Siebentes Kapitel.

Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.

Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.

Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.

Inzwischen wurde die Straße besser. Auf einer Strecke von einigenhundert Metern konnten wir auch rascher fahren. Alle Augenblicke bekamen wir winzige chinesische Dörfer zu Gesicht, die, von Gersten- und Kao-liang(Hirse)feldern umgeben, gleich Oasen in der öden Ebene lagen. Sie stellen die chinesische Kolonisation dar.

China breitet sich langsam, aber sicher in allen sogenannten eroberten Gebieten aus, in Turkestan wie in der Mongolei. Mit kleinen Garnisonen und nur wenig Beamten beherrscht es unermeßliche Landstriche, die von einer kriegerischen, aber zerstreut wohnenden Bevölkerung bewohnt werden. In diese Gegenden strömt die chinesische Auswanderung, die die Bebauung der Felder an den Boden fesselt. Es ist der Ackerbau, der nach und nach die Gebiete der nomadischen Völkerschaften in Besitz nimmt: eine mächtigere Kraft als die der Heere, weil der Nomade das Land nicht liebt und nicht verteidigt; er zieht sich nach den freien Räumen zurück; er weicht, ohne sich dessen bewußt zu werden.

Die chinesische Bevölkerung dehnt sich gegenwärtig nach Westen hin in einer Weise aus, wie es seit Jahrhunderten nicht geschehen ist. Es ist dies eine ganz neue Bewegung, die sich in aller Stille und völlig unbemerkt im Herzen Asiens vollzieht. Die Ausbreitung Chinas, in der Richtung auf das Gelbe Meer durch die Interessen der gesamten zivilisierten Welt gehemmt, findet landwärts ein geeignetes Feld und schreitet in manchen Gegenden in je zehn Jahren um 70 bis 90 Kilometer vor. Und China hat eine furchtbare Aufsaugungskraft; es wandelt die Völker um, macht sie zu Chinesen. So gibt es in der Mongolei alte Handelszentren, in denen man nicht mehr mongolisch, sondern chinesisch spricht.

In der Nähe eines dieser Dörfer schlugen wir unser Lager auf. Bei unserem Anblick flohen die Frauen, auf ihren kleinen verkrüppelten Füßen forthüpfend, um sich zwischen den Anpflanzungen der entgegengesetzten Seite des Dorfes zu verstecken. Vielleicht trauten sie uns übermäßig galante Absichten zu. Die Männer dagegen kamen herbei und beobachteten uns, während wir das Dach des Automobils in eingroßes Lagerzelt verwandelten, das, in der Mitte des Automobils befestigt, bestimmt war, uns und der Maschine Schutz zu gewähren. In kurzer Entfernung lagerten die beiden „de Dion-Bouton“, der „Spyker“ und der „Contal“ in klug ersonnener Weise: die Automobile im Kreise herum und in der Mitte die Zelte, wie es bei militärischen Expeditionen üblich ist.

Der Fürst hatte sich entschlossen, die „Itala“ um die Schutzwände, die eisernen Klammern, die den Baldachin festhielten, die Auspuffrohre, einige eiserne Stäbe, die wir mit uns führten, um sie als Hebel zu benutzen, eine Spitzhacke und die Hälfte der Lebensmittel zu erleichtern. Wir schenkten diese Gegenstände den Chinesen, die uns bei unseren Arbeiten halfen. Wer uns einen Eimer Wasser brachte, erhielt eine Schutzwand, eine Spitzhacke derjenige, der uns Eier gab. Diese braven Leute hielten uns für Narren; sie kehrten froh nach Hause zurück, Eisenstäbe schleppend oder Konservenbüchsen in einem Zipfel ihres Gewandes tragend. Dann wurden die Biwakfeuer angezündet.

Allerdings klingt der Ausdruck malerischer, als es in Wirklichkeit war. In der Mongolei fehlt es an jedem vegetabilischen Brennstoff, und die Bewohner brennen Kameldünger, der an der Sonne getrocknet wird. Wir waren also weit von lustig flackernden Lagerfeuern entfernt. Als Ersatz dafür besaßen unsere Genossen herrliche Benzinöfen. Wir hatten uns in dieser Hinsicht nicht vorgesehen, hatten keinen derartigen Apparat besorgt und nahmen in genialer Weise unsere Zuflucht zu der Lötlampe, wie sie jedes Automobil mit sich führt. So waren unsere Biwakfeuer beschaffen, um die wir uns in Hemdärmeln geschäftig hin und her bewegten. Du Taillis überwachte das Kochen einer wundervollen Suppe, die aus schokoladenähnlichen Tafeln hergestellt wurde und alle erforderlichen Nährstoffe enthielt. Ich suchte mit Hilfe der Lötlampe Wasser zum Sieden zu bringen. Die Küche war also, wie man sieht, gänzlich dem Journalismus anvertraut; aber — es tut mir der Ehre des Journalismus wegen leid,es zu gestehen — die Ergebnisse im italienischen Lager waren jammervoll. Unser Essen roch entsetzlich nach Benzin, Petroleum und ranzigem Fett.

Mit einem Male kamen drei Mongolen zu Pferde an. Wir waren ihnen einige Stunden zuvor begegnet und hatten sie überholt. Einer von ihnen, ein junger Mann von athletischen Formen, trug ein Gewand aus pfauenblauer Seide und einen spitzen Hut aus gelber gestickter Seide und machte den Eindruck eines Häuptlings. Sie sprangen aus dem Sattel, gaben ihren Pferden Futter, breiteten ihre Decken neben uns aus, zündeten ein Feuer an, und zwar mit dem erwähnten Brennmaterial, von dem die Mongolen stets einen Sack voll mit auf die Reise nehmen, und lagerten sich. Der junge in Seide gekleidete Mann näherte sich uns, begrüßte uns lächelnd durch tiefe Verbeugungen und zeigte für alles, was er sah, eine kindliche Neugierde. Er begann mit uns eine lebhafte aber geheimnisvolle Unterhaltung, während deren wir uns heldenhaft anstrengten, uns gegenseitig verständlich zu machen. Zum Glück besaß der Fürst ein wertvolles Manuskript, das einige hundert mongolische Wörter mit ihrer Übersetzung enthielt, und es gelang uns folgendes zu verstehen: daß der Sprecher wirklich ein Häuptling war, daß wir dicht an seinem Dorfe vorübergekommen waren, und daß er uns einlud, in seinem Hause zu rasten. Alles das war gut und gern einige Büchsen Cornedbeef wert, und wir überreichten sie feierlichst der erlauchten Persönlichkeit, deren Freude und Dankbarkeit unerschöpflich schienen.

In diesem Augenblicke hörten wir den Galopp eines Pferdes. Es war dunkel geworden, und wir erkannten erst dann einen chinesischen Soldaten in dem Reiter, als er einige Schritte vor uns stehenblieb und fragte:

„Po-lu-ghe-se?“

Der Fürst (was tut nicht die Gewohnheit!) erkannte in jenen Lauten die chinesische Form seines Namens und ging dem Soldaten entgegen. Dieser stieg vom Pferde und reichte ihm ein Paket Briefe. Eswar die Post, die letzte Post aus Peking, die vormittags 9 Uhr in Kalgan eingetroffen war. Jener Mann hatte in elf Stunden mehr als 95 Kilometer zurückgelegt! Er hatte vom Tu-tung den Befehl erhalten, uns einzuholen, und er hatte uns eingeholt. Als er seinen Auftrag ausgeführt hatte, sprang er wieder in den Sattel, bevor wir noch daran denken konnten, ihn zurückzuhalten, und ritt davon. Was für prächtige Soldaten würden die Chinesen abgeben, wenn sie nur Mut besäßen!

Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.

Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.

Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.

Diese unvermutete Ankunft von Nachrichten mitten in der Steppe, in der Feierlichkeit des Abends, in der Stunde, die die Einsamkeit tiefer und drückender macht, erschien uns seltsam. Es waren Briefe mit Abschiedsgrüßen, mit Wünschen für das gute Gelingen unserer Fahrt, Freundesworte, die uns hier am Saume der Wüste erreichten und uns an diesem Orte noch gehaltvoller und bedeutsamer erschienen. Als wir sie im Lichte der Dämmerung gelesen hatten, plauderten wir noch längere Zeit, auf unserem Gepäck sitzend und rauchend, während die Dinge um uns her verschwammen, in Dunkelheit versanken und unsere Gesichter sich nach und nach in Schatten hüllten und jeden Umriß verloren. Es scheint, als vergrößere die Finsternis die Entfernungen und isoliereuns; sie läßt uns schließlich verstummen, weil sie in uns die Empfindung weckt, als seien wir allein. Auch wir schwiegen, als wir in der Dunkelheit nur noch das Glimmen unserer Zigaretten und einen Schimmer weißen Papiers auf der Erde erkennen konnten. Der klare Himmel hatte sich mit Myriaden von Sternen bedeckt.

Unsere mongolischen Nachbarn waren um das erloschene Feuer eingeschlafen; es hatte sich ein Vierter zu ihnen gesellt, der auf einem Kamel angekommen war. Das bucklige Tier, zusammengekauert und unbeweglich, hob sich von dem letzten Schimmer im Westen ab und nahm eine monumentale Großartigkeit an, ähnlich jenen Riesenkamelen aus Stein, die die Gräber der Mingdynastie schmücken. In der Ferne hörte man den Hufschlag von Pferden. Die Chinesen aus dem nahen Dorfe waren verschwunden.

„Begeben wir uns zur Ruhe!“ rief Don Scipione. „Morgen müssen wir um 3 aufstehen.“

Wir machten unsere Lagerstätten unter dem Zelte zurecht und suchten dann die auf dem Rasen ringsum verstreuten Gegenstände zusammen. Plötzlich bemerkte ich das Fehlen einiger Kleinigkeiten, eines Taschenmessers, eines silbernen Bechers und eines Jagdbestecks. Und sie waren doch vorher da, ich hatte sie benutzt. Es gab hier also Räuber? Die Entdeckung dieser Diebstähle war nicht allzu ermutigend. In diesem Augenblicke fragte mich der Fürst:

„Haben Sie die Patronen an sich genommen?“

„Welche Patronen?“

„Den Vorrat an Revolverpatronen, der eben noch hier war.“

„Nein.“

„Dann sind sie gestohlen! Sie sind sämtlich verschwunden. Es bleibt uns keine andere verwendbare Waffe als eine Mauserpistole, vorausgesetzt wenigstens, daß nicht auch ...“

„Die Mauserpatronen gestohlen sind?“ fragte ich beunruhigt.

„Ja ... Nein, sie sind hier. Sie waren unter das Gepäck geraten. Wir wollen die Pistole für alle Fälle laden.“

„Und wollen gute Wache halten! Ein Patronendiebstahl ist nicht leicht zu nehmen.“

„Ettore, lege dich so, daß du die Pistole bei der Hand hast.“

Ich begab mich zu unseren französischen Nachbarn, um ihnen das Vorkommnis mitzuteilen. Auch sie machten ihre Waffen schußbereit.

Aber nie in unserem Leben verbrachten wir eine ruhigere Nacht. Die Diebe, die wahrscheinlich zu den Bewohnern des benachbarten Dorfes gehörten, begnügten sich mit dem Besitz der Patronen, des Messers und der übrigen Kleinigkeiten und hielten sich in der Ferne. Wir nahmen uns vor, Bewunderern gegenüber vorsichtiger zu sein.

Spät in der Nacht drang die schneidende Kälte durch die Pelze hindurch bis auf die Haut und weckte uns lange vor Tagesanbruch, während wir durch die Zeltöffnungen noch die Sterne am Firmament funkeln sahen.

Als wir uns erhoben, bemerkten wir, daß die Mongolen bereits aufgebrochen waren.

Zuerst verließ der dreirädrige „Contal“ das Lager. Er war am Abend zuvor mit großer Verspätung ins Lager gekommen, da er mehrmals durch die Unebenheiten der Straße aufgehalten worden war. Stellenweise war er von seinen beiden willigen, zu allem entschlossenen Führern geschoben worden, und der Motor hatte sich einigemal beim Überwinden der Geländeschwierigkeiten erhitzt. Er war daher zuerst aufgebrochen, um einen Vorsprung auf die etwa 200 Kilometer zu haben, die wir an dem Tage zurücklegen mußten. Dieses Handikap war am Abend beschlossen worden.

Ungefähr eine Stunde später fuhren die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ in kurzen Zwischenräumen davon. Es war 4 Uhr. Wir wurden durch das Gepäck aufgehalten, für das es uns nicht gelang, einen geeigneten Aufbewahrungsort ausfindig zu machen. Die Gepäckfrage hat uns bis zum Ende der Reise Schwierigkeiten bereitet. Sie war unsere Qual, unser Alb. Bei dem Bau und derEinrichtung der „Itala“ war alles vorgesehen, erwogen und geistreich ausgeführt worden, aber an das Gepäck hatte niemand gedacht. Es fehlte an Mitteln, es unterzubringen und zu befestigen. Wir mußten es mit Stricken festbinden, die durch die Federböcke gingen, aber die Stricke, die sich infolge der Feuchtigkeit der Nacht zusammengezogen hatten, dehnten sich in der Sonne aus, lockerten sich, das Gepäck rutschte, geriet ins Schwanken und fiel herunter. Es bedurfte vielstündiger Arbeit, um es wieder an Ort und Stelle zu bringen.

Die Sonne ging eben auf, als wir uns gegen 5 Uhr auf den Weg machten. Wir folgten den Spuren der andern Automobile in dem betauten Grase. Nachdem wir an kleinen chinesischen Niederlassungen vorübergekommen waren, fanden wir einen Pfad. Seit einer Stunde waren wir unterwegs, als wir den „Contal“ stillstehend antrafen. Pons und sein Gefährte waren abgestiegen und schienen damit beschäftigt, etwas am Motor nachzusehen. Der Fürst, welcher steuerte, hielt die Maschine an, um Hilfe zu leisten. Nachdem wir uns begrüßt hatten, erklärte Pons, wir möchten unsere Fahrt nur fortsetzen; er brauche nichts. Wir nahmen an, er warte die Abkühlung des heißgelaufenen Motors ab, und fuhren weiter. Eine halbe Stunde später holten wir die andern Automobile ein, die hintereinander fuhren. Wir grüßten und setzten unsere Fahrt fort. Der verabredete Treffpunkt war die Telegraphenstation Pang-kiang.

Die Erleichterung des Wagens zeigte ihre guten Wirkungen. Die Federn hatten sich wieder aufgerichtet, und das Chassis blieb in der richtigen Entfernung vom Differenzialwerk. Die „Itala“ lief mit einer Schnelligkeit von 30 Kilometern die Stunde.

Mit einem Male bemerkten wir, daß die Telegraphenstangen im Begriff standen, zu unserer Linken am Horizonte zu verschwinden. Wir hatten vielleicht den Weg nach dem Flusse Kerulen im Osten von Urga eingeschlagen. Quer über die Steppe weg suchten wir wieder unseren alten Pfad.

Fürst Borghese und die beiden chinesischen Telegraphisten von Udde.Fürst Borghese und die beiden chinesischen Telegraphisten von Udde.

Fürst Borghese und die beiden chinesischen Telegraphisten von Udde.

Fürst Borghese und die beiden chinesischen Telegraphisten von Udde.

Jetzt waren keine chinesischen Lager mehr zu sehen, ebensowenig Lehmhütten. Nur die öde Ebene dehnte sich vor uns aus, grün und gleichförmig. Von Zeit zu Zeit unterbrach eine niedere Gruppe zerklüfteter Felsen die Eintönigkeit des leicht gewellten Horizonts. Ringsum herrschte eine solche Einsamkeit, daß der Anblick eines Menschen ein Ereignis war, auf das wir uns gegenseitig aufmerksam machten.

„Ein Mann zu Pferde ... dort!“

„Er hat uns gesehen. Er sprengt auf uns zu.“

Ich erinnerte mich eines ähnlichen Falls an Bord während einer langen Seereise, als die Passagiere sich auf dem Verdecke zuriefen, um einander etwas Seltenes zu zeigen:

„Sehen Sie, ein Schiff ... dort!“

Wir stießen auf große Herden jener kleinen dicken, zähen mongolischen Pferde, deren wunderbare Marschleistung der tatarischen Eroberung Chinas die bewegende Kraft geliefert hatte. Eine unerklärliche Neugierde trieb diese Pferde auf uns zu. Kaum gelangte das noch nie von ihnen gehörte Geräusch des Motors, das in der großen Stille der Ebene weithin widerhallte, zu ihren Ohren, sohoben alle die Köpfe, wandten sich um, und der Anblick eines dahinrasenden Ungeheuers flößte den furchtsamen Tieren keinen Schrecken ein. Sie erkannten vielleicht in diesem schnellen Dinge etwas Verwandtes: die Geschwindigkeit. Sie langten alle zusammen in einem scharfen Galopp bei uns an. Es schien, als wollten sie uns mit ihrer furchtbaren Masse erdrücken. Sie stürmten in einem wütenden Laufe an, der wie ein Orkan vorüberjagend alles niederwirft. Aber auf zehn Meter Abstand von uns machten sie plötzlich mit steifen Beinen halt mit der Genauigkeit und Geschicklichkeit arabischer Pferde bei einer Fantasia. Dann begaben sie sich auf unsere rechte Seite und begleiteten uns im Galopp, solange sie sich nicht überholt sahen. Dann änderten sie plötzlich ihre Richtung und stürmten wieder davon, ihren Weideplätzen zu. Das Schauspiel war prächtig, namentlich als uns jene seltsame Eskorte begleitete, die an unserer Seite dahinjagte, und wir die ganze Schönheit, Gewandtheit und Kraft einer wildbewegten Pferdemasse vor Augen hatten.

Das Manöver wiederholte sich, fast jedesmal unverändert. Es war also den Tieren von einem und demselben Gedanken eingegeben worden. Welcher war es? Was ging in ihren kleinen Gehirnen vor? Sie schienen in ihren Bewegungen von der Hand unsichtbarer Reiter gelenkt zu werden, so geschult waren sie. Man hätte sagen können, daß sich durch einen weit hinaufreichenden Atavismus der kriegerische Sinn auf diese Tiere vererbt habe.

Nur wenige Hirten hielten sich in der Nähe dieser Herden auf, die im Winter, wenn die Tiere mit sehr langem ziegenähnlichem Haar bedeckt sind, auf die großen Märkte in Peking getrieben werden. Einer jener Männer hatte versucht, sich uns zu nähern, indem er sein Pferd zur Karriere anspornte; zu seiner großen Überraschung hatte er uns aber nicht einzuholen vermocht, und er hielt schließlich an, um uns regungslos nachzusehen, bis wir aus seinem Gesichtskreise verschwanden. Zuweilen konnten wir 40–50 Kilometer in der Stunde fahren. Noch nie war die Mongolei mit solcher Schnelligkeit durchquert worden.Wir hätten sogar die berühmten Kuriere Dschingis Chans hinter uns gelassen, die, die Sporen in die Flanken ihrer Pferde gedrückt, die Befehle des Herrschers und die Kunde von seinen Siegen von einem Ende seines unermeßlichen Reiches bis zum andern überbrachten.

Diese Fahrt berauschte und betäubte uns, nicht infolge der physischen Empfindung der Geschwindigkeit, nicht infolge der Freude am Dahinfliegen, die das Automobil erzeugt und die die Seele der Automobilleidenschaft ist, sondern infolge einer unsagbar tiefen, vollen geistigen Genugtuung, infolge der unaussprechlichen Wonne über den Gedanken, uns hier zu befinden. Zuweilen waren wir von einem Gefühl des Staunens wie gefesselt; die Klarheit des Denkens verdunkelte sich wie im Traum, unsinnige Zweifel zogen gleich Wolken über die deutliche Wahrnehmung der Örtlichkeiten, wir verloren die Erinnerung, um sie im selben Augenblicke wiederzugewinnen, und unterbrachen lange Pausen in der Unterhaltung, indem wir zueinander sagten:

„Wir sind in der Mongolei!“

„Ja, in der Tat!“

Einmal wandte sich der Fürst zu mir, um mir unvermutet zu sagen:

„Ich denke daran, daß wir die Wüste Gobi so durchqueren werden. Weiß Gott, ich kann es kaum glauben!“

In diesem Augenblicke hatte ich denselben Gedanken. Es erfüllte uns ein rätselhaftes Gemisch von Vertrauen, Entschlossenheit, festem Willen und zaghafter Ungläubigkeit. Es war in gewissem Grade die Empfindung dessen, der entschlossen ist zu siegen und bewaffnet fortstürmt, um dem Feinde irgendwo im Nebel zu begegnen. Wenn wir an die Beschaffenheit des Geländes, die Beständigkeit der Jahreszeit, die Vorzüge der Maschine dachten, so fühlten wir uns sicher; betrachteten wir aber mit den Augen der Phantasie den Punkt der Erdoberfläche, an dem wir uns in diesem Moment befanden, und benannten jene Länder mit ihren Namen, so geriet unsere Zuversicht ins Wanken. Es schien uns, als gehe das Problem über das rein Technische hinaus, alsseien hier unberechenbare Faktoren mit im Spiele. Wir standen unter dem geheimnisvollen, furchteinflößenden Zauber Asiens. Die Wüste nahm in unserer Vorstellung menschliche Gestalt an; dieser furchtbare Feind des Menschen, dieser Mörder von Karawanen, diese gefürchtete Gottheit des Todes würde sich verteidigen. Wir dachten an sie wie an eine unbezwingliche Macht. Das Wort „Wüste“ an sich erfüllt mit Respekt.

Von Zeit zu Zeit sahen wir niedrige, runde Jurten, die Backöfen ähnelten. Diese kleinen grauen, mit Filz bedeckten Kuppeln, die Wohnstätten der Nomaden Asiens von den Kirgisen bis zu den Turkmenen, sind an den Ufern des Aralsees von gleicher Gestalt wie an denen des Irtysch und des Tola. Sie allein genügen, um die Verwandtschaft aller Völker Zentralasiens, ihre Herkunft von dem großen mongolischen Stamme zu beweisen. Auch im russischen Kriegslager bei Mukden hatte ich Jurten gesehen.

Als das Brausen des Automobils zu den Jurten drang, stürzten die Männer in Hast heraus und betrachteten uns unter Anzeichen höchsten Staunens. Mitunter sprangen sie truppweise auf die in der Nähe weidenden Pferde und verfolgten uns hartnäckig, wobei sie ihre langen Hirtenstäbe gleich Lanzen schwangen und laute Rufe ausstießen.

Es war 8 Uhr früh geworden, als wir in die Nähe einer Anzahl Jurten, eines kleinen Lagers, gelangten. Auf einer Art Gerüst standen einige Leute als Wache und schlugen Alarm. Grenzenlose Verwirrung entstand unter den Bewohnern, die auf die Straße liefen und uns Zeichen machten. Als wir näherkamen, erkannten wir unter ihnen unseren wackeren Mongolen vom Abend zuvor, gehüllt in sein prächtiges pfauenblaues Gewand; er bemühte sich, uns durch seine ausdrucksvolle Gesten halt zuzuwinken. Wir waren in seinem Dorfe, und er hatte die Absicht, uns mit seiner Gastfreundschaft zu beehren. So verbindlich und aufrichtig hatte er sich gezeigt, daß wir ihm nicht die Kränkung zufügen wollten, weiterzufahren, wozu wir große Lusthatten. Die „Itala“ fuhr daher mit einer schönen Schwenkung in die Umwallung des Nomadenlagers ein und hielt. Einen Augenblick später saßen wir im Innern der schönsten Jurte, der des Häuptlings, im Kreise herum.

Kamelkarren in der Wüste.Kamelkarren in der Wüste.

Kamelkarren in der Wüste.

Kamelkarren in der Wüste.

In der Mitte brannte das Feuer, und der scharfe, einen leichten Moschusgeruch verbreitende Rauch entwich durch die in der Mitte der Kuppel befindliche Öffnung. Ein schöner alter Mann, der Vater unseres Freundes, unterhielt uns in zeremonieller Weise mit einer an einen Oberpriester erinnernden Feierlichkeit der Gebärden, und eine alte Frau, die Mutter, setzte respektvoll Teller mit Käse vor uns nieder, Schalen mit scharfschmeckender Milch und Sahne, Tassen dampfenden Tees und Becher, die mit einer klaren, süßen, aus gegorener Milch hergestellten Flüssigkeit gefüllt waren. Die Becher, die europäischer Herkunft waren, wurden von dem alten Manne mit peinlicher Sorgfalt aus einem kleinen chinesischen Schranke, zu dem er den Schlüssel besaß, hervorgeholt. Der Schrank war der Aufbewahrungsort für die Schätze der Familie, der Geldschrank; in ihm waren auch, wie wir sahen, die von uns geschenkten Cornedbeefbüchsenuntergebracht. Während wir uns gewissenhaft mit Milch anfüllten, hörten wir Worte, die uns vor Überraschung in die Höhe fahren ließen.

„Sprechen Sie deutsch?“

Ein junger Mongole, der soeben eintrat, hatte diese so einfache und doch so verblüffende Frage an uns gerichtet. Er hatte mit vortrefflicher deutscher Betonung gesprochen.

„Ja,“ erwiderte der Fürst, der aufs höchste erstaunt war, „ich spreche deutsch.“

Und der junge Mongole begann sich mit uns in der Sprache Goethes zu unterhalten. Er fragte, welches die Maximalgeschwindigkeit unseres Automobils sei, und fand sie zufriedenstellend.

„Wo haben Sie denn Deutsch gelernt?“ fragte Don Scipione.

„In Berlin. Berlin liegt weit von hier!“

„In Berlin?“

„Ja, es sind jetzt zwei Jahre her.“

„Und was taten Sie dort?“

„Ich trat als Mongole auf!“ entgegnete er würdevoll.

Wir glaubten, er scherze oder habe unsere Frage nicht verstanden.

„Was taten Sie in Berlin?“

„Ich trat als Mongole auf“, wiederholte er mit Bestimmtheit; dann fügte er hinzu: „Ich war auf einer Ausstellung, verstehen Sie? Es waren dort Leute aus allen Völkern, und es war auch ein mongolisches Jurtenlager da, mit Pferden, Hunden und Frauen; täglich besuchte uns eine große Menge Menschen und sprach mit uns, und so habe ich Deutsch gelernt.“

„Gefällt Ihnen Europa?“

„Ja. Und wie gefällt Ihnen die Mongolei?“

„Ausgezeichnet.“

Er zeigte sich außerordentlich zufrieden mit dieser Antwort, die ihm zugleich einen guten Begriff von unserem erleuchteten Urteil beibrachte.

Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der Grenze der Mongolei.Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der Grenze der Mongolei.

Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der Grenze der Mongolei.

Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der Grenze der Mongolei.

Als wir wieder ins Freie traten, bemerkten wir eine Anzahl Reiter, die sich um das Automobil drängten, auf dem Ettore voll heiterer Seelenruhe seine Portion Milch trank. Alle männlichen Bewohner des Lagers schickten sich an, uns zu begleiten, und stiegen in den Sattel.

Wir fuhren rasch von dannen, umgeben von dem eigenartigen malerischen Reitertrupp, unter dem schnellen Hufschlag der Pferde auf dem harten Boden und einem langgedehnten, wilden Geschrei. Um uns herum bewegten sich Zipfel buntfarbiger Röcke; die langen Bänder, die die Mongolen um ihre spitzen Hüte winden, flatterten in der Luft; Roßmähnen und Roßschweife wogten auf und nieder. Aber unsere Gastfreunde hatten sich über die Möglichkeit, uns weit zu begleiten, geirrt. Vergebens trieben sie die Pferde durch Zuruf und Reitgerte an, vergebens jagten die Armenventre à terredahin. Schon nach einer Minute entfloh das Automobil seiner Eskorte, deren Geräusch sich in der Ferne verlor, und befand sich allein in der grasbedeckten Wüste.

Viele jener Männer waren Lamas, wie man an ihrem geschorenen Kopfe sehen konnte; andere Abzeichen ihrer priesterlichen Würde trugen sie nicht. Es gibt so viele Lamas in der Mongolei, daß sie die Mehrzahl der männlichen Bevölkerung ausmachen. Wenn ein Vater fünf Söhne hat, so bestimmt er drei zu künftigen Lamas. Es gibt Lamas, die Hirten, Karawanenführer, Pferdehändler sind; es ist eben notwendig, daß die Mönche in den Erwerbszweigen des Volkes tätig sind, wenn sie ein Volk werden. Die Mongolei ist ein unermeßliches Kloster. Im Lamaismus ist die alte Energie der Rasse erloschen; ein Volk von Kriegern ist zu einem Volke von Philosophen geworden.

Mehrere Stunden vergingen. Das Land veränderte sich allmählich. Die Steppe hörte auf und räumte den Platz weiten, fast unfruchtbaren Strecken, die mit einzelnstehenden fetten Gräsern bewachsen waren. Auch die Bodenbeschaffenheit wechselte; wir gelangten von kiesigem Grund auf sandigen, von sandigem Grund auf die Unebenheitenkurzer steiniger Strecken; dann wieder Steppe. Aber wir erblickten keine Herden, bemerkten keine rauchenden Jurten mehr. Der Boden glühte. Wir begegneten einer Karawane von Kamelen, die an seltsame zweirädrige Wagen gespannt waren. Eine andere Karawane trafen wir bei einem Brunnen an. Selten zeigte sich ein Reiter am Horizont.

Weiterhin trafen wir nur noch in der Nähe von Brunnen Spuren von Leben. Auf unermeßliche Entfernungen hin erkannte man das Vorhandensein eines Brunnens an einer ordnungslos durcheinander gemischten Gruppe von Kamelen und blauen, weiß verzierten Zelten.

Wenn man eine gute Karte der Mongolei betrachtet, so sieht man längs des Zuges der Karawanenstraße Namen und Punkte verstreut, und man gewinnt den Eindruck, als handle es sich um Dörfer und Ortschaften. Es handelt sich jedoch nur um Brunnen. Jeder Brunnen hat seinen Namen. Er ist nichts als ein kleines Erdloch, auf dessen Grund Wasser emporquillt, und doch hat er die Bedeutung einer Stadt: er ist das Leben, das Leben der Vorüberziehenden, das heißt das Leben des Handels, das Leben von Ländern, die Tausende von Kilometern von ihm entfernt liegen und aus diesem Handelsverkehr Nutzen ziehen; er ist das Leben ferner Völkerschaften, die sich von diesem Handel ernähren. Die Reichtümer Kalgans, die Reichtümer Kiachtas haben ihre Nahrung aus jenen Brunnen gesogen, die in den Einöden der mongolischen Ebene verlorenliegen.

Die Brunnen, die Halteplätze der Karawanen, sind 30–70 Kilometer voneinander entfernt. Im Winter lagert man des Nachts an ihnen, im Sommer des Tages. Die Kamele liegen mit ihren Lasten in Reihen. Vor der ersten und vor der letzten Last sind zwei Lanzen in den Boden eingerammt, mehr als traditionelles Zeichen denn zur Drohung. Die Männer schlagen ein Lager auf und die Tiere werden frei auf die Weide gelassen, wenn ein Weideplatz vorhanden ist.

Auch wir machten bei dem Brunnen halt, um Wasser für die Maschine zu schöpfen, unseren Durst zu löschen und uns Händeund Gesicht zu kühlen. Einige Minuten verweilten wir auch in der Mitte der Karawanentreiber, die uns mit einem an Bestürzung grenzenden Respekt betrachteten. Kein Zeichen von Feindseligkeit von seiten dieser wackeren Leute. Sie riefen ihre furchtbaren, starken, zottigen Wachhunde zurück und waren uns mitunter mit ihren aus einem Schlauche und einer Stange bestehenden Geräten beim Wasserschöpfen behilflich.

Wasser aus dem Wüstenbrunnen.Wasser aus dem Wüstenbrunnen.

Wasser aus dem Wüstenbrunnen.

Wasser aus dem Wüstenbrunnen.

Tränken des Automobils.Tränken des Automobils.

Tränken des Automobils.

Tränken des Automobils.

Mittags hätten wir glauben können, wir wären tatsächlich schon in der Wüste. Wir fuhren durch fast unfruchtbare Landstriche. Die Erde hatte eine rötliche Farbe und zeigte wellenförmige, mitunter jähe Erhebungen, die den Fürsten zu angestrengter Aufmerksamkeit zwangen, um auf den Bodenunebenheiten nicht zu stürzen, was die Maschinezertrümmert hätte. Jede Verminderung der Geschwindigkeit machte uns aber die Hitze stärker fühlbar. Wir waren müde, betäubt von der Sonnenglut und der blendenden Lichtfülle und begannen uns nach dem Schatten unseres abgenommenen Baldachins zurückzusehnen.

Beim Bewältigen einer niedrigen, aber steilen Anhöhe blieb das Automobil plötzlich stehen. Das Benzin im Behälter des Motors war aufgebraucht; er enthielt die für das Durchfahren von 200 Kilometern nötige Benzinmenge. Seit dem Morgen hatten wir also 200 Kilometer zurückgelegt, und waren noch nicht bis zur Telegraphenstation Pang-kiang gelangt, die nach unserer Berechnung etwas über 180 Kilometer von unserem letzten Lagerplatze entfernt war. Waren wir vielleicht an ihr vorübergefahren? Zuweilen hatten wir uns von der Telegraphenlinie entfernt, hatten nicht immer achtgegeben, und Pang-kiang konnte auch abseits von unserer Straße an irgendeiner Abzweigung der Drähte liegen.

Diese Probleme, die uns keineswegs heiter stimmten, beschäftigten uns, während Ettore durch sinnreiche Zusammenstellung von Hebern das Benzin aus den großen Reservebehältern umfüllte. Die Hitze war derart, daß wir die Benzindämpfe in weiten durchsichtigen Spirallinien entweichen sahen, durch die hindurch die Gegenstände in zitternden Umrissen erschienen. Als wir um das stillstehende Automobil herumgingen, bemerkten wir ein neues Unglück; es fehlte ein Teil des Gepäcks, der infolge einer Lockerung der festhaltenden Stricke ins Rutschen gekommen und heruntergefallen war.

Es fehlte gerade das persönliche Gepäck des Fürsten, das irgendwo verlorengegangen war.

Was war zu tun? Sollten wir zurückgehen, um das Gepäck und Pang-kiang zu suchen? Wir entschlossen uns im Gegenteil, unseren Weg fortzusetzen.

Wir trösteten uns damit, daß das Gepäck zweier Personen für drei ausreiche und daß, wenn wir an Pang-kiang vorübergefahren seien, wir diese Etappe auslassen und uns sofort in die Wüste wagenkönnten, da wir noch den unberührten Wasservorrat, Lebensmittel für fünf Tage und Benzin für 600 Kilometer hatten. Wir bestiegen also die Maschine wieder und fuhren weiter.

Das Gelände besserte sich; auf einer Strecke von vielen Kilometern bot es vortrefflichen Fahrgrund, der die größten Geschwindigkeiten gestattete. Es erschien wieder etwas graues, vereinzeltstehendes Gras, auf dem wir die von den Kamelen ausgetretenen Pfade wiederfanden. Die Karawanen ziehen nicht eine einzige Straße entlang; sie schlagen nur annähernd die gleiche Richtung ein und treten Hunderte parallellaufender Wege aus, die nach den auf der Steppe hinterlassenen Spuren zu urteilen, auf die Tätigkeit eines uralten riesigen Pfluges schließen lassen.

Ettore beim Umgießen des Benzins.Ettore beim Umgießen des Benzins.

Ettore beim Umgießen des Benzins.

Ettore beim Umgießen des Benzins.

Mit einem Male konnten wir in weiter, weiter Ferne einen dunkeln Punkt unterscheiden, der eine Hütte sein konnte. Der Punkt nahm die Gestalt eines Rechtecks an und wurde länger. Es war eine erdfarbene Mauer. Wir fuhren mit der Geschwindigkeit von 30 Kilometern und sahen bald ein Lehmdach hinter der Mauer hervorragen.Telegraphenstangen näherten sich diesem armseligen Gebäude, das viel niedriger war als sie.

Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.

Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.

Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.

„Pang-kiang! Pang-kiang!“ riefen wir mit einem Tone aus, den der Matrose des Kolumbus ausgestoßen haben muß, als er das berühmte „Land! Land!“ rief.

Augenscheinlich hatten wir uns bei der Berechnung der Entfernung mindestens um 50 Kilometer geirrt. Pang-kiang befand sich nicht auf unserer Karte, und wir hatten einen Induktionsschluß gezogen.

„Pang-kiang? Das da?“ fragte Ettore überrascht. „Ich glaubte, Pang-kiang sei eine Ortschaft.“

„Ach was! Es ist ein Brunnen. Ein Brunnen und ein Telegraph. Nichts weiter!“

Aber wir wollten auch nichts weiter.

Hätten wir vor unseren Augen den wundervollsten Palast der Welt auftauchen sehen, wir würden keine größere Genugtuung empfunden haben.

In der Wüste Gobi.

Der Telegraph in der Wüste. — Der „Contal“ trifft nicht ein. — Über einen Meeresgrund. — Die Wirkungen der Sonne. — Udde.

Am Brunnen von Pang-kiang wurden wir erwartet. Der kleine chinesische Telegraphenbeamte, dem diese Station anvertraut ist, kam uns aus seinem Gehöfte entgegen und empfing uns unter lebhaften Versicherungen seiner Freude.

Ich bedauere, mich nicht mehr des Namens dieses Helden zu entsinnen, der in der Wüste lebt, um dem Okzident und dem Orient die Möglichkeit zu verschaffen, sich miteinander zu verständigen. Kalgan, die nächste Stadt, ist beinahe 300 Kilometer, Urga 800 Kilometer entfernt. Was auch diesem Mann zustoßen mag, er kann nirgends Hilfe suchen. Die Unermeßlichkeit des Raumes ist gleichbedeutend mit einem Gefängnis. Um mit der Menschheit in Verbindung zu treten, muß dieser Mann eine Reise von acht Tagen von einem Brunnen zum andern antreten. Niemand vermag ihm beizustehen. Die Einsamkeit des in einer Festungszelle Eingekerkerten ist nicht so schrecklich: der Eingekerkerte hat das Bewußtsein, daß die Welt ringsum lebt; Echos dringen zu ihm, mit denen sich seine Gedanken beschäftigen können. Das Entsetzlichste in der Wüste aber ist die Stille.

Allerdings hat der kleine Chinese von Pang-kiang den Trost, sich an zweierlei ergötzen zu können: einem Kindchen und einem Telegraphenapparat. Die Liebe zu beiden ist es, die sein Leben ausfüllt. Das Kindchen ist seine Tochter, und der Apparat ist sein Freund. Stundenlang vertieft er sich in das Ticktack der Tasten und des Empfängers und vernimmt in ihm Stimmen aus fernen Welten: es spricht Petersburg, es spricht London, es spricht Tokio. Er übt das Amt des Vermittlers aus: durch seine Hand gehen Nachrichten, Befehle, geheimnisvolle diplomatische Mitteilungen, leidenschafterfüllte Worte. Ist die großartige Unterhaltung der Erdteile untereinander verstummt, so benutzt der Telegraphist die freie Linie und beginnt eine bescheidenere Unterhaltung. Die Telegraphenämter der Wüste tauschen Grüße untereinander aus, sprechen miteinander über die kleinen Tagesereignisse, über ihren Kummer, ihre Hoffnungen.

Solche Unterhaltungen vertreten für diese Einsiedler die Stelle der Zeitung.

Die Telegraphenstation von Pang-kiang ähnelt dem Hause eines chinesischen Landmanns: drei kleine, niedrige, aus gestampftem Lehm errichtete Gebäude, im Innern erhellt durch breite, eine ganze Wand einnehmende, mit Papier ausgefüllte Gitterfenster. Die Gebäude nehmen drei Seiten eines Quadrats ein und sind von einer hohen Mauer umgeben, die nur einen Ausgang nach Süden hat und von einer Bekrönung aus Telegraphenisolatoren überragt wird, einem seltsamen Ornamente, das an eine lange Reihe weißer Zähne in dem Kiefer eines Toten erinnert. An der nördlichen Seite der Mauer hat der Wind Sandmassen angehäuft. An stürmischen Tagen überflutet der Sand alles; er dringt durch die Fensterflügel, treibt in jedes Zimmer, der Himmel verfinstert sich, die Luft wird trübe, draußen kann man auf zwei Schritte Entfernung nichts erkennen, die Telegraphendrähte pfeifen und heulen, und die Dunkelheit ist derart, daß man Licht anzünden muß. Der letzte Sturm hatte vier Tage vor unserer Ankunft gewütet.

Außer dem Telegraphisten leben noch drei Männer in diesem Gehöfte: zwei Chinesen und ein Mongole, die mit den Arbeiten an der Linie betraut sind; sie haben die von den Stürmen zerrissenen Drähte auszubessern und die umgeworfenen Stangen wieder aufzurichten. Es stehen ihnen drei Kamele zur Verfügung, die in der Nähe weiden. Wir hatten diese drei Tiere bei unserer Ankunft gesehen; sie streckten uns ihre komischen, friedfertigen Schnauzen entgegen, die an ein faltenreiches, selbstzufriedenes, vorweltliches Tier gemahnten.

Das beste Zimmer war für uns hergerichtet. Auf den Kangs lagen Decken und Kissen von flammendem Rot, und auf einem Tische stand duftend und frisch — ein köstlicher Anblick — eine prächtige Ananas aus Singapore, die eben erst aus ihrer Büchse genommen worden war. Wir fielen zuerst über die Ananas her, dann warfen wir uns auf die Decken. Und auf diesem Triklinium ausgestreckt, schrieb ich in Reinschrift die Eindrücke des Tages auf Formulare der kaiserlich chinesischen Telegraphenverwaltung nieder.

Als unser Gastfreund in den Besitz meiner Depesche gelangt war, um sie zu befördern, setzte ich mich neben ihn. Er war ein wenig verlegen, zog chinesische Verordnungen zu Rate, sah Tabellen nach, zählte wiederholt die Worte des Telegramms und schrieb dann sorgfältig auf die obere Seite des Formulars „Nr. 1“.

„Ist dies das erste Telegramm am heutigen Tage?“ fragte ich ihn.

„Nein, Herr,“ antwortete er mir, „es ist das erste des Telegraphenamtes.“

„Was verstehen Sie darunter?“

„Ich meine, daß Ihr Telegramm das erste ist, das auf dem Telegraphenamte von Pang-kiang aufgegeben wird.“

„In diesem Jahre?“

„Nein, Herr, seit Bestehen des Amtes. Es sind jetzt sechs Jahre.“

„In sechs Jahren kein einziges Telegramm?“

„Kein einziges.“

„Und warum befindet sich denn da hier überhaupt ein Amt?“ fragte ich nach einer Pause erstaunt.

„Weil die Entfernungen zu groß und Zwischenstationen nötig sind.“

Die Unterhaltung wurde durch den Apparat unterbrochen; Kalgan antwortete auf den Anruf. Mein Telegramm begann abzugehen.

Kalgan empfing es, um es nach Peking weiterzugeben, Peking würde es nach Schanghai befördern, Schanghai nach Hongkong, Hongkong nach Singapore, Singapore nach Aden, Aden nach Malta, Malta nach Gibraltar, Gibraltar nach London!

Es würde acht bis zehn Stunden brauchen, um an dem Orte seiner Bestimmung einzutreffen. Aber die Zeit von Pang-kiang ist der von Mitteleuropa um fast acht Stunden voraus, so daß das Telegramm tatsächlich nur zwei Stunden nach seiner Aufgabe eintreffen wird. Es war 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, zwischen 6 und 7 abends würde mein Bericht auf den Redaktionen des „Daily Telegraph“ und des „Corriere della Sera“ einlaufen! Und am nächsten Morgen werden die englischen und italienischen Leser erfahren, was am Abend vorher Automobilen in der mongolischen Wüste begegnet ist. So groß erscheint der Sieg, den der menschliche Geist mit Hilfe von Drähten und Funken über Raum und Zeit davongetragen hat, daß in gewissen Augenblicken selbst die Seele eines Journalisten, die doch am meisten an die Wunder der Schnelligkeit gewöhnt ist, von einem Gefühl der Bewunderung und des Stolzes erfüllt wird.

Gegen 6 Uhr trafen die andern Wagen ein. Wir sahen sie von weitem kommen, als sie noch winzige Punkte in der grenzenlosen Einförmigkeit des Geländes waren, so fern, daß sie unbeweglich erschienen wie Schiffe am Horizont. Der „Spyker“ fuhr zuerst in das Gehöft ein, wo Ettore damit beschäftigt war, unser Automobil in Ordnung zu bringen, während ich mich hartnäckig bemühte, ein StückZiegenfleisch weich zu kochen, das härter war als ein Pneumatikreifen. Du Taillis sprang von seinem Sitze herab, hob einen grauen Sack empor und rief:

„Wem gehört dies?“

Es war das Gepäck Borgheses. Erst Pang-kiang und nun auch den Gepäcksack gefunden zu haben, war der Gipfel des Glückes. Und dabei gibt es Menschen, die in der Wüste umkommen!

„Ist es lange her, daß Sie es gefunden haben?“ fragte ich.

„O ja. Mehrere Stunden. Wir waren noch in der Steppenregion.“

„Lag es auf der Straße?“

„Keineswegs. Die Mongolen machten uns lebhafte Zeichen, als wir vorüberfuhren. Wir hielten. Und dann händigten sie es uns ein und gaben uns zu verstehen, Sie müßten es verloren haben.“

„Mongolen? Ehrliche Barbaren? Armselige Wilde, die sich den Luxus gestatten, wiederzugeben, was sie finden?“

„Und noch dazu, ohne irgendwelchen Finderlohn zu verlangen.“

„Aber wo, lieber Freund, sind denn in aller Welt die Steppenräuber geblieben, die die unumgängliche Pflicht hatten, uns anzufallen?“

„In Europa vermutlich.“

„So hatten wir denn ein Reiseabenteuer weniger! Es verlohnte sich wahrlich der Mühe, in diese abgelegene Wüste zu kommen, um zu erleben, daß man uns Milch anbietet und Gepäckstücke zurückgibt!“

„Oui, c’est triste!“

Vergebens warteten wir auf die Ankunft des Dreirades. Unsere Gefährten waren fest überzeugt, Pons sei umgekehrt. Ich telegraphierte unverzüglich in diesem Sinne. Wir hegten nicht die geringste Besorgnis um Pons und seinen Begleiter. Sie befanden sich noch in bewohnten Gegenden und würden leicht Gastfreundschaft und Hilfe finden.

Mehrere Stunden später erwies sich das Stück Ziegenfleisch als ebenso widerspenstig gegen das Zerkauen, wie es sich gegen das Kochengesträubt hatte. Der Telegraphist, der es uns geliefert hatte, war ganz trostlos. Wir trösteten ihn aber, indem wir ihm zeigten, daß ein Europäer, der Hunger hat, nicht einmal vor einem Stück Pergament zurückschreckt. Und dann streckten wir uns auf dem Kang aus.

In der Nacht drang das bleiche Licht des Mondes ins Zimmer; ich erwachte davon und stützte mich auf den Ellbogen. Hier erfuhr ich zum ersten Male in meinem Leben, was absolute Stille ist. Das, was wir Stille nennen, ist nur die Abwesenheit bestimmter Laute, bestimmter Töne, es ist nur das Schweigen menschlicher Geräusche. Während wir aber jenem Schweigen lauschen, hören wir, wenn wir auf dem Lande sind, die Bäume rauschen, die Halme flüstern, den Bach murmeln, die Grillen zirpen, in der Ferne einen Hund bellen; sind wir an der See, so hören wir das einem leichten Händeklatschen gleichende Anschlagen der ruhigen Welle an das Gestade, oder das Anbranden wilder Wogen an die Klippen. Hier aber vernahm ich gar nichts; nichts rührte sich, nichts lebte. Ich hatte den Eindruck einer unnennbaren mythenhaften überirdischen Leere, ich hatte die angstvolle Empfindung des Schwebens über den Abgründen des Raumes, ich stand unter dem Albdruck unendlicher Vereinsamung.

Als ich meinen Kopf auf das Kissen zurücklegte, hörte ich das Geräusch eines regelmäßigen, raschen, kräftigen, metallisch klingenden Schrittes.

Jäh erhob ich mich, um zu lauschen. Das Geräusch hatte sofort aufgehört.

„Pah!“ sagte ich zu mir, „es ist eine Wirkung des Ziegenfleisches. Das Stück liegt unverdaut im Magen.“

Ich streckte mich wieder aus. Und sofort begann der Schritt in der schwer lastenden, grauenerregenden Stille wieder vernehmbar zu werden. Vollkommen wach geworden durch den Wunsch, meine Gedanken zu konzentrieren, vermochte ich mich eines Lächelns nicht zu erwehren, als ich die Ursache dieses Geräusches entdeckte: um früh munter zu werden, hatte ich die Uhr unter das Kopfkissen gelegt.

Der Sonnenaufgang am Morgen des 19. Juni fand uns schon unterwegs. Wir überholten den „Spyker“, der kurz vor uns weggefahren war, und schlugen die Richtung nach Norden ein. Der neue Treffpunkt für den Abend war Udde, die nächste Telegraphenstation, in der Nähe eines andern Brunnens, nach unserer Berechnung ungefähr 250 Kilometer von Pang-kiang entfernt.


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