Im Gebirge.Im Gebirge.
Im Gebirge.
Im Gebirge.
Es gibt in Peking eine uralte Verkehrseinrichtung, eine Art Privatpost, deren man sich bedient, um Gegenstände nach einem beliebigen Teile des Reiches zu befördern. Sie erfreut sich kaiserlicher Privilegien, besitzt Wagen, Pferde und hat Kulis und Karawanenführer in ihrem Solde. Der Fürst fragte bei ihr an, ob sie die Aufgabe übernehmen wolle, das Automobil nach Kalgan zu schaffen. Der Direktor des Unternehmens, ein langer Chinese, hager wie ein Pfahl, stellte sich in der italienischen Gesandtschaft ein, um den Ki-tscho in Augenschein zu nehmen. Ihm folgte eine Schar von Kulis, bewaffnet mit Achsen, mit Stangen, mit jenem ganzen kolossalen Apparate, dessen sich die Chinesen zum Transport ihrer schweren Sarkophage bedienen. Auf einen Wink des langen Chinesen stürzten sich diese Leute auf dasAutomobil, zum großen Verdruß Ettores, setzten ihren Leichenapparat in Tätigkeit und hoben den Wagen auf, um das Gewicht zu prüfen. Allein sie konnten keine zwei Schritte tun ohne zu schwanken, denn das Fahrzeug machte Miene, wieder auf die Erde zu kommen und riß einige der Leute mit zu Boden. Der Hagere erklärte, der Ki-tscho sei schwerer als ein Berg; es würde unmöglich sein, ihn hochzuheben; wenn aber der edle und verehrungswürdige Herr Po (Borghese) ihn um einige tausend Pfund leichter machen könne, so wäre es möglich, ihn mit Hilfe von 35 Mann und vier Maultieren fortzuschaffen.
Der edle und verehrungswürdige Herr Po willfahrte ihm. Das Automobil wurde um etwa 500 Kilo leichter gemacht, indem die Karosserie abgenommen und durch eine bescheidene Sitzgelegenheit ersetzt wurde, die sinnreich aus einer Packkiste hergestellt worden war. Auf den Tritten wurden die Werkzeugkasten untergebracht. An den Schutzwänden wurden die Spitzhacken und Spaten befestigt. Feste Stricke, dicke und dünne, fanden eine passende Unterkunft in der Sitzkiste, auf die eine Seegrasmatratze gelegt wurde, um sie ihrer neuen Bestimmung besser anzupassen. Das Automobil erschien gänzlich verändert. Seltsam, einfach und schlank, machte es in der Tat den Eindruck von Ungestüm und Entschlossenheit. Jede Spur von Luxus, von Bequemlichkeit war verschwunden, es hatte den letzten Anschein eines Dinges verloren, das zum Vergnügen gebaut worden war; es schien zum Angriff geboren, geplant, um gegen irgendeinen Feind mit dem ganzen Ungestüm seiner unsichtbaren Kräfte losgelassen zu werden. Seines Überflusses beraubt, hatte es eine neue Schönheit gewonnen: die Schönheit des Nackten. Auch die Spitzhacken, die Spaten, die Stricke verliehen ihm ein undefinierbares Etwas von Kühnheit. Es war in der Tat ein Pionierfahrzeug. Man begriff, daß es dazu bestimmt war, auf Wegen zu fahren, auf denen noch nie ein anderes gefahren war. Wir bewunderten es noch mehr, ohne zu wissen warum, und wiederholten immer und immer wieder: „Wie schön ist es doch!“
Es wurde vereinbart, daß die Kulis und die Maultiere uns in der Nähe von Nankou erwarten sollten. Für die französischen Automobile und den „Spyker“ wurde eine ähnliche Beförderung vorgesehen. Um die Arbeit der Chinesen zu überwachen, beorderte die französische Gesandtschaft einen Zug Soldaten, die des Landes kundig waren. Unsere Gesandtschaft schickte fünf Matrosen. Der Kommandant der italienischen Besatzung in Peking schenkte der „Itala“ eine kleine Flagge aus Wollenstoff, die sofort auf dem Automobil aufgepflanzt wurde. Es war unsere Kriegsflagge.
Wenn es schon in China noch Ungläubige gab, so mußten deren in Europa noch viel mehr sein! Ich habe einen Beweis davon an den Telegrammen, die ich erhielt und die „von der Wahrscheinlichkeit“ sprachen, „daß die Wettfahrt nicht stattfinde“. Ich antwortete, indem ich kurz die Vorbereitungen schilderte, und der Telegraph brachte mir getreulich das Echo eines unveränderten Skeptizismus zurück. Ich wurde unruhig; ich fürchtete in der Tat, man wisse in Europa mehr davon als ich. Ich eilte zum Fürsten.
„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn.
„Nichts.“
„Keine Verzögerung?“
„Keine.“
„Die Abfahrt findet am 10. statt?“
„Um 8 Uhr früh.“
Endlich sprachen wir nicht mehr vom 10., wir sprachen von „morgen“. Es war der Abend vor der Schlacht.
Die Züge von Tientsin brachten Offiziere, dort ansässige Europäer, Damen, Touristen. Sie brachten auch die Kapelle der französischen Besatzung, die sofort das Gesandtschaftsviertel mit musikalischen Harmonien zu überschütten begann. Ich brachte viele Stunden mit der schwierigen Aufgabe zu, ein Gepäckstück zurechtzumachen, das 15 Kilo wog und von allem etwas enthielt; die Boys des Gasthofs unterstützten mich bei dieser Riesenarbeit. Inzwischen wurden für dieGesandtschaften und die Gasthöfe die letzten Weisungen erteilt: „Versammlung 7 Uhr 30 Minuten vormittags im Hofe der französischen Kaserne Voyron. Abfahrt um 8 Uhr. Ausfahrt aus Peking durch das Doschmen-Tor (eines der Tore im Norden der Stadt).“ Ich eilte zu den wichtigsten Behörden und den hohen Beamten der Kaiserlichen Telegraphenverwaltung, um den telegraphischen Dienst zu organisieren. Dort traf ich einige brave chinesische Jünglinge an, voll ruhiger Bereitwilligkeit, mit denen ich bei einigen Tassen Tee bald einig wurde. Die Telegraphenämter der Mongolei würden bereit sein, meine Depeschen zu befördern. Abends war Abschiedsessen mit großer Kneiperei. Das Haupt der Pekinger Polizei, ein würdevoller Mandarin, stellte sich auf Befehl des Hofes dem Fürsten vor, um ihn zu fragen, welchen Weg wir im Innern der Stadt nehmen würden, damit ein Ordnungsdienst eingerichtet und die Straße gesprengt werden könnte. Bald nach seiner Ankunft ließ uns der Wai-wu-pu auch unsere Pässe zustellen. Welch wunderbarer Umschwung hatte sich im Geiste jener erlauchten Versammlung vollzogen?
In dem feierlichen Schweigen der Pekinger Nacht, das kaum durch das Schlagen des Tamtams unterbrochen wurde, das sich alle Stunden näherte und entfernte und das Vorüberziehen einer Polizeironde anzeigte, in diesem ernsten Schweigen, das von Zeit zu Zeit aus der Ferne einen geheimnisvollen Gongton herüberschallen ließ, lag ich aufgeregt und schlaflos; ich litt in der Tat unter einem Gefühl des Zweifels. Ich empfand wieder die Atmosphäre Pekings, und die Wettfahrt erschien mir wie ein Traum. Alles Vorgefallene nahm mit einem Schlage in meinem Geiste die Gestalt des Unwahrscheinlichen an. Das Vorhandensein eines Automobils in Peking schien mir unsinniger als das einer Sänfte auf der London Bridge. Empfinden, daß man in Peking ist, heißt, sich um Jahrtausende zurückgeschleudert fühlen, in ein weit entferntes, unveränderliches Leben. Jene tausendjährige Zivilisation hat den Gipfel ihrer Vollkommenheit erreicht und will ihn behaupten, indem sie stehenbleibt. Ein einziges Ding nurschreitet fort: die Zeit. Eine Art Erstarrung schwebt in der Luft, die dich bis zu einem gewissen Grade packt und überwältigt. Es gibt keinen Europäer, der bei längerem Aufenthalte hier im Geiste nicht etwas Chinese wird. Dieses Vergessen der Gegenwart wird vielleicht mit dem feinen Staube eingeatmet, der hier von so vielen altertümlichen Dingen herabrieselt. Auf einer Fahrt durch die Straßen von Peking und von China vermochte ich mir unsere „Itala“ nicht vorzustellen. „Um 8 Uhr Abfahrt!“ Leere Worte! Um 8 Uhr wird das Automobil unbeweglich stehengeblieben sein, und die künftigen Jahrhunderte werden es unbeweglich an derselben Stelle finden, verwandelt in ein chinesisches Monument gleich jenen kolossalen Schildkröten aus Stein, die man auf den Tempelhöfen erblickt, als Schmuck und Symbol. —
Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.
Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.
Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.
Grau, bewölkt brach der Tag an, ein grämlicher Tag. Bis zum vorhergehenden Abend hatte sich das Wetter schön gehalten, in der Nacht aber schien es, als hätten die chinesischen Gottheiten den sofortigen Beginn der gefürchteten Regenzeit beschlossen.
„Wird es regnen?“ fragte ich den Boy, der mich wecken gekommen war.
Er betrachtete die Wolken.
„Ja, Herr,“ erwiderte er, ohne zu zögern, „es wird schon morgen früh regnen.“
„Und später?“
„Auch später.“
Ich überbrachte diese Prophezeiung dem Fürsten. Die „Itala“ stand schon reisefertig vor der Villa des Gesandten. Ettore hatte hier noch einen Knoten zu knüpfen, dort einen Strick fester anzuziehen und ging mit großen Schritten um das Fahrzeug herum, mit einem blinkenden Paar Wasserstiefel angetan. Um 7 Uhr waren die Matrosen der Bedeckung auf der Eisenbahn nach Nankou befördert worden, und am Abend vorher hatten zwei Wagen mit unserem Gepäck und der abgehobenen Karosserie Peking unter der Aufsicht des Ma-fu, Pietro, des Reitknechts der Gesandtschaft, verlassen.
Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.
Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.
Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.
Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Stunde zu erwarten, zu der wir uns auf den Weg machen konnten — eine ermüdende Beschäftigung. Es schien, als brauchten die Zeiger der Uhr Stunden, um fünf Minuten zu durchlaufen. Inzwischen wechselten wir Worte der Begrüßung und drückten uns die Hände. Unsere tapferen,sympathischen Offiziere waren zur Stelle, wünschten uns Glück zur Fahrt und strichen mit ermutigenden Gebärden über das Fahrzeug, als sei es ein Pferd. Ein Kapuzinerpater mit dem offenen, ehrlichen Gesicht eines Soldaten kam in Eile an, über und über glühend vor Begeisterung, und sprach Segensworte zu uns. Es war der Kaplan der italienischen Besatzung und der Gesandtschaft.
Abfahrt der „Itala“ aus Peking.Abfahrt der „Itala“ aus Peking.
Abfahrt der „Itala“ aus Peking.
Abfahrt der „Itala“ aus Peking.
7½ Uhr! Ein Karabiniere kommt von der Straße herein und meldet: „Die Franzosen sind bereits in der Kaserne.“
„Auf die Maschine!“ ruft der Fürst, der damit das Kommando über die kleine Expedition übernimmt.
Auf dem Automobil drängen wir uns zu fünf Personen zusammen. Die Fürstin Anna Maria — auch sie eine unerschrockene und kühne Reisende, die ihren Gatten nach Persien begleitet hatte und von der Don Scipione sagt, sie liebe das Reisen so leidenschaftlich, daß sie, um zu reisen, sogar die Eisenbahn benutzen würde —, Don Livio Borghese, der italienische Geschäftsträger, ein ebenso sympathischer und liebenswürdiger Herr als kenntnisreicher und gewandter Diplomat, Fürst Scipione, ich und Ettore. Don Livio und die Fürstin verlassen uns am ersten Haltepunkt, in Nankou.
Ich weiß nicht, durch welches Wunder der Willenskraft und der Äquilibristik wir uns zu vieren auf der zur Würde eines Sitzes erhobenen Gepäckkiste halten können. Wir halten uns an den Stricken, an den Schutzwänden, und wie unsichere Reiter messen wir mit den Augen die Entfernung bis zur Erde. Ettore hat die Kurbel des Motors gedreht und sich auf den Benzinbehälter gekauert, mitten in ein Ersatzpneumatik hinein; er gleicht einem an einem Rettungsring befestigten Schiffbrüchigen. Der Motor summt. Der Fürst, der das Steuerrad hält, fragt:
„Fertig?“
„Ja, fertig.“ Das Automobil gleitet lautlos über den Sand des Gartenweges.
„Viel Glück!“ ruft man uns zu.
„Adieu!“
Am Gitter der Gesandtschaft steht die gesamte Wache und salutiert. Der Posten präsentiert das Gewehr. Wir sind auf der Straße. Welch ungewohnte Lebendigkeit im Diplomatenviertel, das in der Regel bis zehn Uhr schläft! Alle Rikschas von Peking sind im Dienst und führen, von allen Seiten herbeieilend, eine vornehme Schar von Damen und Herren heran. Vor der Kaserne Voyron staut sich eine Menge Chinesen, untermischt mit Soldaten jeder Nationalität. Flaggenschmuck ziert die Mauern, und grüne Laubgewinde ziehen sich um die Flaggen. Ein Vorhang spannt sich quer über die Straße; auf ihm steht geschrieben:„Bon voyage!“ „Bon voyage!“ist der Gruß, der uns aus jedem Munde entgegentönt. Ein Unbedachtsamer ruft: „Au revoir, auf Wiedersehen!“ — die Menge lacht.
Der Hof der Kaserne ist gedrängt voll. Man hätte an das Abwiegen bei einem Pferderennen an einem Grand Prix-Tage denken können. Alle Fremden hatten sich hier ein Stelldichein gegeben. Die wenigen Europäer und Amerikaner, die über die entferntesten Teile von Tschili zerstreut leben, fanden sich an diesem Punkte zusammen. Es war die Seele unserer Rassen, die innerhalb dieser Mauern ihre Schwingen regte. Jedermann, welcher Nationalität er auch angehören mochte, empfand Stolz über das Ereignis, das ihn zu erscheinen veranlaßt hatte. Es war eine Art Solidarität der Kultur, der Erziehung, des Instinkts. Man muß sich in der Ferne befinden, allein mitten in einer andern Zivilisation, um die Verbrüderung der eigenen Zivilisation zu bekunden. Man feierte ein abendländisches Fest im Herzen von Peking.
Unter das Personal der Banken, der Handelshäuser, unter die Bevollmächtigten der Syndikate mischten sich einträchtig die Angehörigen der Gesandtschaften, Damen, Offiziere, Gesandte. Die Gesandten von Frankreich, Holland, Österreich, Rußland tauschten Grüße in allen Sprachen aus. Ein würdig aussehender alter kleiner Herr mit charakteristischem weißem Bärtchen, das ihm etwas Chinesischesgab, mit lebhaftem, energischem, durchdringendem Blick drängte sich durch die Menge, die ihn achtungsvoll grüßte und halblaut sagte: „Auch Sir Robert ist hier?“ Es war Sir Robert Hart, der große Volkswirt.
Jetzt hält eine Sänfte an der Kasernenpforte, und heraus steigt ein junger Würdenträger, der Mandarin Kwo, einer der Sekretäre des Wai-wu-pu, der sich endlich daran erinnert hat, daß er von Paris aus zum Mitglied eines nur in der Idee bestehenden „chinesischen Komitees für die Wettfahrt Peking–Paris“ ernannt worden war. Er vertrat die Kaiserliche Regierung bei der Feier, indem er sich höflich nach allen Seiten verneigte und den Abreisenden sowie den andern fortwährend wiederholte:„Good bye, good bye!“
Die „Itala“ wartete draußen auf der Straße. Auf dem Hofe, den eine Menge Neugieriger erfüllte, standen die beiden „de Dion-Bouton“, der „Contal“ und der „Spyker“ in voller Reiseausrüstung. Die französischen Fahrzeuge waren grau gestrichen, das holländische weiß, rot und schwarz gestreift — alle bedeckt mit großen Inschriften, die die Reiseroute, die Entfernungen usw. angaben. Eine große alte chinesische Kanone in der Nähe der Automobile, die die Franzosen zur Zeit der Belagerung der Gesandtschaften erobert hatten und die die Kaserne zieren mußte, bot einen seltsamen Gegensatz. Aber bei dieser Gelegenheit hatte sich die alte Kanone ebenfalls mit Flaggen und grünem Laube geschmückt und schien an dem Feste teilzunehmen. Auch sie hatte sich milder stimmen lassen, wie der Wai-wu-pu. Die Kapelle spielte Militärmärsche, während die Teilnehmer an der Fahrt die angenehme Formalität erfüllten, aus den Händen eines Vertreters der Russisch-Chinesischen Bank die hinterlegte Summe von je 2000 Fr., die sie in Paris für die Einschreibung eingezahlt hatten, zurückzuerhalten. Du Taillis bewegte sich allein in der Menge, und sein ausdrucksvolles Gesicht trug die Spuren einer tiefen Bewegung.
Jetzt ist es Zeit!
Die Führer und die Mechaniker begeben sich zu ihren Fahrzeugen. Die Motore surren, und aus den Auspuffern strömen dichte Rauchwolken. Die Menge wird lauter. Viele Offiziere, die zu Pferde gekommen sind, steigen in den Sattel. Hunderte von photographischen Apparaten richten sich auf uns. Wir Italiener beeilen uns, von neuem die „Itala“ zu besteigen, die erzitternd ächzt, als brenne sie vor Ungeduld, die rasende Fahrt zu beginnen. Die übrigen Automobile fahren zum Kasernenhofe hinaus.
Es ist keine bestimmte Reihenfolge für die Abfahrt festgesetzt; der Zufall läßt uns auf der Straße folgende Ordnung einnehmen: „de Dion-Bouton“, geführt von Cormier, „Spyker“, geführt von Godard, „Itala“, „de Dion-Bouton“, geführt von Colignon, „Contal“, geführt von Pons. Die Automobile stehen noch still und erwarten das Zeichen zur Abfahrt. Die Kapelle marschiert aus der Kaserne heraus und stellt sich als Ehrengeleit an die Spitze des Zuges. Die Menge umringt uns und bricht in begeisterte Jubelrufe aus. Eine elegante Dame, Madame Boissonnas, die Gattin des Ersten Sekretärs der französischen Gesandtschaft, übernimmt mit Anmut das Amt des Starters.
Sie hebt die Flagge.
Ein Augenblick der Stille folgt in der Menge, nur das Sausen der Motore läßt sich vernehmen. Der Rauch umgibt uns in langgezogenen Streifen und trennt uns von den Umstehenden.
Die Flagge senkt sich.
Ein Krachen von Petarden und Mörsern bricht los. Wir bewegen uns mitten in diesem Schlachtgetöse. Wir fahren ab.
Die Musik marschiert vor uns her und läßt die feurigen Klänge eines Kriegsliedes ertönen. Wir fahren im Schritt. Die Offiziere zu Pferde eskortieren uns zu beiden Seiten. Die Menge folgt uns lärmend und schwenkt Taschentücher und Hüte. Wir hören unsere Namen, von den Stimmen unserer Freunde gerufen.
Wir fahren durch die Straße, an der die österreichische Gesandtschaft liegt und die zu beiden Seiten von hohen Mauern vonklösterlichem Aussehen eingefaßt ist, schnurgerade wie ein Weg auf dem Exerzierplatze. Wir erhalten vereinzelte Grüße von den Wachttruppen, und die Schildwachen lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen. Wir biegen um die Ecke der italienischen Gesandtschaft und gelangen damit aus dem Diplomatenviertel heraus auf die breite Allee, die dieses von der Eingeborenenstadt trennt.
Als unser Automobil in der Allee erscheint, bricht ein fürchterliches Geschrei aus. Die Außenmauer der italienischen Gesandtschaft ist dicht von unseren Matrosen besetzt, die stehend, als befänden sie sich auf den Rahen ihrer Schiffe, uns ein dreifaches Hurra zum Gruße zujubeln.
Wir fühlen einen seltsamen Drang in uns; wir haben die Empfindung, als könnten wir mit einem Rufe antworten, der weit lauter ertöne als der ihre, als könnten wir die mächtige Stimme unserer Erregung über die ganze unermeßliche Stadt hin erschallen lassen; wir können aber nichts weiter tun, als schweigend den Hut ziehen. Und unser Blick durchläuft mit liebevollem Erfassen jene hochherzige, tapfere Schar, die uns von der Höhe der Mauern herab zujubelt, von denen sie vielleicht eines Tages zum Kampf heruntersteigen muß.
Die Kapelle hört auf zu spielen und tritt beiseite. Die lärmenden Begrüßungen schweigen. Nichts hält uns mehr auf. „Vorwärts? — Vorwärts!“ rufen die Führer, und die Automobile steigern allmählich ihre Geschwindigkeit. Die Motore stimmen einen höheren Ton an. Hinter uns setzen sich die berittenen Offiziere in Galopp, aber die Entfernung vergrößert sich, und wir verlieren sie aus den Augen.
Auf der Straße, die schwarz ist von chinesischen Soldaten, zwischen zwei Reihen einer stumm dastehenden Bevölkerung sind nur noch die fünf Automobile zu sehen, die sich hintereinander durch die Hauptstadt des Himmlischen Reiches mit einer Schnelligkeit bewegen, die dort noch nie gesehen worden ist und vielleicht auch nie mehr gesehen werden wird!
Zur Großen Mauer.
Die Weisheit der Unwissenheit. — Auf den Brücken von Kambaluk. — Unsere Kulis. — In Nankou. — Das heilige Tal. — Die Große Mauer in Sicht.
Eine Polizeiverordnung hatte genügt, um den gewaltigen, vielgestaltigen Verkehr Pekings auf unserem ganzen Wege von acht Kilometer Länge zum Stillstand zu bringen. Die rohen zweirädrigen Wagen, das öffentliche Verkehrsmittel der Stadt, warteten zur Seite und stauten sich an den Kreuzungen und Mündungen der großen Seitenstraßen. Die Menge, an Zucht und Gehorsam gewöhnt, stand längs der endlosen Zeilen niedriger Gebäude und elender Hütten, von denen die Hauptverkehrsadern Pekings eingefaßt werden, in Reihen aufgestellt, mit dem Rücken an die schwarzen, rauchigen Schenken gelehnt, aus denen ein warmer Knoblauchgeruch den Vorübergehenden entgegenschlug; sie drängte sich auf den Schwellen der Kramläden mit ihren Fassaden aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holz, von denen herab eigenartige Schilder, Drachen, Fransen von roter Seide, lackierte Tafeln mit Goldbuchstaben in die Straße hineinhängen: kurz jener ganze kennzeichnende Wirrwarr von Farben und Formen, der die chinesischen Geschäfte wie zu einem täglichen Feste schmückt, ein Wirrwarr, der sich unter lautem Geräusch bewegt, schaukelt und hin und her schwankt.
Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.
Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.
Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe von der Volksmenge studiert.
Auf den Straßen befand sich die gewohnte kaufende und handeltreibende Bevölkerung, sorglos und von malerischem Aussehen, wie sie sich alle Tage einfindet, nicht eine Menge, die eigens zu dem Zwecke gekommen war, um uns zu sehen. Das Schauspiel einer Automobilfahrt ließ die guten Pekinger völlig kalt. Es waren Zuschauer ohne Neugier und ohne Feindseligkeit. Viele würdigten uns kaum eines Blickes. Es schien, als hätten sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen. Wir empfanden beinahe ein Gefühl der Demütigung darüber. Wir hatten erwartet, in der Bevölkerung die Äußerungen größten Staunens hervorzurufen, statt dessen bemerkten wir nur Äußerungen einer erhabenen Gleichgültigkeit. Die Wunder unserer Zivilisation genießen nicht einmal die Ehre, die Aufmerksamkeit eines chinesischen Straßenjungen zu erregen. Es gibt nichts Europäisches, das einen Sohn des Himmels überraschen könnte. Es herrscht dort draußen die Ansicht, daß wir Zauberkräfte besitzen, geheimnisvolle Eigenschaften, mittels deren wir Organismen von Stahl, die zu jeder Arbeit fähig sind, beleben können; die Sachegeht mit natürlichen Dingen zu, und es ist also nichts zum Verwundern dabei.
Es gibt zwei Klassen in der Welt, die nichts bewundern: die großen Gelehrten, die alles kennen, und die gänzlich Unwissenden, für die alles ein Geheimnis ist. Der völlig Unwissende findet alles unerklärlich; alles übersteigt sein Fassungsvermögen, nichts setzt ihn in Erstaunen, weil alles ihn in Erstaunen setzen müßte. So ist der Chinese. Er besitzt die gemächliche Philosophie der Unkenntnis, erfreut sich des heiteren Friedens der Unwissenheit und hat darin das wahre Geheimnis des Glückes gefunden. —
Wir sind durch ein Labyrinth von Gäßchen rasch auf die Nordseite der Kaiserstadt gelangt. Chinesische Polizisten in ihrer mit weißen Inschriften bedeckten Jacke und den Strohhut elegant auf dem zu einem Chignon gewickelten Zopfe tragend, zeigten uns mit der Spitze ihres langen Stabes den richtigen Weg. Oben bemerkten wir einen Augenblick in der Ferne die gelbe Umfassungsmauer der Kaiserstadt, die zierlichen Pagoden des Mei-schan, des „Kohlenbergs“, eines Berges, den die Laune eines Kaisers in seinem Garten errichtet hatte, um von da aus die ganze Stadt zu beherrschen. Und bald darauf befinden wir uns unter den gewaltigen Außenmauern, unter den riesenhaften, drohenden Bastionen des Doschmen, die von einem jener hohen, die Tore Pekings verteidigenden Kastelle überragt werden. Dieser Bau, halb Festung, halb Tempel, öffnet gegen die Ebene die dreifache Reihe seiner Schießscharten, die ihn wie die Breitseite einer alten Fregatte erscheinen lassen. Im Torwege müssen wir langsam fahren wegen des holprigen Pflasters, das von der Zeit mitgenommen und von den Rädern der Wagen tief ausgefahren ist, eines Pflasters, welches an das in Pompeji erinnert. Um uns her lärmt das Leben der Vorstädte, elend, heiter, sorglos.
Jetzt beginnt die Landstraße, die sich zwischen prächtigen Gärten hinzieht, aus denen Bäume herüberragen, gleich als ob sie den Vorübergehenden Schatten und Früchte bieten wollten. Die Automobile,die uns vorausfahren, ein „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“, halten. Wir tun dasselbe. Fürst Borghese wird ersucht, vorzufahren.
Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.
Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.
Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von italienischen Matrosen.
Die „Itala“ setzt sich in Bewegung, und bald entschwindet infolge der Unebenheit des Geländes und der dichtstehenden Bäume Peking unseren Blicken.
Jetzt erst kommt es uns in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Unsere Abfahrt hatte sich verzögert: es ist 9 Uhr 25 Minuten. —
Der Weg schlängelte sich nach Norden, sandig, unregelmäßig, von Zeit zu Zeit von Bächen unterbrochen. Bald waren diese breit wie ein Flußbett, bald von dem Grün der Felder überwuchert, bald verloren sie sich in dichten Hainen, deren alte Bäume Gräber und heilige Inschriften überschatten, die auf große, aus dem hohen Grase emporragende Steine eingemeißelt sind. Wir fuhren nicht rasch. Das Automobil stieß, schwankte; es mußte abwärts, aufwärts und in schiefer Haltung fahren infolge der leichten Unebenheiten und der wellenförmigen Beschaffenheit des Geländes; es durchschnitt den Sand mit den Bewegungen einer Katze.
„Diese bestienartigen Bewegungen gefallen mir“, rief Don Livio.
Aber die Bestie schien uns mehr als einmal von unseren Sitzen herabwerfen zu wollen, so daß wir uns mit aller Kraft festhalten mußten. Zwischen unseren Füßen sahen wir die durch nichts verdeckte Kardanwelle sich mit wirbelnder Geschwindigkeit um sich selbst drehen; wir befanden uns in unmittelbarer Berührung mit der Maschine, und unter uns flog die Straße in verwirrendem Anblick hinweg, dem schwindelerregenden Abwickeln eines Bandes vergleichbar. Das Geschwindigkeitsgetriebe fegte mit seiner rasenden Schnelligkeit, die einen musikalischen Ton erzeugt, über den Boden und wirbelte den Staub auf, der in Wolken zwischen den Achsen, den Transmissionen aufstieg und uns von unten her umringte und einhüllte.
Man konnte nicht rasch fahren, und der Motor erhitzte sich. Das Automobil ist wie eines jener feurigen, lebhaften Rosse, die, wenn sie durch den Zügel zurückgehalten werden, schwitzen, schnaubenund sich unbehaglich fühlen, und die, wenn man sie Galopp gehen läßt, sich zu erholen scheinen. Außerdem hatte der Motor mit dem Widerstande des Sandes zu kämpfen. Wie ein Hauch entströmte der Dampf zischend dem Verschluß des Auspuffs. Wir mußten halten und frisches Wasser auffüllen. Wir baten die Landleute darum, und sie holten es uns aus den zahlreichen Brunnen in der Nähe ihrer Lehmhäuschen, der armseligen Wohnungen des chinesischen platten Landes, die sich in den Schatten hoher Bäume schmiegen, wie um Schutz zu suchen, und die, umgeben von der Arbeit und dem Segen der Felder, einen so beneidenswerten Eindruck von Zufriedenheit und Ruhe machen. Mit Eimern, die sie an Stangen im Gleichgewicht trugen, kamen die Landleute herbei, ohne dem Automobil mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als wenn es von einem Maultiere gezogen worden wäre.
Wir durchfuhren schmutzige, lärmende Dörfer, die von einer halbnackten Bevölkerung wimmelten; die Sommerkleidung des armen Chinesen besteht oft nur aus einem Paar Beinkleidern und einem Fächer. Wir fragten im Vorbeifahren nach dem Namen des Landstriches, um sicher zu sein, daß wir keinen falschen Weg einschlugen.
„Ist dies Örr-li-tien?“
Die Leute verneigten sich zum Zeichen der Bejahung und bestätigten mit naiver Freude, daß sie unsere Frage verstanden hatten, indem sie mit dem geschlossenen Fächer auf die flache Hand schlugen. Wir fragten weiter:
„Wie weit ist Tsing-ho-pu entfernt?“
Dies ist keine Erkundigung, auf die man in China nur eine einzige Antwort erhalten kann.
„Fünf Li“ (1 Li = 442 Meter), rief uns ein alter Mann zu, indem er uns die fünf Finger seiner ausgestreckten Hand zeigte.
Einer der Nebenstehenden hob jedoch mit derselben Mimik nur drei Finger in die Höhe. Und ein anderer rief in überzeugtem Tone:
„Acht Li!“
„Drei, fünf oder acht?“ fragten wir, mit einer gewissen Ungeduld das Automobil anhaltend.
Unsere Gewährsmänner traten aus Vorsicht einen Schritt zurück und wünschten uns mit einem höflichen Lächeln glückliche Reise.
Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.
Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.
Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.
Am Flusse Tsing-ho begegneten wir der ersten Schwierigkeit. Die alte Brücke, die über ihn führt, war für das Automobil fast ungangbar. Wir suchten eine Furt, wir durchstreiften das Ufer nach allen Richtungen in der Hoffnung, die Spuren einer Übergangsstelle zu entdecken. Nichts, es gibt nur einen Weg, und der führt über die Brücke.
Es ist eine monumentale Brücke, eine von jenen, die die europäische Überlieferung auf die Tätigkeit Marco Polos im 13. Jahrhundert zurückführt, die aber vielleicht nicht älter ist als die von 1368 bis 1644 herrschende Mingdynastie, ein herrliches Kunstwerk, ganz aus Marmor. Die mit Reliefs geschmückten Brüstungen, von einer Zierlichkeit, die etwas Europäisches an sich hat und die die Überlieferung rechtfertigen könnte, verbinden in anmutigem Schwungedie beiden Ufer. Sie bilden einen Bogen von einzigartiger Formenfülle, ein weißschimmerndes Gerüst, einen stolzen Übergang, der sich einsam mitten in der unberührten Rauheit eines Landes erhebt, das seine alte Leidenschaft für das Schöne und Große vergessen hat. Riesige Marmortafeln bilden das Pflaster der Brücke; aber der Verkehr hat sie abgenutzt und zerbrochen, die Zeit hat ihren Zusammenhang gelockert. Es hat den Anschein, als habe eine langsame Erdbewegung im Laufe der Jahrhunderte diese Steinplatten aus ihrer Lage gebracht, indem sie sie wie Grabplatten emporzuheben suchte. Man möchte sagen, die Brücke sei nie mehr von den Händen eines Künstlers oder Handwerkers berührt worden, seit Peking Chan-baligh, „Stadt des Chan“, hieß, und Marco Polo sie Kambaluk nannte. Mit welcher Liebe für die Geschichte und die Kunst hätten wir diese Reliquie betrachtet, wenn wir sie nicht mit einem Automobil von 50 Pferdekräften und 1500 Kilogramm Gewicht hätten überschreiten müssen!
Nun aber sind die Anfahrtsböschungen zu der Brücke verschwunden, weggeschwemmt von den Hochwassern, zerfressen von den Regengüssen, Stück für Stück entfernt durch den Übergang von Millionen von Menschen, von dem Strome der Menschheit, der sich vielleicht 600 Jahre lang über jene Marmorplatten ergossen hat. Und jetzt gelangt man zur Brücke auf steilen Pfaden, auf denen wankende Steine hohe Stufen bilden. Beinahe das ganze Niveau der Ebene ringsum hat infolge von Überschwemmungen sich gesenkt, und nur die Brücke ist stehengeblieben zum Zeugnis der Höhe, bis zu welcher sich das chinesische Land erhob, als noch der ruhmreiche Kublai Chan herrschte.
Sollen wir unsere Kulis suchen lassen, sollen wir unseren Wagen von ihnen mit Seilen über die Grabplatten der Brücke ziehen lassen? Der Fürst will nicht so bald vor dem Hindernis zurückweichen, er geht rundherum, beobachtet, studiert und macht Punkte ausfindig, auf denen es den Rädern möglich ist durchzukommen. Die Schutzwände, auf die wir uns so viel zugute taten, werden abgenommen undauf die Stufen gelegt, um als Fahrgeleise zu dienen. Ettore, der Befehle gewärtig, ergreift das Lenkrad, läßt die Maschine 50 Meter zurückgehen und wartet. Es beginnt zu regnen, und die nassen Steine glänzen.
„Vorwärts!“ kommandiert der Fürst und befiehlt: „Hierher mit dem rechten Rad! Achtung!“
Die „Itala“ nimmt einen Anlauf, erklimmt mühsam die steile Böschung und gelangt mit den Vorderrädern auf die Schutzwände. Aber der Regen hat die Bretter und die Steine schlüpfrig gemacht; das Automobil gleitet zurück; die schweren Schutzwände werden unter dem Drucke der Pneumatiks mit Gewalt beiseite geschleudert; es geht ihnen so wie dem Kirschkern, der durch den Druck der Finger fortgeschnellt wird. Und die Maschine bleibt wieder unbeweglich stehen. Man muß es von neuem versuchen. Die „Itala“ fährt zurück. Wir beeilen uns, die Schutzwände wieder an ihre Stelle zu bringen, aber Ettore ruft:
„Versuchen wir es ohne Unterlage!“
Er nimmt zum zweitenmal einen Anlauf. Der Wagen gelangt stolpernd bis an die Steine. Nach einem Augenblick des Zögerns heben sich die Vorderräder auf die Brückenfläche. Aber das Automobil hat sich festgerannt; die Hinterräder drehen sich mit rasender Geschwindigkeit an den ungefügen Stufen, ohne daß es ihnen gelingt, hinauszukommen. Sie wirbeln mit furchtbarer Schnelligkeit um sich selbst und schlagen mit den die Reifen festhaltenden Nägeln dermaßen gegen die Steine, daß die Funkengarben umhersprühen. Ettore steigert mit Unterbrechungen die Geschwindigkeit des Motors, der in ein beängstigendes Heulen ausbricht und unter heftigem Stöhnen ganze Wolken von dichten, weißen, scharfriechenden Dämpfen ausspeit. Wir eilen mitten in diese Dämpfe hinein, um die Maschine mit allen Kräften vorwärts zu stoßen; der glühende Hauch des Auspuffs wälzt sich uns um die Beine. Unsere Mühe ist vergeblich, wir ziehen uns entmutigt zurück.
Das Automobil, das sicherlich seinen Teil Eigenliebe besitzt, wollte allein über die Schwierigkeiten Herr werden. Mit einem Male beginnen die Räder zu greifen, sie halten einen Augenblick inne, wie um ihre Kraft zu sammeln, und steigen langsam, langsam nach oben. Sie überwinden die erste, die höchste Stufe, sodann die übrigen. Schließlich erklimmt die Maschine die Marmorplatten und bleibt hier stehen, um sich einige Minuten auszuruhen. Dann unternimmt sie mit dem Schritte einer Ameise den schwierigen Übergang zwischen all jenen aus den Fugen geratenen Steinen, wobei sie ab und zu stehenbleibt, um die nur eine Hand breiten Fahrbahnen zu erspähen, nach einer Art des Weiterkommens suchend, bei der nicht mehr als ein Rad in die Furchen einsinkt oder zwischen den Fugen eingeklemmt wird. Das Automobil taumelt ungeschickt, langsam von einer Seite zur andern, schwankt auf und nieder, geht mitunter einen Schritt zurück, um die Richtung zu ändern; es hat ganz das Aufsehen einer riesigen Schildkröte, mit dem weiten Panzer, der fast den Boden berührt, und den vier einzelnen starken und vorsichtigen Tatzen.
Der Abstieg auf der andern Seite ist leicht, aber voller Interesse. Es ist das erstemal, daß ich ein Automobil bei einer solchen Arbeit erblicke. Der gewaltige Apparat, der für rasende Fahrten, für unerhörte Geschwindigkeiten berechnet ist, steigt hier die Stufen einer Treppe mit der zaghaften Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes hinab. Das Ungeheuer bietet all seine Kraft auf, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Es scheint, als bemerke es die Gefahr, als schätze es die Höhenverhältnisse ab; es bewegt seine Räder mit unendlicher Vorsicht, setzt sie leise auf die unteren Stufen, ohne einen Ruck, ohne einen Stoß; es steigt herab wie ein riesengroßes denkendes Wesen, das es versteht, sein Können in den Dienst der Klugheit zu stellen. Es braucht Minuten, um einen Meter zurückzulegen, bevor es freien Weg vor sich erblickt. Dann mit einem Male schießt es wie in einem Übermaß von Freude davon, und es hat den Anschein, als könne es nicht mehr stehenbleiben, während wir hinter ihm herlaufen und ihm zurufen:
„He, halt! Heda, halt!“
Wir nahmen die Fahrt auf dem Landwege wieder auf, während ein feiner, durchdringender Regen niederströmte, der allmählich Schmutz erzeugte und Pfützen und bescheidene Seen schuf. Wir fuhren über ländliche Brücken, ähnlich denen, die die reichen Chinesen in ihren Gärten zur Zierde anzubringen lieben, eilten über Fußwege, die sich zwischen hohen grasbewachsenen Dämmen hindurchschlängelten, die mit Weiden bestanden waren; ihre herabhängenden Zweige berührten unsere Köpfe. Die Mannigfaltigkeit der Landschaft kündigte uns die Nähe von Hügeln an, die Grenze der großen Pekinger Ebene, jenes grünen Meeres, in welchem die Haine, hinter denen sich die Dörfer verstecken, wie Inseln erscheinen. In der Ferne erblickten wir schon eine oder die andere blaßblaue Anhöhe, überragt von dem charakteristischen Profil einer Pagode.
Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.
Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.
Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.
Unvermutet sahen wir vor uns die Marmorbalustrade einer zweiten antiken Brücke schimmern, die über den Schi-kiau-ho führte und noch größer war als die erste. Wir stiegen vom Wagen und machten unserem Groll gegen die Pracht von Kambaluk Luft. DasManöver des Aufstiegs auf die Brücke und ihrer Überwindung begann von neuem. Zum Glück hatte sich das Automobil schon eine gewisse Übung im Klettern erworben, und in 20 Minuten konnte es seinen archäologischen Übergang auf das linke Ufer des Flusses bewerkstelligen.
Hier sahen wir uns von einer Menge Chinesen umringt, die seltsame Mützen trugen und uns freundlich begrüßten. Wir baten um frisches Wasser; es wurde uns in Eimern, in Töpfen, in Teekesseln gebracht. Ein schöner alter Mann von tatarischem Gesichtsschnitt lud uns freundlich ein, den Tee in seinem Hause einzunehmen. Er war ganz betrübt, als wir ablehnten. Er versicherte uns, er sei unser Freund. Alle jene Leute waren unsere Freunde. Weshalb? Die Erklärung für dies Gefühl der Sympathie erhielten wir, als sie uns unter den Bäumen mit einem gewissen Stolze ihre Moschee zeigten. Es waren mohammedanische Chinesen; der alte Mann war ihr Oberhaupt und Priester. Die mohammedanischen Chinesen fühlen sich durch ihre Religion uns näher verwandt als ihren Landsleuten. Sie wissen, daß die Grundlage unseres Glaubens das Alte Testament ist, und sie glauben an dasselbe Alte Testament, das zu ihnen auf dem Wege über Turkestan gekommen ist, unterwegs ein wenig verändert, bei der Ankunft ein wenig chinesisch geworden, aber dem wesentlichen Inhalte nach unangetastet.
Wir entboten dem ehrwürdigen Priester einen Gruß auf arabisch — in seiner heiligen Sprache — und entflohen eiligst, an unseren Wagen geklammert, während er und sein Volk uns regungslos nachblickten, verzückt, wie vor einer biblischen Erscheinung.
Es dauerte nicht allzulange, bis wir am Horizont in unbestimmten Umrissen und bleichen Farben die seltsam geformten Gipfel der Berge von Kalgan erblickten. Rings um uns herum erhoben sich kahle Hügel und schlossen uns ein. Zu unserer Rechten öffnete sich jenes wundervolle Amphitheater von Bergen in regelmäßigen und feierlichen Formen, in dem die Kaiser der Mingdynastie ihre letzteRuhestätte haben. Es gibt in der ganzen Welt keinen großartigeren fürstlichen Friedhof. Es sind nicht die Tempel, die Bogen, die riesenhaften Denkmäler, die so überwältigend wirken, es ist die Örtlichkeit selbst. Ein unfruchtbares und unzugängliches Tal von der ganzen unsagbaren Majestät einer Grabstätte erfüllt, einer Grabstätte von Halbgöttern, der ein Kreis von Bergen als Umfassungsmauer dient. Irgendein übermenschlicher Wille scheint sie hierher versetzt zu haben, um Schatten und Schweigen über den heiligen, ewigen Schlummer einer Dynastie zu breiten.
Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.
Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.
Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.
Wir bemerkten, daß wir uns in der Nähe einer göttlich verehrten Stätte befanden. Wie im Umkreise eines Tempels ragten überall Denksteine empor, bedeckt mit altertümlichen Schriftzeichen, errichtet auf dem Rücken riesiger Schildkröten oder Drachen aus Marmor oder auf einer mit Lotosblumen geschmückten Basis, die an das Piedestal der Buddhastatuen erinnerte. Der Weg wurde immer schwieriger, steiniger und nahm beinahe schon ein gebirgiges Aussehen an, als wir auf unsere Kulis stießen. Wir waren in ein kleines Dorf gelangt.Als sie uns erblickten, stürzten sie bunt durcheinander auf die Straße.
Ein alter Aufseher befehligte sie, der als Abzeichen seines Ranges eine weiße Fahne mit der Inschrift: „Höret auf die Worte eures Vaters“ trug, wohl um anzuzeigen, daß man ihm Gehorsam schulde. Um seine väterliche Stimme zu verstärken, hatte sich der Alte mit einem an einem Bindfaden um den Hals gehängten Metallpfeifchen versehen. Wir riefen den Kulis zu, sie möchten uns nachkommen, und ließen sie hinter uns zurück. Wir wollten den Motor möglichst lange ausnutzen.
Jetzt unterschieden wir deutlich die Schlucht von Nankou. Sie erschien eng wie ein Spalt zwischen zwei steil ansteigenden, mit Felstrümmern bedeckten Bergen, auf deren unregelmäßigen Gipfeln sich alte Befestigungstürme erhoben. Rings zeigten sich die bizarren Umrißlinien anderer Berge. In dem melancholischen Dämmerlichte des regnerischen Tages hatte das Panorama etwas unsagbar Wildes. Bei Sonnenschein würde es nur einen romantischen Eindruck gemacht haben. Die Abhänge der Höhen stiegen steil empor wie Bastionen und schienen jeden Versuch, sich ihnen zu nahen, zurückweisen zu wollen.
Nankou bedeutet „Mund des Südens“.
Es gibt Landschaften, von denen man sagen könnte, sie seien für den Kampf der Menschen untereinander geschaffen; Schlachtgefilde, Örtlichkeiten, in denen die Natur Angriff und Verteidigung unterstützt, düstere, zerrissene Gegenden, die den Geist der Feindseligkeit atmen, Defilees für Überfälle und Pässe für Hinterhalte. Nankou bietet solch einen drohenden Anblick. Die Zeiten der feindlichen Einfälle liegen in ferner Vergangenheit, die Befestigungen auf den Gipfeln verfallen Stein um Stein, und ringsherum lebt das friedlichste Volk der Welt. Und dennoch ruft dieser tiefe Talgrund schon durch seine Gestaltung den Gedanken an Angriffe und Metzeleien hervor, als seien die ihn umschließenden Berge nichts anderes als ungeheuere Mauern einer Riesenfestung.
Straße in Schem-pao-wan.Straße in Schem-pao-wan.
Straße in Schem-pao-wan.
Straße in Schem-pao-wan.
Sechs Kilometer von der Mündung des Tales entfernt mußten wir halten. Von diesem Punkte an ist die Straße nichts anderes als das Bett des Bergstromes, der aus der Schlucht von Nankou herunterstürzt: Sand, Felsblöcke, Wasserpfützen. Wir warteten auf unsere Leute. Im Laufschritt eilten sie herbei, froh, sich des Ki-tscho bemächtigen zu können. Vielleicht fürchteten sie, er eile davon und entziehe ihnen die Aussicht auf den Verdienst. Unter wildem Geschrei kamen sie wie eine Räuberbande heran. Welch seltsame Zusammenstellung von Trachten und Kopfbedeckungen! Säcke von grober Wolle nach Art der indianischen Ponchos, das wasserdichte Kleidungsstück der chinesischen Karawanenführer bildend, blaue, weiße, graue Hemden, alle gleich zerrissen, Lumpen als Turban um den Kopf geschlungen, Strohhüte zum Schutze gegen die Sonne, Fetzen jeder Form und jeder Art, Kleidungsstücke, die Generationen gedient haben mußten, kurz ein malerisches Durcheinander. Es waren Greise, Jünglinge, Knaben darunter, Chinesen und Tataren, Figuren von Bettlern und von Mandarinen, ein Gemisch von altem Elend und jungem Elend, eine Schar Bedürftiger jeder Klasse, angeworben, wer weiß wie, derBodensatz des menschlichen Ameisenhaufens von Peking. Lustig und zufrieden waren sie gekommen, ein Automobil zu ziehen und damit in vier Tagen den Lebensunterhalt für einen Monat zu verdienen.
Der alte Anführer schwenkte die Fahne und blies mit vollen Backen in die Pfeife. Der Pfiff bedeutete: Fertig! Ettore band die dicken Seile um den vorderen Teil des Rahmens und die beiden vorstehenden Arme, die an jedem Automobil angebracht sind, um die Federn an der Achse festzuhalten, und eine Minute später zogen zwei lange Reihen gekrümmter Menschen, an die Seile gespannt, langsamen Schrittes die schwere Maschine, während andere hinten schoben. Es regnete immerwährend. Ab und zu blieb das Automobil vor großen Steinen mit einem Rucke stehen; es stemmte sich wie ein störrisches Tier. Dann verdoppelten die Kulis, die einen Augenblick mit einem Fuß in der Luft festgehalten wurden, ihre Anstrengungen und sangen im Takt, um einheitlich ziehen zu können. Der Alte stimmte im Tone eines betenden Bonzen ein Lied an, und die andern heulten den Refrain im Chore mit: „Lai, lai-la!“ „Vorwärts, vorwärts!“ und zogen an. Der Aufseher improvisierte sein Lied; er sang, was ihm gerade einfiel; auf den Ton und die Melodie kommt es an, nicht auf die Worte. Närrisches Zeug kam aus seinem Munde, das die Leute in Heiterkeit versetzte, und aus dem „Lai, lai-la“ hörte man bisweilen ein seltsames Gemisch von Anstrengung und Heiterkeit heraus.
Wenn der Wagen ein kleines Hindernis überwunden hatte, rollte er infolge des erhaltenen Anstoßes plötzlich vorwärts. Er schien alle jene seltsamen Leute verfolgen zu sollen; die Seile wurden schlaff, und die Chinesen trabten und sprangen unter lautem Geschrei und Gelächter vergnügt einher. Sie belustigten sich daran wie an einem Spiel und legten so eine Strecke in großem Tumult zurück, bis sie sich wieder an den aufs neue straffgespannten und unbeweglichen Seilen ziehend zusammenfanden. Diese Schar Menschen erweckte unser Interesse. Es waren keine Lastträger; es waren nur Arme; sie vertraten nicht eine bestimmte Klasse, sie vertraten das Volk im ganzen. Es wardas große chinesische Volk mit seinem Elend und seinen Tugenden, das wir an der Arbeit sahen. Die Armut, die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, die Einfalt, die Geduld und die Arbeitsamkeit, alle Vorzüge und alle Fehler der Rasse, verborgen unter einem schmutzigen, unvorteilhaften Äußern, waren an unsere Maschine gespannt. Feierlich schritt der Alte mit seiner Fahne dem Zuge voran.