Die Hauptmännin.So sagt des Volkes Stimme mindestens,Und Meroe hat es eben mir vertraut.
Die Oberpriesterinn.Es ist entsetzlich!
Die Amazone. (kehrt wieder zurück)
Die erste Priesterinn.Nun? was bringst du? Rede!
Die Oberpriesterinn.Ist es bestellt? Sprachst du die Königinn?
Die Amazone.Es war zu spät, Hochheilige, vergieb.Ich konnte sie, die von dem Troß der FrauenUmschwärmt, bald hier, bald dort erschien, nicht treffen.Wohl aber Prothoe, auf einen Augenblick,Traf ich, und sagt' ihr, was dein Wille sei;Doch sie entgegnete—ein Wort, nicht weiß ich,Ob ich in der Verwirrung recht gehört.
Die Oberpriesterinn.Nun, welch ein Wort?
Die Amazone. Sie hielt, auf ihrem PferdeUnd sah, es schien, mit thränenvollen Augen,Der Königinn zu. Und als ich ihr gesagt,Wie du entrüstet, daß die SinnberaubteDen Kampf noch um ein einzeln Haupt verlängre,Sprach sie: geh hin zu deiner Priesterinn,Und heiße sie daniederknieen und beten,Daß ihr dies eine Haupt im Kampf noch falle;Sonst keine Rettung giebt's, für sie und uns.
Die Oberpriesterinn.O sie geht steil-bergab den Pfad zum Orkus!Und nicht dem Gegner, wenn sie auf ihn trifft,Dem Feind' in ihrem Busen wird sie sinken.Uns alle reißt sie in den Abgrund hin;Den Kiel seh' ich, der uns GefesselteNach Hellas trägt, geschmückt mit Bändern höhnendIm Geiste schon den Hellespont durchschäumen.
Die erste Priesterinn.Was gilt's? Dort naht die Unheilskunde schon.
Achter Auftritt.
Eine Oberste (tritt auf) die Vorigen.
Die Oberste.Flieh! Rette die Gefangnen, Priesterinn!Das ganze Heer der Griechen stürzt heran.
Die Oberpriesterinn.Ihr Götter des Olymps! Was ist geschehn?
Die erste Priesterinn.Wo ist die Königinn?
Die Oberste. Im Kampf gefallen,Das ganze Amazonenheer zerstreut.
Die Oberpriesterinn.Du Rasende! Was für ein Wort sprachst du?
Die erste Priesterinn. (zu den bewaffneten Amazonen)Bringt die Gefangenen fort!
(Die Gefangenen werden abgeführt.)
Die Oberpriesterinn. Sag an: wo? wann?
Die Oberste.Laß kurz das Ungeheuerste dir melden!Achill und sie, mit vorgelegten Lanzen,Begegnen beide sich, zween Donnerkeile,Die aus Gewölken in einander fahren;Die Lanzen, schwächer als die Brüste, splittern:Er, der Pelide, steht, Penthesilea,Sie sinkt, die Todumschattete, vom Pferd.Und da sie jetzt, der Rache preisgegeben,Im Staub sich vor ihm wälzt, denkt jeglicher,Zum Orkus völlig stürzen wird er sie;Doch bleich selbst steht der Unbegreifliche,Ein Todesschatten da, ihr Götter! ruft er,Was für ein Blick der Sterbenden traf mich!Vom Pferde schwingt er eilig sich herab;Und während, von Entsetzen noch gefesselt,Die Jungfraun stehn, des Wortes eingedenkDer Königinn, kein Schwerdt zu rühren wagen,Dreist der Erblaßten naht er sich, er beugtSich über sie, Penthesilea! ruft er,In seinen Armen hebt er sie empor,Und laut die That, die er vollbracht, verfluchend,Lockt er ins Leben jammernd sie zurück!
Die Oberpriesterinn.Er—was? Er selbst?
Die Oberste. Hinweg, Verhaßter! donnertDas ganze Heer ihm zu; dankt mit dem Tod' ihm,Ruft Prothoe, wenn er vom Platz nicht weicht:Den Treffendsten der Pfeile über ihn!Und mit des Pferdes Huftritt ihn verdrängend,Reißt sie die Königinn ihm aus dem Arm.Indeß erwacht die Unglückseelige,Man führt sie röchelnd, mit zerrißner BrustDas Haar verstöhrt vom Scheitel niederflatternd,Den hintern Reih'n zu, wo sie sich erholt;Doch er, der unbegriff'ne Doloper—Ein Gott hat, in der erzgekeilten Brust,Das Herz in Liebe plötzlich ihm geschmelzt—Er ruft: verweilet, meine Freundinnen!Achilles grüßt mit ew'gem Frieden euch!Und wirft das Schwerdt hinweg, das Schild hinweg,Die Rüstung reißt er von der Brust sich nieder,Und folgt—mit Keulen könnte man, mit Händen ihn,Wenn man ihn treffen dürfte, niederreißen—Der Kön'ginn unerschrocknen Schrittes nach:Als wüßt' er schon, der Rasende, Verwegne,Daß unserm Pfeil sein Leben heilig ist.
Die Oberpriesterinn.Und wer gab den wahnsinnigen Befehl?
Die Oberste.Die Königinn! Wer sonst?
Die Oberpriesterinn. Es ist entsetzlich!
Die erste Priesterinn.Seht, seht! Da wankt, geführt von Prothoe,Sie selbst, das Bild des Jammers, schon heran!
Die Zweite.Ihr ew'gen Himmelsgötter! Welch ein Anblick!
Neunter Auftritt.
Penthesilea (geführt von) Prothoe und Meroe.Gefolge (treten auf)
Penthesilea (mit schwacher Stimme)Hetzt alle Hund' auf ihn! Mit FeuerbrändenDie Elephanten peitschet auf ihn los!Mit Sichelwagen schmettert auf ihn ein,Und mähet seine üpp'gen Glieder nieder!
Prothoe.Geliebte! Wir beschwören dich—
Meroe. Hör' uns!
Prothoe.Er folgt dir auf dem Fuße, der Pelide;Wenn dir dein Leben irgend lieb, so flieh!
Penthesilea.Mir diesen Busen zu zerschmettern, Prothoe!—Ist's nicht, als ob ich eine Leier zürnendZertreten wollte, weil sie still für sich,Im Zug des Nachtwinds, meinen Namen flüstert?Dem Bären kauert' ich zu Füssen mich,Und streichelte das Pantherthier, das mirIn solcher Regung nahte, wie ich ihm.
Meroe.So willst du nicht entweichen?
Prothoe. Willst nicht fliehen?
Meroe.Willst dich nicht retten?
Prothoe. Was kein Name nennt,Auf diesem Platz hier soll es sich vollbringen?
Penthesilea.Ist's meine Schuld, daß ich im Feld der SchlachtUm sein Gefühl mich kämpfend muß bewerben?Was will ich denn, wenn ich das Schwerdt ihm zücke?Will ich ihn denn zum Orkus niederschleudern?Ich will ihn ja, ihr ew'gen Götter, nurAn diese Brust will ich ihn niederziehn!
Prothoe.Sie ras't—
Die Oberpriesterinn.Unglückliche!
Prothoe. Sie ist von Sinnen!
Die Oberpriesterinn.Sie denkt nichts, als den Einen nur.
Prothoe. Der SturzHat völlig ums Bewußtsein sie gebracht.
Penthesilea (mit erzwungener Fassung)Gut. Wie ihr wollt. Sei's drum. Ich will mich fassen.Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich's,Und thun mit Grazie, was die Noth erheischt.Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich,Weil sich ein flücht'ger Wunsch mir nicht gewährt,Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg.Das Glück, gesteh' ich, wär mir lieb gewesen;Doch fällt es mir aus Wolken nicht herab,Den Himmel drum erstürmen will ich nicht.Helft mir nur fort von hier, schafft mir ein Pferd,So will ich euch zurück zur Heimath führen.
Prothoe.Geseegnet sei, o Herrscherinn, dreimalEin Wort, so würdig königlich, als dies.Komm, alles steht zur Flucht bereit—
Penthesilea (da sie die Rosenkränze in der Kinder Händenerblickt, mit plötzlich aufflammendem Gesicht)Ha, sieh!Wer gab Befehl, die Rosen einzupflücken?
Das erste Mädchen.Das fragst du noch, Vergeßene? Wer sonst,Als nur—
Penthesilea. Als wer?
Die Oberpriesterinn.—Das Siegsfest sollte sich,Das heißersehnte, deiner Jungfraun feiern!War's nicht dein eigner Mund, der's so befahl?
Penthesilea.Verflucht mir diese schnöde Ungeduld!Verflucht, im blutumschäumten Mordgetümmel,Mir der Gedanke an die Orgien!Verflucht, im Busen keuscher Arestöchter,Begierden, die, wie losgelaßne Hunde,Mir der Drommete erzne Lunge bellend,Und aller Feldherrn Rufen, überschrei'n!Der Sieg, ist er erkämpft mir schon, daß mitDer Hölle Hohn schon der Triumph mir naht?—Mir aus den Augen!(sie zerhaut die Rosenkränze)
Das erste Mädchen. Herrscherinn! Was thust du?
Das Zweite. (die Rosen wieder aufsuchend)Der Frühling bringt dir rings, auf Meilenferne,Nichts für das Fest mehr—
Penthesilea. Daß der ganze FrühlingVerdorrte! Daß der Stern, auf dem wir athmen,Geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge!Daß ich den ganzen Kranz der Welten so,Wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte!—O Aphrodite!
Die Oberpriesterinn. Die Unseelige!
Die erste Priesterinn.Verloren ist sie!
Die Zweite. Den ErynnienZum Raub ist ihre Seele hingegeben!
Eine Priesterinn (auf dem Hügel)Der Peleïd', ihr Jungfrau'n, ich beschwör' euch,Im Schuß der Pfeile naht er schon heran!
Prothoe.So fleh' ich dich auf Knieen—rette dich!
Penthesilea. Ach, meine Seel' ist matt bis in den Tod! (sie setzt sich)
Prothoe.Entsetzliche! Was thust du?
Penthesilea. Flieht, wenn ihr wollt.
Prothoe.Du willst?—
Meroe. Du säumst—?
Prothoe. Du willst—?
Penthesilea. Ich will hier bleiben.
Prothoe.Wie, Rasende!
Penthesilea. Ihr hört's. Ich kann nicht stehen.Soll das Gebein mir brechen? Laßt mich sein.
Prothoe.Verlorenste der Frau'n! Und der Pelide,Er naht, du hörst, im Pfeilschuß—
Penthesilea. Laßt ihn kommen.Laßt ihn den Fuß gestählt, es ist mir recht,Auf diesen Nacken setzen. Wozu auch sollenZwei Wangen länger, blüh'nd wie diese, sichVom Korb, aus dem sie stammen, unterscheiden?Laßt ihn mit Pferden häuptlings heim mich schleifen,Und diesen Leib hier, frischen Lebens voll,Auf offnem Felde schmachvoll hingeworfen,Den Hunden mag er ihn zur Morgenspeise,Dem scheußlichen Geschlecht der Vögel, bieten.Staub lieber, als ein Weib sein, das nicht reizt.
Prothoe.O Königinn!
Penthesilea (indem sie sich den Halsschmuck abreißt)Weg ihr verdammten Flittern!
Prothoe.Ihr ew'gen Götter dort! Ist das die Fassung,Die mir dein Mund so eben angelobt?
Penthesilea.Vom Haupt, ihr auch—was nickt ihr? Seid verflucht mir,Hülflosere, als Pfeil und Wangen, noch!—Die Hand verwünsch' ich, die zur Schlacht mich heutGeschmückt, und das verrätherische Wort,Das mir gesagt, es sei zum Sieg, dazu.Wie sie mit Spiegeln mich, die Gleißnerinnen,Umstanden, rechts und links, der schlanken GliederIn Erz gepreßte Götterbildung preisend.—Die Pest in eure wilden Höllenkünste!
Griechen. (ausserhalb der Scene)Vorwärts, Pelide, vorwärts! Sei getrost!Nur wenig Schritte noch, so hast du sie.
Die Priesterinn. (auf dem Hügel)Diana! Königinn! Du bist verloren,Wenn du nicht weichst!
Prothoe. Mein Schwesterherz! Mein Leben!Du willst nicht fliehn? nicht gehn?
Penthesilea. (die Thränen stürzen ihr aus den Augen, sie lehnt sich an einen Baum)
Prothoe. plötzlich gerührt, indem sie sich neben ihrniedersetzt)Nun, wie du willst.Wenn du nicht kannst, nicht willst—sei's! Weine nicht.Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfrau'n,Geht; kehrt in eure Heimathsflur zurück:Die Königinn und ich, wir bleiben hier.
Die Oberpriesterinn.Wie, du Unseel'ge? Du bestärkst sie noch?
Meroe.Unmöglich wär's ihr, zu entfliehn?
Die Oberpriesterinn. Unmöglich,Da nichts von außen sie, kein Schicksal, hält,Nichts als ihr thörigt Herz—
Prothoe. Das ist ihr Schicksal!Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.Was in ihr walten mag, das weiß nur sie,Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Räthsel.Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie,Sie streift', ergriff es schon: die Hand versagt ihr,Nach einem andern noch sich auszustrecken.Komm, magst du's jetzt an meiner Brust vollenden.—Was fehlt dir? Warum weinst du?
Penthesilea. Schmerzen, Schmerzen—
Prothoe.Wo?
Penthesilea.Hier.
Prothoe.Kann ich dir Lindrung—?
Penthesilea. Nichts, nichts, nichts.
Prothoe.Nun, faße dich; in Kurzem ist's vollbracht.
Die Oberpriesterinn. (halblaut)Ihr Rasenden zusammt—!
Prothoe. (eben so) Schweig bitt' ich dich.
Penthesilea.Wenn ich zur Flucht mich noch—wenn ich es thäte:Wie, sag', wie faßt ich mich?
Prothoe. Du giengst nach Pharsos.Dort fändest du, denn dorthin wieß ich es,Dein ganzes Heer, das jetzt zerstreut, zusammen.Du ruhtest dich, du pflegtest deiner Wunden,Und mit des nächsten Tages Strahl, gefiehl's dir,Nähmst du den Krieg der Jungfrau'n wieder auf.
Penthesilea.Wenn es mir möglich wär—! Wenn ichs vermöchte—!Das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten,Hab' ich gethan—Unmögliches versucht—Mein Alles hab' ich an den Wurf gesetzt;Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:Begreifen muß ich's—und daß ich verlor.
Prothoe.Nicht, nicht, mein süßes Herz! Das glaube nicht.So niedrig schlägst du deine Kraft nicht an.So schlecht von jenem Preis nicht wirst du denken,Um den du spielst, als daß du wähnen solltest,Das, was er werth, sei schon für ihn geschehn.Ist diese Schnur von Perlen, weiß und roth,Die dir vom Nacken rollt, der ganze Reichthum,Den deine Seele aufzubieten hat?Wie viel, woran du gar nicht denkst, in Pharsos,Endlos für deinen Zweck noch ist zu thun!Doch freilich wohl—jetzt ist es fast zu spät.
Penthesilea. (nach einer unruhigen Bewegung)Wenn ich rasch wäre—Ach es macht mich rasend!—Wo steht die Sonne?
Prothoe. Dort, dir grad' im Scheitel,Noch eh' die Nacht sinkt, träfest du dort ein.Wir schlössen Bündniß, unbewußt den Griechen,Mit den Dardanischen, erreichten stillDie Bucht des Meer's, wo jener Schiffe liegen;Zur Nachtzeit, auf ein Merkmal, lodern sieIn Flammen auf, das Lager wird erstürmt,Das Heer, gedrängt zugleich von vorn und hinten,Zerrissen, aufgelöst, ins Land zerstreut,Verfolgt, gesucht, gegriffen und bekränzetJedwedes Haupt, das unsrer Lust gefiel.O seelig wär' ich, wenn ich dieß erlebte!Nicht ruh'n wollt' ich, an deiner Seite kämpfen,Der Tage Glut nicht scheuen, unermüdlich,Müßt' ich an allen Gliedern mich verzehren,Bis meiner lieben Schwester Wunsch erfüllt,Und der Pelid' ihr doch, nach so vielen Mühen,Besiegt zuletzt zu Füssen niedersank.
Penthesilea. (die während dessen unverwandt in dieSonne gesehen)Daß ich mit Flügeln weit gespreizt und rauschend,Die Luft zertheilte—!
Prothoe. Wie!
Meroe.—Was sagte sie?
Prothoe.Was siehst du, Fürstinn—?
Meroe. Worauf heftet sich—?
Prothoe.Geliebte, sprich!
Penthesilea. Zu hoch, ich weiß, zu hoch—Er spielt in ewig fernen FlammenkreisenMir um den sehnsuchtsvollen Busen hin.
Prothoe.Wer, meine beste Königinn?
Penthesilea. Gut, gut. —Wo geht der Weg? (sie sammelt sich und steht auf)
Meroe. So willst du dich entschließen?
Prothoe.So hebst du dich empor?—Nun, meine Fürstinn,So sei's auch wie ein Riese! Sinke nicht,Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich,Der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft!Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,Nicht aber wanke in dir selber mehr,So lang ein Athem Mörtel und Gestein,In dieser jungen Brust, zusammenhält.Komm. Gieb mir deine Hand.
Penthesilea. Geht's hier, geht's dort?
Prothoe.Du kannst den Felsen dort, der sichrer ist,Du kannst auch das bequemre Thal hier wählen.Wozu entschließen wirst du dich?
Penthesilea. Den Felsen!Da komm' ich ihm um soviel näher. Folgt mir.
Prothoe.Wem, meine Königinn?
Penthesilea. Euren Arm, ihr Lieben.
Prothoe.Sobald du jenen Hügel dort erstiegen,Bist du in Sicherheit.
Meroe. Komm fort.
Penthesilea. (indem sie plötzlich auf eine Brücke gekommen,stehen bleibt)Doch höre:Eins eh' ich weiche, bleibt mir übrig noch.
Prothoe.Dir übrig noch?
Meroe. Und was?
Prothoe. Unglückliche!
Penthesilea.Eins noch, ihr Freundinnen, und rasend wär' ich,Das müßt ihr selbst gestehn, wenn ich im ganzenGebiet der Möglichkeit mich nicht versuchte.
Prothoe. (Unwillig)Nun denn, so wollt' ich, daß wir gleich versunken!Denn Rettung giebt's nicht mehr.
Penthesilea. (erschrocken) Was ist? Was fehlt dir?Was hab' ich ihr gethan, ihr Jungfrau'n, sprecht!
Die Oberpriesterinn.Du denkst—?
Meroe. Du willst auf diesem Platze noch—?
Penthesilea.Nichts, nichts, gar nichts, was sie erzürnen sollte.Den Ida will ich auf den Ossa wälzen,Und auf die Spitze ruhig blos mich stellen.
Die Oberpriesterinn.Den Ida wälzen—?
Meroe. Wälzen auf den Ossa—?
Prothoe. (mit einer Wendung)Schützt, all' ihr Götter, sie!
Die Oberpriesterinn. Verlorene!
Meroe. (schüchtern)Dies Werk ist der Giganten, meine Königinn!
Penthesilea.Nun ja, nun ja: worinn denn weich' ich ihnen?
Meroe.Worin du ihnen—?
Prothoe. Himmel!
Die Oberpriesterinn. Doch gesetzt—?
Meroe.Gesetzt nun du vollbrächtest dieses Werk—?
Prothoe.Gesetzt was würdest du—?
Penthesilea. Blödsinnige!Bei seinen goldnen Flammenhaaren zög' ichZu mir hernieder ihn—
Prothoe. Wen?
Penthesilea. Helios,Wenn er am Scheitel mir vorüberfleucht!
Die Fürstinnen. (sehn sprachlos und mit Entsetzen einander an)
Die Oberpriesterinn.Reißt mit Gewalt sie fort!
Penthesilea. (schaut in den Fluß nieder)Ich, Rasende!Da liegt er mir zu Füssen ja! Nimm mich—(sie will in den Fluß sinken, Prothoe und Meroe halten sie)
Prothoe.Die Unglückselige!
Meroe. Da fällt sie leblos,Wie ein Gewand, in unsrer Hand zusammen.
Die Priesterinn. (auf dem Hügel)Achill erscheint, ihr Fürstinnen! Es kannDie ganze Schaar der Jungfrau'n ihn nicht halten!
Die Amazone.Ihr Götter! Rettet! Schützet vor dem FrechenDie Königinn der Jungfrau'n!
Die Oberpriesterinn (zu den Priesterinnen)Fort! Hinweg!Nicht im Gewühl des Kampfs ist unser Platz.
Die Oberpriesterinn mit den Priesterinnen und denRosenmädchen (ab.)
Zehnter Auftritt.
Eine Schaar von Amazonen (tritt mit Bogen in den Händen auf) Die Vorigen.
Die erste Amazone. (in die Scene rufend)Zurück, Verwegner!
Die Zweite. Er hört uns nicht.
Die Dritte.Ihr Fürstinnen, wenn wir nicht treffen dürfen,So hemmt sich sein wahnsinniger Fortschritt nicht!
Die Zweite.Was ist zu thun? Sprich, Prothoe!
Prothoe. (mit der Königinn beschäftigt)So sendetZehntausend Pfeile über ihn!—
Meroe. (zu dem Gefolge) Schafft Wasser!
Prothoe.Doch sorget, daß ihr ihn nicht tödtlich trefft!—
Meroe.Schafft einen Helm voll Wasser, sag' ich!
Eine Fürstinn. (aus dem Gefolge der Königinn) Hier! (sie schöpft und bringt)
Die dritte Amazone. (zur Prothoe)Sei ruhig! Fürchte nichts!
Die Erste. Hier ordnet euch!Die Wangen streift ihm, sengt die Locken ihm,Den Kuß des Todes flüchtig laßt ihn schmecken!
(sie bereiten ihre Bögen)
Eilfter Auftritt.
Achilles (ohne Helm, Rüstung und Waffen, im Gefolge) einigerGriechen. Die Vorigen.
Achilles.Nun? Wem auch gelten diese Pfeil', ihr Jungfrau'n?Doch diesem unbeschützten Busen nicht?Soll ich den seid'nen Latz noch niederreißen,Daß ihr das Herz mir harmlos schlagen seht?
Die erste Amazone.Herunter, wenn du willst, damit!
Die Zweite. Es braucht's nicht!
Die Dritte.Den Pfeil genau, wo er die Hand jetzt hält!
Die Erste.Daß er das Herz gespießt ihm, wie ein Blatt,Fort mit sich reiß' im Flug—
Mehrere. Schlagt! Trefft! (sie schießen über sein Haupt hin)
Achilles. Laßt, laßt!Mit euren Augen trefft ihr sicherer.Bei den Olympischen, ich scherze nicht,Ich fühle mich im Innersten getroffen,Und ein Entwaffneter, in jedem Sinne,Leg ich zu euren kleinen Füssen mich,
Die fünfte Amazone. (von einem Spieß hinter der Scene hervor getroffen) Ihr guten Götter! (sie sinkt)
Die Sechste. (eben so) Weh' mir! (sie sinkt)
Die Siebente. (eben so) Artemis! (sie sinkt)
Die Erste.Der Rasende!
Meroe. (mit der Königinn beschäfftigt)(zugleich)Die Unglückselige!
Die zweite Amazone.Entwaffnet nennt er sich.
Prothoe. (eben so)(zugleich)Entseelt ist sie.
Die dritte Amazone.Indessen uns die Seinen niederwerfen!
Meroe. (zugleich)Indessen rings umher die Jungfrau'n sinken!Was ist zu thun?
Die erste Amazone.Den Sichelwagen her!
Die Zweite.Die Doggen über ihn!
Die Dritte. Mit Steinen ihnHochher, vom Elephantenthurm begraben!
Eine Amazonenfürstinn. (die Königinn plötzlich verlassend) Wohlan, so will ich das Geschoß versuchen. (sie wirft den Bogen von der Schulter und spannt ihn)
Achilles. (bald zu dieser bald zu jener Amazone sich wendend)Ich kann's nicht glauben: süß, wie Silberklang,Straft eure Stimme eure Reden Lügen.Du mit den blauen Augen bist es nicht,Die mir die Doggen reißend schickt, noch du,Die mit der seidenweichen Locke prangt.Seht, wenn, auf euer übereiltes Wort,Jetz heulend die Entkoppelten mir nahten,So würft ihr noch, mit euern eignen Leibern,Euch zwischen sie und mich, dies Männerherz,Dieß euch in Lieb' erglühende, zu schirmen.
Die erste Amazone.Der Uebermüth'ge!
Die Zweite. Hört, wie er sich brüstet!
Die Erste.Er meint mit Schmeichelworten uns—
Die Dritte. (die Erste geheimnißvoll rufend)Oterpe!
Die Erste. (sich umwendend)Ha, sieh! Die Meisterinn des Bogens jetzt!—Still öffnet euren Kreis, ihr Frau'n!
Die Fünfte. Was giebt's?
Die Vierte.Frag' nicht! Du wirst es sehn.
Die Achte. Hier! Nimm den Pfeil!
Die Amazonenfürstinn. (indem sie den Pfeil auf denBogen legt)Die Schenkel will ich ihm zusammen heften.
Achilles. (zu einem Griechen, der neben ihm, schon denBogen angelegt hat)Triff sie!
Die Amazonenfürstinn. Ihr Himmlischen! (sie sinkt)
Die erste Amazone. Der Schreckliche!
Die Zweite.Getroffen sinkt sie selbst!
Die Dritte. Ihr ewigen Götter!Und dort naht uns ein neuer Griechenhaufen!
Zwölfter Auftritt.
Diomedes (mit den) Ätoliern (treten von der andern Seite auf Bald darauf auch) Ulysses (von der Seite Achills mit dem Heer)
Diomedes.Hier meine wackeren Ätolier,Heran!(er führt sie über die Brücke)
Prothoe. O, Artemis! Du Heilige! Rette! Jetzt ist's um uns geschehn! (sie trägt die Königinn, mit Hülfe einiger Amazonen wieder auf den Vorgrund der Scene)
Die Amazonen. (in Verwirrung)Wir sind gefangen!Wir sind umzingelt! Wir sind abgeschnitten!Fort! Rette sich, wer retten kann!
Diomedes. (zu Prothoe) Ergebt euch!
Meroe. (zu den flüchtigen Amazonen)Ihr Rasenden! Was thut ihr? Wollt ihr stehn?Prothoe! Sieh her!
Prothoe. (immer bei der Königinn)Hinweg! Verfolge sie,Und wenn du kannst, so mach' uns wieder frei.
(Die Amazonen zerstreuen sich. Meroe folgt ihnen)
Achilles.Auf jetzt, wo ragt sie mit dem Haupte?
Ein Grieche. Dort!
Achilles.Dem Diomed will ich zehn Kronen schenken.
Diomedes.Ergebt euch, sag' ich noch einmal!
Prothoe. Dem SiegerErgeb' ich sie, nicht dir! Was willst du auch?Der Peleïd' ist's, dem sie angehört!
Diomedes.So werft sie nieder!
Ein Ätolier. Auf!
Achilles. (den Ätolier zurückstoßend)Der weicht ein SchattenVom Platz, der mir die Königinn berührt!—Mein ist sie! Fort! Was habt ihr hier zu suchen—
Diomedes.So! Dein! Ei sieh, bei Zevs, des Donnrers, Locken,Aus welchen Gründen auch? Mit welchem Rechte?
Achilles.Aus einem Grund, der rechts, und einer links.—Gieb.
Prothoe.Hier. Von deiner Großmuth fürcht' ich nichts.
Achilles. (indem er die Königinn in seine Arme nimmt)Nichts, nichts.—(zu Diomedes)Du gehst und folgst und schlägst die Frauen,Ich bleib' auf einen Augenblick zurück.—Fort! Mir zu Lieb'. Erwiedre nichts. Dem HadesStünd' ich im Kampf um sie, vielmehr denn dir!(er legt sie an die Wurzel einer Eiche nieder)
Diomedes.Es sei! Folgt mir!
Ulysses. (mit dem Heer über die Bühne ziehend)Glück auf, Achill! Glück auf!Soll ich dir die Quadriga rasselnd schicken?
Achill. (über die Königinn geneigt)Es braucht's nicht. Laß noch sein.
Ulysses. Gut. Wie du willst.—Folgt mir! Eh' sich die Weiber wieder sammlen.
Ulysses und Diomedes mit dem Heer. (Von der Seite derAmazonen ab)
Dreizehnter Auftritt.
Penthesilea, Prothoe, Achilles, Gefolge von Griechen und Amazonen.
Achilles. (indem er der Königinn die Rüstung öffnet)Sie lebt nicht mehr.
Prothoe. O mögt' ihr Auge sichFür immer diesem öden Licht verschließen!Ich fürchte nur zu sehr, daß sie erwacht.
Achilles.Wo traf ich sie?
Prothoe. Sie raffte von dem Stoß sich,Der ihr die Brust zerriß, gewaltsam auf;Hier führten wir die Wankende heran,Und diesen Fels just wollten wir erklimmen.Doch sei's der Glieder, der verwundeten,Sei's der verletzten Seele Schmerz: sie konnte,Daß sie im Kampf gesunken dir, nicht tragen;Der Fuß versagte brechend ihr den Dienst,Und Irrgeschwätz von bleichen Lippen sendend,Fiel sie zum zweitenmal mir in den Arm.
Achilles.Sie zuckte—sahst du es?
Prothoe. Ihr Himmlischen!So hat sie noch den Kelch nicht ausgeleert?Seht, o die Jammervolle, seht—
Achilles. Sie athmet.
Prothoe.Pelide! Wenn du das Erbarmen kennst,Wenn ein Gefühl den Busen dir bewegt,Wenn du sie tödten nicht, in Wahnsinn völligDie Leichtgereizte nicht verstricken willst,So gönne eine Bitte mir.
Achilles. Sprich rasch!
Prothoe.Entferne dich! Tritt, du Vortrefflicher,Tritt aus dem Antlitz ihr, wenn sie erwacht.Entrück' ihr gleich die Schaar, die dich umsteht,Und laß, bevor die Sonne sich erneut,Fern auf der Berge Duft ihr niemand nahn,Der sie begrüßte, mit dem Todeswort:Du bist die Kriegsgefangene Achills.
Achilles.So haßt sie mich?
Prothoe. O frage nicht, Großherz'ger!—Wenn sie jetzt freudig an der Hoffnung HandIns Leben wiederkehrt, so sei der SiegerDas Erste nicht, das freudlos ihr begegnet.Wie manches regt sich in der Brust der Frauen,Das für das Licht des Tages nicht gemacht.Muß sie zuletzt, wie ihr Verhängniß will,Als die Gefangne schmerzlich dich begrüßen,So fordr' es früher nicht, beschwör ich dich!Als bis ihr Geist dazu gerüstet steht.
Achilles.Mein Will' ist, ihr zu thun, muß ich dir sagen,Wie ich dem stolzen Sohn des Priam that.
Prothoe.Wie, du Entsetzlicher!
Achilles.—Fürchtet sie dies?
Prothoe.Du willst das Namenlos' an ihr vollstrecken?Hier diesen jungen Leib, du Mensch voll Greuel,Geschmückt mit Reizen, wie ein Kind mit Blumen,Du willst ihn schändlich, einer Leiche gleich—?
Achilles.Sag' ihr, daß ich sie liebe.
Prothoe. Wie?—Was war das?
Achilles.Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.Ich will zu meiner Königinn sie machen.
Prothoe.Ihr ew'gen Götter, sag' das noch einmal.—Du willst?
Achilles. Kann ich nun bleiben?
Prothoe. O so laßMich deine Füsse küssen, Göttlicher!O jetzt, wärst du nicht hier, jetzt sucht' ich dich,Und müßt's an Herkuls Säulen sein, Pelide!—Doch sieh': sie schlägt die Augen auf—
Achilles. Sie regt sich—
Prothoe.Jetzt gilt's! Ihr Männer, fort von hier; und duRasch hinter diese Eiche berge dich!
Achilles.Fort, meine Freunde! Tretet ab.
Das Gefolge des Achills. (ab)
Prothoe. (zu Achill, der sich hinter die Eiche stellt)Noch tiefer!Und eher nicht, beschwör' ich dich, erscheine,Als bis mein Wort dich ruft. Versprichst du mir?Es läßt sich ihre Seele nicht berechnen.
Achilles.Es soll geschehn.
Prothoe. Nun denn, so merk' jetzt auf!
Vierzehnter Auftritt.
Penthesilea, Prothoe, Achilles. Gefolge von Amazonen.
Prothoe.Penthesilea! O du Träumerinn!In welchen fernen Glanzgefilden schweiftDein Geist umher, mit unruhvollem Flattern,Als ob sein eigner Sitz ihm nicht gefiele,Indeß das Glück, gleich einem jungen Fürsten,In deinen Busen einkehrt, und, verwundertDie liebliche Behausung leer zu finden,Sich wieder wendet und zum Himmel schonDie Schritte wieder flüchtig setzen will?Willst du den Gast nicht fesseln, O du Thörinn?—Komm hebe dich an meine Brust.
Penthesilea. Wo bin ich?
Prothoe.—Kennst du die Stimme deiner Schwester nicht?Führt jener Fels dich, dieser Brückenpfad,Die ganze blüh'nde Landschaft nicht zurück?—Sieh diese Jungfrau'n, welche dich umringen:Wie an den Pforten einer schön'ren Welt,Steh'n sie, und rufen dir: willkommen! zu.—Du seufzest. Was beängstigt dich?
Penthesilea. Ach Prothoe!Welch einen Traum entsetzensvoll träumt ich—Wie süß ist es, ich möchte Thränen weinen,Dies mattgequälte Herz, da ich erwache,An deinem Schwesterherzen schlagen fühlen——Mir war, als ob, im heftigen Getümmel,Mich des Peliden Lanze traf: umrasseltVon meiner erznen Rüstung, schmettr' ich nieder;Der Boden wiederhallte meinem Sturz.Und während das erschrockne Heer entweicht,Umstrickt an allen Gliedern lieg' ich noch,Da schwingt er sich vom Pferde schon herab,Mit Schritten des Triumphes naht er mir,Und er ergreift die Hingesunkene,In starken Armen hebt er mich empor,Und jeder Griff nach diesem Dolch versagt mir,Gefangen bin ich und mit HohngelächterZu seinen Zelten werd' ich abgeführt.
Prothoe.Nicht, meine beste Königinn! Der HohnIst seiner grosmuthsvollen Seele fremd.Wär' es, was dir im Traum erschien: glaub mir,Ein seel'ger Augenblick wär' dir beschieden,Und in den Staub vielleicht, dir huldigend,Sähst du den Sohn der Götter niederfallen.
Penthesilea.Fluch mir, wenn ich die Schmach erlebte, Freundinn!Fluch mir, empfieng' ich jemals einen Mann,Den mir das Schwerdt nicht würdig zugeführt.
Prothoe.Sei ruhig, meine Königinn.
Penthesilea. Wie! Ruhig—
Prothoe.Liegst du an meinem treuen Busen nicht?Welch ein Geschick auch über dich verhängt sei,Wir tragen es, wir beide: fasse dich.
Penthesilea.Ich war so ruhig, Prothoe, wie das Meer,Das in der Bucht des Felsen liegt; nicht einGefühl, das sich in Wellen mir erhob.Dies Wort: sei ruhig! jagt mich plötzlich jetzt,Wie Wind die offnen Weltgewässer, auf.Was ist es denn, das Ruh' hier nöthig macht?Ihr steht so seltsam um mich, so verstört—Und sendet Blicke, bei den ew'gen Göttern,In meinen Rücken hin, als stünd ein Unhold,Mit wildem Antlitz dräuend, hinter mir.—Du hörst's, es war ja nur ein Traum, es ist nichtWie! Oder ist es? Ist's? Wär's wirklich? Rede!——Wo ist denn Meroe? Megaris?(sie sieht sich um und erblickt den Achilles).Entsetzlich!Da steht der Fürchterliche hinter mir.Jetzt meine freie Hand—(sie zieht den Dolch)
Prothoe. Unglückliche!
Penthesilea.O die Nichtswürdige, sie wehret mir—
Prothoe.Achilles! Rette sie.
Penthesilea. O Rasende!Er soll den Fuß auf meinen Nacken setzen.
Prothoe.Den Fuß, Wahnsinnige—
Penthesilea. Hinweg, sag' ich!—
Prothoe.So sieh ihn doch nur an, Verlorene—!Steht er nicht ohne Waffen hinter dir?
Penthesilea.Wie? Was?
Prothoe. Nun ja! Bereit, wenn du's verlangst,Selbst deinem Fesselkranz sich darzubieten.
PenthesileaNein, sprich.
Prothoe. Achill! Sie glaubt mir nicht. Sprich du!
Penthesilea.Er wär' gefangen mir?
Prothoe. Wie sonst? Ist's nicht?
Achilles. (der währenddessen vorgetreten)In jedem schön'ren Sinn, erhabne Königinn!Gewillt mein ganzes Leben fürderhin,In deiner Blicke Fesseln zu verflattern.
Penthesilea. (drückt ihre Hände vor's Gesicht)
Prothoe.Nun denn, da hörtest du's aus seinem Mund.—Er sank, wie du, als ihr euch traft, in Staub;Und während du entseelt am Boden lagst,Ward er entwaffnet—nicht?
Achilles. Ich ward entwaffnet; Man führte mich zu deinen Füssen her. (er beugt ein Knie vor ihr)
Penthesilea. (nach einer kurzen Pause)Nun denn, so sei mir, frischer Lebensreiz,Du junger, rosenwang'ger Gott, gegrüßt!Hinweg jetzt, o mein Herz, mit diesem Blute,Das aufgehäuft, wie seiner Ankunft harrend,In beiden Kammern dieser Brüste liegt.Ihr Boten, ihr geflügelten, der Lust,Ihr Säfte meiner Jugend, macht euch auf.Durch meine Adern fleucht, ihr jauchzenden.Und laßt es einer rothen Fahne gleich,Von allen Reichen dieser Wangen wehn:Der junge Nereïdensohn ist mein!(sie steht auf)
Prothoe.O meine theu're Königinn, mäß'ge dich.
Penthesilea. (indem sie vorschreitet)Heran, ihr sieggekrönten Jungfrau'n jetzt,Ihr Töchter Mars, vom Wirbel bis zur SohleVom Staub der Schlacht noch überdeckt, heran,Mit dem Archiverjüngling jegliche,Den sie sich überwunden, an der Hand!Ihr Mädchen, naht euch, mit den Rosenkörben:Wo sind für soviel Scheitel Kränze mir;Hinaus mir über die Gefilde, sag' ich,Und mir die Rosen, die der Lenz verweigert,Mit eurem Athem aus der Flur gehaucht!An euer Amt, ihr Priest'rinnen der Diana:Daß eures Tempels Pforten rasselnd auf,Des glanzerfüllten, weihrauchduftenden,Mir, wie des Paradieses Thore, fliegen!Zuerst den Stier, den feisten, kurzgehörnten,Mir an den Altar hin; das Eisen stürz' ihn,Das blinkende, an heil'ger Stätte lautlos,Daß das Gebäu erschüttere, darnieder.Ihr Dien'rinnen, ihr rüstigen, des Tempels,Das Blut, wo seid ihr? rasch, ihr Emsigen,Mit Perserölen, von der Kohle zischend,Von des Getäfels Plan hinweggewaschen!Und all' ihr flatternden Gewänder, schürzt euch,Ihr goldenen Pockale, füllt euch an,Ihr Tuben, schmettert, donnert, ihr Posaunen,Der Jubel mache, der melodische,Den festen Bau des Firmamentes beben!—O Prothoe! Hilf jauchzen mir, frohlocken,Erfinde, Freundinn, Schwesterherz, erdenke,Wie ich ein Fest jetzt göttlicher, als derOlymp durchjubelte, verherrliche,Das Hochzeitsfest der krieggeworbnen Bräute,Der Inachiden und der Kinder Mars!O Meroe, wo bist du? Megaris?
Prothoe. (mit unterdrückter Rührung)Freud' ist und Schmerz dir, seh' ich, gleich verderblich,Und gleich zum Wahnsinn reißt dich beides hin.Du wähnst, wähnst dich in Themiscyra schon,Und wenn du so die Gränzen überschwärmst,Fühl' ich gereizt mich, dir das Wort zu nennen,Das dir den Fittig plötzlich wieder lähmt.Blick' um dich her, Betrogene, wo bist du?Wo ist das Volk? Wo sind die Priesterinnen?Asteria? Meroe? Megaris? Wo sind sie?
Penthesilea. (an ihrem Busen)O laß mich, Prothoe! O laß dies HerzZwei Augenblick' in diesem Strom der Lust,Wie ein besudelt Kind, sich untertauchen;Mit jedem Schlag in seine üpp'gen WellenWäscht sich ein Mackel mir vom Busen weg.Die Eumeniden fliehn, die schrecklichen,Es weht, wie Nahn der Götter um mich her,Ich möchte gleich in ihren Chor mich mischen,Zum Tode war ich nie so reif als jetzt.Doch jetzt vor Allem: du vergiebst mir doch?
Prothoe.O meine Herrscherinn!
Penthesilea. Ich weiß, ich weiß—Nun, meines Blutes beß're Hälft' ist dein.—Das Unglück, sagt man, läutert die Gemüther,Ich, du Geliebte, ich empfand es nicht;Erbittert hat es, Göttern mich und MenschenIn unbegriff'ner Leidenschaft empört.Wie seltsam war, auf jedem Antlitz, mir,Wo ich sie traf. der Freude Spur verhaßt;Das Kind, das in der Mutter Schooße spielte,Schien mir verschworen wider meinen Schmerz.Wie mögt' ich Alles jetzt, was mich umringt,Zufrieden gern und glücklich sehn! Ach, Freundinn!Der Mensch kann groß, ein Held, im Leiden sein.Doch göttlich ist er, wenn er selig ist!—Doch rasch zur Sache jetzt. Es soll das HeerZur Rückkehr schleunig jede Anstalt treffen;Sobald die Schaaren ruhten, Thier und Menschen,Bricht auch der Zug mit den Gefangenen,Nach unsern heimathlichen Fluren auf——Wo ist Lykaon?
Prothoe. Wer?
Penthesilea. (mit zärtlichem Unwillen)Wer, fragst du noch!Er, jener blühende Arkadierheld,Den dir das Schwerdt erwarb. Was hält ihn fern?
Prothoe. (verwirrt)Er weilt noch in den Wäldern, meine Königinn!Wo man die übrigen Gefangnen hält.Vergönne, daß er, dem Gesetz gemäß,Eh, nicht, als in der Heimath mir erscheine.
Penthesilea.Man ruf' ihn mir!—Er weilt noch in den Wäldern!—Zu meiner Prothoe Füssen ist sein Platz!—Ich bitte dich, Geliebte, ruf' ihn her,Du stehst mir, wie ein Maienfrost, zur Seite,Und hemmst der Freude junges Leben mir.
Prothoe. (für sich)Die Unglückseelige!—Wohlan so geht,Und thut, wie euch die Königinn befohlen.(sie winkt einer Amazone; diese geht ab)
Penthesilea.Wer schafft mir jetzt die Rosenmädchen her?(sie erblickt Rosen auf dem Boden)Sieh! Kelche finden, und wie duftende,Auf diesem Platz sich—!(sie fährt sich mit der Hand über die Stirne)Ach mein böser Traum!(zu Prothoe)War' denn der Diana Oberpriest'rinn hier?
Prothoe.Nicht, daß ich wüßte, meine Königinn—
Penthesilea.Wie kommen denn die Rosen her?
Prothoe. (rasch) Sieh da!Die Mädchen, die die Fluren plünderten,Sie ließen einen Korb voll hier zurück.Nun, diesen Zufall wahrlich nenn' ich günstig.Hier, diese duft'gen Blüthen raff' ich auf.Und winde den Pelidenkranz dir. Soll ich?(sie setzt sich an der Eiche nieder)
Penthesilea.Du Liebe! Treffliche! Wie du mich rührst.—Wohlan! Und diese HundertblättrigenIch dir zum Siegerkranz Lykaons. Komm.(sie rafft gleichfalls einige Rosen auf, und setzt sichneben Prothoe nieder)Musik, ihr Frau'n, Musik! Ich bin nicht ruhig.Laßt den Gesang erschallen! Macht mich still.
Eine Jungfrau. (aus ihrem Gefolge)Was wünschest du?
Eine Andere. Den Siegsgesang?
Penthesilea.—Die Hymne.
Die Jungfrau.Es sei.—O die Betrogene!—Singt! Spielt!
Chor der Jungfraun. (mit Musik)Ares entweicht!Seht, wie sein weißes GespannFernhin dampfend zum Orkus niedereilt!Die Eumeniden öffnen, die scheußlichen:Sie schließen die Thore wieder hinter ihm zu.
Eine Jungfrau.Hymen! Wo weilst du?Zünde die Fackel an, und leuchte! leuchte!Hymen! wo weilst du?
Chor.Ares entweicht! u. s. w.
Achilles. (nähert sich während des Gesanges derProthoe heimlich)Sprich! Wohin führt mich dies? Ich will es wissen!
Prothoe.Noch einen Augenblick, Großherziger,Fleh' ich dich um Geduld—du wirst es sehn.
(Wenn die Kränze gewunden sind, wechselt Penthesilea den ihrigen gegen den Kranz der Prothoe, sie umarmen sich und betrachten die Windungen. Die Musik schweigt)
Die Amazone. (kehrt zurück)
Penthesilea.Hast du's bestellt?
Die Amazone. Lykaon wird sogleich,Der junge Prinz Arkadiens, erscheinen.
Fünfzehnter Auftritt.
Penthesilea, Prothoe, Achilles, Amazonen.
Penthesilea.Komm jetzt, du süsser Nereïdensohn,Komm, lege dich zu Füssen mir—Ganz her!Nur dreist heran!—Du fürchtest mich doch nicht?—Verhaßt nicht, weil ich siegte, bin ich dir?Sprich! Fürchtest du, die dich in Staub gelegt?
Achilles. (zu ihren Füssen)Wie Blumen Sonnenschein.
Penthesilea. Gut, gut gesagt!So sieh mich auch wie deine Sonne an.Diana, meine Herrscherinn, er istVerletzt!
Achilles.Geritzt am Arm, du siehst, nichts weiter.
Penthesilea.Ich bitte dich, Pelide, glaube nicht,Daß ich jemals nach deinem Leben zielte.Zwar gern mit diesem Arm hier traf ich dich;Doch als du niedersankst, beneidete,Hier diese Brust den Staub, der dich empfieng.
Achilles.Wenn du mich liebst, so sprichst du nicht davon.Du siehst es heilt schon.
Penthesilea. So verzeihst du mir?
Achilles.Von ganzem Herzen.—
Penthesilea. Jetzt—kannst du mir sagen,Wie es die Liebe macht, der Flügelknabe,Wenn sie den störr'gen Leun in Fesseln schlägt?
Achilles.Sie streichelt, denk' ich, seine rauhen Wangen,So hält er still.
Penthesilea. Nun denn, so wirst du dichNicht mehr als eine junge Taube regen,Um deren Hals ein Mädchen Schlingen legt.Denn die Gefühle dieser Brust, o Jüngling,Wie Hände sind sie, und sie streicheln dich.(sie umschlingt ihn mit Kränzen)
Achilles.Wer bist du, wunderbares Weib?
Penthesilea. Gieb her.—Ich sagte still! Du wirst es schon erfahren.—Hier diese leichte Rosenwindung nurUm deine Scheitel, deinen Nacken hin—Zu deinen Armen, Händen, Füssen nieder—Und wieder auf zum Haupt—so ist's geschehn.—Was athmest du?
Achilles. Duft deiner süssen Lippen.
Penthesilea. (indem sie sich zurückbeugt)Es sind die Rosen, die Gerüche streun.—Nichts, nichts!
Achilles. Ich wollte sie am Stock versuchen.
Penthesilea.Sobald sie reif sind, Liebster, pflückst du sie.(sie setzt ihm noch einen Kranz auf die Scheitel undläßt ihn gehn)Jetzt ist's geschehn.—O sieh, ich bitte dich,Wie der zerfloßne Rosenglanz ihm steht!Wie sein gewitterdunkles Antlitz schimmert!Der junge Tag, wahrhaftig, liebste Freundinn,Wenn ihn die Horen von den Bergen führen,Demanten perlen unter seinen Tritten:Er sieht so weich und mild nicht drein, als er.Sprich! Dünkt's dich nicht, als ob sein Auge glänzte?Fürwahr! Man mögte, wenn er so erscheint, fast zweifeln,Daß er es sei.
Prothoe. Wer, meinst du?
Penthesilea. Der Pelide!—Sprich, wer den Größesten der PriamidenVor Trojas Mauern fällte, warst das du?Hast du ihm wirklich, du, mit diesen HändenDen flücht'gen Fuß durchkeilt, an deiner AxeIhn häuptlings um die Vaterstadt geschleift?Sprich! Rede! Was bewegt dich so? Wes fehlt dir?
Achilles.Ich bin's.
Penthesilea. (nachdem sie ihn scharf angesehen)Er sagt, er sei's.
Prothoe. Er ist es, Königinn;An diesem Schmuck hier kannst du ihn erkennen.
Penthesilea.Woher?
Prothoe.Es ist die Rüstung, sieh nur her,Die Thetis ihm, die hohe Göttermutter,Bei dem Hephäst, des Feuers Gott, erschmeichelt.
Penthesilea.Nun denn, so grüß ich dich mit diesem Kuß,Unbändigster der Menschen, mein! Ich bin's,Du junger Kriegsgott, der du angehörst;Wenn man im Volk dich fragt, so nennst du mich.
Achilles.O du, die eine Glanzerscheinung mir,Als hätte sich das Aetherreich eröffnet,Herabsteigst, Unbegreifliche, wer bist du?Wie nenn ich dich, wenn meine eigne SeeleSich, die entzückte, fragt, wem sie gehört?
Penthesilea.Wenn sie dich fragt, so nenne diese Züge,Das sei der Nam', in welchem du mich denkst.—Zwar diesen goldnen Ring hier schenk' ich dir,Mit jedem Merkmal, das dich sicher stellt;Und zeigst du ihn, so weis't man dich zu mir.Jedoch ein Ring vermiß't sich, Namen schwinden;Wenn dir der Nam' entschwänd, der Ring sich mißte:Fänd'st du mein Bild in dir wohl wieder aus?Kannst du's wohl mit geschloßnen Augen denken?
Achilles.Es steht so fest, wie Züg' in Diamanten.
Penthesilea.Ich bin die Königinn der Amazonen,Er nennt sich Marserzeugt, mein Völkerstamm,Otrere war die große Mutter mir,Und mich begrüßt das Volk: Penthesilea.
Achilles.Penthesilea.
Penthesilea. Ja. so sagt' ich dir.
Achilles.Mein Schwan singt noch im Tod': Penthesilea.
Penthesilea.Die Freiheit schenk' ich dir, du kannst den FußIm Heer der Jungfraun setzen, wie du willst.Denn eine andre Kette denk' ich noch,Wie Blumen leicht, und fester doch, als Erz,Die dich mir fest verknüpft, um's Herz zu schlagen.Doch bis sie zärtlich, Ring um Ring, geprägt,In der Gefühle Glut, und ausgeschmiedet,Der Zeit nicht, und dem Zufall, mehr zerstörbar,Kehrst du, weil es die Pflicht erheischt, mir wieder,Mir, junger Freund, versteh' mich, die für jedes,Sei's ein Bedürfniß, sei's ein Wunsch, dir sorgt.Willst du das thun, sag an?
Achilles. Wie junge RosseZum Duft der Krippe, die ihr Leben nährt.
Penthesilea.Gut. Ich verlaß' mich drauf. Wir treten jetztDie Reise gleich nach Themiscyra an;Mein ganzer Harras bis dahin ist dein.Man wird dir purpurne Gezelte bringen,Und auch an Sclaven nicht, dich zu bedienen,Wird's deinem königlichen Willen fehlen.Doch weil mich, auf dem Zuge, du begreifst,So manche Sorge fesselt, wirst du dichNoch zu den übrigen Gefangnen halten:In Themiscyra erst, Neridensohn,Kann ich mich ganz, aus voller Brust, dir weihn.
Achilles.Es soll geschehn.
Penthesilea. (zu Prothoe)Nun aber sage mir,Wo weilt auch dein Arkadier?
Prothoe. Meine Fürstinn—
Penthesilea.So gern von deiner Hand, geliebte Prothoe,Mögt' ich bekränzt ihn sehn.
Prothoe. Er wird schon kommen.—Der Kranz hier soll ihm nicht verloren gehn.
Penthesilea. (aufbrechend)Nun denn—mich rufen mancherlei Geschäfte,So laßt mich gehn.
Achilles. Wie?
Penthesilea. Laß mich aufstehn, Freund.
Achilles.Du fliehst? Du weichst? Du lässest mich zurück?Noch eh' du meiner sehnsuchtsvollen BrustSo vieler Wunder Aufschluß gabst, Geliebte?
Penthesilea.In Themiscyra, Freund.
Achilles. Hier, meine Königinn!
Penthesilea.In Themiscyra, Freund, in Themiscyra—Laß mich!
Prothoe. (sie zurückhaltend, unruhig)Wie? Meine Königinn! Wo willst du hin?
Penthesilea. (befremdet)Die Schaaren will ich mustern—sonderbar!Mt Meroe will ich sprechen, Megaris.Hab' ich, beim Styx, jetzt nichts zu thun, als plaudern?
Prothoe.Das Heer verfolgt die flücht'gen Griechen noch.Laß Meroe, die die Spitze führt, die Sorge;Du brauchst der Ruhe noch.—Sobald der FeindNur völlig über den Skamandros setzte,Wird dir das Heer hier siegreich vorgeführt.
Penthesilea. (erwägend)So!—Hier auf dieses Feld? Ist das gewiß?
Prothoe.Gewiß. Verlaß dich drauf—
Penthesilea. (Zum Achill) Nun so sei kurz.
Achilles.Was ist's, du wunderbares Weib, daß du,Athenä gleich, an eines Kriegsheers Spitze,Wie aus den Wolken nieder, unbeleidigt,In unsern Streit vor Troja plötzlich fällst?Was treibt, vom Kopf zu Fuß in Erz gerüstet,So unbegriffner Wuth voll, Furien ähnlich,Dich gegen das Geschlecht der Griechen an;Du, die sich bloß in ihrer Schöne ruhigZu zeigen brauchte, Liebliche, das ganzeGeschlecht der Männer dir im Staub zu sehn?
Penthesilea.Ach, Nereïdensohn—Sie ist mir nicht,Die Kunst vergönnt, die sanftere, der Frauen!Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter,Wenn zu wetteifernd frohen ÜbungenDie ganze Jugendpracht zusammenströmt,Darf ich mir den Geliebten ausersehn;Nicht mit dem Strauß, so oder so gestellt,Und dem verschämten Blick, ihn zu mir locken;Nicht in dem Nachtigall-durchschmettertenGranatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen,An seine Brust gesunken, daß er's sei.Im blut'gen Feld der Schlacht muß ich ihn suchen,Den Jüngling, den mein Herz sich auserkohr,Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen,Den diese weiche Brust empfangen soll.
Achilles.Und woher quillt, von wannen ein Gesetz,Unweiblich, du vergiebst mir, unnatürlich,Dem übrigen Geschlecht der Menschen fremd?
Penthesilea.Fern aus der Urne alles Heiligen,O Jüngling: von der Zeiten Gipfeln nieder,Den unbetretnen, die der Himmel ewigIn Wolkenduft geheimnisvoll verhüllt.Der ersten Mütter Wort entschied es also,Und dem verstummen wir, Neridensohn,Wie deiner ersten Väter Worten du.
Achilles.Sei deutlicher.
Penthesilea. Wohlan! So höre mich.—Wo jetzt das Volk der Amazonen herrschet,Da lebte sonst, den Göttern unterthan,Ein Stamm der Scythen, frei und kriegerisch,Jedwedem andern Volk der Erde gleich.Durch Reih'n schon nannt' er von JahrhundertenDen Kaukasus, den fruchtumblühten, sein:Als Vexoris, der Aethioper König,An seinem Fuß erschien, die Männer rasch,Die kampfverbundnen, vor sich niederwarf,Sich durch die Thäler goß, und Greis' und Knaben,Wo sein gezückter Stahl sie traf, erschlug:Das ganze Prachtgeschlecht der Welt gieng aus.Die Sieger bürgerten, barbarenartig,In unsre Hütten frech sich ein, ernährtenVon unsrer reichen Felder Früchten sich,Und voll der Schande Maas uns zuzumessen,Ertrotzten sie der Liebe Gruß sich noch:Sie rissen von den Gräbern ihrer MännerDie Fraun zu ihren schnöden Betten hin.
Achilles.Vernichtend war das Schicksal, Königinn,Das deinem Frauenstaat das Leben gab.
Penthesilea.Doch Alles schüttelt, was ihm unerträglich,Der Mensch von seinen Schultern sträubend ab;Den Druck nur mäß'ger Leiden duldet er.Durch ganze Nächte lagen, still und heimlich,Die Frau'n im Tempel Mars, und höhlten weinendDie Stufen mit Gebet um Rettung aus.Die Betten füllten, die entweihten, sichMit blankgeschliff'nen Dolchen an, gekeilt,Aus Schmuckgeräthen, bei des Heerdes Flamme,Aus Senkeln, Ringen, Spangen: nur die HochzeitWard, des Aethioper Königs VexorisMit Tanaïs, der Königinn, erharrt,Der Gäste Brust zusammt damit zu küssen.Und als das Hochzeitsfest erschienen war,Stieß ihm die Kön'ginn ihren in das Herz;Mars, an des Schnöden Statt, vollzog die Ehe,Und das gesammte Mordgeschlecht, mit Dolchen,In einer Nacht, ward es zu Tod gekitzelt.
Achilles.Solch' eine That der Weiber läßt sich denken.
Penthesilea.Und dies jetzt ward im Rath des Volks beschlossen:Frei, wie der Wind auf offnem Blachfeld, sindDie Frau'n, die solche Heldenthat vollbracht,Und dem Geschlecht der Männer nicht mehr dienstbar.Ein Staat, ein mündiger, sei aufgestellt,Ein Frauenstaat, den fürder keine andreHerrschsücht'ge Männerstimme mehr durchtrotzt,Der das Gesetz sich würdig selber gebe,Sich selbst gehorche, selber auch beschütze:Und Tanaïs sei seine Königinn.Der Mann, deß' Auge diesen Staat erschaut,Der soll das Auge gleich auf ewig schließen;Und wo ein Knabe noch gebohren wird,Von der Tyrannen Kuß, da folg' er gleichZum Orkus noch den wilden Vätern nach.Der Tempel Ares füllte sich sogleichGedrängt mit Volk, die große TanaïsZu solcher Satzung Schirmerinn zu krönen.Gerad' als sie, im festlichsten Moment,Die Altarstuf' erstieg, um dort den Bogen,Den großen, goldenen, des Scythenreichs,Den sonst die Könige geführt, zu greifen,Von der geschmückten Oberpriesterinn Hand,Ließ eine Stimme also sich vernehmen:"Den Spott der Männer werd' er reizen nur,Ein Staat, wie der, und gleich dem ersten AnfallDes kriegerischen Nachbarvolks erliegen:Weil doch die Kraft des Bogens nimmermehr,Von schwachen Frau'n beengt durch volle Brüste,Leicht, wie von Männern, sich regieren würde."Die Königinn stand einen Augenblick,Und harrte still auf solcher Rede Glück;Doch als die feige Regung um sich griff,Riß sie die rechte Brust sich ab, und taufte:Die Fraun, die den Bogen spannen würden,Und fiel zusammen, eh' sie noch vollendet:Die Amazonen oder Busenlosen!Hierauf ward ihr die Krone aufgesetzt.
Achilles.Nun denn, beim Zeus, die brauchte keine Brüste!Die hätt' ein Männervolk beherrschen können,Und meine ganze Seele beugt sich ihr.
Penthesilea.Still auch auf diese That ward's, Peleïde,Nichts als der Bogen ließ sich schwirrend hören,Der aus den Händen, leichenbleich und starr,Der Oberpriesterinn daniederfiel.Er stürzt', der große, goldene, des Reichs,Und klirrte von der Marmorstufe dreimal,Mit dem Gedrön der Glocken, auf, und legte,Stumm wie der Tod, zu ihren Füssen sich.—
Achilles.Man folgt ihr, hoff' ich doch, im Staat der Frauen,In diesem Beispiel nicht?
Penthesilea. Nicht—allerdings!Man gieng so lebhaft nicht zu Werk als sie.
Achilles. (mit Erstaunen)Wie! Also doch—? Unmöglich!
Penthesilea. Was sagst du?
Achilles.—Die ungeheure Sage wäre wahr?Und alle diese blühenden Gestalten,Die dich umstehn, die Zierden des Geschlechts,Vollständig, einem Altar gleich, jedwedeGeschmückt, in Liebe davor hinzuknien,Sie sind beraubt, unmenschlich, frevelhaft—?
Penthesilea.Hast du das nicht gewußt?
Achilles. (indem er sein Gesicht an ihre Brust drückt)O Königinn!Der Sitz der jungen, lieblichen Gefühle,Um eines Wahns, barbarisch—
Penthesilea. Sei ganz ruhig.Sie retteten in diese Linke sich,Wo sie dem Herzen um so näher wohnen.Du wirst mir, hoff' ich, deren keins vermissen.—
Achilles.Fürwahr! Ein Traum, geträumt in Morgenstunden,Scheint mir wahrhaft'ger, als der Augenblick.—Doch weiter.
Penthesilea. Wie?
Achilles. Du bist den Schluß noch schuldig.Denn dieser überstolze Frauenstaat,Der ohn' der Männer Hülf' entstand, wie pflanzt erDoch ohne Hülfe sich der Männer fort?Wirft euch Deukalion, von Zeit zu Zeit,Noch seiner Schollen Eine häuptlings zu?
Penthesilea.So oft nach jährlichen Berechnungen,Die Königinn dem Staat ersetzen will,Was ihr der Tod entrafft, ruft sie die blühendstenDer Frauen—(stockt und sieht ihn an)Warum lächelst du?