In Myssowaja.In Myssowaja.
In Myssowaja.
In Myssowaja.
Ich muß gestehen, daß der Übergang über den Iro und über die Bolschaja Rjeka uns betreffs der Flüsse ein übergroßes Selbstvertrauen eingeflößt hatte. Wir glaubten nicht, daß die kleinen Flüsse im Süden des Baikalsees so bedeutend seien, daß sie nicht an einem erreichbaren Punkte ihres Laufes durchschritten werden könnten. Wir beschlossen also, am nächsten Tage auf diese hydrographische Entdeckungsreise auszuziehen. Die Maschine war in ausgezeichneter Verfassung — seit unserer Abfahrt aus Peking hatten wir nur einen einzigen Pneumatik am linken Hinterrade zu erneuern gehabt —, wir besaßen Brenn- und Schmiermaterial für 1000 Kilometer, Lebensmittel auf drei Tage; wir konnten uns daher in völlig unbewohnte Gegenden wagen.
Wir schliefen auf der Erde; denn wenn der Starost auch ein Zimmer hatte, so hatte er doch keine Betten — Betten sind in Sibirien ein Luxusartikel, da man hier im Winter auf dem warmenOfen und im Sommer auf dem Fußboden schläft —, und am nächsten Morgen, 28. Juni, brachen wir nach einem herzlichen Abschiede von unserem Gastfreunde auf.
Wir sollten nur allzubald wieder zurückkommen!
Der Morgen war klar und kalt, wie er einem schönen Februarmorgen bei uns entspricht. Der See, der ruhig, ohne einen Wogenschlag, ohne ein Wellenkräuseln dalag, hatte die Durchsichtigkeit der Luft; er schien zu atmen. Nur der Baikalsee besitzt an sonnigen Tagen den Anschein ätherischer Leichtigkeit, eine vom Himmel zurückgestrahlte zarte Heiterkeit, die zu der grenzenlosen Ausdehnung den Eindruck unendlicher, leuchtender Tiefe hinzufügt. Das mit Wald bestandene Ufer streckte kleine Halbinseln mit üppigem Pflanzenwuchs in den See hinein; das Wasser warf ihr Spiegelbild zurück und ließ sie doppelt und schwebend erscheinen. Scharen von großen weißen Möwen schwammen auf dem See umher und machten seine Oberfläche dadurch kenntlich, daß sie sich von ihr abhoben. Unser Bewundern war von kurzer Dauer. Der Weg nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und wir vergaßen bald den Zauber der Landschaft.
Die Straße war nicht nur verödet, sie war auch zerstört. Wir überstiegen steile Anhöhen, die die Wut des Wassers während der Schneeschmelze zerrissen, ausgewaschen und ausgehöhlt hatte. Es ging bergauf und bergab über richtige Stufen. Wir kamen über manche abschüssige Stellen nur hinweg, indem wir die Maschine einen raschen Anlauf nehmen ließen. Die Maschine schnaubte und stöhnte, sprang bei den Unebenheiten des Bodens in die Höhe und erhob sich beim ersten Ruck, den die Räder erhielten, als wollte sie sich in die Lüfte schwingen. Mitunter blieb sie kraftlos stehen, wenn sie schon beinahe bis zum Gipfel gelangt war, und mußte zurückgehen, um einen neuen, längeren und anhaltenderen Anlauf zu nehmen.
An andern Stellen war der Weg mit Gras bedeckt, mit wildem Gebüsch bewachsen, voll umgestürzter Baumstämme und vertrockneter Äste, die durch irgendwelche Überschwemmung hier abgelagert wordenwaren. An manchen Stellen in der Nähe des Ufers haben die auf dem Baikal wütenden Stürme die Palissaden abgeschlagen, das Land weggeschwemmt, und so einen Teil der Straße zum Einstürzen gebracht. Wir fuhren vorsichtig auf dem schmalen Straßenrande weiter, wobei wir den ruhig und durchsichtig daliegenden See unter uns betrachteten.
Die früheren Poststationen waren unbewohnt, halb zerstört, mit eingestürzten oder dem Einsturz nahen Dächern, herausgerissenen Türpfosten, grasbewachsenen Zimmern. Es sah aus, als ob die Stationen nach einem Kriege, nach einer Plünderung vergessen worden seien. Eine unbeschreibliche Verwüstung herrscht auf der alten sibirischen Hauptstraße, die zu verschwinden droht, nachdem sie die russische Herrschaft bis zum Stillen Ozean getragen hat. Sie ist schon tot und verwest jetzt. Wir sahen nicht mehr als eine letzte Spur dieser alten Erobererstraße. Wir fuhren in dem ausgetrockneten Bette eines Stromes der Menschheit und des Reichtums dahin. Jene Straße hat das Heer Murawjew-Amurskijs vorüberziehen sehen, der Rußland im fernen Osten die schönste Revanche für den Krimkrieg verschaffte, sie hat die Züge der Auswanderer und Deportierten, allen Schmerz und alle Kühnheit gesehen, die in 50 Jahren ein Volk zwischen dem See und dem Meere geschaffen haben, sie hat Millionen Gold aus den Minen von Blagowjeschtschensk und Millionen Silber aus den Minen von Nertschinsk auf von berittenen Kosaken begleiteten Wagen vorüberziehen sehen! Auf dieser Arterie, die einer Welt das Leben gegeben hat, mußten wir uns jeden Augenblick den Weg mit Axt und Spaten bahnen.
Die Geländer der Brücken waren umgefallen; niemand hatte sie herausgerissen, sie lagen da, umgestürzt von dem Gewicht des Schnees und der Gewalt der Stürme. Von den Brücken selbst hätte man sagen können, daß sie nur aus alter Gewohnheit noch hielten. Wir setzten zuviel Vertrauen auf diese Gewohnheit. Bei dem Überschreiten der ersten waren wir vorsichtig; später dachten wir nicht mehr daran. Wir waren überzeugt, daß sie viel stärker waren, als es den Anschein hatte. Manche Brücke erzitterte und knarrte, ohne daßdies jedoch Folgen gehabt hätte. Wir suchten den gebrochenen Brettern auszuweichen; die andern senkten sich und schwankten auf und nieder, trugen uns aber. Ein einziges Mal bemerkten wir auf einer kleinen Brücke einen Sprung; das Automobil zauderte einen Augenblick und hielt plötzlich, dann aber machte es einen Satz vorwärts auf festen Boden, während einige Bretter hinunterstürzten; auf der Brückenbahn öffnete sich, kaum daß wir darüber weg waren, ein klaffender Spalt.
Nach drei Stunden gelangten wir an die erste der drei berüchtigten eingestürzten Brücken, die über den Mischikafluß führten. Der Fluß war breit und reißend. Die Gipfel der Anhöhen ringsherum zeigten noch weiße Schneestreifen. Wir fanden längs des Ufers einen Pfad, der sich in der Richtung auf die Mündung des Flusses zu senkte. Wir folgten ihm und gelangten zu einer kleinen Gruppe von Häusern. Dort trafen wir einen Holzfäller, der im Grase saß und damit beschäftigt war, ein gewaltiges Paar Stiefel anzuziehen.
„Guten Tag!“ sagte er, ohne daß es schien, als ob die Ankunft eines Automobils auf ihn Eindruck machte.
„Guten Tag. Wo ist die Furt?“
„Es gibt keine Furt, Väterchen. Die Mischika ist tiefer, als ich groß bin.“
„Wie machst du es denn, wenn du hinüber willst?“
„Ich benutze diese Barke hier.“
Wir blickten nach der Richtung, in der der Mann zeigte, und gewahrten eine Art Kahn, der an einen am Ufer wachsenden Strauch gebunden und dessen Boden mit Wasser bedeckt war.
„Gibt es keine andern Barken?“
„Ja, es gibt noch eine andere wie die da.“
„Und wie kommt das Vieh hinüber?“
„Schwimmend. Sehen Sie dort, jetzt!“
In der Richtung auf den See, wo die Strömung ruhiger war, schwamm eine Anzahl Pferde langsam an das linke Ufer, wobei sie ein wenig abtrieb.
„Wie könnte man es anstellen, um diesen Wagen auf die andere Seite des Flusses zu schaffen?“ fragten wir den Holzfäller.
Er überlegte einige Zeit, während der er seine Stiefel vollständig anzog; dann erhob er sich und antwortete:
„Man könnte die Brücke wieder herstellen. Die Stützbalken sind stehengeblieben, und sie sind noch gut.“
„Gibt es Arbeiter hier?“
„Wir alle sind imstande, eine Brücke zu bauen. Es gibt Menschen und Holz im Überfluß.“
„Wieviel Zeit würde die Arbeit in Anspruch nehmen?“
„Mindestens acht Tage und sechs Mann.“
Wir begannen den Plan zu erörtern. Eine Brücke wieder herzustellen, war verlockend. Acht Tage zu warten, ließ sich ertragen. Aber wir würden eine eingestürzte Brücke über die Pereemma, eine über die Aososa, eine dritte über die Vidrina antreffen, ohne die kleineren zu zählen. Wir konnten uns doch nicht daran machen, alle eingestürzten Brücken des Russischen Reiches wieder herzustellen? Dies würde über das Programm einer Automobilfahrt hinausgehen.
Mußten wir also den Plan ausgeben, die Reise um den Baikalsee herum fortzusetzen? O nein, noch nicht! Ein neuer Plan tauchte in uns auf. Über jene Flüsse führten doch noch andere Brücken, und zwar ansehnliche: die Eisenbahnbrücken. Wäre es nicht möglich, auf den Bahnkörper zu gelangen, die Schienen entlang zu fahren, die Brücken zu überschreiten und dann jenseits der unpassierbaren Flüsse wieder auf die alte Heerstraße hinunterzusteigen? Wir hatten eben eine Station in der Nähe gesehen. Warum sollten wir nicht den Versuch machen?
Wir brachen also auf, erfüllt von neuer Hoffnung, und langten auf der Station an, die wir durch die Bäume hindurch erblickt hatten. Sie schien verlassen zu sein. Wir traten in den kleinen Wartesaal, an dessen Wänden große Tafeln mit Abbildungen hingen; sie zeigten, in welcher Weise man Verwundeten die erste Hilfe leisten müsse, undwaren hier von der Kriegszeit her zurückgeblieben, als alle Stationen voller Truppen lagen. Im Saale befand sich niemand; die Türen waren verschlossen. Nachdem wir uns genügend über die erste dringende Pflege der Verwundeten unterrichtet hatten, begannen wir zu rufen, in der Erwartung, daß jemand erscheinen werde. Und siehe da, es erschien ein Gendarm!
Im Hofe des Starosten von Myssowaja.Im Hofe des Starosten von Myssowaja.
Im Hofe des Starosten von Myssowaja.
Im Hofe des Starosten von Myssowaja.
Der Gendarm fragte nach unseren Pässen, Dokumente, die gänzlich unnötig waren, wenn man ein Schreiben des Generalpolizeidirektors des Kaiserreichs in Händen hat. Dieses Schreiben händigten wir dem Beamten der öffentlichen Sicherheit ein. Es war ein ausgezeichneter Bursche, dieser Gorodowoi. Er brauchte zwar etwas viel Zeit, um das Schreiben Silbe für Silbe zu lesen, aber schließlich begriff er. Er begriff und wurde unser Freund. Wir ahnten damals nicht, daß er einige Tage später für uns von geradezu unbezahlbarem Werte sein sollte.
Als wir dem Gendarmen unseren Wunsch, die Brücken benutzen zu dürfen, mitgeteilt hatten, erwiderte der Wackere:
„Das läßt sich sehr gut ausführen. Das ist meine Sache. Ich telegraphiere jetzt sofort an meine Vorgesetzten, teile ihnen mit, wer Sie sind, und die Sache ist abgemacht.“
„Aber,“ wandte der Fürst ein, „die Eisenbahnbehörden ...“
„Was haben die Eisenbahnbehörden mit der Erlaubnis, die Eisenbahnbrücken benutzen zu dürfen, zu tun? Die Polizei hat die Oberaufsicht über die Bahnlinie; auf den Brücken stehen Schildwachen, damit Verbrecher sie nicht in die Luft sprengen, und niemand darf ohne unsere Erlaubnis die Strecke betreten.“
Der Stationsvorsteher, der inzwischen dazukam und sich erkundigte, über was wir sprächen, fand die Sache viel schwieriger.
„Für meine Person,“ erklärte er, „würde ich Ihnen alles gestatten; ich würde Ihnen sagen: Fahren Sie sofort! Aber ich vermag nichts; die Polizei ist nicht zuständig, und die Eisenbahnbehörden können nichts erlauben, was gegen die Verordnungen verstößt. Die Regierung allein hat die Entscheidung. Sie müssen den Generalgouverneur von Sibirien in Irkutsk um die Erlaubnis bitten.“
Der Mut entfiel uns. Aber wir beschlossen, es zu versuchen. Wir wollten also an den Generalgouverneur telegraphieren. Wenn binnen zwei Tagen keine zusagende Antwort eingetroffen wäre, so würden wir uns darein ergeben, zu Schiff über den See zu fahren. Nachdem wir diesen Entschluß gefaßt hatten, machten wir uns auf den Rückweg nach Myssowaja. Es war eine demütigende Rückkehr, niemand wird es bezweifeln.
Es gibt etwas auf der Welt, was noch schwerer zu ertragen ist als eine große Anstrengung: deren Wiederholung! Schwierigkeiten zu überwinden und dann zurückgehen müssen, ist schlimm. Dazu kommt, daß eine als schlecht bekannte Straße doppelt mühsam ist; es geht ihr der Reiz der Neuheit ab, wenigstens wenn man es nicht als etwas Neues empfinden will, daß man das auf dem Abstiege findet, was vorher auf dem Aufstiege lag, und auf dem Aufstiege, was sich vorher auf dem Abstiege befunden hatte.
Der Himmel war gleichförmig weiß geworden; er hatte sich unmerklich mit Wolken überzogen, und man hätte sagen können, daß ein tüchtiger Schneefall im Anzuge sei. Es wehte ein kalter Wind, und der See bewegte wieder seine Fluten, die so weiß waren wie der Himmel.
Die eingestürzte Brücke würde uns viel Mühe bereiten, wenn wir sie so gut wie möglich wieder instand setzen wollten, und machte uns sehr besorgt, wie wir sie passieren könnten. Aber im Grunde genommen ließ sich auch diese Schwierigkeit ziemlich leicht überwinden. In den ersten Nachmittagsstunden waren wir wieder in Myssowaja, abermals die Gäste des wackeren Starosten, der uns herzlich wie das erste Mal empfing. Wir sandten sofort das Telegramm an den Generalgouverneur von Sibirien ab, in dem wir um die Erlaubnis baten, auf der Bahnstrecke fahren zu dürfen. Es blieb uns nichts übrig, als die Antwort abzuwarten.
In Myssowaja warten müssen, heißt die Bitterkeit der Deportation kosten! Wir hatten, offengestanden, wenig Vertrauen, daß jene Antwort rasch eintreffen werde. Der Gouverneur würde erst Beamte um Rat fragen betreffs Ort und Zeit, eine Untersuchung einleiten, die Sache vielleicht nach Petersburg berichten; dort würde der Minister des Innern die Angelegenheit an das Verkehrsministerium weitergeben, in dem ein höherer Rat einen Kommissar beauftragen würde, den Fall zu studieren und Bericht darüber zu erstatten ... Wir glaubten, einer der größten Schwierigkeiten, einem ungeheueren Hindernis gegenüberzustehen, gegen das sämtliche 50 Pferdekräfte des Automobils und alle Energie, über die wir verfügen konnten, nichts auszurichten vermöchten — einer Art von endlosem, grauem, weichem Gebirge, vor dem man nichts tun kann als abzuwarten und die Zeit und die Geduld zu Hilfe zu rufen! So schätzten wir die Bureaukratie ein. Wir hatten unrecht. Die russische Bureaukratie hat auf unserer ganzen Reise von einem Zollamte des Reiches bis zum andern für uns Wunder der Schnelligkeit selbständiger Entschließung vollbracht.
Während unserer Wartezeit durchstreiften wir Myssowaja. Wir gingen am Gestade des Sees spazieren und suchten zwischen den buntfarbigen Kieseln nach kleinen Onyxen und Achaten, klassifizierten die von den Wellen ans Ufer geworfenen toten Fische, kletterten auf den verlassenen Hafendamm und blieben vor den staubigen Schaufenstern eines kleinen Ladens stehen, um die ausliegenden verschiedenartigen Gegenstände zu mustern. Diese Unterhaltung verschaffte uns die Bekanntschaft des Apothekers von Myssowaja, eines aus den baltischen Provinzen stammenden Provisors, der uns zwischen seine Büchsen zog und uns den liebenswürdigsten Empfang bereitete. Die Apotheke wurde unser Lieblingsaufenthalt; wir brachten hier lange Stunden zu, schlürften unbekannte Liköre heimischer Erfindung und Herstellung und lauschten dabei den Jagdgeschichten des Apothekers, der Gewehre, Patronengürtel und Bärenfelle dicht neben den Flaschen mit Rizinusöl aufbewahrte. Er zeigte uns das dichte, noch frische Fell eines kleinen Bären, das zum Trocknen über einen Tisch gebreitet war. Man hatte es ihm soeben gebracht. Ein Jäger hatte das Tier mit einem Messerstich erlegt. Es gab Bären drei Kilometer von der Stadt auf der Hügelkette. Warum nicht eine Jagd veranstalten? Und hier, mitten unter den Drogen, entwarfen wir den Plan zu einer Jagd.
Von der Apotheke begaben wir uns nach dem Telegraphenamte, um Nachrichten von unseren Gefährten einzuholen. Sie waren gerade in Kiachta eingetroffen, und zwar in gutem Zustand. Sie hatten einen Teil des Weges auf unseren Spuren zurückgelegt. Am Iro waren jene wackeren Mongolen, als sie sie kommen sahen, treu der erhaltenen Weisung von selbst herbeigeeilt, um ihnen Ochsen anzubieten, indem sie durch Gestikulationen die Art und Weise klarmachten, in der wir das andere Ufer gewonnen hatten. Am Nachmittag desselben Tages, des 28. Juni, waren die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ nach Werchne-Udinsk aufgebrochen. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß sie vormittags 9 Uhr an der Selenga bei Nowi-Selenginsk eingetroffen waren — dort, wo wir das erste Dampfbootgesehen hatten — und nach Überschreitung des Flusses um 11 Uhr weitergefahren waren. Wir rechneten aus, daß sie am nächsten Tage, 29. Juni, früh in Werchne-Udinsk und am 1. oder 2. Juli in Myssowaja sein könnten.
Zu Hause verbrachten wir die Zeit beim Samowar und machten eine Radikalkur in Tee durch, die nur unterbrochen wurde durch das Kosten der Sakuska, der russischen Vorspeise, die aus allen möglichen pikanten Bestandteilen zusammengesetzt ist. Der Pristaf kehrte zurück, es kehrten die Honoratioren des Ortes zurück, um uns schweigend Gesellschaft zu leisten, während die Menge in respektvoller Neugier vor der Tür haltmachte. Auch das Automobil, das im Hofe ausruhte, als guter Nachbar der alten Schlitten, die das Eis des Baikalsees kannten, erhielt seine Besuche; es war unaufhörlich umgeben von langhaarigen Muschiks in Filzstiefeln, von Kosaken und Kindern. Jeder, der durch die Straße kam, trat ein und sah es sich an. Außerhalb des Hofes standen stets wartende Pferde und Wagen. Wir mußten die Ungeduld des langen Wartens zügeln, als wir durch das mit blühenden Blumen geschmückte kleine Fenster den wieder klargewordenen Himmel beobachteten. Zwischen den Ranken hindurch sandten wir sehnsüchtige Blicke zu den Isbas längs des steinigen, verödeten Weges, der jetzt an der Sonne trocknete, und betrachteten den hinter ihnen unermeßlich sich ausdehnenden funkelnden Horizont des Baikalsees. Dann setzten wir uns wieder nieder und brummten:
„Wir verlieren wundervolle Tage, und wenn wir uns wieder auf den Weg machen, regnet es sicherlich!“
Am Abend des 28. Juni ließ sich ein Kaufmann bei uns melden, der den langen schwarzen Kaftan der russischen Juden trug. Er grüßte mit Unterwürfigkeit und fragte uns:
„Sie wollen nach Irkutsk reisen?“
„Ja, am 2. Juli.“
„Ich hätte Ihnen ein ausgezeichnetes Geschäft vorzuschlagen. Ich habe einen Dampfer im Hafen liegen. Wenn Sie wollen, so setze ichSie in sieben Stunden nach Nikolsk oder Listwinitschnoje über, für den halben Preis der Eisenbahnfahrt.“
„Wann geht Ihr Dampfer?“
„Heute abend, wenn Sie wünschen. Er hat keine Ladung einzunehmen und kann sofort wieder abfahren. Ich würde auf Sie auch warten, sogar bis morgen abend.“
„Wir können keine Entscheidung treffen. Wir warten auf eine Antwort, die sich verspäten kann.“
„Gut. Überlegen Sie es sich —“, und als er schon auf der Schwelle stand, um fortzugehen, drehte er sich noch einmal um und wiederholte: „Also bis morgen Abend. Adieu!“
Der Tag verging, ohne daß eine Nachricht aus Irkutsk eingelaufen wäre. In der Nacht wurden wir durch starke Schläge, die gegen die Außenwand der Isba geführt wurden, geweckt. In diesen Häusern braucht man nicht an die Tür zu klopfen, um sich öffnen zu lassen; man nimmt einen Stein und schlägt irgendwo an die Holzwände, bis jemand hört. Es war ein Höllenlärm. Der Starost ging schlaftrunken an die Tür und kehrte mit einem Telegraphenboten zurück, der eine Laterne trug und mit einer Flinte mit aufgepflanztem Bajonett und einem Revolver bewaffnet war. Er brachte eine Depesche.
„Weshalb all diese Waffen?“ fragte ihn Fürst Borghese, während er beim Licht der Laterne die Empfangsbescheinigung ausstellte.
„Man kann nachts nicht ohne Waffen ausgehen“, erwiderte der Bote. „Die ganze Gegend wird durch Verbrecher unsicher gemacht, die einen überfallen, morden und ausrauben. Es sind die von Sachalin.“
„Die von Sachalin?“
„Ja, die Deportierten von Sachalin, die die Insel gegen die Japaner verteidigt haben. Sie wurden nach dem Kriege nach dem Festlande zurückgebracht und in der allgemeinen Verwirrung entflohen sie. Viele waren zur Belohnung für ihre Teilnahme am Kampfe freigelassen worden. Sie haben sich im Amurlande und in Transbaikalien zerstreut, haben die Gefängnisse erbrochen und die Verbrecherbefreit. Sie brechen in Banken ein, begehen Straßenraub und verschwinden dann. Man lebt hier nicht mehr ruhig.“
Jetzt begriffen wir, weshalb uns die Polizei die Erlaubnis gegeben hatte, nicht einen, sondern zwei Revolver zu tragen. Ebenso wurde uns die sonderbare Frage: „Sind Sie nicht überfallen worden?“, die wir überall hören mußten, wo wir eintrafen, verständlich. In Werchne-Udinsk hatten Polizeibeamte, die in den Gasthof kamen, uns gesagt: „Bei der ersten verdächtigen Bewegung in Ihrer Nähe, namentlich des Abends, schießen Sie, schießen Sie sofort, aber achten Sie vor allem auf eins ...“
„Auf was?“ fragten wir.
„Daß Sie gut zielen, daß der Schuß nicht fehlgeht.“ Es war dies keineswegs in scherzhaftem Tone gesprochen.
Das Telegramm kam von Irkutsk und lautete: „Der Generalgouverneur befindet sich in Krasnojarsk, wohin ihm Ihre Bitte, über die Eisenbahnbrücken fahren zu dürfen, übermittelt worden ist.“ Wir legten uns wieder auf den Fußboden und murmelten einige wenig parlamentarische Worte über die Langsamkeit der amtlichen Bestellungen in Sibirien.
Am nächsten Tage, 29. Juni, saßen wir beim Provisor im Zimmer hinter dem Laden beim Frühstück und sprachen von der berühmten Bärenjagd, als die Glocke der Haustür erklang. Unser Gastfreund kam in kurzem mit geheimnisvoller Miene zurück, schaute ringsum, als fürchtete er, beobachtet zu werden, und sagte dann mit leiser Stimme:
„Es sind Gendarmen da! Zwei Gendarmen, die nach Ihnen fragen.“
„Nach uns?“
„Ja, nach Ihnen. Sie wissen, daß Sie hier sind, und sagen, sie müßten Sie auf jeden Fall sprechen. Es gefällt mir nicht.“
Wir gingen, um zu erfahren, was die Gendarmen von uns wünschten. In der Apotheke erwarteten uns zwei Gorodowoi.Draußen versuchten zaghaft einige Neugierige, unauffällig durch das Schaufenster zu sehen. Das Erscheinen von Gendarmen ist in Sibirien nicht immer ein gutes Zeichen. Vielleicht erwartete Myssowaja bereits die Verhaftung der geheimnisvollen Reisenden, die die Welt auf einer losgekoppelten Lokomotive durchjagten. Fürst Borghese stand im Begriff, nach seinen Papieren zu greifen und das berühmte Schreiben vorzuzeigen; aber diesmal waren es die Gendarmen, die ein Papier überbrachten, wobei sie respektvoll grüßten.
Es war der Erlaubnisschein, der sehnsüchtig erwartete Erlaubnisschein des Generalgouverneurs!
Wer wagt noch, von der Bureaukratie schlecht zu sprechen! Wir waren in heller Begeisterung und spendeten ihr Worte des denkbar höchsten Lobes. In der Tat haben sich die russischen Behörden uns gegenüber von unvergeßlicher Höflichkeit, Zuvorkommenheit und Gastlichkeit gezeigt. Die Erlaubnis, die wir erhielten, war ganz außergewöhnlich und einzig in ihrer Art.
Wir wurden ermächtigt, mit dem Automobil auf der Bahnstrecke zu fahren, alle Brücken zu überschreiten und, wenn nötig, auf diese Weise bis nach Irkutsk zu gelangen.
„Was müssen wir tun? Wann können wir abfahren?“ fragten wir die Gendarmen.
„Sie können reisen, wann Sie wollen. Das Streckenpersonal ist benachrichtigt. Auf den Stationen wird man Ihnen sagen, wann die Linie frei ist.“
Wir ließen natürlich die Bären im Frieden ihrer Wälder und verbrachten den Rest des Tages mit den Vorbereitungen zu jener seltsamen Fahrt zwischen den Schienen, Weichen, Signalen von einer Station zur andern!
Wir gingen dem spannendsten Ereignis unserer ganzen Reise entgegen.
Der Einsturz der Brücke.
Das Automobil auf der Bahnstrecke. — Die „Sechzehnte Rangierstation“. — Die alte Brücke. — Das Automobil stürzt. — Die Rettung. — Tanchoi.
Am 30. Juni früh 4½ Uhr verließen wir bei strahlend heiterem, aber kaltem Wetter Myssowaja zum zweiten Male und schlugen wiederum den am 28. zurückgelegten Weg ein. Wir nahmen zwei lange, uns vom Starosten überlassene Bretter mit, die wir auf dem Gepäck festbanden. Wir sahen voraus, daß wir sie brauchen würden, um auf unserer Fahrt zwischen den Schienen über die Weichen in der Nähe der Stationen hinwegzukommen.
Der Gedanke, mit dem Automobil auf einer Eisenbahnstrecke zu fahren, erschien uns so abenteuerlich, daß wir die Ausführbarkeit bezweifelten. Der Gedanke hatte sich unserem Geiste zuerst als die natürlichste Sache von der Welt dargestellt; als wir aber näher darüber nachdachten, fanden wir ihn schließlich widersinnig. Am Tage zuvor war die einzige Schwierigkeit das Ausbleiben der Erlaubnis gewesen; jetzt, da wir den seltsamen Plan ausführen wollten, sahen wir eine Menge Schwierigkeiten. Würden die Räder zwischen den Schwellen nicht steckenbleiben? Wie sollten wir über die in Ausbesserung begriffenen Strecken hinwegkommen? Würden wir rasch genug von der Strecke herunterkommen, um einem etwaigen Extrazugeauszuweichen? Würden die Schienenbolzen nicht die Pneumatiks zerreißen? Und wenn alles gut ging, konnten die Stöße einer langen Fahrt über die Schwellen hinweg nicht die ernstesten Folgen für die Festigkeit und Ausdauer der Maschine haben? Auf all diese Fragen antworteten wir: „Vedremo!“ und gingen vorwärts.
Wir wollten die Strecke auf der kleinen Station in der Nähe des Mischikaflusses betreten, an der wir zum ersten Male vor zwei Tagen gehalten hatten. Die abenteuerliche Fahrt sollte genau an dem Orte beginnen, wo der erste Gedanke daran entstanden war. Der nächste Zug nach Irkutsk würde von Myssowaja nicht vor 8 Uhr abgehen, und der nächste Zug nach Werchne-Udinsk würde mittags vorüberkommen. Wir würden also Zeit haben, zwischen dem einen und dem andern den Bahnhof von Tanchoi zu erreichen, das etwa 60 Kilometer von Myssowaja entfernt ist. Tanchoi ist die Erbin der Schiffahrt von Myssowaja. Der neue Hafen der Trajektboote wird vorgezogen, weil er dem Westufer des Sees näherliegt; die Überfahrt der Dampfer zwischen Tanchoi und der Station Baikal auf dem linken Ufer der Angara ist nur 40 Kilometer lang. Es gibt Flüsse, die breiter sind als diese Strecke, wie z. B. der Pará und der La-Plata bei Buenos Aires.
Wir legten geduldig zum zweiten Male den alten verödeten Weg zurück, der so malerisch und so schwierig ist, mit seinen zahllosen, dem Einsturz nahen kleinen Brücken, seinen steilen Abhängen und seinen Anhöhen, die man im Sturm nehmen mußte, den Weg, der sich bald an dem klaren See hinzieht, bald im Schatten der Wälder verbirgt. Wir hatten diesmal den Vorteil, ihn zu kennen. Der Fürst erinnerte sich bei seinem erstaunlichen Gedächtnis an alles. Er sagte zu Ettore, welcher steuerte: „Jetzt kommt ein Abhang; bremse! Jetzt kommen wir an die Brücke, die sich nach rechts hinüberneigt; halte dich links!“ Aber all dieses Wissen bewirkte nicht, daß wir mit größerer mittlerer Geschwindigkeit als 9 Kilometer die Stunde fuhren, so daß wir erst gegen 8 Uhr bei der kleinen Station an der Mischika anlangten.
Am Ufer des Baikal-Sees.Am Ufer des Baikal-Sees.
Am Ufer des Baikal-Sees.
Am Ufer des Baikal-Sees.
Wir trafen wiederum den Stationsvorsteher und den Gendarmen, der an seine Vorgesetzten telegraphieren wollte. Der Stationsvorsteher hatte keine Nachricht von der Genehmigung unseres Gesuches erhalten, wohl aber der Gendarm. Dieser teilte uns mit, daß sämtliche Gendarmen und Wachtposten längs der Strecke von Irkutsk den Befehl erhalten hätten, uns passieren zu lassen. Der Stationsvorsteher seinerseits erklärte:
„Ich widersetze mich nicht. Ich weiß von nichts. Ich übernehme aber auch keine Verantwortung.“
Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.
Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.
Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung des Gendarmen.
Der Gendarm erklärte: „Ich werde Sie begleiten, und Sie werden überall durchkommen.“
So erhielten wir den schlagendsten Beweis von der Allmacht des Gendarmen in Sibirien.
Um dem wackeren Krieger einen Platz im Automobil zu überlassen, kletterte ich auf das Gepäck im hinteren Teile der Karosserie, auf das ich mich rittlings setzte, allerdings ein wenig durch die Anwesenheit der langen Bretter behindert, aber befriedigt durch die erhöhte Stellung, die mich die Dinge um mich herum von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus betrachten ließ. Der Gendarm saß auf dem Tritte.
Um die Weichen und Signalvorrichtungen, die in großer Anzahl in der Nähe der Station vorhanden sind, zu umgehen, suchten wir weiterhin in der Entfernung von einem Kilometer einen Übergang von der alten Straße nach der Eisenbahn. Der Eisenbahndamm war ein paar Meter hoch, der Übergang aber bestand in einer kleinen Treppe zum Gebrauch des nächsten Bahnwärters, die sich wenig zum Aufstieg eines Automobils eignete. Dies war aber keine Schwierigkeit, die irgendwelchen Eindruck auf uns gemacht hätte. Mit Hilfe alter Schwellen, die wir in geschickter Weise aneinanderlegten, und der beiden Bretter konstruierten wir eine Fahrbahn, die die Maschine im Fluge benutzen konnte.
Endlich befanden wir uns auf der Strecke. Mit den rechten Rädern ragte die Maschine über das Geleis hinaus; wir luden in Eile die Bretter wieder auf, befestigten sie gut und nahmen unsere Plätze ein. Ich saß von neuem oben auf dem Gepäck wie ein Araber auf dem Höcker eines Dromedars. Wir fuhren los.
Der erste Eindruck war entzückend. Diese herrliche gleichmäßige, ebene, glänzende Straße war nach all den Abhängen, dem Gestrüpp, den Gebüschen, den Gräben der vormaligen Heerstraße von verführerischem Reiz. Geradlinig und über die umliegende Landschaft erhöht, machte sie den Eindruck einer Schwebebahn, einer riesigen Hängebrücke. All das war neu und gefiel uns vielleicht nur darum so gut. Wir fuhren langsam; wenn die Schwellen auch sehr nahe aneinanderlagen und mit einer Sandschicht bedeckt waren, teilten sie doch dem Automobil eine Schaukelbewegung, eine Art leichten Galopps mit. Als aber die Geschwindigkeit zunahm, wurde der Galopp heftig und ging schließlich in ein fürchterliches wildes Schütteln über, das die Maschine in Stücke zu reißen drohte. Wir begnügten uns daher mit einem ganz leichten Galopp, mit der Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde. So gelangten wir zu dem ersten Bahnwärterhäuschen.
Der Wärter war natürlich ebensowenig wie der Stationsvorsteher über unsere Fahrt unterrichtet worden, die unter dem hohen undausschließlichen Schutze der Polizei vor sich ging. Der Ärmste begriff nichts von dieser seltsamen Lokomotive, die ruhig neben den Schienen fuhr, er betrachtete sie voller Entsetzen und hielt sie schließlich gewiß für ein neuerfundenes Gefährt, das seine Probefahrt machte. Er stürzte in sein Häuschen, kam sofort wieder mit dem Stabe heraus, der „freie Fahrt“ bedeutet, und nahm die vorschriftsmäßige Stellung ein. Der Gendarm befahl zu halten, stieg ab, näherte sich dem Manne und ließ sich die rote Fahne reichen, die dieser zusammengerollt an seinem Gürtel trug. Dann schwenkte er dieses revolutionäre Abzeichen, kehrte äußerst befriedigt auf das Automobil zurück und rief:
„Um den Zügen das Haltesignal zu geben!“
Wir fuhren über zahlreiche kleine Brücken, die so breit waren wie die Schwellen und über tiefe Gebirgsströme führten, deren Gewässer wir durch die breiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Schwellen schäumen sahen. Diese durchlöcherten Brücken, die aus voneinander abstehenden Bohlen bestehen, die nur von den Schienen zusammengehalten zu werden scheinen, sehen zum Entsetzen leicht und gebrechlich aus. Man weiß, daß sie fest sind, aber man sieht es nicht. Das Automobil fuhr mit den linken Rädern zwischen den Schienen und mit den rechten Rädern auf den schmalen, nach außen vorspringenden Teilen der Schwellen. Auf den Brücken rollten daher die rechten Räder im wahren Sinne des Wortes am Rande des Abgrundes hin; es handelte sich nur um wenige Zentimeter. Für einen stets aufmerksamen Führer mit sicherer Hand bot diese Fahrt in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Aber es war in jenen Augenblicken unmöglich, sich einer leichten, instinktiven, geheimen Erregung zu entziehen, die uns die Fäuste ballen ließ und nicht gestattete, das Auge von dem Laufrad und seiner Bewegung auf dem schmalen Rande, auf den in den leeren Raum hinausragenden Balkenenden abzuwenden. Man konnte sich nicht vollständig von dem Gedanken freimachen, daß, alles in allem genommen, unsere Sicherheit von den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes abhing, und daß auch derGeschickteste einen Augenblick der Schwäche, des Unglücks haben kann; er kann einer Sinnestäuschung unterliegen, der Ermüdung infolge der fortwährenden Anspannung und Aufmerksamkeit anheimfallen.
Bald sollten wir die große eiserne Brücke über die Mischika passieren, die von fern aussah wie ein riesiger roter, 20 Meter über dem Flusse aufgehängter Käfig. Zur Sicherung der Brücke waren an beiden Enden mit Gewehren bewaffnete Soldaten aufgestellt. Alle Brücken von einer gewissen Bedeutung werden auf diese Weise militärisch bewacht. Man glaubt, eine Eisenbahn in Kriegszeiten zu befahren, die in einem dem Feinde zugänglichen Landstrich einem Handstreiche ausgesetzt ist. Der Eindruck, den man erhält, ist traurig, traurig vor allem, weil in der Tat ein Feind erwartet wird, und dieser Feind Rußlands ist russischer Herkunft!
Der Fluß, der uns zwei Tage zuvor aufgehalten hatte, toste jetzt im Schatten des Urwaldes um die hohen Pfeiler. Wir empfanden Genugtuung darüber, ihn zu überschreiten; es war uns, als ob wir Revanche nähmen. Als wir die Brücke hinter uns hatten, fuhren wir einige Zeit am Ufer des Sees entlang, den die Eisenbahn begleitet und von oben beherrscht. Dann entfernte sich der See, und die Wälder begannen von neuem. Die Gleichmäßigkeit der Straße, die uns anfangs so gut gefallen hatte, wurde uns langweilig. Eine regelmäßige, ebene Straße darf nur dann auf Verzeihung für ihre Einförmigkeit hoffen, wenn sie ein schnelles Dahineilen gestattet. An einer Stelle fanden wir die Strecke in der Ausbesserung begriffen. Eine Schar Arbeiter verlegte das Niveau einer Kurve. Die Schwellen lagen offen da, und der Galopp des Automobils nahm eine unheimliche Natur an. Es war nicht möglich, die Schnelligkeit zu mäßigen, weil die Gefahr bestand, daß wir steckenblieben; die Maschine sprang daher rasch über die Schwellen, lief von einer zur andern und stieß mit den Pneumatiks, deren Bruch wir jeden Augenblick befürchteten, gegen sie an. Zum Glück kehrten wir nach einigen hundert Metern dieses teuflischen Tanzes auf normales Gelände zurück. Wir gelangten an eine Station.
Es war 9¼ Uhr.
Die Station hat keinen Namen, sie hat nur eine Nummer. Sie erhebt sich in völlig unbewohnter Gegend und ist nicht zur Bequemlichkeit der Reisenden errichtet. Sie ist eine sogenannte „Dienststation“, angelegt zur Zeit des Japanischen Krieges wie so viele andere, um die Leistungsfähigkeit der Strecke durch Vermehrung der Zahl der Kreuzungspunkte zu erhöhen. Sie heißt „Sechzehnte Rangierstation“.
Wir werden die „Sechzehnte Rangierstation“ nicht sobald aus dem Gedächtnis verlieren!
Der Stationsvorstand, ein junger, blonder, höflicher Mann, teilte uns mit, daß der Zug aus Myssowaja gleich vorbeikommen werde und daß wir daher unsere Fahrt auf der Strecke nicht fortsetzen könnten. In Wahrheit fehlte bis zur Ankunft des Zuges noch über eine halbe Stunde, aber die Benachrichtigung war verständig, und es war weise, zur Seite zu fahren, um zu warten. Der Stationsvorsteher riet uns, die Fahrt auf der alten, noch gangbaren Heerstraße fortzusetzen und ihr bis zu einem in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamme liegenden Übergang zu folgen, wo wir auf die Strecke zurückkehren könnten. In der Tatsache wollte er aber in Ermangelung von Anordnungen nicht gestatten, an der Station auf die Strecke zurückzukehren, und schickte uns daher in höflicher Weise weit aus seinem Dienstbereiche weg. Wir befolgten seinen Rat. Es handelte sich im Grunde genommen um wenige Kilometer, und wir hatten deren Hunderte auf dem verödeten Wege zurückgelegt. Wir folgten getreulich einem Pfade, den er uns gezeigt hatte, und eine Stunde später rollten wir auf dem Grase der vermaledeiten Straße dahin.
Auch hier war genau wie auf jenen Strecken, die wir schon kannten, kein Zeichen eines vor kurzer Zeit erfolgten Verkehrs, nicht eine Wagenspur zu entdecken. Dichte Gebüsche rahmten sie zu beiden Seiten ein. Wir verloren die Station sofort aus den Augen und befanden uns von neuem in der grünenden und blühenden Einsamkeit. Wir hatten kaum einen halben Kilometer zurückgelegt, als sich uns eine alte Holzbrücke zeigte.
Sie war gegen 20 Meter lang und über 3 Meter breit. Sie reichte nicht an die Breite der übrigen Brücken heran und unterschied sich anscheinend von ihnen durch die Zusammensetzung der Bretter, durch eine gewisse Rohheit der Ausführung. Die Straßenbrücken bewahrten in der Regel, auch wenn sie vermorscht, gesprungen und halb verfallen waren, die Spuren einer großen Gewissenhaftigkeit der Arbeit, sie hatten etwas von einem alten Schiffe an sich. Man sah sofort, daß jene Brücke aus dem Holze einer andern eingestürzten erbaut war. Es fehlte jede Spur eines Geländers; sie war etwas krummgezogen und wies die Unregelmäßigkeiten und Unachtsamkeiten eines Provisoriums auf. Aber wir waren schon über viele provisorische Brücken gefahren, die nicht besser ausgesehen hatten. Sie überbrückte einen kleinen, drei bis vier Meter tiefen Fluß, dessen Ufer so dicht mit Gebüsch und Strauchwerk bewachsen waren, daß es schien, als wollten die Pflanzen ihre Zweige vereinigen.
Ettore mäßigte die Geschwindigkeit und hielt einige Augenblicke still, um zu prüfen. Vor jedem Hindernisse machten wir zum Zwecke der Beobachtung kurzen Halt, nahmen es in Augenschein, ohne das Automobil zu verlassen, sahen rasch den Übergang an und entschlossen uns sofort. Wir hatten Auge und Geist an tausend Problemen der Straße geübt, die untereinander so ähnlich und doch so verschieden waren. Sie wurden sofort nach der Analogie mit andern beurteilt. Mit sicherem Gefühle wandten wir die aus der Praxis gewonnenen Methoden an, wußten, wo rasches Handeln und wo Vorsicht nottat, erkannten instinktiv die Stellen, auf denen die Räder hinüberkommen konnten, errieten den widerstandsfähigsten Teil eines Brettes wie die Tiefe eines Gewässers oder die Tragfähigkeit eines sumpfigen Bodens. Hier gab es einen Augenblick des Zögerns, eine flüchtige Vorahnung der Gefahr. Aber es war nur ein Augenblick. Nicht jedes Bedenken war vollständig zerstreut, aber wir hatten, wenn wir auf Schwierigkeiten stießen, eine einfache Art, uns damit abzufinden; wir sagten nur: „Versuchen wir es!“
Der Gendarm war abgesprungen. Er hatte nicht unsere Erfahrung in bezug auf alte Brücken und urteilte nur nach seinem unbefangenen gesunden Menschenverstande. Er hielt es für notwendig, sich die Sache aus der Nähe zu besehen, in den Fluß hineinzuwaten und die Balken zu untersuchen.
„Warten Sie! Warten Sie!“
Er schickte sich zur Besichtigung an.
Der Fürst befahl Ettore:
„Fahre zu, aber langsam!“
Das Automobil fuhr auf den Bretterboden, der erzitterte, ein wenig knirschte und schwankte, wie es so viele andere unter dem Gewicht der Maschine getan hatten.
Das umgestürzte Automobil.Das umgestürzte Automobil.
Das umgestürzte Automobil.
Das umgestürzte Automobil.
Wir wurden dadurch nicht besonders beunruhigt. Aber während dieser Überfahrten empfindet man stets ein undefinierbares Gefühl banger Erwartung und faßt die Geisteskräfte zusammen; man verfolgt aufmerksam den Gang der Maschine; man bietet die ganze Kraft seines Denkens auf, als wolle man die Energie des Geistes zu der Arbeit der Materie hinzufügen, um mit der mächtigen Willensspannungzu helfen, zu stützen, zu schieben, zu leiten. Ich erinnere mich nicht, daß wir in solchen Augenblicken je ein Wort gewechselt hätten.
Der vordere Teil des Automobils war schon über die Hälfte der Brücke gekommen und näherte sich dem grasbewachsenen Rande der Straße. Die Gefahr schien vorüber. Mit einem Male hörten wir ein fürchterliches Krachen! Die Fahrbahn hatte unter dem Gewicht des hinteren Teiles der Maschine nachgegeben, sie brach und splitterte auseinander; die ganze Brücke öffnete sich und stürzte zusammen. Dieser sich plötzlich auftuende Schlund erschien uns, die wir uns in der Mitte befanden, in diesem Moment so breit und tief wie ein Abgrund.
Der Motor schwieg. Das Fahrzeug wich in demselben Augenblick, in dem es zum Stehen kam, mit einer plötzlichen, schweren Bewegung zurück und schlug mit seinem unteren Teile auf die Reste der Fahrbahn auf. Dann erhob es in unaufhörlicher Bewegung, die uns nicht zum Nachdenken und zur Besinnung kommen ließ, die Vorderräder in die Luft, während es mit dem hinteren Teile versank und in einer fürchterlichen Pendelschwenkung eine senkrechte Stellung annahm. So stürzte das Automobil in den Fluß hinab bis auf den Grund und riß uns alle mit sich unter dem fürchterlichen Getöse von zersplitterten, geborstenen, losgerissenen Brettern und Balken. Als der Wagen in das Wasser des Flusses eintauchte, blieb er nicht stehen. Er setzte seine Kreisbewegung fort und stürzte nach hinten, um auf den Rücken zu fallen, bis ihn ein Balken aufhielt. Er blieb rücklings liegen, mit den Rädern nach oben, den Rücken gegen den Grund gekehrt; kaum daß die Laternen und der Kühler aus den Trümmern der Brücke über die Reste der zerbrochenen Balken und Bretter hervorragten. All dies war das Werk weniger Sekunden. Das Automobil hatte mit der Langsamkeit eines Dickhäuters eine Art Saltomortale nach rückwärts ausgeführt.
Erst später bekamen wir eine klare Vorstellung von dem Vorgefallenen. Im Augenblicke des Sturzes selbst konnten wir nur undeutlich sehen; alle unsere Geisteskräfte waren auf uns selbst gerichtet;das Beobachtungsfeld beschränkte sich auf unsere unmittelbare Nähe; jeder von uns hatte sein eigenes Abenteuer, seinen eigenen Kampf, sein eigenes Ringen mit der Gefahr zu bestehen. Später erstatteten wir uns gegenseitig Bericht. Ich bewahre lebhafter die Erinnerung an das Gefühlte als an das Gesehene. Mit größerer Anschaulichkeit rufe ich mir das, was in mir vorging, in das Gedächtnis zurück als das, was sich um mich herum abspielte. Ich hatte rittlings auf dem Gepäck gesessen; mein Sturz war also der tiefste. Als ich das erste Krachen hörte, glaubte ich nur an ein teilweises Einbrechen des Automobils, an ein Einklemmen der Räder in die Risse eines zersprungenen Brettes, und an eine lästige und ermüdende Panne denkend, rief ich:
„Na, da haben wir’s!“
Einen Augenblick später befand ich mich unter der Brücke, in einem plötzlichen, unheilverkündenden Halbdunkel, angeklammert an die Seile, mit denen das Gepäck verschnürt war. Das Automobil sank immer tiefer und zerbrach das Holz. Ich hatte den Eindruck, als würde ich niemals den Boden erreichen. Ich ließ mich mitziehen, zusammengekrümmt unter einem Hagel von Brettern, die mich von hinten trafen, mir auf die Schultern fielen, die mit einem immer mehr wachsenden, unaufhörlich krachenden Getöse zusammenstürzten. Ich erinnere mich, nicht ohne Befriedigung festgestellt zu haben, daß ich keinen heftigen Schmerz empfand, und mehrmals hatte ich gedacht: „Bis jetzt geht alles gut!“ Ich hielt uns schon für gerettet, als ich sah, daß die mächtige Rückseite des Automobils, die noch aus dem Wasser emporragte, sich langsam nach hinten bewegte. Das Gehäuse des Ölbehälters, der sich unter den Füßen des Führers befindet, hing jetzt senkrecht über meinem Kopfe und übergoß mich mit Fluten heißen Öles. Ich wurde ganz naß und fühlte das Öl über mein Gesicht rinnen. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß die beiden Sitze, die der Fürst und Ettore einen Augenblick zuvor noch eingenommen hatten, leer waren.
Unter der Gefahr, zerquetscht zu werden, suchte ich mich freizumachen. Allein es war mir unmöglich; ich fand mich zwischendem Gepäck und den heruntergestürzten Brettern eingeklemmt. Vergebens spannte ich alle meine Kräfte an, mich der Gefahr zu entziehen. Zum Glück hatte ein rettender Balken das Automobil in seiner langsamen Kreisbewegung aufgehalten. Ich hörte oben die Stimme des Fürsten schmerzerfüllt aufschreien. Ich erblickte seine gestiefelten Beine, die sich verzweifelt über mir hin und her bewegten und ebenfalls von Öl trieften. Mit einem Male schwieg er. Zur selben Zeit erschien Ettore an meiner Seite und rief mir zu:
„Kommen Sie hier heraus!“
„Ich kann nicht!“ erwiderte ich.
„Aber so kommen Sie doch!“ wiederholte er angstvoll. — „Rasch! Wenn der Balken bricht, sind Sie tot!“
„Ich kann nicht!“ entgegnete ich. „Hilf mir, ziehe mich heraus!“
Er faßte mich energisch unter den Schultern und zog mich aus jener Enge hervor. Wir waren nun alle drei auf den Füßen, fragten einander und tauschten Ausdrücke höchster Befriedigung. Als wir die Lage des Automobils prüften, riefen wir:
„Es ist unglaublich! Wir sind wie durch ein Wunder gerettet!“
Fürst Borghese hatte sich, als das Automobil in die Tiefe stürzte, mit einem instinktiven Schwunge nach rückwärts gewandt und an einen Balken angeklammert; in dieser Stellung war er verblieben, bis die Maschine beim Umstürzen sich gerade gegen seinen Rücken lehnte. Er war zwischen dem Balken und dem Motorgehäuse eingeklemmt, zusammengepreßt, beinahe erstickt. In diesem Augenblicke hatte er den Schrei ausgestoßen, der mich veranlaßte, nach oben zu schauen. Mit jener Riesenkraft, die der Mensch in der Gefahr findet, hatte er einen Augenblick das Automobil heben und sich freimachen können. Er vermochte sich nicht mehr zu erinnern, wie er imstande war, sich von seinem Sitze zu erheben und sich an das Brett anzuklammern. Die Ereignisse dieses entscheidenden Augenblicks waren aus seinem Gedächtnis ausgelöscht. Das enge Zusammenpressen hatte ihm zwei starke Quetschungen an Rücken und Brust verursacht; wenn er tief Atem holte, empfander lebhaften Schmerz. In aller Ruhe sprach er seine Meinung dahin aus, daß einige der letzten Rippen an der linken Seite gebrochen seien. Ettore hatte nur eine Hautabschürfung davongetragen. Er war auf seinem Führerplatze geblieben und hatte sich an das Steuerrad festgeklammert, bis schließlich sein Kopf unten war und die Beine in die Luft ragten. Dann hatte er sich durch die Öffnung der Brücke nach unten fallen lassen. Als er sich umsah, hatte er mich in meiner gefährlichen Lage entdeckt und war zu meiner Rettung herbeigeeilt. Ich hatte mir beim Sturz Schäden zugezogen, deren Umfang ich nicht kannte; bei jeder Bewegung spürte ich einen Schmerz im Rücken, und es war mir nicht möglich, die Beine vollständig zu heben; sie versagten den Dienst; ich schleppte sie in kleinen Schritten vorwärts. Ich mußte mich später stützen lassen. Vierzehn Tage lang habe ich mich nur mit Anstrengung und mit schleichenden Schritten fortbewegen und jede Stufe nur mit Mühe und Seufzen ersteigen können. Während dieser Zeit glaubte ich meinen Reisegefährten zur Last zu fallen. Im Gesicht hatte ich mehrere Hautabschürfungen, von denen ich aber nicht weiß, wodurch sie hervorgerufen worden sind; ich erinnere mich nur, daß das Ölder Maschine sie mir vortrefflich geheilt hat. All diese Quetschungen konnten uns aber nichts von unserem Glücke rauben, dem Glücke, uns alle am Leben zu wissen.