Neunzehntes Kapitel.

Von der Kama zur Wolga.

Automobil, Milch und Eier. — Ein Unwetter. — Das Rad bricht. — Es wird wiederhergestellt. — Ein Dorf in Schrecken. — Schaden an den Bremsen. — Kasan.

Die Bürger von Perm werden am Morgen des 21. Juli zu ihrer Überraschung ein bedeutendes Ansteigen der Milch- und Eierpreise konstatiert haben. Wir haben das niederdrückende Bewußtsein, die unschuldige Ursache dieser tiefeingreifenden wirtschaftlichen Störung gewesen zu sein. Das Automobil bringt eben in Ländern, die sich an diesen Sport noch nicht gewöhnt haben, unerwartete Wirkungen hervor; es hat geradezu unberechenbare Folgen. Die Sache trug sich folgendermaßen zu.

Wir hatten kaum die Stadt verlassen, und zwar bei drohendem, regnerischem Wetter, als wir auf eine lange Reihe von Telegas stießen. Sie brachten landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Perm auf den Markt. Die Bauern, Männer und Frauen, lenkten ihre Pferde mit gewohnter Sorglosigkeit; sie saßen auf dem Rande der Telegas und ließen die Beine in der Luft baumeln. Der Muschik hat zwei Arten, den Wagen zu lenken: die eine, wenn er zu Markte fährt, die andere, wenn er vom Markt zurückkommt. Bei der Rückkehr ist es der Kopf, der hin und her baumelt, und die Beine befinden sich im Innern derTelega; denn der Muschik unterläßt es nie, einen guten Teil des eingenommenen Geldes gewissenhaft in Wodka anzulegen und mit derselben Gewissenhaftigkeit den Wodka bis zum letzten Tropfen auszutrinken. An jenem Morgen handelte es sich jedoch, wie erwähnt, um Bauern, die zu Markte fuhren, und die Telegas wurden daher auf die erwähnte Art Numero eins gelenkt.

Als wir uns näherten, gab das Pferd des ersten Wagens Zeichen des Schreckens und dann der Wut von sich. Die Pferde des Gouvernements Perm sind aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde die grimmigsten Feinde des Automobils. Wir konnten zwischen den Pferden des einen Gouvernements und denen des andern einen großen Unterschied im Verhalten uns gegenüber bemerken: die von Transbaikalien waren feindselig, die von Irkutsk mißtrauisch, die von Tomsk gleichgültig, die von Omsk veränderlich, die von Perm unversöhnlich! Für den, der die unerforschlichen Beziehungen zwischen dem Charakter der Pferde und den Religionen der Menschen ergründen will, füge ich noch hinzu, daß die Pferde der Buddhisten und Mohammedaner gegen uns beinahe freundschaftliche Empfindungen an den Tag legten; selbst in der Umgegend von Perm beobachteten uns die Pferde der Tataren mit großer Nachsicht, gleich toleranten Wesen, die nicht die ausschließliche Herrschaft über die Straße in Anspruch nehmen und deren Wahlspruch ist: „Fahren und fahren lassen!“ Das Pferd des ersten Wagens wurde also wild.

Das Automobil fuhr langsam: nutzlose Vorsichtsmaßregel. Das Pferd machte einen Seitensprung, der Wagen stürzte um. Er war mit Milch und Eiern beladen. Auf der Erde bildeten sich gelbe und weiße Bächlein. Wir wollten den unabsichtlich angerichteten Schaden ersetzen, als sich mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Panik von Pferd zu Pferd fortpflanzte. Die zweite Telega stürzte, dann die dritte. Nichts ist so ansteckend wie böses Beispiel. Im Nu lagen alle Telegas am Boden und streckten die Räder in die Luft. Die Milch floß von allen Seiten in Strömen, und die Bauern, angestacheltvon ihren Frauen, stürzten auf uns los. Was war zu tun? Was tut man, wenn man auf einem Automobil von 50 Pferdekräften sitzt, bedroht von einer Menge mit Stöcken bewaffneter Muschiks? Etwas sehr Einfaches. Mit Bedauern, aber mit Entschlossenheit wurde der Geschwindigkeitshebel heruntergedrückt, die Maschine sauste los und war bald aus dem Bereiche der Stöcke. Wir hatten jedoch noch nicht einen Kilometer zurückgelegt, als wir vor uns einen zweiten Zug Telegas erblickten.

Diesmal beschlossen wir, zu halten und die Wagen vorbeizulassen. Aber das stillstehende Automobil erscheint den Pferden nicht minder furchtbar als das sich bewegende. Als sie näherkamen, spitzten sie die Ohren, schüttelten den Kopf und wieherten, und ehe man es sich versah, richtete sich das erste Pferd auf die Hinterhand empor und machte eine jähe Wendung, wobei es leider vergaß, daß es angespannt war; die Telega geriet ins Wanken und stürzte um; die zweite tat dasselbe, gleich darauf die dritte; die übrigen folgten! Milch und Eier am Boden, die Stöcke hochgeschwungen in der Luft — und das Automobil sauste abermals in eiliger Fahrt davon.

Von nun an änderten wir unsere Taktik mit Erfolg. Wenn wir den Telegas begegneten, fuhren wir mit voller Geschwindigkeit, und es kam keine Vergeudung von Milch mehr vor. Die Pferde hatten kaum Zeit, die Vorüberfahrt des Ungeheuers zu bemerken, als es auch schon verschwunden war, und setzten ihren Weg beruhigt fort. Alles beschränkte sich auf eine leichte Bewegung des Kopfes; es war nur ein Augenblick. Wir wandten im Grunde genommen dieselbe Taktik an wie bei den Brücken von zweifelhafter Widerstandsfähigkeit; die Pferde hatten keine Zeit durchzugehen, und die Brücken hatten keine Zeit einzustürzen. Der kritische Moment war auf einen Augenblick beschränkt. Und die Bauern begrüßten uns mit Begeisterung, lachend und überrascht beim Anblick dieser schwindelerregenden Fahrt.

Einige Stunden später gelangten wir in große Tannenwälder, während ein überaus heftiges Unwetter losbrach. Ein Sturmwindfuhr durch die Bäume und beugte sie alle unter Heulen und Zischen. Mattes Dämmerlicht herrschte, als sei die Nacht zurückgekehrt, nur unterbrochen von dem blauen Schein blendender Blitze. Der Donner rollte beständig. Ein wolkenbruchartiger Regen rauschte von allen Seiten herab wie ein großer Wasserfall und überschwemmte die Straße, füllte die Sitzplätze des Wagens, drang uns durch die wasserdichten Mäntel und peitschte unsere Gesichter mit einer Heftigkeit, die einen wirklichen Schmerz hervorrief, als ob das Wasser ein fester Körper wäre; so groß waren die Tropfen und so heftig der Sturm. Wir mußten langsam fahren, wir sahen das Gelände nicht mehr, das von den Regenschauern verhüllt war. Das Automobil überließ sich natürlich allerhand ungezogenen Protesten gegen den Morast: es rutschte aus, neigte sich zur Seite, fuhr quer über die Straße, hatte eine unüberwindliche Neigung, sich mit dem Vorderteil nach hinten umzuwenden und zeigte überhaupt Ungehorsam und Launenhaftigkeit. Das Unwetter dauerte vier volle Stunden! Um ½10 Uhr hatten wir in beinahe sechsstündiger Fahrt kaum 50 Kilometer zurückgelegt.

Tief herabhängende Wolken trieben vorbei und verfingen sich in den Bäumen, als wir das Ufer der Kama erreichten und auf einem von einem kleinen Dampfer geschleppten Fährboote über den breiten Strom übersetzten, der nächst der Wolga die wichtigste Verkehrsader des östlichen Rußlands bildet.

Morast begleitete uns auch am andern Ufer. Zuweilen mußten wir absteigen, um die Maschine zu schieben, wenn die Laufräder es sich in den Kopf gesetzt hatten, sich im Kreise herumzudrehen, ohne vorwärtszukommen. Wir hofften noch Malmysch an der Wjatka, einem Nebenflusse der Kama, zu erreichen und dort zu übernachten, von wo wir noch etwa 160 Kilometer bis Kasan hatten. Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Tage 360 Kilometer zurückzulegen, um am nächsten Tage vormittags in Kasan zu sein ... Es sollte ganz anders kommen! Auf Reisen soll man nichts im voraus bestimmen wollen. Vorausbestimmungen sehen aus, als wolle man dem SchicksalVorschriften machen. Das Schicksal wollte sich aber an uns rächen und uns demütigen.

Gegen 11 Uhr hatten wir uns etwa 30 Kilometer von der Kama entfernt. Die Straße wurde besser und das Wetter hatte sich aufgeklart, als das beschädigte Rad zu knirschen begann. Nach zehn Minuten knarrte es. Wir fuhren weiter — was sollten wir auch sonst tun? —, das Knarren ging in Zischen über. Noch wenige Meter und dann — ein Krach! Wir hielten. Der Fürst sprang ab, um das Rad zu besichtigen, und stieß einen Ausruf schmerzlicher Überraschung aus.

„Was gibt es?“ fragte ich.

„Es ist aus!“ erwiderte er, „wir können keinen Schritt weiterfahren.“

In der Tat hatten sich die Speichen des Rades völlig von dem Kranze gelöst; wenn sich das Rad drehte, so traten sie abwechselnd in die Löcher und wieder aus ihnen heraus; von dem Gewicht des Wagens hineingedrückt, traten sie an dem unteren Teile des Rades hinein und traten heraus, wenn sie beim Umschwung des Rades nach oben zu stehen kamen.

Wir konnten von keinem schwereren Unfall betroffen werden! Wir mußten auf unabsehbare Zeit festliegen, in einer unbewohnten Gegend, Hunderte von Kilometern von der Eisenbahn entfernt. Es war ein Augenblick der Bestürzung. Wir schwiegen und betrachteten das unbrauchbare Rad mit zornigen Blicken nutzlosen Grolles.

„Was nun?“ fragten wir uns nach einigen Minuten.

„So viel Mühe, so viele Schwierigkeiten überwunden!“ seufzte Ettore. „Um hier zu enden!“

„Ohne das Rad können wir das Automobil nicht einmal von Pferden weiterziehen lassen“, bemerkte ich.

Der Fürst dachte nach. Dann fragte er als praktischer Mann:

„Gehen wir logisch vor. Was ist das Dringendste? An den nächsten bewohnten Ort zu kommen. Wir können nicht mitten aufder Straße stehenbleiben. Wenn dieser erste Schritt getan ist, wollen wir an den zweiten denken. Sehen wir uns einmal die Karte an!“

Wir betrachteten sie. Das nächste Dorf war etwa acht Kilometer entfernt.

„Gut!“ nahm der Fürst wieder das Wort. „Nun müssen wir ein Mittel ausfindig machen, noch acht Kilometer zurückzulegen. Für diese Strecke läßt sich das Rad ausbessern.“

Er zeigte immer Ruhe und Energie, eine reiche Quelle von Auskunftsmitteln. Es wurde eine sinnreiche provisorische Reparatur vorgenommen, die imstande war, eine kurze Fahrt auszuhalten, vorausgesetzt, daß diese mit der nötigen Vorsicht ausgeführt wurde. Es handelte sich darum, Stücke Holz zwischen der Nabe des Rades und dem Kranze als eine Art Hilfsspeichen einzufügen, die neben den Speichen angebracht und mit Stricken festgebunden wurden. Ettore machte sich sofort an die Arbeit. Mit der Axt schlug er starke Äste von einem Baum ab, hieb passende Stücke davon ab und trieb sie mit Hammerschlägen zwischen die Speichen des Rades ein, nachdem er dieses mittels einer Winde emporgehoben hatte. Dann band er sie an die eigentlichen Speichen fest. Das Rad bot den Anblick eines seltsamen, von einer Pneumatik umgebenen Holzbündels. Während Ettore noch daran arbeitete, kam ein alter Muschik des Weges, der ein Kalb vor sich her trieb.

Er blieb stehen, um sich das Ding anzusehen, ebenso das Kalb. Nachdem er das Rad aufmerksam betrachtet hatte, rief er aus:

„Guten Tag!“

„Guten Tag!“

„Sie wollen das Rad reparieren?“

„Jawohl.“

„Es gibt einen Mann, der es Ihnen machen kann, ganz in der Nähe.“

„Ein solches Rad?“ fragte ihn Don Scipione ungläubigen Tones.

„Ein solches, Väterchen!“ erwiderte der Alte. „Er ist der geschickteste Fabrikant von Schlitten und Telegas in der ganzen Gegend. Sie finden nicht einmal in Perm einen so tüchtigen.“

„Dies ist eine sehr komplizierte Telega. Eine Telega, die von selbst fährt.“

„Ich sehe es, daß sie nicht so ist wie die unsrigen, aber Nikolai Petrowitsch ist imstande, ein Rad auszubessern, es mag so oder so sein.“

„Wo wohnt dieser Mann?“

„Sechs Werst von hier. Gehen Sie nur diese Straße entlang, dann werden Sie auf eine kleine weiße Kirche stoßen; links von der Kirche ist ein Abhang, dann kommt eine kleine Brücke; gehen Sie über die Brücke, und Sie sind an Ort und Stelle. Sie können gar nicht fehlgehen; seine Isba steht allein im Felde.“

„Und er arbeitet heute? Es ist Sonntag.“

„Er arbeitet vormittags. Wenn Sie aber Eile haben ...“

Wir dankten dem guten Alten, der seinen Weg wieder aufnahm, hinter dem vorantrabenden Kalbe her, und wir setzten uns langsam und vorsichtig in Bewegung, um nach dem Hause Nikolai Petrowitschs zu gelangen. Nach wenigen Schritten begann das Rad von neuem zu knirschen, zu knarren, zu ächzen; wir erwarteten das Geräusch eines vollständigen Bruches zu vernehmen und zu sehen, daß sich das Automobil auf die Seite neigte. Aber laut stöhnend widerstand das Rad. Mehr als eine Stunde brauchten wir, um zu der Isba des Stellmachers zu gelangen.

Es war ein gut aussehendes Haus, aus schönen, rechtwinklig zugehauenen Balken gezimmert, und stieß an eine Umzäunung an, über welche Schuppen und Dächer hervorragten. Auf freiem Felde waren zahlreiche Schlittenkufen aufgeschichtet, die an dem einen Ende von Stricken aus Weidengeflecht in gekrümmter Lage festgehalten wurden.

Wir riefen.

Sofort öffnete sich die Tür des Zaunes und heraus trat ein Mann.

„Nikolai Petrowitsch?“ fragten wir.

„Das bin ich. Guten Tag!“

Es war ein schöner Mann, über 50 Jahre alt, mit langem grauem Barte. Sein Gesicht hatte den mystischen Ausdruck des russischen Bauern; die langen, auf der Stirn gescheitelten Haare fielen ihm bis auf die Schultern herab. Er war von hünenhaftem Wuchs und trug die rote an der Brust offene Bluse der Muschiks, der Kopf war unbedeckt. Seine Gehilfen folgten, auch sie von patriarchenhaftem Aussehen; aus den aufgestreiften Ärmeln ragten athletische Arme hervor, die imstande schienen, Bäume auszureißen.

„Sehen Sie sich dieses Rad an!“ sagte der Fürst zu dem Telegabauer.

Er betrachtete es einige Augenblicke.

„Die Speichen können neu gemacht werden, der Radkranz ist sehr gut. Nur die Löcher müssen tiefer gebohrt werden ...“

„Sie können die Speichen neu machen?“

„Ja.“

„Und so, daß sie halten?“

„Ich mache Ihnen das Rad stärker, als es neu war.“

„Ich brauche es aber sofort.“

„In einem halben Tage ist es fertig.“

„Gut.“

Das Automobil wurde in einen ländlich aussehenden Hof geleitet, der voller Hobelspäne und Holzsplitter lag und auf dem sich Balken, Schlitten, Wagen und eiserne Reifen befanden. In einem Winkel stand ein frisch angestrichener Tarantaß auf zwei Böcken. Das Rad wurde auseinandergenommen; die von der Nabe und dem Kranze getrennten Speichen dienten den neuen als Modell. Wenige Minuten später hallte der Hof von Axthieben wider. Kein anderes Werkzeug wurde verwandt außer der Axt, die mit wunderbarer Geschicklichkeit gehandhabt wurde. In der Hand des russischen Bauern ist sie ein Präzisionsinstrument. Um den Punkt zu bestimmen, auf den gehauen werden soll, machen diese Leute keine Zeichen, noch ziehen sieLinien, sie legen ihre linke Hand aufs Holz, und der Hieb fällt, den Daumen beinahe streifend. Die Lage des Fingers hat dem Auge und der Hand das richtige Maß angegeben. Die neuen Speichen entwickelten sich allmählich aus dicken Klötzen alten Kiefernholzes; durch schwere Hiebe, die die Späne ringsumher fliegen ließen, wurden sie schwächer gemacht. Die Künstler maßen, indem sie die alten Stücke auf die neuen legten, und brauchten kein anderes Hilfsmittel dazu; millimeterbreite Fugen schlugen sie sauber und genau mit sicherem Auge, und zwar mit Axtschlägen, die mit geschwungenem Arme niedersausten, als hätte es sich anstatt um eine so feine Arbeit um den Bau eines Gerüstes oder einer Fähre gehandelt.

Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.

Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.

Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.

Während wir diese malerische Gruppe rauher, bärtiger Männer, die sich einer so mühsamen Arbeit unterzogen, beobachteten, wandte sich einer von ihnen zu uns und redete uns feierlich auf lateinisch an.

Unsere Überraschung war so groß, daß wir ihn einige Augenblicke fassungslos betrachteten, ohne zu antworten.

„Wo hast du das gelernt?“ fragte ihn Fürst Borghese.

„Ich habe es für mich studiert, zu Hause während des Winters“, erwiderte der Mann ernst.

Dies erinnerte mich an einen andern Lateinkundigen, den ich unterwegs antraf, einen chinesischen Wagenführer in der Nähe von Hsin-wa-fu. Es war ein christlicher Chinese im Dienste der Katholischen Mission der Provinz Schansi, der von Peking zurückkehrte und seinen Brüdern Lebensmittel mitbrachte. Aber diese Tatsache ist nichts Außergewöhnliches in China, wo Latein die Umgangssprache der Missionen ist und viele Bekehrte es so weit bringen, daß sie sich seiner mit bewundernswerter Gewandtheit bedienen. Wie es ein Pidgin-Englisch gibt, so gibt es in China auch ein Pidgin-Latein zum Ruhme des christlichen Glaubens.

Das Latein unseres Muschiks war etwas russifiziert, aber er bediente sich seiner hinreichend gut, um uns mitzuteilen, daß, wenn wir ermüdet seien, wir in das anstoßende Haus gehen möchten, wo wir ausruhen und Milch trinken könnten. Wir fanden hier nicht nur Milch, sondern auch herrliche Walderdbeeren, die die Frau des Meisters uns diensteifrig vorsetzte.

Um 4 Uhr waren die Speichen fertig. Nun begann der schwierigste Teil der Aufgabe: die Zusammensetzung. Sie kostete drei weitere Stunden angestrengter Arbeit. Mit langen glühenden Stäben wurden die Speichen durchbohrt; Rauchwolken stiegen zischend von den verbrannten Holzstellen auf. Schließlich wurden die Schrauben angebracht und die Platten befestigt: das Rad war fertig.

Die neuen Speichen entsprachen sicherlich nicht allen Regeln der Kunst; sie waren massig, dick und plump, verliehen aber dem Rade eine Festigkeit, daß es allen Stößen, allen Kraftanstrengungen zu widerstehen versprach.

Wir fuhren vom Hofe auf die Straße. Die Arbeiter folgten uns, während sie sich von uns verabschiedeten. Sie lachten vergnügt und trockneten sich die schweißtriefenden Stirnen. In dem Augenblicke, als wir davonjagen wollten, streckten sich uns schwielige Hände entgegen, die wir in freudiger Erregung voller Dankbarkeit drückten.

„Do svidania!“ riefen sie uns zu, während wir davonfuhren.

„Salve!“ rief der Lateiner.

Ihre Zurufe begleiteten uns lange Zeit. Noch aus weiter Ferne konnten wir unsere Retter sehen, wie sie die Mützen schwenkten, bis die Bäume uns ihren Blicken entzogen.

Wir wollten unseren Weg fortsetzen, solange es das Tageslicht gestattete. Die Straßen waren trocken geworden; wir fuhren 30 Kilometer in der Stunde. Eine Stunde nach unserer Abfahrt ging die Sonne unter. Wir sagten uns: „Im nächsten Dorfe machen wir halt.“ Aber der Wunsch, die verlorene Zeit einzuholen, war zu lebendig in uns, und im „nächsten Dorfe“ fuhren wir ohne Aufenthalt weiter zum „nächsten Dorfe“. In manchen Ortschaften bereiteten uns die sonntäglich gekleideten Bewohner einen fröhlichen Empfang, in andern betrachteten sie uns mit mißtrauischer und feindseliger Verwunderung. Der Grund für dieses verschiedene Verhalten lag am Telegraphen. Die Orte, die ein Telegraphenamt hatten, waren uns freundschaftlich gesinnt; sie wußten von uns, in manchen Ortschaften erwartete man uns sogar. Von Amt zu Amt teilten sich die Telegraphisten die Nachricht unserer Durchfahrt mit, die sich durch den ganzen Ort verbreitete, indem sie von Mund zu Mund lief. Überall konnten wir die Telegraphenbeamten am Fenster stehen sehen; sie waren die ersten, uns zu begrüßen.

Um 9 Uhr begann die Dämmerung der Nacht zu weichen. Wir beschlossen, im nächsten Dorfe über Nacht zu bleiben. Zwei junge Leute, die nebeneinander auf dem Fußsteige gingen, holten wir ein und hielten das Automobil an, um zu fragen, wo das „Semstwoskaja Dom“ sei. Aber wir hatten noch nicht den Mund geöffnet, als jene, nachdem sie uns einen Moment mit entsetzten Augen angestarrt hatten, das Zeichen des Kreuzes machten, die Beine in die Hand nahmen und die Flucht ergriffen, ohne ein Wort, ohne einen Schrei, auf den Zehenspitzen; sie liefen, als fürchteten sie, uns durch das Geräusch ihrer Schritte hinter sich herzuziehen. Augenscheinlich handelte es sich um ein Dorf ohne Telegraphenamt! Die Lage wurdeungemütlich; wir mußten unbedingt rasten, schon weil unsere Vorräte zu Ende gegangen waren und wir seit Perm außer den Erdbeeren der Frau des wackeren Wagenbauers nichts gegessen hatten.

Unser Publikum.Unser Publikum.

Unser Publikum.

Unser Publikum.

Endlich bemerkten wir auf der Schwelle eines Hauses mehrere Frauen. Wir hielten. Der Fürst wollte absteigen und mit ihnen unterhandeln.

„Um Gotteswillen!“ flüsterte ich ihm zu. „Mit Ihrem Pelze jagen Sie sie sofort in die Flucht!“

Wir hatten bereits bemerkt, daß unsere Pelze und wasserdichten Mäntel auf die Bauern eine abstoßende Wirkung ausübten. Wir sprachen also vom Automobil aus, indem wir unserer Stimme einen sanfteren Klang gaben, um weniger teuflisch zu erscheinen.

Der Fürst hatte die zärtlichsten Töne gefunden, als er sagte:

„Guten Abend! Hätten Sie wohl die Freundlichkeit, uns zu sagen, wo das Sem—“

Es war zwecklos, den Satz zu beenden. Die Frauen waren mit einem Schreckensschrei im Nu ins Haus geflüchtet und verschlossen sofort die Tür.

„O weh!“ murmelten wir. „Das Beste, was uns diese Nacht begegnen kann, ist, mit leerem Magen im Freien zu kampieren!“

Wir fuhren weiter bis zu einem Hause, das blau angestrichen war und weißumrahmte Fenster hatte.

„Hier müssen wohlhabende Leute wohnen,“ sagten wir uns; „hoffentlich bereiten sie uns einen besseren Empfang.“

Wir klopften an die Tür. Alles still. Wir klopften noch einmal. Niemand antwortete.

„Das Haus steht leer!“ riefen wir.

Nein, es stand nicht leer. Wir hörten Geflüster von Stimmen im Innern, ein Geräusch von eiligen Schritten über die hölzernen Dielen, das Zuschlagen der Ausgangstür, die fest verschlossen wurde, das Klirren eines Riegels.

Ein Forscher.Ein Forscher.

Ein Forscher.

Ein Forscher.

Wie sollten wir die Furcht besiegen, die wir überall einflößten? Wir bemerkten, daß die Bewohner wach waren und, auf die Straße hinausgetreten, den geheimnisvollen Wagen ängstlich beobachteten. Es war nicht angenehm, in dieser Lage zu bleiben, weil die Möglichkeit nicht unbedingt ausgeschlossen war, daß jemand es für einverdienstliches Werk hielt, einen Flintenschuß auf den bösen Feind abzufeuern. Der Fürst bemerkte:

„Es wäre gut, wenn einer allein näher an die Leute heranginge; ich würde ihnen die amtlichen Briefe zeigen, und wir würden ehrenvoll aufgenommen werden.“

Dann, von einer Idee erfaßt, begann er jene allzu furchtsamen Leute anzureden, die sich, zu sofortigem Rückzuge bereit, 50 Schritt von uns entfernt hielten.

„Das hier,“ sagte er, „ist eine Maschine wie die Schiffe auf der Kama und die Eisenbahn. Kommt nur her und seht sie euch an! Kommt nur! Es ist keine Gefahr! Sie wird mit Benzin betrieben.“

Die Kühnsten kamen näher. Die übrigen folgten, und es bildete sich schnell ein Kreis von Zuschauern, die zu begreifen begannen, daß wir Wesen von Fleisch und Blut seien. Man trat näher, das Automobil wurde befühlt, anfangs furchtsam, als könne man sich an ihm verbrennen, dann mit vertrauensvoller Sicherheit. Zwei Bauern nahmen heldenmütig die Einladung an, auf das Automobil zu steigen und sich ein Stück fahren zu lassen. Sie gerieten in solche Begeisterung, daß sie nicht mehr absteigen wollten. Alle wollten es probieren. Das Gedränge um uns herum wurde immer dichter. Auch der Pope kam und drückte den Wunsch aus, morgen früh nach dem nächsten Dorfe gefahren zu werden.

Das Eis war gebrochen. Alle wurden unsere guten Freunde. Das blaue Haus schob die Riegel zurück, öffnete weit die Tür und nahm uns gastlich auf. Der Samowar kam auf den Tisch; nach dem Samowar erschienen Eier, Milch, Butter und Brot, so daß wir unseren Hunger stillen konnten. Die im Hofe untergebrachte Maschine war von der Bevölkerung umlagert, die sie mit bewundernder Neugier betrachtete.

Bis Mitternacht erhielten wir Besuche; die Leute kamen und gingen frei aus und ein, nach russischem Brauche, ohne um Erlaubnis zu bitten. Sie wollten uns in der Nähe sehen; sie traten ins Zimmer,nahmen die Kopfbedeckung ab, betrachteten uns schweigend und gingen wieder hinaus, zufrieden wie Kinder am Weihnachtsabend. Um Mitternacht löschten wir das Licht aus, hüllten uns in unsere getreuen Pelze und streckten uns auf dem Fußboden aus; die letzten Besucher entfernten sich auf den Zehenspitzen, um von der Haustür aus zu verkünden: „Die Fremden schlafen!“

Am folgenden Morgen, 22. Juli, setzten wir um 4 Uhr unsere Fahrt durch eine sich stets gleichbleibende Landschaft fort: große Wälder, vereinzelte Wiesen, einige bebaute Felder, von Gebüschen eingeschlossen, die jungfräuliche Erde bedeckten.

Auf Barken setzten wir über den kleinen Fluß Uchim, dann über einen breiteren, den Wala. Leider bewirken die zahlreichen, leicht zu befahrenden Wasserstraßen, daß die Landwege vernachlässigt werden, die wir in sehr schlechtem Zustande fanden, so daß wir nur langsam vorwärtskamen und das Automobil allen jenen schrecklichen Proben unterziehen mußten, die uns zwischen Mariinsk und Tomsk zur Verzweiflung gebracht hatten. Wir fürchteten, die Federn würden nicht länger halten. Wir merkten, daß sie gegen die Stöße weit empfindlicher wurden, und wir hatten keinen Ersatz für sie. In der sicheren Überzeugung, ihrer nicht zu bedürfen, hatten wir die Ersatzfedern in Kalgan zurückgelassen, weil sie zu schwer waren, und vielleicht liegen sie jetzt noch in den Bureaus der Russisch-Chinesischen Bank, zum Andenken an unsere Fahrt.

Um einen Begriff von den Straßen zu erhalten, stelle man sich vor, man fahre im Automobil über einen frischgepflügten Acker mit der Aussicht, Hunderte von Kilometern unter denselben Bedingungen zurücklegen zu müssen.

Natürlich regnete es von Zeit zu Zeit. Wir fuhren durch wenig bevölkerte, stille Städtchen, die mit ihren weiß angestrichenen Holzhäusern — zum Unterschiede von den die Naturfarbe des Holzes zeigenden Bauernhäusern — einen unendlich traurigen Eindruck machten.Wir wurden in melancholische Stimmung versetzt, wenn wir an ihr einförmiges, graues, stilles Leben dachten; sie glichen Städten in der Verbannung. Sie tauchten in einem Tale auf, hinter einem Gehölz, am Ufer eines Baches, abgeschlossen in der Eintönigkeit einer unbebauten Gegend mit dunkeln Tannen- und Kiefernwäldern von düsterem Grün. Einige von ihnen haben Namen, die nicht russisch sind, tatarische und bulgarische Namen.

Manche Namen bewahren die Erinnerung an jenes seltsame bulgarische Volk, das einst hier ein Reich besaß, von dessen Hauptstadt noch jetzt prächtige Trümmer an den Ufern der Wolga zu sehen sind. Sie war so in Vergessenheit geraten, daß sie vollständig verschwand. Wälder hatten sie überwuchert; sie lebte nur noch in der Überlieferung, als unter Peter dem Großen ihre majestätischen Trümmer mitten in einem dichten Walde wieder entdeckt wurden.

Die Bulgaren liebten die großen Ströme; sie teilten die Wolga und die Donau unter sich: „weiße Bulgaren“ die der Wolga, „schwarze Bulgaren“ die der Donau; aber sie wurden aufgesaugt, die einen von den Tataren, die andern von den Slawen. So sind nur noch Namen übriggeblieben: Bolgary an der Wolga, Bulgarien an der Donau; das Volk aber existiert nicht mehr.

Am Nachmittag häuften sich die Schwierigkeiten. Die durch endlose Wälder führende Straße war so schlecht geworden, daß wir mit der Geschwindigkeit von nur 15 und häufig gar nur von 10 Kilometern fahren mußten. Die Karosserie knarrte, sie flog bei jedem Stoße in die Höhe, als wollte sie in Stücke gehen. Die Fußbremse, jene vermaledeite Bremse, die in Sibirien dreimal Feuer gefangen hatte, brannte zwar nicht mehr, aber sie funktionierte auch nicht mehr. Sie war vollständig verdorben, und wir waren einzig auf die Handbremse angewiesen, die auf die Laufräder wirkt. Während wir einen steilen Abhang hinunterfuhren, wobei diese einzige Bremse angezogen war, fühlten wir einen heftigen Ruck im Automobil undhörten im vorderen Teile ein metallisches Klirren. Die Maschine stand quer über dem Wege still.

Wir sprangen ab.

„Was soll jetzt werden?“ riefen wir angstvoll aus, als wir hörten, welcher Schaden angerichtet war.

Russischer Muschik.Russischer Muschik.

Russischer Muschik.

Russischer Muschik.

Der allzu starke Druck der Bremse hatte den Bruch des Bügels zur Folge gehabt, der die Federn mit der Radspindel verbindet, und die Achse der Laufräder hatte sich vollständig von den Federn, also vom Chassis, losgerissen. Wir hatten Ersatzbügel da, aber sie waren zu kurz. Zum Glück fand Ettore, als er unter seinem Handwerkszeug herumwühlte, Spindeln und Schrauben, mit deren Hilfe es ihm nach langem, geduldigem Arbeiten gelang, Federn und Achse wieder zusammenzubringen und festzuschrauben. Aber es stellte sich ein noch schwererer Schaden heraus. Die hinteren Federn waren gebrochen! Von den neun Blättern, aus denen jede bestand, waren links drei geborsten, rechts fünf. Unsere Hoffnung beruhte jetzt nur noch auf der Widerstandskraft des längsten und größten Blattes, das an den äußersten Enden die Zapfen trägt, mittels deren es befestigt ist, und das aus dem feinsten Stahle, den es gibt, angefertigt ist. Unsere Hoffnung stand aber auf sehr schwachen Füßen. Wir sahen, daß eine einzige starke Erschütterung alles vernichten würde.

Es dunkelte, und die Arbeit im Walde dauerte immer noch fort. Ein trauriger Abend für uns. Wenn der Motor, die Transmissionen, das Kugelgelenk, die Kardanwelle, die Verbindungen des Chassis, der ganze maschinelle Teil gesund, gut imstande, neu, stark und zuverlässig ist, wer denkt da an das übrige? Wenn das Herz, der Magen und alle vitalen Organe eines Menschen kräftig sind und gut funktionieren, wer denkt da an die Füße? Und doch waren es gerade die Füße unseres Automobils, die kränkelten: ein verhängnisvolles Leiden, wenn man noch einen weiten Weg vor sich hat.

Nachdem die Reparatur beendet war, machten wir uns wieder auf den Weg, ganz langsam und mit der peinlichsten Vorsicht, und gelangten eine Stunde später an die Poststation Melekeski. Wir kochten uns Eier, tranken Milch und streckten uns zum Schlafen auf der Erde aus.

Die Station war wenig mehr als eine Isba.

Am Morgen nahmen wir ein Glas Tee zu uns und fuhren ab. Es war 4 Uhr, und es regnete.

Allmählich gelangten wir in eine anmutigere und schönere Gegend. Die Landschaft hatte sich geändert, leider aber nicht die Straße. Wir fuhren durch Malmysch, das wir an dem Tage, an dem wir Perm verließen, zu erreichen gehofft hatten, ein Städtchen an dem Flusse Wjatka, das auf uns den Eindruck machte, als sei es nur von einem Dutzend Beamten, einem Apotheker und zwei Gendarmen bewohnt. Das Leben in Malmysch muß nicht besonders anregend sein.

Die Straße wurde schlechter oder schien uns schlechter zu werden, weil wir gegen die Unebenheiten des Geländes empfindlicher geworden waren. Dafür wurden wir durch den Anblick der prächtigen Landschaft entschädigt. Überall erhoben sich im Grünen Dörfer, tatarische und christliche, schlanke Minaretts und Kirchtürme, Halbmonde und Kreuze, bunt durcheinandergemischt im tiefen Frieden der Felder. Nichts erinnerte an alte Kämpfe. Die Bewohner schienen wie zu einem großartigen Feste gekleidet. Es war Heuernte.

Überraschend war die Verschiedenheit der Trachten, die mit jedemSchritte wechselten. Man fühlt es, daß unter den beiden Namen „Russen“ und „Tataren“ sich noch andere Volksstämme verbergen, die sich vereinigt, aber nicht vermischt haben. Religionen sind es zwei, der Rassen sehr viele. Diese wollen sich jetzt noch voneinander unterscheiden, wollen sich in ihrem Volkstume behaupten, sie wollen am Leben bleiben. Unbequeme und auffallende Trachten können nicht Jahrhunderte hindurch getragen werden, ohne daß die Träger den Zweck damit verfolgen, ihre Eigenart zur Geltung zu bringen und zu bewahren. Jedes Dorf ist ein kleiner Staat für sich, der ein friedliches Sonderdasein führt und so verschieden von den anderen ist, als sei er durch weite Entfernungen von ihnen getrennt.

Gegen 3 Uhr, als wir in das Tal des Flusses Kasanka hinabfuhren, sahen wir im Westen einen Wasserstreifen schimmern: die Wolga. In leuchtendem Nebel hoben sich die Umrisse einer großen Stadt ab. Endlich hatten wir Kasan erreicht mit den Türmen und Kuppeln seiner Kirchen und den Minaretts seiner dreizehn Moscheen!

Auf breiten Straßen voller Leben und Getöse gelangten wir in die Stadt, neugierig betrachtet, von vielen erkannt, mitunter begrüßt.

Eine Dame ließ ihre prächtige Equipage wenden, um uns zu folgen und uns besser in Augenschein zu nehmen; sie holte uns ein. Sie fragte, ob wir von Peking kämen und wohin wir wollten.

„Ins Hôtel de l’Europe, gnädige Frau.“

Ihr Wagen fuhr voran, wir folgten. Wir kamen an Kirchen, an Gärten vorüber und gelangten auf die Hauptstraße. Hier liefen uns Herren erregt und lachend mit ausgestreckten Händen entgegen. Es waren Italiener.

„Willkommen!“ riefen sie. „Hoch! Liebe Freunde!“

Im Hintergrund erblickten wir den Kreml und den großartigen Spaskajaturm, der wie eine alte Zwingburg auf die moderne Stadt herabsieht.

Von der Wolga zur Moskwa.

Sibirien kehrt zurück. — Ein feindseliges Dorf. — Die Gastfreundschaft eines Müllers. — Nischnij-Nowgorod. — Die Geschichte eines Telegramms. — Die Chaussee. — Wladimir. — Freiwillige Panne. — Moskau empfängt uns. — Am Ufer der Moskwa.

In Kasan wurden die Federn in der Nacht rasch ausgebessert. Am 24. Juli 9 Uhr vormittags konnten wir Kasan mit der vollständig reparierten Maschine verlassen. Wir fuhren unter den drohenden Mauern des Kremls hin, jener alten tatarischen Zitadelle, die eine der grausigsten Geschichten von Feuer und Schwert gesehen hat: die von Machmet Amin befohlene Niedermetzelung der Christen, die von Iwan IV. befohlene Niedermetzelung der Tataren, die von dem meuterischen Kosaken Pugatschew befohlene Niedermetzelung der Adligen, und viermal die Plünderung und Zerstörung der Stadt. Wir gelangten in die entlegenere arbeitsame Admiralitätsvorstadt und von dort an den Wolgahafen.

Der große Strom, der größte Europas, lag breit, majestätisch, langsam und stolz vor uns. Er wimmelte von großen Dampfern, die bis zum Kaspischen Meere fahren, von Fähren, von Schleppdampfern, von Personendampfern. Die bevorstehende Messe von Nischnij-Nowgorod war die Ursache dieses Gedränges. Die Wolga ist einer der gewaltigsten Verkehrswege der Welt; sie verbindet Persien, denKaukasus und Turkestan mit dem Herzen Rußlands. Die mannigfaltigsten Volksstämme bewegten sich an den Ufern zwischen den Ladeplätzen: wir sahen Tataren, Armenier, Zirkassier und Kirgisen unter russischen Bauern.

Auf einem der Trajektboote setzten wir über, auf einem wirklichen und wahrhaftigen Dampfschiff, das uns gewaltig erschien wie ein transatlantischer Dampfer.

Rasch fuhren wir davon über Hügel, von denen aus wir den unvergeßlichen Anblick Kasans genossen, der blendendweißen Stadt, über die sich die funkelnden Kuppeln der Kathedrale der Verkündigung Mariä erheben. Neben diesen Kuppeln erblickten wir — ein seltsamer Gegensatz in Gestalt und Erinnerungen — den alten tatarischen Sumbekaturm, der seinen Namen von einer tatarischen Prinzessin hat, die nach einer poetischen Sage sich, als die belagerte Stadt den Angriffen der siegreichen Slawen unterlag, von der höchsten Spitze hinunterstürzte, um mit dem Vaterlande zu sterben.

In der Unterstadt, die mit ihren kleinen, von Gärten umgebenen Häusern noch jetzt ganz tatarisch ist, erheben sich Minaretts. Am Flusse eröffnete sich ein seltsames Panorama runder Gebäude, der Riesenbehälter für das Petroleum, das die Schiffe aus Baku die Wolga herauf bringen. Kasan ist einer der größten Petroleumstapelplätze der Welt. Dann entfernte sich alles, zerstreute sich, verschwand hinter dem Gipfel eines Hügels. Wir befanden uns wieder in der Einsamkeit der Felder.

Wir fuhren auf verlassenen, kaum erkennbaren, von Gras überwachsenen Pfaden und waren genötigt, uns mit der allerbescheidensten Geschwindigkeit zu begnügen.

Sibirien schien zurückgekehrt zu sein! Stellenweise hatten Wasserfluten die Straße in einen tiefen Abgrund verwandelt. Es kam vor, daß wir wie in der Mongolei die Richtung verloren. Wir kamen an eine Stelle, wo jede Spur einer Straße oder eines Pfades verschwunden war und wir nicht mehr nach dem richtigen Wege,sondern nach einem Manne suchen mußten, der uns als Führer dienen könnte. Karten und Kompaß waren zu Rate gezogen worden, das Ende vom Liede aber war, daß wir uns vor unübersteiglichen Hindernissen befanden. Ein Bauer erklärte sich bereit, auf das Automobil zu steigen und uns zu führen. Nachdem wir etwa 10 Kilometer zurückgelegt hatten, kamen wir auf einen morastigen Weg, an dem sich die Telegraphenleitung hinzog.

„Folgen Sie nur der Telegraphenleitung!“ sagte er und verabschiedete sich.

Es war lange her, daß wir uns von der unabsehbaren Reihe von Telegraphenstangen hatten leiten lassen. Und jetzt näherten wir uns Moskau? Der ganze Landverkehr wickelt sich dort draußen nur im Winter ab: wenn der Schnee das Gelände so wunderbar ebnet, daß die Schlitten pfeilschnell darüber hinweggleiten. Es hat also keinen Zweck, kostspielige Straßen zu unterhalten. Im Sommer sind die Flüsse für den Verkehr da. In den Zeiten vor der Dampfschiffahrt existierte hier eine prächtige Straße, von der sich jetzt kaum noch Spuren vorfinden.

Dampfschiff auf der Wolga.Dampfschiff auf der Wolga.

Dampfschiff auf der Wolga.

Dampfschiff auf der Wolga.

Gegen 1 Uhr passierten wir langsam ein kleines Dorf, als das Automobil auf einem mit Gras überwachsenen Platze, der stets die weißen Kirchen der russischen Dörfer umgibt, ein an eine leere Telega gespanntes Pferd zum Scheuen brachte. Das Pferd ging durch; ein Knabe von ungefähr zehn Jahren, der von der Telega abgestiegen war, wollte das Pferd aufhalten, ergriff die lange Zugleine, die hinter dem Wagen herschleifte, und versuchte an ihr zu ziehen. Unglücklicherweise schlang sie sich um eins seiner Beine, und er fiel zu Boden. Wir stießen einen Schreckensruf aus. Schon sahen wir im Geiste den Knaben an einem Beine geschleift und auf grausige Weise ums Leben gekommen. Allein wir hatten nicht an die Weite der russischen Stiefel gedacht; kaum war der Knabe hingefallen, so bewirkte die um sein Bein geschlungene Leine nur, daß der Stiefel ausgezogen wurde; der Knabe selbst blieb heil und unverletzt.

Auf dem Dampfer.Auf dem Dampfer.

Auf dem Dampfer.

Auf dem Dampfer.

Der Unfall erregte aber den Zorn der Bevölkerung gegen uns. Sofort bildete sich eine dichte Gruppe von Bauern, die, unsere langsame Fahrt ausnutzend, uns verfolgten. Zu ihnen gesellten sich andere.Sie bewaffneten sich mit Steinen und gingen schreiend und johlend zum Angriff über, indem sie uns in drohendem Tone „Halt!“ zuriefen.

Das Durchgehen der Telega allein konnte eine solche Empörung nicht erklären. Selbst ein russischer Bauer war imstande zu begreifen, daß wir keine Schuld hatten. Erst einige Tage später, in Moskau, erhielten wir Aufklärung über jene Wut und über die verbissene Feindseligkeit, die uns in so vielen Ortschaften des russischen flachen Landes entgegengetreten war. Das Automobil war verschiedentlich von Revolutionären benutzt worden, um Proklamationen umstürzlerischen Inhalts zu verbreiten. Sicher ist, daß sich in vielen russischen Ortschaften die Ansicht gebildet hatte, die Automobile seien Fahrzeuge der Feinde der Religion und des Zaren! Das Durchgehen eines Pferdes wurde für uns die Veranlassung zum Ausbruch eines lange vorher bestehenden Volkshasses.

Die Verfolger schienen nicht geneigt, uns entkommen zu lassen. Die Straße unterstützte sie bis zu einem gewissen Grade. Wir kamen an einen jähen Abhang voller Furchen und Löcher. Wir mußten bremsen und langsamer fahren, um die Maschine nicht zu beschädigen. Die Bauern wurden von einem blonden jungen Manne in roter Bluse angeführt, der den andern vorauslief und ihnen etwas zubrüllte, um ihnen Mut zu machen. Die Entfernung verkürzte sich zusehends. Schon kamen Steine geflogen. Noch wenige Sekunden, und wir wären eingeholt worden. Da entschloß ich mich zu einer Handbewegung, die der Verfolgung sofort ein Ende machte. Es war eine sehr einfache Bewegung mit der ausgestreckten rechten Hand, eine langsame Bewegung, während ich mich auf die Füße erhob und mich der Menge zuwandte. Diese blieb mit einem Male stehen, verstummte, wich zurück und ließ uns unbelästigt weiterfahren! Ich muß allerdings hinzufügen, daß ich bei dieser Handbewegung den Kolben der geladenen Mauserpistole, die ich schußbereit gesenkt hatte, umklammert hielt.

Bald darauf versanken wir im Morast in der Nähe des kleinen Simylskajaflusses. Mit Hilfe dreier Muschiks, die gerade vorbeikamen,machten wir uns in einstündiger Arbeit wieder frei. Dann überschritten wir den Fluß auf einer alten Brücke, ließen das malerische Städtchen Woronowka zur Linken liegen, und weiter ging es auf unsicheren und gefahrvollen Straßen. Von Westen her zog ein schwarzes Unwetter herauf, das uns erreichte, als wir uns in einem großen Walde von Eichen und Buchen befanden, und das uns die Freude verdarb, vertraute Bäume wiederzusehen. Wir hatten die Tannen und Birken satt. Die Tannen sind gewiß sehr schöne Bäume; mit ihren schwarzen, an den Turm einer Kathedrale erinnernden Spitzen weisen sie eine gewisse architektonische Strenge auf. Aber auf die Dauer werden sie langweilig wie ein Wald von geschlossenen Schirmen. Die Eichen aber fanden wir geradezu wundervoll; sie sind eine ungezwungenere, mannigfaltigere, vertraulichere Erscheinung; es war, als winkten sie uns mit ihren vom Winde bewegten knorrigen, unregelmäßigen Ästen; es waren die Bäume unserer Heimat.

Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.

Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.

Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.

Es regnete in Strömen mit der gewohnten Begleitung von Blitz und Donner. Es war nun einmal Schicksalsbeschluß, daß es alle Tage regnen sollte, und wir hatten uns auch darein gefunden. Wir hattennicht einmal die Mühe, erst die wasserdichten Mäntel anzuziehen, weil wir sie stets, es mochte das schönste Wetter und der blendendste Sonnenschein sein, auf dem Leibe trugen.

Der Abend überraschte uns mitten in einer Einöde. Wir hatten gehofft, das 160 Kilometer entfernte Tscheboksary zu erreichen; bis abends 8 Uhr hatten wir aber nicht mehr als 80 Kilometer zurückgelegt, als das Automobil sich mit einem Male auf die linke Seite neigte und stehenblieb. Wir waren eingesunken. Ettore hatte bei der Dunkelheit eine tiefe morastige Einsenkung nicht bemerkt, und zwei Räder waren bis an die Naben hineingeraten!

Wir befanden uns in einem einsamen Tale. Im Grunde rauschte ein vom Regen geschwellter reißender Fluß. Der Fürst und ich — Ettore blieb zur Bewachung der Maschine zurück — erstiegen einen nahen Hügel, um vielleicht bewohnte Orte zu entdecken. Nichts war zu sehen als die dunkle, düstere Landschaft, eine wellige Steppe, hier und dort unterbrochen von schwarzen Gehölzen. Wir hatten uns schon darein ergeben, die Nacht auf dem Automobil zu verbringen, als ich ein Dach in einem Weidengebüsch, links von einer Brücke, bemerkte.

Wir gingen in der angegebenen Richtung und fanden wirklich eine kleine einsame Mühle. An der Tür der Isba stand eine alte Frau, die bei unserem Anblick erschreckt zurücktrat. Dann erschienen zwei Männer in wenig freundlicher Haltung und fragten, wer wir seien.

Der Fürst sprach vom Automobil, versprach ihnen eine Belohnung, wenn sie uns Hilfe leisteten, und schloß damit, daß er die beiden Männer, die sich wieder besänftigt hatten, ersuchte, sich die im Morast steckende Wundermaschine anzusehen.

„Sie müssen nach dem Dorfe gehen und dort Hilfe holen“, sagten sie, nachdem sie nachgedacht hatten. „Wir sind in der Mühle nur vier Personen. Wieviel wollen Sie übrigens für die Hebung des Wagens zahlen?“

„Fünf Rubel!“ erwiderte der Fürst. Es war die Anfangssumme wie bei öffentlichen Versteigerungen.


Back to IndexNext