Zehntes Kapitel.

Mongolinnen vom Iro.Mongolinnen vom Iro.

Mongolinnen vom Iro.

Mongolinnen vom Iro.

Inzwischen hatte sich das Rad der höherliegenden Seite dermaßen gesenkt, daß es an die Karosserie anstieß und alle Augenblicke ein drohendes Knirschen hören ließ. Ich bat die Gattin des Stabsarztes, deren Erzählung ich mit solchem Skeptizismus aufgenommen hatte, im stillen um Verzeihung. Wir mußten uns dicht an der Stelle befinden, an der ihr Tarantaß steckengeblieben war, und ein Tarantaß wiegt nicht den zehnten Teil eines Automobils.

Wir sagten uns, daß Urga in der Nähe sei, wenig mehr als eine Stunde Weges entfernt, daß wir in drei Stunden mit einer Schar von Menschen, mit einer Ladung von Brettern und Balken, mit Pferden zurück sein könnten... Aber wir konnten uns nicht dazu entschließen, Hilfe zu holen. Es handelte sich um eine Frage des Ehrgeizes, eine ehrenhafte Schwäche. Wir stellten uns vor, wie einer von uns, zu Fuß, ermattet, beschmutzt nach der Bank zurückkehrte, wir stellten unsdas Erstaunen unserer Gastfreunde vor, die Erzählung des Unglücksfalls und das Eingeständnis unserer Ohnmacht, die großmütigen Anerbietungen von Hilfe, die Menschen, welche kamen, um das besiegte Automobil zu sehen — dasselbe Automobil, das mit solch rasender Geschwindigkeit durch die Straßen von Urga gefahren war! — Wir stellten uns all dies vor und wir glaubten uns damit einer unbeschreiblichen Demütigung auszusetzen. Nein, nein, wir mußten aus unserer fatalen Lage mit Mitteln herauskommen, die wir an Ort und Stelle fanden. Ein Kapitän, dessen Schiff auf eine Klippe aufgelaufen ist, tut alles mögliche, um es freizubekommen, ehe er das Notsignal hißt. Wir empfanden diese Art Stolz.

„Wenn wir nur Balken hätten!“ riefen wir aus, indem wir uns umsahen, als könnten die Balken aus dem Erdboden herauswachsen.

„O, unsere Schutzbretter!“

In diesem Augenblicke zog eine von Mongolen geführte Karawane von Ochsenwagen, die nach Urga wollte, in der Entfernung von wenigen hundert Metern an uns vorüber. Sie hatte sich langsam genähert, ohne daß wir, von unserer fruchtlosen Arbeit ganz in Anspruch genommen, darauf geachtet hätten. Kaum aber bemerkten wir sie, so verstanden wir uns, ohne ein Wort zu äußern, und stürzten im Sturmschritt auf jene lange Wagenreihe. Die Wagen waren mit Balken beladen! Es waren dünne Kiefernstämme, ohne Zweifel bestimmt zum Bau der traditionellen Palissadenwände der heiligen Stadt.

Einige Münzen überzeugten die Mongolen von unserer ehrlichen Absicht. Das übrige hatten sie zweifellos verstanden, weil sie derlei Unfälle aus Erfahrung kannten. Wir luden uns jeder einen Balken auf die Schulter, die Mongolen taten dasselbe, und im Trabe ging es zum Automobil zurück. Indem wir probierten und wieder probierten, die Stämme in allen möglichen und erdenkbaren Arten verwandten, gelang es uns, ein System von Hebeln ausfindig zu machen, das imstande war, uns bei dieser und bei allen andern zukünftigen Gelegenheiten Rettung zu verschaffen.

Das System war höchst einfach. Man stelle sich einen zweiarmigen Hebel vor, dessen am äußersten Ende gelegener Stützpunkt einem andern ebenfalls zweiarmigen Hebel als Unterlage dient, welcher seinerseits auf den Rand des eingesunkenen Rades wirkt. Sind die Balken von gehöriger Länge, so genügt die Kraft zweier Männer, um ein Automobil zu heben, und verfügt man über die Hilfe von vier bis fünf Personen, so reicht ein einziger Hebel aus, um zum Ziele zu gelangen. In demselben Maße, wie wir die Maschine unter der freiwilligen Mitarbeit jener wackeren Karawanenführer wieder aufrichteten, füllten wir den von den Rädern gewühlten Hohlraum mit Steinen aus, die wir aus einem nahen Graben holten. Das Automobil drückte vermöge seines Gewichts bei jedem Nachlassen der Arbeit die Steine in den Morast hinein, aber es waren deren so viele, daß schließlich eine feste Grundlage, ein förmliches Mauerwerk entstand.

Nach zweieinhalb Stunden angestrengter Tätigkeit hatten wir alle vier Räder auf das Niveau des Bodens gehoben. Es blieb uns nur noch übrig, die Maschine rückwärts von dem unsicheren Gelände wegzuziehen. Wir holten die Seile hervor, die wir fest an das Chassis banden, und begannen im Verein mit den Mongolen mit aller Kraft zu ziehen; aber es gelang uns nicht, den schweren Wagen auch nur um eines Zolles Breite von der Stelle zu rücken, da er zwischen den Steinen und dem Erdreich eingekeilt war. Den Motor in Bewegung zu setzen, wagten wir nicht, da wir befürchteten, er könne durch seinen plötzlichen Antrieb ein neues Einsinken herbeiführen.

„Aber wir haben ja die Ochsen, die Ochsen der Wagen!“ rief der Fürst.

Die großen Gedanken sind die einfachsten. Fünf Minuten später waren drei Ochsen an das Automobil gespannt. Inzwischen hatten sich auch andere Leute eingefunden; einige Hirten kamen herbei, um zu sehen, was sich da Außergewöhnliches in ihrer Steppe zutrug, etliche Lamas aus einem Kloster, das wir von einer benachbarten Anhöhe herüberschimmern sahen, Frauen, die aus einem entfernten Jurtenlager kamen.Die Ochsen, mit Peitschenhieben angetrieben, zogen willig, aber ohne sichtbaren Erfolg; dann spannten wir uns neben den Ochsen an und mit uns die Karawanenführer und alle übrigen Anwesenden, die Hirten, die Lamas und die Frauen. Wo ein Stückchen Seil freiblieb, griff eine Hand zu; endlich entschloß sich der Wagen, uns auf den Weg der Rettung zu folgen! Alle die hilfreichen Hände wurden uns nun wieder offen entgegengestreckt und erhielten den verdienten Lohn für ihre Mühen. Einer der Männer sprach etwas russisch.

„Welches ist die Straße nach Kiachta?“ fragte ihn der Fürst.

„Es gibt zwei Straßen nach Kiachta,“ erwiderte er; „die eine führt über das Gebirge, die andere über die Ebene. Die über die Ebene ist die bessere.“

„Wo liegt die bessere?“

„Es ist die, auf der wir uns befinden.“

„Dann zeigen Sie uns, bitte, die schlechtere.“

Er wies sie uns. Nach Beendigung unserer Vorbereitungen und nachdem Seile, Bretter und Werkzeuge wieder an Ort und Stelle gebracht worden waren, wandten wir uns nach jener Richtung. Unsere Abfahrt erregte berechtigtes Erstaunen bei allen Leuten, die uns loszukommen geholfen hatten. Sie hatten uns nicht kommen sehen und glaubten vielleicht, es handle sich um einen sonderbaren Lastwagen, dessen Pferde fortgeführt worden seien. Das Geräusch des in Tätigkeit gesetzten Motors ließ sie mit einer Gebärde der Furcht zurückfahren; die Bewegung des Automobils reizte sie zum Lachen. Wir haben diese erheiternde Wirkung des Automobils bei allen naiven und schlichten Bevölkerungen beobachten können; die Bewunderung ist die ausschließliche Empfindung des Wissenden.

Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme versunken.Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme versunken.

Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme versunken.

Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme versunken.

Der Weg schlängelte sich durch Täler und überschritt Hügel; er war etwas steinig, mitunter etwas steil, und würde für Wagen mit Pferden sehr schlecht, wenn nicht unpassierbar gewesen sein. Er zwang uns, sehr langsam und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln zu fahren; aber wir waren mit ihm zufrieden. „Wenigstens versinkt manhier nicht!“ riefen wir jeden Augenblick. Das Wetter war schön geworden, der Morgen war bezaubernd. Wir fuhren am Rande blumengeschmückter Wiesen dahin, kamen an Birkenwäldchen vorüber, atmeten die duftige Frische des Frühlings in vollen Zügen ein und konnten uns nicht satt sehen an all diesen uns so neuen Dingen. Die Stunden verflossen ohne Langeweile. Nach dem Zwischenfall mit dem Sumpfe fanden wir alles leicht, alles einfach; wir hatten Geduld gelernt. Wenn wir von der Straße abirrten und uns nach den hervorstechendsten Landmarken sowie nach den unvollständigen Angaben der Karte orientieren mußten, so fanden wir uns mit guter Laune in unser Schicksal. „Besser als einsinken!“ wiederholten wir uns zum Troste. Die im Sumpfe überstandene Gefahr hatte uns neue Tugenden eingetragen.

Die Maschine erklomm die steilsten Abhänge mit Leichtigkeit. Um 10 Uhr befanden wir uns auf dem Gipfel eines hohen Hügels, wo wir anhielten, um eine herrliche Landschaft zu bewundern. Hinter uns zog sich ein Gelände mit einer abwechslungsreichen Abstufung höherer und niederer grüner Hügel hin, bis es, im Duft der Ferne verschwimmend, in das große, von leuchtendem Blau erfüllte Tal des Tola überging. Urga war nicht mehr sichtbar; es verbarg sich hinter dem Absturz der letzten fernen Höhen. Aber wie um seine Lage zu bezeichnen, um dem frommen lamaistischen Wanderer anzugeben, wohin er den sehnsüchtigen Blick richten solle, um den heiligen Sitz des lebenden Buddhas zu entdecken, erhob sich auf dem einen Berggipfel eine weiße Pagode; sie schien in der Sonne zu funkeln. Mongolische Reiter, dem Äußern nach Soldaten, waren von ihren Pferden gestiegen und spähten nach Urga hin. Wir rissen sie durch unseren Motor, der ihre Pferde unruhig machte, aus ihren Betrachtungen. Dann setzten wir unsere Fahrt rasch fort.

Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Jener Hügel, der uns ein so malerisches Schauspiel geboten hatte, hatte eine unheilvolle Kehrseite. Der Pfad senkte sich jäh in gerader Linie vom Gipfel biszum Fuße; er war voller Steine, Kiesel und Felsblöcke und wandte sich ganz nach links, wo er am Rande eines Abgrundes entlang lief.

Ettore, welcher steuerte, zog sofort die beiden stärksten Bremsen an und schaltete die Transmission aus. Der Wagen glitt einige Meter abwärts auf fast unbeweglichen Laufrädern und sprang über Kiesel, bis er an große Steine stieß und stehenblieb. Die Bremsen wurden allmählich gelockert, aber die Maschine bewegte sich nicht.

„Die Steine vor den Rädern müssen fortgenommen werden“, bemerkte Ettore.

Der Fürst und ich stiegen ab, um diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Aber die Steine saßen fest in der Erde, und es gelang uns nicht, sie fortzuwälzen.

„Es tut nichts,“ versetzte Ettore, „mit einem kleinen Ruck des Motors komme ich über die Steine und fahre voraus.“

Gesagt, getan; er schaltete die Transmission wieder ein. Wenig fehlte, so hätte dieses Manöver zu einer Katastrophe geführt! Die Neigung der Straße war so stark, daß das Automobil nach Überwindung des Hindernisses trotz Anwendung der Fußbremse den Abhang unaufhaltbar hinuntersauste, und in der kurzen Zeit, die Ettore brauchte, um auch die stärkere Handbremse anzuziehen, war die Geschwindigkeit zu groß geworden, um sie noch beherrschen zu können. Die Maschine hatte die Oberhand gewonnen. Sie schoß mit solchem Ungestüm über die Steine hinweg, daß sie bei jedem Stoß in die Höhe sprang. Mitunter richtete sie sich wie beflügelt auf den Hinterrädern empor und fiel krachend zurück. Sie erlitt heftige Schwankungen, die sie von einer Seite auf die andere schleuderten; das Gepäck löste sich; man hörte ein unheilverkündendes Klirren von Eisenteilen. Fürst Borghese hatte sich an das wütende Ungetüm angeklammert und wurde von ihm heftig mitgerissen und hin und her geschüttelt.

Er hatte sich neben der Maschine befunden, als Ettore den Motor in Bewegung setzte, und als er sie davonsausen sah, hatte er einen raschen Versuch gemacht, sie aufzuhalten. Einen Augenblick setzte er,getrieben von einem unüberlegten, verzweifelten Verlangen, sie zu retten, ihrem Hinuntergleiten einen erbitterten, aber nutzlosen Widerstand entgegen. Er hatte die Gefahr bemerkt und kämpfte instinktmäßig gegen das Unvermeidliche an, indem er alle seine Kräfte und all seinen Willen daransetzte.

„Bremsen! bremsen! bremsen!“ rief er dabei.

Da er die Maschine nicht aufhalten konnte, wollte er sie begleiten. Er konnte sich nicht entschließen, loszulassen. Sich fest an die Karosserie anklammernd, machte er alle Sprünge und Schwankungen mit. Ettore schwieg. Über das Steuerrad gebeugt, sammelte er alle seine Energie, aufmerksam nach dem Augenblick spähend, in dem er die Herrschaft über seine Maschine wiedergewinnen könne. Seine Geistesgegenwart errang schließlich den Sieg. Ich habe schon erwähnt, daß der Weg sich nach links wandte; an einem Punkte, wo diese Neigung besonders bemerkbar war, lenkte Ettore plötzlich nach rechts hinüber und ließ das Automobil auf große Steine auflaufen. Es machte einen großen Satz, mäßigte aber seine Geschwindigkeit. Wenige Minuten später war es gebändigt und setzte den Abstieg fort, gelehrig dem Willen seines Führers gehorchend.

Die rasende Fahrt hatte nicht länger als 20 Sekunden gedauert, aber sie erschien uns endlos! Ich war zu Fuß hinterdrein gelaufen und hatte „halt, halt!“ gerufen, ohne zu wissen weshalb. Ich erreichte das Automobil, als es unten auf der Straße stand. Die stillstehende Maschine verbreitete einen unangenehmen Geruch nach verbranntem Öl und ließ ein leises, reibendes Geräusch hören.

„Diesmal haben wir sie noch glücklich gerettet!“ rief Ettore, während er von seinem Sitze stieg und sich den Schweiß abtrocknete. „Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ein Wunder!“ und zu mir gewandt, fragte er lachend: „Haben Sie gesehen, was sie für Sätze machte?“

„Und ob! Als ob alles aus Rand und Band gehen sollte!“

„Auch ich glaubte es. Es gab einen Augenblick, in dem ich alles für verloren hielt. Ich dachte: Hier werden wir zerschmettert!“

„Welcher Augenblick war dies?“

„Haben Sie bemerkt, daß ich auf halbem Wege etwas nach rechts abgebogen bin?“

„Jawohl.“

„Damals. Ich sagte zu ihr: Entweder du parierst oder du gehst in Trümmer!“

„Sie hat pariert. Aber die Bremsen wirkten ja nicht?“

„Sie wirkten schon, aber um sie fest anzuziehen, braucht man viel Öl, und sie fassen nicht sofort, sie schleifen. Auf der Straße geht es wundervoll; aber sind das Straßen? Wir haben alle Alpenstraßen ‚gemacht‘, nicht wahr, Durchlaucht, und niemals ist uns ähnliches passiert.“

Der Fürst lächelte, während er den auf so ungewöhnliche Weise zurückgelegten Weg betrachtete, und schien ganz darein vertieft, die Erinnerung daran festzuhalten. Nach überstandener Gefahr empfindet man stets Freude. Dann gab er sich einen Ruck und rief:

„Vorwärts! Es ist spät. Heute abend möchte ich mein Lager am Ufer des Iro aufschlagen.“

Die Maschine wurde auf das sorgfältigste geprüft. Sie wies keinerlei Beschädigung auf. Wir hoben das Gepäck auf, banden es fest und fuhren rasch davon, nachdem wir unsere Plätze wieder eingenommen hatten.

„Man sagt,“ bemerkte Fürst Borghese scherzend zu mir, „daß, wenn sich zwei Unglücksfälle an einem Tage ereignet haben, noch ein dritter eintritt.“

„Sollen wir uns auf den dritten vorbereiten?“ fragte ich lachend.

Wir schienen diesen dritten herauszufordern. Er möge nur kommen! Wir fühlten uns um eine neue Erfahrung bereichert; wir kannten jetzt die Gefahren der Ebene und die des Gebirges. Was hatten wir noch zu befürchten? Wir hatten unrecht. Wir sollten uns nur zu bald davon überzeugen!

Der dritte kam!

Auf dem Wege nach Kiachta.

Der dritte Unglücksfall. — Unter Mongolen und Burjaten. — Eine nächtliche Fahrt. — Der Übergang über den Iro. — Der erste Wald. — Kiachta.

Die von den Karawanen benutzte Straße zwischen Urga und Kiachta überschreitet eine Berggruppe, die von den Flüssen Chara-gol und Iro begrenzt wird, welche beide von Osten nach Westen fließen und sich in den Orchon ergießen, den größten Nebenfluß der Selenga. Diese Berge, die ihren Namen nach dem Chara-gol tragen, nach Angabe der Landkarten aber auch Argalberge heißen, sind abschüssig und steinig. Die Straße wurde uns als sehr schwer passierbar geschildert. Deshalb faßten wir den Entschluß, sie zu umgehen.

Wir wollten im Bogen um die verrufenen Berge herumfahren, indem wir uns dem Tale des Orchon näherten. Stunde um Stunde fuhren wir, uns nur auf unseren gesunden Menschenverstand verlassend, über Hügel auf Wegen und Pfaden, die wir je nach der Himmelsrichtung einschlugen, durchquerten Ebenen und durchzogen Täler. Nicht selten war es der Fall, daß eine anscheinende Straße uns in unwegsames Gelände führte und uns auf Pfade brachte, die nur Ziegen erklettern konnten, so daß wir geduldig wieder zur ersten Weggabelung zurückkehren mußten. Wo wir konnten, zogen wir bei Hirten und bei Karawanenführern Erkundigungen ein, aber die Antwortenwaren stets unbestimmt. Die meisten zeigten nach Norden; Kiachta lag im Norden, und sie kannten keine bessere Art und Weise, dorthinzukommen, als indem sie sich nach dieser Richtung wandten.

Wir trauten den einsamen Pfaden nicht; oft stiegen wir vom Wagen, um zu untersuchen, ob die Wegspuren frisch oder alt seien, und zogen unbetretenes Gelände einem verlassenen Pfade vor, weil dieser stets aus irgendwelchen schwerwiegenden Gründen aufgegeben worden war. Das Aufgeben deutete aber eine Gefahr an. Wenn wir dann zu Fuß genauer nachforschten, fanden wir, daß weiterhin das Gelände überschwemmt oder sumpfig war, oder auch daß das Wasser eine breite Vertiefung ausgehöhlt hatte. Mitunter kam es vor, daß wir frische Wegspuren plötzlich unterbrochen fanden. Wenn wir nachforschten, so bemerkten wir am Grase, daß sie von der gewünschten Richtung abwichen, und wir taten dasselbe. So zogen wir aus den Erfahrungen der Nomaden und der Karawanenführer mannigfaltigen Nutzen. Leute, die vor mehreren Tagen hier vorbeigekommen waren und sich jetzt wer weiß wie weit von uns befanden, dienten uns als Führer, als ob sie noch zugegen wären und uns vorausschritten.

Um 2 Uhr nachmittags gelangten wir auf eine grüne Ebene, die mit Sträuchern und hohem Grase bewachsen war; im ersten Augenblick bemerkten wir nicht, daß sie eine Sumpfvegetation trug. Wir nahmen an, daß der Fluß Chara-gol nicht mehr allzu weit entfernt sein könne. Vor uns erhoben sich die ersten Gipfel der Argalberge. Mit einem Male sahen wir, daß die Straße verlassen war. Wir hatten kaum Zeit, rasch ein Wort zu wechseln, als das Automobil schon versank und plötzlich stillstand. Es war mit großer Geschwindigkeit in einen Sumpf gefahren, dessen von der Sonne ausgetrocknete Decke ganz den Anschein festen Erdreiches bot. Diesmal hatte sich die Maschine nach rechts geneigt.

Wir sprangen zur Erde und stellten eine seltsame Erscheinung fest, die uns sofort allen Mut benahm: der Boden schwankte unterunseren Füßen! Es war, als schritten wir über Korkstücke, die auf dem Wasser schwammen. Die Decke gab nach, ohne zu zerreißen; sie senkte sich unter dem Drucke des Fußes und erhob sich wieder, sobald der Fuß weggenommen war. Das Gelände machte den Eindruck einer weiten Kautschukfläche. Es war klar, daß sich unter einer dünnen Oberfläche tiefes Wasser befand; wir glaubten über einem abgrundtiefen Sumpfe zu wandeln. Wir wollten den Boden untersuchen und stießen den Spatenstiel hinein; wie in Wasser glitt der lange Stab hinab. Schrecken erfaßte uns, denn wir sahen ein, daß diese morastige Masse das Automobil verschlingen müsse, wenn es uns nicht gelänge, es sofort in Sicherheit zu bringen!

Wir blickten uns um. Wir waren allein. Die Ebene, schweigsam und heiß, lag öde vor uns. Wir begannen zu arbeiten, aber mit der Angst im Herzen, daß es vergebliche Mühe sein werde.

Wir erfüllten nur eine Pflicht; wir wollten nicht ohne Kampf unterliegen. So schickten wir uns an, unsere Maschine mit allen Kräften dem morastigen Abgrunde streitig zu machen, aber ohne Aussicht auf Erfolg, wie jemand, der dem Tode das Leben eines teuern, aber rettungslos verlorenen Wesens abzuringen sucht. Wir arbeiteten, um uns selbst zu betrügen, um uns der Illusion hinzugeben, als könnten wir etwas nützen, und wußten sehr wohl, daß wir drei allein nichts ausrichten konnten. Ortschaften gab es nicht in der Nähe, wo wir hätten um Hilfe bitten, von wo wir Arbeiter, Maschinen, Werkzeuge hätten holen können.

„Wenn wir doch ein Pferd fänden!“ sagte Don Scipione.

„Wenn wir ein Pferd fänden, so würde ich nach Urga reiten, würde in der Nacht dort eintreffen und morgen abend wäre ich mit Leuten wieder zurück!“

Es war zu spät! Morgen abend würde die Maschine schon versunken sein!

„Diesmal ist es vorbei!“ rief der Fürst wiederholt, er, der sonst bei keiner Gelegenheit den Mut verlor. „Jetzt ist es vorbei! Als wirheute morgen das erstemal einsanken, war ich überzeugt, daß wir sie herausgraben würden, aber jetzt ...!“

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

Wir sahen uns in Gedanken schon auf dem langen Fußmarsche nach Kiachta über das Chara-gol-Gebirge hinweg, mit einem Sacke auf dem Rücken, schweigend wie Kriegsgefangene, die erfüllt sind von dem Gedanken an eine verlorene Schlacht.

Die Benutzung der Winden würde kein anderes Ergebnis zur Folge gehabt haben, als diese selbst in den Boden versinken zu lassen und die dünne feste Erdschicht, die das Automobil noch hielt, zu zerstören. Das Versinken setzte sich langsam, aber unabwendbar fort.

Der Rand des rechten Hinterrades verschwand zuerst. Die Achsen, der Benzinbehälter, das Differenzialwerk versanken immer tiefer in den Morast. Die Tritte, die sich zuerst 20 Zentimeter über dem Fußboden befanden, waren nach wenigen Minuten in gleicher Höhe mit ihm. Die Maschine sank unmerklich. Wir empfanden die Angst des Schiffbrüchigen beim Todeskampfe seines Schiffes. Mit Fiebereile machten wir uns daran, den Wagen zu entlasten. Wir nahmen das Gepäck ab, den Werkzeugkasten, die Ersatzpneumatiks, und warfen alles bunt durcheinander auf den Rasen. Dann gab es nichts mehr zu tun, und wir blieben unbeweglich stehen, verzweifelnd nach einem Rettungsmittel suchend.

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.

„Wir wollen uns Tee kochen“, sagte der Fürst nach langem Schweigen.

Diese wenigen Worte bedeuteten nichts anderes, als daß wir die Rettung aufgaben. Tee bereiten hieß, das Automobil sich selbst überlassen, unsere Bemühungen für zwecklos erklären.

Ein in der Nähe vorüberfließender Bach lieferte uns das Wasser, das wir über der Flamme der Lötlampe zum Sieden brachten. Wir bereiteten einen Topf Tee und füllten uns die Gläser. Auf der Erde ausgestreckt, in Hemdärmeln, schweißtriefend, von Schmutz starrend, tranken wir in kleinen Schlucken und aßen dazu gedankenlos einige Stücke Biskuit. Wir hatten uns das Essen während des Tages abgewöhnt; unterwegs konnten wir uns nicht entschließen, zum Zwecke des Essens haltzumachen; wir hatten nur das eine Verlangen, an unseren Lagerplatz zu gelangen, und der ungestillte Appetit war ein weiterer Ansporn, keine Zeit zu verlieren. Jetzt jedoch durften wir unseren Hunger stillen.

Schließlich beschlossen wir zu handeln. Einer von uns sollte bei dem Automobil ein Lager aufschlagen und zurückbleiben, die beiden andern sollten sich auf die Straße nach Urga machen, Leute, Hölzer, Pferde holen und möglichst bald wieder zurückkehren. Auf die Ankunft einer Karawane hofften wir nicht; die Straße war verlassen.

Aber siehe da! In diesem Augenblick zeigte sich zwischen den hohen Sträuchern in weiter Ferne doch eine Karawane! Eine Reihe mit Pferden bespannter Wagen, und über den Pferden erkannten wir die „Duga“, den charakteristischen Holzbogen des russischen Pferdegeschirrs. Es war eine Reihe Telegas.

„Russen, es sind Russen!“ rief ich und stürzte mit Windeseile auf sie zu, indem ich über die Sträucher sprang, in den Morast versank, den Leuten zurief und lebhaft mit den Armen gestikulierte, um mich bemerkbar zu machen.

Russen erschienen uns in diesem Augenblicke beinahe als Landsleute. Mitten in der Mongolei fühlten wir uns mit ihnen stammverwandt und eng verbunden. Ihr Erscheinen bedeutete unsere Rettung. Als ich in ihrer Nähe angelangt war, bemerkte ich, daß auf den Telegas Leute saßen, die zwar ähnlich wie Russen gekleidet waren, aber mongolische Gesichtszüge hatten: es waren Burjaten. Ich befand mich einem burjatischen Stamme gegenüber, der mit Frauen und Kindern auf der Wanderung begriffen war. Der Anführer ritt voran; er war mit einem roten Hemd bekleidet und trug auf dem Kopfe eine Mütze von tatarischem Schnitt. Er hatte kein allzu vertrauenerweckendes Gesicht. Ich bat ihn, mir zu folgen, und er tat dies, nachdem er seinem Stamme befohlen hatte, haltzumachen.

Er sprach etwas russisch. Er bemerkte das Automobil und fragte:

„Wieviel wiegt das Dings da?“

„120 Pud (2000 Kilogramm). Du erhältst eine gute Belohnung, wenn es dir gelingt, den Wagen herauszuziehen. Bist du einverstanden?“

Der Burjatenführer sann einige Augenblicke nach und antwortete:

„Ja, ich bin einverstanden.“

„Gut. Dann führe deine Leute und deine Pferde her.“

Er kehrte zu den Telegas zurück und ließ sie sich uns auf einige hundert Meter nähern. Die Frauen stiegen ab, suchten Brennmaterialund zündeten Feuer an. Aber die Pferde wurden nicht abgespannt, und die Männer kamen nicht. Wir brannten vor Ungeduld. Nach einer halben Stunde kehrte der Führer zurück, und zwar allein.

„Nun?“ fragte ihn der Fürst. „Wie stehts? Wann machst du dich an die Arbeit?“

Der Burjate zeigte keine sonderliche Eile, sondern fragte:

„Bist du bereit, mir 50 Rubel zu geben?“

„Erst ziehst du den Wagen dort heraus, dann gebe ich dir 50 Rubel.“

Der Mann begab sich zu seinem Stamme zurück. Die Pferde blieben nach wie vor angespannt, und die Männer blieben neben den Wagen stehen. Ihr Verhalten begann uns aufzufallen.

Währenddessen kam eine Anzahl Mongolen auf ihren kleinen Pferden im Galopp angesprengt. Sie kamen wer weiß woher! Ihr Geierauge hatte von fern einen ungewohnten Gegenstand in der Steppe erspäht, und sie waren herbeigeeilt, um sich ihn in der Nähe zu betrachten. Bald fanden wir uns von einer aufgeregten Menge umringt, die uns unter lebhaftem Gespräch beobachtete. Der Burjate, davon vielleicht beunruhigt, näherte sich uns zum dritten Male, noch immer allein.

„Nun, wann gehst du denn an die Arbeit? Du hast 50 Rubel verlangt, und ich gebe dir 50 Rubel. Aber beeile dich! Hole deine Leute her!“

Der Führer schüttelte den Kopf.

„Du willst nicht?“ fragte ihn der Fürst.

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Es geht nicht. Es ist unmöglich.“

Und er entfernte sich.

Warum machte er keinen Versuch? Wenn er doch einsah, daß das Unternehmen unmöglich war, warum entfernte er sich nicht mit seinen Wagen, statt in unserer Nähe lagern zu bleiben?Warum ließ er, als er das Lager aufzuschlagen befahl, die Pferde angespannt, als wollte er das Weite suchen? Der Verdacht drängte sich mir auf, daß jene Burjaten etwas im Schilde führten, was uns nicht sonderlich angenehm sein würde. Wir saßen fest, das wußten sie; wir konnten nicht die Flucht ergreifen. War die Forderung von 50 Rubel gestellt worden, um sich zu überzeugen, ob wir Geld, viel Geld hätten, und um unseren Reichtum nach unserer Freigebigkeit zu schätzen? Sie waren in so großer Anzahl, und wir waren nur unser drei. Die mongolischen Steppen bieten Straffreiheit und Asyl. Auf ihnen herrschen keine Gesetze als die der Überlieferung und der Gewalt.

Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu werden.Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu werden.

Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu werden.

Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu werden.

Die Mongolen, die um uns herumstanden, hatten eins begriffen: daß wir Geld anboten, wenn man uns Hilfe leistete. Das Wort „Rubel“ hat einen Kurs, der viel weiter reicht als der der Münze. Nun machten sie sich sofort an die Arbeit, indem sie versuchten, das Automobil mit der Kraft ihrer Arme herauszuziehen. Wir fühlten uns durch diese guten Absichten wie neubelebt. Es waren Balken nötig. Ich weiß nicht, welche unüberwindliche Beredsamkeit wir inunsere Gebärden legten; Tatsache ist, daß wir imstande waren, durch eine wunderbare Mimik Balken zu beschreiben. Und wir fanden volles Verständnis dafür. Drei von unseren neuen Freunden sprangen in den Sattel und sprengten in Karriere davon, um nach einer halben Stunde wieder zu erscheinen und einige an ihren Sätteln befestigte lange, dünne Balken hinter sich her zu schleppen. Wir hätten sie umarmen mögen!

Jetzt ging es mit Begeisterung an die Arbeit. Um die Maschine noch mehr zu entlasten, nahmen wir die Karosserie ab, die wir mit Hilfe der Mongolen auf den Rasen niederlegten. Aus den Balken stellten wir unsere einfache Hebevorrichtung her. Wir mußten vorsichtig zu Werke gehen, weil das Gelände unter dem Gewicht der Hebel nachzugeben drohte und die Balken, die schon etwas gar zu alt waren, krachten, so daß wir fürchteten, sie würden brechen. Aber das Automobil hob sich doch allmählich wieder; unter die Räder legten wir große Holzscheite, die mit Hilfe einer Axt von einem Balken abgehauen worden waren. Es war eine langsame, geduldheischende Arbeit. Drei Stunden vergingen, ehe wir die Maschine so weit hatten, daß sie aus der tiefen Höhlung herausgezogen werden konnte. Wir befestigten die Seile an dem hinteren Teil des Gestelles und versuchten mit vereinten Kräften zu ziehen. Aber alle Mühe war vergebens.

Ochsen, waren Ochsen da? Nachdem wir durch die Gebärdensprache Balken beschrieben hatten, war es uns ein leichtes, Ochsen zu verlangen. Es wurde eine Herde herbeigeholt, die einige Kilometer von uns weidete. Die Länge der Seile gestattete aber nicht, die vier Ochsen zugleich anzuspannen. Die armen Tiere zogen und zogen, aber es gelang ihnen ebensowenig als uns, das Automobil zu bewegen. Wir sahen jedoch ein, daß, wenn die vier Ochsen gleichzeitig eine Kraftanstrengung machen könnten, sie Erfolg haben würden. Angetrieben zogen sie nur einer nach dem andern. Wie sollten wir die Ochsen von dem Vorteile gemeinsamen Zusammenwirkens überzeugen? Da kam uns eine geniale Idee: setzen wir den Motor in Bewegung!

Der Erfolg war vollständig. Bei dem unvermuteten Getöse stemmten die vier erschreckten Ochsen ihre Füße genau gleichzeitig ein und senkten brüllend die dicken gehörnten Köpfe in so entschlossener Fluchtbewegung, daß das Automobil schwankte! Ettore, der auf die Maschine gestiegen war, drückte das Pedal des Akzelerators herunter, der Lärm wurde betäubend und ging in ein fürchterliches Heulen über. Die vier Tiere zitterten vor Schreck und zogen mit verzweifelter Kraftanstrengung an — mit einem Male bewegte sich die Maschine mit einem Ruck aus dem Loche! Es war ein Augenblick größter Freude!

Die Karosserie wurde in wenigen Minuten wieder an Ort und Stelle gebracht, das Gepäck, die Ersatzreifen, die Vorräte und die Werkzeuge mit fröhlicher Geschäftigkeit wieder aufgeladen. Eine halbe Stunde später waren wir zur Abfahrt bereit. Die Mongolen erhielten in freigebiger Weise eine große Menge Rubel und begrüßten diese Gabe mit Ausrufen der Begeisterung und mit Gebärden überströmender Freundschaft.

Jetzt näherte sich auch der Burjatenführer und streckte ebenfalls seine Hand aus. Der Fürst sagte lächelnd zu ihm:

„Keine Arbeit, kein Geld!“

Der Burjate zog die Hand zurück und sagte mit tückischem Augenaufschlag:

„Ich brauche dein Geld nicht!“

Und er fügte Worte hinzu, die wir glücklicherweise nicht verstanden. Dann sahen wir ihn sein Pferd besteigen und seinem Stamme mit der Hand das Zeichen zum Aufbruch geben. Die lange Reihe der Telegas entfernte sich.

Wir baten die Mongolen um einen Führer. Einer von ihnen erbot sich dazu. Er stieg zu Pferd, und wir folgten ihm. Alle andern gaben uns das Geleite. Sie waren voll naiver Dankbarkeit und ritten in vollem Galopp um uns herum, lachend und schreiend. Einige Pferde trugen zwei Reiter, wie in Urga bei der Verfolgung des Gouverneurs.

Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.

Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.

Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.

Der Führer entledigte sich seiner Aufgabe mit vieler Würde. Wir durchfuhren ein wahres Labyrinth; jeden Augenblick kamen wir an Sümpfen vorbei und wandten uns in der weiten, trostlosen Ebene durch hohe Binsen und Seelilienbüschel. Die Sonne ging unter, und über die Erde breitete sich ein Schleier, der der Landschaft ein unnennbar düsteres Aussehen verlieh.

Als wir am Ende der Ebene angekommen waren, verließ uns die seltsame Reiterschar und zerstreute sich. Der Führer zeigte uns noch bereitwillig einen Weg, der das Gebirge umging. Als er uns verließ, war es beinahe Nacht. Sein Pferd zitterte vor Müdigkeit. Nachdem er sich von uns verabschiedet und uns nochmals für die erhaltene Belohnung gedankt hatte, streckte sich der Mann auf dem Rasen aus.

Wir setzten unseren Weg fort. Für die Maschine und für uns brauchten wir Wasser; wir konnten nicht halten, bevor wir es nicht gefunden hatten. Von einem Augenblick zum andern hofften wir, den Fluß Chara-gol anzutreffen. Wir beobachteten sehnsüchtig den Weg vor uns, und bei jedem Tale, bei jedem Üppigerwerden der Vegetation sagten wir uns: „Dies muß der Fluß sein“ — aber der Fluß ließ sich nicht sehen, und wir fuhren mit neuem Vertrauen weiter, um ihn zu suchen.

Es war Mondschein. Wir hatten keine Laternen, das heißt, wir hatten sie schon, aber sie waren nicht zum Anzünden bereit. Wir befanden uns mitten zwischen Anhöhen, und der Pfad wandte sich durch enge Täler, ging bergauf, bergab, kaum erkennbar am Grase der Wegränder. Angespannt beobachteten wir die Wegspur, voll Furcht, sie zu verlieren.

Für unser müdes Auge nahm unter dem gespenstischen Lichte des Mondes alles ein furchterweckendes, unbestimmtes phantastisches Aussehen an. Die Umrisse der Hügel, die düsteren Gründe der Täler, die Gesträuche ließen uns bisweilen erschauern; sie hatten eine geheimnisvolle, unbestimmbare Form. Es schien eine leise Bewegung in denDingen zu herrschen, schweigende, unbekannte Gestalten schienen an uns vorüberzustreichen. Wer je in der Nacht durch unbekannte, öde Gegenden gereist ist, hat diese bizarren Verwandlungen erblickt, und wenn er am Tage nach denselben Örtlichkeiten zurückgekehrt wäre, so würde er erstaunt sein, sie so ganz anders zu finden. Man möchte sagen, die Erde benutze die Dunkelheit der Nacht, um ein ihr eigenes geheimnisvolles Leben zu führen. In der Nacht tritt alles, was es Märchenhaftes, Ausschweifendes, Widersinniges in unserer Phantasie gibt, hervor und nimmt im Dunkel Platz. Es gibt nicht zwei Menschen, die eine nächtliche Landschaft auf dieselbe Weise erblicken: jeder siehtseineLandschaft.

Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.

Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.

Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.

In der Tat bemerkte jeder von uns in dieser unvergeßlichen Nacht etwas, was die andern nicht zu sehen vermochten. Es waren Flüsse, es waren Häuser, es waren unbeweglich dastehende Menschen, alles Erscheinungen, die verschwanden, wenn wir näherkamen. Das Gelände schien zur raschen Fahrt geeignet, aber von Zeit zu Zeit hörten wir den Sand unter den einsinkenden Pneumatiks knirschen,und der Motor mußte sich anstrengen. Dann wurde die Maschine mit aller Kraft vorwärtsgetrieben, damit sie nicht steckenbliebe. Einmal sahen wir wirkliche Wesen, die sich bewegten, es waren Kamele. Wir kamen dicht an einer lagernden Karawane vorüber. Zwei Männer standen am Wege. Sie wandten sich mit einer raschen Bewegung um und rührten sich nicht mehr. Wir hätten ihren Gesichtsausdruck sehen mögen beim plötzlichen Erscheinen dieser schwarzen Masse, die unter Getöse durch die Wüste dahinraste.

„Wie spät ist es?“ fragte der Fürst, dessen Uhr zerbrochen war.

Ich zündete vorsichtig ein Streichholz an und sah auf meine Uhr.

„4 Uhr.“

Wir waren seit früh 4 Uhr unterwegs. Siebzehn Stunden beständiger Arbeit und aufreibender Nervenanspannung! Wir waren müde. Der Chara-gol zeigte sich immer noch nicht. Wir konnten ihn nicht verfehlen, denn sein Lauf mußte unsere Straße kreuzen.

Der Mond neigte sich zum Untergange. Die Nacht bevölkerte sich mit Sternen. Ich konnte in der Tat den Pfad nicht mehr erkennen und bewunderte Ettore, der ruhig steuerte, als fahre er auf der besten Kunststraße.

„Ein Licht, ein Licht!“ riefen wir plötzlich wie aus einem Munde.

„Es muß das Feuer eines Lagers am Ufer des Flusses sein“, bemerkte der Fürst.

Wir faßten wieder Mut. Aber nach wenigen Augenblicken war das Licht verschwunden. Wir hatten uns aber den Punkt, an dem es zum Vorschein gekommen war, genau eingeprägt und durchspähten gierigen Auges jene Stelle der Finsternis. Als wir nach einigen Minuten dort anlangten, bemerkten wir einige Jurten und hielten. Eine Hundemeute umringte uns bellend. Es erschien ein Mann im Rahmen einer Tür, aus der Licht drang. Wir baten ihn um Wasser, und er bot uns alles, was er hatte, in einem Kochgefäß an. Das Wasser war warm, fettig und erdig. Wir fragten ihn, wo die Quelle sei, und er zeigte uns den Weg mit einer Gebärde der Hand, alswollte er sagen: „Ganz in der Nähe.“ Wir baten ihn, uns hinzuführen, er lehnte aber ab. Er fürchtete sich vor uns.

So fuhren wir bis zu einer Wiese, wo wir zu lagern beschlossen. Während Ettore das Zelt aufschlug, machten der Fürst und ich uns auf die Suche nach der ersehnten Quelle. Er trug den Eimer und ich den Spaten; den Eimer für das Wasser, den Spaten für die Hunde. Ich stellte die bewaffnete Macht dar; ein Schutz war nötig, weil die mongolischen Hunde von besonderer Wildheit sind. Der Mond war untergegangen, und die Erde schlummerte, während der bleiche Sternenschimmer alle Unebenheiten verwischte.

Nach vielem Umhersuchen gelang es uns, einen kleinen schlammigen, stark fauligen Wasserlauf zu entdecken. Trotz des Durstes, von dem wir gequält wurden, war es uns nicht möglich, einen einzigen Schluck davon zu trinken. Wir kehrten zum Zelte zurück und bereiteten Tee, den niederträchtigsten Tee, der sich denken läßt! Schweigend verzehrten wir einige Konserven, schlürften das nichtswürdige Getränk mit viel Zucker und krochen auf allen vieren unter das Zelt. Die Nacht war von göttlicher Stille.

Wir hatten die Vorsicht gehabt, nichts außerhalb des Zeltes liegenzulassen, und Ettore legte, treu der erhaltenen Anweisung, die Pistole in den Bereich seiner Hand. Auf dem Gras ausgestreckt, eingehüllt in die mollige Wärme unserer Pelze, fielen wir sofort in tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht wurden wir jäh aufgeschreckt durch die Stimme Ettores, welcher rief: „Wer da?“

Er hatte sich erhoben, und ich bemerkte, wie er nach der Mauserpistole tastete. Ich lauschte. Nach wenigen Augenblicken hörte ich draußen vor dem Zelte ein leises, kurzes, aber deutlich vernehmbares Geräusch im düsteren Schweigen der Nacht.

„Wer da?“ rief Ettore nochmals, jetzt in entschiedenerem Tone.

Niemand antwortete. Es strich ein Luftzug vorüber, und das Geräusch erneuerte sich. Es war ein rasches, leichtes, unbegreifliches Schlagen ganz in der Nähe.

Leise hoben wir einen Zipfel der Zeltleinwand empor und spähten hinaus.

„Zuerst wußte ich nicht, was es war!“ rief Ettore lachend. „Wer hätte auch geglaubt, daß sie solchen Lärm machen könnte! Ich bin davon munter geworden!“

Es war die Flagge — unsere auf dem Automobil gehißte Flagge, die bei jedem Windhauch flatterte und leise rauschte! Es schien, als lebe sie und halte Wache.

Nur wenige Kilometer vom Flusse entfernt hatten wir gelagert. Am Morgen des 24. Juni, in aller Frühe, überschritten wir ihn rasch in einer Furt. Das Gebirge hatten wir zu unserer Rechten gelassen und uns nach Westen dem Laufe des Orchon genähert, quer über eine Reihe sumpfiger Flächen hinweg. Wir waren jedoch gegen die Tücken des Geländes wohl auf der Hut und trieben das Automobil erst dann vorwärts, wenn der Boden vorher genau untersucht worden war.

Von allen Seiten umringten uns Gefahren; oft spürten wir unversehens unter unseren Füßen die wellenförmige Bewegung des verborgenen Sumpfes und fuhren mit einem Gefühl des Schauders rückwärts, als seien wir auf ein Reptil getreten.

„Zurück! Sofort zurück!“ riefen wir Ettore zu, der vorsichtig die Maschine dicht hinter uns lenkte.

Neue Übergänge wurden gesucht. Mitunter fanden wir keinen Ausweg und mußten weit zurückgehen, um an einer andern Stelle den Versuch zu erneuern. Nach und nach gelang es uns aber mit großer Geduld, aus dem sumpfigen Gelände herauszukommen und die kahlen, sandigen Hügel zu erreichen, die sich zwischen dem Orchon und dem Iro erstrecken.

Seit dem vorigen Abend hatten wir Zeichen bemerkt, die unser Interesse erregten. Es waren die Fußspuren zweier Europäer und eine Wagenspur. Wenn man auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern nur die Spuren chinesischer Schuhe und mongolischer Stiefelgesehen hat, so macht der Abdruck einer europäischen Sohle den Eindruck, als habe man das Porträt eines Bekannten vor sich.

Die Spuren liefen in derselben Richtung, die wir einschlugen, und sie waren frisch. Sie verschwanden bisweilen; in der Ebene hatten wir sie verloren, dann entdeckten wir sie wieder und fanden ein eigenartiges Vergnügen daran. Wir sprachen von ihnen. Wann waren sie dem Boden eingedrückt worden? Vor einer Stunde, vielleicht auch vor kürzerer Zeit? Sie deuteten auf den sicheren und weit ausgreifenden Schritt zweier junger Männer. Es waren keine Wagenführer, weil ein sibirischer Wagenführer viele Telegas in einer Reihe leitet, während hier zwei Männer einen einzigen Wagen begleiteten. Der Wagen schien nicht schwer beladen gewesen zu sein, denn die Furchen waren leicht; er mußte irgendeine wertvolle Ware mit sich führen, die wenig wog und doch einen sicheren Schutz erforderte. Man glaubt nicht, wie sehr diese Kleinigkeiten in der endlosen Eintönigkeit einer Reise wie der unseren imstande sind, die Neugier zu erregen und unerschöpflichen Unterhaltungsstoff zu liefern. Ein Zeichen, eine Spur, ein Geräusch tragen die Phantasie in die schöne, unerforschte Welt der Vermutungen hinüber. Es ist die einzige Unterhaltung.

An einem Abhange holten wir unsere Europäer endlich ein. Es waren zwei junge blonde und kräftige Russen, dem Anscheine nach Arbeiter. In dem von einer Plane überdeckten Wagen wurde eine ebenfalls junge Frau mit einem Kinde an der Brust sichtbar. Wir wechselten einen Gruß: „Do svidania!“, unseren ersten russischen Gruß.

Jetzt kam der Orchon in Sicht, eingesäumt von einer durstigen Menge üppigwachsender Pflanzen. In Schlangenwindungen floß er durch sein unermeßliches grünes Tal, in dem Rinder weideten. Wir sahen den Fluß von der hohen Uferböschung aus. Einen Augenblick hielten wir ihn für den Iro. Dann wandte sich der Pfad nach Norden, stieg bergab und führte uns durch andere Ebenen, wo wir genötigt waren, unsere Untersuchungen von neuem zu beginnen. Wir überschritten kleine Wasserläufe, Nebenflüsse des Iro, in die wir erst hineinwateten,um den Grund zu untersuchen und die für den Übergang des Automobils geeignetsten Stellen ausfindig zu machen. Mächtige und schwer zu passierende Sanddünen kündigten die Nähe eines großen Flusses an. Endlich erblickten wir den Iro; klar und breit strömte er rasch dahin.


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