Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.
Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.
Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.
Wir wollten die ganze Strecke von Hsin-wa-fu bis Kalgan, etwa 40 Kilometer, mit dem Motor zurücklegen, mit Ausnahme des Passes von Yu-pao-tung, einem sehr steilen, aber kurzen hügeligen Übergang, der ungefähr in der Mitte des Weges lag. Ein Teil unserer Leute war schon nach Yu-pao-tung vorausgeschickt worden und hatte um Mitternacht die Herberge verlassen. Wir fanden jedoch die Straße so schlecht, sumpfig, steinig und sandig, daß wir für die ersten 15 Kilometer noch auf die Beförderung durch Ziehen angewiesen waren.
Am 14. Juni 5 Uhr früh nahmen wir langsam unseren Marsch wieder auf unter dem eintönigen Geräusch der Schritte der an die Seile gespannten Chinesen. An Dünen vorbei bewegten wir uns durch weite sandige Ebenen.
Die Menge des Sandes, die die Winde der Mongolei aus der Wüste in die der Grenze benachbarten chinesischen Landschaften tragen, ist unglaublich. Der Sand häuft sich vom Norden her an jeder Felsspitze, an jedem Hindernis auf, gleich dem von Stürmen gepeitschten Schnee. An den Mauern von Hsin-wa-fu hat er sich so hochemporgetürmt, daß er sie schließlich beinahe begraben hat. Nur die Zinnen ragen noch hervor.
In einer halben Stunde hatten wir den Paß von Yu-pao-tung passiert, eine steile Einsattelung von wildem Aussehen, die sich aber in der Tat ziemlich freundlich erwies, da sie uns keine andern Schwierigkeiten in den Weg legte als eine Böschung von 40% Steigung und die Anwesenheit einiger Steine, die sich willig beiseite schieben ließen, um den Weg freizugeben. In dieser kleinen Schlucht zieht sich abgesondert, erhöht und deswegen gut erhalten, ein Stück Straße hin, das mit breiten Steinen gepflastert ist, die nicht aus der Gegend stammen und von dem Berge Schi-schan jenseits von Kalgan hierhergeschafft worden sein müssen. Es ist dies ein überraschender Rest alter chinesischer Zivilisation. Es hat also einmal wirkliche schöne, bequeme Straßen gegeben! Was war China in jenen fernen Zeiten? Welcher Verkehr, welcher Strom von Reichtum ergoß sich über Täler und Ebenen, auf wunderbaren Straßen und über prächtige Brücken nach Peking? Wie viele Jahrhunderte sind seitdem verstrichen?
Vor einem kleinen, zierlichen, von Bäumen umgebenen Tempel machen wir halt, um den Motor in Ordnung zu bringen und alles Nötige vorzubereiten, damit wir ohne fremde Hilfe bis Kalgan gelangen können. Maultiertreiber, Landleute, Kinder waren herbeigekommen, und, von den Kulis ausgesprengt, hatte sich die Kunde von dem Ereignis weithin verbreitet und war auch in den Tempel gedrungen. Ein junger Mönch erschien oben auf der Treppe, die zu dem Heiligtume führte, sah herunter und verschwand, um kurz darauf wiederzukommen, am Arme einen alten Mönch mit gebeugtem zitterndem Haupte stützend und führend. Wir bemerkten, daß der Greis blind war. Der Jüngling berichtete ihm alles, was sich zutrug. So nahm der Blinde, ohne zu sehen, teil an der wunderbaren Fahrt des Zauberwagens durch jene Gegenden, die er so gut kannte durch das Licht und die Erinnerungen seiner Jugend.
Erste Begegnung mit Mongolen.Erste Begegnung mit Mongolen.
Erste Begegnung mit Mongolen.
Erste Begegnung mit Mongolen.
Diese Blindheit erschien uns als ein Symbol, als das Symbol der chinesischen Psyche. War nicht um uns ein Volk versammelt, das ausschließlich von der Vergangenheit zehrte, und erlebte es nicht, ohne ihn recht zu sehen, den mächtigen Einbruch einer ihm unbekannten Gegenwart? Was anderes ließen wir unter diesen Völkerschaften zurück als die Erinnerung an eine geheimnisvolle Gewalttat?
Wir fuhren in Schlangenlinien durch Flußbetten, auf vom Wasser ausgehöhlten Straßen. Als wir auf dem Grunde eines breiten Grabens entlang fuhren, blieben wir plötzlich im Moraste stecken. Die Räder drehten sich, ohne festen Halt zu finden, wühlten den Pfuhl auf, bohrten sich in ihn ein und versanken.
„Mit aller Kraft rückwärts!“ rief der Fürst.
Die Räder drehten sich in entgegengesetzter Richtung, aber das Automobil bewegte sich nicht einen Millimeter.
Der Motor wurde warm, und man mußte befürchten, daß er sich erhitzte. Chinesen, die vom Markte in Kalgan zurückkehrten, kamen auf dem Rande des Grabens vorbei. Wir baten sie, uns zu helfen, aber sie nahmen ihre Beine in die Hand und flohendavon, unter dem Gewicht ihrer Traghölzer schwankend. Das große Ding, das heulte, schnaufte und Rauch ausstieß, hatte sie erschreckt. Wir hatten uns schon resigniert dazu entschlossen, die Ankunft der Kulis abzuwarten; nach einer halben Stunde jedoch bemerkten wir, daß die herniederbrennende Sonne zum Teil den von den Rädern weggeschleuderten Morast getrocknet und hartgemacht hatte, und erneuerten unsere Anstrengungen. Nach einigen Minuten stellten wir fest, daß die Maschine sich, wenn auch fast unmerklich, zu bewegen begann. Die Räder drehten sich mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern die Stunde, und das Automobil lief 90 Zentimeter. Es gelang uns, es einen Meter, dann zwei, dann fünf zurückzubringen. Und nun von neuem mit aller Kraft vorwärts! Es fuhr dieselbe Strecke vorwärts, stöhnend und den Rauch explosionsartig ausstoßend. Langsam machte es Fortschritte, wobei es in allen Teilen erzitterte, und gelangte endlich auf trockenes Gelände. Hier schoß es mit einem Male mit einem Katzensprung vorwärts — das Automobil war frei!
Kalgan liegt hinter Bäumen versteckt an der Mündung eines Tales. Wir erblickten es unvermutet bei einer Biegung der Straße. Es erschien mit einem Schlage mit seinem eigenartigen chinesischen Panorama, ähnlich jenen Städten, die man auf den gewirkten Tapeten von Fukien sieht. In malerischer Mannigfaltigkeit zieht die Stadt sich am Ufer eines breiten steinigen Flusses — des Ta-ho („Großer Fluß“) — hin und hebt sich mit ihren alten Pagoden, Peilos (Votivbogen) und seltsam geformten Tempeldächern von dem Alpenhintergrunde ab, den die braunen, steilen Abhänge des Schi-schan bilden. Sie ist unregelmäßig gebaut und besteht aus bunt durcheinander gemischten Gruppen von Hütten, Palästen, Bäumen, aus einem wirren Haufen von Gebäuden und Pflanzen, der sich an der großen steinernen Brücke über den Ta-ho zusammenzudrängen scheint, um sich am andern Ufer fortzusetzen.
Wir haben die Brücke nicht benutzt. Die antiken monumentalen chinesischen Brücken flößten uns allzu großen Respekt ein, und wirzogen die Furten vor. Wir stiegen in das Flußbett hinab, wo ein ganzes Volk von Gerbern damit beschäftigt war, in der Strömung hohe Stapel mongolischer Ziegenfelle mit flockiger Wolle zu waschen. In der Luft machte sich der Geruch von Leder und Gerberlohe bemerkbar; er kam aus der Stadt, durch deren enge Gassen wir fuhren. Wir zogen an von Zäunen umgebenen Lehmhütten, an Vorstadtwohnungen vorüber, die einen primitiven Anblick boten und schon von der Nachbarschaft unzivilisierter Volksstämme Zeugnis ablegten. Endlich gelangten wir auf einen Markt, der von Mongolen in Pelzmützen wimmelte; er war mit Buden besetzt, stand voller Wagen und Pferde und hallte von Geschrei und Lärmen wider. Die Leute sahen uns erstaunt nach, und wir fühlten, wie uns das Schweigen folgte wie das Kielwasser einem Schiffe. Soldaten in roten Jacken liefen vor einer Sänfte einher, die von berittenen Offizieren umgeben war, von denen einer feierlich einen roten Sonnenschirm, das Abzeichen des Kommandos, trug. In der Sänfte saß ein Großmandarin, der Gerichtspräsident von Kalgan, ein schöner Chinese, fett und rund, ähnlich jenen Porzellanpagoden mit wackelndem Kopfe, die stets ja zu sagen scheinen. Wir betraten die „Oberstadt“, die sich an den Wall anlehnt. Mitten auf dem Wege erwartete uns ein Europäer.
Es war Herr Dorliac, der Direktor der Filiale der Russisch-Chinesischen Bank, der uns seine Gastfreundschaft anbot.
Dankbar nahmen wir die freundliche Einladung dieses Eremiten der Zivilisation an, der fern von seinesgleichen in einer Art von chinesisch-europäischem oder sagen wir russisch-chinesischem Hause wohnt und die Eingeborenen in die Geheimnisse des Wechselgeschäfts einweiht. Der Hof der Bank wurde zur Werkstatt Ettores, die Geschäftsräume zum Quartier umgewandelt. In wenigen Stunden nahm die „Itala“ wieder ihr normales Aussehen an, nachdem Ettore der Packkiste den Abschied gegeben und die Karosserie mit ihren Behältern wieder an Ort und Stelle gebracht hatte. Hier fanden wir unseren ersten Reservevorrat an Benzin und Öl vor. Um eine etwaige Erwärmungdes Motors zu vermindern, wurden in Voraussicht hoher Temperaturen an den Zylindern Auspuffrohre angebracht, wie die Rennmaschinen sie besitzen; sie sind an das Motorgehäuse angeschraubt und ähneln zwei kleinen Phonographenschalltrichtern; durch sie können die glühendheißen Benzindämpfe unmittelbar nach ihrer Entstehung ins Freie entweichen.
Die Arbeiten Ettores wurden von einer riesigen Zuschauermenge überwacht. Die Polizeibehörden hatten sechs Soldaten zur Bewachung des Einganges der Bank geschickt mit dem Befehl, niemand eintreten zu lassen. Ein großer Irrtum! Jeder chinesische Soldat hat natürlich eine gewisse Anzahl Freunde, Verwandte, Gläubiger, gegen die er sich gefällig und liebenswürdig zeigen muß, indem er sie durchläßt, wenn er Wache steht. Die Anzahl aber der Gläubiger, der Verwandten und Freunde von sechs Chinesen beträgt die Hälfte der Einwohnerschaft einer Stadt. Dies war der Grund, warum durch eine mit Riegeln verschlossene, durch Balken verrammelte und von sechs Schildwachen behütete Tür eine Menschenflut in ununterbrochenem Andrang hereinströmte. Wären die Wachtsoldaten zwölf an der Zahl gewesen, die Bank wäre demoliert worden. Viele Zuschauer waren auf die nächsten Dächer gestiegen, und Scharen von Neugierigen pilgerten nach dem Berge Schi-schan, wo sie ungeachtet der Gefahr der Bergstürze, die auf dem Schi-schan unausgesetzt Opfer fordern, auf die Felsenvorsprünge kletterten und von weitem nach den Geheimnissen Europas spähten.
Es kamen Missionare zu Besuch, die auf chinesische Art gekleidet waren, aber europäische Hüte trugen; sie erzählten mit großer Anschaulichkeit von den Greueln des Boxeraufstandes in Kalgan, bei welchem sicherlich aus jedem Missionar ein Schlachtopfer und ein Märtyrer geworden wäre, wenn nicht alle Missionare vorher nach der Mongolei entflohen wären. Einer von ihnen gab uns wertvolle Aufschlüsse über die Mongolei, die er genau kannte. Vor soundso viel Jahren war er dorthin gegangen, um Bibeln zu verteilen und Pferdezu kaufen, wobei er nach beiden Seiten ausgezeichnete Geschäfte gemacht hatte. Auch die russische, aus drei Mitgliedern bestehende Kolonie fand sich vollzählig ein, und beim Samowar hörten wir ihre tiefen Stimmen liebevoll und mit einer Art Heimweh von Sibirien sprechen. Da wir uns in diesem Augenblick unter Europäern befanden, russischen Tee und die ausgezeichneten Erzeugnisse der russischen Küche zu uns nahmen, so unterlagen wir beinahe der Illusion, schon mehrere tausend Kilometer zurückgelegt zu haben. Wir hatten jedoch, ach! nicht mehr als ungefähr 240 hinter uns, davon nur 95 mit dem Motor.
Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.
Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.
Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.
Es war in der Tat ein Tag, der den gesellschaftlichen Anforderungen gewidmet war. Die chinesischen Behörden hatten, abgesehen von der Stellung einer Wache, in der Stadt eine uns betreffende Bekanntmachung anschlagen lassen. Die Bewohner von Kalgan wurden darin von unserer Ankunft benachrichtigt; sie sollten uns als Freunde betrachten, da wir keine feindliche Absicht hätten, und uns demgemäß mit Achtung begegnen; die Bewohner sollten sich unserer Maschine nicht in den Weg stellen, sie sollten sich ihr gar nicht nähern und noch weniger sie berühren, da daraus das größte Unglück entstehen könne; Zuwiderhandelnde würden ins Gefängnis gesperrt und zu noch festzusetzenden Strafen verurteilt werden. Zahlreiche amtliche Anschläge auf rotem Papier von quadratischem Format verkündeten diese Bekanntmachung,um die sich die Bevölkerung an den Straßenecken in Scharen drängte, um sie zu lesen. Wir waren den Behörden einen Dankbesuch schuldig und statteten diesen ab, indem wir uns zum Ta Tsum-ba, zum Stellvertreter des Wai-wu-pu, begaben, der höchststehenden Persönlichkeit in der Stadt, dessen Amtsgewalt sich auf die Mongolei erstreckt, einer Art Minister des Grenzbezirks, dessen persönlicher Name Te Tsui lautet. Auf seinem Hause wehte die gelbe Flagge mit dem Drachen.
Der Ta Tsum-ba erwartete uns. Er und sein Gefolge hatten sich zu unserem Empfange in große Gala geworfen: gestickte Kleider, Hüte, wie sie bei festlichen Gelegenheiten getragen werden, überragt von Knöpfen in allen Farben, Pfauenfedern, die von diesen Knöpfen auf den Nacken herabwallten, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze. Sobald er uns sah, drückte er sich nach der chinesischen Etikette selbst herzlich die Hand; alle Anwesenden taten dasselbe, und dann folgten Verbeugungen, höfliche Worte, Wünsche, daß man lange leben möge, alles gewürzt durch zahlreiche Tassen Tee, der mit Rosen und Jasmin parfümiert war, und überreichliche Süßigkeiten von geheimnisvoller Zusammensetzung, die der Ta Tsum-ba uns mit seinen eigenen langnägeligen, mit Jaderingen geschmückten Fingern reichte — eine ganz außerordentliche Ehre.
Die Besorgnisse Te Tsuis waren dieselben wie die des Wai-wu-pu. Er fragte, ob wir unterwegs Messungen vorgenommen oder Aufzeichnungen über die Straße gemacht hätten ...
„Messungen? Aufzeichnungen? Niemals!“ erwiderte der Fürst.
„Und in Irkutsk,“ fragte der Ta Tsum-ba weiter, „in Irkutsk benutzen Sie doch sicherlich den Zug?“
„Nein.“
„Und doch benutzen alle, die durch die Mongolei nach Europa reisen, in Irkutsk den Zug!“ bemerkte der Würdenträger verwundert. „Er ist sehr bequem. In zehn Jahren wird der Zug auch hier halten.“
Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.
Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.
Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze Nacht ertönt.
Nach dem Besuche beim Ta Tsum-ba kam der beim Tu-tung an die Reihe, bei dem tatarischen General, den der tatarische Hof von Peking jedem chinesischen Gouverneur zur Kontrolle an die Seite setzt; er befehligt die Regierungsmilizen und ist daher allmächtig, er ist der eigentliche Schutzherr des gesamten Mandarinentums der Provinz. Der Tu-tung von Kalgan heißt Tschen Sung. Er bewohnt einen tempelähnlichen, von einer roten Mauer umgebenen Palast, und von den hohen Fahnenstangen, die mit seltsamen Anhängseln geschmückt sind, die den Fu, die Amtswohnung, anzeigen, weht neben der Drachenflagge auch die militärische Standarte.
Wiederum gestickte Kleider, Festhüte mit langen roten Fransen, Knöpfe, Jaderinge, Pfauenfedern, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze, Selbsthändedrücke, Verbeugungen, höfliche Worte, parfümierter Tee, Champagner und Süßigkeiten.
Auch der Tu-tung ist ein Freund der Eisenbahn, selbstverständlich, wenn die Eisenbahn von Chinesen gebaut ist. Aber er ist ein Feind der Tunnels. Er ist einmal mit der Eisenbahn gereist, auf der Linie von Hankou; er ist daher kein lediglich platonischer Kenner; er spricht aus Erfahrung. Solange man im Freien fährt, ist alles gut; wenn man aber in einen Tunnel kommt, so ist der Eindruck ein sehr unangenehmer.
„Aber es ist doch keinerlei Gefahr dabei“, bemerkte Fürst Borghese.
Das wußte der tatarische General sehr wohl, daß keine Gefahr dabei war, Teufel noch mal! Der unangenehme Eindruck rührte von der Dunkelheit her.
„Man nimmt an, es sei Nacht!“ warf der Fürst lachend ein.
Ah, das ist nicht dasselbe. Der Tu-tung gibt durch den Dolmetscher eine Erklärung und enthüllt dadurch etwas von den unbekannten Horizonten der chinesischen Seele, etwas von der fein entwickelten orientalischen Empfänglichkeit für Sinneseindrücke.
„Die Dunkelheit der Nacht und die der Tunnels sind durchaus verschiedene Dinge. Sie gleichen sich nicht im geringsten. Die derNacht ist süß, die der Tunnels herb ... Es besteht zwischen beiden ein so großer Unterschied wie zwischen Freude und Schmerz ... Die Dunkelheit der Nacht löst, die Dunkelheit der Tunnels bedrückt ...“
Nach dieser Vorlesung über die verschiedenen Dunkelheiten kehrten wir zur Bank zurück, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenbesuch des Ta Tsum-ba entgegenzunehmen. Es kamen kleine Wagen mit den Beamten des Gefolges an. Die ganze Umgebung war gedrängt voll Menschen, deren Rufe uns die Annäherung des Mandarinen verkündeten. Eskortiert von Soldaten, erschien eine von einer Menschenschar getragene Sänfte im Hofe, und heraus stieg Te Tsui in prächtiger, goldgestickter Kleidung, mit einer Amethystkette um den Hals, einen Fächer in der Hand. In der Russisch-Chinesischen Bank hörte man nichts als das Rauschen von Seidenstoffen.
In der südlichen Mongolei.In der südlichen Mongolei.
In der südlichen Mongolei.
In der südlichen Mongolei.
Beim Weggehen wollte der Ta Tsum-ba den Ki-tscho sehen. Er fand die Vorrichtung, die Hupe ertönen zu lassen, ohne mit dem Munde hineinzublasen, sehr sinnreich. Aufmerksam beobachtete er, wie die Maschine vorwärts und rückwärts fuhr, und stieg dann wiederin seine Sänfte, nachdem er uns nach europäischer Sitte die Hand gedrückt hatte — ein Zugeständnis an unsere Gebräuche, das er der Persönlichkeit der Fremden und der Natur des Ortes gemacht hatte.
„Tsou-ba! Platz!“ riefen die Soldaten der Menge zu, die Stöcke in der Luft schwingend, und das Gefolge entfernte sich.
Unser Lager in der Mongolei.Unser Lager in der Mongolei.
Unser Lager in der Mongolei.
Unser Lager in der Mongolei.
Dann kam der Tu-tung mit einem noch größeren Gefolge. Wir waren ganz geschwollen von Stolz und Tee, namentlich aber von Tee. Nicht auszurechnen ist die Zahl der Tassen, die die Etikette uns zu trinken genötigt hatte. Es war Nacht, und immer noch erhielten wir Höflichkeitsbesuche. Der Samowar des Herrn Dorliac war beständig in Tätigkeit und dampfte wie eine Lokomotive. Zur Stunde des Abendessens kam noch E-Le-He-Tai. Er ist Mandarin und Dolmetscher des Wai-wu-pu, spricht und schreibt englisch und hatte keine Gelegenheit gefunden, uns während der Anwesenheit des Ta Tsum-ba seiner Freundschaft zu versichern. Um sie uns auszudrücken, kam er, in rote Seide gehüllt; er sah darin aus wie ein chinesischer Kardinal. Er hatte wertvolle Geschenke bei sich, die er uns zumAndenken verehren wollte: für den Fürsten eine große gestickte Börse, für mich ein Parfümsäckchen, gefüllt mit Kampferharz, das die Chinesen kauen, um dem Atem einen Geruch nach Kleidern zu geben, für Ettore einen Tabaksbeutel. E-Le-He-Tai war Automobilenthusiast; er bat um die Erlaubnis, eine Rundfahrt zu machen, was ihm gestattet wurde. Es schien mir, als repräsentiere unser lieber Freund in der chinesischen Orthodoxie die sympathischste moderne Richtung; aber dort draußen ist es gefährlich, modernen Anschauungen zu huldigen. Die große Exkommunikation trifft so schwer!
Selbst einige Bonzen eines benachbarten Tempels, der sich malerisch an den Abhang des Schi-schan lehnt, kommen, um sich das Automobil anzusehen. Der Tempel hat ein Gong, das während der ganzen Nacht jede Minute einen Schlag tut. Endlich blieben wir allein mit diesem tiefen, angenehmen, unsagbar feierlichen, einlullenden Ton, der unermüdlich wie eine stete Mahnung erklang. Unsere Phantasie trug uns in weite Fernen, und dieser immerfort sich wiederholende Schlag war für uns eine ernste Erinnerung, eine Stimme, die sich unsertwegen erhob, eine Stimme, die den Raum erfüllte, die sich mit der Regelmäßigkeit eines gewaltigen Atems ausbreitete, mächtiger, tiefer, geheimnisvoller wurde, herüberzitterte wie ein ferner Chor, eine Vereinigung von tausenderlei Lauten und tausenderlei Klagen. Es war, als vernähmen wir die märchenhafte Stimme der chinesischen Nacht.
Der folgende Tag — es war der 15. Juni — wurde auf eine Erkundung zu Pferde in der Richtung auf die Mongolei zu verwandt. Die Straße erwies sich als teilweise für den Motor fahrbar. Die letzten Anhöhen würden mit Hilfe der Kulis und der Maultiere überstiegen werden. Dann begann die Steppe. Nach der in den vorhergehenden Tagen ausgeführten Fahrt erschien uns alles andere leicht. Aber eine andere Gefahr drohte uns, der Regen. Das Tal des Schi-schan-ho ist in Regenzeiten plötzlichen reißenden Überschwemmungen ausgesetzt, und da die Straße ganz mit dem Bette des Flusses zusammenfällt,haben die von der Wut des Wassers überfallenen Karawanen keinen Ausweg. Häufig kommen Unglücksfälle dabei vor, und jedes Hochwasser schwemmt bei Kalgan neben entwurzelten Bäumen, Kadavern von Maultieren, Kamelen, Schafen auch menschliche Leichen an. Es regnete mehrere Stunden, und das Wetter drohte noch schlechter zu werden. Wir warteten daher mit Ungeduld auf die Ankunft der andern Automobile, von denen wir nur wußten, daß sie in Hsin-wa-fu eingetroffen seien.
Es gibt zwei Straßen, auf denen man von Kalgan nach Urga gelangen kann. Die Hauptstraße, zugleich die bekannteste, ist die sogenannte Mandarinenstraße, die auf etwa 800 Kilometer etwas nach Nordwesten bis zum Dorfe Sair-ussu ausbiegt; hier teilt sie sich in zwei Arme, von denen der eine sich nach Norden wendet und nach Urga führt, der andere nach Westen abbiegt, die Berggegend des Altai durchschneidet und über Kobdo, quer durch das Gebiet der Kalmücken, Semipalatinsk erreicht. Die andere Straße wendet sich etwa 40 Kilometer von Kalgan nach Norden und führt geradeswegs nach Urga. Die erstere ist die belebtere; sie hat Poststationen und Märkte, wird von chinesischen Wagen befahren und wird allgemein bevorzugt, trotzdem sie einige hundert Kilometer länger ist. Die zweite ist nur ein Saumpfad für Kamele und führt durch Landstriche, die von Anfang bis Ende völlig öde und wüst sind. Die Chinesen unterscheiden beide Straßen durch die Bezeichnungen „Wagenstraße“ und „Kamelstraße“. Wir wählten die Kamelstraße.
Unsere Wahl ist logisch begründet, so seltsam sie erscheinen mag. Der Verkehr im allgemeinen und der Wagenverkehr im besonderen richtet das Gelände zugrunde und macht es für das Automobil schwer passierbar. In der Mongolei und in der Wüste Gobi konnten wir auf jungfräulichem Terrain rasch fahren. Auf gewissen Ebenen ist die beste Straße für Automobile dort, wo es überhaupt keine Straße gibt. Wenige Jahre zuvor hätten wir uns nicht ohne Führer auf die endlosen mongolischen Steppen und in die Wüste wagen können; jetztgibt es auf der Kamelstraße einen unfehlbaren Führer: den Telegraphen. Man folgt blindlings auf etwa 1200 Kilometer der Linie der Stangen und gelangt nach Urga. In so fernen Landstrichen, in den unermeßlichen Einöden Zentralasiens bedeutete die Nähe des Telegraphen für uns die Nähe unserer Welt. Dies war ein weiterer Grund für unsere Wahl.
Am Morgen des 16. Juni, um 8 Uhr, hörten wir den Lärm einer großen Volksmenge. Wir eilten auf die Straße. Eine Nachricht hatte die Stadt von der Brücke über den Ta-ho bis zur Russisch-Chinesischen Bank mit Blitzesschnelle durcheilt: „Sie kommen!“ Es waren unsere französischen Freunde, die in diesem Augenblick ihren Einzug in die untere Stadt hielten. Wir gingen ihnen entgegen, um sie freudig willkommen zu heißen. Händedrücken, Begrüßungen, Erzählungen. Sie hatten die Nacht im Lager dreißig Li vor Kalgan zugebracht. Ihr Weg war ebenfalls mühsam gewesen, aber abends angenehm unterbrochen worden durch das Lagerleben mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, der improvisierten Küche unter freiem Himmel, den Kämpfen gegen den Regen, dem Erwachen beim Morgengrauen. Unterhalb des Lien-ya-miao hatten sie eine Furt durch den Hun entdeckt und einen zwar malerischen, aber gräßlichen Aufstieg umgehen können; sie hatten aber keine Möglichkeit gefunden, den andern, rauheren und schwierigeren Passagen auszuweichen.
In einem Augenblicke erschien der Hof der Bank in eine Werkstatt verwandelt. Überall Öl- und Benzinbehälter, Schraubenschlüssel, Hämmer, Gummi, Ersatzstücke in buntem Durcheinander umhergestreut. Die Automobile zeigten durch die Gehäuseöffnungen unverhüllt ihr Inneres und bequemten sich der Toilette an. Die Mechaniker krochen auf allen vieren zwischen die Räder, streckten sich hier aus, drehten mit eingefetteten Händen an Gewinden, schraubten Verschlußstücke los, hämmerten und putzten. Alle überflüssigen Teile wurden entfernt und weggeworfen, um die Maschinen leichter zu machen; Pons sägte seine Schutzbretter ab, Bizac nahm die „Schalldämpfer“ heraus,jene schweren Zylinder, die das Gas zusammenpressen, um es ohne Geräusch entweichen zu lassen. Dann wurden die Motore geprobt, behorcht, nochmals geprobt, und der Hof füllte sich mit Lärm, Rauch und Gestank. Am Abend waren alle Automobile reisefertig. Unser Gepäck hatte sich um einige Ziegenfelle vermehrt, die Pietro auf dem Markte für uns eingekauft hatte.
Mongolenknaben.Mongolenknaben.
Mongolenknaben.
Mongolenknaben.
An jenem Abend wurde am Tische des Herrn Dorliac ein melancholisches Mahl gehalten. Wir waren etwas müde und hatten uns nichts mehr zu sagen, da die Geister von demselben Gedanken erfüllt waren und die Gemüter von derselben Ungeduld brannten. Wir standen im Begriff, mit Kalgan jede Berührung mit der Zivilisation zu verlassen. Bis dahin hatten wir uns in der Lage befunden, von Peking rasch Hilfe zu erhalten, wir waren durch bevölkerte, reiche Landstriche gezogen und waren stets von einer Menge Menschen umgeben gewesen. Die Rückkehr wäre leicht gewesen; das Meer war nahe, und das Meer ist die Straße nach Hause. Von morgen an aber würden wir ins Unbekannte hinausgeschleudert werden, ganz allein. Der Augenblick war entscheidend, wie das „Los!“ des Luftschiffers. Auch wir würdenin einem gegebenen Augenblicke zu unseren Leuten sagen: „Los!“ und in einer Unendlichkeit verschwinden. Die Abfahrt von Peking war uns nicht so feierlich erschienen wie diese Abfahrt, die wir mit fieberhafter Sehnsucht und mit Beklemmung im Herzen erwarteten. Denn in Peking hatten wir Kalgan vor uns, in Kalgan aber das Innere Asiens, ein unbekanntes Land, das mit Zaubergewalt lockte. Urga, die nächste Stadt, war sieben Längengrade, d. h. fast 800 Kilometer entfernt! Am Ende des Mahles stießen wir mit den vollen Bechern brüderlich an — Franzosen, Italiener und unser russischer Gastfreund —, und nachdem wir noch aufrichtige Glückwünsche ausgetauscht hatten, trennten wir uns, indem wir einander an die Stunde der Abfahrt erinnerten.
„Also um 4 Uhr?“
„Um 4; angenehme Ruhe!“
„Au revoir!“
Der letzte chinesische Tempel.Der letzte chinesische Tempel.
Der letzte chinesische Tempel.
Der letzte chinesische Tempel.
Durch die mongolische Steppe.
In einem Flußbett. — Zwischen den Türmen der „Wan-li-tschang-tscheng“. — Hinaus in das grüne Meer! — Im Lager. — Mongolische Gastfreundschaft. — Der Wüste entgegen. — Pang-kiang.
„Verlassen heute Kalgan. Überschreiten soeben mongolische Grenze. 8 Uhr morgens. Prächtiges Gelände. Haben mit dem Motor das Bett des Flusses Schi-schan 25 Kilometer weit durchfahren. Überschreiten unschwer 1828 Meter Höhe. Entzückende Landschaft.“
Diese Depesche, die ich stehend in Eile auf ein Blatt meines Notizbuches geschrieben hatte, übergab ich am Morgen des 17. Juni einem jungen, liebenswürdigen Attaché der französischen Gesandtschaft, der uns zu Pferd bis zum Saume der Steppe begleitet hatte. Ich beschwor ihn, sie noch vor Abend im Telegraphenamte zu Kalgan aufzugeben. Hätte ich ihm ein Dokument überreicht, von dem die Rettung eines Heeres abgehangen hätte, so würde ich nicht weniger feierlich bei meiner Bitte und nicht weniger glühend bei meinem Danke gewesen sein.
Ein Journalist ist stets geneigt, das Abhandenkommen eines Telegramms als einen schweren Verlust zu betrachten. Er hat etwas von der Leidenschaft des Historikers an sich, und eine verlorene Depesche bedeutet für ihn eine unausfüllbare Lücke in der selbstdurchlebten Geschichte, die er schreibt. Und dann hat er eine Art Mutterliebe fürseine eiligen Aufzeichnungen und begleitet sie in Gedanken auf ihrem weiten Wege; er berechnet die Stunden, die sie brauchen werden, um an den Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, er berechnet die Zeitunterschiede zwischen den einzelnen Ländern, sieht die Depesche in der Redaktion ankommen, zur Nachtzeit, im Augenblicke der Arbeit; er verfolgt sie bis zu den auf einem großen Tische unter dem Lichte der elektrischen Lampen liegenden Papieren. Ihr Verschwinden ist ihm gleichbedeutend mit einem Verrat. Reisen, Kosten, Mühen können vergeblich werden infolge eines nichtigen Zufalls, der eine Depesche auf dem Grunde einer Tasche oder auf dem Grase eines Seitenpfades liegenbleiben läßt. Zu der Pünktlichkeit des journalistischen Dienstes tragen die mannigfachsten Umstände bei: die Geschwindigkeit eines Pferdes, die Ehrlichkeit eines Chinesen, das schöne Wetter. Die Ungewißheit über das Schicksal seiner Arbeiten ist eine der peinlichsten Qualen für einen Berichterstatter in fernen Ländern, der genötigt ist, zu jedem sich ihm bietenden Mittel zu greifen, um seine Depeschen zur nächsten Telegraphenstation zu befördern, der in die Unmöglichkeit versetzt ist, direkte Mitteilungen zu erhalten, der, abgeschnitten von jedem Verkehr, über alles im Dunkeln bleibt und dem Zweifel zum Opfer fällt.
In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade mongolischer Reiter.In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade mongolischer Reiter.
In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade mongolischer Reiter.
In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade mongolischer Reiter.
Ich legte unermeßlichen Wert auf die Absendungjenes kurzen Telegramms; es war mir in diesem Augenblicke, als enthielte es die wichtigste Nachricht von der Welt: „Überschreiten soeben mongolische Grenze.“
Ich wiederholte allen diese Worte mit einer Art begeisterten Staunens. Wir befanden uns in einem grasreichen Tale, zwischen schwellenden, weichen Hügeln, die die Vorstellung erweckten, als pflanze sich jene Bergkette, die wir überstiegen hatten und im Osten noch hoch emporragen sahen, in unendliche Fernen auf jener Ebene fort. An der Ausmündung des Tales bemerkten wir, wie die Steppe als gleichförmige Ebene mit dem Horizont verschwamm. Wir hatten haltgemacht, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Die Morgenfahrt war herrlich gewesen. Wir hatten mit dem Aufbruch warten müssen, bis die Tore Kalgans geöffnet wurden. Einer Gewohnheit zufolge, die unzweifelhaft auf die Zeiten der Kriege und Überfälle zurückgeht, schließen die Städte Chinas allabendlich ihre Tore, an die Soldaten als Wache gestellt werden. Auf den öden Straßen waren wir bis zu einem verschlossenen Tor und einer schlafenden Wache gelangt. Die Wache wurde munter, das Tor wurde geöffnet, und beim ersten Morgengrauen fuhren wir in dem engen Tale des Schi-schan-ho im Zickzack auf dem Flußsande hin, um den Felsblöcken und den Steinen auszuweichen.
Das von steil ansteigenden Hügeln eingeschlossene Tal lag noch in tiefem Schatten, selbst als die Spitzen der Berge im rosigen Lichte der aufgehenden Sonne zu schimmern begannen. Oben herrschte bereits der Tag, die Nacht zog sich in die Tiefe zurück; sie schien sich verbergen zu wollen, um nicht besiegt zu werden, sie zögerte zu verschwinden und hüllte die Windungen der Schlucht, durch die wir mit der Geschwindigkeit von 20 Kilometern die Stunde aufwärts fuhren, in violette Halbschatten ein.
Die an den Zylindern des Motors angebrachten Auspuffrohre stießen die Verbrennungsgase unter starken Explosionen aus, die wie Karabinerschüsse klangen und so rasch und zahlreich aufeinanderfolgten,daß man hätte glauben können, neben uns sei ein Maschinengewehr in voller Tätigkeit. Das Echo dieses Getöses erfüllte das ganze Tal. Wir mußten schreien, um uns verständlich zu machen. Pietro schien vor Schreck halbtot. Wir hatten nämlich auch ihn mitgenommen; er war auf das Gepäck geklettert und hatte sich an die Seile festgebunden, um bei den Schwankungen und Stößen des Automobils nicht herunterzufallen. Hier blieb er still und ohne sich zu rühren sitzen und wünschte vielleicht in seinem Herzen, sich lieber auf dem Rücken des wildesten Pferdes von China zu befinden als da oben!
„Geht es gut, Pietro?“ fragte ihn der Fürst in aller Harmlosigkeit, während er die Maschine lenkte.
Und Pietro entgegnete mit beredtem Zögern:
„J.. J.. Ja!“
Auf einer Anhöhe erhebt sich ein großer Felsen von seltsamem Aussehen, ähnlich den Trümmern eines mittelalterlichen Kastells mit spitzen Zacken, die an die Ruinen von Türmen erinnern. Das Kastell ist durchlöchert; vom Tale aus sieht man den Himmel durch eine Öffnung des Felsens, die so regelmäßig ist, daß sie dem Bogen einer massiven Brücke gleicht. In der Morgendämmerung zeigte sich jene eigenartige Naturbildung, die sich schwarz und scharf von dem klaren Himmel abhob, in düsterer Großartigkeit. Die das Tal passierenden Mongolen betrachten sie mit fast religiöser Scheu.
Es knüpft sich eine Sage an diesen Felsen. Als Dschingis Chan, der Eroberer, der im Gedächtnis der Mongolen als Gott weiterlebt, an der Spitze eines Heeres dieselbe Straße zog, die wir im Automobil durchfuhren, machte er unter dem vom Zufall geschaffenen seltsamen Kastelle halt, und da er ihm eine kriegerische und feindliche Bedeutung beimaß, nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf die Sehne seines Bogens und schoß ihn ab. Der Pfeil durchbohrte den Felsen in voller Länge. Die Folge dieses kaiserlichen Schusses war jenes Loch; die Brückenöffnung ist nichts anderes als die dem Felsen durch Dschingis Chan zugefügte Wunde. Allerdingsist die Wunde so groß, daß ein Mann zu Pferd und vielleicht auch im Automobil bequem hindurchkommen könnte. Wer vermag aber zu sagen, wie dick die Pfeile Dschingis Chans und wie stark sein Arm gewesen sind?
Gegen das Ende verengert sich das Tal, und das Flußbett wird zu einer tiefen Schlucht. Es begann der letzte Aufstieg. Am Fuße der Bodenerhebung erwarteten wir die Kulis, die in der Nacht von Kalgan aufgebrochen und noch nicht angelangt waren. Die übrigen Automobile waren zurückgeblieben und folgten uns langsam. Wir betrachteten soeben einen alten Tempel, der sich in der Mitte des Abhanges erhob, als wir auf dem steinigen Fußpfade ein seltsames Wesen auftauchen sahen.
Mongolische Reiter.Mongolische Reiter.
Mongolische Reiter.
Mongolische Reiter.
Es war ein riesengroßer, klapperdürrer Chinese, der einer großen ausgetrockneten Mumie glich. Sorgsam trug er eine Schale mit Eiern, eine Teekanne und Tassen und näherte sich uns, als er uns erblickt hatte, unter tiefen Bücklingen. Sein gelbes, knochiges Gesicht zeigte das breite Grinsen eines Totenkopfes. Er setzte die Schale auf die Erde, goß den Tee in die Tassen und reichte sieuns, dann bot er die Eier an und begrüßte uns. Wir verdankten dem Ta Tsum-ba die Ehre seiner Bekanntschaft. Unser guter Freund hatte den Behörden der Bezirke, durch die unser Weg führen mußte, den Befehl erteilt, uns ihre Huldigung darzubringen. Aber in jenen wüsten Gegenden gab es nureineamtliche Persönlichkeit, und dies war eben jene wackere, grinsende Mumie, der Vorsteher einer kleinen, armen Gemeinde, die sich auf dem Gebirge eingenistet hatte. Er war bei Tagesanbruch bis zu dem kleinen Tempel herabgestiegen, wo er sich niedergelassen hatte, um das Teewasser zum Sieden zu bringen, die Eier zu kochen und uns zu erwarten. Als er uns von weitem gesehen hatte, war er mit seinen langen Beinen aufgesprungen und uns entgegengeeilt. Wir verabschiedeten uns freundlich von diesem Vertreter der hohen Obrigkeit, und der Vertreter der hohen Obrigkeit beeilte sich, uns ein Notizbuch zu reichen und uns durch Gesten anzudeuten, wir möchten uns einschreiben.
„Wie!“ riefen wir aus. „Ein Autographensammler?“
„Will Schrift,“ belehrte uns Pietro, „um Ta Tsum-ba zu zeigen, daß hat gehorcht seinem Befehle.“
„Aha, ein Zeugnis des Wohlverhaltens also!“
Und der Fürst und ich schrieben alles mögliche und erdenkliche Gute über den dürren Mann nieder, der inzwischen ruhig seine Eier aß und seinen Tee trank.
Bald darauf, nachdem die Kulis mit fünf Maultieren angekommen waren, sahen wir das Tal des Schi-schan-ho zu unseren Füßen in die Tiefe sinken und sich entfernen. Wir erklommen die Höhen der letzten Großen Mauer.
Nur die Türme der ungeheueren Wan-li-tschang-tscheng sind übriggeblieben. Zwischen je zwei Türmen dehnt sich ein langgestreckter Steinhaufen aus. Dies ist alles, was von den eingestürzten Mauern erhalten ist. Sie bestanden aus Lehm, die Türme aus Stein. Deshalb stehen diese auch nach einer Lebensdauer von 21 Jahrhunderten noch fest auf ihrem Wachtposten. Sie wurden 200 Jahre vorChristi Geburt errichtet. Seitdem sind so viele Städte vom Erdboden verschwunden, Völker sind zerstreut, Kulturen vernichtet, Reiche zerstört worden, nur diese Türme blieben; vor allem, weil sie zwecklos geworden sind. Auf der Welt hält wunderbarerweise alles das aus, was zwecklos und überflüssig ist, weil niemand Hand daran legt.
Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der äußersten Großen Mauer.Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der äußersten Großen Mauer.
Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der äußersten Großen Mauer.
Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der äußersten Großen Mauer.
Diese vereinzelt stehenden Türme erscheinen, aus der Ferne gesehen, auf dem kahlen Gebirge riesenhaft groß. Sie erheben sich in solchen Zwischenräumen, daß die menschliche Stimme noch vom einen zum andern dringen kann; sie wurden so angelegt, damit der Ruf der Wachen ihre Kette entlang lief. Nachts rief ein Turm den andern an.
Das Automobil wurde von den Kulis auf einem gewundenen Pfade weitergezogen; der Fürst aber und ich stiegen die Felsen in gerader Linie zu den ersten Türmen hinauf. Oben machten wir halt, voller Bewunderung über das erhabene Schauspiel, das sich unseren Augen in der Klarheit des Morgens darbot. Wir sahen die grenzenlose mongolische Hochebene, die genügend weit entfernt war, um noch den Eindruck eines Ozeans zu machen. Im Westen stürzt sie plötzlich senkrecht auf die unter ihr liegenden Ebenen des Hoang-ho, einem ungeheueren tiefblauen Wasserfalle gleichend. Unten, uns näher, breitet sich eine seltsame Landschaft aus, wie man sie sonst nur im Traume erblickt, eine unermeßliche Anhäufung rötlicher Hügel, nach jeder Richtung hin zerschnitten, zerhackt, durchfurcht von Tausenden unfruchtbarer Schluchten, die untereinander verschieden und doch ähnlich waren wie Meereswogen; in der Ferne wurden sie blasser, bis sie die phantastische Farbe lebender Nacktheit annahmen; es war ein rosafarbenes Chaos, ein sturmgepeitschter, zu Stein gewordener Ozean. Im Osten erhob sich riesengroß das Gebirge des großen Chingan, eine gewaltige Bergreihe, die in dem grellen Lichte verschwamm und sich auflöste, und jenseits deren wir die weiten Ebenen der Mandschurei ahnten.
Nach kurzer Zeit begannen wir den Abstieg. Wir betraten den Boden der Mongolei. Es war 8 Uhr. Von der Höhe aus bemerkten wir in den benachbarten Tälern die Dächer elender Dörfer, die sichzwischen die Geländefalten schmiegten, um vor den Wüstenwinden Schutz zu suchen.
Nach Norden geht es sanft abwärts; die Steppe beginnt fast plötzlich. Die Felsenregion endet bei den Türmen. Man befindet sich jetzt in einem andern Lande. Wenn China auch auf diesen Gebirgskämmen keine Grenze mehr besitzt, so wahrt die Natur doch eifersüchtig die ihre. Wir kommen an einer Karawanenstation vorüber; etwa 50 mit Ochsen bespannte Wagen, die von Sair-ussu kommen, hielten bei einer armseligen Hütte. Die Ochsen, denen das Joch abgenommen war, weideten ringsum: kleine, schwarze Tiere mit langen Hörnern, von einer besonderen Rasse, die den Strapazen und Entbehrungen der weiten Fahrten widersteht. Aus der Hütte trat ein Chinese, wieder ein Beamter, aber ohne Eier und ohne Tee, der gemäß den Befehlen des Ta Tsum-ba gekommen war, uns seine Dienste anzubieten. Don Scipione bat ihn nur um die Gefälligkeit, uns die Kamelstraße zu zeigen.
Wir befanden uns noch auf der Straße nach Sair-ussu. Bis zur ersten Poststation mußten wir ihr folgen. Diese war daran kenntlich, daß sich eine Fahne und Soldaten dort befinden, hauptsächlich aber daran, daß im Umkreise von vielen Kilometern kein anderes Gebäude zu sehen ist. Wir liefen also keine Gefahr, den Weg zu verfehlen. Von der Station aus hatten wir einfach der Telegraphenlinie zu folgen. Der Telegraph, unser amtlicher Führer, trat in Tätigkeit.
Eine Stunde später machten wir auf einer Wiese halt. Wir befanden uns etwa 50 Kilometer von Kalgan entfernt. Gegen 11 Uhr kamen die übrigen Automobile nach. In fieberhafter Eile begannen die letzten Vorbereitungen. Die endgültige Auswahl des mitzunehmenden Gepäcks erforderte viel Zeit und Mühe; die Ballen wurden zugeschnürt und wieder aufgeschnürt; stets war etwas zuviel oder zuwenig darin. Auf dem Grase lagen Pelze, Biskuitschachteln, Säcke, Stricke bunt durcheinander. Das Überflüssige wurde den Kulis überlassen: Feldbetten, Matratzen, leere Ölkannen. Die Motorenwurden noch einmal geprüft, kontrolliert, erprobt, jeder Teil der Maschine einer genauen Revision unterzogen. Die „Itala“ wurde mit einem großen, baldachinartigen Zelte überspannt, das an den Ecken durch vier eiserne Klammern festgehalten wurde; es sollte uns nachts, in anderer Weise befestigt, als Obdach dienen.
Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit seinem Töchterchen.Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit seinem Töchterchen.
Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit seinem Töchterchen.
Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit seinem Töchterchen.
Eine neue Zuschauermenge hatte sich jetzt um uns versammelt: mit Gewehren bewaffnete chinesische Soldaten, die von einer aus Lehm erbauten, von Mauern mit Zinnen und Schießscharten umgebenen Festung kamen; Karawanenführer, die ihre Lasttiere verlassen hatten, um zu sehen, was sich Außergewöhnliches in der Steppe zutrug; Mongolen, die in benachbarten Jurten wohnten und samt ihren Frauen mit den runden Gesichtern und den mit Ketten geschmückten Haaren herbeigekommen waren. Diese ganze Menschenmenge füllte jedes Plätzchen: sie betrachtete die Automobile mit vorsichtiger Neugier und folgte unseren Bewegungen mit gespannter, scheuer Aufmerksamkeit, als messe sie jedem Handgriff der Fremden eine geheimnisvolle Bedeutung bei. Genau so würden sie bei der Beschwörung eines Zauberers zugesehen haben. Um die Menge fernzuhalten, beschrieb Ettore einen weiten Kreis um die „Itala“, indem er die Erde mit einem eisernen Geräte furchte. Niemand wagte es, diese furchtbare Linie zu überschreiten.
Vergebens suchten wir das Gepäck auf dem dafür bestimmten Platze unterzubringen. Außer dem Gewichte der Behälter hatten wir noch Vorräte an Öl und Benzin, Gummistreifen und Lebensmittelfür zehn Tage bei uns und hielten es für unklug, auf irgend etwas zu verzichten. Das Gepäck nahm auch den Platz des Hintersitzes ein. Wir beschlossen, alle drei im vorderen Teil des Automobils zu fahren, zwei auf den Sitzen und der dritte links zu Füßen der andern auf dem Boden der Karosserie, die Beine auf den Tritt stützend. Die Stellung des Dritten war nicht besonders bequem, aber wir wollten abwechseln. Das erste Opfer war Ettore.
Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an altägyptische Bauten erinnernd.Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an altägyptische Bauten erinnernd.
Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an altägyptische Bauten erinnernd.
Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an altägyptische Bauten erinnernd.
Es war 2 Uhr nachmittags, als wir uns auf den Weg machten, nachdem wir in aller Eile ein Frühstück aus Cornedbeef zu uns genommen hatten. Der Fürst fuhr voran; die andern Automobile folgten. Pietro war schon aufgebrochen, um vor Torschluß noch in Kalgan zu sein. Er hatte sich von uns verabschiedet und uns in seiner blumenreichen Sprache so überströmenden Herzens gedankt, als hätten wir ihm die größte Wohltat erwiesen, indem wir ihn von Peking 300 Kilometer weit mitgenommen hatten. Dann war er mit den Kulis in der Richtung auf die Große Mauer unseren Blicken entschwunden.
Wir durchfuhren das Tal bis zu seiner Mündung und gelangten auf die Ebene. Die Hügel schlossen sich mit der wachsendenEntfernung hinter uns zusammen und bildeten gleichsam ein Ufer. Wir hatten tatsächlich die lebhafte Empfindung, als stießen wir von einer Küste ab. Wir fuhren los.
Sofort machten wir eine schmerzliche Entdeckung: die allzu schwere Ladung drückte dermaßen auf die hinteren Federn, daß bei dem geringsten Stoß des Automobils das Chassis schwer auf die Achse des Differenzialwerks aufschlug. Wir mußten langsam fahren, aber das Gelände war uneben, und heftige Stöße folgten aufeinander.
„Wir zerbrechen die Federn oder das Differenzialwerk!“ rief Ettore aus, dem die Stöße ins Herz zu dringen schienen.
„Es hat keine unmittelbare Gefahr,“ erwiderte der Fürst, der sein kühles Urteil bewahrte, „aber das Automobil wird es nicht lange aushalten. Wir müssen es etwas leichter machen.“
„Sofort?“
„Nein, beim ersten Haltepunkte. Wir fahren nicht weit.“
„Was lassen wir von dem Gepäck zurück?“
„Alles, was nicht unumgänglich notwendig ist. Wir werden ja sehen.“