgeändert hatte.
Alles ist bereit, die Maschinen setzen sich in Bewegung. Ein begeistertes „Evviva!“ ertönt aus der Menschenmenge um uns, die großenteils aus Italienern besteht. Einige hatten den Mut gehabt, sich bei Tagesgrauen zu erheben; zahlreiche Herren dagegen waren noch nicht zu Bett gegangen und kamen im Gesellschaftsanzug. „Hoch! Glückliche Reise!“ Die Rufe wiederholen sich. Der Automobilzug entfernt sich durch die menschenleere Straße.
Immer wieder fahren Wagen aus der Reihe heraus und bleiben Seite an Seite mit uns, um ihre Abschiedsgrüße und guten Wünsche zu wiederholen und uns Blumen zuzuwerfen. Wir erheben keinen Einspruch mehr und nehmen alle Huldigungen hin. Wir sind nicht einmal mehr überrascht wie in Moskau, wo wir den ersten Beifall vernahmen. Wir lassen uns die Popularität gefallen als eine unvorhergesehene, unerwartete und das Maß überschreitende Belohnung für die frühere Einsamkeit. Die uns umgebende Atmosphäre der Anteilnahme bewegt uns tief; das Wohlwollen der Menge, wenn es auch unverdient ist, dringt uns doch ans Herz: dankbar lauschen wir dieser unablässigen, ernsten Stimme, die uns zuruft: „Glückliche Heimkehr!“
Die in Unordnung geratene Gruppe der Automobile, über denen deutsche und italienische Flaggen wehen, fährt durch das Brandenburger Tor und durchquert die berühmte Siegesallee, wo aus dem üppigen Grün des Tiergartens die Bildsäulen der großen deutschen Männer herausschimmern, wie zu phantastischer Heerschau aufgereiht. Nach wenigen Minuten befinden wir uns auf den noch schweigsamen Straßen der vorstädtischen Quartiere. Die Automobile wecken sie durch den mißtönenden Klang sämtlicher Hupen und Hörner, eine barbarische Fanfare, ein tolles modernes Hallali!
Bald entschwinden die Kuppeln und Zinnen unserem Blick; wir kommen in eine Villen- und Gartenstadt. Berlin mit seiner ernsten Pracht liegt schon fern, auch diese Stadt nur noch eine flüchtige, freundliche Erinnerung wie Petersburg, wie Moskau! Wir haben jetzt keine andere Hauptstadt mehr vor uns als Paris.
Nach Paris also!
Der Fürst steigert die Geschwindigkeit. Nicht alle können uns folgen. Die letzten Abschiedsrufe verklingen in der Ferne. Wer nicht die Kraft hat, uns zu folgen, schickt uns seinen Gruß nach. Wir bleiben allein mit den Wagen des Automobilklubs, die uns vorausfahren, und denen der französischen Kollegen, die uns folgen: sieben große Automobile, die mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde dahinjagen.
Um ½6 Uhr kommen wir durch Potsdam mit seinen niedrigen, weißen Häusern, die in grüne Gebüsche eingebettet sind — wie um besser die Stille zu bewahren, die sich für einen kaiserlichen Hofhalt geziemt. Die Stadt ist von melancholischen, träumerischen Seen und Kanälen umgeben, auf deren klaren Fluten kleine, weiße Jachten schaukeln. Wir befinden uns in einer aristokratischen Umgebung, die den Ackerbau verschmäht.
Aber bald ändert sich das Bild. Von neuem sind wir inmitten des Reichtums der Felder. Wir nehmen von den gastlichen Freunden des Automobilklubs Abschied. Um ½7 Uhr passieren wir Brandenburgund begegnen Scharen von Arbeitern, die auf dem Zweirad aus ihren Wohnungen auf dem Dorfe kommen und rasch dahinfahren, ein Bündel auf dem Rücken und eine große Pfeife mit Porzellankopf im Munde. Oft müssen wir langsamer fahren, um Milchwagen vorbeizulassen, die von einem Menschen und einem Hunde gemeinschaftlich gezogen werden.
Eine Batterie, die sich zur Felddienstübung begibt, versperrt die Straße; einige Minuten halten wir mit den Pferden gleichen Schritt und fahren zwischen den Soldaten mit blitzenden Helmen und inmitten des Dröhnens der Protzkasten und Lafetten. Einige Soldaten erkennen uns und lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen, ohne gegen die Disziplin zu verstoßen; sie flüstern ihren Kameraden etwas zu, die sich umwenden und sofort Platz machen, um uns vorbeizulassen.
Später begegnen wir einer Husarenpatrouille auf Vorposten, die unbeweglich im Sattel sitzt, die lange Lanze mit dem schwarzweißen Fähnchen umgekehrt in der Hand haltend, um sich durch das Flattern nicht dem markierten Feinde zu verraten. Augenscheinlich geraten wir auf den Kriegsschauplatz. In der Tat erhebt sich dort in der Ferne die Staubwolke einer Kavallerieestadron, die gestreckten Galopps vorübersprengt.
Als wir um 8 Uhr in Magdeburg eintreffen, werden wir durch ein neues militärisches Schauspiel zum Halten veranlaßt, ein Infanterieregiment marschiert vorbei. Die Soldaten singen im Chore ein Lied, und wir empfinden den starken Eindruck, den dieser Gesang kräftiger, tiefer Soldatenstimmen auf jeden macht.
Ein Augenblick, und die Szene wechselt.
Wir fahren über den Marktplatz von Magdeburg mit seinen heiteren Farben, seinem regen Leben, den überall sichtbaren weißen Hauben der Bäuerinnen; eine alte Kirche wirft den langen, schmalen Schatten ihrer gotischen Türme über all das geräuschvolle Treiben. Aber so interessant die Städte auch sein mögen, sie machen uns doch ungeduldig, weil sie uns aufhalten.
Wir sind nur zufrieden, wenn auf dem Automobil der Übersetzungshebel bis zur vierten Geschwindigkeit herabgedrückt ist und das Fahrzeug davonschießt, wie ein Meteor die Luft zerteilend. Der Fürst will möglichst rasch vorwärts; um sicher am 10. August, dem in Moskau festgesetzten Datum, in Paris einzutreffen, zieht er es vor, sich lieber nahe am Ziel einige Tage Ruhe zu gönnen, als die Tagesleistungen zu verkürzen. Es überkommt ihn die seltsame Furcht, daß er jetzt, gerade jetzt, am Eintreffen verhindert werden könnte, und er will sichergehen. Es ist das Ankunftsfieber, an dem wir leiden.
Der Himmel hat sich umzogen. Um 9 Uhr kommen wir durch Helmstedt mit seinen alten malerischen Toren, sodann durch Königslutter, aus dem ich mich nur blumengeschmückter Fenster und mit Grün bedeckter Mauern entsinne, hierauf durch das große, geräuschvolle Braunschweig, wo bei unserer Ankunft ein heftiges Gewitter ausbricht.
Der Regen peitscht uns ins Gesicht. Als wir uns aber Hannover nähern, strahlt die Sonne wieder. An einer Straßenbiegung stoßen wir auf Automobile: wir werden festlich empfangen. Mitglieder des Automobilklubs sind nebst vielen Landsleuten erschienen, um uns zu begrüßen. Gegen Mittag treffen wir in Hannover ein. Nachdem wir zu einem auserlesenen Frühstück eingeladen worden waren, wir wissen nicht genau, wo und von wem, das uns aber auf jeden Fall sehr gut geschmeckt hat, brechen wir um 2 Uhr wieder auf, während sich die Begrüßungen erneuern.
Dann begegnen wir einer Schar Knaben auf dem Wege zur Schule; die Bücher unter dem Arme, gehen sie gut gezogen in Gliedern nebeneinander her, unter ihren grünen Mützen schauen sie ernst drein. Sie erkennen uns; augenscheinlich haben sie die Berliner Zeitungen gelesen. An jedem Orte sind die Knaben unsere eifrigsten Bewunderer. Sie bringen uns Huldigungen aus dem Stegreife dar, und der Ernst schwindet für einen Augenblick aus ihren Zügen. Unsere Reise muß in ihren jugendlichen Köpfen als eine unendlich größere Leistung erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.
Wir wenden uns nach Minden, um das wir herumfahren; von der Stadt sehen wir nur die Gärten und die spitzen Dächer hinter Bäumen. Wir kommen durch Städte, Flecken, Dörfer, von denen wir nicht einmal die Namen auf der Karte aufsuchen — so rasch ist unsere Fahrt. Und dann verleiht das Unbekannte den Dingen, die wir sehen, einen geheimnisvollen Zauber.
In manchen kleinen Städten fahren wir durch Straßen, an denen hohe, alte Häuser sich mit ihren dreieckigen Giebeln nach vorn neigen und Balustraden und Fenster wie auf der Suche nach Licht vorspringen lassen; mittelalterliche Häuser, die, in das Holz ihrer Fassaden geschnitzt, drei bis vier Jahrhunderte alte Daten, alte Sprichwörter, Rittergestalten tragen, die den Eindruck hervorrufen, als betrachteten sie voll maßlosen Staunens das Automobil, das bei seinem Vorbeifahren ihre lange Ruhe stört.
Um 5 Uhr befinden wir uns in Bad Oeynhausen, einem an Mineralquellen reichen Orte. Ein Reporter springt auf das Automobil und interviewt den Fürsten im Fluge. Überall sieht man auf Fahrstühlen ausgestreckte Kranke; einer von diesen erhebt sich mit Mühe und ruft „Hoch!“ Alle die Unglücklichen, die sich in unserer Nähe befinden, begrüßen uns, von Begeisterung ergriffen, und bewegen sich auf ihrem Schmerzenslager. Wir lächeln, aber dieser Gruß von seiten des Leidens und der Schwäche an die triumphierende Gesundheit und Kraft ließ uns längere Zeit verstummen.
Um 7 Uhr gelangen wir nach Bielefeld, wo wir halten, um zu übernachten.
Unser erster Gedanke ist der, ein einfaches arithmetisches Exempel auszurechnen. Wir messen auf der Karte die Entfernungen zwischen den einzelnen Städten und gelangen zu einer Reihe Posten, deren Resultat uns einen Freudenschrei entlockt. Die Summe beträgt 680.
Paris ist nur noch 680 Kilometer entfernt!
Am folgenden Tage, 8. August, überschreiten wir um 6 Uhr abends bei Eupen die belgische Grenze und gelangen nachts nach Lüttich.An diesem Tage sind wir also von Westfalen an den Rhein, vom Rhein nach Belgien mit solcher Geschwindigkeit gefahren, daß alles um uns herum von Stunde zu Stunde wechselte, der Tag uns aber lang wie ein Leben erschien. Die Eindrücke überstürzen sich in unserem Geiste, sie verjagen und verdrängen einander aus dem Gedächtnis. Die Ereignisse des Morgens lassen am Abend nur noch eine dumpfe Erinnerung zurück.
Vielleicht ist dies eine Folge der Aufregung, die uns beherrscht, der unbestimmten, uneingestandenen Angst, die uns befällt infolge der Nähe des Zieles, infolge der Erwartung, daß der Traum langer Monate endlich in Erfüllung gehen soll. Alle unsere Geisteskräfte streben in einer Art Beklemmung vorwärts. Jede Geschwindigkeit erscheint unserer Sehnsucht zu klein, wir leben nicht so sehr in der Gegenwart wie in der Zukunft; daher verschwindet die Vergangenheit ganz. Es geht unseren Gedanken geradeso wie den Bildern, die wir im Vorbeijagen sehen: kaum zeigen sie sich, so werden sie schon von der Staubwolke verdeckt, die hinter uns herwirbelt.
In Bielefeld wurde — es ist überflüssig, es noch besonders zu erwähnen — Fürst Borghese zu einem Bankett eingeladen. Ich glaube, selbst wenn wir in einem Walde haltgemacht hätten, würden wir einen gedeckten Tisch und ein „Lokalkomitee“ haben auftauchen sehen, um uns mit erlesener, herzlicher Gastlichkeit zu begrüßen! In Deutschland wollten alle Sektionen des Automobilklubs uns feiern, und da es in Bielefeld keine Sektion gibt, so kamen Mitglieder des Kölner Klubs auf einem Rennwagen herüber. Sie waren abgefahren mit dem festen Vorsatz, uns zu finden, wo wir auch seien!
Das schnelle Automobil aus Köln diente uns von Bielefeld an als Führer. Aber der Führer sauste mit der schwindelerregenden Schnelligkeit von etwa 90 Kilometern in der Stunde voran und verführte uns und die andern Fahrzeuge, die die Pariser Journalisten trugen, zu einer rasenden, verzweifelten Jagd. In der aufgewirbelten Staubwolke schossen wir blitzschnell durch die Landschaft wie die apokalyptischen Reiter.
Um dieses Übermaß von Schnelligkeit wieder wettzumachen, wollte es die Nemesis, daß der Führer verschiedene Male den Weg verlor. Einmal, bei Wiedenbrück, wurden wir genötigt, die richtige Straße quer über die Felder zu suchen; so konnten sich unsere Gefährten einen kleinen Begriff von den zu den besseren gehörenden Wegen in Sibirien machen!
Um 10½ Uhr sind wir schon zwischen den Hügeln der Rheingegend; bergauf und bergab geht es auf gewundenen Wegen, die sich durch eine ununterbrochene Reihe von Dörfern und Flecken hinziehen; alle starren von Fabrikschornsteinen und sind vom Getöse der Arbeit erfüllt.
Wir kommen in einen Ort, über dem dichter Rauch einen düsteren Schatten breitet: nach Barmen mit seinen zahllosen industriellen Betrieben. Wie fern von uns liegen die idyllischen Landschaften Preußens und Pommerns und die malerischen, altertümlichen Städte Brandenburgs, auf deren mittelalterlichen Plätzen sich die riesigen, rohausgeführten Rolandsäulen erheben, die über Gemüsemärkten Wache halten!
Um 11 Uhr öffnet sich unvermutet das leuchtende Rheintal vor uns. Funkelnd flutet der mächtige, zauberhafte Strom in Schlangenwindungen dahin; an seinen Ufern erhebt sich ein Wald von Spitzen: es ist Köln, überragt von den riesigen spitzen Doppeltürmen seines Doms.
In Köln ziehen wir mit einem langen Ehrengeleite von Automobilen ein. Wir überschreiten den rasch dahinströmenden, klaren Rhein auf der Schiffsbrücke und werden nach dem Kasino des Kaiserlichen Automobilklubs geleitet, wo wir ein durch zahlreiche Trinksprüche gewürztes luxuriöses Frühstück vorfinden. Der Fürst antwortet mit einer Rede, die, glaube ich, seine fünfzigste ist, seitdem wir europäischen Boden betreten haben! Man sieht hieraus, daß man, um eine Automobilfahrt von Peking nach Paris zu unternehmen, auch Redner sein muß!
Um 3 Uhr brechen wir wieder auf. Der flinke Lotse vom Vormittag fährt wieder voran, um uns den Weg zu zeigen. Aber in dem benachbarten Dorfe Müngersdorf rennt er infolge seiner übermäßigen Schnelligkeit gegen ein Haus, zertrümmert die Wand und fährt durch sie hindurch, glücklicherweise ohne die Bewohner zu verletzen. Ich weiß nicht genau, wie sich der Unfall ereignet hat; als wir ins Dorf kamen, fanden wir das Lotsenautomobil umgestürzt am Boden liegen neben dem aufgerissenen Hause, durch dessen ungeheuere Bresche man das bescheidene Mobiliar erblickte, während der Automobilfahrer unerschrocken vor den herbeigeeilten, empörten Bauern stand und, auf die Trümmerstätte deutend, zu uns sagte:
„Messieurs! Regardez ce que j’ai fait!“
Hierauf setzen wir unsere Fahrt allein fort, nachdem wir mit den Mitgliedern des Automobilklubs, die uns bis Müngersdorf gefolgt sind, herzliche Abschiedsgrüße getauscht haben.
Die Nachricht von unserer Durchfahrt ist überallhin telegraphiert worden: viele Leute rufen uns „Adieu“ zu. In einigen Städten haben die Lehrer ihre Schüler vor den Schulen aufgestellt, damit diese das Automobil, das von Peking kommt, sehen können — ein vortrefflicher Ansporn für das Studium der Geographie. Die Kinder begrüßen uns mit hellen, fröhlichen Stimmen. Reihen von blonden Schülerinnen klatschen voll Begeisterung in die Hände.
Um 5 Uhr fahren wir in die Vorstädte Aachens ein. Leute strömen in Menge herbei, begrüßen uns mit Hochrufen und guten Wünschen, als wir vor einem Café halten, um einige Gläser frischen Bieres zu leeren. Wir finden einen neuen dienstwilligen Lotsen, der aber die Straße verfehlt und die Richtung nach Brüssel einschlägt. Wir bemerken es noch rechtzeitig und wenden uns Lüttich zu. Rasch nähern wir uns der Grenze.
Nach so vielen festlichen Empfängen wird uns schließlich auch ein weniger wohlwollender Gruß zuteil: eine alte Bäuerin, die am Fenster steht, während wir im Schritt durch ihr Dorf fahren, ballt wütend die Fäuste gegen uns und ruft uns giftig zu:
„Ich erkenne euch wieder, ihr Kanaillen! Ihr seid es, die mir am Donnerstag meine Henne überfahren haben! Zahlt jetzt gefälligst!“
Die Beschuldigung ist zwar ungerecht, aber sie kränkt uns nicht. Wir setzen unseren Weg in fieberhafter Eile fort.
Jetzt sind wir an der Grenze, einer harmlosen Grenze ohne Ketten, an der wir kaum den bescheidenen Pfahl bemerken, der das Ende des deutschen Gebietes bezeichnet. Das Zollamt liegt entfernt von der Straße, und wir verlieren eine halbe Stunde, bis wir es finden.
Unsere Ankunft in Belgien erzielt bei der Bevölkerung einen Heiterkeitserfolg. Der Telegraph hat uns diesmal nicht angemeldet; unsere Reiseroute ist nicht bekannt. Für die Leute, die uns sehen, sind wir komische Wesen auf einem komischen Automobil.
In Verviers schreit eine alte Krämerin:
„Oh, les laids!“ (Sind die aber häßlich!)
Kurz darauf ruft ein Kutscher in überzeugtem Tone:
„Oh, les laids!“
Der Ruf scheint ein neuer Gruß zu sein. Er pflanzt sich fort. Von allen Seiten hören wir: „Oh, les laids!“ Wir selbst zweifeln keinen Augenblick daran, daß der Ruf ganz aufrichtig gemeint ist. Alle bleiben stehen, betrachten uns und lachen, als sähen sie die komischste Maskerade. Wir müssen in der Tat aussehen wie drei Landstreicher auf einem Automobil!
Plötzlich hält uns ein Polizist an, dem unsere Erscheinung ebenfalls verdächtig vorkommt.
„Wer sind Sie?“ fragt er den Fürsten, der am Steuerrade sitzt.
„Fürst Scipione Borghese“, erwidert dieser ehrerbietig.
Der Polizist glaubt, man wolle ihn zum besten haben, steckt eine barsche Miene auf und donnert:
„Sie, Sie ein Fürst? Sie?“
Don Scipione macht eine Bewegung, als wollte er sagen: „Ja freilich!“
„Das ist nicht wahr!“ nimmt der Polizist wieder energisch das Wort. „Sie sind ein belgischer Chauffeur. Ich erkenne Sie wieder.“
Auch er erkannte uns wieder! Genau wie die Alte mit der Henne!
„Ich erkenne Sie wieder; verstanden? Und ich nehme Sie in Strafe, weil Sie zu rasch gefahren sind. Sie kennen das Reglement sehr gut. Zehn in der Stunde“ — er zieht sein Notizbuch hervor, befeuchtet die Spitze des Bleistifts und fügt hinzu: „Ihr Name und Ihre Adresse?“
„Fürst Scipione Borghese, Adresse: Palazzo Borghese in Rom.“
„Wie? Noch einmal? Nun hört mir aber der Spaß auf! Zeigen Sie Ihre Papiere!“
Die Papiere werden vorgezeigt. Der Polizist prüft sie und ruft:
„Das sind nicht Ihre Papiere. Sie sind ein Chauffeur! Weshalb geben Sie sich für einen Fürsten aus? ... In einem solchen Aufzuge! Schämen Sie sich etwa, nur ein Chauffeur zu sein? Jeder verdient sein Brot, wie er kann! Woher kommen Sie?“
„Aus Peking.“
„Aus ... Peking? Borghese ... Ah!!“
Das Gesicht des Polizisten erhellt sich. Er besinnt sich — jetzt versteht er — bedauert tief — geht von der Strenge zur Ehrerbietigkeit über — grüßt — und ruft dienstbeflissen:
„Passez, Monseigneur! Bon voyage!“
Eine halbe Stunde später treffen wir in Lüttich ein, gerade als die Straßenlaternen angezündet werden.
Paris.
An der Maas entlang. — Die französische Grenze. — Reims. — Die Reliquiensammler. — Meaux. — Eine schlaflose Nacht. — Die letzten Stunden. — An den Toren von Paris. — Auf den Boulevards. — Die Fahrt ist zu Ende!
In Lüttich bemerkten wir, daß sich unser Automobil wie ein Album nach und nach mit Namenszügen bedeckte. Sie waren mit Bleistift auf die Benzinbehälter und auf den Kasten für die Reservestücke geschrieben: fast alles unbekannte Namen, begleitet von den Daten von Moskau, Petersburg, Königsberg, Berlin! Ettore schonte beim Putzen der Maschine diese Schriftzüge, die ebenso viele anteilvolle Wünsche und bescheidene Freundschaftsbekundungen von Leuten darstellten, die wir vielleicht gar nicht gesehen hatten und die wir nie wiedersehen würden.
Ettore hörte keinen Augenblick auf, das Automobil liebevoll zu pflegen und zu warten. Wenn es bis hierher gekommen war, so verdankten wir dies großenteils seinem Eifer. Auch jetzt schlief er neben ihm ausgestreckt. Seine Liebe war zur Eifersucht geworden. Er gestand, mit Schmerz an den Augenblick zu denken, an dem er sich von ihm trennen müsse.
Am 9. August früh 5½ Uhr ergriff der Fürst das Steuerrad, und wir fuhren in der Richtung auf Namur weiter. Wir durcheiltenauf den noch menschenleeren Straßen rasch Lüttich bis zur Maas, längs deren Ufern wir einen entzückenden Weg einschlugen.
Der heitere Tag machte auch die Maas heiter, deren ruhig dahinfließendes Wasser in blitzendem Flimmern das grüne Gebüsch der Hügel, die Bogen der Brücken, die Takelage der Boote und Jachten widerspiegelte. Die Maas hat Stellen, an denen sie einem See von großer Länge gleicht, der hier und da von dem dichten Schatten der Rauchwolken verfinstert wird, die die zahlreichen Kohlenbergwerke wie Vulkane unaufhörlich ausstoßen.
Paris ist nur noch 388 Kilometer entfernt!
Wir kommen durch Huy und nach Namur, das von den weißen Mauern der alten Zitadelle überragt wird. Breite Barken fahren den Fluß hinauf, gezogen von starken Pferden, die unsere Straße benutzen und sie oft versperren; dann fahren wir langsam und sehen die Reihe der vier „Itala“-Maschinen sich zusammenschließen. Die Vertreter der Pariser Presse, sympathische Reisegefährten, folgen uns auf dem Fuße. Wenn das Tal sich enger zusammenzieht, erfüllen wir es ganz mit Staub, der wie ein Nebel an den Hügeln emporsteigt. Um 8 Uhr sind wir in Dinant.
Nach einer Viertelstunde zeigen wir einander etwas, das uns von unseren Sitzen emporspringen läßt: die erste französische Flagge, die am Hinterteile eines die Maas hinabfahrenden Dampfers weht.
Dann kommen wir bei Agimont an die französische Grenze. Wir würden es gar nicht bemerkt haben, wenn nicht ein belgischer Zollbeamter uns angehalten hätte, um uns in der Ferne das auf einem Seitenwege erreichbare Zollamt zu zeigen, auf dem wir die Zollgeschäfte rasch erledigen.
„République Française“ lesen wir auf einer halb zwischen Bäumen versteckten Tafel. Halt! Wir bringen das Automobil zum Stehen. Die gastlichen Pariser Kollegen wollen den Augenblick, in dem wir den Boden Frankreichs betreten, festlich begehen. Es kommen Champagnerflaschen und Gläser zum Vorschein, die aus einemländlichen Gasthofe der Umgebung stammen; im Nu sind die Gläser gefüllt und die Flaschen geleert. Das stille Tal hallt mit einem Male wider von Evvivas auf Frankreich und Italien!
Rasch besteigen wir wieder die Maschinen. Die französischen Zollbeamten halten uns nicht lange auf, und bald sausen die vier mächtigen Automobile auf den breiten, wundervollen französischen Straßen dahin.
Paris ist noch 300 Kilometer entfernt!
Jetzt sind wir in dem befestigten Givet. Auf dem grasbewachsenen Glacis blühen Mohnblumen. Aus den großen Kasernen begrüßen uns am Fenster stehende Soldaten.
Die ungeheuere Fabrik, die Belgien in Wahrheit ist, haben wir verlassen. Nun scheint die Sonne uns strahlender, der Himmel blauer; eine ungekannte Freudigkeit liegt über Frankreich ausgegossen. Aber vielleicht hat diese Freudigkeit in uns ihren Sitz.
Um 10 Uhr kommen wir durch Fumay, bekannt durch seine Schieferindustrie. Zollbeamte halten uns wieder an, um unsere Papiere zu prüfen. Wir fahren an den sanften Abhängen der Ardennen empor, die von Wäldern beschattet werden, die schon an unsere Flora erinnern. Wie es uns erquickt, das schöne, verführerische bunte Bild einer Vegetation zu erblicken, die wir so sehr lieben! Lebt wohl, ihr frischen regelmäßigen strengen Nadelwälder! Die Straßen gleichen Gartenalleen, so gleichmäßig und eben sind sie. Wir berühren sie kaum, als schwebten wir über sie hinweg.
Rocroy mit seinen historischen Befestigungen kommt in Sicht. Auf dem Marktplatze halten wir, um Benzin einzunehmen. Die scharfriechende Flüssigkeit rinnt gurgelnd in die Behälter, und die leeren Behälter, die wir die „Leichen“ nennen, werden auf den Boden gestellt. Die Maschinen frühstücken.
Paris ist noch 263 Kilometer entfernt!
Während wir durch den Wald fahren, springt hinter den Bäumen ein Zollwächter hervor, der uns zu halten befiehlt, während ein Kamerad sich in größerer Entfernung zeigt. Er schwingt ein Gewehr und hältsich bereit, uns im Notfalle mit überzeugenden Beweisgründen zum Halten zu veranlassen. Es findet abermals eine Prüfung unserer Papiere und eine Besichtigung der Maschine statt. Nachdem sich die diensteifrigen Zollwächter überzeugt haben, daß wir keine Kontrebande in das Gebiet der Republik einschmuggeln, lassen sie uns weiterfahren.
Um 12½ Uhr betreten wir Reims. Reims! Auf wie vielen Flaschen haben wir nicht diesen Namen gelesen! Wir denken an all die Toaste, die in den letzten Tagen ausgebracht worden sind, in den Händen Gläser mit einem Wein gefüllt, der stets den Anspruch erhob, aus Reims zu stammen. Bratengeruch macht sich bemerkbar, und in den niedrigen Fenstern hört man das Klirren in Tätigkeit gesetzter Bestecke und das Klappern von Tellern; es ist die Stunde des Mittagessens in dieser stillen Provinzstadt. Auch wir beschließen, zu diesem Zwecke zu halten.
Auf der Hauptstraße laufen die Leute zusammen und begrüßen uns. Ein Straßenbahnschaffner lehnt sich, während wir vorüberfahren, aus seinem Wagen heraus und ruft dem Fürsten vertraulich zu:
„Ça c’est bien, mon petit!“ (Gut so, mein Junge!)
Die Fahrgäste klatschen Beifall.
Wir gelangen an die wundervolle Kathedrale. Kaum haben wir Zeit, einen entzückten Blick auf den prächtigen Bau zu werfen, als die glänzende Erscheinung auch schon verschwindet und wir uns in dem Hofe eines Hotels mit Garage befinden. Der Hof füllt sich mit Neugierigen; die Gäste stürzen heraus; ein Amerikaner bietet uns Champagner an, während wir im Begriff sind, uns zu waschen. Voll Seifenschaum und von Wasser triefend, müssen wir mit ihm anstoßen. Er drückt uns seine guten Wünsche aus, erklärt aber offen, nicht zu verstehen, was es für ein Vergnügen sei, eine solche Reise zu machen ohne den geringsten materiellen Gewinn!
Als wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen, stürzen sich allzu begeisterte Bewunderer, die eine Reliquie von uns haben wollen, auf die kleine dreieckige Flagge, die wir vorn am Wagen gehißt haben,reißen sie in Stücke und verteilen diese untereinander. Nur mit Mühe verteidigen wir die große, hinten wehende Fahne. Nun sollen Splitter aus der Karosserie herausgeschnitten werden, und die Klingen der Taschenmesser sind schon in Bewegung! Kurze Zeit noch, und das Automobil wäre vor allzu großer Liebe geplündert, demoliert, zerstört worden. Aber bei dem ersten Druck auf den Hebel schießt die wackere Maschine, die die Gefahr begriffen hat, davon und bringt sich in Sicherheit. Es ist 3 Uhr. Die durchbrochenen Türme der Kathedrale verschwinden.
Paris ist noch 169 Kilometer entfernt!
Um 5 Uhr 10 Minuten kommen wir durch La Ferté. Der Name Paris beginnt auf den Wegweisern zu erscheinen nebst dem Pfeil, der die Richtung angibt.
Paris ist noch 78 Kilometer entfernt!
Je näher wir kommen, desto zahlreicher werden die Grüße, auch auf dem Lande, desto lebhafter, desto herzlicher werden sie. Es liegt in ihnen eine liebevolle Anteilnahme des Volkes.
Wir dürfen nur bis Meaux fahren und müssen dort die Nacht über bleiben. Der Einzug in Paris ist auf 4½ Uhr des 10. August anberaumt. Das Komitee für die Fahrt hat es so angeordnet. Der Endpunkt soll das Gebäude des „Matin“ sein.
Jetzt zeigt sich Meaux. Als wir bei den ersten Häusern sind, macht uns ein Zolleinnehmer von der Mitte der Straße her energische Zeichen mit der Hand. Der Fürst bremst und fragt ihn:
„Müssen wir wegen des Zolles halten?“
„Non, Monsieur,“ erwidert er, „c’est pour la cinématographie!“
Und lachend deutet er auf einen Photographen, der einen kinematographischen Apparat spielen läßt und uns im Gegensatz zu seinen Berliner Kollegen zuruft:
„Haben Sie die Güte, sich zu bewegen, ich bitte Sie! Noch mehr! Bewegen Sie sich stark! Noch mehr! Ich brauche Bewegung! Danke!“
Wir wollen ihm den Spaß nicht verderben; wir drehen uns nach rechts und nach links, strecken den Hals vor, wir bewegen uns wie Bären im Käfig, bis der Photograph alle Bewegung, die er braucht, gefunden hat und uns weiterfahren läßt.
Wir halten vor dem ersten Hotel der Stadt, das den Namen „Zur schönen Sirene“ führt.
Paris ist nur noch 45 Kilometer entfernt!
Es war gerade kein sehr ruhiger Schlaf, dessen wir uns vergangene Nacht zu erfreuen hatten! Früh begaben wir uns zur Garage, als wären wir im Begriff, eine endlose Reise nach einem unerreichbaren, fabelhaften Ziele anzutreten.
Wir haben uns an das beständige Reisen gewöhnt; zur Stunde des Aufbruchs springen wir instinktiv aus dem Bette. Fahren ist unser Lebenszweck geworden, immer und immer dahinstürmen; moderne ewige Juden, die verdammt sind zu unaufhörlicher Reise.
Viel besser, viel tiefer und viel ruhiger als in dieser letzten Nacht unserer Pilgerfahrt durch zwei Kontinente hatten wir auf den chinesischen Kangs geschlafen trotz ihrer übeln Gerüche, im grünen Grase der Steppen oder auf den Bänken der kleinen sibirischen Isbas, eingehüllt in Ziegenfelle, den photographischen Apparat als Kopfkissen. Viel besser als in den Daunenbetten des Gasthauses zu Meaux, 45 Kilometer vor Paris!
Es ist die Nähe von Paris, die uns im Schlafe stört. Wir fühlen, wir hören das mächtig pulsierende Leben der Stadt. Oft stand ich auf, ging ans Fenster und schaute hinaus. Dort liegt Paris, sagte ich mir, als ob ich einen unvernünftigen Zweifel bannen wollte.
Tag für Tag war uns unsere Reise selbstverständlich, manchmal sogar leicht erschienen. Kiachta zu erreichen, indem man von Urga kam, Werchne-Udinsk, indem man von Kiachta kam, dünkte ganz einfach. In unmerkbaren Übergängen gelangten wir von Land zu Land, von Volk zu Volk.
Jetzt, da unser Geist nicht mehr bedrückt ist durch die Sorge um den Weg, denken wir der zurückgelegten Strecke, die uns die Erinnerung mit Blitzesschnelle in gewaltsamer Verkürzung zeigt.
Wir befanden uns an den mit Pagoden gekrönten Toren von Peking. Die Arme von Chinesen schleppten diese Maschine hier unter den Felsen von Ki-mi-ni durch, wo wir von Maultieren getragene, mit blauer Seide verhüllte Sänften fanden. Mandarine, den goldgestickten Drachen auf der Brust, kamen in Kalgan herbei, um diesen Wagen anzusehen, während ein Gong feierlich erklang. Dieser Wagen ist von ungestümen mongolischen Reiterscharen verfolgt worden, und er jagte seinerseits an den Grenzen der Wüste Rudel braungelber Gazellen, die vor Angst wie verrückt waren. Dieser Wagen hat den breiten Iro, den letzten großen Strom des Chinesischen Reiches, durchfurtet; er fiel von einer Brücke in Transbaikalien und fuhr zwischen den Geleisen der transsibirischen Eisenbahn; im Schmutze von Tomsk ist er versunken, die Taiga, den größten Wald der Welt, hat er durchquert, und nun steht er wohlbehalten hier, eine halbe Stunde vor der Porte de Vincennes!
Wir hatten gewagt, auf Erfolg zu hoffen. Wir hatten aber nicht gewagt, an die Aufregung dieses Augenblicks zu denken, als wir das Doschmen-Tor in Peking verließen.
Fürst Borghese befolgte stets den Grundsatz, sich nur ganz kleine, leicht zu erreichende und nahe Ziele zu stecken. Er sagte mir an den beschwerdereichen, zur Verzweiflung bringenden Tagen, an denen wir nur langsam und mit schwerer Mühe vorwärtskamen: „Alles, was ich wünsche, ist, das nächste Dorf zu erreichen“, und unterdrückte in seinem Geiste das übrige. Wir strengten alle unsere Kräfte, unseren gesamten Willen an, um diese kurze Strecke zurückzulegen, als sei das nächste Dorf unser letztes Ziel.
Den Tag darauf begannen wir von neuem.
Die ungeheuere Reise ist im Grunde nichts weiter als eine endlose Reihe von kurzen zurückgelegten Strecken, von denen jede einzelne im Verhältnis zu unserer Kraft und der Maschine stand. Unsere Reise istvor allem eine riesenhafte Kette von Geduldproben. Wir berechneten nie die Länge der Strecke vor uns, sondern nur die der hinter uns liegenden. Wir suchten die Zahlen, die uns anspornen konnten, und in unseren Berechnungen waren wir vorsichtig, so daß wir stets beobachteten, daß wir in Wirklichkeit einen viel weiteren Weg zurückgelegt hatten, als wir glaubten.
Es ist fast sicher, daß wir uns in der Berechnung der Entfernungen in der Mongolei und der Wüste Gobi getäuscht haben, wo wir 12 bis 14 Stunden täglich in gutem Tempo fuhren. Wir glaubten 200 bis 300 Kilometer zurückzulegen, und in Westeuropa stellten wir fest, daß, wenn wir mit derselben Geschwindigkeit fuhren, wir in der gleichen Zeit 500 Kilometer zurücklegten. Die genaue Gesamtziffer der von uns durchfahrenen Kilometer bleibt also noch unbekannt. Wir schätzen sie auf über 13 000. Aber wir wollen sie gern unbekannt sein lassen. Wir werden sicher nicht zurückkehren, um nachzumessen ...
Die Nachbarschaft von Paris überrascht uns, betäubt uns, findet uns ergriffen von der phantastischen Geschwindigkeit, mit der wir sie erreicht haben. Die letzten russischen Provinzen, Deutschland, Belgien, Frankreich zogen an uns wie Traumbilder vorbei. Zwölf Tage brauchte es, um das erste Tausend Kilometer zurückzulegen, das letzte Tausend haben wir in 2½ Tagen durchflogen.
Doch die letzten Stunden schienen uns eine Ewigkeit: Stunden der Freude, aber auch Stunden einer schwachen, unbestimmten, undefinierbaren Beklemmung, die uns schweigsam machte und uns den Anschein der Niedergeschlagenheit verlieh.
Am Vormittag des 10. August wurde Meaux von einem Heere von Automobilen überschwemmt. Jede Minute kamen sie an: große, kleine, etliche mit Fahnen geschmückt, andere mit den Namen von Zeitungen in großen Buchstaben; eins brachte die Korrespondenten der italienischen Presse; verschiedene vertraten den französischen Automobilklub. Hupen, Sirenen ertönten, Motore knatterten, und die Menge drängte sich auf der Straße, im Hofe des Gasthauses, in der Garage. UnsereMaschine war unsichtbar, in eine Remise eingeschlossen, an deren Tür sich die Neugier der Menge brach.
Um 2¼ Uhr wird der Befehl zum Aufsitzen erteilt. Einige Fahrzeuge setzen sich in Bewegung. Es ist ein Augenblick allgemeiner Aufregung.
Ettore befestigt das Gepäck auf dem Automobilkasten mit derselben Sorgfalt, die er stets darauf verwandte, seitdem das Gepäck des Fürsten in der Wüste Gobi verlorengegangen war. Er läßt den Druck im Benzinbehälter steigen, schaltet den Ganghebel ein, und der Motor gewinnt unter Getöse Leben. Wir nehmen unsere Plätze ein, Don Scipione setzt das Fahrzeug in Bewegung, wir fahren langsam auf die Straße hinaus. Ganz Meaux ist versammelt!
Das Automobil bahnt sich mühsam seinen Weg durch die Zuschauer, die lauten Beifall äußern. Die Fenster sind mit Damen besetzt, die unsere Maschine mit Blumensträußen bewerfen. Ununterbrochene Hurrarufe begleiten uns bis zum Ausgange des Ortes, wo wir uns an die Spitze des Zuges setzen. Als nächste folgen die Automobile der Pariser Journalisten, die uns von Berlin aus begleitet haben und uns auch bis zur Ankunft vor den Redaktionsräumen des „Matin“ nahebleiben sollen. Wir steigern die Geschwindigkeit. Um 3 Uhr sind wir in Chelles. Der Fürst verlangsamt die Fahrt nicht mehr, selbst nicht dort, wo die Straße weniger gut wird. Wozu die Maschine schonen? Wir sind ja beinahe am Ziel!
Paris ist nur noch 30 Kilometer entfernt, zwanzig, zehn!
Überall Begrüßungen, Beifallsrufe, Wehen mit Taschentüchern. Der Fürst lächelt; es ist nicht mehr sein gewohntes, rätselhaftes, zeremonielles Lächeln, sondern ein frei aus dem Herzen kommendes Lächeln! Seine kühle, bewundernswerte Selbstbeherrschung ist nicht mehr imstande, die Befriedigung zu unterdrücken, die ihn beseelt.
Die Dörfer folgen ohne Unterbrechung aufeinander. Allmählich werden sie Vorstädte von Paris. Viele Menschen, die uns erwarten, betrachten uns mit zweifelnder Miene, als wollten sie fragen: „Seid ihr es?“ Da sie nicht wissen, welches unter so vielen das Automobildes Fürsten ist, gelangt die Mehrzahl zu dem Schlusse, daß es nicht gerade jenes häßliche ist, das allen voranfährt. Unsere Reisegefährten, die Kollegen auf dem zweiten Wagen, werden oft zum Gegenstand der lärmenden Kundgebungen der Menge. In Bry wartet eine dicke Frau mit einem mächtigen Blumenstrauße und schleudert ihn dem vortrefflichen Kollegen Henri des Houx gerade vor die Brust, indem sie ihm zuruft:
„A vous, Monseigneur!“
Als wir uns Joinville nähern, steht längs der Baumreihen eine dichtgedrängte Menschenmenge, die uns mit immer größerer und lärmenderer Begeisterung begrüßt. Die Wagenführer rufen: „Bravo, mon gars!“ Jetzt kommen wir durch das Bois de Vincennes; viele Radler schließen sich dem Zuge an und fahren vor unserer Maschine her, auf das Risiko hin, überfahren zu werden. Wir rufen ihnen zu, achtzugeben, wenn sie den Rädern allzu nahe kommen; statt aller Antwort schwenken sie die Mützen und rufen: „Vive le prince!“
Von allen Seiten hören wir Hochrufe. Die Omnibusse, die Straßenbahnwagen halten; die Fahrgäste stehen auf und klatschen in die Hände. Ein Gewitter zieht herauf. Der Himmel bedeckt sich mit schwarzen Wolken, die reißend schnell emporsteigen; die Menge wankt und weicht nicht. In Saint Mandé beginnt es zu regnen, und das Wasser verläßt uns nicht mehr. Wir brachen aus Peking bei Regenwetter auf; wir sollten bei Regenwetter auch in Paris ankommen!
Auf dem Cours de Vincennes müssen wir wieder halten; wir sind zu früh gekommen; die für den Einzug festgesetzte Stunde hat noch nicht geschlagen. Die Anzahl der Radfahrer, die das improvisierte Ehrengeleit bilden, ist inzwischen auf Hunderte angewachsen, die phantastische Rundtouren mit uns ausführen; wir sind von einem Gewirr sich bewegender Räder umgeben.
Um 4 Uhr erscheint von Paris her eine seltsame Maschine und setzt sich an die Spitze des Zuges. Es ist eins jener riesigen Automobile zu 20–30 Sitzen, die Touristenkarawanen, die Paris in wenigen Stunden besichtigen wollen, herumfahren. Man hat eineKapelle mit langen Trompeten und Hörnern darauf gesetzt, die von Gruppen französischer und italienischer Fahnen überragt und umgeben ist: ein Wagen, der ein wenig an den Karneval erinnert, den man aber zur Erhöhung der Feierlichkeit der Ankunft für unerläßlich gehalten zu haben scheint. Die Kapelle stimmt den Triumphmarsch aus „Aïda“ an; es ist der Einzug des Radames in Paris! Wir setzen uns wieder in Bewegung: es ist 4¼ Uhr geworden.
Nun gelangen wir in die Avenue du Trône zwischen den beiden riesigen Säulen Philipp Augusts hindurch, deren Sockel von der Menge verdeckt sind. Im Hintergrunde erscheint, vom Regenschleier verhüllt, der Eiffelturm. Er erinnert an einen ungeheueren Leuchtturm: er war der große Leuchtturm unserer Reise!
Die Hochrufe werden betäubend, sie dauern unablässig an. In einigen stillen Augenblicken hören wir die hellen Stimmen der Camelots, die Erinnerungspostkarten zum Verkaufe anbieten mit dem Rufe: „Le prince Borghèse, quatre sous, quatre sous, le prince Borghèse!“
Die Polizei, die längs des Boulevard Voltaire aufgestellt ist, ist nicht imstande, die Menge zurückzuhalten, die uns umringt, uns zur Seite geht, uns folgt. Der Fürst winkt höflich mit der Hand, man solle beiseite treten, um nicht unter die Räder zu geraten; seine Hand wird von einem Arbeiter ergriffen, der sie in überwallender Begeisterung drückt, dann wird sie von andern festgehalten und gezerrt; alle drücken sie sie kräftig und herzlich. Nicht ohne Kampf vermag Fürst Borghese die Hand aus diesem schrecklichen Sympathiegewirr freizumachen und sie unversehrt auf das Steuerrad zu legen.
Auf der Place de la République haben sich zwei Abteilungen der berittenenGarde républicaineaufgestellt, von denen sich die eine an die Spitze des Zuges stellt, die andere ihn schließt.
Am Eingang zum Boulevard du Saint Martin werden die Begrüßungen noch lauter. Es ist ein wahrer Stimmendonner! Der Ruf: „Vive Borghèse!“ wiederholt sich, er erschallt unaufhörlich. Fürst Borghese ist einen Tag lang das Idol von Paris, der edelmütigenStadt, die nicht ohne Leidenschaft lieben kann! Der Anblick, den die breite Straße darbietet, ist großartig; die beiden hohen, mit Balustraden eingefaßten Trottoirs sind schwarz von Menschen, und über den Köpfen bewegt sich ein Gewirr von Händen, Hüten, Taschentüchern und Regenschirmen. Auch von Regenschirmen, denn es regnet, was es vom Himmel kann. Ettore ist gerührt, berauscht und breitet die Arme aus, um die Grüße mit ausdrucksvollen Gesten zu erwidern. Frauen aus dem Volke stoßen zärtliche Rufe aus.