Einundzwanzigstes Kapitel.

Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.

Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.

Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.

Fünf Rubel! Die Müller waren geblendet von solchem Reichtum. Fünf Rubel! Sie sahen einander an und wechselten einige Worte. Es waren ihnen inzwischen Riesenkräfte und ein Löwenmut gewachsen. Sie wollten die fünf Rubel allein verdienen, sie würden zehn Automobile heben!

Sie gingen weg und kehrten mit den beiden Gefährten, die in der Mühle geblieben waren, eilends zurück; dann machten sie sich an die Arbeit. Nach einer halben Stunde schaufelten wir die Erde vor den Rädern weg, Ettore setzte den Motor in Tätigkeit, und das Automobil bewegte sich und hielt schließlich im Hofe der Mühle. Der Müller selbst hatte uns Gastfreundschaft in seinem armseligen Hause angeboten.

Er stellte das Mühlwerk ab. An diesem Abend wurde in der Mühle ein Fest gefeiert. Einer der Gehilfen langte nach einer Stunde mit einer riesigen Flasche Wodka an, die er im Dorfe gekauft hatte: die fünf Rubel begannen sich in Trunkenheit zu verwandeln.

Die blonden Männer tranken auf unser Wohl. Sie stürzten das schreckliche Getränk gläserweise hinunter, nachdem sie, das Glas in derHand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Die Frauen saßen abseits und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an der Wand der Isba hing.

Es dauerte nicht lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu äußern. Der Müller wurde sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen: „Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Dabei umarmte er uns einen nach dem andern und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre Zustimmung. Es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser Vaterland.

Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk zum Anbeten! Alle Segnungen des Himmels wurden auf uns herabgerufen. Die junge Frau mit den ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die zärtliche Rührung ihres Mannes, um die Wodkaflasche fortzunehmen, ohne daß er es bemerkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu verstecken.

Als wir erklärten, daß wir uns niederlegen wollten, verließen alle das Zimmer. Die Männer blieben aber noch lange vor der Tür der Isba, und wir hörten sie stundenlang die schwermütigen slawischen Lieder singen, die wie Gebete klingen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die ihr Geklapper wieder begann.

Wir hatten uns auf dem Fußboden ausgestreckt. Ich konnte nicht schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte ich einen frischen Luftzug. Ich bemerkte, daß sich die Tür ganz leise öffnete.

Ich erhob mich auf den Ellbogen und strengte die Augen im Dunkel an. Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ichdie Person erkennen oder vielmehr erraten konnte, die sich so heimlich in unser Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich sah den Schimmer ihres langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was wollte sie? Mit gespannter Neugier beobachtete ich sie.

Ansicht von Wassilsursk an der Sura.Ansicht von Wassilsursk an der Sura.In Wassilsursk.In Wassilsursk.

Ansicht von Wassilsursk an der Sura.

Ansicht von Wassilsursk an der Sura.

In Wassilsursk.

In Wassilsursk.

Als sie sich überzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein, barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten. Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel zu und beugte sich suchend vor.Es war die Stelle, an der sie den Wodka versteckt hatte. In der Tat hörte ich an einem leisen Klirren des Glases, daß sie die Flasche ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln. Die brave Frau trank. —

Früh machten wir uns wieder auf den Weg. Die Straßen waren trocken und infolgedessen besser. Zu Mittag waren wir in Wassilsursk, einem reizenden Städtchen am rechten Ufer der Sura, eines Nebenflusses der Wolga, kokett im Grün kleiner Gärten über den Abhang eines Hügels verstreut.

Und weiter, immer weiter ging es den ganzen Tag über, zeitweilig an der Wolga entlang, deren breite, träge, von Schiffen belebte Fluten sich durch das weite Tal wälzten.

Am Nachmittag stießen wir auf zwischen Gebüschen versteckte herrschaftliche Villen: die große Stadt Nischnij-Nowgorod war in der Nähe. Gegen Sonnenuntergang bemerkten wir Fabrikschornsteine, die Vorposten der modernen Großstädte. Oben auf einem Hügel standen Droschken. Als wir an sie herankamen, wurden wir mit einem „Hoch!“ empfangen.

In den Droschken saßen der kommerzielle Vertreter Italiens, der Sekretär des italienischen Konsuls in Moskau und einige Landsleute. Wir betraten den offiziellen Bannkreis Europas. Wir erhielten unsere Post, Briefe, Zeitungen, Telegramme. Die Beziehungen zur Kulturwelt waren wiederhergestellt. Die Einsamkeit war zu Ende!

Champagnerflaschen und Gläser kamen zum Vorschein, wir mußten anstoßen. In tiefer Bewegung drückten wir zehnmal dieselben Hände und fragten nach Nachrichten aus unserer Welt. Dann wurden wir von plötzlicher Ungeduld gepackt, von dem gebieterischen Verlangen, zu Ende zu kommen, zu fahren, zu fahren ohne Rast und Ruh wie jener Mann des Märchens, der sich künstliche Beine anfertigte, die von selbst liefen, und der noch immer läuft, weil er vergessen hat, eine Vorrichtung anzubringen, die die Beine wieder zum Stehen bringt.

„Auf die Maschine! Auf die Maschine!“ riefen wir.

Muschiks auf der Überfahrt.Muschiks auf der Überfahrt.

Muschiks auf der Überfahrt.

Muschiks auf der Überfahrt.

Wir empfanden weder Müdigkeit noch Verdrießlichkeit mehr. Alles war vergessen: „Auf die Maschine!“ Bald darauf entfaltete sich das prächtige Panorama von Nischnij-Nowgorod zu unseren Füßen. Von Kasan aus hatten wir 447 Kilometer zurückgelegt. Es war spät, als wir in die breiten Straßen der alten russischen Hauptstadt einbogen, die die eigentliche Wiege des ungeheueren Reiches ist. Die elf Türme des Kremls, die hoch über die Stadt emporragen, waren noch von der untergehenden Sonne beleuchtet; sie blitzten stolz über die goldenen Kuppeln und weißen Türme hinweg. Mit einem Gefühl des Stolzes betrachteten wir jene elf Beherrscher der Stadt, bei der Erinnerung daran, daß sie etwas von italienischem Wesen an sich tragen; sie wurden von einem italienischen Architekten, Pietro Frasiano, umgebaut, als der Kreml seinen kriegerischen Charakter ablegte und sich zu verschönern begann. Um jene Festung herum hatten sich die Heere gebildet, die Kasan den Tataren entrissen; später bildete sich hier das Heer, das die Polen aus Moskau verjagte. Nischnij-Nowgorod muß dem Slawentum heilig erscheinen.

Wir waren kaum angelangt, als uns auch schon eine Einladung übermittelt wurde. Einige angesehene Bürger, unter ihnen der Gouverneur, gaben uns zu Ehren ein Bankett in einem großen Garten. Die Luft war mild, der Himmel heiter. Wir sahen die Wolga an der Mündung der Oka im fahlen Lichte des Abends zu unseren Füßen breit dahinströmen, übersät von Myriaden von Lichtern an Bord der ankernden Schiffe, gleich einer sich auf der Erde hinziehenden Milchstraße. Während des Banketts wurde ich abgerufen.

„Sie haben ein Telegramm abgesandt?“ fragte der behandschuhte Kellner.

„Jawohl, vor zwei Stunden.“

„Das Telegraphenamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern könne ... Wenn Sie telephonieren wollen?“

Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden, weil sie nicht russisch geschrieben war! Seit Nischne-Udinsk hatte ich diese reizende Ungeheuerlichkeit nicht mehr gehört! Zum Glück waren die einflußreichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten, eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück. Das Telegramm war abgegangen.

„Jeder macht es sich so bequem wie möglich!“ sagte man mir zur Erklärung. „Das Amt fand, die Depesche sei zu lang ...!“

Mitternacht war vorüber, als an die Türe meines Hotelzimmers geklopft wurde.

„Wer ist da?“

„Sie haben ein Telegramm aufgegeben?“

Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen.

„Ja,“ schrie ich den Oberkellner an, dem ich mich gegenüber fand, „es ist vier Stunden her, daß ich es aufgegeben habe. Vier Stunden!“

„Beruhigen Sie sich,“ erwiderte er sanften Tones, „Ihr Telegramm ist abgegangen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das Telegraphenamt eine kleine Aufklärung ...“

„Welche denn?“

„Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem andern, gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts.“

Ich war wie vom Donner gerührt: ich sank auf einen Stuhl und sagte mit kraftloser Stimme.

„Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben. Nur das Chinesische und Japanische schreibt man von oben nach unten. Und man liest es von oben nach unten. Und man telegraphiert es von oben nach unten!“

„Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach rechts?“

„Wenn sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie haben sie es denn abgeschickt? Wie?“

„Von oben nach unten, Herr!“ —

Um 10 Uhr vormittags setzten wir unsere Fahrt fort. Unser graues schmutziges Automobil hatte man hier liebenswürdigerweise mit Blumen geschmückt. Wir überschritten die Oka auf der „Meßbrücke“, der herrlichen Holzbrücke, die Nischnij-Nowgorod mit dem Meßplatze verbindet, auf dem die „Jarmarka“, die berühmte Messe, abgehalten wird, die am 27. Juli beginnt. Die Eröffnung sollte am übernächsten Tage stattfinden. Der Platz war zum Empfang von 400 000 Fremden, die alljährlich hierherkommen, hergerichtet.

Berge von Waren türmten sich am Ufer auf, von einem bunten Gewirr von Flaggen überragt. Riesige, an den Ufern verankerte Barken trugen provisorische Gebäude, Cafés und buntfarbige, mit Laubgehängen geschmückte schwimmende Gastwirtschaften, ein Theater, Räumlichkeiten, wohin sich die Meßbesucher begeben, um zu rauchen, da das Rauchen in den Straßen der Jarmarka verboten ist. Auf dem linken Ufer der Oka fuhren wir über den ganzen weiten Meßplatz mit seinen 6000 Magazinen, seinen Geschäften, seinen Märkten, eineganze zweite Stadt, die zehn Monate lang ausgestorben ist und von deren geräuschvollem Erwachen wir jetzt Augenzeugen waren. Ihre seltsamen Bewohner ließen die Arbeit liegen, um sich zu versammeln, wo wir fuhren. Alles gibt es auf der Messe von Nischnij-Nowgorod, aber ein Automobil war noch nicht dort erschienen.

Zwischen der ernsten, nachdenklichen Menge der Slawen erblickten wir merkwürdige Volksstämme um uns herum. Viele Tataren im Kaftan nach türkischer Art oder im blauen Kulmak, Kirgisen, die aus ihren Steppen gekommen waren und Tausende von Kilometern weit Pferdeherden hergetrieben hatten. Zirkassier mit prächtigen Waffen waren da, Perser mit den hohen Pelzmützen, ernstblickende Armenier, Sibirier aus Tobolsk mit Ladungen kostbaren Pelzwerks. Unter der Menge hatte sich das Gerücht verbreitet, daß wir aus Peking kämen; man betrachtete uns überrascht und stellte tausenderlei Fragen an uns, die wir nicht immer verstanden.

Wir bogen in die Straße nach Moskau ein, die breit, fest, eben und gerade war. Wir ließen die Maschine schnell fahren. Die Stadt und ihre Jarmarka entfernten sich mehr und mehr. Die Straße wurde menschenleer und ging nicht in einen der gewohnten elenden Feldwege über. Die Chaussee, die echte Chaussee war erreicht!

Endlich! Nach einer Fahrt von 7500 Kilometern, nach sechsundvierzig langen Tagen voller Mühen, Beschwerden, Leiden, Enttäuschungen. Sie hatten wir gesucht, nach ihr hatten wir geseufzt, seit wir die mongolische Wüste verlassen hatten: wir glaubten sie schon in Kiachta, in Irkutsk zu erreichen. Bei meiner Beschreibung der Reise habe ich von Straßen gesprochen, um den undefinierbaren Strecken, über die wir fuhren, einen Namen zu geben. In Wirklichkeit sind wir fast stets über mehr oder weniger guten gewachsenen Boden, über Sand, Morast, Steine, Gestrüpp gefahren. Die Straße begann erst hier, nachdem wir ihren kleinen weit vorgeschobenen Vorposten bei Kasan angetroffen hatten. Sie begann in Nischnij-Nowgorod, derunvergeßlichen Stadt, die für uns den Anfang des letzten Teils unserer Reise bedeutete. Uns erschien sie als der Beginn der Zivilisation.

Europa hat seine Grenze nicht, wie die Geographen behaupten und wie auch wir es geglaubt hatten, in den Wäldern des Urals, nein: es beginnt in Nischnij-Nowgorod mit jenem weißen Streifen, auf dem wir dahinrollten, der in einladender Breite ein endloses Band darstellt, das hier beginnt und alle europäischen Nationen umschließt. Jetzt erst glaubten wir über alle Schwierigkeiten triumphiert zu haben; wir brauchten keine Felsen mehr zu erklimmen, in keine Abgründe hinunterzurutschen, nicht mehr über Baumstämme zu stolpern; wir brauchten nicht mehr in heimtückischen Sümpfen zu versinken, nicht mehr den Weg zwischen der Pflanzendecke der Moräste und den Bäumen des Waldes zu suchen. Die Straße war unsere Freundin, unsere Führerin; sie erfüllte uns mit neuem Mute, sie geleitete uns ans Ziel.

Wir stießen einen Freudenschrei aus, als wir von der Spitze eines Hügels aus sahen, wie sich die Chaussee bis zum Horizont erstreckte. Und doch lebte in uns immer noch ein Gefühl des Zweifels, eine unbestimmte Angst. Wir waren zu oft getäuscht worden und hatten immer noch ein wenig Furcht, die Straße möchte verschwinden und uns verlassen. Etwas ließ uns anfangs allerdings die Veränderung weniger durchgreifend erscheinen und setzte unserer Freude einen Dämpfer auf: es waren die alten, wackligen Brücken. Wir hörten jenes gräßliche Krachen des Holzes unter den Rädern. Während unseres raschen Dahinrollens gab eine dieser Brücken unter dem Gewicht des Automobils nach; ein Brett brach.

„Rasch, mit voller Kraft!“ rief der Fürst.

Der Motor knattert laut und die Maschine, die im Begriff ist, zu fallen, schießt vorwärts über die Bretter hin, die sich unter ihrer Last biegen. Sie ist in Sicherheit! Hinter uns hören wir Holz herabpoltern.

Das Automobil saust mit voller Geschwindigkeit dahin. Vornübergebeugt, um den Luftwiderstand besser zu überwinden, durcheilenwir lange Strecken im Fluge und kosten nach so langer Zeit von neuem das Hochgefühl des ununterbrochenen Vorwärtsstürmens. Mit vollen Lungen atmen wir den Duft des Heues, des Harzes, der Blumen ein, die ihren Odem in die warme Luft ausströmen. Die Straße bildet wundervolle gerade Linien, die bis zu 60 Kilometer lang sind. Wenn uns nicht an manchen Brücken die Umbauarbeiten aufgehalten hätten, so hätten wir Wladimir, unseren nächsten Haltepunkt, der von Nischnij-Nowgorod 250 Kilometer entfernt ist, in fünf Stunden erreichen können; so brauchten wir acht.

Wir kamen zur Stunde der Promenade in jenes reizende Städtchen, das bereits die Nähe der heiligen Hauptstadt des Reiches verrät. In einem kleinen Gasthofe kehrten wir ein, vermochten aber trotz unserer Müdigkeit zum erstenmal nicht zu schlafen. Moskau war nur noch wenige Stunden entfernt!

Um 7 Uhr früh fahren wir durch das weiße Tor von Wladimir und jagen auf Moskau zu. Die vom Sonnenschein übergossene Straße war herrlich und schnurgerade, als sei sie durch einen Kanonenschuß angelegt worden.

Wir fliegen dahin. Es ist, als ob die Maschine uns begriffe: in gleichmäßigem Gange gehorcht sie jedem Winke des Fürsten, der am Steuerrade sitzt; auf den Pneumatiks wiegt sie sich leicht in sanften Schaukelbewegungen, die uns einlullen.

Um 8 Uhr kommen wir durch ein Städtchen. Die Leute stürzen aus den Läden, eilen aus den Seitenstraßen herbei und begrüßen uns freudig; sogar ein dicker Gendarm legt lächelnd die Hand an den Helm. Als wir an ihm vorbeikommen, fragen wir ihn:

„Wie heißt diese Stadt?“

„Pokrow.“

Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.

Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.

Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.

Wir sind erstaunt. Pokrow liegt etwa 85 Kilometer von Wladimir entfernt. Wenn wir in solchem Tempo weiterfahren, treffen wir vor 10 Uhr in Moskau ein, und das dürfen wir nicht; wirdürfen erst nachmittags 2 Uhr dort ankommen. Warum? Aus Höflichkeitspflicht. Am Tage zuvor hatte man aus Moskau telegraphisch angefragt, wann wir ankämen, und der Fürst, an die früheren Überraschungen gewöhnt, hatte auf Grund einer Berechnung, die uns ziemlich weiten Spielraum ließ, geantwortet: um 2 Uhr. So waren wir zu einer freiwilligen „Panne“ genötigt. Wir beschlossen, sie aus einem Frühstück bestehen zu lassen.

Abfahrt aus Wladimir.Abfahrt aus Wladimir.

Abfahrt aus Wladimir.

Abfahrt aus Wladimir.

Eine halbe Stunde später hielten wir vor dem ersten Gasthofe in Bogorodsk. Mit der Feierlichkeit, die unserem ersten zivilisierten Frühstück gebührte, setzten wir uns zu Tische und leisteten uns die zweite Flasche Champagner während unserer Fahrt. Die erste war in Tanchoi getrunken worden.

Seit Peking hatten wir auf unseren Tagestouren niemals an einem Tische gefrühstückt; wir hatten auf dem Automobil gegessen und oft auch dies unterlassen, weil wir nicht daran dachten. Wir fühlten uns von einer beinahe kindlichen Heiterkeit beseelt.

Das Wetter wurde schlecht, es begann zu regnen. Aber wir lachten ob des Wetters und spotteten des Regens; sie würden uns nicht mehraufhalten. Diese Feindseligkeiten kamen zu spät und waren zwecklos. Unser alter, erbitterter Feind, das Wetter, war besiegt.

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft in der ganzen Stadt. Das Publikum drängte sich im Hofe, und wir erhielten den Besuch von Offizieren, Beamten und reichen Gutsbesitzern. Wir wurden überall eingeladen. Der Fürst mußte sich mit Händen und Füßen wehren, um nicht in Moskau erst am nächsten Tage um 2 Uhr einzutreffen!

Mittags nehmen wir die Sitze auf der Maschine wieder ein und beschleunigen ihren Gang, um Zeit zu gewinnen. Wir fürchten, die Panne von Bogorodsk zu lange ausgedehnt zu haben. 30 Kilometer vor Moskau treffen wir zwei stattliche Soldaten, die wir für Kubankosaken halten. In ihrer malerischen Uniform nach zirkassischer Art mit den reichen Patronenbehältern zu beiden Seiten der Brust, dem langen Dolche im Gürtel, dem hohen Pelzkalpak auf dem Kopfe stehen sie auf beiden Seiten der Straße einander gegenüber. Kaum sind wir vorüber, so folgen sie uns in gestrecktem Galopp. Von 100 zu 100 Metern bewachen Kosaken die Straße und schließen sich der Reiterschar an, die sich rasch hinter uns bildet. Wir bemerken bald, daß dieser Ehrendienst uns gilt, um unseren Weg von Wagen freizuhalten, die von der Mitte der Straße auf die Seite gewiesen werden. Die Soldaten gehören einem neuen Gendarmeriekorps an, das nach den revolutionären Bewegungen in Moskau gebildet worden ist.

Seltsam, die Wagenführer sind nicht wütend, überhäufen uns nicht mit Schimpfworten; sie begrüßen uns sogar mit Begeisterung. Aber die Überraschungen sind noch nicht zu Ende. Als wir um 1 Uhr 15 Minuten an die Grenze des Weichbildes von Moskau kommen, bemerken wir in dem Orte Kordenky eine Menge Menschen, die um blitzende Wagen herumsteht, in denen wir beim Näherkommen ebenso viele in einer Reihe aufgefahrene Automobile erkennen. Andere kommen rasch herbei und lassen ihre Hupen ertönen. Es sind die ersten großen Automobile, die wir wieder sehen; sie sind uns entgegengefahren.Von ihnen herab und um sie herum bricht ein Begrüßungssturm los: Hurra! Wir werden umringt und drücken hundert Hände, die sich uns entgegenstrecken. Es ist ein unbeschreiblicher Augenblick!

Über das Diplomatengesicht des Fürsten sehe ich einen flüchtigen Schatten huschen. Es bleiben uns noch 4000 Kilometer zurückzulegen, ehe wir nach Paris kommen, aber uns ist, als seien wir schon eingetroffen. Wir kehren in unsere Welt, in unser Leben zurück. Jetzt schließen wir die Epoche der Einsamkeit und Verlassenheit ab, die eine harte Prüfung in unserem Leben bedeutete.

Ankunft vor Moskau.Ankunft vor Moskau.

Ankunft vor Moskau.

Ankunft vor Moskau.

Mit stolzem Gefühl, mit Augen, die nicht nur vom Winde und vom Regen feucht sind, steigen wir vom Automobil. Der Präsident des Automobilklubs von Moskau, dessen Anregung wir die freundliche Begrüßung verdanken, teilt uns mit, daß wir zu Ehrenmitgliedern des Klubs ernannt worden seien, und überreicht uns das wertvolle Abzeichen aus Gold und Email, das wir sofort an unseren vom Schmutz bespritzten Mützen befestigen. Es folgen die Vorstellungen. Ich befinde mich inmitten zahlreicher Kollegen: da ist der Korrespondentdes „Matin“, der dem Fürsten die Glückwünsche seiner Zeitung übermittelt, der man die geniale Idee der Fahrt Peking–Paris verdankt; ich treffe den Berufsgenossen von der „Daily Mail“ wieder, der uns auf der Eisenbahn von Etappe zu Etappe gefolgt ist, und viele andere ausländische Journalisten. Auch Damen sind da. Eine von ihnen legt — ein prächtiger Gedanke! — auf unserer Maschine einen Rosenstrauß nieder, um auch sie ein wenig zu feiern, die so viel Anteil daran hat, daß wir überhaupt angekommen sind. Gegen 2 Uhr nehmen wir die Fahrt wieder auf, begleitet von allen Automobilen.

Dieses phantastische Schauspiel ruft mir jenen rasenden Ritt stolzer Mongolen ins Gedächtnis zurück, der auf uns den Eindruck machte, als werde das Automobil in feindlicher Absicht von der gesamten asiatischen Barbarenschaft verfolgt. Jetzt aber erscheinen wir als die Barbaren, die mit Schmutz bedeckt auf einem rohen, erdfarbigen, mit alten Stricken, Ketten und verrosteten Spaten beladenen Wagen sitzen, während hinter uns die polierten Metalle, die leuchtenden Lackanstriche aristokratischer Automobile erglänzen, auf denen elegante Sommertoiletten mit ihrer Fülle von Federn, Blumen, Schleiern und Bändern im Winde rauschen.

Plötzlich eröffnet sich am Horizont der Blick auf Moskau! Es war ein Funkeln von goldenen Kuppeln über einem weißen, schimmernden Häusermeere, eine überwältigende Erscheinung, ein Traum!

Wir gelangen in die fabrikreichen, von hohen, rauchenden Schornsteinen starrenden, vom Lärm der Arbeit widerhallenden Vorstädte, die die feierliche, altehrwürdige Ruhe der Heiligtümer umgürten.

Was geht da vor? Eine Menschenmenge erfüllt die Straße. Es sind Arbeiter, Männer und Frauen, die aus den Fabriken zu Hunderten, zu Tausenden herbeieilen. Die Fenster sind dicht besetzt. Von der Eisenbahn, über die wir fahren, kommen ebenfalls Scharen von Arbeitern im Laufschritt an. Was geht vor?

Ein fürchterliches Geschrei empfängt uns. Es ist der Gruß des Volkes, ausgestoßen von der schreckenerregenden Stimme der Menge.Der Gruß erneuert sich und pflanzt sich fort, er folgt uns und erklingt uns zu seiten. Wir haben nicht das Bewußtsein, ihn verdient zu haben, aber stürmisch dringt diese Welle der Sympathie an unser Herz. Wir hören den Ruf: „Viva l’Italia!“ Man klatscht Beifall. Auf den Verdecken der Straßenbahnwagen erheben sich die Fahrgäste und schwenken die Mützen. Der Fürst grüßt mit einer Handbewegung, während er erstaunt murmelt:

„Aber was haben wir denn eigentlich geleistet?“

So durchqueren wir die Vorstadt und kommen schnell ins Innere der Stadt, wo Ruhe herrscht. Über großartige Boulevards hinweg gelangen wir schließlich in die Nähe der stolzen alten Mauern des Kreml, wo die Leute uns nicht mehr kennen und nur stehenbleiben, um unseren Zug mit fragender Miene zu betrachten, offenbar verwundert, daß so vielen schönen Automobilen ein so häßliches und schmutziges vorausfährt und daß auf ihm Leute sitzen, die noch schmutziger sind.

Wir steigen vor dem Hotel ab und fallen sofort in eine angenehme Gefangenschaft: das Komitee legt Beschlag auf uns. Es will uns feiern, und es gehören zum mindesten zwei Tage dazu, dies gewissenhaft zu erledigen. Unsere Müdigkeit macht uns nicht ungehorsam gegen die Ukase des Komitees.

„Nun gut,“ sagen wir, als wir über das zukünftige Programm mit uns zu Rate gehen, „bleiben wir! Aber allen ferneren Verlockungen setzen wir heroischen Widerstand entgegen und wir fahren von Moskau nach Paris in einer Tour!“

Und Petersburg? Auch Petersburg erwartete uns. Zwar schloß die ursprüngliche Route die russische Hauptstadt, weil zu weit abgelegen, aus dem Programm aus. Durch die Wahl der Straße über Perm und den Abstecher nach Petersburg verlängerten wir die Fahrt um mindestens 700 Kilometer. Aber das Petersburger Komitee, das die Verteilung der Benzinvorräte überwacht, Straßenkarten für uns hatte anfertigen lassen, das in allen großen Städten Unterkomitees zu unseremEmpfang gebildet hatte, war uns wichtiger als die übrigen Komitees, und seine Einladung konnten wir nicht unberücksichtigt lassen. Wir wollten also nach Petersburg gehen, aber uns nur wenige Stunden dort aufhalten. Denn dann kam noch Berlin, dessen telegraphische Einladung wir schon in Tomsk erhalten hatten.

Moskau bot uns aufeinMal alle jene Diners, Soupers und Dejeuners, die uns während der Fahrt entgangen waren! Unsere Nerven, die den Strapazen und Entbehrungen widerstanden hatten, wurden mürbe unter diesem Ansturm, dem wir uns doch nicht entziehen konnten, so groß war die Herzlichkeit, die uns von allen Seiten umgab. Wir waren Gäste der italienischen Kolonie, die uns wertvolle Andenken überreichte, die sicher nicht notwendig waren, um die Erinnerung an jene Tage unverlöschlich in unserem Gedächtnis festzuhalten; wir waren Gäste des Automobilklubs, des italienischen Konsuls, alter und neuer Freunde; wir nahmen an Trinkgelagen teil, hörten Orchestermusik, Konzerte und Lieder an und wanderten durch die luxuriösesten und namhaftesten Moskauer Restaurants, vom „Metropol“ nach der „Eremitage“, von „Mauritania“ nach dem eleganten „Yard“, wo die Konzerte um Mitternacht beginnen, um bei Sonnenaufgang zu enden.

Die Moskauer Automobile wurden uns zu einer Fahrt durch die Stadt und ihre malerische Umgebung zur Verfügung gestellt. So wurden wir nach dem historischen „Sperlingsberge“ geleitet, um den Sonnenuntergang von dem Punkte aus zu genießen, auf dem der große Napoleon haltmachte, um am Abend des 14. September 1812 das entzückende Panorama von Moskau zu bewundern. Die sterbende Sonne tauchte die unermeßliche, stolze Stadt in Blut; die goldenen Kuppeln sandten Flammenblitze aus, alles verschwamm in einem Glanze, der überirdisch erschien: es war ein erhabenes Schauspiel!

Man hat uns in wenigen Stunden das bunte, eigenartige Leben dieser einzig in der Welt dastehenden Stadt kosten lassen, der wahren russischen Hauptstadt. Sie ist modern und altertümlich, arbeitsam und heilig, und amüsiert sich auch unter dem „kleinen Belagerungszustand“.Dieser ist der Grund, warum man Posten mit aufgepflanzten Bajonetten die Spazierfahrten reicher Equipagen überwachen sieht, während Kosakenpatrouillen, den Karabiner auf der Hüfte, zwischen den Wagen einhertraben. Auf den Hauptstraßen kommt es nicht selten vor, daß plötzlich ein lauter Befehlsruf erschallt, daß alle Wagen zur Seite fahren und daß man im Mittelgalopp drei oder vier Kutschen vorbeieilen sieht, vorn, auf beiden Seiten und hinten von Kosakenpelotons mit dem schußfertigen Revolver in der Faust umgeben: es ist nur ein Transport von Staatsgeldern. Die Gefahr hat dem Rubel zu kaiserlichen Ehren verholfen!

Inzwischen hatte das Automobil seine Reisetoilette erneuert; es war sorgfältig gereinigt und geputzt worden, mehr war nicht nötig gewesen. Zu unserer eigenen Überraschung fanden sich sogar verschiedene Teile, die sonst häufig ausgewechselt werden müssen, unversehrt vor. Nur das von den Muschiks zwischen Perm und Kasan angefertigte Rad wurde ersetzt, weil es sich herausstellte, daß es schlecht zentriert war und die Pneumatiks zu sehr anstrengte. Und doch schuldeten wir diesem rohgearbeiteten Rade viel Dank.

Aus Rußland heraus.

Auf dem Wege nach Petersburg. — Nowgorod. — Petersburg. — Der Grenze zu. — Unerwartete Gastfreundschaft. — Die erste Begrüßung auf deutschem Boden. — Königsberg. — Berlin nähert sich.

Am Morgen des 31. Juli punkt 4 Uhr verließ unser Automobil die Garage des Hotels Metropole, wesentlich erleichtert durch eine bedeutende Verminderung des Gepäcks. Es ließ in Moskau die Entdeckungsreise-Ausrüstung zurück, die ihm ein so eigenartiges Aussehen verliehen hatte. Die Stricke, Ketten, Flaschenzüge, Spaten und Spitzhacken wurden abgelegt. Auf seiner Fahrt hatte das Automobil nach und nach alle nutzlos und hinderlich werdenden Gegenstände abgeworfen, in Kalgan zwei Schutzwände, zwei weitere in den mongolischen Steppen, dann einen Teil der Cornedbeefvorräte und der Eisengeräte. Es hatte wie ein Luftballon den Ballast ausgeworfen, um die Belastung der Federn zu vermindern. In Moskau trug es außer unserem geringen persönlichen Gepäck nur noch einige Ersatzpneumatiks. Wie ein Athlet hatte es sich entkleidet, um besser laufen zu können.

Begleitet von den Automobilen, die uns das Ehrengeleit gaben, durchquerten wir rasch die Stadt, die noch nicht schweigsam geworden war. Die Morgendämmerung ist eine Stunde, in der in Moskaunoch Leben herrscht; die Leute kehren aus den Restaurants und den Konzerten zurück. So erhielten wir jetzt die Abschiedsgrüße des sich vergnügenden Volkes, während wir bei der Ankunft die Grüße des arbeitenden Volkes entgegengenommen hatten. Zu unserer Rechten zog sich der Petrowskijpark hin, in dessen riesigen Alleen noch Wagen rollten, die aus den Kabaretten zurückkehrten. Wir sahen auffallende, ein wenig zerdrückte Toiletten, quer auf schwankenden Köpfen sitzende Zylinderhüte; wir vernahmen heisere, aber herzliche Grüße. An der eigenartigen Form unserer Maschine und an der italienischen Flagge wurden wir sofort erkannt.

Über dem schweigenden, rauhen Gefilde lag dichter Nebel. Bald sahen wir nichts mehr als die Straßenränder; wir fuhren dahin, von dem grauen, unermeßlichen Raume umgeben, und konnten nicht einmal die nächsten Automobile erkennen, von denen wir nur die Signale hörten.

Um 6 Uhr durchdrang die Sonne hier und da die Nebelschleier.

Der Horizont erscheint flach und grenzenlos. Schimmernde Kirchtürme ragen in noch unbestimmten Umrissen über dem Grün der Felder empor; dann wird, fast mit einem Schlage, alles klar. Wir finden die Landschaft, die uns seit Wochen begleitet hat, unverändert wieder. Wir gelangen in das Städtchen Klin, wo wir eilige Abschiedsgrüße mit den Automobilen, die uns nachgekommen sind, austauschen, und setzen unsere Fahrt allein fort, in Gedanken versunken. Wir lauschen dem gleichmäßigen leichten Gange des Motors und laben uns mit Wonne an der Morgenfrische.

In Nowgorod, das 485 Kilometer von Moskau entfernt ist, wollen wir übernachten.

Um 10 Uhr kommen wir nach Torschok, wo Benzin für uns lagert. Die rechnerische Vorbereitung der Reise schloß mit Moskau, weil der Fürst, damals über die einzuschlagende Route noch im ungewissen, davon überzeugt war, auf dem Wege von Moskau nach Paris überall mit Leichtigkeit Benzin zu erhalten. Die Firma Nobel hatteauf eine telegraphische Anfrage hin die Verpflichtung übernommen, uns neue Benzinvorräte von Moskau aus bis zur russischen Grenze zur Verfügung zu stellen.

Am Eingange der Stadt stehen Männer, die uns erwarten. Sie haben Fässer mit Benzin und Öl neben sich. In wenigen Minuten füllen wir unsere Behälter, und weiter geht es!

So schnell haben wir noch nie eine so lange Strecke zurückgelegt; wir fahren mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde. Wir sind von immer stärkerem Verlangen beseelt, zu eilen. Die Werstzeichen fliegen pfeilschnell an uns vorüber. Wir ziehen die Karte zu Rate, stellen Berechnungen an und schenken der Landschaft nur geringe Beachtung.

Aber ach! als wir die Grenze des Gouvernements Twer überschritten haben, wird die Straße schlechter. Wir müssen langsamer fahren, bis wir endlich infolge eines plötzlichen Gewitters bei einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde angelangt sind. Es ist das gewohnte tägliche Gewitter! Und während unseres Aufenthalts in Moskau war kein einziger Tropfen Regen gefallen!

Lebt wohl, ihr Straßen und Landschaften, ihr mittelalterlichen Häuser! Alles ist Wasser um uns herum, wie am Morgen alles Nebel war, Wasser, das uns nicht verläßt, bis wir nach Nowgorod am Ufer des Wolchow kommen, in der Nähe des stillen weiten Ilmensees. Keine Stadt hat auf uns einen so düsteren Eindruck gemacht als Nowgorod. Man könnte meinen, es trauere um verlorene Macht und Ruhm. Es lebt noch jetzt ein Sprichwort in Rußland, das da lautet: „Wer kann mit Gott streiten und wer mit Nowgorod?“

Es regnet noch, als wir Nowgorod am nächsten Morgen verlassen und den Kreml durchqueren, um den sich das entvölkerte, stille Städtchen drängt, als suche es noch jetzt den Schutz der starken zinnenbewehrten Mauern.

Unter der Geißel des Regens verbringen wir viele Stunden in verdrießlichem Schweigen, nur getröstet durch den Gedanken an die Nähe von Petersburg. Bald stoßen wir auf Villen, Gärten, Parke.Dann dichter, niedrigschwebender, schwarzer Rauch am Horizonte. In vier Stunden haben wir 128 Kilometer zurückgelegt.

Unvermutet stoßen wir auf ein Automobil. Es erwartet uns und hat die Aufgabe übernommen, uns den Weg zu zeigen. In großen Buchstaben steht auf ihm geschrieben: „Paris–Petersburg.“ Es ist ein kleines Automobil von 12 Pferdekräften, mit einer Rennkarosserie und genügend schnell. Es wird von seinem Besitzer gelenkt, Herrn Efron, einem der tätigsten Mitglieder des Petersburger Automobilklubs, der aus Paris gekommen ist.

Ein rascher Austausch von Grüßen, Händedrücke, und hinter dem Lotsen geht es weiter durch die breiten Alleen, die zu der berühmten kaiserlichen Residenz führen. Der Regen hat aufgehört.

Der Sand macht unsere Fahrt geräuschlos; die Automobile gleiten, fliegen hintereinander dahin. Nachdem wir aus den Parkanlagen heraus sind, wollen wir auf Petersburg zu. Mit einem Male ertönt an einer Straßenbiegung ein begeistertes Hurra, das uns zum Halten veranlaßt; eine lange Reihe von Automobilen erwartet uns! Wir steigen ab und sind von einer freudig erregten Menge umdrängt. Wir begrüßen den italienischen Militärattaché, der dem Fürsten die Glückwünsche des Botschafters überbringt, den italienischen Konsul, eine große Anzahl Mitglieder des russischen Automobilklubs, den Sekretär, der uns im Namen sämtlicher Automobilfahrer begrüßt, den Präsidenten des Petersburger Komitees für die Fahrt Peking–Paris und viele Damen, die unseren Wagen mit Blumen überschütten.

Automobile langen fortwährend an und bringen uns neue freudige Begrüßungen: wir sind eine Stunde zu früh gekommen. Man hatte vereinbart, sich an diesem Punkte zu treffen und uns dann entgegenzufahren, und wir waren schon zu der Versammlung erschienen. Wie in Moskau hatte der Fürst auf eine telegraphische Anfrage die Berechnung allzu sibirisch aufgestellt. So früh waren wir gekommen, daß man, um das Programm wieder in Ordnung zu bringen, uns bat, etwas zurückzufahren.

So kehren wir, anstatt nach Petersburg weiterzueilen, in die dunkeln Alleen des kaiserlichen Parkes zurück; alle Automobile folgen uns. Die Aufgabe, uns zu führen, fällt nunmehr dem mit einer Signalflagge versehenen Wagen des Präsidenten des Automobilklubs zu. Seltsam, die Flagge ist weiß mit einer roten Scheibe in der Mitte: die japanische Nationalflagge! Der geräuschvolle Zug fährt bis zum Bahnhofe von Zarskoje Selo, wo der Beschluß gefaßt wird, die Zeit auf bestmögliche Art, mit Essen und Trinken, totzuschlagen.

Das Restaurant wird gestürmt; es fließt Champagner, es wird angestoßen. Der Sekretär des Automobilklubs überreicht dem Fürsten im Namen des Klubs eine wertvolle Erinnerungsmedaille, die die Klubinsignien und das Petersburger Wappen in Gold, Silber und Emaille trägt. Inzwischen wird unserer Maschine ein anderes wertvolles Geschenk verehrt in Gestalt einer eleganten silbernen Platte mit den Chiffren des Klubs in Gold und mit der gravierten Inschrift: „Pechino–Parigi. Pietroburgo, 19 luglio 1907.“

2 Uhr ist die richtige Stunde, die Fahrt nach Petersburg wieder aufzunehmen, und wir brechen auf.

Wir betreten die Hauptstadt durch das Narwator, das der Schauplatz der bekannten Metzeleien gewesen ist, und gelangen ins Innere, auf die Große Morskaja, die Straße der feinen Welt, und auf den Marienplatz, wo sich das Denkmal Nikolaus’ I. erhebt, bewacht von weißbärtigen Invaliden in der alten Uniform der Gardegrenadiere.

Auf dem Petersplatze umringt uns die Menge und nötigt unsere Maschine für einige Augenblicke zum Halten. Wir befinden uns im Herzen Petersburgs und des Reiches, zwischen den Palästen des Heiligen Synod, des Senats, des Kriegsministeriums und der Admiralität, den Sitzen der russischen Macht. Es ist einer der großartigsten Plätze der Welt; noch nie hatte ich seine strenge Majestät so gefühlt wie jetzt, da ich plötzlich aus endlosen, menschenleeren, grauen Ebenen hierherkam.

Kaum setzt der Fürst in der Garage des Automobilklubs den Fuß zur Erde, so überreicht ihm ein Klubmitglied der alten russischen Sittegemäß Brot und Salz als Zeichen der Gastfreundschaft. Damit ist die Feierlichkeit beendet, und wir können uns als einfache Privatleute im Hotel d’Europe der Volksbegeisterung entziehen. —

Am 20. Juli früh 4½ Uhr verließen wir die russische Hauptstadt, etwas müde von dem frühen Aufstehen nach nur drei Stunden Schlafs.

Das russische Komitee für die Fahrt, der Automobilklub und die italienische Kolonie hatten uns bei einem Bankett festgehalten, bei dem wir in unseren schmutzigen Reisekostümen erschienen waren. Das Ende des glänzenden Festes vermischte sich in unserer Erinnerung mit der Abfahrt. Als wir das Automobil wieder bestiegen, umdrängten uns viele der Gäste und wiederholten dieselben herzlichen Abschiedsworte und Wünsche, die sie uns wenige Stunden zuvor im Lichte der Kronleuchter bei erhobenem Glase ausgesprochen hatten.

Wir fuhren wieder durch die Straßen, die wir gekommen waren. Sie waren menschenleer und erschienen uns um so breiter und länger.

Als wir uns eine halbe Stunde später umwandten, sahen wir nur noch die in den Strahlen der aufgehenden Sonne glühenden Kirchturmspitzen über dem rosenfarbigen Nebel schweben.

Dank dem heiteren Wetter und der guten Straße kamen wir anfänglich rasch vorwärts. Dann aber strömte der Regen wolkenbruchartig nieder und begleitete uns mit größerer oder geringerer Ausdauer den ganzen Tag über.

Plötzlich wurden wir durch einen Unfall zum Halten genötigt: die rechte Hinterfeder war gebrochen. Die Schuld lag zum Teil an dem Kasaner Stahle, zum Teil an uns, weil wir alle Ersatzpneumatiks hinten auf das Automobil gelegt und so die Belastung der Feder gesteigert haben. In Moskau hatten wir uns mit einer Ersatzfeder versehen. In dem Augenblick, als wir sie an die Stelle der zerbrochenen bringen wollten, bemerkten wir leider, daß sie um einige Zentimeter zu kurz war! Ich weiß nicht, wie Ettore das Wundervollbracht hat, Tatsache ist, daß es ihm gelang, die neue Feder einzusetzen. Sie war etwas zu sehr gespannt, funktionierte nicht in der richtigen Stellung und senkte sich tiefer herab als die andere, aber sie gestattete uns schließlich doch, die Fahrt fortzusetzen. Um ihre Belastung zu vermindern, wiesen wir den Ersatzpneumatiks und dem Gepäck eine andere Stelle an, auf dem Hintersitz, meinem Platze. So fuhren wir alle drei wie einst in der Mongolei und Transbaikalien im vorderen Teile des Wagens vereint; der Platz auf dem Trittbrett kam wieder zu Ehren.

Wir kommen durch Luga, am Nachmittag durch Pskow.

Wenn es, was selten eintrat, nicht regnete, steigerten wir die Schnelligkeit, da wir beabsichtigten, die Nacht in Dwinsk, 530 Kilometer von Petersburg, zuzubringen.

Während eines kurzen Aufenthalts, den wir machen müssen, um eine Pneumatik auszuwechseln, bieten wir den um uns versammelten Bauern Zigaretten an. Es ist das größte Geschenk, das man dem Muschik, einem eingefleischten Raucher, machen kann. Er kann sich nicht immer den Luxus leisten, Zigaretten zu kaufen, und raucht daher den schlechtesten Tabak, den er in Papierfetzen einwickelt, von denen er immer die Taschen voll hat; eine alte Zeitung wird zu diesem Zweck sehr geschätzt. Aber zu unserer Überraschung weisen die Bauern das Geschenk zurück. Sie gehören zu der früher hart verfolgten Sekte der „Altgläubigen“, einer Art von bilderstürmenden Puritanern, die sich in Masse in diese Gegend geflüchtet haben. Mitbrüder von ihnen haben wir als Verbannte in Sibirien angetroffen. Wir befinden uns also außerhalb des orthodoxen Gebietes, unter Leuten, die man sozusagen vor die Tür des Kaiserreiches gejagt hat. Dicht an der Grenze wohnen die verfemten Teile der Bevölkerung, als wollten sie jeden Augenblick zur Flucht bereit sein.

Der Abend naht; wir sind noch 75 Kilometer von Dwinsk entfernt. Die Müdigkeit übermannt uns, wir würden gern haltmachen, aber das Gefilde ist öde. Da stoßen wir vor einem einsamen Walde auf ein stillstehendes herrschaftliches Automobil. Ein Bedienter inLivree steigt, als er uns kommen sieht, vom Wagen, macht ein Zeichen, daß wir halten möchten, und überreicht dem Fürsten die Einladung eines reichen Herrn, der uns Gastfreundschaft in seinem Hause anbietet. Das wartende Automobil soll uns den Weg zeigen. Nichts konnte uns willkommener sein, und fort geht es durch die Alleen eines großartigen Parkes.

Unser Gastfreund ist der Ingenieur Kerbedy, ein Pole, der Erbauer der transmandschurischen Eisenbahn und Direktor großer Eisenbahngesellschaften. Wie im Traume sehen wir uns aus dem Regen und dem Schmutze der Landstraße in warme Zimmer versetzt, von Lakaien bedient, aufgeheitert durch die überaus liebenswürdige Herzlichkeit der gastlichen Familie, die sich zu unserer freudigen Überraschung mit uns in fließendem Italienisch unterhält.

Bei einem Wetter, das eines scheußlichen Dezembertages würdig gewesen wäre, nahmen wir am 3. August früh 4 Uhr, vor Kälte zitternd, unsere Fahrt wieder auf.

Dwinsk schlief noch, als wir es durchfuhren. Welche Traurigkeit lag über jenen stillen Städten, die wir während ihres Schlummers besuchten! Sie erschienen wie tot.

Die breite Düna überschreiten wir auf der Eisenbahnbrücke, die für Eisenbahnzüge, Fußgänger und Wagen bestimmt ist, und kommen auf die prächtige Militärstraße des Grenzgebietes. Hier zeigt sich wenigstens ein praktischer Nutzen des Krieges! Um zum Kampfe gerüstet zu sein, legen die Nationen an ihren Grenzen herrliche Straßen an. Wir finden den Weg so gut, daß wir trotz des Regens 40 Kilometer in der Stunde fahren.

Die Eindrücke dieses Tages lassen sich in zwei Worte zusammenfassen: Gewitter und Kruzifixe. Alle halben Stunden ein heftiges, betäubendes Unwetter und überall nichts als riesige Kruzifixe, am Ufer der Teiche, auf den Feldern, am Saume der Wälder, am Eingange der Ortschaften. Zuweilen sind es figurenreiche Gruppen, mit Schnitzereien und naiven vielfarbigen Bildwerken verziert; durch siebekundet die polnische und lettische Bevölkerung, die früher religiösen Verfolgungen ausgesetzt war, feierlich ihren katholischen Glauben. Der Kampf stärkt den Glauben. Dieses Volk pflanzte seine Kruzifixe auf, wie man in der Schlacht das Banner entfaltet.

Kowno wird mit seinen roten Dächern ganz unvermutet vom Gipfel eines Hügels aus an den grünen Ufern des windungsreichen Riemen sichtbar. Die Stadt ist voller Gasthöfe mit italienischen Namen: Hotel Venezia, Napoli, Italia. Woher die seltsame Vorliebe der Gasthofsbesitzer von Kowno für unser Vaterland stammt, weiß ich nicht. Auf der Straße begegnen wir einem Automobil, von dem eine große weiße Fahne mit einer polnischen Inschrift weht. Es sind polnische Journalisten, die aus Warschau gekommen sind, um uns an die Grenze zu geleiten. Sie brechen in Hochrufe auf Italien aus, veranlaßt durch den angenehmen revolutionären Beigeschmack, den dieser Ruf ihrer Auffassung nach hat. Italien wird in Polen verehrt als die Sklavin, die sich erhob, kämpfte und frei wurde.

Die Kollegen erzählen uns dann ihr Abenteuer mit der Fahne. Das Tragen von Fahnen ohne Erlaubnis der Polizei ist verboten. Die Gendarmen hatten daher das Automobil angehalten und die behördliche Ermächtigung zum Führen der Fahne zu sehen verlangt.

„Aber das ist ja gar keine Fahne!“ hatten die polnischen Journalisten erwidert.

„Ja, es ist das denn sonst?“

„Es ist ein Firmenschild. Sind die Firmenschilder verboten?“

„Es scheint aber eine Fahne zu sein.“

„Scheint; es ist aber ein Firmenschild aus Stoff anstatt aus Holz oder Blech.“

„Was bedeuten jene Worte?“

„Lesen Sie sie doch!“

„Es ist Polnisch, das verstehen wir nicht.“

„Tut uns leid. In Polen spricht man polnisch. Das mußten Sie wissen, als Sie hierherkamen.“

„Schön! Ihre Namen! Sie werden der Polizei für Ihre Beleidigungen Rechenschaft geben.“

Die Fahne trug die Inschrift: „Warschauer Automobilfahrerbund.“

Während sie uns nach dem Gasthof geleiteten, holte uns ein Offizier ein; er war ganz außer Atem:

„Knjäs Borghese!“ rief er, „kommen Sie, bitte; die Frau Gouverneur erwartet Sie zum Wohltätigkeitsbasar des Roten Kreuzes.“

In einem Garten wurde ein Wohltätigkeitsbasar unter dem Protektorat der Gouverneurin veranstaltet, und diese liebenswürdige Dame hatte geglaubt, das Fest ertragreicher zu gestalten, indem sie uns und das Automobil zu dem bescheidenen Eintrittspreise von zehn Kopeken ausstellte. Die Idee war genial; wir lehnten aber höflich ab und zogen uns in den Gasthof zurück.

Wir hatten seit Petersburg 820 Kilometer zurückgelegt und waren nur noch wenige Stunden von der deutschen Grenze entfernt. In kurzer Zeit hatte sich alles um uns herum mit reißender Geschwindigkeit verwandelt: Rassen, Trachten und Sprachen. Seit mehr als einem Monat an die endlose Eintönigkeit des Russischen Reiches gewöhnt, hatten wir die Empfindung, als hätten wir unermeßliche Entfernungen durcheilt.

Wir hatten Kowno beim ersten Morgengrauen verlassen. An dem wieder heiter gewordenen Himmel blinkten noch einige Sterne, und die schmale Mondsichel verbreitete einen leichten Schimmer über die Kuppeln der Kathedrale. Aber unsere Eile, vor Tagesanbruch fortzukommen, wurde übel belohnt.

In der Dunkelheit verloren wir und unsere polnischen Freunde auf ihrem Automobil den Weg und verirrten uns in dem Labyrinthe der Befestigungen; von einer Schildwache wurden wir zur andern gewiesen. Gegen 4 Uhr fanden wir endlich die richtige zur Grenze führende Militärstraße wieder; es war eine seltsame Straße infolge der großen geweißten und symmetrisch längs der begrasten Ränder verteilten Steine, so daß sie einer Friedhofsstraße glich. Um 6 Uhrhatten wir die 100 Kilometer hinter uns, die uns noch vom Deutschen Reiche trennten. Dort liegt Wirballen, die letzte russische Stadt. —

41 Tage hatten wir gebraucht zur Durchquerung des Zarenreiches, in dem wir die größten Schwierigkeiten unserer Reise antrafen. Wir verließen es ohne Bedauern, aber nicht ohne Sympathie. Oftmals hätten wir das Automobil im Stiche lassen und auf die Durchführung unseres Unternehmens verzichten müssen, wenn wir bei den Bewohnern nicht stets Gutherzigkeit, Geduld und Gastfreundschaft gefunden hätten. Wir konnten an die kritischsten Augenblicke unserer Fahrt nicht zurückdenken, ohne daß uns die heitere, mystische, evangelisch-milde Gestalt des Muschik vor die Seele trat mit seinem blonden Barte, den langen Haaren, bemüht, uns aus dem Moraste herauszuhelfen, durch die Strömung der Flüsse hindurchzuführen und uns auch vor dem Hunger zu schützen.

Die Grenze ist durch eine kleine Brücke bezeichnet. An beiden Enden stehen an Pfählen, die mit Streifen in den Nationalfarben bemalt sind, zwei Wappen; sie sind einander zugekehrt: der russische Doppeladler beobachtet den deutschen einfachen Adler. Eine Kette sperrt den Zugang zur Brücke. Wir halten.

Unsere Pässe sind in einem Augenblicke visiert. Telegraphische Befehle haben alles im voraus geordnet, um uns jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Die russische Zollverwaltung erteilt sofort die Erlaubnis zum Passieren. Wir können weiterfahren.

Die Kette wird vor dem Automobil herabgelassen, das sich langsam von dem einen Kaiserreiche zum andern hinüberbewegt. Die wachehabenden Gorodowoi grüßen uns militärisch steif. Rasselnd hebt sich die Kette hinter uns. — —

Wir sind in Deutschland!

Zwei deutsche Gendarmen mit der Pickelhaube legen die Hand an den Helm. In diesem Augenblick nähert sich uns ein Brausen von Motoren, untermischt mit fröhlichem Hörnerklange: drei Automobile erscheinen pfeilschnell auf der deutschen Straße.

Im Nu sind sie in unserer Nähe und halten, und es ertönt der erste deutsche Gruß, ein dreifaches „Hoch!“, zu gleicher Zeit von zehn Stimmen ausgebracht, während sich zehn Mützen in der Luft bewegen. Es sind Mitglieder der Sektion Königsberg des Kaiserlichen Automobilklubs. Wir antworten bewegten Herzens. Von diesem Augenblicke an traten wir gleichsam unter den hohen Schutz des Kaiserlichen Klubs, ein Schutz, der uns von Stadt zu Stadt geleitete und uns das wohltuende Gefühl verschaffte, überall eines freundschaftlichen Empfanges sicher zu sein.

Auch in der deutschen Grenzstation Eydtkuhnen werden die Zollgeschäfte rasch erledigt; eine Nummer wird an das Automobil befestigt, und wir erhalten die Erlaubnis, uns auf deutschem Boden frei bewegen zu dürfen; sie ist begleitet von einem Chauffeurpatent, das dem Fürsten ohne Examen eingehändigt wird. Um 7 Uhr brechen wir alle nach dem 150 Kilometer entfernten Königsberg auf.

Die Straße ist wundervoll; sie ist von Bäumen eingefaßt, unter deren Schatten wir dahinfliegen. Wir fahren durch Stallupönen mit seinen weiten roten Kasernen, die von Pickelhauben wimmeln, dann folgen Gumbinnen, Insterburg, Wehlau, alles Städtchen, von denen wir beim Dahinjagen kaum ein Bild erhaschen, schmuck, in Ordnung gehalten, von frischem, sauberem Aussehen, als seien sie eben erst erbaut.

In Königsberg langen wir um 10 Uhr an. Es ist eine elegante, malerische Stadt mit ihren alten Giebelhäusern, ihren schrägen Dächern, auf deren oberstem Rande Freund Adebar unbeweglich und sinnend dasteht, mit den spitzen Türmen und den altertümlichen Befestigungen, die mit Zugbrücken, die sich nicht mehr heben, ausgestattet sind. Alles fliegt in schwindelnder Eile, in bezaubernder Verwirrung an uns vorüber.

Von den Kollegen vom Automobilklub werden wir zu einem Frühstück in einem Gasthofe genötigt. Die Menge drängt sich an unserer Tür, eine disziplinierte, geschulte Menge, die uns mit taktmäßig im Chor aufgebrachten „Hochs“ begrüßt. Schüchtern überreicht uns ein kleines Mädchen Blumen und ergreift dann die Flucht.

Um 2 Uhr befinden wir uns wieder im Schatten der Bäume der großen Landstraße, und das schwindelerregende Vorbeihuschen einer Landschaft, die keine Zeit hat, sich unserem Gedächtnisse einzuprägen, nimmt von neuem seinen Anfang.

Es sind zierliche Dörfer, die aussehen, als habe sie ein Künstler verteilt, um Gemälde in der Natur herzustellen, Seen, Teiche, in denen sich das dichte Laub der Gebüsche widerspiegelt, Kanäle voller Kähne. Mit einem Male stoßen wir einen Ruf der Bewunderung aus: wir erblicken am Horizont das blaue Meer. Es ist das Frische Haff, das in Regenbogenfarben flimmert wie eine ungeheuere Muschel. Jenseits desselben verschwimmt in der Ferne die Danziger Bucht. In diesem blauen Duft bewegen sich Segelboote, weiße, schwebende Pünktchen. Freudig begrüßen wir dieses vom Atlantischen Ozean gespeiste Meer. „Gott zum Gruß, altes heimisches Meer! wir bringen dir Grüße vom Stillen Ozean!“

Um 3 Uhr kommen wir durch Braunsberg, eine halbe Stunde später nach Elbing. Um 4 Uhr kommt uns ein Bild aus dem Mittelalter zu Gesicht: die Marienburg, das phantastische Schloß, das Wilhelm II. so liebt, eine eindrucksvolle Heraufbeschwörung der Zeit vor sieben Jahrhunderten, imponierend großartig, einzigartig, halb Burg, halb Kirche, umgeben von alten, windschiefen Häusern, die aussehen, als neigten sie sich über das Gewässer der Nogat, um sich in deren ruhigen Fluten zu spiegeln.

Wenige Minuten später ist Marienburg in der Ferne verschwunden. Dirschau kommt mit seiner monumentalen Weichselbrücke, schließlich Preußisch-Stargard, ein bescheidenes Städtchen, das uns zur Ruhe einlädt. Es ist spät, und wir beschließen hier zu übernachten, so sehr verlockt uns die Ruhe des Ortes.

Bis Paris haben wir nur noch wenig mehr als 1500 Kilometer!

Das Ziel rückt näher.

Wechselnde Bilder. — Landsberg a. d. W. — Popularität ist lästig. — Berlin. — Von der Spree zum Rhein. — Auf belgischem Boden.

Von der Höhe des alten Kirchturmes von Preußisch-Stargard schlug es 6 Uhr, als wir am 5. August auf dem menschenleeren Marktplatz die Maschine bestiegen.

Seit Moskau hatten wir nicht mehr bis zu so später Stunde geruht; aber die Güte der Straße gestattete uns, etwas länger im Bett zu bleiben, da wir sicher waren, rasch den festgesetzten Haltepunkt zu erreichen. Heute abend sollten wir in Landsberg a. d. W. sein, das nur 130 Kilometer von Berlin entfernt liegt. Das Programm zu unserem Empfange beruhte auf dieser Voraussetzung. Am nächsten Tage sollten wir um 9 Uhr in Küstrin eintreffen, wo uns viele Automobile des Kaiserlichen Klubs erwarten wollten, um uns nach Berlin zu geleiten; unseren Einzug in diese Stadt sollten wir punkt 12 Uhr halten; auf 1 Uhr war ein Frühstück im Kasino des Automobilklubs angesetzt.

Statt dessen waren wir schon am selben Tage in Berlin; wir waren zu schnell gefahren! Seine Gastfreunde warten zu lassen, ist schlimm, aber früher anzukommen, ist noch schlimmer! Wir mußten unseren groben Verstoß, der das ganze Empfangsprogramm über den Haufen warf, nach Möglichkeit wieder gutmachen, und dies geschahdadurch, daß wir uns in der Hauptstadt der Pünktlichkeit als nicht angekommen betrachteten! Offiziell waren wir noch unterwegs nach Berlin, und das Bankettprogramm blieb für den nächsten Tag bestehen. Nur der feierliche Empfang war unrettbar ins Wasser gefallen!

Der Weg von Preußisch-Stargard an war entzückend; der Himmel war strahlend heiter, wie wir ihn seit langer Zeit nicht gesehen hatten. Fast sechs Wochen lang waren wir vom Regen verfolgt worden. Es war auch der erste Tag, seit wir die Mongolei verlassen hatten, an dem wir in den ersten Morgenstunden nicht unter der Kälte litten. Je weiter wir auf unserer raschen Fahrt nach Süden kamen, desto mehr fühlten wir die Sommerwärme unsere Glieder umspielen. Welch angenehme Empfindung war diese Rückkehr in eine Atmosphäre wie unsere heimische, die wonnige Heimkehr ins Vaterland! Mit welcher Freude legten wir die Pelze zum Gepäck!

Von 6 bis 11 Uhr fuhren wir sogar 60 Kilometer in der Stunde und erfreuten uns an der unendlichen Poesie der mit reifendem Getreide und Blumen bedeckten Felder; hier und da tauchten Gehölze auf, zwischen denen die spitzen roten Dächer friedlicher Dörfer hervorlugten. Durch wie viele kleine Städte wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr; phantastisch verwirrten sich kaum gesehene und wieder verschwundene Dinge, Bilder, die wie ein Blitz vor unseren Augen vorüberzuckten, während uns bei unserer schwindelerregenden Schnelligkeit der Wind um die Ohren sauste!

Mitunter führte die Straße so tief in das Dunkel der Wälder hinein, daß wir an die sibirische Taiga erinnert wurden. Die Kiefernwälder hauchten in der Sonnenwärme ihren Duft aus. Für kurze Zeit kehrten wir in die von der Hand des Menschen unberührt gebliebene Natur zurück. Schlankes Wild springt über die Straße, wie in den Wäldern des Urals. Nach wenigen Minuten aber schwindet der Schatten und der Wald liegt in weiter Ferne hinter uns. Unser Blick schweift über sonnenbeschienene Felder, auf denen Landleute das Getreide mähen. Es kommen riesige, mit Garben und Heu beladene Wagen,auf denen Scharen lustiger, die blitzenden Sensen in die Höhe haltender Leute sitzen.

Wir kommen durch Czersk, Flatow, Dörfer, die kleinen Städten gleichen, im Unterschied zu Rußland, wo viele Städte großen Dörfern gleichen. Wir kommen durch Deutsch-Krone und treffen um 11 Uhr in Landsberg a. d. W. ein; beide Städte haben schon einen gewissen Anstrich von Klein-Berlin. Während wir langsam die Hauptstraße entlang fahren, ruft eine ängstliche Stimme: „Fürst Borghese!“

Jemand läuft hinter unserem Automobil her. Der Fürst erkennt in dem uns Verfolgenden einen der Direktoren der „Itala“-Werke. Außer Atem, ohne Hut, mit geröteten Augen begrüßt er uns freudig. Ihm folgt ein blonder Kollege von mir, vom „Berliner Lokalanzeiger“, auch er mit bloßem Kopfe. Sie waren die ganze Nacht im Automobil umhergefahren und hatten uns von Stadt zu Stadt gesucht; sie waren bis Dirschau gekommen und hatten vergebens nach uns gefragt. Zweimal waren sie unter den Fenstern des kleinen Gasthofes in Pr.-Stargard vorübergefahren, in dem wir sanft inkognito schliefen. Sie glaubten schon an irgendeine furchtbare Katastrophe und vermuteten, wir seien samt dem Automobil zugrunde gegangen, als sie von dem Fenster einer Bierstube aus uns unvermutet vorüberkommen sahen!

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft unter der Menge, die sich um uns ansammelte.

„Die Chinesen!“ ruft man, „die Chinesen!“

Wie auf Zauberschlag erscheinen Zeitungskorrespondenten und Photographen. Die Straßenbahnwagen halten, und die Fahrgäste betrachten uns verwundert durch die Wagenfenster. Die Schaffner vergessen ihren Dienst und stellen sich auf die Plattform; Polizisten eilen herbei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubbedeckt, mit unseren scheußlichen, in Petersburg eingeweihten Automobilbrillen, die uns das Aussehen von Fröschen verleihen, halten wir uns dieser Bewunderung so wenig würdig, daß wir uns in eine Bierstube flüchten, um Bier und Ruhe zu finden. Dann entschließen wir uns zur Weiterfahrt nachBerlin, und um 1 Uhr rollen wir von neuem in der offenen Landschaft dahin. Einige Stunden später begegnen wir drei beflaggten Automobilen; es sind „Itala“-Maschinen aus Berlin. Sie sind besetzt mit Kollegen vom Automobilsport und Journalismus, unter denen sich Korrespondenten der hauptsächlichsten Blätter Italiens befinden. Der Telegraph hatte, während wir in Landsberg ahnungslos das frische Bier tranken, den Berliner Zeitungen die Nachricht unserer Ankunft gemeldet, und die Herren waren uns entgegengefahren. Es ertönen Evvivas und Hochs, Grüße und Händedrücke werden ausgetauscht, bis sich unsere Karawane in Bewegung setzt.

Wir halten in dem Städtchen Müncheberg, wo wir uns erinnern, daß wir noch nicht gefrühstückt haben; in einem kleinen Restaurant essen wir in einer Laube Frankfurter Würstchen, trinken eiskaltes Bier und halten den Interviewern stand, während ein Kranz von photographischen Apparaten sich darin gefällt, unsere Gesichtszüge im Bilde zu verewigen. Ein Zeichner porträtiert uns von allen Seiten. Nicht bewegen können wir uns, ohne irgendeinen Photographen zu erzürnen; dieser bittet uns, ihm das Profil zuzuwenden, jener, geradeaus in das Objektiv zu schauen. Wir wollen fort. Nein, wir können nicht. Gebieterische Stimmen erschallen: „Einen Augenblick noch halten Sie still! So!“ Die Popularität ist lästig. Die Wüste Gobi hatte doch ihre guten Seiten!

Nachdem endlich Platten und Films erschöpft sind, wird uns die Freiheit wiedergegeben. Wir nehmen auf den Automobilen Platz, die sich in Bewegung setzen, und rollen auf Berlin zu inmitten einer dichten Staubwolke, ohne etwas vor oder hinter uns zu sehen. Wir jagen dahin, wie in Sibirien an den nebelerfüllten Morgen, wenn sich der Weg auf wenige Schritt Entfernung in geheimnisvollem Grau verlor.


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